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Mundlos Ich gehe darauf ein, aber Sie wollen mich immer abbügeln. (Pause.) Darf ich noch einen Satz an die Opfer richten? Ich bin unbedingt überzeugt, dass die Verbrechen aufgeklärt werden müssen. Ich kann tief mitempfinden, auch jetzt vor Weihnachten, welchen Schmerz es verursacht, wenn Angehörige heimtückisch ermordet werden. Auch ich will, dass aufgeklärt wird, wer hinter dieser Sauerei steckt. (Unruhe und Gelächter im Saal.) Sie können ruhig lächeln, aber das deutsche Volk wird Ihnen das hier nicht abkaufen.
Tag 70
19. Dezember 2013
Manfred Götzl, Richter. Siegfried Mundlos, Vater von Uwe Mundlos. Er hat schon an Tag 69 ausgesagt. Anja Sturm, Verteidigerin von Beate Zschäpe. Thomas Bliwier, Doris Dierbach, Alexander Hoffmann, Hardy Langer, Reinhard Schön, Anwälte der Nebenklage.
Götzl Ich möchte zum 5.11.2011 kommen, zum Anruf bei Ihnen zu Hause. Was können Sie uns dazu sagen?
Mundlos Es war Samstag, morgens. Den Anruf hat meine Frau entgegengenommen, ich war anderweitig unterwegs.
Götzl Was hat Ihnen Ihre Frau erzählt?
Mundlos Ich bin vom Reifenwechseln zurückgekommen, Beate hatte angerufen, dass mit den beiden Uwes was passiert ist. Es ging um die Geschehnisse in Eisenach (am Tag zuvor). Und dass die beiden Uwes tot sind. Wir sind sofort zur Polizei und haben eine Zeugenaussage gemacht. Dass Beate uns informiert hat und dass die beiden Toten in Eisenach die Uwes sind. Wir haben zu Protokoll gegeben, dass die beiden Uwes eine Vorgeschichte haben, dass sie zu dem sogenannten Bombentrio gehörten. Ich habe zusätzlich im LKA angerufen und angeboten, bei der Identifizierung der Leichen behilflich zu sein. Am Sonntag wurde mir dann mitgeteilt, dass das nicht nötig sei, da man meinen Sohn schon anhand von Fingerabdrücken identifiziert hat.
Götzl In der Zeit nach der Flucht 1998, hatten Sie da Kontakt zum Verfassungsschutz?
Mundlos Einmal haben uns zwei Herren vom Verfassungsschutz aufgesucht und gebeten, sie zu unterrichten, wenn wir etwas erfahren. Das sollten wir nicht vom heimischen Anschluss tun, meinten sie, weil unser Telefon von der Polizei abgehört werde. Ich hab mal den Hausfrauentest gemacht und habe mal ein bisschen am Telefon erzählt, als wenn ich was erfahren hätte von meinem Sohn. Punkt acht Uhr am nächsten Morgen rief ein Zielfahnder bei uns an. Das war der Beweis.
Götzl In den Akten heißt es, Ihr Sohn sei nach der Durchsuchung sehr aufgewühlt gewesen, weil sieben Jahre Haft drohten.
Mundlos Mein Sohn ist am 26.1.1998 am Nachmittag bei meiner Frau in der Kaufhalle eingetroffen. Meine Frau sagte, der Uwe war derart erschrocken, sein rationales Denken war außer Kraft gesetzt.
Götzl Im Dezember 2011 sollen Sie bei der Polizei gesagt haben: »Ohne direkte Einflussnahme des Thüringer Verfassungsschutzes über den selbst gegründeten und finanzierten Thüringer Heimatschutz wäre es nie zu den schrecklichen Straftaten durch das Trio gekommen.«
Mundlos Für mich ist immer noch unbewiesen, dass die drei die Taten vollbracht haben. Aber die Entwicklung des Thüringer Heimatschutzes wäre nie möglich gewesen ohne den Verfassungsschutz. Das ist doch über den Tino Brandt im Auftrag des Verfassungsschutzes organisiert worden. Die Fahrten zu den Rudolf-Heß-Aufmärschen wären doch ohne die Vermittlung von V-Männern gar nicht zustande gekommen. Auf den Adresslisten waren unter 30 Namen mindestens fünf V-Männer. Die ganze Organisation, die Finanzierung, die Schulungsabende – das alles wäre so nicht möglich gewesen ohne Unterstützung vom Verfassungsschutz.
