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XIV.
Inhaltsverzeichnis
46. Ja wahrlich, der Genuß der Unterhaltung läßt mich auch an lang anhaltenden Gastmählern 149 Vergnügen finden, und zwar nicht allein mit meinen Altersgenossen, deren nur noch sehr Wenige am Leben sind, sondern auch mit Männern eueres Alters und namentlich mit euch; und ich weiß es dem Greisenalter großen Dank, daß es mir das Verlangen nach Unterhaltung vermehrt, das nach Trank und Speise genommen hat 150.
Ergötzen nun aber Manchen auch diese Genüsse, – damit ich nicht der Sinnenlust überhaupt den Krieg anzukündigen scheine, von der vielleicht die Natur ein gewisses Maß gestattet, – so sehe ich nicht ein, daß das Greisenalter selbst für diese Genüsse gar keinen Sinn haben soll. Mich ergötzen in der That die von unseren Altvordern eingeführten Trinkmeisterwürden 151 und die Unterhaltung, die nach Art unserer Altvordern bei dem Becher vom Obersten 152 anhebt, und die kleinen träufelnden Becher 153, wie es im Gastmahle des Xenophon 154 heißt, und die Abkühlung im Sommer, sowie hinwiederum die Sonnenwärme und das Kaminfeuer. Diesen Vergnügungen pflege ich auch im Sabinischen 155 nachzugehen, wo ich täglich meinen Tisch mit eingeladenen Nachbarn vollzählig mache, und wir das Mahl bis tief in die Nacht, soviel wir können, unter mancherlei Gesprächen hinziehen.
47. » Aber der Kitzel der sinnlichen Genüsse ist bei den Greisen nicht mehr so groß.« Ich glaube es, aber auch nicht das Verlangen darnach. Nichts aber ist lästig, was man nicht vermißt.
Schön ist die Aeußerung des Sophokles 156. Als ihn, schon vom Alter geschwächt, Jemand fragte, ob er noch der Liebe pflege, entgegnete er: »Das mögen die Götter verhüten! Wahrlich, ich bin davor geflohen wie vor einem rohen und rasenden Herrn.« Freilich, den nach solchen Genüssen Lüsternen ist die Entbehrung derselben vielleicht verhaßt und beschwerlich; den Gesättigten und Befriedigten aber ist die Entbehrung angenehmer als der Genuß, wiewol der nicht entbehrt, der nicht vermißt. Darum behaupte ich, dieses Nichtvermissen ist angenehmer. 48. Wenn nun das jugendliche Alter gerade diese Vergnügungen lieber genießt, so genießt es erstens, wie gesagt, nur Dinge von geringem Werthe, sodann solche, deren das Greisenalter, wenn es sie auch nicht im Ueberflusse genießt, nicht gänzlich entbehrt.
Sowie Turpio Ambivius 157 dem einen größeren Genuß gewährt, der in der ersten Sitzreihe des Theaters zusieht, jedoch auch dem Genuß bereitet, der in der letzten zusieht; ebenso freut sich die Jugend, die die Vergnügungen in der Nähe beschaut, vielleicht mehr; aber auch das Alter, das sie aus der Ferne betrachtet, erfreut sich deren soviel, als genug ist.
49. Aber wie wichtig ist es, daß der Geist gleichsam nach überstandenen Dienstjahren der Sinnenlust, des Ehrgeizes, der Wettstreite, der Feindschaften und aller Begierden bei sich selbst ist und, wie man sagt, mit sich selbst lebt! Hat er vollends gleichsam eine Nahrung der wissenschaftlichen Beschäftigungen, so ist Nichts erfreulicher als ein von Amtsgeschäften freies Greisenalter.
Wir sahen den Gajus Gallus 158, den Freund deines Vaters, mein Scipio, wie er, ich möchte sagen, Himmel und Erde auszumessen bemüht war. Wie oft überraschte ihn das Tageslicht, wenn er des Nachts Etwas zu verzeichnen begonnen hatte! wie oft die Nacht, wenn er des Morgens damit angefangen hatte! Welche Freude machte es ihm die Sonnen- und Mondesfinsternisse uns lange vorher zu sagen!
