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Götzl Können Sie mir ein Telefongespräch schildern, das Sie mit Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe führten?
Schultze Es wurde ganz schnell gesprochen, von hinten hat einer von denen dazwischengequakt. Es gab kurze Infos, dann war das wieder fertig.
Götzl War das eine Freundschaft zu Wohlleben?
Schultze Ja, schon.
Götzl Aus welchem Grund haben Sie mitgemacht, als Kapke und Wohlleben auf Sie zukamen?
Schultze Ich gehe davon aus, dass ich denen helfen wollte. Die sagten, sie brauchten meine Hilfe.
Götzl Kannten Sie Herrn Eminger?
Schultze Nein.
Götzl Kannten Sie Herrn Gerlach?
Schultze Er war ein alter Kumpel von Herrn Wohlleben. Ich habe ihn zweimal in Jena gesehen. Soweit ich mich erinnere, war er eine Vertrauensperson. Er war einmal dabei, als wir uns über die drei unterhalten haben, und er hat zwischen seinen zwei Brötchenhälften eine Zigarette geraucht. Das habe ich noch in Erinnerung. Das war bei einem Lagerfeuer. An einen Kumpel kann ich mich noch erinnern, weil ich den sehr attraktiv fand.
Götzl Wie war Frau Zschäpe, als Sie sie getroffen haben?
Schultze Beim Treffen zur Übergabe der Waffe war sie nur kurz da, zwei, drei Minuten. Sie hat keinen der beiden Uwes auf den Mund geküsst.
(Götzl überlegt kurz.)
Götzl Es geht um die zeitliche Abfolge, wann die Telefonate begannen.
Schultze Das muss 1998 gewesen sein.
Götzl Wieso dachten Sie, dass die Wohnung von Frau Zschäpe noch nicht geräumt ist?
Schultze Ich hatte den Auftrag, reinzugehen.
Götzl Damit gebe ich mich nicht zufrieden.
Schultze Ich reime mir das so zusammen, dass da noch der Name an der Tür stand.
Götzl Zusammenreimen hilft uns nicht weiter. Haben Sie Informationen bekommen?
Schultze Ich habe zwei Leitzordner aus Zschäpes Wohnung geholt.
Götzl Haben Sie reingesehen?
Schultze Wir haben draufgeguckt, als wir sie verbrannt haben. An mehr kann ich mich nicht erinnern.
Götzl Warum haben Sie das Risiko des Einbruchs auf sich genommen?
Schultze Das gehörte so dazu. Man hat es von mir verlangt.
Götzl Wo ist die Grenze dessen, was man von Ihnen verlangt? Hatten Sie keine Skrupel, einzubrechen?
Schultze Weiß ich nicht mehr.
Götzl Beschreiben Sie die Situation, als Sie die Waffe übergeben haben.
Schultze Ich erinnere mich an ein Döschen Munition, da waren zwischen zwanzig und fünfzig Schuss drin.
Götzl Hatten Sie keine Bedenken, die Pistole mit Schalldämpfer und Munition zu übergeben?
Schultze Anscheinend nicht.
Götzl Was haben Sie sich vorgestellt?
Schultze Das wurde ich schon oft gefragt, ich versuche es auch selber zu verstehen, aber ich kriege es nicht mehr zusammen. Wir wussten von Geldnöten. Dass sie vielleicht Geld brauchten. Vielleicht dafür.
Götzl Wofür war dann der Schalldämpfer nötig?
Schultze Der war halt dabei.
Götzl Hätten Sie ihn halt nicht übergeben. Hatten Sie keine Befürchtung?
Schultze Ich weiß es nicht.
Götzl Haben Sie sich überhaupt keine Gedanken gemacht?
Schultze Ich kann mich an keine erinnern.
Götzl Sie haben in der polizeilichen Vernehmung gesagt, der Wunsch nach einer Waffe sei Ihnen komisch vorgekommen und Sie hätten Bauchschmerzen gehabt. Was haben Sie damit gemeint?
Schultze Das ist ja kein normaler Wunsch, deswegen war das komisch.
Verteidiger Pausch Wir sehen Ihr Anliegen, aber es ist überaus anstrengend für meinen Mandanten, die Konzentration zu behalten.
Götzl Drei Punkte würde ich aber gern noch abklären: die Kameradschaft Jena, den Thüringer Heimatschutz und den technischen Ablauf der Handyanrufe der Untergetauchten. Fühlen Sie sich dazu noch in der Lage?