Götzl Welche Informationen hatten Sie dazu im Dezvember 2011?
Mundlos Ich wusste, dass Tino Brandt sich als V-Mann geoutet hatte. Und ich wusste, welch zentrale Rolle der Tino Brandt gespielt hat. Aber ich hatte nie in der Krassheit vermutet, dass der Verfassungsschutz Steuergelder in die rechte Szene pumpt und damit naive Jugendliche auffängt, um die eigenen Erfolge aufzubessern.
Anwalt Langer Sind Ihnen körperliche Auseinandersetzungen Ihres Sohnes bekannt?
Mundlos Es gab mal einen Raubüberfall in einer Dorfdisco, das waren neun Leute, da hätte mein Sohn fast totgeschlagen werden können. Mein Sohn war nicht so aggressiv, dass er andere Leute angegriffen oder geschlagen hat. Aber bei Demos ist es schon dazu gekommen, dass es Handgreiflichkeiten zwischen den jungen Leuten und der Polizei gab. Mein Sohn und Kapke und noch ein paar wollten die Nummern der Zivilfahrzeuge der Polizei notieren. Da ist es zu einer gewissen Rangelei gekommen.
Anwältin Dierbach Ist Ihnen bekannt, dass Frau Zschäpe eine Demonstration angemeldet hat für den Thüringer Heimatschutz?
Mundlos Nein, ist mir nicht bekannt.
Anwältin Dierbach Ist Ihnen bekannt, dass Ihr Sohn Teilnehmer eines Skinhead-Aufmarsches in Triptis war?
Mundlos Ist mir nicht bekannt.
Anwältin Dierbach Ist Ihnen bekannt, dass Ihr Sohn 1995 an einem Anti-Antifa-Treffen teilnahm?
Mundlos Ist mir nicht bekannt.
Anwalt Bliwier Haben Sie mal ein Faustkampfmesser bei Ihrem Sohn gesehen, mit einer beidseitig geschliffener Klinge?
Mundlos Ja, ein Taschenmesser habe ich sicherlich mal bei ihm gesehen.
Anwalt Bliwier Haben Sie bei Ihrem Sohn andere Waffen gesehen? Handbeile, Wurfstern, Luftgewehr?
Mundlos In frühen Jahren hatte er mal eine Schreckschusspistole.
Anwalt Bliwier Wissen Sie etwas über einen Besuch Ihres Sohnes in SA-Uniform in der Gedenkstätte Buchenwald?
Mundlos Damals habe ich das nicht gewusst. Ich habe später den Eintrag gesehen, den mein Sohn vermutlich in das Gästebuch gemacht haben soll. Der Eintrag war nicht zu beanstanden, aber das Outfit mit den braunen Hemden, das sie trugen, war eine Provokation, eine Frechheit.
Anwalt Schön Haben Sie erfahren, ob bei der Garagendurchsuchung im Januar 1998 ein Rucksack Ihres Sohnes gefunden wurde?
Mundlos Ich habe das 2011 in der Presse gelesen.
Anwalt Schön Wissen Sie, dass da eine Diskette drin gewesen sein soll, mit der Aufschrift »Ali Drecksau, wir hassen dich«?
Mundlos Nein, davon weiß ich nichts.
(Mundlos wird als Zeuge entlassen, beim Hinausgehen wendet er sich noch einmal kurz an Richter Götzl und sagt: »Tut mir Leid, dass unser persönliches Verhältnis in der Presse als Hauptgegenstand dargestellt wurde.« Es folgen Erklärungen der Nebenklage-Anwälte.)
