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Bei der Waffenübergabe waren wir im Arbeitszimmer von Herrn Wohlleben. Er hat die Waffe ausgepackt und angeguckt und hat den Schalldämpfer draufgeschraubt. Ich hatte vorher noch daran gedacht, den Schalldämpfer wegzutun. Aber dann dachte ich, die fühlen sich hintergangen, wenn da was fehlt. Wohlleben hat die Waffe auf mich gerichtet und gelacht. Ich hab ’nen Schreck bekommen, damit zielt man nicht auf Menschen. (Schnäuzt sich und wendet sich an Götzl.) Wenn Sie mich fragen: Wo war die Grenze? Wenn die gesagt hätten, da steht ein Bimbo, ein Kanake, da wäre ich nicht mitgerannt. Das hätte ich nicht ausgehalten.
Götzl Wieso nicht?
Schultze Ich war kein Rassist. Meine Schwester hat einen Mann geheiratet, der aus Ghana kam. Die Aufkleber mit dem schwarzen Mann, der einer weißen Frau an den Hintern fasst, habe ich nicht bestellt bei der Parteizentrale.
Götzl Warum haben Sie das mit der Taschenlampe nicht früher erzählt? Ich hab das in keiner Ihrer polizeilichen Vernehmungen gelesen.
Schultze Ich bin erst jetzt zu dem Entschluss gekommen, dass ich aufräumen muss. Das heute war für mich ein Riesenschritt.
Götzl Dann schauen wir mal, wie’s weitergeht.
Verteidiger Pausch Ich schlage vor, die Befragung morgen früh fortzusetzen. Die Konzentration meines Mandanten lässt langsam nach.
Götzl Die Frage der Konzentrationsfähigkeit stellt sich auch bei mir. Ich bin noch voll konzentriert. Nur weil es 16 Uhr ist und alle nach Hause gehen wollen.
Schultze Ich sitze hier und habe einen Riesenschritt hinter mir. Das ist nicht so, als wenn ich acht Stunden gearbeitet hätte.
Götzl Wie ich sehe, sind Sie aber noch in der Lage, konzentriert zu agieren.
Verteidiger Pausch Es gilt in diesem Verfahren das Beschleunigungsgebot, aber es besteht auch eine Fürsorgepflicht gegenüber meinem Mandanten. Er drückt sich nicht, er möchte nur fit sein, um Rede und Antwort zu stehen. Es ist sinnvoll, jetzt zu unterbrechen.
(Das Gericht zieht sich zu einer kurzen Beratung zurück.)
Götzl Wie sieht’s aus mit der Konzentrationsfähigkeit?
Schultze Bei mir hat sich jetzt nichts geändert.
Götzl Dann kommen wir für heute zum Ende. Die Vernehmung wird morgen fortgesetzt.
Tag 9
12. Juni 2013
Manfred Götzl, Richter. Carsten Schultze, Angeklagter. Jochen Weingarten, Vertreter der Bundesanwaltschaft. Wolfgang Stahl, Verteidiger von Beate Zschäpe.
Schultze Ich habe gestern die Karten auf den Tisch gepackt, das hätte ich schon viel früher tun sollen. Ich wollte alle schonen, besonders meine Familie. Auch bei Wohlleben habe ich mir eingebildet, ich nehm’ den Kindern den Vater weg. Das war natürlich idiotisch.
Götzl Als Sie sich mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in dem Café in Chemnitz getroffen haben, wie war da die Stimmung?
Schultze Es war eine freudige Stimmung. Beate Zschäpe ist recht zeitnah wieder gegangen. Ich kann mich aber nicht erinnern, wie wir uns verabschiedet haben. Was ich noch sehr gut weiß: Ich habe mich verarscht gefühlt, weil ich ihnen eine Waffe bringe, in der Annahme, sie haben keine. Und dann erfahr ich, dass sie schon eine hatten. Ich dachte dann, das geht wohl in Richtung Banküberfälle.
Götzl Sie haben zu Protokoll gegeben, dann hätte Böhnhardt im Café an Ihrem Handy herumgespielt und erklärt, was so ein Fingerabdruck wert sei. Und dann kam die Bemerkung: »Wir sind immer bewaffnet.« Was haben diese Äußerungen bei Ihnen für Überlegungen ausgelöst?