Verteidiger Pausch Sie sehen ja selbst sein Bemühen, die Erinnerung wieder wachzurufen. Aber es zehrt an den Kräften meines Mandanten.
Götzl Na gut, dann werden wir unterbrechen.
Tag 7
6. Juni 2013
Manfred Götzl, Richter. Holger Gerlach, Angeklagter. Stefan Hachmeister, Verteidiger von Holger Gerlach.
(Nicht mit Carsten Schultze, sondern mit Holger Gerlach geht es an diesem Tag weiter. Gerlach ist nervös und zappelig. Er spricht so hastig, dass Götzl ihn mehrmals ermahnt, langsamer zu reden.)
Verteidiger Hachmeister Unser Mandant wird Angaben zur Person machen, zur Sache möchte er eine vorbereitete Erklärung verlesen. Dann wird unser Mandant keine weiteren Fragen beantworten.
Götzl Für die Würdigung der Einlassung wäre es wesentlich, wenn er sich frei äußern würde.
Verteidiger Hachmeister Das haben wir so gesehen und mit dem Mandanten besprochen.
Gerlach (Spricht im Telegrammstil los.) Geboren 1974, Schulzeit 1980 bis 1989, typische DDR-Erziehung durchlaufen, Jungpioniere, Thälmannpioniere, FDJ und so weiter. Lehre als Zerspanungsmechaniker. Danach, wie damals für DDR-Verhältnisse üblich, arbeitslos. Na ja, es war ja schon nicht mehr die DDR. Also: Für bundesdeutsche Verhältnisse üblich, arbeitslos. ABM, zweite Ausbildung, Qualitätsfachmann 1997 abgeschlossen. Nach Hannover gezogen, zum älteren Bruder, wegen Arbeit, bis 2011 bei einer Firma als Lagerist beschäftigt. Bei der Firma CTL bis zur Verhaftung gearbeitet. Dann, nach der U-Haft, gleich wieder Arbeit gefunden. Aufgrund des Prozesses jetzt wieder verloren. Kein Anspruch auf Arbeitslosengeld, deswegen lebe ich derzeit von Hartz IV. Meine Mutter hat sich von meinem biologischen Erzeuger scheiden lassen. Ich mag ihn nicht als Vater bezeichnen. Kein Bezug dazu. Ihr neuer Lebensgefährte verstarb dann 1986. Die Liebe und Fürsorge von Mutti konzentrierte sich auf das Nesthäkchen, das zu dem Zeitpunkt auch schon 15 war. Ich lebte mit Muttern allein in einer Wohnung. Das war der Entwicklung nicht förderlich. Zuvor hatte ich mit zwei älteren Geschwistern, Schwester und Bruder, und Mutter zusammengelebt.
Götzl Ich denke, wir fangen einfach noch mal an. Nehmen Sie ein bisschen Geschwindigkeit raus.
Gerlach. Sie sagen das so. Ich bin total aufgeregt. Meine Mutter … also meine Familienverhältnisse waren stabil. Ich wüsste auch nicht, wie ich das sonst anders überstanden hätte.
Götzl Sie müssen sich bemühen, langsamer zu sprechen. Nehmen Sie sich Zeit.
(Um die Akustik zu verbessern, werden Kopfhörer an die Nebenkläger verteilt und Gerlach bekommt ein neues Mikrofon.)
Gerlach Als Qualitätsfachmann habe ich nichts bekommen, deshalb fing ich als Lagerist an, wurde Schichtführer, habe Verantwortung getragen. 15 Jahre war ich dort beschäftigt. Die ABM davor war in der Jugendwerkstatt Jena als Maler.
In Jena bleiben hätte geheißen, dass ich arbeitslos bleibe. So war auch das Leben meiner Mutter. In Hannover hat meine Mutter dann Arbeit gefunden, ich auch. 2007 lernte ich meine Lebensgefährtin kennen, die einen stabilisierenden Einfluss auf mein Leben hatte. Ich führe das, was wir früher ein Spießerleben genannt haben. Im Moment leben wir nicht zusammen, weil ich im Zeugenschutzprogramm bin. Meine Mutter ist jetzt 67, in der DDR war sie Disponentin bei Carl Zeiss, Bäckereiverkäuferin, Rentnerin. Sie kann halt nicht ohne Arbeit. Mein leiblicher Vater hat sich umgebracht in den Neunzigerjahren. Er hatte kein Interesse an seinen Kindern. Mein Stiefvater war Busfahrer, mit 44 hatte er einen Herzinfarkt und starb. Das war im Jahr 1986. Bis dahin war mein Bruder das Sorgenkind, dann wurde ich das schwarze Schaf der Familie. Mein Bruder war Punk, hatte Probleme mit Autoritäten. Aber nach dem Tod des Stiefvaters war es für ihn Ehrensache, dass er sich den Arsch aufreißt.