Anwalt Hoffmann Die Vernehmung des Zeugen war geprägt durch dessen Bemühen, jede Verantwortung für die Straftaten des NSU von seinem Sohn abzuwehren. Er hat sich in ein geschlossenes Bild hineingearbeitet, wonach der Sohn ein unschuldiges Opfer fehlgeleiteter Polizeiarbeit sei, verleitet von V-Leuten des Verfassungsschutzes. Uwe Mundlos habe nur aus Freundschaft Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe in den Untergrund begleitet. Das eigene Versagen bei der Erziehung, das Ausmaß der Gefährlichkeit seines Sohns – das hat er nicht erkannt. Er hat den Bezug zur Realität verloren. Er spricht von zwölf Opfern des NSU und bezieht seinen Sohn da mit ein. Das mag einem verzweifelten Vater zugestanden sein, muss sich aber auf die Bewertung der Zeugenaussage auswirken.
Anwalt Bliwier Ich finde es schwierig, dem Vater eine Verantwortung zuzuschreiben und dass er versagt habe. Ich finde es höchst problematisch. Ihm sind wesentliche Entwicklungsschritte des Sohnes verborgen geblieben. Die Bewaffnung, die Aktivitäten in der Neonaziszene – das alles ist ihm verborgen geblieben.
Verteidigerin Sturm Die Erklärung des Kollegen Hoffmann geht schlicht am Kern vorbei. Es ist für die Tat und die Schuldfrage irrelevant, ob der Zeuge Mundlos bei sich eine Verantwortung sieht. Der Zeuge hat einen Ausschnitt aus dem Leben seines Sohns mitbekommen, das hat er hier vorgetragen. An der Glaubwürdigkeit bestehen keine Zweifel. Er hat geschildert, dass er Beate Zschäpe als freundliche, sehr kinderliebe Person kennengelernt hat, die er in der Zeit von 1992 bis 94 eher dem linken Spektrum zugeordnet hat. Und er hat bei Beate Zschäpe keinen Fremdenhass wahrgenommen.
Anwalt Bliwier Frau Zschäpe mag ja kinderlieb gewesen sein. Aber ich erinnere an Beispiele aus der Geschichte: Es gab auch KZ-Kommandanten, die ihre Kinder liebten und trotzdem Lagerhäftlinge vom Balkon aus erschossen.
Tag 71
20. Dezember 2013
Manfred Götzl, Richter. Charlotte Erber, 91, frühere Nachbarin von Beate Zschäpe in der Frühlingsstraße in Zwickau, die durch den Brand ihr Zuhause verlor. Stefan Schmidt, Vertreter der Bundesanwaltschaft. Wolfgang Stahl, Verteidiger von Beate Zschäpe. Michael Kaiser, Verteidiger von André Eminger. Eberhard Reinecke, Anwalt der Nebenklage.
(Auf den Projektionswänden im Gerichtssaal ist das Bild eines Aufenthaltsraums in einem Altenheim in Zwickau zu sehen. Am Tisch sitzt eine alte, zerbrechlich wirkende Dame im Rollstuhl, die frühere Nachbarin von Beate Zschäpe, Charlotte Erber. Die 91-Jährige ist frisch onduliert, eine Pflegerin richtet ihr noch die Bluse. Daneben sitzt ein Polizist. Eine Kamera nimmt auf, was die Zeugin sagt, und überträgt es in den Gerichtssaal nach München.)
Götzl Der Polizist wird darauf achten, dass keine Einflussnahme auf die Zeugin erfolgt. Zunächst werde ich fragen, dann die Bundesanwaltschaft, dann die Verteidigung von Frau Zschäpe, dann die Nebenklage. Dann bitte ich um Schaltung nach Zwickau.
Verteidiger Kaiser Ich möchte darauf hinweisen, dass keinem der Nebenklagevertreter ein Fragerecht bei dieser Zeugin zusteht.
Götzl Die Nebenkläger werden sich wegen des Gesundheitszustands und des Alters der Zeugin sehr zurückhalten.
Verteidiger Kaiser Das muss aber …
Götzl (unterbricht unwirsch) Meinen Sie, das ist der richtige Zeitpunkt, um die Frau den Strapazen noch länger auszusetzen? Sie sitzt bereits in Zwickau. Dann hätten Sie das gestern klären müssen.
Verteidiger Kaiser Ich verzichte darauf, dass das jetzt geklärt wird.
Götzl Guten Morgen, Frau Erber.
