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Nach einem ersten Schuss in aufrecht stehender Körperposition ist Herr Kılıç offenbar im Fallen oder Liegen erneut von einem Schuss getroffen worden. Wir haben Hirngewebe an der Kasse gefunden. Der Gesichtsdurchschuss wäre medizinisch beherrschbar gewesen. Der Gehirnschädeldurchschuss ist medizinisch nicht beherrschbar. Auch wenn hier ein neurochirurgisches Operationsteam danebengestanden hätte, wäre diese Verletzung nicht überlebbar gewesen.
(Der Zeuge Peschel verlässt den Gerichtssaal, nächste Zeugin ist Anna S..)
Götzl Erzählen Sie uns vom 29. August 2001, was wissen Sie denn noch?
Anna S. Was ich noch weiß? Ich kann nur sagen, dass an dem Tag, es war Vormittag, ich wollte eigentlich lüften, und dann sehe ich, dass unter meinem Fenster zwei junge Männer mit schwarzen Rädern stehen. Ich wollte eigentlich schimpfen, weil man die Räder da nicht hinstellt. Aber ich hab dann die Vorhänge zugemacht und bin zurück in meine Wohnung. (Lacht verlegen.) Und jetzt wollen Sie wissen, wie die ausgeschaut haben, gell? (Lacht.)
Götzl Ja …
(Gelächter im Saal.)
Anna S. Junge Männer zwischen 22 und 26 Jahren, dunkle, kurze Haare. Sie haben ein Radldress angehabt, Mützen und Radlerhandschuhe. Und einer hat, glaube ich, einen Rucksack gehabt. Die Bilder, die da später immer gezeigt wurden: Ich kann mich nicht erinnern, dass die so ausgeschaut haben. Vor allem die Ohren an dem Kleineren, die sind mir nicht aufgefallen. Ich bin gelernte Schneiderin, und die sieht so was, wo’s passt und wo’s nicht passt.
Götzl Wie sahen die Mützen aus, die die jungen Männer trugen?
Anna S. Das waren runde schwarze Kappen.
Götzl Können Sie etwas zu den Fahrrädern sagen?
Anna S. Das waren schwarze Räder, mit dünnen Reifen.
Götzl Wie haben sich die beiden Männer verhalten?
Anna S. Recht ruhig. Sie haben keinen nervösen Eindruck auf mich gemacht.
Götzl Jetzt haben Sie gesagt, Sie wollten eigentlich schimpfen? Warum haben Sie es dann nicht gemacht?
Anna S. (Lacht.) Ich weiß auch nicht. Vielleicht weil sie sich unterhalten haben, da platzt man nicht dazwischen.
Götzl Ist Ihnen was zu sonstigen Merkmalen in Erinnerung geblieben?
Anna S. Sie waren unterschiedlich groß. Und ich hatte eher den Eindruck, dass es Osteuropäer waren.
Götzl Es waren ja Bilder in den Medien. Haben Sie die beiden wiedererkannt?
Anna S. Das waren die nicht. Unmöglich.
Götzl Haben Sie denn die Gesichter der Männer gesehen?
Anna S. Schon. Nicht die Augen. Auf mich hat es den Eindruck gemacht, dass die sehr gepflegt waren, und rasiert, normal eigentlich.
Götzl Aber in der Vernehmung am 29.8.2001 haben Sie gesagt: Die Gesichter der Männer sah ich nicht.
Anna S. Die Gesichtshaut schon. Ich hab nicht die Augenfarbe gesehen und nicht die Lippen.
Götzl Kannten Sie eigentlich Herrn Kılıç?
Anna S. Ja, ich hab dort eingekauft.
Götzl Sind Sie sich da sicher?
Anna S. Ja.
Götzl Ich frage nur wegen einer Protokollierung Ihrer früheren Aussage nach. Da heißt es: Den Herrn Kılıç kannte ich nicht näher, weil ich da nie einkaufe.
Anna S. Ich kannte ihn vom Sehen, nicht näher.
Anwalt Narin Haben Sie auch bei dem Größeren der beiden auf die Ohren geachtet?
Anna S. Nein, aber es hat mich irritiert, als ich die Bilder der Täter jetzt gesehen habe. Diese Ohren, das wäre mir hundertprozentig aufgefallen.