Ab 1986 begann ich mit Schuleschwänzen, musste wöchentlich zum Direktor. 1989 von Polytechnischer Oberschule geflogen, weil wir dem Russischlehrer sein Moped auseinandergebaut haben. Das fand die Schule nicht so lustig. Danach Lehre. Dann Mauer weg, dann ging der Wind anders. Ich war Lagerist, Betriebsratsmitglied, Vorarbeiter. Hat Spaß gemacht. Am Wochenende habe ich an der Tankstelle gearbeitet, seit 2008. Ich habe halt immer viel gearbeitet.
Mit der Freundin hat sich alles verändert. Natürlich hat man ihr nicht gesagt, was man vorher getan hat. Deswegen ist sie 2011, als die Sache herauskam, aus allen Wolken gefallen. Hammer, die Frau, sie steht mit beiden Beinen im Leben. Sie ist mein Fels in der Brandung. Sie dachte nur, sie sei mit einem Stinknormalen zusammen. Trotzdem hat sie 2011 gesagt, sie liebt mich, wir bleiben zusammen.
Sie hat zwei Mädchen, 10 und 12, leben jetzt beim Vater. Früher schon jedes Wochenende beim Vater. Meine Lebensgefährtin war wie ein rettender Anker.
Man hat halt lange gebraucht, erwachsen zu werden.
(Windet sich auf seinem Stuhl.)
Götzl Wie sah es mit Alkohol aus?
Gerlach Hat man getrunken. In Hannover hat man das Trinken gelernt, davor nicht. Ein sehr trinkfreudiges Völkchen. Fast jedes Wochenende war geprägt davon. Seit ich meine Frau kenne, trinke ich nicht mehr.
Götzl Gab es andere Probleme?
Gerlach Man hat viel und exzessiv am Geldautomaten gespielt, Spielsucht. Man hat Therapie gemacht 2009/10. Das Problem ist noch da, aber früher war es schlimmer. Wie ein Quartalssäufer bin ich an den Automaten gerannt. Es hat zwei, drei Monate gebraucht, um mich finanziell zu erholen. Wenn ich 300 Euro hatte, habe ich 300 Euro ausgegeben. In den letzten fünf Jahren bin ich nur noch zehn Mal am Automaten gewesen.
Am Anfang habe ich noch politische Arbeit gemacht, später ging es in die Spaßrichtung: Konzerte, Alkohol. Ich habe fünf, sechs Bier getrunken und zwei, drei Kurze. War aber kein Alkoholiker. Ich hatte keine Filmrisse und habe mich immer auf eigenen Beinen nach Haus bewegt. Zwischen 2004 und 2006 habe ich Speed und Ecstasy genommen. Man hat aber sein Leben geregelt gekriegt.
Götzl Will Herr Gerlach zur Sache aussagen?
Verteidiger Hachmeister Unser Mandant will dazu eine Erklärung verlesen.
Gerlach Hohes Gericht, zunächst möchte ich den Angehörigen der Opfer mein tief empfundenes Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Ich selbst bin entsetzt über das Ausmaß und das Leid, welches diese sinnlosen Taten über die Opfer und ihre Familien gebracht haben. Ich bin bereit, für meinen Teil die Verantwortung zu übernehmen. Mein Tatbeitrag ist nicht so wie vom Generalbundesanwalt dargestellt. Ich habe Beate und die Uwes in den Neunzigerjahren kennengelernt, sie haben eine Autorität verkörpert in der Szene. Wir betrachteten uns als Neonazis, als nationaler Widerstand Jena. Wir sind nicht grölend und prügelnd durch die Straßen gezogen, wir wollten politisch etwas bewegen. Ich habe die freundschaftliche Verbindung zu den dreien als soziale Aufwertung empfunden. In ihrer Gegenwart fühlte ich mich sicher. Ich hatte das Gefühl, zu einer starken Gruppe zu gehören.