50. Wie steht es mit den geringfügigeren, aber doch Scharfsinn erheischenden Beschäftigungen? Wie viel Freude hatte Nävius 159 an seinem Punischen Kriege. wie viel Plautus 160 an seinem Truculentus, wie viel an seinem Pseudolus! Ich sah auch noch den alten Livius 161, der sechs Jahre vor meiner Geburt unter dem Consulate des Cento und Tuditanus ein Schauspiel aufgeführt hatte und bis zu meinem Jünglingsalter fortlebte. Was soll ich von des Publius Licinius Crassus 162 Fleiße im priesterlichen und bürgerlichen Rechte sagen, oder von dem unseres Publius Scipio 163, der erst vor wenigen Tagen Oberpriester geworden ist? Gleichwol waren alle diese Männer, die ich erwähnte, schon Greise, als wir sie diese Beschäftigungen mit brennendem Eifer treiben sahen. Den Marcus Cethegus 164
Flos delibatus populi Suadaeque medulla.
Dann fährt Cicero fort: Πειθὼ quam vocant Graeci, cujus effector est orator, hanc Suadam appellavit Ennius, ut, quam deam in Pericli labris scripsit Eupolis sessitavisse, hujus hic medullam nostrum oratorem fuisse dixerit.
XV.
Inhaltsverzeichnis
51. Ich komme nun zu den Freuden des Landlebens, an denen ich ein unglaublich großes Vergnügen finde. Sie werden einerseits durch kein Greisenalter gestört und scheinen mir andererseits sich am Nächsten an das Leben eines Weisen anzuschließen. Denn sie stehen mit der Erde in Rechnung, die sich niemals ihrer Herrschaft weigert und nie ohne Zins zurückgibt, was sie empfangen hat, sondern zuweilen mit geringerem, gemeiniglich aber mit größerem Ertrage. Doch mich erfreut nicht nur die Frucht, sondern auch die Triebkraft und Natur der Erde selbst. Wenn sie in ihren erweichten und aufgelockerten Schoß den ausgestreuten Samen aufgenommen hat, behält sie ihn zuerst verdeckt zurück; daher nennen wir im Lateinischen das Eggen, wodurch der Samen verdeckt wird, occatio von occaecare, verdecken, unsichtbar machen 165. Sodann dehnt sie den durch ihren Dunst und ihre Umfassung erwärmten Samen aus 166 und lockt aus ihm das grasartig aufsprießende Grün, das, auf Wurzelfäden gestützt, allmälich heranwächst, sich an einem knotigen Halme emporrichtet und jetzt, gleichsam mannbar werdend, sich in Schoßbalge einschließt. Und wenn es aus diesen hervorbricht, so entfaltet es die reihenartig gebaute Frucht der Aehre und schützt sich durch einen Wall von Stacheln gegen den Biß der kleinen Vögel.
52. Was soll ich die Entstehung, das Pflanzen und Heranwachsen der Weinstöcke erwähnen? Dieß bietet, damit ihr die Erholung und den Genuß meines Alters kennen lernet, eine Unterhaltung, an der ich mich nicht genug freuen kann. Ich übergehe die Triebkraft selbst aller Erdgewächse, die aus einem so kleinen Feigen- oder Weinbeerkerne oder aus den kleinsten Samenkörnern der übrigen Früchte oder Pflanzen so große Stämme und Aeste hervorbringt. Was die Fächser, Setzlinge, Reiser, Ableger, Senker aus sich schaffen, muß es nicht Jeden mit Freude und Bewunderung erfüllen? Der Weinstock nun, der doch von Natur hinfällig ist und, wenn er nicht gestützt wird, zur Erde sinkt, umfaßt trotzdem, um sich aufzurichten, mit seinen Ranken wie mit Händen Alles, was er erreicht. Da er in mannigfaltigen sich schlängelnden Windungen fortkriecht, so beschränkt ihn die Kunst der Landbauer, indem sie ihn mit dem Messer beschneiden, da mit er nicht durch die Reiser in's Holz wachse und sich zu sehr nach allen Richtungen ausbreite. 53. So tritt zu Anfang des Frühlings an dem übrig gebliebenen Holze, gleichsam an den Gelenken der Reiser, das sogenannte Auge hervor. Aus diesem bricht die Traube hervor und entwickelt sich. Sie wächst durch den Saft der Erde und durch die Sonnenwärme, hat anfänglich einen sehr herben Geschmack, wird aber darauf, zur Reife gelangt, süß, und mit Laub bekleidet entbehrt sie einerseits nicht einer mäßigen Wärme und wehrt andererseits die zu große Sonnenhitze ab. Kann wol Etwas theils für den Genuß erfreulicher, theils für den Anblick schöner sein als sie?
