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Götzl Haben denn Geld oder Wertgegenstände am Tatort gefehlt?
Thorsten H. Wir konnten nichts feststellen, was abhandengekommen wäre.
Anwalt Thiel Direkt am ersten Tag wurde der Vater vernommen. Hat man Ihnen gesagt, dass er zwei Personen beschrieben hat?
Thorsten H. Das wurde mir erst am nächsten Tag berichtet in einer Besprechung. Wir haben noch geredet, ob wir noch Phantombilder machen – aber das fiel in den Aufgabenbereich des Mordbereitschaftsleiters.
Anwalt Thiel Der Vater des Ermordeten Süleyman Taşköprü hat zwei Männer gesehen, die den Laden verließen. Hat er von deutschen Männern gesprochen?
Thorsten H. Ich erinnere mich, dass wir nachgefragt haben, ob es Ausländer waren, und dann hieß es: eher Deutsche.
Anwalt Thiel Welche Dienststellen der Polizei wurden an den Ermittlungen beteiligt?
Thorsten H. Der Mordbereitschaftsleiter fasste die Erkenntnisse zusammen und leitete sie an andere Dienststellen weiter.
Anwalt Thiel Erinnern Sie sich an eigene Aktivitäten?
Thorsten H. Ich erinnere mich an ein Telefonat mit dem Kollegen Albert V. in Nürnberg, wegen des ähnlichen Modus Operandi und ähnlicher Tatörtlichkeiten wie bei den Nürnberger Taten.
Anwalt Thiel Wurde auch die politische Abteilung des LKA zurate gezogen? Es standen da ja zwei deutsche Männer.
Thorsten H. In der Regel geht das auch an die organisierte Kriminalität und den Staatsschutz im LKA.
Anwalt Thiel Haben Sie eine Rückmeldung erhalten?
Thorsten H. Nein, überhaupt nicht.
Anwalt Thiel Hat sich das Landesamt für Verfassungsschutz mit Ihnen in Verbindung gesetzt?
Thorsten H. Nein, bis zum heutigen Tage nicht.
Anwalt Thiel Hinterher ist man immer etwas klüger. Aber wer hat denn die Spur mit den zwei deutschen Männern weiter ermittelt? Sodass man ins rechte Spektrum gekommen wäre?
Thorsten H. Es gab keine Anhaltspunkte für eine Spur in Richtung Tätergruppe Rechtsextremismus. Die war dann erledigt, die Spur.
Anwalt Thiel Hat man später noch einmal Nachermittlungen getätigt?
Thorsten H. Das kann ich nicht sagen. Die Ermittlung wurde später völlig von der Abteilung organisierte Kriminalität übernommen. Die Spur war abgeschlossen, es gab keine Anhaltspunkte für eine Spur Richtung Tätergruppe Rechtsextremismus.
(Anschließend folgt der nächste Zeuge, der Rechtsmediziner und Gutachter Oliver Peschel.)
Peschel An der linken Hand von Herrn Taşköprü konnten Schmauchspuren nachgewiesen werden. Außerdem fanden wir drei Kopfschussverletzungen – einen Querschuss durchs Gesicht und zwei Hinterhauptschüsse. Einer davon war ein aufgesetzter Schuss auf das Hinterhaupt. Todesursache war eine zentrale Hirnlähmung. Es wurden zwei Waffen verwendet. Bei der einen Waffe gibt es keinen Hinweis darauf, dass ein schützendes Behältnis um die Waffe verwendet wurde. Bei der anderen käme eine Verpackung, etwa eine Plastiktüte, durchaus in Betracht. Die Schmauchspuren am Hinterkopf sprechen gegen die Verwendung eines Schalldämpfers. Die Schmauchspuren an der linken Hand des Opfers könnten mit einer Abwehrreaktion in Richtung der Waffe erklärt werden. Aus all dem ergab sich für uns: Zunächst erfolgte ein Schuss durch die linke Wange und am Schluss ein aufgesetzter Schuss in den Hinterkopf, als das Opfer schon am Boden lag.
(Es folgt die Zeugin Sonja S., Kripo-Beamtin aus Hamburg.)