Wir haben darüber diskutiert, ob wir unsere Ansichten mit Gewalt durchsetzen sollen. Es war eine theoretische Diskussion, ich habe es nicht für möglich gehalten, dass die drei Gewalt in dem hier vorgeworfenen Ausmaß ausüben könnten. Böhnhardt hatte einen Hang zu Waffen, er hatte eine Armbrust und Messer. Aber ich bin davon ausgegangen, dass er sie nie benutzt hat. Ich wusste, dass Uwe Böhnhardt keiner Schlägerei aus dem Weg geht. Ich wusste auch, dass die Sprengstoff haben. Nur als ultimative Drohung, hat Uwe gesagt.
Mir wird vorgeworfen, dass ich schon vor dem Untertauchen der drei wusste, dass sie hinter den Sprengstofffunden und Bombenattrappen standen. Dem war nicht so. Das habe ich erst später von André Kapke erfahren. Ich war regelrecht schockiert, das hätte ich ihnen nicht zugetraut.
Als Freund habe ich ihre Entscheidung, im Untergrund zu leben, akzeptiert. Ich habe ihnen 3000 D-Mark geliehen und meinen Reisepass. Das war für mich damals selbstverständlich. Ich fühlte mich ihnen als Freund verpflichtet. Ich fühlte mich gut damit. Keinesfalls hätte ich mir die Dimension des Verbrechens vorstellen können, das ihnen jetzt vorgeworfen wird. Ich hätte nicht gedacht, dass sie schlimmere Taten begehen könnten, als sie bis dahin begangen hatten. Ich habe erst jetzt erkannt, zu was meine Identität benutzt wurde. Erst nachträglich wurde mir klar, dass das Systemchecks waren, die sie mit mir machten, in meiner Erinnerung einmal im Jahr, in der Wohnung oder im Urlaub. Damals hatte ich einfach das Gefühl, Freunde zu treffen.
Wir haben uns einmal im Jahr getroffen. Bei mir in der Wohnung in Hannover. Oder im Urlaub. Wir haben selten über Politik geredet. Eher privat. Mundlos konnte stundenlange Monologe über Computer und Spiele halten.
2004 kam mein Ausstieg aus der aktiven Szene. Ich hatte seit 1999 mit vielen ausländischen Kollegen zusammengearbeitet und meine Vorurteile überdacht. Ich hatte eine Fahrgemeinschaft mit türkischen und russischen Kollegen, das waren normale, gute Leute.
(Gerlach hat seine Erklärung in Unterpunkte gegliedert, die er nun einzeln erläutert.)
Übergabe des Führerscheins:
Eines Abends klingelte es an der Tür, es waren die drei. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich mich nicht gemeldet hatte. Ich hatte mich ja aus der Szene gelöst. Aber die drei haben ganz entspannt reagiert und gesagt, auch sie hätten sich von der Szene gelöst. Sie wollten meinen Führerschein. Ich fühlte mich ihnen gegenüber immer noch verpflichtet und konnte nicht einfach sagen: Sorry, das ist nicht mein Problem. Ich habe mich erst in Ausreden geflüchtet, dass ich den Ausweis selbst brauche. Sie haben mir erklärt, ich soll mir keinen Kopf machen. Holger, wir machen keinen Scheiß damit, hat einer der Uwes gesagt. Du kannst dich auf uns verlassen. Deinen Pass haben wir doch auch schon seit Jahren. (Wendet sich an den Richter.) Wenn Sie mich für naiv und bescheuert halten, dann kann ich Ihnen nur recht geben. Bitte glauben Sie mir, dass die meinen Führerschein nutzen, um Wohnmobile anzumieten und Menschen zu töten, habe ich nie im Leben geglaubt.
Krankenkassenkarte:
Der Uwe kam und sagte: Holger, der Beate geht es nicht gut. Sie hat Schmerzen am Unterleib. Ich habe eine Bekannte angesprochen und sie regelrecht bequatscht, mir ihre AOK-Karte zu verkaufen. Ich habe ihr 300 Euro gezahlt. Beate hat mir leidgetan. Nein, das stimmt nicht, dass ich damit eine Terrorzelle unterstützen wollte.