Aber, wie ich vorhin bemerkte, nicht allein der Nutzen des Weinstockes, sondern auch sein Anbau und selbst seine natürliche Beschaffenheit macht mir Freude: die Reihen der Stützpfähle, die Verknüpfung der Ranken, das Anbinden und Fortpflanzen der Stöcke, die zuvor erwähnte Beschneidung der Reiser und die Einsenkung derselben.
Was soll ich die Bewässerung, das Aufgraben und Umhacken des Ackers anführen, wodurch die Erde ungleich fruchtbarer wird? Was soll ich von der Nützlichkeit der Düngung reden? 54. Ich habe darüber in dem Buche über die Landwirtschaft 167 geschrieben. Der gelehrte Hesiodus 168 hat davon auch nicht ein Wort gesagt, obwol er über den Ackerbau geschrieben hat. Homerus hingegen, der, wie ich glaube, viele Menschenalter früher lebte, läßt den Laertes die Sehnsucht, die er wegen seines Sohnes empfand, dadurch lindern, daß er den Acker bebaut und düngt 169
τὸν δ' οι̃ον πατέρ ευ̃ρεν εϋκτιμένη εν αλωη̃
λιστρεύοντα φυτόν.
242:
η̃τοι ο μὲν κάτ' έχων κεφαλὴν φυτὸν αμφελάχεινε.
An beiden Stellen ist von Düngung keine Rede; denn λιστρεύειν heißt umgraben, αμφιλαχαίνειν umhacken. Richtiger hätte Od. ρ, 297 angeführt werden können:
εν πολλη̃ κόπρω, ή οι προπάροιθε θυράων
ημιόνων τε βοω̃ν τε άλις κέχυτ', όφρ' ὰν άγοιεν
ομω̃ες ’Οδυσση̃ος τέμενος μέγα κοπρήσοντες.
XVI.
Inhaltsverzeichnis
55. Ich könnte noch viele Annehmlichkeiten der Landwirtschaft anführen; aber schon das Gesagte ist, wie ich merke, zu lang geworden. Ihr werdet es mir aber zugute halten; denn theils habe ich mich durch die Vorliebe für die Landwirtschaft fortreißen lassen, theils ist das Alter von Natur etwas geschwätzig, damit es nicht scheine, als ob ich es von allen Fehlern freisprechen wollte.
Also in dieser Lebensweise brachte Manius Curius 170 nach seinen Triumphen über die Samniten und über den Pyrrhus die letzte Zeit seines Lebens zu; und wenn ich sein Landgut betrachte, – es liegt nicht weit von dem meinigen, – so kann ich theils die Genügsamkeit des Mannes selbst, theils die Sittenzucht damaliger Zeiten nicht genug bewundern. 56. Als einstmals Curius am Herde saß, brachten ihm die Samniten eine große Summe Goldes, wurden aber damit abgewiesen. Denn es scheine ihm, erklärte er, nicht rühmlich Gold zu besitzen, wohl aber über die zu herrschen, welche Gold besäßen. Mußte nicht eine so hohe Gesinnung das Alter erfreulich machen?
