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Brandt Die Kameradschaft Saalfeld-Rudolstadt war eine Kameradschaft mit vielen Jugendlichen, mehr Quantität statt Qualität, das war in Jena anders: weniger Leute, dafür aber gefestigter.
Götzl Können Sie uns Frau Zschäpe beschreiben?
Brandt Sie war eher ruhig, zurückhaltend. Aber wenn wir Schulungen hatten, durchaus mit Fachwissen. Wenn wir Schulungen hatten zum Germanentum, da war ordentlich Wissen vorhanden. Das ist keine dumme Hausfrau.
Götzl Und wie hat sie sich ansonsten verhalten?
Brandt Sie stand nie irgendwo im Vordergrund. Es war ein Mädchen, das in Ordnung war.
Götzl Bei einer polizeilichen Vernehmung sagten Sie laut Protokoll, Beate Zschäpe habe sich in Diskussionen einbringen können.
Brandt Wenn man diskutiert hat, zum Beispiel Germanentum oder sonstiges, dann war eben Wissen da und sie hat auch mitdiskutieren können. Stand nicht in der Ecke und hat Trübsal geblasen, und wenn das Wort an sie gerichtet wurde, hat sie zum Thema etwas beitragen können.
Götzl Hier heißt es im Protokoll, sie sei durch besondere Radikalität nicht aufgefallen.
Brandt Wie gesagt, die Kameradschaft ist elitär aufgetreten, Beate war eher zivil gekleidet, adrett. Sie hat keinem der Klischees entsprochen, hat sich nie gekleidet wie eine »Nazi-Braut«, wie die Bild-Zeitung sie nennt.
Götzl Wie war die Situation bei der Flucht von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe?
Brandt Ich habe es telefonisch erfahren, ich glaube von André Kapke. Man war erst mal total verblüfft. Man konnte sich nicht vorstellen, dass man da überhaupt flüchtet. Was kann schlimmstenfalls passieren? Zwei, drei Jahre, das ist ja machbar. Dafür Familie und alles im Stich zu lassen, das hat man nicht nachvollziehen können. Gut, musste jeder für sich wissen. Irgendwann kam die Information, dass logischerweise auch Geld gebraucht wird. Man hat geguckt, dass man das, was man hinkriegt, eben weitergibt. Ich hab alle Leute, die ich kannte, gefragt, ob Geld übrig ist, und hab für die drei gesammelt. Ich habe mein Geld dem André Kapke weitergegeben. Zwischen 500 und 3000 Mark, ich weiß es nicht mehr genau. Dann hat es ja Unregelmäßigkeiten gegeben. Dann habe ich es nicht mehr an André, sondern an Ralf Wohlleben gegeben.
Götzl Bei wie vielen Gelegenheiten wurde Geld weitergegeben?
Brandt Ein Vierteljahr oder halbes Jahr, dann war das Thema durch, denke ich. Das ist wie bei einem Erdbeben oder so, da spendet man, und irgendwann ist das Thema tot.
(Nach einer Pause geht es bei der Befragung um ein Telefonat, das Brandt mit dem bereits untergetauchten Uwe Böhnhardt geführt haben soll.)
Götzl Wie kam es denn zu diesem Telefonat?
Brandt Ich glaube, ich bin von Carsten Schultze angesprochen worden, dass ich kontaktiert werden soll. Und ich solle ein paar Anrufnummern von verschiedenen Telefonzellen mitteilen. Dann hatte ich irgendwann einen Anruf, ich solle in Zelle so und so sein, in meiner Mittagspause, und dann kam der Anruf. Die Sache hat sich so drei, vier Wochen hingezogen.
Götzl An welcher Zelle war das?
Brandt In Coburg, da hab ich in der Woche gearbeitet. Ich denke, es war das Jahr 2000 oder 1999. Ich glaube, es war der Herr Böhnhardt, mit dem ich telefoniert habe. Ich habe die Stimme damals sofort erkannt.
Götzl Worüber wurde gesprochen und wie lange wurde gesprochen?