Im Sommer 2011 kamen sie wieder zu mir. Beate hatte Kuchen gebacken. Sie waren gut vorbereitet. Ich sagte: Es reicht jetzt einfach, ihr hattet zehn Jahre meinen Pass. Sie sagten: Holger, wir brauchen deine Hilfe. Uwe Böhnhardt appellierte an meine gute Seite, Uwe Mundlos setzte mich unter Druck: Das sei schon vorher rechtswidrig gewesen mit meinem Pass, da sei ich jetzt mit dran. Mir kam das als Drohung vor. Am Ende habe ich eingewilligt, ihnen noch mal einen neuen Reisepass zu besorgen. Sie hatten schon eine Haarschneidemaschine mitgebracht, mit der mir Uwe Böhnhardt die Haare schor. Ich kam mir unwohl vor, ich hab das nicht mehr freiwillig gemacht.
Übergabe von 10 000 D-Mark vor der Währungsumstellung:
Die drei hatten mir 10 000 Mark anvertraut mit der Maßgabe, das Geld muss vorhanden sein, wenn sie es benötigen. Ich habe es aber bis 2004 ausgegeben. Das war mir unangenehm, ich wusste, die drei heißen es nicht gut.
Schusswaffe:
Es gab einen Besuch bei Ralf Wohlleben. Ralf fragte, ob ich den dreien was bringen könnte, nach Zwickau. Aus seinem Schlafzimmer hat er einen Stoffbeutel geholt und in meine Reisetasche gepackt. Ich wollte nicht indiskret wirken und habe nicht gefragt. Im Zug habe ich in der Tasche eine Schusswaffe ertastet. Ich war geschockt und wütend, weil ich damit nichts zu tun haben wollte und Ralf meine Abneigung gegen Waffen kannte. In Zwickau hat mich Beate vom Bahnhof abgeholt und in die Polenzstraße gebracht. Dort hat einer der Uwes die Waffe herausgeholt und durchgeladen. Ich sagte: Was soll der Scheiß?
Ich hatte nie das Gefühl, mit einer terroristischen Vereinigung befreundet zu sein. Die Unterstützung tut mir fürchterlich leid. Ich möchte mich dafür entschuldigen. Man darf nicht vergessen, dass bis zum Tod der Uwes niemand die Terrorzelle erahnt hat. Das gilt auch für mich. Es fällt mir bis heute schwer, das zu akzeptieren. (Gerlach stöhnt, setzt seine Brille ab. Weitere Fragen will er nicht beantworten.)
Tag 8
11. Juni 2013
Manfred Götzl, Richter. Holger Gerlach, Carsten Schultze, Angeklagte. Wolfgang Heer, Verteidiger von Beate Zschäpe. Stefan Hachmeister, Verteidiger von Holger Gerlach. Johannes Pausch, Verteidiger von Carsten Schultze. Thomas Bliwier, Anwalt der Nebenklage.
(Die Vernehmung des Angeklagten Carsten Schultze von Tag 6 wird fortgesetzt. Er wird sich im Laufe des Tages erstmals zu einem mutmaßlichen Sprengstoffanschlag in Nürnberg äußern. Im Jahr 1999 explodierte dort in einer Kneipe eine mit Schwarzpulver gefüllte Taschenlampe. Ein junger Deutsch-Türke wurde verletzt. Der Anschlag war den Ermittlern bisher nicht als Tat des NSU bekannt.)
Götzl Ich weise Sie darauf hin, Herr Gerlach, dass Ihre gestrige Einlassung schon etliche Fragen aufwirft. Ist Ihnen das klar?
Gerlach Ja. Dennoch möchte ich bis auf Weiteres keine Fragen beantworten.
Anwalt Bliwier Haben Sie Kontakt zu Geheimdiensten gehabt?
Gerlach Nein, auch dazu möchte ich nichts sagen.
Anwalt Bliwier Holger Gerlach hat sich selbst belastet, er hat Tatvorwürfe eingeräumt, aber er lässt keine Fragen zu. Das ist in hohem Maße bedauerlich. Es ist zu sehen, wie stark er betroffen ist, emotional. Die Entschuldigung wird von der Familie Yozgat anerkannt. Aber das ist zu wenig. Weil es der Familie Yozgat nicht darum geht, welche Strafen verhängt werden, sondern um Aufklärung. (Er wendet sich direkt an Gerlach.) Sie hätten eine große Chance, Aufklärungshilfe zu leisten und einen Großteil des Unrechts in Ansätzen wiedergutzumachen.
