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Temme Was ich gesagt hab bisher, ist die Wahrheit gewesen.
Götzl Also: Dass der Mord nicht regional, sondern Teil einer bundesweiten Serie war – woher wussten Sie das und seit wann?
Temme Das kann ich heute nicht mehr sagen.
Tag 64
4. Dezember 2013
Manfred Götzl, Richter. Benjamin G., 33, Gebäudereiniger, früherer V-Mann des hessischen Verfassungsschutzes mit dem Decknamen »Gemüse«. Er sagte auch an Tag 65 aus. Volker Hoffmann, Rechtsbeistand von Benjamin G.. Thomas Bliwier, Anwalt der Nebenklage.
Götzl Herr G., es geht uns um Ihre Tätigkeit für das Landesamt für Verfassungsschutz im Hinblick auf den Mitarbeiter »Alex« und insbesondere um das Jahr 2006. Was können Sie denn von sich aus dazu berichten?
Benjamin G. Im Jahr 2006 bin ich Informant gewesen, mein V-Mann-Führer ist der Alex gewesen. (Alex war der Aliasname von Andreas Temme.) So kannte ich ihn damals als Name. Wir haben uns überwiegend in Restaurants getroffen, in Kassel und Umgebung. Soweit ich mich dran erinnern kann, haben wir uns in dem Jahr acht bis neun Mal getroffen. Zwei Mal haben wir uns auch in einem Internetcafé getroffen. Da sollte ich mich jetzt über die Hooliganszene oder die rechte Szene im Internet schlaumachen. Ich sollte ihm auch Bilder zeigen von ehemaligen Kameraden.
Götzl Vielleicht wäre es sinnvoll, wenn Sie uns berichten, wie Sie mit der Szene Kontakt hatten.
Benjamin G. Im Prinzip hatte ich mit den Rechten nichts mehr zu tun. Aber ich hatte Freunde, die noch mit der Szene Kontakt hatten. Da hatte ich noch Informationen, wenn etwas gestartet wurde: Treffpunkte, Sonnwendfeiern. Über so was wurde ich ausgefragt.
Götzl Ab wann hatten Sie mit der rechten Szene nichts mehr zu tun?
Benjamin G. Soweit ich mich erinnern kann, bin ich 2000 aus der Kameradschaft Kassel ausgetreten. Und hatte vereinzelt noch Kontakt mit ehemaligen Kameraden. In Kassel gab es mehrere rechte Gruppierungen, eine hieß »Sturm 18«. Mit dem Herrn Temme habe ich die Zusammenarbeit angefangen im Jahr 2003/04.
Götzl Wie kam es zur Beendigung der Zusammenarbeit?
Benjamin G. Soweit ich mich erinnern kann, ist es nach Mitte 2006 gewesen. Da wurde mir halt gesagt, dass der Herr Temme – ich kannte ihn nur unter Alex – beurlaubt ist.
Götzl Noch einmal zum letzten Treffen mit Herrn Temme. Wenn Sie mal in Ihrer Erinnerung kramen: Was ist Ihnen da noch in Erinnerung?
Benjamin G. In Erinnerung ist mir geblieben, dass wir in einem Internetcafé waren. Irgendwo in der Innenstadt von Kassel, den Namen weiß ich nicht mehr.
Götzl War das Tötungsdelikt an Halit Yozgat mal Thema?
Benjamin G. Gar nicht. Hab ich von ihm überhaupt nicht erfahren.
Götzl Haben Sie darüber nie gesprochen?
Benjamin G. Nein, wir haben nie darüber gesprochen.
Götzl Haben Sie damals von der Tat was mitbekommen?
Benjamin G. Ja, durchs Internet, beziehungsweise durch meine Exfrau.
Götzl Sie unterscheiden zwischen Internet und Exfrau?
Benjamin G. Meine Frau war damals viel am Chatten, eigentlich immer im Internet.
Götzl Wie ist der Name ihrer Exfrau?
Benjamin G. Muss ich das sagen? Daniela F.
Götzl Ja, wenn Sie schon Probleme mit dem Namen ihrer Exfrau haben, dann sage ich Ihnen, dass Sie hier alles sagen müssen, außer Sie belasten sich selbst. Sie haben eine weitgehende Aussagegenehmigung vom Landesamt. Wenn Sie etwas verschweigen, dann ist das strafbar. Sie können hier nichts zurückhalten.