Schultze Keine.
Götzl Wie haben Sie die Situation eingeordnet, als Böhnhardt und Mundlos mit Ihnen über die Waffen sprachen und »Psst« machten, als Beate Zschäpe erschien? So haben Sie es bereits bei der Polizei angegeben.
Schultze Dass sie das nicht mitbekommen sollte. Der Vorgang war komisch.
Götzl Und was hatte es mit der Taschenlampe auf sich?
Schultze Ich wusste nicht, was die damit meinen. Sie haben nur gesagt, dass sie eine Taschenlampe in ein Geschäft gestellt haben und das hat nicht geklappt.
Götzl Wie vertraut waren Sie denn damals mit Herrn Böhnhardt und Herrn Mundlos? Haben Sie sich nicht gewundert, dass Frau Zschäpe nichts erfahren sollte und Sie ins Vertrauen gezogen werden über die Taschenlampe?
Schultze Ich habe mir abends Gedanken gemacht. Heute Vormittag haben mir meine Anwälte erzählt, dass da was passiert sein soll damals in Nürnberg. (Nach seiner Aussage am Vortag ist bekannt geworden, dass es im Juni 1999 einen Bombenanschlag auf ein türkisches Lokal in Nürnberg gegeben hat. Der Sprengsatz war in einer Taschenlampe versteckt und hatte einen Mann verletzt.) Ich habe mich damals darauf ausgeruht, dass sie sagten, es hat nicht geklappt.
Götzl Hat Nürnberg eine besondere Rolle gespielt? Gab es irgendwelche Verbindungen von Böhnhardt und Mundlos nach Nürnberg?
Schultze Ich weiß nur, dass die Skinheadband »Radikahl« aus Nürnberg kam.
Götzl War es ein Gedanke, der Sie beschäftigt hat: Wofür brauchen die die Waffe?
Schultze Mich hat das irritiert, aber genauer habe ich nicht darüber nachgedacht.
Götzl Hatten Sie Skrupel, die Waffe zu übergeben?
Schultze In der Situation nicht.
Götzl Warum hatten Sie den Gedanken, den Schalldämpfer wegzutun?
Schultze Weil er nicht bestellt war.
Götzl War das wirklich der Grund?
Schultze Damit die nicht auf dumme Gedanken kommen. Damals hab ich entschieden, da wird schon nichts passieren. Auch wenn es schwer ist, sich das heute einzugestehen.
Götzl Was meinen Sie mit »dumme Gedanken«?
Schultze Dass sie etwas Schlimmes tun.
Götzl Wann haben Sie das Telefonat mit Herrn Wohlleben geführt?
Schultze Nach Übergabe der Waffe.
Götzl Hat sich Herr Wohlleben über die näheren Umstände geäußert?
Schultze Nein. Ich habe nur so ein Lachen in Erinnerung, nach dem Motto: Diese Idioten.
Götzl Wollten Sie nicht wissen, was sich nach der Übergabe ereignet hat?
Schultze Wegen der kleinen Scheine, die ich für die Waffe bekam, hatte ich das Gefühl, die haben eine Bank überfallen.
Götzl Haben Sie nicht mit Herrn Wohlleben darüber geredet? Da waren Sie ja direkt betroffen, wollten Sie da nichts wissen?
Schultze Nein.
Götzl Warum nicht?
Schultze Gute Frage.
Götzl Herr Wohlleben stand Ihnen doch zur Verfügung. Warum gab es da nie ein Gespräch? Oder gab’s doch eins?
Schultze Nein.
Götzl Haben Sie etwas getan, damit die von Ihnen gelieferte Waffe nicht zum Einsatz kommt?
Schultze Habe ich nicht.
Götzl Warum haben Sie erst jetzt über die Taschenlampe gesprochen und das seltsame Gespräch mit Böhnhardt und Mundlos?
Schultze Ich hab das weggeschoben und mich nicht mehr damit beschäftigt.