Erber Guten Morgen.
Götzl Ich darf mich Ihnen zunächst vorstellen. Ich bin der Vorsitzende des 6. Strafsenats. Wie geht es Ihnen?
Erber Nicht so gut.
Götzl Können wir die Vernehmung durchführen?
Erber (haucht) Ja.
Götzl Sie sollen sehen, wie die Situation hier im Saal ist. Frau Erber, können Sie die Bilder erkennen? (Die Kamera nimmt den Gerichtssaal in München auf.)
Erber (flüstert) Ja. (Eine Helferin wiederholt das laut.)
Götzl Wie alt sind Sie, Frau Erber?
Erber 92.
Götzl Wann ist Ihr Geburtsdatum? Ist es der 12.8.1922? (Die Frau schaut stumm in die Kamera.)
Götzl Sie sind Rentnerin? Ist das zutreffend?
Erber Ja.
Götzl Wissen Sie Ihre Anschrift, unter der Sie wohnen?
Erber Weiß ich die?
Götzl Sagt Ihnen die Hegelstraße etwas?
Erber Kenn ich nicht.
Götzl Uns ist mitgeteilt worden, dass Sie in der Hegelstraße 3a in Zwickau leben sollen, ist das so?
Erber Die Anschrift weiß ich nicht.
Götzl Wir legen eine Pause ein. Schönen Dank zunächst. (Zum Gerichtssaal gewandt.) Es macht keinen Sinn, die Vernehmung fortzusetzen.
Staatsanwalt Schmidt Die Vernehmungsfähigkeit der Zeugin ist heute und wohl auch dauerhaft nicht gegeben. Bereits bei den Personalien kann sich die Zeugin nicht erinnern. Es ist keine wesentliche Besserung der Vernehmungsfähigkeit zu erwarten. Es gibt auch die Möglichkeit, das Vernehmungsprotokoll von Frau Erber zu verlesen.
Verteidiger Stahl Wir sind keine Sachverständigen, aber das konnte jeder sehen, dass die Vernehmung nicht möglich ist. Wir regen an, der Zeugin die weitere Belastung zu ersparen. Hier ist nicht die optimale Vernehmungssituation geschaffen worden. Für eine Dame diesen Alters ist eine Videovernehmung eine ungewöhnliche, außergewöhnliche Situation, mit der sie kaum umgehen kann. Der Sachverständige hat erklärt, dass eine Videovernehmung möglich sei. Er war guten Mutes, es gibt Phasen, wo die Befragung möglich ist. Heute ist das nicht gegeben.
Anwalt Reinecke Eine weitere Befragung zu einem anderen Zeitpunkt verbietet sich. Warum können Sie nicht schlicht auf die Vernehmung verzichten? Das ist bereits der Ansatz zur Körperverletzung, auf jeden Fall aber eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts. Wenn die Verteidigung noch etwas Anstand und Empathie hat, dann verzichtet die Verteidigung jetzt auf diese Zeugin. Die Aufklärungspflicht gebietet das nicht.
Verteidiger Stahl Ich empfinde es als eine Zumutung, als anstandslos bezeichnet zu werden.
Götzl Es geht um die Aufklärungspflicht. Es geht um Wahrnehmungen vor dem Brandgeschehen und die Folgen für Frau Erber. Die Kritik richtet sich auch gegen uns, habe ich das richtig verstanden?
Anwalt Reinecke Es war nicht erforderlich, diese Zeugin zu laden.
Götzl Man muss die Folgen für das Opfer aufklären. Deswegen haben wir einen Sachverständigen hingeschickt und das so schonend wie möglich gemacht. Rücksicht ist auch immer etwas ganz praktisch Faktisches. Die Zeugin sitzt noch und wartet. Wir können das später diskutieren.
Götzl (Richtung Kamera, die Bilder an das Altenheim Zwickau sendet) Frau Erber, wir werden die Vernehmung nicht fortsetzen. Frau Erber, ich darf mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken. Vielen Dank auch an die Mitwirkenden, die sich hier engagiert haben. Auf Wiedersehen.
Erber (haucht) Wiedersehen.