Doch ich komme auf die Landleute zurück, um mich nicht von mir selbst zu entfernen. Auf dem Lande lebten damals Senatoren, das heißt Männer aus dem Rathe der Alten. So wurde zum Beispiel dem Lucius Quinctius Cincinnatus 171, als er mit Pflügen beschäftigt war, seine Ernennung zum Dictator verkündet, und auf dieses Dictators Geheiß tödtete der Befehlshaber der Reiterei, Gajus Servilius Ahala, den nach der Königswürde trachtenden Spurius Mälius, indem er ihm vor Ausführung seines Vorhabens zuvorkam. Von ihren Landgütern wurden auch Curius und andere Greise in den Senat herbeigeholt, woher die, welche sie herbeiholten, Landboten 172 genannt wurden. War nun wol das Greisenalter dieser Männer beklagenswerth, die an der Bebauung des Feldes Vergnügen fanden? Nach meiner Meinung wenigstens dürfte wol kein Greisenalter glückseliger sein, und zwar nicht allein wegen des Berufes, weil der Landbau dem gesammten Menschengeschlechte heilsam ist, sondern auch wegen des erwähnten Genusses und wegen des Ueberflusses und der Fülle aller Dinge, die zur Nahrung der Menschen und auch zum Dienste der Götter gehören. So können wir uns also, weil dieß doch Manche wünschen, wieder mit der Sinnenlust aussöhnen. Denn bei einem guten und fleißigen Hausvater ist der Weinkeller, der Oelkeller, auch die Speisekammer immer gefüllt, und sein ganzes Landgut ist wohl bestellt. Es hat Ueberfluß an Schweinen, jungen Ziegen, Lämmern, Hühnern, Milch, Käse, Honig. Ferner nennen die Landleute selbst den Garten die zweite Speckseite 173. Mehr Würze erhalten diese Annehmlichkeiten auch durch den in müßigen Stunden vorgenommenen Vogelfang und die Jagd 174.
57. Was soll ich von dem Grün der Wiesen oder von den Reihen der Bäume oder von der Schönheit der Wein- und Oelgärten weitläufig reden? Ich will mich kurz fassen. Nichts kann weder für den Nutzen ergiebiger noch für den Anblick reizender sein als gut angebautes Feldland, und an seinem Genusse hindert uns das Greisenalter durchaus nicht, ja es ladet vielmehr dazu ein und lockt an. Denn wo kann sich dieses Alter im Sonnenschein oder am Feuer besser erwärmen, oder hinwiederum im Schatten oder im Wasser eine gesündere Abkühlung genießen? Für sich mögen daher die jungen Leute ihre Waffen, für sich ihre Rosse, für sich die Speere, für sich die Keule 175 und den Ball, für sich das Schwimmen und Laufen behalten; uns Greisen mögen sie von ihren vielen Spielen nur das Knöchel- und Würfelspiel übrig lassen, und selbst von diesen beiden nach ihrem Belieben nur eines, weil das Greisenalter auch ohne diese glücklich sein kann.
XVII.
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59. Zu vielen Dingen sind Xenophon's 176 Schriften ungemein nützlich. Lest sie eifrig, wie ihr es thut. Mit welcher Rednerfülle lobt er den Landbau in der Schrift von der Besorgung des Hauswesens, die Oekonomikus überschrieben ist! Und damit ihr einsehet, daß ihm Nichts so königlich scheint als die Beschäftigung des Landbaues, so erfahrt, wie Sokrates sich in dieser Schrift 177 mit dem Kritobulus 178 unterredet. Cyrus der Jüngere 179, sagt er, ein königlicher Prinz Persiens, hervorragend durch Geist und Herrscherruhm, habe sich, als der Lacedämonier Lysander 180, ein Mann von ausgezeichneter Tapferkeit, zu ihm nach Sardes kam und ihm Geschenke von den Bundesgenossen brachte, sowol in anderer Hinsicht artig und menschenfreundlich gegen Lysander benommen, als auch ihm einen umzäunten und sorgfältig bepflanzten Garten gezeigt. Als aber Lysander den schlanken Wuchs der Bäume und die in Gestalt einer Fünfzahl 181 geordneten Reihen derselben, den gelockerten und reinen Boden und die Lieblichkeit der Düfte, die ihm aus den Blumen zuströmten, bewunderte: da habe er gesagt, er bewundere nicht nur die Sorgfalt, sondern auch die Kunstfertigkeit des Mannes, der dieses Alles ausgemessen und angeordnet habe; und Cyrus habe ihm geantwortet: »Nun, ich habe dieses Alles ausgemessen; mein Werk sind die Reihen, mein Werk die Anordnung; auch viele dieser Bäume sind von meiner Hand gepflanzt.« Da habe Lysander, einen Blick auf sein Purpurgewand und die glänzende Schönheit seines Körpers und auf den Persischen Schmuck mit vielem Golde und vielen Edelsteinen werfend, gesagt: »Ja, mit Recht preist man dich glücklich, weil mit deiner Tüchtigkeit das Glück in Verbindung steht.«