Benjamin G. Wir haben eine gemeinsame Tochter, und meine Exfrau hat gesagt, sie möchte da nicht mit reingezogen werden. Entschuldigung.
(Bei der polizeilichen Vernehmung vor einem Jahr wusste G. noch viele Einzelheiten, an die er sich jetzt nicht mehr erinnern kann.)
Götzl Gab’s denn mal ein auffälliges Verhalten von Herrn Temme, wo Sie sich gewundert haben?
Benjamin G. Ja, das hab ich letztes Jahr auch gesagt. Er war beim letzten Telefonat sehr aufgeregt und nervös.
Götzl Was heißt jetzt nervös?
Benjamin G. Soweit ich mich erinnern kann, hat er immer viele Pausen gemacht während des Gesprächs. Ansonsten redet er immer offen und gerade.
Götzl Können Sie sich an Ihre Zeugenvernehmung bei der Polizei am 26.4.2012 erinnern?
Benjamin G. Ja, vage. Von sieben Personen wurde da auf mich eingehackt. Ich hab da gesessen, gezittert, was soll ich sagen? Auf einmal ging es um Mord, da stand ich unter Adrenalin.
Götzl Und der nervöse Eindruck, den Sie von Alex hatten: War es nun ein Telefonat oder doch ein Treffen?
Benjamin G. Herr Vorsitzender, ich kann Ihnen nicht genau sagen, wann ich mich mit ihm getroffen habe. Ob das letzte Mal ein Telefonat war oder ein Treffen, kann ich Ihnen auch nicht mehr sagen.
(Pause.)
Götzl Nochmal: War das ein Telefonat oder ein Treffen, der letzte Kontakt mit Andreas Temme?
Benjamin G. Herr Vorsitzender, was ich bei der Polizei gesagt hab, wird richtig sein. Ich möchte bei dem bleiben, was ich bei der Polizei ausgesagt habe. Wenn das möglich wäre.
Götzl Bei der Polizei haben Sie angegeben, Herr Temme habe sich normalerweise immer Notizen gemacht. Als Sie ihn auf die Schießerei angesprochen hätten, habe er auf einmal aufgehört mitzuschreiben. Also, am Telefon, um es mal deutlich anzusprechen, ist es schlecht möglich, solche Wahrnehmungen zu machen …
Benjamin G. Also, Herr Vorsitzender, dann war es schon ein Treffen. Und er hat es mal erwähnt, dass ein Mord in Kassel passiert ist.
Götzl Und was hat er da jetzt gesagt?
Benjamin G. Nicht viel.
Götzl Und was?
Benjamin G. Ich kann Ihnen eigentlich gar nicht mehr viel sagen. Ich weiß nur, dass er nervös war.
Götzl Noch mal zu den Telefonaten: Laut den Akten hatten Sie am 6.4.2006 um 13 Uhr ein Telefonat mit »Alex«, es dauerte 17 Sekunden. Was sagen Sie dazu?
Benjamin G. So weit ich mich daran erinnern kann, weiß ich davon nix.
Götzl Es gab ein weiteres Telefonat mit »Alex« am 6.4.2006, um 16.10 Uhr. Es dauerte 688 Sekunden. Was sagen Sie denn dazu?
Benjamin G. Ich hab das erst bei der Polizei erfahren. An das lange Telefonat kann ich mich aber nicht mehr erinnern. Normalerweise hab ich mit Alex auch immer nur fünf Minuten oder so telefoniert. Ich meine, er hat mir auch von seiner Freundin erzählt und all so Geschichten.
Götzl Waren Sie jemals in dem Internetcafé des Herrn Yozgat?
Benjamin G. Nein. Mit Alex hab ich mich in einem anderen getroffen.
Götzl Kannten Sie Halit Yozgat?
Benjamin G. Nein.
Götzl Was haben Sie am 6. April 2006 gemacht?
Benjamin G. Ich war zu Hause.
Götzl Haben Sie Kontakte gehabt nach Zwickau oder nach Jena?
Benjamin G. Nein, soweit ich mich erinnern kann, nein.
Götzl Hatten Sie mal Kontakte nach Thüringen?
Benjamin G. Ja, nach Mühlhausen.