Brandt Es war nicht lang, es ging eigentlich nur um diese Geldgeschichte. (Er spielt darauf an, dass Kapke angeblich Geld, das für das Trio gedacht war, unterschlagen haben soll.)
Götzl War die Rede davon, wo sich der Telefonpartner aufhält?
Brandt Nein, ich glaube nicht, dass er mir das hätte mitteilen wollen.
Götzl Wussten Sie etwas zur damaligen Zeit über den Aufenthaltsort der drei?
Brandt Ich selber? Nein, nein.
Götzl Haben Sie mit jemandem über das Telefonat gesprochen?
Brandt Ich hatte das Landesamt darüber informiert, auch über den Inhalt. Mit Herrn Kapke habe ich darüber nicht gesprochen. Ob mit Herrn Schultze, weiß ich nicht mehr.
Götzl Gab es weitere Kontakten Ihrerseits zu den beiden Uwes oder Frau Zschäpe?
Brandt Nein, das war der einzige Kontakt.
Götzl Wieviel Geld haben Sie insgesamt für Ihre Tätigkeit für den Verfassungsschutz in den Jahren 1994 bis 2001 bekommen?
Brandt In der Presse hat mal 100000 bis 140000 Euro gestanden. Ich weiß es nicht mehr. Ich habe kein Kassenbuch geführt.
Götzl Was haben Sie mit dem Geld gemacht?
Brandt Wenn man Politik macht, ist man fast jedes Wochenende unterwegs, das kostet. Das Geld ist in Autos investiert worden, Hotelzimmer, Telefonrechnungen, Aufkleber, Fahrten, alles mögliche. Strafbefehle von Kapke habe ich auch ein paar bezahlen müssen.
Götzl Haben Sie nach dem Untertauchen der drei gezielte Aufträge bekommen?
Brandt Das Landesamt hat eine Sonderprämie von 5000 DM ausgelobt.
Götzl Die Informationen, die Sie an das Thüringer Landesamt weitergeleitet haben, waren die denn wahrheitsgemäß?
Brandt Die waren wahrheitsgemäß, ja.
Götzl Sie hatten gesagt, Herr Schultze habe das Gespräch mit den Untergetauchten vermittelt. In einem Vermerk des Verfassungsschutzes ist von Herrn Wohlleben die Rede. Hier steht, Herr Wohlleben habe die Quelle, also Sie, gebeten, eine Telefonzelle in Coburg zu nennen, über diese Zelle wollten die Flüchtigen mit ihm sprechen. Was sagen Sie dazu?
Brandt Kann sein. Meiner Meinung nach hat mich damals Herr Schultze angerufen, aber das ist alles zu lange her.
Götzl In einem weiteren Vermerk heißt es, der Anruf sei am 8.3.1999 gegen 18.04 Uhr gekommen.
Brandt Ich dachte, es sei mittags gewesen.
Götzl Wie waren die Reaktionen nach Ihrer Enttarnung?
Brandt Das muss man sich vorstellen, als ob sich das Leben von einem Tag auf den anderen verabschiedet. Mein Job hatte sich erledigt, meine politischen Ambitionen, mein kompletter Freundeskreis. Das hat sich alles komplett erledigt gehabt.
Tag 128
16. Juli 2014
Manfred Götzl, Richter. Tino Brandt, Kaufmann, war früher Anführer der rechten Szene in Thüringen und zugleich V-Mann des Landesamts für Verfassungsschutz. Beate Zschäpe, Angeklagte. Wolfgang Stahl, Anja Sturm, Verteidiger von Beate Zschäpe.
(Die Befragung des Zeugen Brandt vom Vortag wird fortgesetzt. Dabei geht es um den NPD-Politiker und bereits verstorbenen Rechtsanwalt Hans Günter Eisenecker, der die Untergetauchten anwaltlich vertreten sollte. Den Kontakt zu ihm soll damals Brandt vermittelt haben.)
Brandt Eisenecker war ja Anwalt, dementsprechend hat er sich zu Mandanten nicht weiter geäußert. Ich hatte ihm erklärt, was vorgefallen war, dass die untergetaucht sind und sie nach Hause wollen, und da man die anderen Anwälte nicht einschätzen konnte, wollte man lieber einen Szeneanwalt haben.