Sonja S. Das Ladengeschäft stand nach der Tötung des Süleyman Taşköprü jahrelang leer. Vor dem Laden gab es bis 2007 als so eine Art Gedenkstätte für das Opfer.
Götzl Was haben Sie über die Eltern des Getöteten in Erinnerung?
Sonja S. Wir haben die Familie regelmäßig aufgesucht. Wir haben zusammen Tee getrunken. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis. Den Eltern ging es körperlich und psychisch sehr schlecht, weil ihr Sohn erschossen worden war, aber auch weil wir die Täter nicht ermittelt haben.
Götzl Und wie war die Situation der Geschwister?
Sonja S. Ich hatte viel zu tun, mit der älteren der beiden Schwestern des Ermordeten. Sie hat oft gefragt: Gibt es nicht noch mehr Möglichkeiten? Warum kommen Sie nicht weiter? Sie war sehr kooperativ und aufgeschlossen. Zur jüngeren Schwester kann ich nicht so viel sagen. Sie war eher still.
Anwältin Pinar Wie lang haben Sie an dem Fall mitgearbeitet?
Sonja S. Ich war anderthalb Jahre in der Soko und habe diverse Spuren bearbeitet.
Anwältin Pinar Wer hat entschieden, welcher Spur nachgegangen werden soll?
Sonja S. Der Soko-Chef.
Anwältin Pinar Der Vater hat zwei Deutsche gesehen. Wer ist dieser Spur nachgegangen?
Sonja S. Ich kann es nicht sagen, ich war es nicht. Auch das könnte der damalige Soko-Chef beantworten.
(Pause. Der Angeklagte André Eminger schlendert auf dem Vorplatz des Gerichts dicht an der Familie Taşköprü vorbei. Ein junger Mann aus der Familie will ihm nachsetzen. Aber der Anwalt und die Familie halten ihn ab. Der nächste Zeuge ist Ali Taşköprü, der Vater des Ermordeten. Er spricht türkisch, ein Dolmetscher übersetzt.)
Götzl Sind Sie mit den Angeklagten verwandt oder verschwägert?
Taşköprü Auf keinen Fall! (Fährt mit rauer, leiser Stimme fort.) Wir sind gemeinsam zur Markthalle gefahren und haben eingekauft. Wir hatten Zigarettensorten vergessen, ich bin die holen gegangen. In derselben Straße gab es einen Laden mit Oliven. Dort habe ich Oliven gekauft. Als ich zurückkam, habe ich hinter der Theke etwas Schwarzes gesehen. Ich hab gerufen: Mein Sohn, hast du hier etwas vergossen? Er hat mir keine Antwort gegeben. Da habe ich ihn gesehen. Ich habe seinen Kopf auf meinen Schoß genommen, er wollte mir etwas sagen, konnte aber nicht. Ich habe ihn im Gesicht berührt. Es kam ein Mädchen, um mir zu helfen. Später kam die Polizei, sie haben ihn von meinem Arm weggenommen und ihn auf den Boden gelegt.
Ich habe Leute gesehen, wie sie kurz davor aus dem Laden gegangen sind, aber ich dachte, es seien normale Kunden. Es war zwischen elf und zwölf Uhr.
Götzl Können Sie diese Leute näher beschreiben?
Taşköprü Ich weiß sicher, dass sie deutsche Staatsangehörige sind.
Götzl Alter, Kleidung, Größe?
Taşköprü Zwischen 25 und 35 Jahre alt, es waren junge Leute. Zwei bis drei.
Götzl Deutsche Staatsangehörige – woran machen Sie das fest?
Taşköprü Das Geschäft richtete sich an Deutsche. Es kamen immer Deutsche zum Einkaufen. Auch Türken und Studenten.
Mein Sohn war 31 Jahre alt, was wollten sie von ihm? Wir sind Menschen, die auf eigenen Füßen stehen. Wir lebten von unserem eigenen Geld, was wollten diese Leute von uns?
Götzl Wie lang war das Geschäft geöffnet?
Taşköprü Von sechs bis 21 Uhr abends.
Götzl Haben Sie sich abgewechselt?
Taşköprü Wir sind ein Familienbetrieb und haben uns abgewechselt. Süleyman, sein Bruder, alle zusammen.
Götzl Können Sie uns Ihre Familie vorstellen? Wer gehört dazu?