Götzl Möchten Sie dazu etwas sagen?
Verteidiger Hachmeister Unser Mandant möchte zunächst schweigen.
Götzl Dann kommen wir jetzt zu Herrn Schultze. Sie möchten sich noch weiter äußern.
Schultze (räuspert sich) Ich bin an einen Punkt gekommen …
Verteidiger Heer (unterbricht und wendet sich an Götzl) Wollen Sie Herrn Gutachter Leygraf nicht informieren über die bisherige Aussage von Herrn Schultze? (Gemeint ist der Essener Psychiater Norbert Leygraf, der für das Gericht ein Gutachten über den Angeklagten Carsten Schultze erstellen soll.)
Götzl Der Gutachter Leygraf wird informiert, Sie müssen sich darüber keine Sorgen machen. Zu gegebener Zeit wird er informiert. Er ist Manns genug, sich zu melden, wenn er sofort etwas wissen will.
Verteidiger Pausch Die Information ist de lege artis erforderlich. Die Aussage soll nicht in Vergessenheit geraten.
Verteidiger Heer Konsequenterweise muss jetzt eine Information erfolgen. Ich fordere einen Beschluss des Gerichts.
(Die Sitzung wird kurz unterbrochen.)
Götzl Das Gericht hat beschlossen: Herr Leygraf wird erst später informiert. Die Aussage des Herrn Schultze hat Vorrang.
Schultze Ich bin an einen Punkt gekommen, wo ich reinen Tisch machen möchte. Was der Vertreter von Herrn Yozgat gerade gesagt hat, das sehe ich auch so. Ich stelle mich meinen Geistern. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass ich es bisher immer jedem Recht machen wollte. Ich hatte Angst, dass meine Mutter einen Nervenzusammenbruch bekommt, wenn sie von meiner Vergangenheit erfährt. Ich wollte ihr den Sohn nicht nehmen, auf den sie stolz ist. Ich hatte auch Angst, was meine Freunde über mich denken. Deshalb habe ich Sachen zurückgehalten. Das will ich nicht mehr. Ich werde alles so schildern, wie ich es in Erinnerung habe.
Mich hat schon als Kind das Dritte Reich fasziniert und alles, was damit zusammenhing: HJ, SS, Uniformen. Beim Briefmarkensammeln, mit neun oder zehn, war das Dritte Reich mein Zielgebiet.
In der Klasse war kein Rechter. Aber man hatte einfach weniger Probleme, wenn man einen Skinhead gegrüßt hat. Wenn man sich mit Rechten und Hooligans verstand, ist man weniger Gefahr gelaufen, dass einem was passiert.
Ich hatte in Jena einen Kumpel, er hieß Marco. Irgendwann haben wir beschlossen, die Sau rauszulassen. Wir haben Scheiben eingeworfen und herumrandaliert. Waffen haben mich immer fasziniert, ich hatte eine Zwille und ein Messer. Ich erinnere mich an eine Beachparty, von der Antenne Thüringen veranstaltet, da hatte ich schon rechte Klamotten an und trug die schwarz-weiß-rote Fahne. Ich bin mit zwei, drei Skins losgezogen. Meine Kumpels hatten da Respekt vor. Das war ein gutes Gefühl, ein Gefühl von Stärke.
Dann gab es da eine JN-Veranstaltung in Furth im Wald. (Die Abkürzung JN steht für »Junge Nationaldemokraten«, die Nachwuchsorganisation der NPD.) Ich saß mit Klamotten im McDonald’s, auf einmal standen acht Linke am Hintereingang. Einer hatte eine Schreckschusspistole. Ich hatte totale Angst. Mein Kumpel hat die ganze Zeit seine Chicken-Nuggets gegessen und mir nicht geholfen. Die Linken wollten mir die Aufnäher von der Jacke reißen. Es gab ein Gerangel, dabei ging eine Glastür kaputt und die Pistole auch.
Waffen waren in der rechten Szene immer ein Thema. Ich hatte selbst einen Schlagstock, ein Abwehrspray, eine Schreckschusspistole und ein Holster, ich fand das toll. Im November 2011, als Mundlos und Böhnhardt aufgefunden wurden, habe ich die Pistole aus dem Keller in den Rhein geworfen. Ich wollte nicht, dass sie bei mir gefunden wird. Ich wollte das Bild aufrechterhalten: das Bild des guten Sohns, des Sozialpädagogen.