Anwalt Narin Warum haben Sie die beiden für Osteuropäer gehalten?
Anna S. Die Hautfarbe ist etwas dunkler gewesen. Ich hab früher viel mit Menschen zu tun gehabt, die nicht aus Deutschland kommen, ich war Objektleiterin in der Gebäudereinigung. Ich hatte nicht das Gefühl, dass das unser Schlag war. Das ist mein Eindruck gewesen, und da gehe ich auch nicht weg.
Anwalt Scharmer Aber 2005 haben Sie in einer Vernehmung gesagt: Die beiden, die ich gesehen habe, sahen eher westeuropäisch aus.
Anna S. Nein, wenn ich den Eindruck habe, die sahen osteuropäisch aus, dann sag ich doch nicht westeuropäisch.
Tag 31
1. August 2013
Manfred Götzl, Richter. Albert V., 51, Kriminalhauptkommissar aus Nürnberg. Er ermittelte in den Fällen des Blumenhändlers Enver Şimşek und des Schneiders Abdurrahim Özüdoğru, die beide in Nürnberg ermordet wurden. Albert V. sagte auch am Tag 140 aus.
Albert V. Das Mordopfer Enver Şimşekwar 38 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, 13 und 14 Jahre alt, wohnhaft in Schlüchtern. Herr Şimşek hatte einen Blumengroßhandel, betrieb ein Ladengeschäft und drei mobile Stände. Er hatte einen Verkäufer angestellt, der am 9.11.2000 im Urlaub war. Deswegen war Herr Şimşek an diesem Tag das dritte Wochenende in Folge selbst an dem Blumenstand. Seinen Großhandel führte er seit 1996. Einmal in der Woche fuhr er nach Holland, um Schnittblumen zu ersteigern. Herr Şimşek war als arbeitslos gemeldet, der Großhandel lief auf dem Namen seiner Frau. Er hatte aber die Genehmigung, mehrere Stunden im Geschäft seiner Frau zu arbeiten. Nach meiner Kenntnis ist Herr Şimşek 1985 mit seiner Ehefrau nach Deutschland gekommen, anfangs wohnhaft in Fulda. 1995/1996 sind sie nach Schlüchtern gezogen und haben dort den Blumengroßhandel aufgebaut. Schon damals hat er bemerkenswert gut verdient. 1995/1996 hat er sein Vermögen umgewandelt und es dann bei verschiedenen türkischen Holdings angelegt.
Götzl Wie ist er denn von seiner Persönlichkeit beschrieben worden?
Albert V. Er ist von mehreren Zeugen als sehr zielstrebig und arbeitsam beschrieben worden und auch als sehr durchsetzungsfähig. Er war sehr beliebt in der islamischen Gemeinde und als Familienvater sehr liebevoll.
Götzl Ist denn das Handy des Opfers ausgewertet worden? Es geht mir auch um den Tatzeitpunkt.
Albert V. Es war eine Stummschaltung eingestellt. Die Auswertung ergab, dass es um 12.18 Uhr und 12.40 Uhr jeweils ein eingehendes Gespräch gab. Wir sind davon ausgegangen, dass er die beiden Gespräche auch noch selbst geführt hat. Denn der Tatzeitraum wurde zwischen 12.45 Uhr bis 14.45 Uhr angenommen; um 12.45 Uhr hatte ein Zeuge Şimşek noch gesehen.
Götzl Was haben denn die spurentechnischen Untersuchungen des Transporters ergeben?
Albert V. Der Sprinter ist sehr intensiv untersucht worden. Aber letztlich blieben keine Spuren übrig, die einem Täter zuzuordnen waren.
Götzl Was können Sie noch zur Auswertung der Verbindungsdaten sagen?
Albert V. Wir haben beim Handy des Geschädigten Daten angefordert und bekommen. Wer die letzten beiden Anrufer waren, konnte die Telefongesellschaft nicht sagen, weil die Anrufe aus dem Ausland oder von einem ausländischen Handy kamen. Alle Kontakte, die wir feststellen konnten, kamen aus seinem Umfeld.
Götzl Welche Ermittlungen zur Person wurden da jetzt angestellt? Was waren da im Einzelnen die Quellen gewesen?
