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Tag 131
29. Juli 2014
Manfred Götzl, Richter. Thomas Rothe, 44, wohnt in Chemnitz, derzeit arbeitslos. Maik Eminger, 34, Tätowierer aus Grabow, Zwillingsbruder des Angeklagten André Eminger. Wolfgang Stahl, Verteidiger von Beate Zschäpe. Olaf Klemke, Verteidiger von Ralf Wohlleben. Alexander Hoffmann, Anwalt der Nebenklage.
(Der Zeuge Thomas Rothe hat bereits an Tag 100 ausgesagt, Götzl hat noch weitere Fragen.)
Götzl In dem Protokoll Ihrer polizeilichen Vernehmung heißt es, Sie hätten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auf »Partys« kennengelernt.
Rothe Richtig kennengelernt habe ich sie nur, wo sie bei mir waren und gewohnt haben. Vorher eher flüchtig, mir ist es jedenfalls nicht so bewusst gewesen.
Götzl Dann heißt es hier: »Ich habe erst kurz vor ihrem Auszug bei mir davon erfahren, dass die drei untergetaucht sind.«
Rothe Kann ich mich nicht erinnern, dass ich das gesagt habe.
Götzl Das erste Zusammentreffen nach dem Auszug der drei – wie waren da die Umstände?
Rothe Ich habe die durch Zufall getroffen beim Fahrradfahren im Stadtpark, da ist der Kontakt wieder aufgefrischt worden.
Götzl Wer war dabei?
Rothe Die zwei Kerle bloß.
Götzl Hier heißt es im Protokoll, Sie hätten Uwe Mundlos mal im Heckert-Gebiet getroffen.
Rothe Ja, Stadtpark und Heckert, das ist fast das Gleiche.
Götzl Sie hätten Computerspiele und Filme getauscht.
Rothe Ja, wie ich’s letztes Mal schon gesagt habe.
Götzl Ist denn darüber gesprochen worden, wo sie untergekommen sind?
Rothe Hab ich nichts drüber gehört. Ich war nur später mal in Zwickau.
Götzl Sagt Ihnen der Bandname »Blitzkrieg« etwas?
Rothe Ja, da wurde ja 2006 eine Hausdurchsuchung gemacht.
Götzl Was sagt Ihnen der Name?
Rothe Dass die Musik gemacht haben.
Götzl Ich frage ungern alles nach. Ich wäre dankbar, wenn Sie mal etwas im Zusammenhang erzählen würden: Was hat es mit der Band auf sich, wer gehörte dazu?
Rothe Ich kenne da zwei, drei, die Mitglieder der Band waren.
Götzl Und wer?
Rothe Der Richter, der damals bei mir im Haus gewohnt hat, und dann der Silvio. Und der Bruder von Richter.
Götzl Haben die Brüder Spitznamen?
Rothe Kicke und Kacke, glaub ich.
Götzl Und was hatten Sie mit der Band zu tun?
Rothe Na, nichts. Ich war noch nie in ’ner Band. Auf einem Konzert war ich früher.
Götzl Sie sind mal als Zeuge vernommen worden 2006, und da sagten Sie, Sie kennen keine Band namens »Blitzkrieg«. Das war dann doch damals glatt gelogen!
Rothe Wie gesagt, das sind Freunde von mir.
(Der nächste Zeuge ist ein Richter des Bundesgerichtshofs (BGH), der den Beschuldigten Matthias Dienelt vernommen hatte, als gegen Dienelt wegen mutmaßlicher Unterstützung des NSU ermittelt und er in Untersuchungshaft genommen wurde diese wurde später aufgehoben. Der Zeuge sagt, Dienelt habe einen verängstigten Eindruck auf ihn gemacht, Götzl zitiert längere Passagen aus der damaligen Vernehmung. Als der BGH-Richter als Zeuge entlassen wird, beantragen Zschäpes Verteidiger eine lange Unterbrechung. Anschließend stellen sie einen Befangenheitsantrag gegen Götzl und die weiteren Mitglieder des 6. Strafsenats. Sie kritisieren, Götzl habe bestimmte wichtige Passagen aus dem damaligen Vernehmungsprotokoll ignoriert, beispielsweise Aussagen Dienelts, denen zufolge sich Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wie völlig normale Personen verhalten hätten. Sie hätten nicht den Eindruck erweckt, im Untergrund zu leben und etwas zu verbergen.)
