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172 viatores.
173 D. h. der Garten gewährt ebenso, wie die Speckseite des Schweines, dem Landmanne großen Nutzen.
174 Ich lese mit Madvig ( Opusc. II. p. 275 sq.) und Halm so: Conditiora facit haec supervacaneis etiam operis aucupium atque venatio. Die meisten Handschriften und Ausgaben lesen: supervacanei etiam operis.
175 Die Keule statt des Schwertes zur Uebung. Veget. Milit. 2, 11: clavas ligneas pro gladiis tironibus dabant eoque modo exercebantur ad palos.
176 Xenophon aus Athen, ein Schüler des Sokrates, geb. 447 v. Chr., gest. nicht vor 355. Die hier erwähnte Schrift Xenophon's, den Οικονομικός, die uns vollständig erhalten ist, hat Cicero in seinem einundzwanzigsten Jahre aus dem Griechischen in's Lateinische übersetzt. S. Cicer. Off. II. 24, 87, wo man Beier p. 166 vergleiche. Weiter unten (Kap. 9, §. 30 u. Kap. 22) wird eine Stelle aus seiner Cyropädie (Κύρου παιδεία) erwähnt, in der er unter der Person des älteren Cyrus das Musterbild eines Fürsten aufstellt.
177 Xenophon. Oecon. 4, 20–25.
178 Kritobulus war ein Schüler des Sokrates.
179 Der jüngere Cyrus, Statthalter von Kleinasien, jüngerer Sohn des Darius Nothus, Königs von Persien, Bruder des Königs Artaxerxes II., bekriegte diesen, um ihn vom Throne zu stoßen, fiel aber in der Schlacht bei Kunara in der Nähe Babylons (400 v. Chr.).
180 Lysander, Feldherr der Lacedämonier, besiegte die Athener in der Schlacht bei Aegospotamos im Hellesponte 405 v. Chr., machte durch Eroberung Athens dem Peloponnesischen Kriege ein Ende und brachte die oberste Gewalt Griechenlands in die Hände der Lacedämonier.
181 Lat. directos in quincuncem ordines, in der Gestalt der Römischen Fünf (V) in schrägen Reihen, nämlich so: ·.· , und in Verbindung mehrerer Bäume so: :·: Uebrigens hat Cicero nicht wörtlich übersetzt, sondern nach der Weise, wie die Römer ihre Baumpflanzungen anordneten. Bei Xenophon Oecon. 4, 21 steht: ορθοὶ δὲ οι στίχοι τω̃ν δένδρων, ευγώνια δὲ πάντα καλω̃ς είη, d. h. die geraden Reihen der Bäume, in der Gestalt von rechten Winkeln geordnet.
182 Marcus Valerius Corvus, einer der berühmtesten Römer, war sechsmal Consul, das erste Mal im J. 348 v. Chr., als er erst dreiundzwanzig Jahre alt war, das sechste Mal 299; zweimal Dictator, (342 und 301). Im H. 350 tödtete er als junger Kriegstribun einen Gallier, der den tapfersten Römer zum Zweikampf herausgefordert hatte; seinen Beinamen Corvus erhielt er von dem Raben, der ihm bei diesem Zweikampfe behülflich gewesen war ( Livius 7, 25 sq.). Uebrigens hat sich Cicero verrechnet, wenn er sagt, daß zwischen dem ersten und sechsten Consulate 46 Jahre verflossen seien, da es 49 Jahre sind.
183 Das Alter der Jugend rechneten die alten Römer bis zum 46sten Jahre; alsdann trat das Alter der seniores, d. h. der Bejahrten, ein; das eigentliche Greisenalter, die senectus, begann erst mit dem 61sten Jahre.
184 Ueber Lucius Cäcilius Metellus s. zu Kap. 9, §. 30.
185 Aulus Atilius Calatinus, ein höchst vortrefflicher Mann, im ersten Punischen Kriege zweimal Consul, (258 und 254 v. Chr.), 249 Dictator, 247 Censor.
186 Ueber Publius Licinius Crassus s. zu Kap. 9, §. 27.
187 Marcus Aemilius Lepidus, 179 v. Chr. Censor, 187 und 175 Consul, seit 180 Hoher Priester. Vgl. Orelli Onomastic. h. v. p. 338.