60. Ein solches Glück zu genießen ist nun den Greisen gestattet, und nicht hindert das Alter die Liebe sowol zu anderen Beschäftigungen als auch ganz besonders zu dem Landbau bis zur letzten Zeit des Greisenalters beizubehalten. So haben wir zum Beispiel von Marcus Valerius Corvus 182 vernommen, er habe seine Liebe zum Landbau bis zum hundertsten Jahre fortgeführt, indem er in schon weit vorgerücktem Alter auf dem Lande lebte und es bebaute. Zwischen seinem ersten und sechsten Consulate verflossen sechsundvierzig Jahre. Es war also bei ihm die Laufbahn der Ehrenämter so lang, als nach Rechnung unserer Altvordern der Zeitraum des Menschenalters bis zum Anfange des Greisenalters 183 ist. Und der letzte Abschnitt seines Lebens war um so glücklicher als der mittlere, weil er mehr Ansehen, Arbeit hingegen weniger hatte.
61. Die Krone des Greisenalters ist aber das Ansehen. Wie groß war dieses bei Lucius Cäcilius Metellus 184! wie groß bei Atilius Calatinus 185, auf den man jene bekannte Grabschrift gemacht hat: »Daß dieser Eine der erste Mann des Volkes war, darin stimmen alle Volksstämme überein.« Diese auf sein Grabdenkmal eingehauene Inschrift ist bekannt. Mit Recht gilt also der Mann für ehrwürdig, da über seine Vorzüge bei Allen nur Eine Stimme herrschte. Welchen Mann sahen wir an Publius Crassus 186, der jüngst Hoher Priester war, welchen an Marcus Lepidus 187, der späterhin dasselbe Priesteramt bekleidete! Was soll ich von Paullus oder Africanus 188 sagen? oder, wie schon vorher, von Maximus 189? Nicht allein in ihrem Urtheile, nein, auch in ihrem Winke thronte das Ansehen. Das Greisenalter hat, zumal, wenn es mit Ehrenämtern bekleidet ist, ein Ansehen, das von höherem Werthe ist als alle Sinnengenüsse der Jugend.
XVIII.
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62. Aber bedenkt, daß ich in meinem ganzen Vortrage nur dasjenige Greisenalter lobe, welches auf die Grundlage des Jünglingsalters gebaut ist. Hieraus folgt das, was ich einmal mit allgemeinem Beifalle sagte: »Traurig sei das Greisenalter, das sich durch eine Rede vertheidigen müsse.« Nicht graue Haare, nicht Runzeln können plötzlich das Ansehen an sich reißen, sondern das frühere ehrenhaft geführte Leben ärntet als seine letzten Früchte das Ansehen ein. 63. Denn selbst die Dinge sind ehrenvoll, die für geringfügig und gewöhnlich gelten: daß man uns grüßt, uns aufsucht, uns ausweicht, vor uns aufsteht, uns von und nach Hause begleitet, uns um Rath fragt: Gebräuche, die man sowol bei uns als auch in anderen Staaten um so sorgfältiger beobachtet, je gesitteter sie sind. Der Lacedämonier Lysander, dessen ich eben 190 gedachte, soll öfters gesagt haben, Lacedämon sei der ehrenvollste Wohnsitz des Greisenalters. Denn nirgends erweist man dem Alter so viel Achtung, nirgends ist das Greisenalter geehrter. Sogar die Geschichte liefert uns einen Beweis dafür. Als in Athen zur Zeit der öffentlichen Spiele ein bejahrter Mann in das Schauspielhaus kam, wo eine große Menschenmenge beisammen saß; so wurde ihm von seinen Mitbürgern nirgends ein Platz eingeräumt. Als er sich aber den Lacedämoniern näherte, die als Gesandte auf einem bestimmten Platze saßen; so standen sie alle auf und räumten dem Greise einen Sitz ein. 64. Da wurde von der ganzen Versammlung ein vielfaches Beifallklatschen erhoben, und Einer in der Versammlung äußerte, die Athener wüßten wohl, was recht sei, aber sie wollten es nicht thun.