Götzl Noch mal zu der Taschenlampe. Sie sagten, den Knopf der Taschenlampe haben Sie mit einem Zünder assoziiert. Wie kommen Sie darauf?
Schultze Was ist an einer Taschenlampe anderes dran? Warum stellt man so was in einen Laden? Darüber habe ich nachgedacht.
Götzl Gibt es weitere Informationen, die Sie uns nicht gegeben haben?
Schultze (fast flehentlich) Nein. Ich habe gestern alles auf den Tisch gepackt.
Götzl Was waren Ihre Motive, dass Sie diesen Punkt verschwiegen haben?
Schultze Ich wollte mich schützen und meine Freunde, die große Stücke auf mich halten. Ich wollte auch den Herrn Wohlleben schützen. Ich dachte, ich nehme den Kindern den Vater.
Verteidiger Stahl Ich beanstande die Fragestellung. Es ist nun das vierte Mal die gleiche Frage. Carsten Schultze hat sie viermal gleich beantwortet.
Götzl Was wissen Sie über Herrn Wohlleben? Über sein Leben?
Schultze Er hat mir seine Kinder vorgestellt. Er ist verheiratet. Früher war ich oft bei ihm eingeladen.
Götzl Wie ist Ihr Verhältnis heute zu ihm?
Schultze Ich habe kein Verhältnis mehr zu ihm.
Götzl Erzählen Sie uns ein wenig von Ihrer Familie. Wie hat sie auf Ihren Werdegang reagiert?
Schultze Meine Mutter wusste von meiner Begeisterung für das Dritte Reich. Sie war dagegen, es gab immer wieder Konflikte. Dann bin ich in mein Zimmer gegangen und habe laute Rechtsmusik gehört. Mein Vater hat mir verboten, Springerstiefel zu kaufen. Als ich trotzdem mit einem Paar nach Hause kam, musste ich sie wieder in den Laden zurückbringen. Meine Eltern haben aber immer zu mir gehalten, auch nachdem ich kurz im Gefängnis war. Das hat was ausgelöst bei mir.
Oberstaatsanwalt Weingarten Wann haben Sie Ihren Fachhochschulabschluss gemacht?
Schultze Von 2003 bis 2007.
Oberstaatsanwalt Weingarten Wann haben Sie Ihre Psychotherapie absolviert?
Schultze Das war 2010 und hat eineinhalb Jahre gedauert.
Oberstaatsanwalt Weingarten Welches Verhältnis hatten Sie zum historischen Nationalsozialismus?
Schultze Ich hab das glorifiziert.
Oberstaatsanwalt Weingarten Wie war Ihre Haltung zum Völkermord an den Juden? (Schultze gibt eine ausweichende Antwort.) Herr Schultze, jetzt reden Sie mal Tacheles!
Schultze Ich habe daran geglaubt, dass es den nicht gegeben hat. Damit lebt es sich einfacher.
Oberstaatsanwalt Weingarten Waren Ausländer für Sie gleichwertige Menschen?
Schultze Afrika für Affen, Europa für Weiße, das haben wir gesungen. Das bedeutete nicht, dass ich wollte, dass den Ausländern was passiert.
Oberstaatsanwalt Weingarten Waren Ihnen Türken ein besonderer Dorn im Auge?
Schultze Da hab ich nichts in Erinnerung. Wir waren generell der Ansicht: Das Boot ist voll.
Oberstaatsanwalt Weingarten Das bezog sich auch auf Dänen, Schweden, Holländer?
Schultze Es bezog sich auf Multikulti, also auf westdeutsche Verhältnisse.
Oberstaatsanwalt Weingarten Was hat Sie an Multikulti gestört?
Schultze Es ist schwer, sich da wieder reinzuversetzen. Die Hautfarbe hat sicher eine Rolle gespielt.
Oberstaatsanwalt Weingarten Sie waren bei Solidaritätskundgebungen für Rudolf Heß. Warum?
Schultze In der rechten Szene sind wir davon ausgegangen, dass er ein Friedensflieger war und 46 Jahre unschuldig in Haft saß. Es gab mal eine Aktionswoche, das war spannend.