Verteidiger Stahl Es ist zu befürchten, dass der Vorhalt dieser Passagen deshalb unterblieben ist, weil diese Angaben die Anklagehypothesen des Generalbundesanwalts nicht stützen, sondern infrage stellen und damit entlastende Punkte in die Hauptverhandlung eingeführt worden wären.
Verteidiger Klemke Die Verteidigung Wohlleben schließt sich an. Es bestätigt sich die ganz deutliche Tendenz der Voreingenommenheit des Senats.
Anwalt Bliwier Der Antrag ist auf jeden Fall unbegründet. Wenn die Verteidigung da sitzt, dann kann sie diese Sachen auch einführen. Darauf ein Ablehnungsgesuch zu stützen, ist wirklich absurd.
(Über den Befangenheitsantrag muss nicht sofort entschieden werden. Deshalb tritt nun als Nächstes der Bruder des Angeklagten André Eminger auf. Die beiden lächeln sich kurz zu.)
Götzl Als Bruder haben Sie ein Zeugnisverweigerungsrecht, das bedeutet, dass Sie keine Aussage machen müssen. Wollen Sie Angaben machen?
Eminger Nein.
Götzl Dann wären wir für heute am Ende.
Anwalt Hoffmann Ich möchte noch eine Erklärung abgeben: Der Angeklagte Eminger hat heute Morgen das Gericht betreten mit einem Pullover, auf dem stand: »Brüder schweigen«.
(In der Neonazi-Szene wird der Spruch »Brüder schweigen« verbunden mit der US-Terrorgruppe »The Order«, auch bekannt als »Silent Brotherhood«.)
Tag 132
30. Juli 2014
Manfred Götzl, Richter. Maria H., 33, Studentin aus Jena. Steffi S., 33, Krankenpflegerin aus Jena.
Götzl Es geht uns um einen Vorfall aus den Neunzigern in Jena, was können Sie uns dazu berichten?
Maria H. Das war so, dass ich mit Freunden auf den Rummel gegangen bin, und dann fuhr ich abends wieder nach Hause mit einer Freundin, der Steffi, in der Straßenbahn nach Winzerla, zur Endhaltestelle. Schon in der Straßenbahn habe ich gesehen, dass sich jemand bei mir direkt gegenüber hingesetzt hat. Die Bahn war nicht voll, sie hat mich direkt angestarrt, ich kannte das Mädchen nicht. Sie hat mich nach dem Aussteigen angesprochen, es war früher Abend. Sie sagte, dass ich sie beleidigt hätte oder sie ausgelacht, es war mir nicht erinnerlich, dass ich das gemacht habe. Sie hat mich geschubst, ich bin gefallen, mein Fuß hat geschmerzt. Sie hat sich auf meinen Rücken gesetzt und hat mich gezwungen zu sagen: »Ich bin eine Potte.« Die Steffi stand nur daneben, sie hatte eine kleine Ratte in ihrer Kapuze und hatte die Sorge, ihr passiert was. Das Mädchen hatte auch noch jemanden dabei, die aber auch nichts gemacht hat. Beide waren mir bis dahin unbekannt, im Nachhinein habe ich erfahren, dass es Beate Zschäpe war, ich habe sie auf alten Fotos identifizieren können. Mein Fuß hat so geschmerzt, dass ich am nächsten Tag zum Arzt gegangen bin. Er hat festgestellt, dass er angebrochen war. Was für Beate Zschäpe aber nicht ersichtlich war, das konnte sie nicht wissen. Ich hatte einen Gips für einige Wochen, danach war alles gut.
Götzl Sind Sie zur Polizei gegangen?
Maria H. Ja, ich habe Anzeige gegen unbekannt erstattet. Ich wusste nicht, dass es Beate Zschäpe war. Mir ist es persönlich gar nicht erinnerlich, ich war erst 16, aber meine Mutter erinnert sich.
Götzl Haben Sie gar keine Erinnerung daran, dass Sie bei der Polizei waren?
Maria H. Nein,keine.
Götzl Was können Sie zur zeitlichen Einordnung des Vorfalls sagen?