Götzl Was für ein Kontakt war das?
Benjamin G. Das waren so Besoffskis wie wir. Die hatten so Spitznamen. Das waren mehr so Lagerfeuer und Treffen zum Saufen.
Götzl Haben Sie mal vor 2011 vom NSU gehört?
Benjamin G. Ja, 2006. Moment, das kann gar nicht sein. (überlegt) Es ist auf jeden Fall später gewesen. Ja, durch die Zeitung hab ich das erfahren. Es müsste letztes Jahr gewesen sein.
Anwalt Bliwier Wann haben Sie zuletzt von sich aus Kontakt aufgenommen zu Herrn Temme?
Benjamin G. Kann ich nicht mehr so genau sagen.
Anwalt Bliwier Gab es einen bestimmten Anlass?
Benjamin G. Ja, soweit ich mich erinnere, habe ich ihn wegen meines Geldes angerufen. Ich habe monatlich 225 Euro bekommen für meine Tätigkeit.
Anwalt Bliwier Gab es eine Befragung zu Andreas Temme durch den Verfassungsschutz?
Benjamin G. Ja.
Anwalt Bliwier Wer hat die Befragung durchgeführt?
Zeugenbeistand Hoffmann Die Fragen gehen über die Aussagegenehmigung meines Mandanten hinaus. Es heißt in der Aussagegenehmigung, Fragen sind nur zu beantworten, soweit sie sich auf die Zusammenarbeit mit Herrn Temme beziehen. Sobald es über diese Beziehung hinausgeht, ist eine Beantwortung nach dieser Aussagegenehmigung nicht statthaft.
Tag 65
5. Dezember 2013
Manfred Götzl, Richter. Benjamin G., 33, Gebäudereiniger, früherer V-Mann des hessischen Verfassungsschutzes mit dem Decknamen »Gemüse«. Er sagte auch an Tag 64 aus. Volker Hoffmann, Rechtsbeistand von Benjamin G.. Konrad von Oefele, 59, Medizinalrat am Landgericht München. Anette Greger, Vertreterin der Bundesanwaltschaft. Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl, Anja Sturm, Verteidiger von Beate Zschäpe. Thomas Bliwier, Edith Lunnebach, Yavuz Narin, Anwälte der Nebenklage.
(Mehrere Anwälte der Nebenklage haben den Antrag gestellt, den Rechtsbeistand Hoffmann vom Verfahren auszuschließen. Aus einem Schreiben des hessischen Verfassungsschutzes gehe hervor, dass Hoffmann von dem Amt bezahlt werde. Er sei deshalb primär den Interessen des Verfassungsschutzes verpflichtet und nicht denen seines Mandanten.)
Zeugenbeistand Hoffmann Ich vertrete ausschließlich die Interessen des Zeugen G. und nicht die des hessischen Landesverfassungsschutzes.
Anwältin Lunnebach Sind Sie bereit zu beantworten, wer Sie für den heutigen Tag bezahlt?
Zeugenbeistand Hoffmann Bin ich nicht dazu bereit, es ergibt sich aber aus den Akten.
Anwalt Bliwier Gab es zwischen Ihnen und dem Landesamt für Verfassungsschutz Besprechungen?
Zeugenbeistand Hoffmann Das betrifft das Innenverhältnis zwischen mir und meinem Mandanten.
Anwalt Bliwier Nein, das betrifft das Innenverhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Auftraggeber.
(Nach einer Unterbrechung lehnt Götzl den Antrag ab, den Zeugenbeistand auszuschließen.)
Anwalt Narin Wurden Sie, Herr Zeuge, als Sie bei der Bundeswehr dienten, mal vom Militärischen Abschirmdienst angesprochen?
Benjamin G. Ja, das ist richtig.
Anwalt Narin Was haben Sie denn dort dem MAD erzählt?
Benjamin G. Ich kann Ihnen das nicht mehr genau wiedergeben.
Anwalt Narin Haben Sie über Ihren Bruder gesprochen? (Der Bruder soll mal Anführer der Kameradschaft Kassel gewesen sein.)
Benjamin G. Das ist wohl möglich.
Anwalt Narin Möglich ist vieles. Ging es um rechte Aktivitäten während seiner Zeit bei der Bundeswehr?