Götzl Wissen Sie, wie die Sache ausgegangen ist?
Brandt Nein, nachdem er das Mandat hatte, hat er sich nicht mehr dazu geäußert.
Götzl Haben Sie mal mit Wohlleben darüber gesprochen?
Brandt Weiß ich nicht mehr.
Götzl Dem Verfassungsschutz sollen Sie berichtet haben, dass Ralf Wohlleben mitgeteilt habe, man habe dem Rechtsanwalt Eisenecker keine Akteneinsicht gewährt. Deshalb die Frage, ob Sie mit Wohlleben über Eisenecker und den Gang der Dinge gesprochen haben.
Brandt Demnach schon. Ich hätte mich jetzt nicht daran erinnert. Wir Thüringer wollten ja, dass die zurückkommen, die drei. Mir persönlich war das damals eigentlich auch wichtig. Wir waren davon ausgegangen, dass ein Szeneanwalt da vielleicht etwas bewerkstelligen kann.
Götzl Wissen Sie, ob Sie mit Herrn Wohlleben über eine Unterbringung der Untergetauchten im Ausland gesprochen haben?
Brandt Das war ja immer Thema. Entweder man guckt, bis es verjährt ist, oder bringt sie unter, wo die Verfolgungsorgane keinen Zugriff haben. Wobei das Hauptaugenmerk für uns drauf lag, dass sie zurückkommen, weil sie ja durchaus gefehlt haben.
Verteidiger Stahl Sie sagten gestern, Frau Zschäpe sei keine dumme Hausfrau gewesen. Wie war das, wenn sie mitdiskutiert hat?
Brandt Das waren Diskussionen über das Germanentum. Da hat sie sich eingebracht. Bei politischen Grundsatzdiskussion war sie nicht dabei.
Verteidiger Stahl Was hat Sie zu dem Vergleich »keine dumme Hausfrau« bewogen?
Brandt Wir hatten auch Skinhead-Girls, die alles nachgesprochen haben, was andere von sich gegeben haben. Die in jeder Diskussion fehl am Platze waren. Das war sie nicht. Sie hatte schon Ahnung von Politik.
Verteidiger Stahl Aber Ihre Umschreibung muss ich nicht gleichsetzen mit: Sie war Meinungsbildnerin?
Brandt Nein.
Verteidigerin Sturm War Frau Zschäpe auch bei den Mittwochsstammtischen?
Brandt Ab und zu.
Verteidigerin Sturm Gab es dort Diskussionen über Germanentum?
Brandt Nein, da kam man zum Biertrinken hin. Wie ein Stammtisch von Skatbrüdern.
Verteidigerin Sturm Wo haben Sie Frau Zschäpe so erlebt, wie Sie sie hier geschildert haben?
Brandt An einzelne Veranstaltungen kann ich mich nicht mehr erinnern.
Verteidigerin Sturm Können Sie einschätzen, welche Rolle und Intensität in den Gesprächen mit dem Verfassungsschutz die Suche nach den dreien gespielt hat?
Brandt Am Anfang haben die mächtig aufgedreht in die Richtung, dann ist es eigentlich wieder in Vergessenheit geraten.
Verteidigerin Sturm Was heißt aufgedreht?
Brandt Ja, mit Extrageld. Und ich habe da gesagt, da muss ich nachhaken, und das gefährdet mich als Person, wenn ich mich da zu sehr einbringe in die Geschichte. (Nach der Mittagspause gibt Richter Götzl eine Erklärung ab.)
Götzl Ich gebe bekannt, dass Herr Polizeiobermeister W. mich in der Mittagspause informiert hat, dass Frau Zschäpe kein Vertrauen mehr in ihre Verteidiger habe. Ist das richtig, Frau Zschäpe?
Zschäpe (nickt)
Götzl Dann weise ich Sie darauf hin, dass Sie das etwas näher darlegen müssten. Eine Voraussetzung für die Entbindung der Pflichtverteidiger müsste eine nachhaltige Störung des Vertrauensverhältnisses sein. Wir werden jetzt unterbrechen.