(Im Frühjahr 2015 ist Charlotte Erber gestorben. Sie wurde nicht noch einmal als Zeugin befragt.)
Götzl Sind für heute noch Anträge, Erklärungen? (Stille.) Dann darf ich Ihnen allen erholsame Feiertage wünschen. Die Sitzung ist für heute geschlossen und wird fortgesetzt am 8. Januar um 10.30 Uhr.
Tag 72
8. Januar 2014
Manfred Götzl, Richter. Alexander S., 33, Groß- und Außenhandelskaufmann aus Hannover. Seine Frau hatte dem Angeklagten Holger Gerlach eine AOK-Karte verkauft, die Gerlach an Beate Zschäpe weitergab. Thomas Bliwier, Alexander Hoffmann, Anwälte der Nebenklage.
Götzl Dann setzen wir im Verfahren fort. Ich darf Sie begrüßen. Wir kommen zum nächsten Zeugen. (Der Zeuge Alexander S. wird in den Gerichtssaal gerufen.)
Götzl Herr S., es geht um die AOK-Karte, die Ihre Frau an Herrn Gerlach übergeben haben soll. Was können Sie dazu sagen?
Alexander S. Herr Gerlach hat uns gefragt, ob meine Frau ihre Versicherungskarte verkaufen würde.
Götzl Ja und?
Alexander S. Meine Frau hat dem zugestimmt und wir haben 300 Euro dafür erhalten.
Götzl Können Sie ein bisschen ausholen? Die Umstände, die Situation, wie es kam.
Alexander S. Genaue Erinnerungen habe ich so nicht mehr. Es war ein gemeinsames Zusammensitzen bei Herrn Gerlach oder bei uns. Ein feuchtfröhlicher Abend.
Götzl Wie ist der Abend verlaufen? Wie kam es dazu? Können Sie da ins Detail gehen?
Alexander S. Ich kann schlecht ins Detail gehen. Der Abend war feuchtfröhlich, eine genaue Erinnerung habe ich nicht.
Götzl Was ist denn noch in Erinnerung?
Alexander S. Dass wir zu dritt zusammensaßen und Herr Gerlach meine Frau gefragt hat, ob sie ihm für 300 Euro ihre Karte gibt.
Götzl Hat er gesagt, wofür er die benötigt?
Alexander S. Nein.
Götzl Ist von Ihnen oder Ihrer Frau nachgefragt worden?
Alexander S. Nein.
Götzl Wieso nicht?
Alexander S. Es hat mich zum damaligen Zeitpunkt nicht interessiert.
Götzl Haben Sie Überlegungen angestellt, wofür Herr Gerlach die Karte brauchen könnte?
Alexander S. Nein.
Götzl Erinnern Sie, wann der Abend war?
Alexander S. 2005, 2006, irgendwie so was.
Götzl Sind Sie nach der Übergabe der Karte noch in der Wohnung geblieben?
Alexander S. Habe keine Erinnerung mehr.
Götzl Aber Sie haben doch Erinnerung, dass es feuchtfröhlich war?
Alexander S. Ich habe Schwierigkeiten, den einen Abend herauszupicken. Es gab viele solcher Abende.
Götzl Wie sahen solche Abende aus? Was wurde konsumiert?
Alexander S. Alkohol. Ich weiß nicht mehr, ob ich Warsteiner oder Gilde Ratskeller getrunken haben.
Götzl Wie sah es mit Konsum von Herrn Gerlach aus?
Alexander S. Beim Alkohol hat er sich sehr zurückgehalten.
Götzl Wo hat er sich nicht zurückgehalten?
Alexander S. Beim sonstigen Konsum.
Götzl Was hat er konsumiert?
Alexander S. Amphetamine vorwiegend. Das waren zum damaligen Zeitpunkt schon recht hohe Mengen. Am Ende eines Abends war er sehr durch den Wind.
(Er lacht kurz auf.)
Götzl Was heißt das?
Alexander S. Er war redefreudig, hatte Ausfallerscheinungen. Einen hohen Bewegungsdrang. Schlechte Konzentration.
Götzl Was muss ich mir drunter vorstellen?
Alexander S. Hibbelig sein, hyperaktiv sein, würde ich bei einem Kind sagen.