Benjamin G. Das kann ich Ihnen nicht mehr sagen. Als mein Bruder bei der Bundeswehr war, da war ich fünfzehn.
Götzl Worauf wollen Sie denn hinaus? Worum geht es Ihnen, Herr Rechtsanwalt Narin?
Anwalt Narin Mit welchem Ergebnis endete denn das Gespräch mit dem MAD? Wurden Sie vom MAD damals angeworben?
Verteidiger Stahl Ich beanstande die Frage. Er hat ja gesagt, dass er sich nicht erinnern kann.
Anwalt Narin Erinnern Sie sich, ob Sie eine Zusammenarbeit mit dem MAD vereinbart haben?
Benjamin G. Ja, das ist richtig.
Anwalt Narin Wie hat sich die denn in den kommenden Jahren gestaltet?
Götzl Können Sie mir den Sachbezug erklären? Worum geht es denn eigentlich?
Anwalt Narin Es geht auch um die Glaubwürdigkeit des Zeugen.
Oberstaatsanwältin Greger Ich meine, die Fürsorgepflicht des Gerichts macht es erforderlich, den Zeugen darauf hinzuweisen, dass seine Aussagegenehmigung die Beantwortung dieser Fragen nicht vorsieht.
(Am späten Nachmittag, kurz nach 16 Uhr, meldet sich Wolfgang Heer, der Verteidiger von Beate Zschäpe, zu Wort.)
Verteidiger Heer Unsere Mandantin fühlt sich nicht länger verhandlungsfähig.
Götzl Welche Probleme gibt es denn? Dann müssen wir einfach mal einen Arzt hinzuziehen.
(Konrad von Oefele, Medizinalrat am Landgericht München, untersucht Beate Zschäpe und gibt nach etwa 45 Minuten vor Gericht einen kurzen Bericht ab.)
von Oefele Frau Zschäpe hat über beginnende Kopfschmerzen geklagt und berichtet, dass sie allgemein in einem angeschlagenen Zustand sei. Ich habe sie in einem Nebenzimmer untersucht, sie sagte, sie habe das des Öfteren, der Prozess sei für sie sehr anstrengend. Vom Befund her war der Blutdruck leicht niedrig. Frau Zschäpe war völlig bewusstseinsklar und im Denken geordnet. Die Verständigung mit ihr war ohne Weiteres möglich. Man kann sicher sagen, dass hier eine Anstrengungs- und Belastungssituation vorliegt. Die gesundheitlichen Basiswerte waren aber so weit gut. Die Kopfschmerzen sind als Spannungskopfschmerz zu interpretieren, das erlebt man häufig. Die Konzentrationsfähigkeit war zum Untersuchungszeitpunkt gegeben. Die Verhandlungsfähigkeit ist also insoweit eingeschränkt, dass man nicht grenzenlos weiterverhandeln kann. Ich gehe aber davon aus, dass Frau Zschäpe sich durchaus noch eine halbe Stunde konzentrieren kann.
Verteidigerin Sturm Wie kommen Sie auf die halbe Stunde?
von Oefele Fragen wie die jetzt gestellte sind unser Alltag. Man erlebt dann immer die Anspannung der Angeklagten, man erlebt Prozessverläufe. Man sieht dann auch, wie die Betreffenden beisammen sind, da kann man Vergleiche ziehen.
Verteidiger Heer Wie lange haben Sie die Mandantin eben körperlich untersucht?
von Oefele Etwa fünf Minuten.
Verteidiger Heer Wie lange hat das Gespräch mit der Mandantin gedauert, von dem Sie Rückschlüsse auf ihren Zustand ziehen?
von Oefele Ich würde 20 Minuten schätzen.
Verteidiger Heer Können Sie grob angeben, in welcher Anzahl von Sätzen sich die Mandantin überhaupt geäußert hat?
von Oefele Aus meiner Sicht war es ein richtiges Gespräch, mit mehreren zusammenhängenden Sätzen. Ich denke, es war ein ganz normales flüssiges Gespräch.
(von Oefele verlässt den Gerichtssaal.)
Verteidiger Heer Wir bleiben dabei: Unsere Mandantin kann sich nicht mehr konzentrieren und ist deshalb nicht verhandlungsfähig.
(Götzl macht eine Pause. Anschließend verkündet er, dass die Verhandlung heute nicht mehr fortgesetzt wird.)