188 Ueber Lucius Aemilius Paullus und über den älteren Scipio Africanus s. zu Kap. 9, 29.
189 Ueber Quintus Fabius Maximus s. zu Kap. 4, §. 10.
190 Kap. 17, §. 59.
191 Das Amt der Auguren bestand darin, daß sie aus dem Fluge, den Stimmen und dem Fressen der Vögel, sowie auch aus der Beobachtung anderer Thiere und aus Himmelserscheinungen weissagten. Ihr Amt war lebenslänglich. Unter Romulus bestand ihr Collegium aus drei, unter Servius Tullius aus vier und seit Sulla aus funfzehn Mitgliedern. Cicero hatte eine Schrift de auguriis verfaßt, die aber verloren gegangen ist. S. Adam's Röm. Alterthüm. Bd. I. S. 329 ff.
192 qui cum imperio sunt. Das imperium (den Oberbefehl), das die höchste militärische und richterliche Gewalt umfaßte, hatten nur die höheren Staatsbeamten, die Dictatoren, Consuln und Prätoren.
193 Adelphen ( Adelphi d. h. Brüder) hieß ein dem Griechischen Komiker Menander nachgebildetes Lustspiel des Publius Terentius aus Karthago (um 192–155 v. Chr.), ein Freigelassener des Terentius Lucanus, ein Freund des Scipio und Lälius.
194 S. Kap. 5, 15.
195 Wenn nicht so viele Menschen in der Jugend stürben, so würde es mehr Greise geben und somit auch mehr Klugheit und Weisheit unter den Menschen herrschen.
196 Vgl. oben Kap. 6, §. 20.
197 Cato's Sohn starb im J. 152 v. Chr., als er zum Prätor ernannt worden war.
198 Lucius Aemilius Paullus, der leibliche Vater des jüngeren Scipio Africanus, verlor seine beiden jüngsten Söhne im Jahr 167 v. Chr. innerhalb acht Tagen, den einen in einem Alter von zwölf, den anderen von 14 Jahren.
199 Arganthonius, König von Tartessus, einer Stadt am Ausflusse des Bätis (Guadalquivir), und von Gades (Kadix), lebte zur Zeit des älteren Cyrus. Herod. I. 163: (οι Φωκαιέες) προσφιλέες εγένοντο τω̃ βασιλέϊ τω̃ν Ταρτησσίων, τω̃ ούνομα μὲν η̃ν ’Αργανθώνιος, ετυράννευσε δὲ Ταρτησσου̃ ογδώκοντα έτεα, εβίωσε δὲ πάντα είκοσι καὶ εκατόν, woselbst man Bähr nachsehe T. I. p. 320 sq. ed. II.
200 D. h. bis zum Schlusse des Stückes, wo durch den Ausruf: plaudite (klatscht) die Zuschauer zum Beifall aufgefordert wurden.
201 Zu Anfang dieses Kapitels standen in älteren Ausgaben die Worte: Omnium aetatum certus est terminus. Sie finden sich aber in keiner einzigen glaubwürdigen Handschrift. Daher hat sie schon Manutius als einen unächten Zusatz aus dem Texte entfernt. Vgl. Madvig Opusc. II. p. 277.
202 Nach den Worten: quod munus officii exsequi et tueri possis werden in den älteren Ausgaben (auch noch bei Klotz) die Worte: mortemque contemnere hinzugefügt. Halm hat sie als unächt in Klammern eingeschlossen. Daß der Zusatz sowol in kritischer Hinsicht als wegen des verkehrten Gedankens zu verwerfen sei, zeigt Madvig Opusc. II. p. 278 auf das Deutlichste.
203 Ueber Solon s. zu Kap. 8 §. 26. Pisistratus herrschte von 560–510 v. Chr. über Athen.
204 Ueber Pythagoras s. zu Kap. 7. §. 23. Der hier ausgesprochene Gedanke findet sich auch bei Cicer. Tuscul. I. 30, 74: Vetat enim dominans ille in nobis deus injussu hinc nos suo demigrare, und Platon Phaedon. p. 62, B: ως έν τινι φρουρα̃ εσμεν οι άνθρωποι καὶ ου δει̃ δὴ εαυτὸν εκ ταύτης λύειν ουδ' αποδιδράσκειν, wo man Stallbaum p. 30 sq. ed. 3 nachlese.