Albert V. Wir haben in seinem persönlichen Umfeld ermittelt. Am Tatort gab es ja einige Widersprüche in der Wahrnehmung der Zeugen. Eine Zeugin sagte aus, dass sie in einem Waldstück, etwa 900 Meter vom Tatort entfernt, ein Streitgespräch beobachtet habe, zwischen zwei Männern. Einer der Männer war zu 100 Prozent der Blumenhändler Enver Şimşek, behauptete die Frau. Und sie sah Autos der Streithähne mit rumänischem Kennzeichen. Es gab sehr viele solcher Wahrnehmungen, aber sie waren nicht einheitsgleich. Wir haben umfangreiche Ermittlungen geführt in verschiedenen Bereichen. Der erste Schwerpunkt führte zu einem Konkurrenten, der auch einen Großhandel hatte. Es wurde bekannt, dass sie sich gegenseitig bekämpft hatten. Wir hatten eine verdeckte Info, der Konkurrent habe Şimşek mit einem Auftragskiller umbringen wollen. Und ein Zeuge hatte Şimşek erkannt: Er habe 1997 Streckmittel für Drogen von Holland nach Frankfurt gebracht. Letztendlich muss man aber sagen, dass das so nicht stimmen kann. Auch die Ermittlungen nach Rumänien haben zu keinem Ergebnis geführt.
Götzl Kommen wir bitte dann auch zu den Ermittlungsergebnissen zu dem Geschädigten Özüdoğru. Können Sie uns da auch die Ergebnisse darstellen?
Albert V. Abdurrahim Özüdoğru war 48 Jahre alt, 1980 ist er nach Deutschland gekommen. 1982 wurde seine Tochter geboren. 1998 wurde er von seiner Frau geschieden. Er hat eine Änderungsschneiderei betrieben. Wir haben allerdings festgestellt, dass hier nahezu kein Umsatz im Geschäft vorhanden war.
Was die Tat angeht: Die Zeugin P. sagte aus, sie habe am 13. Juni 2001 gegen 16.30 Uhr Schüsse und ein Fahrzeug wahrgenommen; angeblich einen Opel Omega, in den ein Mann eingestiegen sei. Sie konnte den Mann beschreiben, ein Phantombild wurde angefertigt. Die Zeugin sagte, sie habe den Mann schon zwei Tage zuvor gesehen, mit Opel und Anhänger. Es habe einen Streit zwischen den beiden Männern gegeben. Das war natürlich ein Ermittlungsansatz für uns, weshalb wir umfangreiche Ermittlungen angestellt haben. Die Frau hat gesagt, der Opel habe ein schwarzes Kennzeichen mit weißen Buchstaben gehabt. Wir konnten das Fahrzeug aber nicht ermitteln.
Auffällig war damals auch eine Telefonnummer aus England. Hier wurde festgestellt, dass diese Nummer in einem englischen Rauschgiftverfahren vorkam. Letztendlich kamen wir aber zu dem Ergebnis, dass es sich bei der Telefonnummer um die eines Bekannten der Ehefrau handelte – und der belanglos war. Im Weiteren wurde eine Telefonnummer aus den Niederlanden gefunden. Auch dieser Mann wurde überprüft, auch das hat keine Erkenntnisse gebracht.
Wir haben die These überprüft, Özüdoğru könnte an einem Rauschgifthandel beteiligt gewesen sein. Wir haben daraufhin von drei Hartschalenkoffern, die wir in der Wohnung des Opfers fanden, Staub abgesaugt. Hier wurde festgestellt, dass es sich um Restspuren von Betäubungsmitteln handelte. Solche Spuren fanden sich auch auf der Sitzfläche des Beifahrersitzes seines Pkw. Es waren aber feinste Spuren, theoretisch könnten es auch Übertragungsspuren gewesen sein. Letztendlich muss man feststellen, dass auch hier keine Spuren übrig blieben, die einem Täter zugeordnet werden konnten.
Götzl Haben denn die Ermittlungen einen Bezug zwischen Herrn Şimşek und Herrn Özüdoğru ergeben, abgesehen von der Tatwaffe, die in beiden Fällen gleich war?