Maria H. Mit den Leuten auf dem Rummel, das war 1996. Ich denke nicht, dass es Weihnachten war, es könnte passen mit dem Altstadtfest, das im Herbst stattfindet.
Götzl Ihre Begleiterin, die Steffi, wissen Sie, wie sie mit Nachnamen heißt?
Maria H. Inzwischen weiß ich es, ich konnte mich zunächst nur mit Mühe und Not an den Vornamen erinnern.
Götzl Im Nachhinein hätten Sie erfahren, dass es Beate Zschäpe gewesen sei. Wie denn?
Maria H. Ich weiß nicht, wer das wusste. Der Vorfall war in der Szene Jenas bekannt, weil ich den Gips hatte, aber erst, als es 2011 zu diesen Verhaftungen gekommen ist, hat dann ein freier Journalist Kontakt zu mir aufgenommen. Damals habe es doch den Vorfall mit Beate Zschäpe gegeben. Er hat mir die Fotos gezeigt, und dann habe ich gesehen, dass es tatsächlich sie war. Und er hatte die Informationen von der Jungen Gemeinde Jena (eine Jugendgruppe der evangelischen Kirche in Jena).
Götzl Sie sagten, Beate Zschäpe hätte gesagt, Sie hätten sie ausgelacht oder beleidigt. Gab es da etwas?
Maria H. Das war mir völlig unklar, was sie meint. Ich hatte überlegt, dass es sich auch um eine Verwechslung handeln könnte. Weil wir in einer größeren Gruppe auf dem Rummel waren. Da war ein Mädchen, das sah mir ziemlich ähnlich. Wir hatten bunte Klamotten an, die Haare an einer Seite abrasiert. Ich habe die diffuse Erinnerung, dass ich sie mal gefragt habe und dass sie gesagt hat, sie habe da was Freches gesagt.
Götzl Können Sie die Personen beschreiben, die bei dem Vorfall dabei waren: zunächst sich selbst.
Maria H. Ich hatte oft so ähnliche Stiefel wie Springerstiefel an, mit bunten Schnürsenkeln, gefärbte oder zerrissene Klamotten, lange Röcke, Haare bunt gefärbt. Also schon ziemlich auffällig der linken Szene zuzuordnen. Die Beate Zschäpe hatte so halblange Haare, lockig, offen, ziemlich volle Haare. Sie war nicht so auffällig angezogen, vielleicht eine Bomberjacke, und ihre Begleiterin war auffälliger dem rechten Milieu zuzuordnen. Eine Frisur, die in diese Richtung weist. Sie hat aber gar nichts gesagt oder getan.
Götzl Die Situation, als es zu Ihrer Verletzung kam: Wie waren die Positionen?
Maria H. Ich wurde ja geschubst, danach lag ich bäuchlings mit dem Rücken nach oben, und sie hat sich auf meinen Rücken draufgesetzt. Dann sollte ich das sagen: »Ich bin eine Potte.« Ich dachte, nanu, was ist das für ein Wort?
Götzl Haben Sie das gesagt, den Satz?
Maria H. Ja.
Götzl Haben Sie sich gewehrt?
Maria H. Nee, gar nicht, aber es war auch sinnlos. Ich bin so unglücklich gefallen, dass der Fuß so wehgetan hat. Ich bin irgendwie nach Hause gehumpelt.
Götzl Ich habe hier Unterlagen Ihres Arztes. Da geht’s um eine Fraktur vom 17.9.1996. Entspricht das vom Zeitpunkt her Ihrer Erinnerung?
Maria H. Das passt ganz gut.
(Anschließend tritt die damalige Begleiterin von Maria H. auf.)
Steffi S. Frau Zschäpe warf Maria vor, sie habe sie in der Stadt »Schlampe« genannt. Dann hat sie Maria mit zwei, drei geübten Handgriffen zu Boden gebracht. Maria lag weinend am Boden. Zschäpe hat dann noch die Jacke von Maria entwendet und ist weggegangen.
Götzl Kannten Sie denn zum damaligen Zeitpunkt Frau Zschäpe?
