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Götzl Und was sollte dann die Investition von 300 Euro von Herrn Gerlach?
Alexander S. Weiß ich nicht.
Götzl Und das war Ihnen keine Nachfrage wert?
Alexander S. Nein.
Götzl Wieso eigentlich nicht?
Alexander S. Hat mich nicht interessiert.
Anwalt Bliwier Herr S., wurden Sie mal wegen uneidlicher Falschaussage verurteilt?
Alexander S. Ja.
Anwalt Bliwier Worum ging es?
Alexander S. Ein Verkehrsdelikt. Ich würde immer noch sagen, dass der Angeklagte zu Unrecht verurteilt wurde.
Anwalt Bliwier Sie hatten von einem Treffen in einer Eisdiele und einem Treffen bei der Mutter von Gerlach berichtet. Gab es weitere Treffen?
Alexander S. Kurz nach seiner Haftentlassung waren wir im Seehaus in Isernhagen (in der Region Hannover), Herr Gerlach, seine Mutter, seine Lebensgefährtin, meine Frau und ich. Wir haben auf seine wiedergewonnene Freiheit angestoßen.
Anwalt Bliwier Worüber haben Sie noch gesprochen?
Alexander S. Es ging auch darum, dass er mir versichert hat, dass er von alldem nichts wusste.
Anwalt Bliwier Haben Sie auch über Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe gesprochen?
Alexander S. Er fühlte sich von denen, glaube ich, etwas hintergangen. Er sagte, dass er sich das nie hätte vorstellen können. Und dass er sich hintergangen fühlt, dass das unter seiner Mithilfe geschehen ist.
Anwalt Bliwier Was meinte er mit Mithilfe?
Alexander S. Die angemieteten Wohnmobile, den Reisepass und den Führerschein.
Anwalt Bliwier Hat er mal von einem Waffentransport berichtet?
Alexander S. Nein.
Anwalt Bliwier Haben Sie ihm eigentlich irgendwann mal Vorwürfe gemacht?
Alexander S. Noch nicht.
Anwalt Hofmann Hat Herr Gerlach Ihnen erklärt, für wen die Karte war?
Alexander S. Er wollte sie, weil Frau Zschäpe zu einem Arzttermin musste.
Anwalt Hofmann Hat er Ihnen erklärt, warum er das gemacht hat?
Alexander S. Kann ich mich nicht erinnern.
Tag 73
14. Januar 2014
Manfred Götzl, Richter. Bernhard V., 43, Polizist aus Zwickau. Sandy N., 25, Masseurin aus Zwickau. Erwin Koops, 73, Rechtsmediziner aus Hamburg.
Bernhard V. Am 8.11.2011 wurde Frau Zschäpe in der Polizeiinspektion Jena festgenommen. Ich hatte die Aufgabe, Kleidung und Gegenstände zu fotografieren, die bei ihr sichergestellt wurden.
Götzl Dann wird es am sinnvollsten sein, die Lichtbilder anzusehen. Ich wäre dankbar, wenn Sie einfach nach vorne kommen.
Bernhard V. (geht ans Richterpult. Das erste Foto wird auf zwei Wänden im Gericht gezeigt.) Die sind ja schwarz-weiß!
Götzl So ist es.
Bernhard V. Bild 15 ist eine Socke, da ist mir aufgefallen, die hat sehr unangenehm gerochen, das kann man hier nicht wahrnehmen. Bild 16 ist die andere Socke. Bild 30 ist die Geldbörse, da hab ich das Münzgeld rausgenommen und fotografiert.
Götzl Haben Sie den Betrag noch in Erinnerung?
Bernhard V. Es waren keine 15 Euro.
Götzl Im Aktenvermerk, den Sie gefertigt haben, heißt es: 12,23 Euro.
Bernhard V. Ich hoffe, ich hab mich nicht verzählt.
Bild 32 zeigt die Handtasche, sieht aus wie Leopardenfell.
Bild 61 – eine befüllte Zigarettenschachtel »Power-Gold«.
Bild 64 ist eine Ansicht der vier Feuerzeuge, die in der Handtasche waren, die sind alle gegangen, ich hab da mal gedrückt, da kam eine Flamme.
Bild 69 ist ein Pfefferspray, das auch in der Handtasche war.