205 Das Distichon aus einem elegischen Gedichte Solon's, das Cicero hier als eine Grabschrift bezeichnet, findet sich bei Plutarch. Comp. Solon. c. Popl. c. 1:
206 Lucius Junius Brutus, der bei der Befreiung seines Vaterlandes von der Herrschaft des Tarquinius Superbus besonders thätig gewesen war, wurde nach Vertreibung des Tarquinius aus Rom im J. 509 zum ersten Consul erwählt, fiel aber in einer Schlacht gegen die Vejenter und Tarquinier in einem Zweikampfe mit Aruns, einem Sohne des Tarquinius, der gleichfalls sein Leben verlor.
207 Ueber die beiden Decier s. zu Kap. 13, §. 43.
208 Marcus Atilius Regulus wurde in dem ersten Punischen Kriege als Proconsul in Afrika 255 v. Chr. gefangen genommen und 250 wegen Auslösung der Gefangenen nach Rom geschickt, nachdem er den Eid geleistet hatte, wenn die Gefangenen nicht zurückgegeben würden, nach Karthago zurückzukehren. Zu Rom angelangt, widerrieth er selbst die Auslösung und kehrte nach Karthago zurück, wo er auf die grausamste Weise getödtet worden sein soll. Vgl. Cicer. Offic. III. 26, 99 sqq. Uebrigens erzählen die Schriftsteller den Tod des Regulus verschieden; der für diese Zeit wichtigste Historiker, Polybius, erwähnt Nichts. Daher ist in neueren Zeiten die Wahrheit der Erzählung von dem grausamen Tode des Regulus vielfach bezweifelt worden. Das steht aber historisch fest, daß Regulus in der Gefangenschaft der Karthager starb.
209 Ueber die beiden Scipionen s. zu Kap. 9, §. 29.
210 Ueber Lucius Aemilius Paullus s. zu Kap. 9, §. 29.
211 Marcus Claudius Marcellus, der in seinem ersten Consulate (222 v. Chr.) die Gallier bei Clastidium im Cispadanischen Gallien besiegte, ihren König Viridomarus in einem Zweikampfe tödtete, im zweiten Punischen Kriege (216) den Hannibal bei Nola in Kampanien in die Flucht schlug, dann Syrakus belagerte und eroberte (212), zuletzt in dem Treffen bei Venusia in Lucanien, von Hannibal besiegt, fiel (208).
212 S. Livius 27, 28. Plutarch. Marcell. c 30: επιθαυμάσας τὸ παράλογον τη̃ς τελευτη̃ς τὸν μὲν δακτύλιον αφείλετο, τὸ δὲ σω̃μα κοσμήσας πρέποντα κέσμω καὶ περιστείλας εντίμως έκαυσε.
213 S. zu Kap. 11, 38.
214 Lucius Aemilius Paullus Macedonicus (s. zu Kap. 6, §. 15) und Gajus Lälius. Freund und Kampfgenosse des älteren Scipio Africanus, im J. 190 v. Chr. Consul mit Lucius Cornelius Scipio Asiaticus.
215 Cicer. N. D. II. 14, 38: ipse autem homo ortus est ad mundum contemplandum et imitandum. Der Mensch soll nach der Lehre der Stoiker die vernünftige, durch die göttliche Vernunft bestehende Ordnung des Weltganzen, die Vernünftigkeit und Gesetzmäßigkeit der allgemeinen Natur in seinem ganzen Leben nachahmen. Dieß nannten sie έπεσθαι τη̃ φύσει (folge der Natur) oder ομολογουμένως τη̃ φύσει ζη̃ν (lebe in Uebereinstimmung mit der Natur). S. Schwegler Gesch. der Philos. S. 89. Zeller Gesch. d. Gr. Phil. Th. III S. 126 ff.