Steffi S. Ich kannte sie vom Sehen aus Jena-Winzerla. Da ich auffälliger aussah, war ich oft damit konfrontiert, durchs Viertel gejagt zu werden, beleidigt zu werden. Mir waren ein paar Gesichter und Namen bekannt.
Götzl Den Namen »Beate Zschäpe« kannten Sie damals?
Steffi S. Ja.
Götzl Woher?
Steffi S. Man hat sich mit Leuten unterhalten, im gleichen Viertel gewohnt, es ist wie ein kleines Dorf. Es waren Erzählungen von Leuten, dass Frau Zschäpe ein krasses Auftreten hat. Ich habe es mehr als einmal gehört, dass es hieß, Frau Zschäpe habe keine Skrupel, auf Leute loszugehen.
Götzl Sie sagen, Frau Zschäpe war die Täterin. Ist denn bei der Polizei nicht über die Täterin geredet worden?
Steffi S. Genau diese Aussage – das weiß ich nicht mehr, das ist weg.
Götzl Haben Sie mit Frau H. darüber gesprochen?
Steffi S. Das weiß ich auch nicht mehr. Wir waren auch nicht gut befreundet, wir kannten uns so.
Götzl Sie sagten später bei einer Vernehmung laut Protokoll, Beate Zschäpe habe den Ruf gehabt, dass sie mit einem Messer herumlaufe und auch Männern gegenüber aggressiv auftrete.
Steffi S. Das hat man sich auf der Straße erzählt, und das habe ich auch gehört. Ein konkretes Ereignis weiß ich nicht.
Tag 133
31. Juli 2014
Manfred Götzl, Richter. Michael K., 42, Kriminalhauptkommissar beim BKA. Jochen Weingarten, Vertreter der Bundesanwaltschaft.
(Der Befangenheitsantrag von Tag 131 gegen die Richter wurde von einem anderen Senat zurückgewiesen. Nun sagt ein BKA-Beamter aus, der Thomas Müller, geborener Starke, vernommen hat. Müller ist Beschuldigter, aber nicht Angeklagter im NSU-Verfahren und hat vor Gericht als Zeuge die Aussage verweigert. Deswegen wird nun ein weiterer Vernehmer vom BKA befragt.)
Michael K. Es war die achte Vernehmung mit dem Beschuldigten Starke, sie wurde im LKA Dresden durchgeführt im Beisein von Vertretern der Bundesanwaltschaft. Herr Starke wurde morgens auf dem Weg zur Arbeit abgefangen und gefragt, ob er bereit sei, noch ein paar Fragen zu beantworten. Er war dazu bereit. Hintergrund war ein Untersuchungsbericht der KT (das Kürzel steht für »Kriminaltechnik«) vom 24.6.2013, Fachbereich Molekulargenetik. Dieser Bericht beinhaltete die Information, dass an einem Asservat in der Frühlingsstraße in Zwickau ein DNA-Muster gefunden wurde, das mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,85 Prozent auf ein Eltern-Kind-Verhältnis hindeutete zu dem Beschuldigten Starke. Gefunden wurde das Muster an einer Überwachungskamera, die erst 2009 produziert wurde und 2010 in den freien Markt gelangte. Das war für uns natürlich schon eine Knaller-Information. Der leibliche Vater von Herrn Starke oder dessen Söhne, sind da nur infrage gekommen. Der Vater, den hat er nie persönlich kennengelernt, es handelt sich um einen griechischstämmigen Facharbeiter, den die Mutter in der DDR kennengelernt hatte. Es kamen dann nur die beiden Söhne infrage. Die Kamera befand sich im Wohnzimmer in der Frühlingsstraße, sie war dort in einem Blumenkasten, getarnt mit Kunst-Efeu, angebracht. Aus den bisherigen Ermittlungen wussten wir auch, dass Kinder in der Nähe vom Trio erkannt wurden. Bei einer Wohnmobil-Anmietung im Oktober 2011 sollen Zschäpe und Böhnhardt in Begleitung eines Kindes gesehen worden sein, Anfang 2011 soll Zschäpe beim Tierarzt ebenfalls mit einem Kind gesehen worden sein. Ferner gab es noch diverse Indizien, wie Spielzeug in der