Tag 129
22. Juli 2014
Manfred Götzl, Richter. J.S., 21,Studentin aus Niedersachsen. K.M., 21, Abiturientin aus Niedersachsen. Wolfgang Stahl, Verteidiger von Beate Zschäpe
(Beate Zschäpe ist sehr blass. Es ist das erste Mal, dass ihre Anwälte sie mit ihren Roben nicht vor den Fotografen abschirmen. Sie halten Abstand zueinander, reden kein Wort miteinander. Zunächst verkündet Richter Götzl einen Beschluss zu einem Thema, das ihn ein ganzes Jahr nicht mehr loslassen wird: Beate Zschäpe hatte am vorigen Verhandlungstag erklärt, sie vertraue ihren Anwälten nicht mehr. Sie hat mittlerweile auch schriftlich beim Gericht beantragt, ihre Verteidiger zu entpflichten.)
Götzl Mit Verfügung vom 21. Juli ist der Antrag der Angeklagten Zschäpe, die Bestellung der Verteidiger zu widerrufen, abgelehnt worden. Eine Begründung, dass konkrete und hinreichende Anhaltspunkte vorliegen, dass das Vertrauensverhältnis zu den Verteidigern endgültig und nachhaltig gestört ist, ist in der Erklärung von Frau Zschäpe nicht enthalten. Dann setzen wir in der Hauptverhandlung fort.
(Die beiden Zeuginnen an diesem Tag sind noch immer traumatisiert und werden zum Teil psychologisch betreut.)
Götzl Berichten Sie uns doch, wie Sie Ihre Bekannten auf Fehmarn kennengelernt haben. Und wenn Sie eine Pause brauchen, sagen Sie einfach Bescheid.
J.S. (weint) Ich war mit meinen Eltern und meiner Schwester im Urlaub. Und eines Tages sind die drei zu meinen Eltern gekommen und haben gefragt, ob sie Doppelkopf spielen wollen. Von dem Tag an haben wir immer mehr miteinander gemacht. Zusammen gefrühstückt, zum Spielen zusammengesetzt, Musik gehört, das Fehmarn-Lied, ins Kino, bummeln, beim Reiten, drei Wochen lang. Zusammen abends gegrillt oder im Restaurant. (Schluchzt.) Getrunken, gequatscht.
Götzl Können Sie sagen, von welchen Jahren Sie sprechen?
J.S. Ja, 2007 bis 2011.
Götzl Unter welchen Namen haben Sie die genannten Personen kennengelernt?
J.S. Beate Zschäpe kenne ich unter Lieschen oder Liese. Und die beiden Männer unter Max und Gerry.
Götzl Mit wem hatten Sie am meisten Kontakt?
J.S. Eigentlich mit allen dreien gleich viel. Aber Persönliches ausgetauscht habe ich am meisten mit Lieschen.
Götzl Können Sie das Verhalten der drei Personen beschreiben?
J.S. Die drei haben in einem Wohnwagen zusammengewohnt, zusammen eingekauft. Liese hat für alle drei gezahlt. Sie kannten sich schon sehr lange aus der Jugend. Sie wussten alles voneinander. Max war ein Spaßvogel. Mit meinem Vater hat er aber auch ernste Gespräche über Technik geführt. Gerry war etwas ruhiger. Liese war wie eine Freundin, mit der man auch persönliche Anliegen besprechen konnte, wie Eltern und Schule. Alle drei waren so herzlich!
Götzl Was haben Sie von den drei Personen über ihr Leben erfahren?
J. S. Ich wusste, dass sie in Zwickau wohnen. Dass Gerry Kurierfahrer ist und Max was mit Informatik und Computern macht. Von Liese weiß ich gar nichts beruflich.
Götzl Hatten Sie auch außerhalb der Urlaubszeit Kontakte?
J. S. Die ganze Familie hatte die Handynummer von Lieschen, über die wir sie immer erreichen konnten.
Götzl Kam es auch zu persönlichen Treffen?
J. S. Zu meinem Geburtstag habe ich die drei eingeladen. Sie sind mit dem Auto zu uns gefahren und haben bei uns übernachtet. Und es gab noch weitere Treffen, als Überraschung haben sie bei uns geklingelt, wenn sie auf dem Weg zu Freunden waren.