Albert V. Nein, ansonsten haben wir keine direkte Verbindung festgestellt.
Tag 32
6. August 2013
Manfred Götzl, Richter. Rudolf Wegener, 70, emeritierter Professor, ehemaliger Leiter der Rechtsmedizin in Rostock. Er obduzierte die Leiche von Mehmet Turgut, der am 25. Februar 2004 an einem Dönerstand in Rostock erschossen wurde. Sindy J., 35, Polizistin aus Nürnberg, die am 9. Juni 2005 zum Tatort in der Scharrerstraße gerufen wurde, wo İsmail Yaşar ermordet worden war. Hardy Langer, Anwalt der Nebenklage.
Götzl Dann darf ich Sie zum letzten Sitzungstag im August begrüßen. Herr Wegener, es geht uns um die Obduktion des Herrn Turgut. Ich würde Sie bitten, dass Sie uns die Ergebnisse vorstellen.
Wegener Wir haben drei Schussverletzungen in Kopf, Hals und Nackenbereich nachgewiesen. Ich beginne mit den Kopf-Schädelverletzungen. Hinter dem Ohrmuschelansatz konnten wir einen Gewebedefekt mit Substanzverlust feststellen. Die darunter befindliche Schädeldecke wurde im Sinne eines Lochbruches zerstört. Es stellte sich dann nach Durchsetzung der Hirnhäute eine Zerstörung des Hirngewebes dar. Auch das linke Schläfenbein war zerstört. In der Schädelinnenseite fand sich ein leicht deformiertes Projektil.
Der zweite Schuss begann an der rechten Halsseite. Es sind die Halsweichteile kanalartig durchsetzt worden. Wir konnten massive Bluteinatmungsherde in den Lungen feststellen. Aus dem Mund trat bei den gegebenen Halsverletzungen blutig durchsetzter Schaum.
Ich fasse zusammen: Es waren drei Schüsse, alle von rechts nach links, ohne Anhaltspunkte für sogenannte Nahschusszeichen. Unter Kenntnis der Waffe kann man davon ausgehen, dass die Schüsse aus einer Distanz von größer als 50 Zentimeter abgegeben worden sind.
Der Verstorbene war gesund. Es spricht nichts für suizidale Schussbeibringung. Welcher Schuss als Erstes gesetzt wurde, ist unklar. Fest steht: Der Kopfschuss war absolut tödlich.
Anwalt Langer In welcher Position befand sich das Opfer?
Wegener Da kann ich nur spekulieren. Wenn der erste Schuss der Kopfschuss war, dann könnten der zweite und dritte Schuss auf das liegende Opfer abgegeben worden sein. Aber das ist eine Spekulation.
(Nächste Zeugin ist die Polizistin Sindy J. aus Nürnberg. Es geht um den Mord an İsmail Yaşar, der am 9. Juni 2005 an seinem Dönerstand erschossen wurde.)
Götzl Können Sie sich an den Einsatz in der Scharrerstraße erinnern?
Sindy J. Ja, doch. Ich war mit meinem Streifenpartner auf Streife, und dann kam der Rundspruch. Da ist ’ne Dönerbude und da liegt ein Mann blutüberströmmt. Vom Notarzt wurde festgestellt, dass die Person ex ist.
Götzl In dem Polizeibericht heißt es, ein Sanitäter habe eine Hülse aufgehoben und dann wieder hingelegt.
Sindy J. Genau. Der hat von mir auch noch einen Anschiss gekriegt.
(Ende der Verhandlung, das Gericht legt eine vierwöchige Sommerpause ein.)
Tag 33
5. September 2013
Manfred Götzl, Richter. Martin G., 30, Kriminalkommissar beim BKA in Meckenheim. Waltraud N., 54, Musiklehrerin aus Nürnberg. Sie sagte auch an Tag 77 aus. Sie beobachtete am Morgen des 9.6.2005 zwei verdächtige Radfahrer in der Nürnberger Scharrerstraße, kurz bevor İsmail Yaşar, Besitzer eines Dönerstands, dort durch fünf Schüsse ermordet wurde. Nicole Schneiders, Verteidigerin von Ralf Wohlleben. Sebastian Scharmer, Anwalt der Nebenklage.