Taşköprü Ich hatte zwei Söhne, zwei Töchter, wir lebten gemeinsam. Süleyman hatte eine Tochter von seiner Freundin bekommen, die Tochter lebt auch heute noch mit uns zusammen. Sie ist jetzt 15 Jahre alt. Als ihr Vater gestorben ist, war sie zweieinhalb.
Götzl Wie war es für Sie nach dem Tod Ihres Sohnes?
Taşköprü Sie haben mir mein Herz abgerissen. Seine Tochter ist jetzt 15, sie lebt mit uns zusammen. Sie ist unsere Verbindung zum Leben, sie lässt uns am Leben bleiben. Sechs Jahre lang haben wir das Kind zur Therapie gebracht. Am meisten hat meine Frau darunter gelitten. Sie geriet in eine Situation, in der sie nicht mehr arbeiten konnte. Sie hatte Probleme mit dem Herzen und wurde operiert.
Götzl Wie ging es der Lebensgefährtin Ihres Sohns?
Taşköprü Wir haben keinen Kontakt mehr. Die Tochter hat aufgelegt, als sie angerufen hat. Wir haben ihr immer gesagt, rede mit ihr, das ist doch deine Mutter.
Götzl Gehen wir zurück zum Tattag. Wie lang hat es gedauert, bis Sie die Oliven geholt haben?
Taşköprü Ich war circa eine halbe Stunde bis 45 Minuten weg, in der gleichen Straße, und habe drei Packungen Oliven geholt. Wäre ich doch bloß nicht weggegangen!
Götzl Sie haben zwei Personen gesehen.
Taşköprü Ich weiß nicht, ob es Kunden oder Täter waren. Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich sie erwürgt.
Verteidiger Klemke Ist Ihnen etwas aufgefallen, was anders war als sonst?
Taşköprü Was hätte mir auffallen können, wenn ich meinen Sohn auf dem Boden liegen sehe? Meine Augen sahen nichts anderes als meinen Sohn. Er ist in meinen Armen gestorben, er lebte noch, als ich ihn auf den Schoß nahm, er lebte noch.
Götzl Vielen Dank, Herr Taşköprü. Nehmen Sie doch bitte wieder Platz.
(Die Zeugin Asli I. wird in den Gerichtssaal gerufen.)
Asli I. Ich habe meinen Sohn in den Kindergarten gebracht, dann war ich beim Einkaufen mit einer Freundin. Auf dem Rückweg habe ich Schreie gehört und bin rein in den Laden. Ich wohne da schon ein paar Jahre und sehe jetzt den erschossenen Menschen bei seinem Vater im Arm. (Sie weint.) Der Vater hat gerufen: Gott, komm zu Hilfe. Ich war ein paar Sekunden wie gelähmt.
Götzl Können Sie uns das Opfer beschreiben? Wie er sich verhalten hat?
Asli I. Ich kannte ihn nur vom Verkauf. Er war ein ruhiger, freundlicher Mensch. Ich kannte ihn nicht gut genug, aber er war ein Netter. Ich wusste, dass er Familienvater ist und Kinder hat. Ein ganz normaler Mensch halt.
Tag 38
24. September 2013
Manfred Götzl, Richter. Frank Lenk, Brandsachverständiger aus Zwickau. Er sagte auch an den Tagen 15 und 24 aus. Wolfgang F., 46, aus München, ehemals Inhaber eines Schlüsseldienstes und Geschäftspartner von Theodoros Boulgarides, der am 15. Juni 2005 in München erschossen wurde. Olaf Klemke, Nicole Schneiders, Verteidiger von Ralf Wohlleben. Mehmet Daimagüler, Sascha Prosotowitz, Sebastian Scharmer, Anwälte der Nebenklage.
Götzl Wir waren stehen geblieben beim Lichtbild 590. Und fahren jetzt fort mit Lichtbild 591.