Götzl Haben Sie auch mal über Waffen oder Bomben geredet?
J. S. Sie haben erzählt, dass sie in ihrer Jugend eine Bombe gebaut haben. Und sie haben mir erklärt, wie man das macht. Ich meine, es war Gerry, der meinte, geht doch ganz einfach: drei Zutaten – welche habe ich mir nicht gemerkt –, die machst du mit dem Mörser klein, dann stehenlassen und nach so und so vielen Tagen kannst du daraus was bauen.
Götzl Können Sie sich an einen Badeunfall erinnern?
J.S. Ja, wir haben zusammengesessen und ein Spiel gespielt. Wir haben gesehen, dass eine Tauchschule mit Kindern tauchen geht. Zwei Kinder sind ertrunken, große Katastrophe.
Götzl Wie haben sich die drei verhalten?
J.S. Liese und ich sind ein bisschen näher rangegangen an den Unfall. Dann kamen viele Krankenwagen und die Polizei. Als Presse kam, um Campingplatzbewohner zu interviewen über den Unfall, sind sie ganz schnell in den Wohnwagen gerannt.
Götzl Sie waren vorhin emotional sehr bewegt. Was ist der Grund?
J.S. Über die Jahre hat sich schon eine enge Freundschaft aufgebaut. Es war eine besondere Beziehung. Fast wie Ersatzeltern. Und als ich dann die Nachrichten gesehen hab, ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Ich kann es bis heute nicht begreifen: Ich habe den dreien hundertprozentig vertraut und dann gemerkt, dass sie mich von vorne bis hinten belogen haben. Ich frage mich: Mochten sie mich wirklich oder haben sie mich die ganze Zeit verarscht?
(Die Zeugin J.S. blickt flehentlich zu Zschäpe, aber die schaut sie nicht an. Auch die nächste Zeugin lernte das Trio an der Küste kennen.)
K. M. Im Sommer 2007 haben wir die drei kennengelernt und dann die nächsten fünf Jahre miteinander Urlaub gemacht. Es war eine eingeschworene Urlaubsgemeinschaft. Wir haben dort drei völlig offene, nette Menschen kennengelernt. Es war nicht vorstellbar, dass sie einer Ameise oder Fliege was getan haben. Keiner hätte je gedacht, dass das so ausgeht. Frau Zschäpe war immer so ein Zwischending zwischen Freundin und Mutter. Uwe Böhnhardt war der Ruhigere. Der am meisten aus sich rausgegangen ist, war Uwe Mundlos, das blühende Leben, immer wortgewandt, hat den Kontakt zu uns gesucht. Es war eine humorvolle Runde.
Götzl Bei der Polizei haben Sie laut Protokoll angegeben, Sie hätten auch mehrfach über Ihre politische Einstellung gesprochen.
K. M. Kann sein, aber ich glaube, sie haben dann sehr schnell abgelenkt. Liese, also Frau Zschäpe, verhielt sich neutral.
Götzl Worüber haben Sie geredet?
K. M. Wenn ich über Politik rede, dann ist es das Problem mit rechts. »Schrei nach Liebe« – eine Hymne gegen rechts von den »Ärzten«. Aber das war dann schnell vom Tisch. Ich habe eine Tasche mit einem Aufnäher »Gegen Nazis«, mit einer Faust gegen das Hakenkreuz. Die drei wussten definitiv von meiner politischen Einstellung.
Götzl Haben Sie die Tasche damals auch getragen?
K.M. Ja.
Götzl Haben Sie eine Reaktion feststellen können?
K.M. Nein.
Verteidiger Stahl Sie sagten, Sie hätten mit Frau Zschäpe »Die Ärzte« gehört. Nur gehört?
K. M. Ich hatte auch meine Akustikgitarre dabei und ein »Ärzte«-Liederbuch. Frau Zschäpe hat mitgesungen, sie kannte die Texte.