Bild 85 zeigt einen Servicepass von einem Fahrradgeschäft, mit den Personalien von Susann Eminger drauf, Dortmunder Straße, Zwickau.
Bild 89 – eine Fahrkarte, Schönes-Wochenendticket, gültig am 6.11.2011, dreimal gestempelt, wieder mit dem Namen Susann Eminger drauf.
(Bernhard V. wird als Zeuge entlassen. Sandy N. betritt den Gerichtssaal.)
Götzl Es geht um Handyverträge …
Sandy N. Ich wusste erst gar nicht, worum es geht. Dann haben die mir das aber gezeigt. Dass ich ein Handy gekauft hab. Ich war drogenabhängig. Ich war in der Stadt, da hat mich eine Frau angesprochen, dass sie für ihre Nichte ein Handy kaufen will, sie habe aber ihren Ausweis vergessen. Ob ich das holen könne. Ich hab mir dabei nichts gedacht, weil es ein Prepaid-Handy war. Sie hat mir auch 20 oder 40 Euro dafür gegeben.
Götzl Können Sie es noch zeitlich einordnen?
Sandy N. Ich glaube 2006 oder 2008. Im D1-Laden schräg gegenüber vom New Yorker.
Götzl Wo sind Sie angesprochen worden?
Sandy N. Ungefähr vor dem New Yorker. Die hatte Beutel dabei mit verpackten Geschenken, deshalb war das auch glaubwürdig. Die Nichte wollte unbedingt das Handy haben. Und ich würde auch was dafür bekommen.
Götzl Was haben Sie dazu gesagt? Haben Sie Bedenken gehabt?
Sandy N. Nee, ich dachte, was will man mit ’nem Prepaid-Handy machen? Ich dachte, die hat ja nicht meine Daten. Mittlerweile weiß ich halt, dass das trotzdem auf meinen Namen läuft. Und ich hab nicht gedacht, dass da so was bei rauskommt.
Götzl Können Sie die Frau noch beschreiben?
Sandy N. Etwas größer als ich, schlank, schwarze Haare, einen Dutt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das nicht war (zeigt auf Zschäpe). Eher nicht. Die Frau war wie gesagt sehr schlank und so Mitte, Ende zwanzig.
Götzl Wer ist dann in den Laden gegangen?
Sandy N. Ich mit der Frau. Es ging sehr schnell. Ich bin da hin mit dem Handy, ich hab dem Verkäufer den Ausweis gegeben, sie hat bezahlt.
(Die Zeugin soll nach vorne kommen, ihr wird ein im Brandschutt von Zwickau gefundener Handyvertrag gezeigt.)
Sandy N. Meine Unterschrift ist das.
Götzl Da ist ein Datum drauf: 10.2.2010.
Sandy N. Ich dachte, dass das länger her war. Zu dem Zeitpunkt war ich schon in der Ausbildung. Das kann nicht sein.
(Der Zeuge Koops wird aufgerufen.)
Koops Wir haben am 27.6.01 die Obduktion von Süleyman Taşköprü durchgeführt. Uns wurde mitgeteilt, dass Herr Taşköprü vormittags von seinem Vater in dem gemeinsamen Obst- und Gemüsegeschäft leblos in einer Blutlache gefunden wurde. Die ersten Sanitäter konnten noch leichte Herzbewegung erkennen, der Notarzt aber nicht mehr. Die Sektion fand am selben Tag statt. Er war völlig organgesund. Als wesentliche Verletzung haben wir drei Kopfsteckschussverletzungen gefunden: Ein Gesichtsdurchschuss mit Einschuss vor dem linken Ohr an der Wange. Unter der Haut fand sich ein kupferfarbenes Vollmantelgeschoss. Als zweite Verletzung ist zu nennen: ein Hinterhauptssteckschuss mit einer trichterförmigen Kopfhautverletzung. Drittens ein weiterer Hinterhauptssteckschuss, ein sogenannter aufgesetzter Schuss mit den klassischen Zeichen: einer kleinen Schussplatzwunde. Als Folge dieser drei Verletzungen ist es zu einer Hirnlähmung gekommen.