(Wieder werden Lichtbilder vom niedergebrannten Wohnhaus von Beate Zschäpe in Zwickau gezeigt, die der Brandsachverständige Lenk kommentiert. Darunter sind auch zwölf Waffen, die im Brandschutt gefunden wurden, ein Bibliotheksausweis von Zschäpe für Hannover, ausgestellt auf den Namen Silvia R., Munition und Schwarzpulver, das in Gläsern verpackt ist. Ein Mitgliedsausweis eines Tennisklubs Großgründlach auf Mandy Struck, eine AOK-Gesundheitskarte, ausgestellt auf Silvia R., eine Barmer-Gesundheitskarte, ausgestellt auf Uwe Mundlos, der Personalausweis sowie der Reisepass von Beate Zschäpe, der Personalausweis von Uwe Mundlos, sein Führerschein und ein Fahrzeugschein, Personalausweise, ausgestellt auf die Namen Ralf H. und Michael F.. Außerdem DVDs mit dem Aufdruck »NSU« und eine Mappe mit Zeitungsausschnitten unter anderem zur Berichterstattung über die Morde an Enver Şimşek, Habil Kılıç und Süleyman Taşköprü. Ein Mietvertrag von Susann Eminger. Und eine BahnCard auf den Namen André Eminger.)
Anwalt Scharmer Sie haben auch Teelichter vorgefunden. Können Sie sagen, ob sie als Zündquelle für ein Gas-Luft-Gemisch infrage kommen?
Lenk Es wäre möglich, das mit Teelichtern zu zünden. Aber ob es so war, kann ich nicht sagen.
Anwalt Scharmer In Ihrem Bericht schreiben Sie, dass zur Zeit der Brandlegung möglicherweise Teelichter gebrannt hätten und nicht auszuschließen sei, dass diese Teelichter die Zündquelle gewesen seien.
Lenk Ja. Man muss aber eines sehen: Wenn sich ein Person in der Wohnung befindet und offenes Feuer zündet, dann kann die Person die Wohnung nicht mehr ohne Verletzungen verlassen. Das Gas-Luft-Gemisch in der Wohnung wird unkontrollierbar. Man kann nicht beeinflussen, wann das Gemisch zündet.
Anwalt Scharmer Haben Sie andere Zündmechanismen gefunden?
Lenk Nein.
Verteidigerin Schneiders Stimmt es, dass Sie das Objekt um 22 Uhr gesperrt haben?
Lenk Nein, ich habe es um zwei Uhr komplett gesperrt.
Verteidigerin Schneiders Was war der Grund?
Lenk Ich mach das schon einige Jahrzehnte. Das Ausmaß des Brandes und die Verwendung von Ottokraftstoff – den konnte ich sofort riechen, auch ohne Hund.
Verteidiger Klemke Waren Sie die ganze Zeit anwesend?
Lenk Geht ja gar nicht, wir haben einen Monat lang geschaufelt.
Verteidiger Klemke Bis wann waren Sie draußen?
Lenk Bis wir die Waffen und die DVDs gefunden haben.
(Es folgt der Zeuge Wolfgang F. aus München. Er war der Geschäftspartner von Theodoros Boulgarides, der am 15. Juni 2005 in München ermordet wurde.)
Wolfgang F. Ich hab den Theo angerufen, meinen Geschäftspartner, wir hatten ja gerade den Schlüsseldienst aufgemacht, an der Donnersbergerbrücke. Er ist nicht ans Telefon gegangen. Ich bin hingefahren und hab ihn halt gefunden. Er lag hinter der Theke und das Telefon lag neben ihm. Dann habe ich geschaut, ob er noch lebt, und dann die Polizei angerufen.
Götzl War er noch am Leben?
Wolfgang F. Nein, nein.
Götzl Vielleicht beschreiben Sie uns, wie gut Sie ihn kannten.
Wolfgang F. Ich kannte ihn durch meinen Trauzeugen. Der hat mir den Theo vermittelt. Wir haben beschlossen, einen Laden aufzumachen. Und 14 Tage später ist das dann passiert.
Götzl Wann war Herr Boulgarides im Laden, wann Sie?
Wolfgang F. Es war gar nicht geplant, dass der Theo an dem Tag da ist. Es hat sich so ergeben. Am Abend davor wäre ich da gewesen.
Götzl Betreiben Sie das Geschäft noch?
Wolfgang F. Nein.
Götzl Können Sie uns den Herrn Boulgarides beschreiben?