Tag 130
23. Juli 2014
Manfred Götzl, Richter. Andreas Rachhausen, 42, selbstständiger Bauleiter aus Saalfeld-Rudolstadt. Herbert Diemer, Vertreter der Bundesanwaltschaft. Thomas Bliwier, Anwalt der Nebenklage.
(Zunächst teilt der Richter mit, weshalb ein weiterer Zeuge, der Uwe Böhnhardt aus Jugendtagen kannte, heute nicht erschienen ist.)
Götzl Der Zeuge erklärte, er sei bis Nürnberg gefahren. Da sei ihm schwindlig geworden. Seinen guten Willen habe er gezeigt, er könne das Ticket vorzeigen. Er brauche jetzt eine Wirtschaft und was zu trinken. Am Montag beginne seine Therapie.
Diemer Ich denke, wir müssen den Zeugen vorführen.
Götzl Ja.
(Der Zeuge Andreas Rachhausen nimmt Platz. Er hat einen Zeugenbeistand an seiner Seite, den Anwalt Thomas Jauch, der immer wieder Rechtsextremisten vertreten hat.)
Götzl Es geht uns um Kontakte zu Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos vor 1998 und möglicherweise danach. Und auch um Kontakte zu den Angeklagten hier.
Rachhausen Also, die Kontakte waren eher flüchtiger Natur. Keine persönlichen Kontakte, bestenfalls mal »Guten Tag« und »Guten Weg«. Nach 1998 gab es Kontakte zu Herrn Wohlleben. Das war’s dann schon.
Götzl Können Sie uns das genauer schildern?
Rachhausen Ich bin 1997 im ersten Quartal aus der Haft entlassen worden. Davor war ich viel unterwegs oder in Verwahrung. Es gab keine Möglichkeit, Kontakte zu haben. Erst danach. Im Wesentlichen traf man sich in der Gaststätte Heilsberg. Das war ein bekannter Treffpunkt für Leute der rechten Szene. Ob man will oder nicht, lernt man Leute kennen, zwangsläufig.
Götzl Haben Sie Anfang 1998 Informationen über Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt bekommen?
Rachhausen Es wurde natürlich gesprochen oder gemunkelt, die Bombenbastler aus Jena, das war ein geflügeltes Wort, davon habe ich was mitbekommen.
Götzl Was haben Sie mitbekommen?
Rachhausen Dass Bombenattrappen abgelegt worden sein sollen.
Götzl Haben Sie gehört, ob die drei geflüchtet sind?
Rachhausen Hab mal gehört, dass die weg sind.
Götzl Können Sie das noch einordnen?
Rachhausen Nein, nicht mal aufs Jahr. Kann genauso gut aus der Presse gekommen sein.
Götzl Da gefällt mir Ihr Aussageverhalten jetzt nicht, das muss ich Ihnen ehrlich sagen!
Rachhausen Ich möchte Ihnen auch keinen Unsinn sagen. Die Beamten beim BKA haben mich gedrängt, über Böhnhardt und Mundos was zu sagen. Ich habe dann nur verlautbart, was man schon aus Presse und Funk wusste. Die Beamten sagten, das sei so okay.
Götzl Haben Sie was mitbekommen von der Flucht?
Rachhausen Ja, ich habe einen havarierten Kleinwagen transportiert, von dem ich vor, nach oder während des Transports erfahren habe, dass die drei (er meint Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe) sich mit dem bewegt haben.
Götzl Schildern Sie mir, was Sie gemacht haben!
Rachhausen Ich habe einen Anruf von Herrn Kapke bekommen, ob ich die Möglichkeit hätte, ein Auto zu verladen mit meinem Anhänger. Ich habe mich mit Herrn Wohlleben getroffen in Jena, dann sind wir gemeinsam zur A4 bei Dresden gefahren und haben das Fahrzeug abgeholt.
Götzl Was ist mit dem Fahrzeug geschehen?
Rachhausen Wurde nach Jena gebracht.
Götzl Und was ist dann damit geschehen?
Rachhausen Das weiß ich nicht mehr.
Götzl Sie und Herr Wohlleben waren da unterwegs?
Rachhausen Ja.
(Sein Handy läutet.)