Frühlingsstraße und im Wohnmobil. Herr Starke wurde direkt mit dem Sachverhalt konfrontiert. Wie reagierte er auf diesen relativ heftigen Vorwurf? Es gab keine weiteren Ermittlungsergebnisse, dass er nach Mai 1998 noch mit dem Trio in Kontakt stand. Der neue Sachverhalt hätte geheißen, dass er beziehungsweise seine Söhne noch nach 2010 in der Frühlingsstraße gewesen sein müssten. Er bestritt den Vorwurf vehement, es sei totaler Quatsch. Wir haben noch weitergebohrt, die Reaktion blieb unverändert. Er wirkte sichtlich nervös, nach dem Motto: Was soll ich jetzt noch machen? Im weiteren Verlauf wurde ihm noch angedeutet, was im Raume steht, wenn er nicht bereit ist, Tacheles zu reden. Da wurde ihm eine Vorführung in Karlsruhe angedroht, man hat ihm auch die Kronzeugenregelung angeboten. Er blieb dabei, dass er mit dem Sachverhalt nichts anfangen könne. Er wisse nicht, was wir eigentlich von ihm wollten. Wir haben ihn gefragt, ob er bereit sei, mit seiner Frau zu sprechen: Ob sie bereit sei, eine DNA-Probe abzugeben? Er war einverstanden, telefonierte mit seiner Frau. Kollegen sind zu ihr gefahren, haben die Probe entnommen, danach wurde die Vernehmung beendet. Wir fragten Herrn Starke, ob wir uns in seiner Wohnung umschauen könnten. Die Durchsuchung erbrachte keine weiteren Erkenntnisse.
Götzl Wie ging es weiter?
Michael K. Das Ergebnis dieser Probe von der Frau von Thomas Starke brachte dann das Ergebnis, dass die beiden Söhne nicht als Spurenverursacher infrage kamen.
Oberstaatsanwalt Weingarten Ist inzwischen die Identität des Spurenlegers geklärt?
Michael K. Ja, es handelt sich dabei um einen wissenschaftlichen Mitarbeiter von der Kriminaltechnik, das kam einige Zeit später erst raus. Er war der Spurenverursacher. Eine missliche Situation.
(Auch wegen dieses Vorfalls im Jahr 2013 waren die Ermittler sehr vorsichtig, als drei Jahre später, im Oktober 2016, eine genetische Spur von Uwe Böhnhardt in der Nähe des Skeletts der 2001 ermordeten Peggy Knobloch in einem Wald in Thüringen gefunden wurde.)
Tag 134
5. August 2014
Manfred Götzl, Richter. Jürgen Länger, 42, Tauchlehrer aus Jena. Herbert Diemer, Vertreter der Bundesanwaltschaft. Wolfgang Heer, Verteidiger von Beate Zschäpe. Olaf Klemke, Verteidiger von Ralf Wohlleben. Thomas Bliwier, Hardy Langer, Anwälte der Nebenklage.
(Götzl verkündet zunächst, dass Renate Fischer aus dem NSU-Senat ausgeschieden ist, da sie zur Richterin am Bundesgerichtshof ernannt wurde. Damit rückt die bisherige Ergänzungsrichterin Gabriele Feistkorn nach. Fortan gibt es damit nur noch zwei Ergänzungsrichter. Dann wird der Zeuge Jürgen Länger in den Saal gerufen. Die NSU-Ermittler haben den Zeugen im Verdacht, Teil der Lieferkette gewesen zu sein, durch die der NSU die Tatwaffe Česká 83 erhalten hat. Allerdings ist der Zeuge offiziell nicht Beschuldigter oder Angeklagter. Deshalb wird nun vor Gericht debattiert, ob und inwieweit dem Zeugen ein Auskunftsverweigerungsrecht zusteht. Jürgen Länger wird von Anwalt Thomas Jauch begleitet.
Verteidiger Heer Ich bitte darum, den Zeugen auch im Sinne der Mosaikstein-Theorie zu belehren. (Die Mosaikstein-Theorie hat der Bundesgerichtshof im Jahr 2002 begründet, wonach ein Zeuge auch dann ein Recht auf generelle Auskunftsverweigerung hat, wenn er durch eine Aus sage den Ermittlern auch nur einzelne Hinweise wie Mosaiksteine für ein Beweisgebäude gegen sich liefern würde.)