Tag 74
15. Januar 2014
Manfred Götzl, Richter. Christian Setzensack, 61, Sachverständiger des LKA Bayern. Er sagte am Tag 436 aus. Anette Greger, 47, Vertreterin der Bundesanwaltschaft. Wolfgang Stahl, Verteidiger von Beate Zschäpe.
Götzl Es geht uns um die Explosion in der Frühlingsstraße 26 in Zwickau am 4.11.2011. Dazu würde ich Sie bitten, Ihre Gutachten zu erstatten.
Setzensack Dieser Brand war gekennzeichnet durch zwei Merkmale: eine heftige Explosion und eine sehr, sehr rasche Brandausbreitung. Könnte es ein normaler Brand gewesen sein, verursacht durch einen Kurzschluss oder weil man vergisst, die Pfanne mit Öl vom Herd zu nehmen? Nein. Bei normalen Bränden gibt es keine Explosionen. Da fallen keine Außenwände heraus. Könnte es eine Gasexplosion gewesen sein? Von der Druckwirkung her ja, aber nicht von der Brandausweitung. Was dann? Die einzige Möglichkeit ist: Ein leicht flüchtiges Brandlegungsmittel wurde großflächig verteilt und entzündet. Die Explosion gibt es, weil sich explosive Wolken bilden. Die rasche Brandausweitung bekommt man, weil man Lachen hat, innerhalb von Sekunden können da große Teile der Wohnung in Brand stehen. Heizöl kann man ausscheiden, da gäbe es auch keine Explosion. Man hat Hunde suchen lassen, die haben an 22 Stellen angezeigt, und in 19 Proben wurde Benzin festgestellt. Im Treppenhaus wurde ein 10-Liter-Benzinkanister aufgefunden, geöffnet und fast leer. Indizien sprechen dafür, dass der Brand vermutlich von der Wohnungstüre aus gezündet worden ist. Streichhölzer hat man nicht gefunden, also war es vermutlich ein Feuerzeug oder so etwas. Sind andere Personen in Gefahr gebracht worden? Diese Frage kann man mit einem klaren Ja beantworten. Es hätte jemand die herausfallende Außenwand auf den Kopf bekommen können. Die Trennwand zur Wohnung von Frau Erber wies Risse auf. Wenn die Explosion etwas anders verlaufen wäre, dann hätte die Wand genauso gut fallen können. Eine große Gefahr stellen auch die Rauchgase dar: Sie sind hochgradig toxisch. Wenn Sie da den Kopf reinstecken, dann sind Sie bewusstlos, und ein, zwei Minuten, dann sind Sie tot. Durch die Trennwand zur Wohnung von Frau Erber konnten bereits Rauchgase dringen.
Oberstaatsanwältin Greger Können Sie Angaben zur Menge des ausgebrachten Brandmittels machen?
Setzensack Die Menge ist schwer zu schätzen. Man kommt auf eine absolute Untergrenze von fünf Liter raus. Ansonsten könnte man diese Druckschäden nicht erklären. Als Obergrenze würde ich 20 Liter schätzen, aber das ist wirklich äußerst ungenau. (Er zeigt ein Foto von einem völlig zerstörten Familienhaus.) Also, dies hier ist ein anderer Fall. Dort sind 35 Liter verschüttet worden. So hat es in Zwickau nicht ausgesehen.
Verteidiger Stahl Können Sie den Zeitpunkt angeben, bis zu dem man in der Wohnung noch gefahrlos eine Zündung vornehmen kann?
Setzensack Wenn Sie neben einer explosiven Wolke stehen, dann gibt es einen Feuerball. Wenn Sie direkt daneben stehen, geht der Feuerball über Sie hinweg. Üblicherweise ziehen sich die Leute da Verbrennungen an unbedeckten Körperstellen zu. Im Allgemeinen sieht man aber nichts mehr, wenn man den Brandstiftern später im Gericht begegnet.
Verteidiger Stahl Mich interessiert nur das Zeitfenster: Wie viel Zeit nach Ausbringen des Brandlegungsmittel zur Verfügung steht, ohne dass es zur Explosion kommt?