Tag 10
13. Juni 2013
Manfred Götzl, Richter. Carsten Schultze, Angeklagter. Anja Sturm, Verteidigerin von Beate Zschäpe. Olaf Klemke, Verteidiger von Ralf Wohlleben. Jacob Hösl, Verteidiger von Carsten Schultze. Mehmet Daimagüler, Philipp Götze, Gül Pinar, Jens Rabe, Andreas Thiel, Angela Wierig, Anwälte der Nebenklage.
Götzl (an die Verteidiger von Ralf Wohlleben) Haben Sie Fragen an Herrn Schultze?
Verteidiger Hösl (an die Verteidiger von Wohlleben) Mein Mandant wird Fragen von Ihrer Seite nur beantworten, nachdem sich Herr Wohlleben selbst geäußert hat. Sonst werden keine Fragen dieser Seite beantwortet.
Verteidiger Klemke Ich fasse es nicht. Das lehnen wir natürlich ab. Wir lassen uns nicht erpressen.
Verteidiger Hösl Wir hätten aber auch eine Menge Fragen an Herrn Wohlleben.
Anwältin Pinar Warum möchten Sie Fragen von der Seite Wohlleben nicht zulassen?
Schultze Ich habe von denen mal was von Waffengleichheit gehört. Und ich möchte, dass hier nicht nur ich mich nackig mache, sondern er auch.
Anwalt Rabe Wo wurde die Waffe übergeben, was für ein Café soll das gewesen sein? In welchem Kaufhaus?
Schultze Ein Kaufhaus mit einem Café mit drinnen. Das hab ich noch in Erinnerung.
Anwalt Rabe Gibt’s da mehrere?
Schultze Ich war nur selten in Chemnitz, kenn mich da nicht aus.
Anwalt Rabe Sie haben mal von der Galeria Kaufhof gesprochen.
Schultze Ich erinnere mich nicht genau an eine Galeria Kaufhof. Da ist nur dieses Gefühl. Ich kenne eine Galeria von Düsseldorf her.
Anwalt Thiel Hatten Sie nach der Waffenübergabe Skrupel? Sie haben gesagt, Sie hätten die schlechten Gefühle schnell weggepackt. Wie darf ich das verstehen?
Schultze Aus der Erinnerung kann ich nur sagen, dass es die Gedanken gab, und dass sie dann wieder fort waren.
Anwalt Thiel Aber Sie hatten ein ungutes Gefühl?
Schultze Ja.
Anwalt Thiel Gab es nicht mal den Gedanken, es anzuzeigen oder sich zu offenbaren?
Schultze Leider nicht.
Anwalt Thiel Es hat ja öffentliche Fahndungsmaßnahmen gegeben nach der Česká-Waffe. Wann haben Sie zum ersten Mal zur Kenntnis genommen, dass es die Verknüpfung zwischen den Mordtaten und der Česká-Waffe gab?
Schultze Im Spiegel TV-Bericht ungefähr eine Woche nach Auffliegen des NSU im Jahr 2011.
Anwalt Thiel Und zu einem früheren Zeitpunkt?
Schultze Leider nicht.
Anwalt Götze Sie hatten berichtet, Ralf Wohlleben habe Ihnen mal erzählt, die drei hätten jemanden angeschossen. Und Sie hätten gedacht, hoffentlich sei das nicht mit der Waffe passiert, die Sie überbracht haben. Warum haben Sie sich solche Sorgen nicht schon gemacht, als Sie die Pistole in Chemnitz übergeben haben?
Schultze Ich denke mal, dass das eine neue Information für mich war. Ich traute denen so etwas nicht zu – und dann passiert das. Einmal denke ich, da wird nix passieren. Und dann höre ich, da ist was passiert.
Anwalt Götze Wie erklären Sie sich, dass Sie nicht zur Polizei gegangen sind?
Schultze Dass es aus Versehen passiert ist mit dem Anschießen. Ich hab da im Kopf: Die Idioten, das machen die nicht noch mal.