216 Ueber Pythagoras und die Pythagoreer s. zu Kap. 7, §. 23.
217 ex universa mente divina delibatos animos. Cicer. Divin. I. 49, 110: a qua (natura deorum) . . haustos animos et libatos habemus. Tuscul. V. 13. 38: humanus animus decerptus ex mente divina cum nullo nisi cum ipso deo comparari potest. Aus der Lehre des Pythagoras über die menschliche Seele führt Diog. L. VIII, 28 folgenden Satz an: ει̃ναι δὲ τὴν ψυχὴν απόσπασμα αιθέρος καὶ του̃ θερμου̃ καὶ του̃ ψυχρου̃ τω̃ συμμετέξειν ψυχρου̃ αιθέρος· διαφέρειν τε ψυχὴν φωη̃ς· αθάνατόν τε ει̃ναι αυτήν, επειδήπερ καὶ τὸ αφ' ου̃ απέσπασται αθάνατόν εστι.
218 in Plato's Phädon.
219 S. Platon. Apol. Socr. p. 21, A. Nach dem Scholiasten des Aristophanes ( Nub. 144) lautete das Orakel also:
220 Xenoph. Cyrop. VIII. 7, 17 sqq. S. zu Kap. 17, §. 59.
221 Bei Xenoph. l. d. §. 18: τοι̃ς δὲ φθιμένοις τὰς τιμὰς διαμένειν ετι ὰν δοκει̃τε, ει μηδενὸς αυτω̃ν αι ψυχαὶ κύριαι η̃σαν; d. h. glaubt ihr, daß den Todten die Ehrenbezeigungen verbleiben würden, wenn ihre Seelen über Nichts mehr Herren wären? Der Sinn unserer Stelle ist also: Ehrenbezeigungen berühmter Männer dauern fort, weil ihr Geist auch nach ihrem Tode auf die Menschen einwirkt.
222 S. zu Kap. 6, §. 15.
223 S. zu Kap. 9, §. 29.
224 Die Brüder Publius Scipio, der der Vater des älteren Scipio Africanus war, und Gnäus Scipio. S. zu Kap. 9, §. 29.
225 ad immortalitatis gloriam. So liest richtig Halm nach den Handschriften statt ad immortalitatem gloriae, das Orelli, Klotz und Andere aufgenommen haben. Gloria immortalitatis heißt ein Ruhm, der der Unsterblichkeit angehört, also ein ewiger Ruhm.
226 Cicero hat hier den Pelias mit dem Aeson verwechselt. Aeson wurde von seinem Stiefbruder Pelias des ihm rechtmäßig zukommenden Königreichs Jolkos beraubt. Auf Bitten seines Sohnes Jason wurde der greise Aeson von der Medea, die dem Jason von Kolchos nach Jolkos gefolgt war, durch Zaubermittel wieder jung gemacht. Um sich an dem Pelias zu rächen, versprach Medea den Töchtern des Pelias diesen gleichfalls wieder jung zu machen. Sie ließ die Töchter ihren Vater zerstücken und mit Kräutern kochen, machte ihn aber nicht wieder lebendig. S. Nitsch-Klopfer Mytholog. Wörterb. Th. I. S. 90–92
227 zu den Schranken, den Anfangspunkten der Rennbahn. Das Bild der Rennbahn wird bei den Alten oft auf das menschliche Leben übertragen. Vgl. Lael. 27, 101. Tusc. I. 8, 15.
228 Dem Sohne, der schon Kap. 6, §. 15 erwähnt worden ist. Er war der Schwiegersohn des Lucius Aemilius Paullus, unter dem er in der Schlacht gegen den Perseus kämpfte. Er starb als designirter Prätor im J. 153 v. Chr.
229 S. Kap. 2, §. 4.
230 Cato meint insbesondere die Epikureer, welche die Unsterblichkeit der Seele leugneten.
Lälius oder von der Freundschaft
Inhaltsverzeichnis
Einleitung in die Schrift von der Freundschaft
Marcus Tullius Cicero's Laelius oder von der Freundschaft
Einleitung in die Schrift von der Freundschaft
Inhaltsverzeichnis
I. Dialogische Form. – Ort und Zeit. – Beurtheilung der Schrift.
1. Cicero's Schrift von der Freundschaft gehört, wie wir in der Einleitung zu seiner Abhandlung über das Greisenalter gesehen haben, zu den Ergänzungswerken seiner moralischen Schriften. Sowie er als Greis die Abhandlung über das Greisenalter dem greisen Atticus, so hat er als Freund die Abhandlung über die Freundschaft seinem Freunde Atticus gewidmet. In welch innigem Freundschaftsverhältnisse beide Männer zu einander standen, bezeugt uns auf das Schönste die Sammlung der Briefe Cicero's an Atticus.