Götzl Wie lange kannten Sie Herrn Gerlach damals schon?
Alexander S. Schon ein paar Jahre. Auf einer Geburtstagsfeier habe ich ihn kennengelernt. Um das Jahr 2000 herum.
Götzl Wo lagen Ihre Gemeinsamkeiten?
Alexander S. Konzertbesuche, Kino, Clubbesuche, elektronische Musik.
Götzl Gab es auch im politischen Bereich Gemeinsamkeiten?
Alexander S. Konzertbesuche. Wir sind gemeinsam auf Demos gegangen.
Götzl Können Sie da ein bisschen ausholen?
Alexander S. Wir waren nie gemeinsam organisiert. Ich war im Hildesheimer Raum in einer Kameradschaft aktiv. Von der wurden die Fahrten organisiert.
Götzl Können Sie auch zu Ihrer eigenen Einstellung was sagen?
Alexander S. Wir hatten damals eine nationalsozialistische Einstellung.
Götzl Was beschreiben Sie damit?
Alexander S. Konkret war man daran interessiert, die Gesellschaft dahingehend zu verändern, dass sie sich zu einer nationalsozialistischen entwickelt.
Götzl Was bedeutet das? Was haben Sie angestrebt?
Alexander S. Ich habe versucht, bei gesellschaftlichen Themen, die mich interessiert haben, mitzuwirken. Auf Demos zu gehen und Flugblätter zu verteilen. Ich hab mir nicht angemaßt, den Staat zu verändern.
Götzl Worum ging es Ihnen dann?
Alexander S. Kann ich heute nicht mehr nachvollziehen.
Götzl Da sollten Sie sich aber bemühen. Sonst wird es länger dauern. Sie weichen mir aus, so empfinde ich das, Herr S. Was bedeutete das für Sie? Das müssen Sie mir jetzt erklären.
Alexander S. Das kann ich nicht erklären.
Götzl Worum ging es bei der Demo? Wofür oder wogegen haben Sie demonstriert?
Alexander S. Ich war auf der Rudolf-Heß-Demo in Wunsiedel, und auf Demos zum 1.Mai.
Götzl Ja, und welche politische Bewegung haben Sie da unterstützt? Um was ging es Ihnen persönlich?
Alexander S. Ich hatte eine nationalsozialistische Weltanschauung und habe mich an Demos beteiligt, wo ich mich aufgehoben gefühlt habe.
Götzl Was war dann der Grund, dass Sie auf die Demos gegangen sind?
Alexander S. Ich habe mich Zielen zugewandt, denen ich positiv gegenüberstand. Weil mich das Thema bewegt hat.
Götzl Können Sie ein konkretes Thema sagen?
Alexander S. Ich habe kein konkretes Thema im Kopf.
Götzl Was hatten Sie vor Augen, wenn Sie sagen, mich hat etwas bewegt?
Alexander S. Zum Beispiel, wenn ich etwas als ungerecht dargestellt empfunden habe.
Götzl Können Sie Beispiele nennen?
Alexander S. Zum Beispiel im Fall Rudolf Heß, die öffentliche Darstellung des Ganzen.
Götzl Dann sagen Sie mir halt, was Sie gestört hat?
Alexander S. Ich habe mich lange nicht mehr damit auseinandergesetzt. Ich möchte dazu keine Angabe machen.
Götzl Das geht aber nicht, Sie stehen hier unter Zeugenpflicht. Jetzt machen wir mal 20 Minuten Pause und dann denken Sie jetzt nach.
(Nach der Pause wird die Befragung des Zeugen fortgesetzt.)
Götzl Erinnern Sie sich noch, was ich Sie gefragt habe?
Alexander S. Sie haben mich nach meinen Beweggründen befragt – ich habe mich intensiv damit befasst, kann aber nach wie vor nicht nachvollziehen, was mich damals bewegt hat.
Götzl Da werden Sie Probleme bekommen, das sage ich Ihnen gleich. Ich weise Sie darauf hin, dass Verschweigen ebenfalls eine Falschaussage ist. Ich habe Sie jetzt schon ganz gut kennengelernt, und wenn Sie meinen, dass Sie so mit den Fragen umgehen können: Das wird nicht funktionieren. Bleiben wir jetzt einfach dabei, was Sie gesagt haben: Es hätte Sie die öffentliche Darstellung von Rudolf Heß gestört.