Anwalt Götze Sie haben von Geld berichtet, das Sie von dem Trio bekommen haben, und Sie haben das mit Überfällen in Verbindung gebracht. Das hat doch bedeutet, dass die Untergetauchten auch ohne Ihre Hilfe auskamen …
Schultze Ja, ich habe mich da verarscht gefühlt. Auch weil die Uwes sagten, sie haben bereits Waffen.
Anwältin Wierig Meine Mandantin würde gerne mehr wissen über die damaligen Strukturen. Sie waren in Therapie, ich hoffe, dass wir hier nichts kaputt machen, was Sie sich erarbeitet haben. Bisher haben Sie nur gesagt, Sie hätten Lieder gesungen und Unterschriften gesammelt. Das allein kann es ja nicht gewesen sein?
Schultze Das ist eine riesige Frage. Die Hierarchien fallen mir da ein, von Tino Brandt ging es nach unten.
Anwältin Wierig Mir geht es weniger um die Personen, mehr um die Inhalte. Was waren denn das für Thesen in den Papieren? Wie waren Ihre Vorstellungen?
Schultze Es ist erst mal so im Groben geblieben. Aus der JN gab es den »Funkenflug«, ein JN-Buch. Da wüsste ich nicht, ob ich da überhaupt drin gelesen hab. Das NPD-Programm hab ich mal gelesen, und dann hört es auch schon fast auf. Auch was wir konkret besprochen haben, mir kommen da keine Erinnerungen.
Anwältin Wierig Was hatten Sie damals so an?
Schultze Ranger Boots mit Stahlkappen, ein schickes Hemd, anfangs hatte ich noch eine Mütze auf, so barettmäßig, mit Thüringen-Aufnäher.
Anwältin Wierig Kann man das als Uniform bezeichnen?
Schultze Ja. Ich hatte auch ein Bajonett und einen französischen Armee-Schlafsack.
Anwältin Wierig Hatten Leute auch Angst vor Ihnen, vor Ihnen allein oder als Gruppe?
Schultze Ich denke schon. In der Stadt gab es einen Türsteher, der mich lange Zeit auf dem Kieker hatte. Der kam auf einmal zu mir und hat gesagt, alles in Ordnung. Da hat sich das wahrscheinlich einfach rumgesprochen, dass ich Leute kenne. Das war ein gutes Gefühl.
Anwältin Wierig Warum haben Sie beim Trio ein komisches Gefühl gehabt?
Schultze Die hatten ja mit meiner Lebenswelt nichts zu tun. Ich kannte die ja nicht mal. Die sahen ganz normal aus. Es ging darum, die dürfen nicht auffliegen. Am Telefon haben sie mich »Kleiner« genannt, sie haben mich nie mit dem Namen angesprochen. Aber das war normal in der Szene, es gab immer auch ein Gefälle zwischen Jüngeren und Älteren. Im Auto saßen die Jüngeren hinten, die Älteren vorne.
Anwalt Daimagüler Welche Bedeutung hatten rechte Bands für Sie?
Schultze Die »Zillertaler Türkenjäger« haben wir lustig gefunden.
Anwalt Daimagüler Was ist denn daran so witzig? In einem der Lieder dieser Band geht es um die Ermordung von Türken.
Schultze Das ist mir heute auch bewusst. Damals fanden wir das lustig.
(Pause.)
Verteidigerin Sturm Unsere Mandantin ist heute in schlechter Verfassung. Sie fürchtet, dass sie es heute nicht den ganzen Tag durchhält.
Götzl (wendet sich an Zschäpe) Wenn Sie Beschwerden haben, würde ich Sie bitten, dass Sie sofort Bescheid sagen.
(Im Vorfeld der Verhandlung wurde bekannt, dass ein Brief Zschäpes beschlagnahmt wurde: 26 Seiten lang, handschriftlich, über ihre Haftzeit, über ihre Gedanken und Gefühle, über den Prozess. Zschäpe hat sich einem Mann anvertraut, der seit 2007 in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld sitzt, verurteilt zu acht Jahren Haft wegen schwerer räuberischer Erpressung. Bei einem Überfall auf einen Lebensmittelmarkt hat er als 20-Jähriger viermal auf einen gebürtigen Tunesier geschossen, der nur durch eine Notoperation überlebte. Zschäpes Brieffreund heißt Robin S. und gehörte vor seiner Inhaftierung zur rechtsextremistischen Szene Dortmunds.