2. Auch diese Abhandlung ist in dialogischer Form geschrieben, und zwar in der Aristotelischen Weise, doch freier, ganz wie die Abhandlung über das Greisenalter, worüber man die Einleitung zu derselben vergleiche. Die Hauptrolle des Dialogs ist dem Lälius zugetheilt, in dessen Hause Cicero die Unterredung zwischen diesem und seinen zwei Schwiegersöhnen, Gajus Fannius und Mucius Scävola, kurz nach dem Tode des jüngeren Scipio Africanus (129 v. Chr.) halten läßt 1. Die Zeit der Abfassung des Gespräches fällt wahrscheinlich in die Mitte des J. 44, zwischen die Herausgabe der zwei Bücher von der Weissagung und die der drei Bücher von den Pflichten 2.
3. Bei der Beurtheilung unserer Schrift dürfen wir nicht den Maßstab eines scharf ausgebildeten philosophischen Lehrbegriffes anlegen. Cicero will uns nicht einen Philosophen vorführen, der einen systematischen Vortrag über das Wesen der Freundschaft hält, sondern einen mehr durch das Leben und die Erfahrung, als durch eine philosophische Schule gebildeten Römischen Staatsmann, der, durch keine Fesseln eines philosophischen Lehrbegriffes gebunden, sich in der Entwickelung und Darstellung seines Gegenstandes frei bewegt. Ueberall in dem Gespräche leuchtet der Römer durch, der Römische Staatsmann, der Römische Patriot, der im Hinblick auf die damalige traurige Lage des durch politische Parteien zerrissenen Staates sich die Aufgabe gestellt hat die Freundschaft und Eintracht seinen Landsleuten eindringlich an's Herz zu legen und sie ihnen als ein Gut zu empfehlen, auf dem nicht allein die Glückseligkeit der Einzelnen zum großen Theile, sondern auch der Friede und die Wohlfahrt des Staates beruhe. Aber die Verschmelzung dieser praktischen Tendenz mit den Lehrsätzen der Philosophie, die Cicero in seiner Schrift versucht hat, erzeugte große, zum Theil unauflösbare Schwierigkeiten 3. Denn indem er einerseits den Begriff der Freundschaft nach dem sittlichen Standpunkte der Philosophie aufstellt, andererseits in seiner Entwickelung des Wesens der Freundschaft den Standpunkt des Römischen Staatsmannes einnimmt, geräth er nicht selten in Widersprüche, in Unklarheit der Darstellung, in ein unsicheres Schwanken nach der einen und der anderen Seite, in Wiederholungen.
4. Aber bei allen diesen Fehlern bleibt dennoch dieses Gespräch eine Schrift, die, an schönen Gedanken und den zartesten Empfindungen der Freundschaft reich, mit einer Fülle historischer Belege ausgerüstet und in anmuthiger Sprache vorgetragen, angenehm zu lesen ist und uns um so mehr anzieht, als das Bild der Freundschaft nicht in der dürren Form einer abstrakten Abhandlung, sondern in der lebensvollen Gestalt eines edlen und fein gebildeten Römers dargestellt wird.