Götzl (nickt nach allen Seiten) Guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen. Dann setzen wir nach unserer Pause die Verhandlung fort. Herr G., bitte erzählen Sie uns von Ihren Begegnungen mit dem Angeklagten Holger Gerlach.
Martin G. Zur Vernehmung von Holger Gerlach am 27.11.2011 sind wir mit dem Hubschrauber von der JVA Köln nach Zwickau geflogen, um die Wohnung in Zwickau zu finden, zu der Herr Gerlach nach seinen Angaben zusammen mit Frau Zschäpe vom Bahnhof gelaufen ist. Er hatte angegeben, dass er in der Wohnung eine Waffe an Mundlos und Böhnhardt übergeben hat. Herr Gerlach hatte gesagt, dass er die Adresse nicht kannte. Er ist dann aber losgelaufen und wir sind dann an der Polenzstraße 2 in Zwickau rausgekommen. (Dort lebten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt eine Zeit lang.)
Verteidigerin Schneiders Er soll noch eine Bemerkung bezüglich eines Aldi-Marktes gemacht haben. Können Sie sich daran erinnern?
Martin G. Er sagte, vor der Tür der Wohnung befanden sich Straßenbahnschienen. Das war auch so. Auch ein Supermarkt befindet sich dort.
Verteidigerin Schneiders Er sagte, da sei noch kein Aldi-Markt gewesen. Ist das überprüft worden, wann der gebaut wurde?
Martin G. Das weiß ich nicht. Durch mich nicht.
(Der Zeuge verlässt den Gerichtssaal, es werden zwei Videos gezeigt: zunächst der Mitschnitt der Fernsehsendung »MDR Kripo live« vom 22.2.1998, dann ein Video, das Überwachungskameras vor dem Eingang des Musiksenders Viva in der Kölner Keupstraße aufgenommen haben – wenige Minuten bevor dort am 9.6.2004 die Nagelbombe explodierte und mehr als 20 Menschen verletzte.
Zu den Bildern des ersten Videos, dem Mitschnitt von »MDR Kripo live«, erklärt die Moderatorin, es handle sich um den brisantesten Fall, den »Kripo live« je behandelt habe: eine Rohrbombe. 1997 hätten spielende Kinder im Bereich des Theaters in Jena einen roten Koffer mit weißem Hakenkreuz darauf gefunden und zum Theater gebracht, weil sie dachten, es handle sich um eine Requisite. Theaterleute hätten den Koffer geöffnet und einen Sprengkörper entdeckt. Die Bombe habe zwar nicht explodieren können, weil die Zündvorrichtung fehlte, dennoch habe die Polizei Ermittlungen in alle Richtungen aufgenommen. Bei Durchsuchungen in den Wohnungen der Verdächtigen seien auch eine Armbrust, eine Schreckschusspistole und Wikinger-Kampfsterne gefunden worden. Die Polizei fahnde nach Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.
Die Moderatorin befragt eine Polizistin des Landeskriminalamts: »Sehen Sie eine neue, gestiegene Gefährlichkeit der Rechtsextremisten in Thüringen?« Die Polizistin antwortet: »Das kann ich eindeutig bejahen. Unsere Erkenntnisse sind geeignet, Unruhe in der Bevölkerung hervorzurufen, wenn nicht gar Angst.«
Es folgt ein Video vom 9.6.2004 von der Überwachungskamera am Eingang des Musiksenders Viva in Köln. Zu sehen ist eine Vespa, entspannte Menschen auf der Treppe vor den Studios. Sie drehen Zigaretten und unterhalten sich. Um 14.34 Uhr ist ein Mann mit Schirmmütze zu sehen, er schiebt zwei Fahrräder. Zwölf Minuten später kommt er zurück, ohne Fahrräder. Er trägt eine knielange Hose, T-Shirt und Turnschuhe. In der rechten Hand hält er einen weißen Zettel. Um 15.10 Uhr kommt er wieder. Diesmal hat er eine durchsichtige Tüte mit einem fladenbrotähnlichen Gegenstand in der einen und eine weiße Tüte mit einem kantigen Gegenstand in der anderen Hand. Ihm folgt in einiger Entfernung ein weiterer Radfahrer mit Schirmmütze, langer Hose und T-Shirt, der ganz vorsichtig ein Damenfahrrad schiebt. Auf dem Gepäckträger seines Rads ist ein Aufbau zu erkennen. Auf der Straße sind viele junge Menschen in kurzen Hosen und T-Shirts zu sehen, es herrscht eine sommerliche, fröhliche Stimmung. Minutenlang laufen diese Bilder im Gerichtssaal, ohne Ton.