Götzl Die Voraussetzung, dass ein umfangreiches Zeugnisverweigerungsrecht nach Paragraf 55 besteht, sehe ich nicht.
Länger Darf ich mal kurz was sagen: Ich weiß, dass BKA-Beamte Leute aufsuchen und sich nach mir erkundigen. Ich weiß nicht, ob Ermittlungsverfahren gegen mich laufen oder nicht. Es ist deshalb ein Risiko, hier auszusagen.
Götzl Es geht uns hier darum, ob von Ihrer Seite Waffenlieferungen an Herrn Schultz vom Laden Madley in Jena stattgefunden haben.
Länger Okay, dazu kann ich was sagen.
Verteidiger Heer Ich halte meinen Verfahrensantrag aber aufrecht.
Länger Es behaupten auch Anwälte in Gera, dass es noch einen NSU-II-Prozess gibt.
Götzl Wer behauptet das?
Länger Das sind Gerüchte halt. Es ist auf jeden Fall so, dass sich das BKA in Gefängnissen nach mir erkundigt hat.
Götzl Bei wem hat sich wer erkundigt?
Länger Das BKA bei einem Mann, Spitzname Sebastian. Und vor einem Jahr bei einem guten Bekannten von mir in Tegel. Ich weiß nicht, was das soll.
Götzl Das nehmen wir jetzt mal zur Kenntnis, nehmen Sie bitte kurz draußen Platz.
(Götzl wendet sich an Verteidiger Heer.) Wollen Sie denn auch eine Begründung abgeben zu Ihrem Antrag, Herr Heer?
Verteidiger Heer Gerne. Es kommt ja nicht auf Ihre Beurteilung an, sondern auf den Zeugen. Ich beantrage, dass ihm ein umfassendes Auskunftsverweigerungsrecht zusteht.
Anwalt Bliwier Ein Antrag im Rechtssinne liegt nicht vor. Ich nehme zur Kenntnis, dass der Zeuge jetzt zwei Rechtsbeistände hat. Eine Belehrung im Sinne der Mosaiktheorie gibt es gar nicht.
Verteidiger Klemke Die Verteidigung von Herrn Wohlleben schließt sich dem Antrag der Verteidigung von Frau Zschäpe an. Wir wissen alle aus unserer Praxis, dass die Hürde für einen Anfangsverdacht nicht allzu hoch liegt. Ich erinnere an die Aussagen des Zeugen Schultz. (Bricht kurz ab.) Ich höre Zwischenrufe. Aber wenn ich unterbrochen werde, muss der Vorsitzende ja nicht eingreifen, das ist mir auch bekannt …
Götzl Und an welche konkreten Informationen des Zeugen Schultz wollen Sie anknüpfen?
Verteidiger Klemke Wollen wir jetzt ein Rechtsgespräch führen? Angeblich soll Schultz ja angegeben haben, dass er die »Scheißknarre« – so hat er sich ausgedrückt – vom Jürgen Länger hat. Damit ist der objektive Tatbestand erst mal gegeben. Und die Unterscheidung zwischen Verstoß gegen das Waffengesetz und Beihilfe zu Mord liegt ja nur am subjektiven Tatbestand. Mehr dazu muss ich nicht sagen!
Verteidiger Heer Ich mache geltend, dass niemand das beurteilen kann außer Herr Länger selbst.
Bundesanwalt Diemer Es bedarf aus unserer Sicht keiner weiteren Belehrung. Es kommt auf die Frage an.
Anwalt Langer Ein Vernehmungsbeamter sagte hier über die Aussage des Zeugen Schultz, über den Verwendungszweck der Waffe sei nicht gesprochen worden. Somit ist klar: Es gibt keinen konkreten Ansatz dafür, dass Herr Länger wissen konnte, an welchen Personenkreis die Waffe gelangen wird.
Verteidiger Klemke Das setzt ja alles voraus, dass Herr Schultz die Wahrheit gesagt hat.
Götzl Sie wissen ja selbst, dass es um die Frage der Beurteilung eines Anfangsverdachts geht. Rein denktheoretische Möglichkeiten und Vermutungen scheiden da aus.
(Die Verhandlung wird kurz unterbrochen.)