Tag 66
9. Dezember 2013
Manfred Götzl, Richter. Janine S., 28, Notarfachangestellte aus Zwickau. Ermittlungen ergaben, dass sie im Juli 2003 von Beate Zschäpe in Zwickau angesprochen wurde mit der Bitte, für sie einen Handyvertrag abzuschließen. Rocco R., 45, Kriminalhauptmeister aus Zwickau. Christine L., 32, Kriminaloberkommissarin beim BKA. Anja Sturm, Verteidigerin von Beate Zschäpe.
Janine S. Im Juli 2003 war ich in Zwickau unterwegs, als mich vor einem Telekom-Shop eine Frau ansprach, wie alt ich wäre. Ich sagte siebzehn. Sie meinte, sie hätte ihren Ausweis vergessen, ob ich für sie einen Handyvertrag unterschreiben könnte, sie würde mir 50 Euro geben. Da habe ich unterschrieben, warum auch immer.
Götzl Können Sie die Frau beschreiben?
Janine S. Sie war Mitte zwanzig, älter als ich, und hatte braune Haare. Sie war kleiner als ich. Mehr kann ich nicht sagen.
Götzl Wie lief das ab?
Janine S. Ich hab meinen Ausweis vorgelegt und musste unterschreiben. Von mir ist nie Geld für einen Handyvertrag abgebucht worden.
Götzl Haben Sie sich nicht gewundert, dass Ihnen jemand 50 Euro gibt?
Janine S. Wahrscheinlich habe ich im jugendlichen Leichtsinn nur das Geld gesehen. Ich habe wohl gedacht: Toll, 50 Euro! Es war kurz vor dem Geburtstag meiner Mutter, vielleicht dachte ich auch, dann kann ich ihr ein Geschenk kaufen. Ich weiß es nicht mehr.
Götzl Wie ist die Frau auf Sie zugegangen?
Janine S. Vermutlich nett und freundlich, sonst wäre ich nicht mit ihr mitgegangen.
(Der nächste Zeuge ist der Polizist Rocco R..)
Rocco R. Ich wurde im Dezember 2006 mit der Bearbeitung eines Wasserschadens in der Polenzstraße in Zwickau betraut. Im Haus wohnte eine Frau Lisa Dienelt, die habe ich als Zeugin vorgeladen. Aber es erschien niemand auf die Ladung. Ich bin in das Haus gegangen und habe versucht, mit Frau Dienelt zu sprechen. Die Frau hat mir geöffnet und gesagt, dass sie nicht Lisa Dienelt ist, sondern Susann Eminger. Sie erschien dann zwei Tage später auf der Dienststelle. Herr Eminger kam auch mit.
Götzl Die Susann Eminger, haben Sie die auch vernommen?
Rocco R. Ich habe die Frau vernommen, die mir die Tür geöffnet hat.
Götzl Aber wir haben zwei Namen, Susann Eminger und Lisa Dienelt.
Rocco R. Die Frau sagte, Liese sei ihr Spitzname. Und am Klingelschild steht Dienelt, deswegen würden alle davon ausgehen, dass sie wohl Dienelt heiße.
Götzl Haben Sie Erinnerungen an die Vernehmung?
Rocco R. Als sie sagte, dass sie am Vormittag des Wasserschadens nicht in der Wohnung war, war sie für die Sache nicht mehr interessant.
Götzl Was war mit Herrn Eminger?
Rocco R. Er war nicht geladen, er war einfach da. Er sagte, sie kümmerten sich um die Wohnung des Herrn Matthias Dienelt, weil er Fernfahrer war. Sie kümmerten sich um die Katzen.
(Als nächste Zeugin spricht Christine L., Kriminaloberkommissarin beim BKA. Sie hat ermittelt, wo sich Zschäpe zwischen dem Brand in der Frühlingsstraße in Zwickau am 4. November 2011 und ihrer Festnahme am 8. November 2011 in Jena aufhielt.)
Götzl Was können Sie uns über mögliche Aufenthaltsorte von Frau Zschäpe zwischen dem 4. und 8. November 2011 sagen?