Setzensack Bei einer durchgehenden Luntenspur wäre die Explosion etwa drei bis vier Sekunden nach der Entzündung gekommen. Wenn ich eine unterbrochene Luntenspur habe, dauert es etwas länger, vielleicht zehn Sekunden. (Er zeigt das Foto eines Experiments mit einer Benzinlache und einem Teelicht.) Für eine Brandstiftung würde ich statt Benzin lieber zum Beispiel Diesel benutzen, weil da keine Gefahr besteht, sich durch eine Explosion zu verletzen.
Tag 75
16. Januar 2014
Manfred Götzl, Richter. Kerstin K., 30, Joachim T., 44, Stefan R., 44, Polizeibeamte aus Heilbronn. Martin A., 31, Kollege der ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter. Thomas Bliwier, Anwalt der Nebenklage.
(Es geht um den Mord an Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 in Heilbronn.)
Götzl Es geht uns um einen Einsatz von Ihnen im April 2007.
Kerstin K. Ich war im Funkraum auf der Wache und erhielt einen Anruf von einem Taxifahrer: Da steht ein Wagen mit zwei Polizisten auf der Theresienwiese, die erschossen worden sind. Wir sind sofort hin. Als wir dort ankamen, habe ich gleich gesehen, dass die Kollegin ex ist. Ich bin rüber zum Kollegen, der lag auf dem Boden, hatte die Augen geschlossen. Er hat kurz die Augen aufgemacht. Wir sind dann hinter das Haus, an dem das Fahrzeug stand, um zu sehen, ob da jemand ist. Dann habe ich Erste Hilfe bei dem Kollegen geleistet.
Götzl Wann waren Sie vor Ort?
Kerstin K. Ich meine, etwa um 14.10 Uhr. Wir waren wirklich in zwei Minuten da. Wir sind wirklich gerast.
Götzl Wie war die Lage, als Sie am Einsatzort ankamen?
Kerstin K. Die Kollegin lag Richtung A-Holm gelehnt, so halb draußen aus dem Fahrzeug. Der Kollege lag auf der Beifahrerseite halb draußen, seine Füße noch im Fußraum. Auf dem Sitz lagen seine Sonnenbrille und eine Zigarette. Das Gürtelsystem der Kollegin war total verdreht. (Dienstwaffe und Handschellen von Kiesewetter wurden bei dem Mordanschlag entwendet. Im November 2011 wurde beides im Brandschutt in der Frühlingsstraße in Zwickau und im Wohnmobil in Eisenach sichergestellt.)
Götzl Haben Sie Verletzungen gesehen?
Kerstin K. Nur beim Kollegen, er hat am Kopf geblutet. Wir haben die Schutzweste aufgemacht und das Hemd. Die Kollegin wurde weggetragen.
Götzl Hat der Kollege reagiert?
Kerstin K. Er hat die Augen aufgemacht und die Hand gehoben. Ich habe seine Hand festgehalten, damit er sich nicht ans Ohr fasst.
Götzl Wie lange hat es gedauert, bis der Rettungswagen kam?
Kerstin K. Zehn Minuten ungefähr.
Götzl Haben Sie Feststellungen bezüglich der Waffen gemacht?
Kerstin K. Ja, ich habe gesehen, da fehlt ja die Waffe. Und ich habe ein Projektil in der Rückenlehne des Fahrersitzes gesehen.
Götzl War Ihnen die Theresienwiese ein Begriff?
Kerstin K. Ja, wir haben da selbst mal ein Eis gegessen.
Götzl Welche Rolle hat der Ort für die Polizei gespielt?
Kerstin K. Die Bereitschaftspolizei hat da immer Pause gemacht. Das war ein Rückzugsort.
(Als nächster Zeuge tritt Polizeihauptkommissar Joachim T. auf.)
Götzl Es geht uns um den 25. April 2007. Erzählen Sie bitte.