Der Generalbundesanwalt hat zudem offiziell Ermittlungen gegen Beate Zschäpe wegen des erst durch die Aussage von Carsten Schultze bekannt gewordenen versuchten Rohrbombenanschlags von Nürnberg eingeleitet. Nach dem Anschlag waren die Ermittlungen der Nürnberger Behörden ohne Ergebnis eingestellt worden. Nun geht der Generalbundesanwalt davon aus, dass auch diese Tat dem NSU zuzuordnen ist und bei dem Anschlag ein Mensch getötet werden sollte.)
Tag 11
18. Juni 2013
Manfred Götzl, Richter. Carsten Schultze, Angeklagter. Antonia von der Behrens, Peer Stolle, Anwälte der Nebenklage.
(Die Befragung des Angeklagten Carsten Schultze wird fortgesetzt.)
Anwältin von der Behrens Welche Rolle hat die Politik für Sie als Führungsfigur in der rechten Szene von Jena und in der Jugendorganisation der NPD gespielt?
Schultze Ich kann das schwer festmachen.
Anwältin von der Behrens Was heißt festmachen? Sie sollen sagen, welche Rolle Politik und Ideologie in Ihrer Arbeit gespielt haben.
Schultze (überlegt lange) Es hat eine Rolle gespielt, die Politik, natürlich. Es gab auch die Spaßsachen, Freizeit. Ich kann das jetzt irgendwie schlecht festmachen.
Anwältin von der Behrens Ein Zeuge hat laut Protokoll bei der Polizei gesagt, Sie hätten die anderen zur Ordnung gerufen, als sie Quatsch im Bus gemacht hätten.
Schultze Die hatten eine Flasche Schnaps dabei. Bei uns war Alkoholverbot, und da hab ich denen die Flasche weggenommen.
Anwältin von der Behrens Mir geht es um Ihre Position. Das klingt für mich so, als seien Sie derjenige gewesen, der gegen den Spaß die Politik durchgesetzt hat.
Schultze Natürlich war es so: Wir müssen da nach außen ordentlich aussehen. Das war die Order. Alkoholverbot.
Anwältin von der Behrens Wie wurde denn über den Verfassungsschutz in der Szene gesprochen? Wurde der als Bedrohung gesehen? Hat man gedacht, man kann dem ein Schnippchen schlagen?
Götzl Bitte offen fragen, nichts vorgeben, das bringt mehr!
Schultze Wir haben immer aufgepasst, dass wir am Telefon nichts groß sagen, weil wir davon ausgegangen sind, dass wir abgehört werden.
Anwältin von der Behrens Inwiefern war das denn Thema?
Schultze Ich erinnere mich nur, dass, wenn wir komisch ausgefragt werden von Kameraden, dass wir da ein bisschen das Ohr offen halten sollten. So in dem Kontext.
Anwältin von der Behrens Hatten Sie Sorge, dass ein V-Mann wie Tino Brandt Informationen weitergab? Hatten Sie da Angst nach Ihrem Ausstieg aus der Szene?
Schultze Das war für mich völlig uninteressant. Es war für mich vorbei, hinter mir. Es ging ja auch schnell herum in der Szene, der schwule Aussteiger. Aber das war mir auch egal.
Anwältin von der Behrens Wie hat denn Herr Wohlleben reagiert auf die Ankündigung auszusteigen?
Schultze Wir hatten noch ein bisschen hin und her diskutiert. Ich bin dabei geblieben, dass ich keinen Sinn mehr sehe und nicht mehr mitmache.
Anwältin von der Behrens War er ärgerlich?
Schultze (überlegt) Wenn, dann nur ein wenig.
Anwältin von der Behrens Was hat er denn gesagt?
Schultze Er hat ein bisschen versucht, mich umzustimmen.
Anwältin von der Behrens Gab es Absprachen, was mit den Informationen über das Trio passiert?
Schultze Mir war klar, dass ich nichts sage. Und das habe ich ihm auch gesagt.