Was die Szene und ihr Verhältnis zur Gewalt angeht: Als wir mit einem NPD-Infostand in der Innenstadt standen, war das natürlich eine Provokation. Autonome kamen vorbei mit Ketten und Schraubenschlüssel in den Händen. Ich hab mir ein Tuch vor das Gesicht gebunden und einen Mundschutz reingeschoben. Bald kam aber die Polizei, sodass nichts passiert ist.
Wir sind öfter auf die Dorfkirmes gefahren und haben Stunk gemacht. Ich erinnere mich an eine Schlägerei in Stadtroda. Einer von uns wollte Streit, es waren aber keine Zecken da. Also hat er einen provoziert, der ein 88-Basecap aufhatte. (Die Zahl 88 steht in der rechten Szene für »Heil Hitler«, weil die Zahl 8 auf das H verweist, den achten Buchstaben im Alphabet.) Der hat sich das erkämpft.
Es gab auch eine Schlägerei in Bürgel, das waren krasse Typen, ich glaube, Hooligans.
(Dann berichtet Schultze erneut von dem Überfall auf zwei Jugendliche in Winzerla, bei dem auch er zugetreten habe, nachdem einer seiner Kumpel als Nazi beschimpft worden sei. Der Vorfall habe sich am selben Tag ereignet wie die Schlägerei in Stadtroda.) Sven K. hat auf den eingeschlagen. Herr Wohlleben ist dem Zweiten hinterhergerannt. Ich bin dem Typ von hinten in den Rücken gesprungen. Ein Kamerad sagte: Das macht man nicht, von hinten. Wir haben den Typ in die Holzhütte gebracht und alle auf ihn eingeschlagen. Ich habe auch zwei, drei Mal getreten und geschlagen und von außen auch noch die Holzhütte gerüttelt, damit der da hin und her fällt. Später haben wir einen Krankenwagen auf dem Bahnhofsplatz gesehen. Wohlleben hat erklärt, dass er dem einen auf dem Gesicht rumgesprungen ist.
Zur Waffenübergabe an die drei ist mir noch eingefallen: Sie wollten eine Halbautomatik, keinen Trommelrevolver. Ich bin zum Schultz in den Madley-Laden gegangen und sagte, der Wohlleben schickt mich. (Gemeint ist ein Kleidungsgeschäft in Jena, das sich mit seinem Sortiment vor allem an ein rechtes Publikum richtete.) Es sollte möglichst ein deutsches Fabrikat sein, mit Munition. Die wollten auf jeden Fall über 50 Schuss. Von Wohlleben habe ich das Geld dafür bekommen.
Als ich mich mit den Uwes im Bahnhof in Chemnitz getroffen habe, sind wir an BGS-Leuten vorbeigelaufen. Und sie sagten mir, ich soll meinen Pullover ausziehen. Da stand drauf: ACAB – All cops are bastards. Dann waren wir in dem Café in dem Einkaufszentrum. Mir gegenüber saß Uwe Böhnhardt, er hat seinen Fingerabdruck aufs Display vom Handy gedrückt. Was denkst du, was der wert ist, fragte er. Weil sie ja gesucht werden. Die beiden haben an ihren Rucksack getippt und haben gesagt: Wir sind immer bewaffnet. Dann haben sie gesagt, dass sie in Nürnberg in einem Laden eine Taschenlampe abgestellt haben. (Schultze beginnt zu weinen.) Ich wusste nicht, was die meinen. Und dann kam Frau Zschäpe und die Uwes haben »Psst« gemacht. Mir kam der Gedanke nachts, dass die da Sprengstoff eingebaut haben in die Taschenlampe. Das konnte ich mir nicht vorstellen, das war jetzt eine Ausnahme, habe ich mir gesagt. Das habe ich niemandem gesagt, das hab ich ganz schnell wieder weggetan. (Schnieft.) Später haben wir mal telefoniert, Herr Wohlleben und ich und die. Er hat gelacht. Die haben jemanden angeschossen, hat er gesagt. Und ich hab in Erinnerung, dass ich gedacht habe: Hoffentlich nicht mit der Waffe. Als ich das Geld bekommen habe, waren Banderolen drum. Ich dachte mir, das muss aus einem Banküberfall sein. Dann dachte ich, vielleicht haben sie den Wachmann angeschossen.