Unser Augurenrath 191 besitzt viele herrliche Einrichtungen, aber ganz besonders ragt die hervor, um die es sich jetzt handelt, daß nämlich, sowie Einer an Alter vorgeht, er das Recht hat seine Stimme vor den Anderen abzugeben, und daß ältere Auguren nicht allein vor denen, die ein höheres Ehrenamt verwalten, sondern auch vor denen, die mit dem Oberbefehl 192 bekleidet sind, den Vorrang haben. Sind nun wol sinnliche Vergnügungen mit den Auszeichnungen des Ansehens zu vergleichen? Wer diese auf glänzende Weise genossen hat, der scheint mir das Stück seines Lebens ausgespielt zu haben, ohne, wie ungeübte Schauspieler, im letzten Aufzuge durchgefallen zu sein.
65. » Aber die Greise sind mürrisch, ängstlich, zornsüchtig, grämlich.« Ganz recht, und wenn wir weiter forschen, auch geizig. Aber das sind Fehler der Gemüthsart, nicht des Greisenalters. Indeß lassen das mürrische Wesen und die eben angeführten Fehler einige Entschuldigung zu, allerdings keine wohlbegründete, doch eine solche, welche annehmbar zu sein scheint: sie meinen nämlich, man verachte, verschmähe, verspotte sie; außerdem ist bei einem gebrechlichen Körper jede Beleidigung widerwärtig. Doch alle diese Fehler werden durch gute Sitten und wissenschaftliche Bildung gemildert, wie man es sowol im Leben sehen kann, als auch auf der Bühne an den Brüdern, die in den Adelphen 193 vorkommen. Wie groß ist bei dem Einen die Härte, bei dem Anderen die Freundlichkeit! So verhält sich die Sache. Wie nicht jeder Wein, so wird auch nicht jede Gemüthsart durch die Länge der Zeit sauer. Strengen Ernst billige ich am Greisenalter; doch er muß, wie Anderes, gemäßigt sein; Bitterkeit auf keine Weise. 66. Was aber der Geiz im Greisenalter bedeuten soll, sehe ich nicht ein. Kann es denn wol etwas Ungereimteres geben als, je weniger Weg noch übrig ist, desto mehr Reisegeld zu suchen?
XIX.
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Es ist noch der vierte 194 Grund übrig, der unser Alter am Meisten zu ängstigen und zu bekümmern scheint, die Annäherung des Todes, der sicherlich vom Greisenalter nicht weit entfernt sein kann. O wie bedauernswerth ist ein Greis, der während eines so langen Lebens nicht eingesehen hat, daß der Tod zu verachten ist! Denn entweder ist er gänzlich außer Acht zu lassen, wenn er den Geist ganz auslöscht, oder er ist sogar zu wünschen, wenn er ihn irgendwohin führt, wo er ewig sein wird. Nun kann aber ein Drittes sicherlich nicht gefunden werden. 67. Warum soll ich nun fürchten, wenn es meine Bestimmung ist nach dem Tode entweder nicht elend oder sogar glückselig zu sein? Und doch, wer ist so thöricht, daß er, so jung er auch sein mag, es für ausgemacht halten sollte, er werde bis zum Abende leben? Ja, dieses Alter hat sogar ungleich mehr Todesgefahren als das unserige. Junge Leute fallen leichter in Krankheiten, liegen schwerer darnieder, werden schwieriger geheilt. Daher gelangen nur Wenige zum Greisenalter, und wäre dieß nicht der Fall 195, so würde man besser und vorsichtiger leben. Denn Verstand, Vernunft und Klugheit finden sich bei den Greisen, und wären nie solche gewesen, so würde es gar keine Staaten 196 geben.