Götzl Würden Sie das bitte so gestalten, dass hier keine Störungen auftreten! – Wie gut kannten Sie damals Herrn Wohlleben?
Rachhausen Den kannte ich im Gegensatz zu Herrn Kapke nicht wirklich. Habe höchstens »Guten Tag« gesagt. War relativ fremd bei dieser Abschleppgeschichte.
Götzl Welche Rolle spielte er denn dabei?
Rachhausen Er wusste, wo das Fahrzeug steht. Er wurde mir beigestellt als Hilfe.
Allein ist das so eine Sache, ein Fahrzeug abzuschleppen.
Götzl Wie war Ihre politische Einstellung damals?
Rachhausen Ich hatte damals auch eine rechte politische Einstellung.
Götzl Was waren Ihre politischen Vorstellungen?
Rachhausen Der Kampf um das biologische Überleben unseres Volkes.
Götzl Können Sie mir das näher darstellen?
Rachhausen Deutschland schafft sich ab.
Götzl Wie macht Deutschland das Ihrer Meinung nach?
Rachhausen Da gibt es nichts zu erklären, ich habe heute andere Probleme.
Götzl Sie weichen mir aus.
Rachhausen Ich weiche doch gar nicht aus.
Götzl Sie bedienen mich mit Schlagwörtern.
Rachhausen Ich dachte, nach Ende der DDR wäre es richtig, mich zu engagieren, um politische Veränderungen herbeizuführen.
Götzl Wie sollte das erfolgen?
Rachhausen Ein Nationalstaat sollte errichtet werden auf demokratische Weise.
Götzl An was haben Sie da gedacht?
Rachhausen Ich bin kein Politiker, und als ich gemerkt habe, dass ich es nicht bin, habe ich davon abgelassen. Meine Vorstellungen tun doch gar nichts zur Sache.
Götzl Doch, sonst würde ich Sie nicht danach fragen. Sagt Ihnen der Name Rosemann etwas?
Rachhausen Ja. Anfang der 90er-Jahre habe ich ihn kennengelernt. Er war aktiv in der rechten Szene in Saalfeld-Rudolstadt.
Götzl Ist er ein Freund von Ihnen?
Rachhausen Er war damals ein Freund von mir. Ich habe zu Herrn Rosemann sehr lange keinen Kontakt mehr.
Götzl In seiner Vernehmung sagte er, er habe mit Ihnen den Peugeot abgeholt. Dieser habe der Mutter von Ralf Wohlleben gehört, aber er sei damit gefahren. Was sagen Sie dazu?
Rachhausen Da kann man mal sehen, was ein menschliches Gehirn so machen kann, wenn das so stimmt.
Anwalt Bliwier Es geht noch mal um Ihre Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz in Thüringen. Sie sagten, Sie seien von einer Person abgepasst worden nach dem Abschleppen.
Rachhausen Ich bin mir heute ja gar nicht mehr so sicher, wer mich alles befragt hat. Ich erinnere mich nicht, ob es ein Verfassungsschützer war oder ein Polizist oder ein Dritter.
Anwalt Bliwier Hatten Sie denn damals schon Kontakt zum Verfassungsschutz, als das mit dem Abschleppen war?
Rachhausen Der Erstkontakt war im März 97, in der JVA Gotha.
Anwalt Bliwier Schildern Sie das mal!
Rachhausen Weil man Langeweile hat, ich dachte, ich gucke mir das an. Es kamen zwei Personen, Mitarbeiter einer Behörde des Thüringer Innenministeriums. Sie fragten, ob ich Einblicke in die Jugendszene gewähren könnte. Es ging gar nicht um Rechtsradikalismus.
Anwalt Bliwier Gab es weitere Kontakte?
Rachhausen Ja, der nächste Kontakt war vor meiner Hauseingangstür, da haben sie mich abgepasst.
Anwalt Bliwier Haben Sie Geld bekommmen? Wie viel?
Rachhausen Keine Erinnerung.
Anwalt Bliwier Da glaub ich Ihnen kein Wort.
Rachhausen Mindestens drei Mal hab ich Geld bekommen. Über 1000 D-Mark. Einmal hab ich es quittiert.