Wolfgang F. Er war eine gelassene Person, immer auf Frieden ausgerichtet. Er hatte zwei Töchter, aber näher kannte ich die Familie nicht.
Götzl Wie lange kannten Sie sich?
Wolfgang F. Wir haben den Laden drei Monate hergerichtet und kannten uns seit acht Monaten. Er war der freundlichste Mensch, den man sich nur vorstellen kann.
Götzl Hatten Sie nach der Tat Kontakt zu Angehörigen von Herrn Boulgarides?
Wolfgang F. Ja.
Götzl Können Sie etwas über die Folgen für die Familie berichten?
Wolfgang F. Die totale Zerstörung. Und nicht nur für die Angehörigen. Die Mutter und der Bruder sind nach Griechenland zurückgegangen, der Rest der Familie ist zersprengt, die Mutter hatte immer Angst, ich habe ihr ein Schloss eingebaut.
Götzl Welche Folgen hatte die Tat für Sie?
Wolfgang F. Geld hat’s mich gekostet, weil mich die Polizei die ganze Zeit schikaniert hat.
Götzl Was bedeutet das?
Wolfgang F. Monatelang haben die mich immer wieder vorgeladen. Meine Mitarbeiter auch.
Götzl Um was ging’s da?
Wolfgang F. Immer ums Selbe.
Götzl Können Sie die Themen benennen?
Wolfgang F. Ich hab’s auch selbst nicht verstanden. Wie wir zueinander standen. Ob der Kollege sexsüchtig war oder spielsüchtig. Die wollten uns in den Dreck ziehen. Das haben sie auch geschafft.
Götzl War die Tür offen, als Sie Herrn Boulgarides auffanden?
Wolfgang F. Ja, sie war nicht versperrt.
Götzl Hat Geld gefehlt oder irgendwelche Gegenstände?
Wolfgang F. Es hat nichts gefehlt.
Anwalt Prosotowitz Wie oft waren Sie in dem Laden, wie oft Herr Boulgarides?
Wolfgang F. Theo war 70 Prozent der Zeit im Laden.
Anwalt Prosotowitz Konnte man von außen erkennen, dass ein ausländischer Mitbürger drin ist im Laden?
Wolfgang F. Ja, durchs Schaufenster konnte man reinsehen.
Anwalt Daimagüler Wissen Sie, ob er Türkisch sprach?
Wolfgang F. Nein, aber er wurde oft als Türke angesprochen. Der Theo sagte selbst, er sehe doch sehr türkisch aus.
Tag 39
25. September 2013
Manfred Götzl, Richter. Thomas M., 35, Polizist in Hof, zuvor in München. Er hat die Spuren im Mord an Theodoros Boulgarides gesichert, der am 15. Juni 2005 in München ermordet wurde. Karsten R., Polizist aus Kassel. Er war an der Untersuchung im Fall Halit Yozgat beteiligt, dem Betreiber eines Internetcafés, der am 6. April 2006 erschossen wurde. Karsten R. sagte auch an Tag 88 aus. Karl-Heinz G., 63, Kriminalkommissar a.D. in Kassel. Er sagte auch an Tag 104 aus. Olaf Klemke, Verteidiger von Ralf Wohlleben. Thomas Bliwier, Sascha Prosotowitz, Andreas Thiel, Anwälte der Nebenklage.
(Der erste Zeuge, der Polizist Thomas M., hat Lichtbilder vom Mordopfer Theodoros Boulgarides und dem Tatort in München mitgebracht, die nun im Gericht gezeigt werden.)
Thomas M. Als wir am Tatort eintrafen, haben wir eine tote männliche Person mit, vermutlich, Kopfschüssen vorgefunden.
(Ein rotes Haus in der Trappentreustraße 4 in München ist zu sehen, davor Bäume und Zeitungsständer, die Aufschrift »Schlüsselwerk«. Hinterm Tresen liegt Theodoros Boulgarides neben der Werkbank. Auf dem Tresen Werbematerial, Feuerzeuge.)
Herr Boulgarides lag in Rückenlage auf dem Fußboden, mit drei Schussverletzungen. Die Wohnung war bestimmungsgemäß eingerichtet, es gab keine Anzeichen, dass ein Kampf oder eine Auseinandersetzung stattgefunden hat. In einem Fach unter dem Tresen lag ein Handy, es wurde noch in der Nacht ausgewertet. Die Registrierkasse war geschlossen.