Später am Verhandlungstag lässt das Gericht Vorstrafen und Urkunden zu den Angeklagten verlesen. Zunächst geht es um Ralf Wohlleben, geboren 25.2.1975, gegen den schon 1991 wegen Diebstahls ermittelt wurde und der wegen Körperverletzung, Nötigung und übler Nachrede verurteilt wurde. Auch die Geburtsurkunde von Beate Zschäpe wird verlesen: Geboren am 2. Januar 1975 um 18.38 Uhr. Sie heißt zunächst Beate Apel, nach ihrer Mutter Annerose Else Apel. Ihren rumänischen Vater, Valer Boankic, hat sie nie kennengelernt. Nach der Hochzeit der Mutter mit Horst Gunder Trepte bekommt sie den Namen Trepte. Nachdem die Mutter 1978 erneut geheiratet hat, erhält die Tochter den Namen des neuen Partners und heißt seitdem Beate Zschäpe.
Die nächste Zeugin, Waltraud N. aus Nürnberg betritt den Gerichtssaal. Nun geht es erneut um den Mord an İsmail Yaşar.)
Waltraud N. Ich hatte am Donnerstag, den 5. Juni, um 8.30 Uhr Unterricht in der Scharrer-Schule. Ich wollte danach zum Sport gehen und fuhr in die Scharrerstraße rein. Als ich abbremsen musste, sah ich zwei schwarz gekleidete junge Männer und dachte mir, vielleicht machen die eine Radtour. In dem Moment dreht sich einer um. Ich bin erschrocken, der hatte meiner Meinung nach nichts Gutes vor.
Ich hatte das Fenster leicht geöffnet, kurz danach hörte ich Schüsse. Ich fragte mich, ob die nicht doch die Post oder die Sparkasse ums Eck überfallen haben. Ich habe den Gedanken aber verworfen, es hätte ja auch ein Kind mit einer Spielzeugpistole sein können. Ich bin dann zum Sport gegangen und habe mir keine Gedanken gemacht. Einen der jungen Männer sah ich auch zum Fenster reinschauen bei der Dönerbude, der andere stand am Straßenrand.
Götzl Mit welchem hatten Sie Blickkontakt?
Waltraud N. Mit dem am Straßenrand.
Götzl Können Sie die beiden noch näher beschreiben?
Waltraud N. Der eine hatte schwarze Haare und ein schwarzes Käppi. Und der andere, na ja, beim Augenkontakt fielen mir seine braunen Augen auf. Die Züge waren fein geschnitten, er war nicht jung, sondern Ende zwanzig, Anfang dreißig, hatte einen starken Bartwuchs und war leicht gebräunt.
Götzl Auf was gründet der Eindruck, dass er was Böses vorhatte?
Waltraud N. Er schaute wirklich bös, ich hab gemerkt, da ist was. Er hat mich angestarrt. Er hatte mich im Auge, hat mich fixiert. Da hätte ich nicht aussteigen wollen.
Götzl Was hörten Sie für Geräusche?
Waltraud N. Bumm bumm – bumm bumm bumm. Dumpfe Geräusche, wie mit einem Schalldämpfer. Ich hab mir tatsächlich überlegt, vielleicht haben sie jetzt doch die Bank oder Sparkasse überfallen. Aber das habe ich verworfen, weil ich so einen engen Terminplan hatte am Donnerstag. Ich dachte mir, das haben andere ja auch gehört.
Götzl Wie oft haben Sie das Geräusch wahrgenommen?
Waltraud N. Ich bilde mir ein, dass es vier- oder fünfmal waren.
Götzl Wie lang waren Sie im Fitnessstudio?