Doch ich kehre zu dem bevorstehenden Tode zurück. Was ist das für ein Vorwurf für das Greisenalter, da ihr seht, daß es dieses mit dem Jünglingsalter gemein hat? 68. Ich empfand bei meinem vortrefflichen Sohne 197, du bei deinen zur höchsten Würde berechtigten Brüdern 198, mein Scipio, daß der Tod jedem Alter gemein ist.
» Aber der Jüngling hofft, er werde lange leben, was der Greis auf gleiche Weise nicht hoffen kann.« Unweise hofft er es. Denn was ist thörichter als Ungewisses für Gewisses zu halten, Falsches für Wahres?
» Aber der Greis hat nicht einmal Etwas zu hoffen.« Nun, um so besser ist er daran als der Jüngling, weil er das, was dieser noch hofft, schon erlangt hat. Dieser will lange leben, jener hat lange gelebt. 69. Doch, o gute Götter, was heißt im menschlichen Leben lange? Setze das äußerste Lebensziel, laß uns das Alter des Königs von Tartessus 199 erwarten. Es lebte nämlich, wie ich geschrieben finde, ein gewisser Arganthonius zu Gades, der achtzig Jahre herrschte und hundertundzwanzig lebte. Aber mir scheint nicht einmal Etwas lang, was ein Ende hat; denn wenn dieses gekommen ist, dann ist das, was vergangen ist, verflossen; nur so viel bleibt zurück, als man sich durch Tugend und edle Handlungen erworben hat. Stunden entweichen und Tage und Monate und Jahre, und nie kehrt die vergangene Zeit zurück, noch kann man wissen, was folgt. Soviel Zeit Jedem zum Leben verliehen ist, damit soll er zufrieden sein. 70. Denn sowie der Schauspieler sein Stück nicht durchzuspielen braucht, um zu gefallen, wenn er in irgend einem Aufzuge, in dem er auftritt, Beifall einärntet; so braucht auch der Weise nicht bis zum » Klatschet!« 200 zu kommen. Denn eine kurze Lebenszeit ist lang genug zu einem guten und rechtschaffenen Leben. Ist man aber weiter vorgeschritten, so ist es eben so wenig zu beklagen, als es die Landleute beklagen, wenn nach vergangener Anmuth der Frühlingszeit der Sommer und Herbst kommt. Denn der Frühling bezeichnet gleichsam das Jünglingsalter und zeigt die künftigen Früchte; die übrigen Jahreszeiten aber sind zum Einärnten und Genießen der Früchte geeignet. 71. Die Frucht des Greisenalters aber besteht, wie ich schon oft gesagt habe, in der reichen Erinnerung der vorher erworbenen Güter. Alles aber, was naturgemäß geschieht, muß man für ein Gut halten. Was ist aber so naturgemäß, als daß die Greise sterben? Dieß widerfährt aber auch jungen Leuten mit Widerstand und Widerstreben der Natur. Daher scheinen mir junge Leute so zu sterben, wie wenn die Gewalt der Flamme durch eine Menge Wasser erstickt wird, Greise hingegen so, wie wenn ein von selbst, ohne Anwendung von Gewalt, sich verzehrendes Feuer erlischt. Und gleichwie das Obst, wenn es noch unreif ist, sich nur mit Mühe von den Bäumen abreißen läßt, wenn es aber reif und durch die Sonne gezeitigt ist, abfällt; so nimmt jungen Leuten die Gewalt, alten die Reife das Leben. Und diese ist mir wenigstens so erfreulich, daß, je näher ich dem Tode rücke, ich gleichsam Land zu sehen und nach einer langen Seefahrt endlich einmal in den Hafen zu kommen glaube.
XX.