Christine L. Am 4. November 2011 gab es gegen 9.30 Uhr den Banküberfall in Eisenach. Gegen 12.30 Uhr brannte das Wohnmobil. Um 15.08 Uhr ging ein Notrufein, dass das Haus in der Frühlingsstraße brannte. Zeugen berichteten, dass Frau Zschäpe mit zwei Katzenkörben das Haus verließ, die Körbe abstellte, und sich dann entfernte. Im Bereich Wohngebiet hat sie mehrfach versucht, André Eminger anzurufen. Am Platz der Völkerfreundschaft kam eine Verbindung zustande. Danach wurde das Handy nicht mehr benutzt. Gegen 3 Uhr nachts gab es mehrere Anrufe aus Glauchau auf dem Festnetzanschluss von André Eminger. Ob die Anrufe von Frau Zschäpe kamen, wissen wir nicht.
Am Morgen des 5. November hat Frau Zschäpe um 7.09 Uhr von einer Telefonzelle in Chemnitz bei Familie Böhnhardt angerufen, vorher wurde die Nummer der Auskunft gewählt. Danach wurde Familie Mundlos angerufen, das ist zweimal fehlgeschlagen und eine Dreiviertelstunde später geglückt. Sie hat die Eltern über den Tod ihrer Söhne informiert. Dann ist Frau Zschäpe von Chemnitz nach Leipzig gereist, wo sie sich bei Burger King ein Internetticket gekauft hat. Sie hatte das Ticket dabei, als sie sich später der Polizei stellte. Um 10.40 Uhr hat sie sich bei Burger King ins Internet eingewählt. Sie blieb eine Stunde und 15 Minuten online. Welche Seiten sie besucht hat, wissen wir nicht. In ihrer Handtasche fanden wir auch die Telefonnummer ihrer Oma in Jena und auf einer Tablettenpackung die Nummer ihrer Tante. Auch abgestempelte Bahnfahrkarten hatte sie dabei. Von Leipzig ist Frau Zschäpe dann weiter nach Eisenach gefahren. Eine Zeugin glaubt, sie bei Tageslicht gesehen zu haben. Das muss vor 17 Uhr gewesen sein, weil um 17 Uhr die Sonne unterging. Spürhunde haben die Spur bestätigt. Dann ist sie weiter nach Bremen gereist, wo sie am 6. November gegen vier Uhr ankam. Von dort fuhr sie nach Hannover. Der Zug sollte um 5.55 Uhr ankommen, hatte aber leicht Verspätung. In Hannover hatte sie neun Stunden Aufenthalt. Es ist unbekannt, was sie dort tat. Über Uelzen, Magdeburg, Halle an der Saale reiste sie wieder nach Eisenach. Dort kam sie um 21.48 Uhr an. Was in Eisenach geschah, ist ebenfalls unklar.
Am 7. November war sie um kurz vor vier Uhr in Weimar, dann fuhr sie erneut nach Halle, wo sie um 5.50 Uhr ankam und einen ganzen Tag verbrachte. Dafür gibt es zwei Zeugen. In Halle/Saale war sie bis etwa 22 Uhr. Am Folgetag, dem 8. November, fuhr sie über Dresden nach Jena. Dort wurde sie gegen 8.30 Uhr von einer Nachbarin in der Nähe der Wohnung ihrer Tante gesehen. Das Haus, in dem ihre Oma mit ihrer Mutter lebt, ist von dort etwa 500 Meter entfernt. An einer Straßenbahnhaltestelle hat sie eine Schülerin um ihr Handy gebeten. Frau Zschäpe soll stark gezittert haben. Von dem Handy aus hat sie einen Notruf abgesetzt. Der Notruf wurde um 8.49 Uhr registriert. Sie sagte, dass sie Beate Zschäpe sei und sich gerne stellen wolle. Sie habe größere Absperrmaßnahmen wahrgenommen, die sie auf sich bezog. Der Beamte konnte das aber wohl nicht zuordnen, sodass das Gespräch wieder beendet wurde. Mit der Schülerin ist sie dann mit der Straßenbahn stadteinwärts gefahren. Gegen 11 Uhr erschien sie in der Kanzlei von Rechtsanwalt Liebtrau. Gegen 13 Uhr hat sie sich in Begleitung des Anwalts bei der Polizei gestellt. Und um 13.09 Uhr wurde sie festgenommen.
Götzl Was können Sie zum Stichwort Zeugnisse der Frau Zschäpe sagen?