Joachim T. Bei der Anfahrt auf die Theresienwiese sah man schon das Fahrzeug und die offenen Türen. Ich bin auf die Fahrerseite, wo die Kollegin Kiesewetter kopfüber teilweise heraushing. Ich hab sie aus dem Fahrzeug gezogen und die Füße drin belassen. Dabei habe ich gesehen, dass sie vermutlich einen Kopfschuss hatte. Für mich war die Kollegin verstorben, ich konnte keine Maßnahmen mehr treffen. Ich habe mich dann dem Kollegen zugewandt. Ich habe seinen Puls gefühlt. In dem Moment hat er die Augen aufgeschlagen und mich angeschaut. Ich habe ihm sofort das Hemd aufgerissen und die Schutzweste entfernt, um ihm Erleichterung beim Atmen zu verschaffen. Dann ist ein Kollege gekommen und hat gesagt, er ist Rettungssanitäter. Ich habe noch versucht, die Kollegin zu beatmen. Das hat aber nicht funktioniert. Dann kam der Rettungswagen. Nach ein paar Sekunden sagte der Sanitäter, dass er auch nichts mehr für sie tun kann.
Götzl Haben Sie festgestellt, dass irgendwas fehlte?
Joachim T. Ja, die Schusswaffe der Kollegin fehlte, auch eine Schließe und das Magazin. Die Schusswaffen waren beide nicht mehr da. (Auch die Dienstwaffe von Kiesewetters Kollegen Martin A. war entwendet worden.)
(Nach einem weiteren Zeugen folgt der Zeuge R., Kriminalbeamter aus Heilbronn.)
Götzl Welche Gegenstände waren Ihren Kollegen zugeteilt und was fehlte nach der Tat?
Stefan R. Ausgehändigt waren an beide eine Neun-Millimeter-Pistole mit Ersatzmagazin, Handschließen, ein Reizgassprühgerät. Wir haben festgestellt, dass beim Kollegen A. die Waffe entwendet wurde und bei der Kollegin Kiesewetter die Waffe, das dazugehörige Magazin und das Reizgassprühgerät. Ein Taschenmesser der Marke Victorinox, Farbe grün, ist bisher nicht aufgefunden. Und anfangs war nicht klar, ob die Handschließen der Kollegin auch entwendet wurden. In jeder Handschließe ist eine vierstellige Nummer eingestanzt, diese Individualnummer dient zur Identifizierung und zum Zuordnen der Schließen zu einem Beamten.
Götzl Sie waren mit den Ermittlungen zur Einsatzplanung befasst. Was können Sie dazu erzählen?
Stefan R. Ja, am 16. oder 17. April kam eine Anfrage wegen der Einsatzplanung am 25.7.2007 in Heilbronn. Eigentlich war es eine Urlaubswoche, es gab einen Aushang, um freiwillige Beamten zu finden. Frau Kiesewetter meldete sich darauf am 19. April, und fragte, ob man sie nicht drauf schreiben könnte, weil sie noch Stunden gebraucht hatte. Das war ihr Wunsch, sie hat dann auch einen Tauschpartner gefunden.
Götzl Was können Sie zur Theresienwiese sagen?
Stefan R. Das ist ähnlich wie hier in München, es handelt sich um einen Festplatz. Es ist bekannt, dass man da mal hinfahren kann, um ungestört was zu essen. Das war fast allen als Pausenplatz bekannt. Ich meine, der Herr A. war zum ersten Mal in Heilbronn in Einsatz. Er kannte den Ort wohl nicht. Frau Kiesewetter hatte schon mehrere Einsätze gehabt.
Anwalt Bliwier Haben Sie auch Ermittlungen angestellt über Einsätze von Frau Kiesewetter in der Vergangenheit?
Stefan R. Ja, aber ich weiß nicht mehr, wie viele Jahre wir zurückgegangen sind.
Anwalt Bliwier Es gibt eine Aufstellung über Einsätze aus besonderem Anlass 2006/2007 – stammt die von Ihnen?
Stefan R. Weiß ich nicht.
Anwalt Bliwier Ich zitiere: Stuttgart, 28.1.06 – Demo rechts. Ulm, 13.2.06 – Veranstaltung rechts. Pforzheim, 23. 2. 06 – Veranstaltung rechts. Göttingen, 12.5.06 – Aufzug rechts. Ellwangen, 25.11.06 – Demo rechts. (Er nennt noch weitere Einsätze bei Demons trationen von Rechtsradikalen.)
Stefan R. Ja, das waren Demonstrationen, bei denen die Kollegin im Einsatz war.
Anwalt Bliwier Gab es Anlass zur Vermutung, dass die Ermordung mit ihren früheren Einsätzen zu tun haben könnte?