Waltraud N. Da brauche ich immer so eine Stunde, so gegen 11 Uhr bin ich da wieder raus. Beim Zurückfahren habe ich die Polizei gesehen in weißen Anzügen. Aber weil es nicht bei der Post oder bei der Sparkasse war, sondern weiter hinten, dachte ich mir, da ist wohl was anderes passiert.
Götzl Gab es keine Überlegungen, die Polizei anzusprechen?
Waltraud N. Nein, erst als ich am nächsten Tag in der Zeitung gelesen habe, dass da ein Mord passiert ist, kam nach und nach die Erinnerung.
Götzl Vom Typ her waren das Südländer, haben Sie bei der Polizei gesagt.
Waltraud N. Ja, das dachte ich mir. Wir haben in der Südstadt viele Südländer, er war so dunkel und hatte braune Augen.
Götzl Haben Sie Bilder von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gesehen?
Waltraud N. Ja, habe ich gedacht, die müsste ich ja gesehen haben. Aber ich habe sie nicht mit Sicherheit erkannt. Am ehesten glich er Uwe Mundlos.
Anwalt Scharmer Sie haben sich nach Ihrer Vernehmung noch mal telefonisch bei der Polizei gemeldet. Was war Ihnen so wichtig?
Waltraud N. Ich war mir nicht sicher wegen der Hautfarbe und habe mir das durch den Kopf gehen lassen. Er war leicht gebräunt. Das wollte ich richtigstellen.
Anwalt Scharmer Besteht da ein Unterschied für Sie zwischen Südländer und gebräunter Gesichtsfarbe?
Waltraud N. Ja, es gibt auch Deutsche, die schnell braun werden. So ein Typ war das. Nicht so hellhäutig wie ich, sondern jemand, der schon viel in der Sonne war.
Tag 34
6. September 2013
Manfred Götzl, Richter. Beate K., 47, Verkäuferin aus Nürnberg. Margaret S., 53, Altenpflegerin in Nürnberg. Lutz B., 57, Uniprofessor in Nürnberg. Yavuz Narin, Reinhard Schön, Anwälte der Nebenklage.
Beate K. An dem besagten Donnerstag hatte ich einen Termin in der Schule, weil es Probleme mit meinem Sohn gab. Ich bin mit dem Fahrrad zur Schule gefahren und habe zwei Fahrradfahrer gesehen, die einen Stadtplan in der Hand hatten. Dachte mir noch, steigst ab und fragst, ob du helfen kannst. Aber ich war in Zeitdruck. Als ich dann aus der Schule wieder rauskam, habe ich am Dönerimbiss von Herrn Yaşar diese beiden Männer wiedergesehen. Der eine hat dem anderen einen Gegenstand in einer Plastiktüte in den Rucksack gesteckt. Ich hab erst am Nachmittag, als mein Sohn aus der Schule kam, erfahren, dass der Herr Yaşar ermordet worden ist. Da hab ich den erstbesten Polizisten angehalten und gesagt: Ich hab da heut Morgen was gesehen.
Götzl Können Sie die beiden Fahrradfahrer beschreiben?
Beate K. Ich würde sie als Spargeltarzans beschreiben, groß, dünn, einer hatte ein abstehendes Ohr. Einer hatte einen Rucksack, einer ein Käppi auf, beide waren sie schwarz gekleidet.
Götzl Und die Hautfarbe?
Beate K. Sie waren von der Hautfarbe her hell, keine Südländer, eher blass, nördliche Region.
Götzl Wo war denn die erste Begegnung?
Beate K. An der Litfaßsäule, ich musste langsam dran vorbei, es waren überall Bauarbeiten, und die haben den Fahrradweg blockiert.
Götzl Und die zweite Situation?
Beate K. Ich habe mir gedacht, vielleicht wollten die einen Döner haben. Der eine stand mit dem Rücken zu mir und steckte dem anderen den Gegenstand in den Rucksack. Ich dachte mir, vielleicht ein kleiner Regenschirm, den hab ich auch immer dabei. Der andere hatte schon die Hände am Lenker.
Götzl Wie lange waren Sie in der Schule?
Beate K. Nicht länger als eine Viertelstunde, das war schnell geklärt. Ich habe damals keine Armbanduhr getragen, habe immer auf Kirchturmuhren und Schuluhren geschaut.