Christine L. Nach der Aussage des Angeklagten Schultze hier vor Gericht, dass er hinter einer sogenannten Fliegerscheune bei Jena Dokumente vergraben habe, haben wir am 3. Mai 2012 eine Grabung veranlasst. In einer braunen Plastikmappe haben wir Zeugnisse von Frau Zschäpe aus der ersten bis neunten Klasse gefunden. Von der ersten bis zur fünften Klasse hatte Frau Zschäpe einen Notendurchschnitt von 2. In der Klasse sechs bis neun einen Durchschnitt von 3. In den Grundschulzeugnissen hatte die Lehrerin Notizen über den Charakter von Frau Zschäpe gemacht. Sie sei eine sehr lebhafte, aufgeschlossene und interessierte Schülerin, müsse aber sorgfältiger und sauberer arbeiten. Sie habe sich sehr schnell ins Klassenkollektiv eingelebt. Herausragende Leistungen, benotet mit 1, zeigte sie im Schulgartenunterricht, in Heimatkunde, in Musik und Sport und gelegentlich in Deutsch. Eine 4 hatte sie in Russisch, Mathematik, Chemie, Physik und Biologie. In der fünften Klasse hatte sie in Deutsch, mündlichem Ausdruck und Fleiß eine 1.
Verteidigerin Sturm Wissen Sie, ob bei der Verbindung, die mit dem Anschluss von Herrn Eminger zustande gekommen ist, auch ein Gespräch mit Herrn Eminger geführt wurde?
Christine L. Ob Herr Eminger selbst abgehoben hat oder jemand anderes, das weiß ich nicht. Ich kann nur sagen, dass wir eine Verbindung zu einem Handy festgestellt haben, das auf Herrn Eminger registriert war.
Tag 67
10. Dezember 2013
Manfred Götzl, Richter. Heike K., 46, ehemalige Nachbarin von Beate Zschäpe in der Polenzstraße in Zwickau. Sie kannte sie damals nur unter dem Namen Susann Dienelt, die im Haus alle nur Lisa nannten. Patrick K., 22, Sohn von Heike K. Mehmet Daimagüler, Eberhard Reinecke, Anwälte der Nebenklage.
Götzl Waren Sie mal in der Wohnung der Frau Dienelt?
Heike K. Nein.
Götzl Kein einziges Mal?
Heike K. Nee. Wenn mich jemand von alleine einlädt, dann ist das okay. Wenn nicht, dann stört mich das auch nicht.
Götzl Was wussten Sie über Susann Dienelt?
Heike K. Nichts weiter.
Götzl Wie oft haben Sie sich gesehen?
Heike K. Regelmäßig. So alle drei Wochen ein, zwei Stunden, auch als sie schon weggezogen war. Aber da ging es hauptsächlich um mich. Sie war damals die Hauptperson in meinem Leben, der ich alles anvertraut habe.
Götzl Erzählen Sie uns von Ihrem letzten Treffen.
Heike K. Das letzte Mal war sie am 1. November 2011 bei mir. An unserem letzten Abend war alles ein bisschen komisch. Sie war unruhig und blieb auch nicht lang. Sie hat nicht viel geredet. Sie war auch nicht mit dem Fahrrad da, sondern hat sich ein Taxi genommen. Normalerweise verabschiedete sich die Lisa mit einem kurzen Drücker und einem Küsschen auf die Wange. Aber an diesem Abend hat sie mich richtig festgehalten und ihr standen die Tränen in den Augen. Sonst war das nie so! Ich habe sie gefragt, was los ist, aber sie sagte, dass nichts ist. Ich hatte das Gefühl, dass sie eigentlich was sagen wollte. Es war so eine Situation, man möchte reden und macht es dann doch nicht.
Götzl Haben Sie sich mit Frau Zschäpe auch über Politik unterhalten?
Heike K. Einmal kam ein Beitrag über rechte Ausschreitungen im Fernsehen, da sagte mein Sohn so sinngemäß und aus Spaß: »Und ich war nicht dabei.« Da sagte Lisa: »Lass die Finger davon, das bringt nur Unglück, ich weiß wovon ich rede, ich stand schon mit halbem Bein im Knast.« Das war das einzige Mal, dass wir über was Politisches geredet haben.