Alexander S. Ja, die Darstellung als Kriegsverbrecher, die hat mich damals gestört.
Götzl Was wäre die richtige Darstellung gewesen?
Alexander S. Die Darstellung eines Mannes, der sich für den Frieden eingesetzt hat.
Götzl Haben Sie weitere Beispiele, was Sie noch als ungerecht empfunden haben?
Alexander S. Zwei Töchter wurden damals von der Waldorfschule verwiesen, weil ihre Mutter dem rechten Spektrum zugeordnet wurde.
Götzl Wann war das?
Alexander S. Ende der Neunziger.
Götzl An wie vielen Demos haben Sie teilgenommen?
Alexander S. Grob geschätzt zwischen zehn und zwanzig. So zwischen 1996 und 2003/2004.
Götzl Was war nach 2003/2004?
Alexander S. Da haben sich meine Lebensumstände geändert.
Götzl Inwiefern?
Alexander S. Das politische Interesse war nicht mehr gegeben.
Götzl Wie kam es dazu?
Alexander S. Meine Freizeitgestaltung hat sich dahingehend entwickelt, dass ich bei Feiern mit elektronischer Musik war. Ich bin mit anderen Leuten in Kontakt gekommen, mein Freundeskreis hat sich im Laufe der Zeit geändert.
Götzl Im Laufe der Zeit?
Alexander S. Innerhalb von wenigen Monaten. Meine politische Weltanschauung hat nichts mehr mit meiner Lebensrealität zu tun gehabt. Es gab Ausländer im Bekanntenkreis, ich hab mit Juden zusammengearbeitet. Ich habe meine Positionen überdacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass sie nicht zeitgemäß sind.
Götzl Und welche Positionen waren das?
Alexander S. Fremdenfeindlichkeit, nationale Ideen insgesamt, weil ich glaube, dass wir in einer Welt mit globalen Problemen leben.
Götzl Wie war die politische Einstellung von Herrn Gerlach?
Alexander S. Ich habe ihn als Rechten kennengelernt.
Götzl Was hatte er für Vorstellungen?
Alexander S. Er war der Meinung, dass es zu viele Ausländer in Deutschland gibt.
Götzl Sie sagen, um 2003, 2004 hat sich Ihre politische Einstellung geändert. Was hat Herr Gerlach dazu gesagt?
Alexander S. Er ist diesen Weg mitgegangen.
Götzl Was heißt das im Konkreten?
Alexander S. Soweit ich das empfinden kann, ist er diesen Idealen nicht mehr nachgehangen.
Götzl Hat sich bei Herrn Gerlach irgendwas verändert in den Lebensumständen?
Alexander S. Die Feierei ging los.
Götzl Holen Sie doch einfach mal ein bisschen aus.
Alexander S. Es wurden viele Drogen konsumiert. Und das passt dann einfach nicht mehr zu den bisherigen Einstellungen. Drogen wurden immer abgelehnt. Und so entfernt man sich immer weiter.
Götzl Haben Sie mit Ihrer Frau über Ihre Aussage bei der Polizei gesprochen?
Alexander S. Ja.
Götzl Worüber?
Alexander S. Sie hatte mir erzählt, dass sie auf viele Fragen keine Antworten mehr hatte. Auch gemeinsames Brainstorming hilft uns da nicht weiter.
Götzl Wo wurde die Karte übergeben?
Alexander S. Meine Frau erinnert sich daran, dass es in der Örtlichkeit von Herrn Gerlach war.
Götzl Wie ging es für Ihre Frau damals weiter?
Alexander S. Sie hat ihre Karte drei Tage später als verloren oder gestohlen gemeldet und eine neue zugeschickt bekommen.
Götzl Hatten Sie keine Bedenken, dass es Schwierigkeiten für Ihre Frau geben könnte?
Alexander S. Nein, wir dachten, wenn die Karte verloren gemeldet ist, kann man sie auch nicht mehr nutzen.