II. Von den Personen, die Cicero in der Abhandlung von der Freundschaft redend eingeführt hat.
1. Die Hauptperson des Gespräches über die Freundschaft ist Gajus Lälius. Um seinem Vortrage größeres Gewicht, Ansehen und Würde zu verleihen, trägt Cicero, wie er es auch in dem Gespräche über das Greisenalter gethan hat, seine Ansichten nicht in eigener Person vor, sondern überträgt sie dem Lälius. Die ganze Persönlichkeit dieses Mannes war in jeder Beziehung für diesen Zweck geeignet. Denn einerseits hatte die Freundschaft des Lälius und des jüngeren Scipio Africanus bei den Römern eine große Berühmtheit erlangt; sodann besaß Lälius alle Eigenschaften und Tugenden, die einen Menschen zu einer edlen, hochherzigen und innigen Freundschaft befähigen. Sein Charakter war nicht bloß durch Rechtlichkeit und Unbescholtenheit ausgezeichnet, sondern empfahl sich auch durch Freundlichkeit, Heiterkeit, Milde 4; durch das Studium der Griechischen Litteratur und der Griechischen Philosophie hatte er sich eine feine Bildung angeeignet; in seinem Leben bewies er überall einen Sokratischen Gleichmuth 5, Besonnenheit, Mäßigung und Weisheit, so daß man ihm den ehrenvollen Beinamen des Weisen beilegte 6.
2. Gajus Lälius war der Sohn des Gajus Lälius, der im J. R. 561 (= 193 v. Chr.) mit Lucius Scipio Asiaticus Consul war. Sein Geburtsjahr läßt sich nicht mit Bestimmtheit angeben; aber daß er um mehrere Jahre älter war als sein Freund Scipio 7, der nach Livius (44, 44) im siebzehnten Lebensjahre an dem Feldzuge gegen Perses im J. 168 Theil nahm, also im J. 185 v. Chr. geboren ward, wird uns berichtet 8. Seine Jugend fällt also in die Zeit, wo die Römer mit der Griechischen Litteratur und der Griechischen Philosophie eine nähere Bekanntschaft machten. Als in dem J. 155 v. Chr. die drei Philosophen, der Neuakademiker Karneades, der Stoiker Diogenes und der Peripatetiker Kritolaus als Gesandte der Athener nach Rom kamen und gelehrte Vorträge hielten, gehörten Lälius und sein Freund Scipio zu den eifrigsten und fleißigsten Zuhörern derselben. Die Liebe zur Philosophie, die damals den jugendlichen Gemüthern eingeflößt worden war, blieb ihnen durch ihre ganze Lebenszeit. Später hörten Beide den Stoischen Philosophen Panätius und gewannen ihn so lieb, daß sie ihn zu ihrem vertrauten Freunde machten, wie auch von ihnen gerühmt wird, daß sie immer die gelehrtesten Männer aus Griechenland um sich gehabt hätten 9.
3. Auch als Redner wird er von Cicero 10 gerühmt, und zwar übertraf er hierin seinen Freund Scipio. Er liebte in seinen Reden alterthümliche Ausdrücke und zeigte einen feinen Geschmack ( elegantia) und eine fein ausgebildete Redeweise ( limatius dicendi genus). Die Rede, die der Augur Lälius als Prätor (145) gegen den Gesetzvorschlag des Volkstribuns Gajus Licinius Crassus hielt, nennt Cicero 11 aureola (wunderschön). Auch im J. 130 trat er mit Scipio gegen den Gesetzvorschlag des Tiberius Sempronius Gracchus auf (s. zu Lälius 25, 96).
4. Als Krieger und Staatsmann wird er allerdings von seinem Freunde überstrahlt; aber betrachten wir sein Leben für sich, so nimmt er auch in dieser Hinsicht eine ehrenvolle Stelle ein. In dem J. 146 nahm er in Afrika unter seinem Freunde Theil an dem Kriege gegen Karthago und leistete wichtige Dienste. Im folgenden Jahre (145) wurde er Augur und Prätor, und nach Spanien geschickt schwächte er den Lusitanier Viriathus, der einen blutigen Krieg gegen die Römer führte, dergestalt, daß er seinem Nachfolger einen leichten Krieg überlieferte 12. Das Consulat, um das er sich für das J. 141 vergeblich beworben hatte, erhielt er erst im folgenden Jahre (140) 13 mit Quintus Cäpio.
5. Das Todesjahr des Lälius ist unbekannt; nur so viel wissen wir, daß er seinen Freund Scipio, der 129 gestorben ist, überlebt hat.