Götzl Das nächste Bild ist noch ein Bild von der Leiche, das gibt keine zusätzlichen Informationen. Das schauen wir uns jetzt nicht an.
(Die Wohnung ist zu sehen, frisch renoviert, drei Leitern stehen noch im Gang. Auf dem Bett im Schlafzimmer liegt ein Schlafanzug. Auf einem Wohnzimmertisch stehen zwei halb leere Weingläser und ein Teller mit Apfelstücken. Auf dem Schreibtisch steht ein Aschenbecher mit Zigarettenkippen.)
Thomas M. Die Wohnung und der Keller wurden mit Rauschgifthunden durchsucht. Es wurde keinerlei Rauschgift gefunden.
Götzl Dann kommen wir zur Beschreibung der Blutantragungen.
Thomas M. Auf der Jacke und am Poloshirt waren im oberen Bereich Blut und Gewebeantragungen zu erkennen. Auch an der linken Hand des Herrn Boulgarides fanden wir Blutantragungen.
(Auch am Hausschuh haften Blutspritzer, ebenso am Heizkörper und einem Metallschrank in dem Laden. Auf dem Boden ist eine fast einen Meter breite Blutlache zu sehen.)
Anwalt Prosotowitz Waren Sie an den weiteren Ermittlungen beteiligt?
Thomas M. Ich war bis 2007 mit Ermittlungen betraut, dann wurden sie von der »Soko Halbmond« beziehungsweise der »BAO Bosporus« übernommen.
Verteidiger Klemke Können Sie mir sagen, wer den Einsatz dieses Rauschgiftspürhundes angeordnet hat?
Thomas M. Ich glaube, im Rahmen der Soko wurde entschieden, dass die Wohnung nach Rauschgift durchsucht wird.
Verteidiger Klemke Und wer konkret?
Thomas M. Das kann ich nicht sagen.
(Nach weiteren Zeugen folgt der Zeuge Karsten R., Polizist aus Kassel. Es geht wieder um den Mord an Halit Yozgat.)
Karsten R. Es war ein schöner Frühlingstag, ich war mit dem Rad unterwegs und kam relativ spät zum Tatort in der Holländischen Straße 82 in Kassel, etwa um 20 Uhr. Ich habe die Befragung von Herrn S. vorgenommen, der kurzzeitig als Verdächtiger festgenommen wurde. Er war zum Tatzeitpunkt am Tatort, in einer der Telefonzellen im linken Bereich. Er hatte mehrere Telefonate geführt und sagte aus, er habe zwei- dreimal etwas Dumpfes gehört, wie Luftballons, die geplatzt sind. Er hat sich umgedreht, konnte aber nichts sehen, weil ein Plakat in der Glastür hing. Im Augenwinkel habe er eine männliche Person gesehen, etwa 180 Zentimeter groß und recht kräftig, die das Internetcafé verlassen hat. Das Tatobjekt liegt in einer Hauptausfallstraße Richtung Norden, in der Mitte fährt eine Straßenbahn. Es handelt sich um einen klassischen Nachkriegsbau, dreieinhalb Geschosse. Über drei Stufen konnte man das Geschäft erreichen. Es hatte eine große Schaufensterscheibe, vier Telefonzellen links, zwei rechts. Herr S. war in der Telefonzelle Nummer 3, ganz vorn an der Tür. In einem abgetrennten Raum war die Zelle Nummer 7, im hinteren Raum standen noch mal sieben PCs.
Verteidiger Klemke Es heißt, das Opfer habe hinter dem Tresen gelegen.
Karsten R. Das Opfer war schon vorgezogen worden in den Raum, man kann keine Leichenschau machen hinter dem Tresen.
Verteidiger Klemke Wie hoch war der Tresen?
Karsten R. Ungefähr einen Meter hoch, normale Schreibtischhöhe.
(Es folgt der Zeuge Karl-Heinz G., ein Polizist aus Kassel.)