Götzl Dann setzen wir fort. Die Anträge, zusätzlich zur erfolgten Belehrung auch hinsichtlich eines umfassenden Auskunftsverweigerungsrechts zu belehren, werden abgelehnt. (Der Zeuge wird wieder in den Saal geholt.) Herr Länger, es geht uns um die Frage, ob Sie eine Waffenlieferung im Zeitraum etwa 1998 bis 2000 an Herrn Schultz vorgenommen haben?
Länger Was Herr Schultz sagt, ist gelogen. Wie er darauf kommt, kann ich mir nicht erklären, absolut nicht. Den Herrn Schultz kenne ich, ich hab da ein Büro in Jena gehabt und im Laden von Herrn Schultz Schuhe gesucht. Dass er mich aus der Lehre kennt, ist auch gelogen.
Götzl Sie haben Herrn Schultz im Laden kennengelernt?
Länger Ja, das ist halt ein Klamottenladen gewesen in Jena, ein kleiner, das Madley. Ich bin zur Mittagspause in der Nähe gewesen. Da unterhält man sich auch. Das war 1997, 1998, kann ich nicht genau sagen. Ich hab mich immer totgelacht, weil die nix gebacken gekriegt haben. Die konnten mir keine Schuhe besorgen.
Götzl Warum gab es da Probleme?
Länger Ich hab Schuhgröße 52.
Götzl Wie gut kannten Sie jetzt Andreas Schultz?
Länger Ich hatte ihm mal Geld geborgt. Er hatte eine Imbissbude, da hab ich mal 300, 400 Euro geborgt, und da habe ich ewig gebraucht, das wiederzubekommen. Er hat mir auch schöne Zinsen versprochen.
Götzl Zurück zu dem Punkt »Waffe«: Ist in der Zeit 1998 bis 2000 – ist das Thema Waffenbeschaffung aufgetaucht? Ist darüber mal mit Herrn Schultz oder Herrn Liebau (der Kompagnon von Schultz und Besitzer des Szeneladens Madley) gesprochen worden von Ihrer Seite?
Länger So was war überhaupt kein Gespräch. Mit Liebau habe ich mich über die nächste Technoparty unterhalten. Und Herr Schultz, der hat mehr Bier getrunken und Drogen genommen. Den konnte man gar nicht ernst nehmen. Er hat ja behauptet, dass ich alles besorgen konnte. Das ist ja Wahnsinn. Wie kann man so was sagen?
Götzl Also Waffen – war das jemals Gesprächsthema?
Länger Nee. Meine Vermutung ist, Schultz verwechselt da jemanden mit mir. Ich denke mal, er tut das vertauschen.
Götzl Gab es denn Streit über das Darlehen?
Länger Nein, er hat weiter weg gewohnt. Ich hab den auch nicht verprügelt oder so, sodass er eine Wut auf mich hätte. Vielleicht war er im Drogenwahn und er verwechselt mich.
Götzl Ich will zu Herrn Theile kommen: Kennen Sie ihn und wie gut und woher?
(Enrico Theile ist ein früherer Bekannter von Uwe Böhnhardt aus Jena, der über einen Freund, Hans-Ulrich Müller, in der Schweiz die Česká 83 besorgt und an Länger weitergegeben haben soll. Von dort soll sie in den Laden Madley und an den NSU gelangt sein.)
Länger Er ist nicht ein Freund, Kumpel, aber ich kenne ihn. Also mehr als kennen.
Götzl Nicht Freund, nicht Kumpel?
Länger Für mich ist er schon wie ein Freund. Ich kenne seine Freundin, seinen Vater, seine Mutter. Er steht mir nicht so nahe, aber ich kann ihn gut leiden.
Götzl Wie lange kennen Sie ihn schon?
Länger Ich denke, es war 1993 oder so im Gefängnis Hohenleuben, da habe ich ihn über das Fenster kennengelernt. Ich denke mal, dass es eher 1996 gewesen ist.
Götzl War von seiten Herrn Theiles mal die Rede von Waffenlieferungen?
Länger Überhaupt nicht. Null. Gar nichts. Ich weiß auch nicht, wie die Presse darauf kommt, dass er mein Kamerad sein soll, der Herr Theile. Kamerad – so ’n Schwachsinn.