Stefan R. Das weiß ich nicht, ich sollte nur eine Liste ihrer Einsätze erstellen.
Anwalt Bliwier Haben andere Kollegen diese Frage untersucht?
Stefan R. Ich weiß es nicht mehr, tut mir leid.
(Der letzte Zeuge des Tages ist Martin A., der beim Anschlag mit Michèle Kiesewetter im Fahrzeug saß.)
Martin A. Es war ein schöner Tag, wir hatten schon am Morgen auf der Theresienwiese eine Raucherpause gemacht. Zur Mittagspause haben wir was vom Bäcker geholt. Davor sind wir noch kurz aufs Präsidium, und dann haben wir uns direkt auf die Theresienwiese gestellt. Und da hört es auch schon langsam auf … Gut, wir haben vorher dort noch zwei Gruppen kontrolliert, am Hallenbad. Das waren aber unrelevante Personen. Und eine Frau mit Platzverweis hat glaubhaft versichert, dass sie auf ihren Jungen wartete, der mit der Schulklasse im Bad war. Einen Drogensüchtigen haben wir noch kontrolliert, der hat uns sofort seine alten Einspritzlöcher gezeigt, er sei jetzt clean.
Götzl Was haben Sie noch in Erinnerung?
Martin A. Eigentlich nur noch, dass wir auf den Schotterplatz (die Theresienwiese) raufgefahren sind. Alles andere habe ich mir rekonstruiert. Aus Presseberichten. Dass wir geparkt haben und wie wir geparkt haben, weiß ich nur aus den Medien.
Götzl Wann setzt Ihre Erinnerung wieder ein?
Martin A. Eigentlich gar nicht.
Götzl Was wissen Sie noch von Ihrem Krankenhausaufenthalt?
Martin A. Ich dachte, ich lag sieben Wochen im Koma. Es waren aber nur viereinhalb Wochen. Als ich aufwachte, wusste ich nicht, was ich da soll. Meine Arme waren voll mit Infusionen. Ich hab mir alles rausgerissen, weil ich dachte, das ist ein Scherz meiner Kollegen, die trainieren sehr praxisnah. Daraufhin habe ich viel Blut verloren und bin sofort wieder umgefallen.
Meine Mutter und meine Schwestern waren da. Sie haben mir nur gesagt, dass ich einen Unfall hatte. Ich dachte, einen Motorradunfall. Aber dann fiel mir ein: Ich hab ja gar kein Motorrad, nicht mal einen Motorradführerschein. Irgendwann kamen Angehörige der Soko Parkplatz. Sie haben mir gesagt, dass Michèle nicht mehr da ist. Ich hatte keinen Spiegel im Zimmer, auch nicht im Bad, und es gab keine Medien, kein Radio, kein Fernseher. Ich lag zwei Wochen einfach nur da, ohne wirklichen Kontakt zur Außenwelt. Ich habe gefragt, ob ich der Einzige bin, der angeschossen wurde, und was mit Michelé ist. Nee, die liegt nicht im Krankenhaus. Das war’s. Ich bin in Tränen ausgebrochen und wollte das nicht wahrhaben. Ich habe den Kollegen in den Bauch geboxt, weil ich dachte, der will mich auf den Arm nehmen.
Ich habe viel Gewicht verloren im Koma. Meine Oberschenkel konnte ich mit der Hand umgreifen, so viel an Muskeln hatte ich verloren.
Der Tag in Heilbronn war der letzte Tag, an dem ich eine Waffe trug. Ich habe danach keine mehr bekommen. Ich will auch keine mehr.
Götzl Wie unterscheidet sich Ihr Leben von früher?
Martin A. Ich habe einen hohen Grad an Schädigungsfolgen. So ein Attentat steckt man nicht einfach so weg. Dass die Kollegin einfach so aus dem Leben gerissen wurde. Ich habe schlaflose Nächte und die Bilder andauernd im Kopf. Mein Kindertraum, normaler Polizist zu sein, ist komplett zerstört. Mein Innenohr ist zerstört, ich höre nicht mehr gut. Die Ärzte sagen, ich soll mehr zu meinen Schäden stehen. Mein Gleichgewichtssinn ist gestört, das ist vor allem nachts problematisch. Ich schwanke beziehungsweise falle um, wenn es dunkel ist. Und ich habe Narben ohne Ende. Mein Kopf sieht aus wie eine Landkarte, die Schädeldecke wurde mir abgenommen bei den Notoperationen nach ein paar Wochen, da sind überall Löcher für die Kanülen und gegen die Schwellungen des Gehirns. Und die Epilepsiegefahr ist jetzt höher.