Karl-Heinz G. Ich hatte am 6.4.2006 Bereitschaft, gegen 17.20 Uhr informierte mich der Kriminaldauerdienst über den Vorfall. Wir haben uns vor Ort einen Überblick vom Geschehen verschafft: Ein Herr S., der aus dem Irak stammte, telefonierte auf der Nummer 3. Zwei Jugendliche sind im hinteren Bereich am Computer gesessen. Es stellte sich später heraus, dass noch eine weitere Person dort saß.
Das Opfer lag auf dem Rücken, sein Gesicht war blutverschmiert, er hatte zwei Einschusslöcher im Kopf. Die Obduktion ergab, dass zwei Projektile noch drinsteckten. Der Erschossene hatte Schürfwunden am Kopf, von einer Eckleiste am Boden. Ich bin davon ausgegangen, dass der Mann auf seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch erschossen wurde und dann so fiel, dass der Kopf neben dem Mülleimer und neben der Leiste aufkam. Die Angehörigen hatten um zeitnahe Überführung gebeten, um ihn zu bestatten, deshalb wurde der Leichnam sofort freigegeben.
Es stellte sich heraus, dass die Tatwaffe die Česká 7,65 war, die bereits bei acht vorherigen Mordtaten benutzt wurde. Bei der ersten und der dritten Tat wurde auch eine zweite Waffe verwendet. Deswegen ging ich davon aus, dass das zwei Täter waren. Man musste ja auch damit rechnen, dass jeden Moment sekundenmäßig jemand aus dem Haus kommt, um die Ecke biegt und was sehen kann. Es mussten also mindestens zwei Personen dort tätig gewesen sein.
(Eine Skizze des Internetcafés wird im Gerichtssaal eingeblendet.)
Wie Sie sehen, saß der Iraker in Telefonzelle 3 direkt an der Tür, hinten im Raum hielten sich zwei Jugendliche auf und der Verfassungsschutzmitarbeiter Temme, die damals noch nicht bekannte Person. Eine schwangere Frau mit Kleinkind telefonierte in der abgetrennten Zelle.
Über dem Bürostuhl hing die Jacke des Opfers, es waren die Schlüssel drin und ein Brief an Halit Yozgat. Auch eine Mappe mit Schulbüchern fanden wir. Der Sohn machte damals die Abendrealschule und wollte zum Unterricht. Der Vater sollte den Sohn ablösen.
Die Auswertung der Computer hat die Zeugenaussagen der beiden Jugendlichen und der Frau bestätigt: Etwa gegen 16.50 Uhr ist eine Person reingekommen, welcher der Verstorbene den Platz 2 zugewiesen hat. Um 17.01 Uhr hat sich diese Person ausgeloggt. Die Jugendlichen haben zwei Knallgeräusche gehört. Der Iraker hat einfach weitertelefoniert.
Wir haben Herrn Yozgat gesagt, dass wir alles tun, um diese schreckliche Tat aufzuklären. Deswegen haben wir ihm auch gesagt, dass wir alles abklären müssen, auch innerhalb der Familie. Die Familie war sofort damit einverstanden. Halit Yozgat wurde von allen als netter, freundlicher Kumpel beschrieben. Die Eltern hatten ihm das Internetcafé ausgestattet. Wir haben in der Realschule, wo er früher war, nachgefragt, ob es Ärger gegeben hat. Es gab keine Ansätze, kein Motiv. Er hatte einen guten Freund, der saß wegen Drogendelikten im Gefängnis. Aber es gab keinen Zusammenhang, dass Halit Yozgat darin verwickelt sein könnte. Innerhalb der Familie war es genauso. Es gab keine Ansatzpunkte, dass bei den Geschwistern oder Eltern eine Motivlage bestand, die eine derart schreckliche Tat begründen könnte. Früher war in dem Haus eine türkische Teestube, da gab es mal eine Erpressungslage, aber das hatte mit den Yozgats nichts zu tun. Die Yozgats hatten noch Schulden auf ein Haus, aber auch da bestand kein Zusammenhang. Sie hatten in einer türkischen Holding Geld angelegt, die betrügerisch verwaltet wurde. Aber auch da war nichts zu finden an Zusammenhang mit der Tat. Die Familie war uns gegenüber sehr kooperativ. Wir haben sie auch immer sofort informiert, wir haben an einem Strang gezogen.