Anwalt Stolle Gab es Anweisungen, wie Sie sich verhalten sollten bei der Reise nach Chemnitz, zur Übergabe der Waffe?
Schultze Mir war schon klar, dass ich das alleine mache und keinen Kumpel mitnehme. Ich habe auch in anderen Situationen darauf geachtet, dass ich nicht beobachtet werde.
Tag 12
19. Juni 2013
Manfred Götzl, Richter. Carsten Schultze, Angeklagter. Wolfgang Heer, Verteidiger von Beate Zschäpe. Olaf Klemke, Verteidiger von Ralf Wohlleben. Mustafa Kaplan, Walter Martinek, Reinhard Schön, Sabine Singer, Tobias Westkamp, Burkhard Zimmer, Anwälte der Nebenklage.
Anwalt Schön Es soll ja so eine Art Bettelbrief des NSU gegeben haben. Ich lese Ihnen das mal vor: »Verbote zwingen uns Nationalisten immer wieder, nach neuen Wegen im Widerstandskampf zu suchen. Verfolgung und Strafen zwingen uns, anonym und unerkannt zu agieren. Der Nationalsozialistische Untergrund verkörpert die neue politische Kraft im Ringen um die Freiheit der deutschen Nation …«
Götzl (unterbricht) Könnten Sie bitte Ihre Frage stellen!
Anwalt Schön Meine Frage: Haben Sie mal gehört, dass es diesen Brief gibt?
Schultze Nein.
Anwalt Schön Sind Ihnen Bettelbriefe bekannt, wo Geld gesammelt werden sollte für den NSU?
Schultze Nein.
Anwalt Schön Kommt Ihnen noch eine genauere Erinnerung zu Auseinandersetzungen über Gewalt in Neonazi-Kreisen?
Verteidiger Klemke Ich beanstande die Frage. Was ist denn unter dem Begriff Neonazi-Kreise zu verstehen?
Anwalt Schön Was sind Sie denn dann?
Verteidiger Klemke Wen meinen Sie denn? Mich?
Anwalt Schön Überprüfen Sie mal Ihre eigenen Aktivitäten und die Ihrer Kollegin!
Verteidiger Klemke Werden Sie jetzt persönlich? Passen Sie auf, dass Sie keine Anzeige bekommen!
Götzl (zu Klemke) Halten Sie sich zurück! (zu Schön) Wenn das so läuft und Sie nicht präzise fragen, werden wir für jeden Zeugen einen ganzen Tag einplanen müssen.
Anwalt Schön Ich halte das für präzise.
Götzl Nein. Kann man die Frage nicht einfach stellen? Wenn es dann Beanstandungen gibt und die Dinge in den persönlichen Bereich gehen, sind wir mit einer Frage 20 Minuten beschäftigt.
Anwalt Schön Das ist nicht erforderlich.
Götzl Das sehe ich auch so.
Anwalt Kaplan Herr Schultze, haben Sie nach Ihrem Ausstieg auch ideologisch abgeschlossen?
Schultze Ja.
Anwalt Kaplan Welchen Eindruck hatten Sie von Beate Zschäpe damals, können Sie sie charakterlich beschreiben?
Schultze Das wurde ich schon mehrfach gefragt. Kann ich nicht. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt mehr als fünf bis acht Sätze mit ihr gesprochen habe.
Anwalt Kaplan Haben Sie Ihren Ausstieg aus der rechten Szene als Befreiung empfunden?
Schultze Auf jeden Fall.
Anwalt Kaplan Mussten Sie danach noch Ihre Sexualität verstecken?
Schultze Nein. Das ging ja alles durch die rechte Szene, aber es war mir egal. Es war eine Riesenbefreiung für mich.
Anwalt Kaplan Haben Sie denn nach Ihrem Ausstieg noch viel an Ihre Vergangenheit denken müssen, als Sie Ihre Sexualität verstecken mussten?
Schultze (schaut sich hilflos um)
Götzl (wendet sich Rechtsanwalt Kaplan zu) Wenn die Frage erläutert werden muss, ist sie offensichtlich nicht zu verstehen. Vielleicht sollten Sie mal kurz nachdenken!