Götzl Könnte da noch was auf Sie zukommen?
Martin A. Könnte sein. Die Kugel ist in meinem Kopf in drei Teile zersplittert. Ein Teil steckt noch drin und liegt so ungünstig, dass sich die Ärzte nicht trauen, es herauszuoperieren. Ich bin gottfroh, dass ich lebe. Wenn es nicht unbedingt nötig ist, lass ich keinen mehr an meinen Kopf. Ich kriege demnächst ein Hörgerät. Ein Implantat wollte ich nicht. Ich habe noch ein gesundes Ohr, das reicht. Aktuell mache ich noch eine Traumatherapie.
Götzl Welche Behandlungen wurden genau nötig?
Martin A. Man hat aus dem Oberschenkel Muskeln im Kopf eingesetzt. Der Knochen am Kopf wächst nicht mehr nach, da ist eine Weichstelle, das ist der Grund, warum ich nicht mehr rausgehen möchte. Der ist nicht mehr so geschützt. Dann habe ich studiert, von mittleren in gehobenen Dienst.
Nach dem Studium hatte ich eine posttraumatische Belastungsstörung, da ist alles über mich hereingebrochen. Ich war ein halbes Jahr zu Hause, konnte nicht mehr auf die Dienststelle gehen. Wenn ich Polizeifahrzeuge gesehen habe, dachte ich sofort: Hoffentlich geht es denen gut, hoffentlich machen die nirgendwo Pause. Ich hab die Fahrzeuge gezählt und gedacht: Hoffentlich kommen die alle abends wieder nach Hause. Bei uns ist es halt ein Auto weniger gewesen.
Götzl Wie haben Sie die Ermittlungen der Polizei erlebt?
Martin A. Ich war unzufrieden. Das Motiv war unklar, alles war unklar. Ich dachte, die Tat wird nicht mehr aufgeklärt.
Götzl Hatten Sie eigene Überlegungen angestellt?
Martin A: Eigentlich gar nicht. Ich wollte den Ermittlern um jeden Preis helfen. Ich dachte, wenn irgendwas in mir drin ist, dann holt es raus. Ich habe gehofft, dass Kommissar Zufall hilft. Aber das Motiv hat Kommissar Zufall auch nicht herausgefunden.
Götzl Es wurde sogar mit Hypnose bei Ihnen versucht?
Martin A. Ja, aber während der Tat, da ist ein schwarzes Loch von zehn Minuten. Die konnte keiner ausfüllen.
Götzl Wann waren Sie wieder im Dienst?
Martin A. Im September noch im gleichen Jahr. Ich habe gehofft, dass ich wieder in den aktiven Dienst kann. Von Herbst 2008 bis Frühling 2011 habe ich studiert. Danach habe ich zwei Monate gearbeitet. Dann war ich ein halbes Jahr zu Hause.
Götzl Wie war es für die Angehörigen?
Martin A. Das war schlimm für sie, ist es immer noch. Ich war ein lebenslustiger Mensch. Polizist zu sein, war mein Kindheitstraum. Dafür habe ich das Wirtschaftsinformatikstudium hingeschmissen und habe die Ausbildung gemacht. Und dann war ich in Heilbronn. Jetzt bin ich zwar Polizist, aber nur noch im Innendienst. Mit meinem Lebenstraum hat das nichts mehr zu, jetzt ist es meine Arbeit. Daran haben sie sehr, sehr zu knuspern gehabt. Das hat ihnen das Herz zerrissen. Mir auch.
Götzl Kannten Sie Frau Kiesewetter schon vor dem gemeinsamen Einsatz?
Martin A. Ich habe sie Anfang 2007 kennengelernt. Sie war eine der Ausbilderinnen. Richtigen Kontakt hatten wir da nicht.
Götzl Könnten Sie sie trotzdem beschreiben?