6. Quintus Mucius Scävola, der zum Unterschiede von seinem gleichnamigen Verwandten, dem Oberpriester, der zu derselben Zeit lebte, der Augur genannt zu werden pflegt, war der Schwiegersohn des Lälius, der Schwiegervater des berühmten Redners Lucius Licinius Crassus, und Geschwisterkind ( frater patruelis) mit Publius Mucius Scävola, der 133 v. Chr. das Consulat verwaltete und Begründer des bürgerlichen Rechtes war, und dessen Sohn der berühmte Oberpriester war. Sein Schwiegervater verschaffte ihm die Augurwürde. Im J. 121 v. Chr. war er Prätor in Asien und 117 Consul mit Licinius Cäcilius Metellus. Er war ein großer Rechtsgelehrter; auch lag er unter dem Stoischen Philosophen Panätius dem Studium der Philosophie ob. Sein Charakter empfahl sich durch Freundlichkeit, Liebenswürdigkeit und Rechtschaffenheit. Bis in sein spätestes Alter, selbst bei schon geschwächter Gesundheit bewies er als Senator und Rechtsgelehrter eine unermüdliche Thätigkeit. Zu ihm wurde Cicero im sechzehnten Lebensjahre (91 v. Chr.) geführt, um von ihm die Rechtswissenschaft zu lernen; doch konnte er seinen Unterricht nur kurze Zeit genießen, da Mucius schon im J. 88 starb 14.
7. Gajus Fannius, gleichfalls Schwiegersohn des Lälius, mit dem er aber nicht in dem besten Vernehmen stand, weil dieser dem Scävola bei der Augurwahl den Vorzug gegeben hatte, war im J. 136 v. Chr. Quästor und wenige Jahre darauf Prätor. Wie in seinem Wesen, so zeigte er auch in seiner Redeweise eine gewisse Härte. Auf Anrathen seines Schwiegervaters hörte er den Stoischen Philosophen Panätius. Er schrieb auch ein historisches Werk, Jahrbücher genannt, in dem sich aber nur eine mäßige Gewandtheit der Rede kund gab 15.
III. Von den in dieser Abhandlung benutzten Quellen 16 .
Die Hauptquelle ist Aristoteles' Ethik im achten und neunten Buche. Außerdem sind benutzt: Plato's Lysis und Xenophon's Denkwürdigkeiten des Sokrates; ferner nach Gellius ( N. A. I, 3) Theophrastus' Schrift περὶ φιλίας, von dem nur einzelne Bruchstücke noch vorhanden sind, und nach Lynden ( de Panaetio S. 108 sq.) Chrysippus' Bücher περὶ φιλίας und περὶ του̃ δικάζειν. In dem Eingange unserer Schrift schwebt ihm der Eingang von Plato's Theätetus vor. Aber die Benutzung der Quellen ist eine sehr freie. Die denselben entnommenen Gedanken sind so sehr verarbeitet, mit Römischen Anschauungen vermischt und in Römische Formen umgegossen, daß die Abhandlung ganz den Eindruck einer Urschrift macht.
IV. Inhalt der Abhandlung.
I. Zuschrift an Titus Pomponius Atticus, worin er erwähnt, wie ihm das Gespräch des Lälius von der Freundschaft mitgetheilt sei, und den Grund angibt, warum er in seiner Abhandlung die dialogische Form gewählt und den Lälius zur Hauptperson des Gespräches gemacht habe (Kap. I.). Betrachtung über die Weisheit des Lälius (Kap. II.). Lobrede auf den jüngeren Scipio Africanus (Kap. III.) Betrachtung über die Unsterblichkeit der Seele, durch die Erwähnung von Scipio's Tode hervorgerufen (Kap. IV.).
II. Abhandlung. A. Erster Theil: über die praktische Bedeutung und den Nutzen der Freundschaft. Die Freundschaft verdient vor allen irdischen Gütern den Vorzug. Sie kann aber nur unter Guten, d. h. Tugendhaften, bestehen. Die Freundschaft ist in der Natur selbst (d. h. in der Vernunft) begründet, indem sie die Menschen auf ein geselliges Leben hingewiesen hat. Die eigentliche Freundschaft aber beschränkt sich auf den Bund zweier oder weniger Personen (Kap. V.). Denn sie setzt die vollkommenste Uebereinstimmung in allen göttlichen und menschlichen Dingen, verbunden mit Wohlwollen und Liebe, voraus, und ist als das höchste aller äußeren Güter zu betrachten, das zugleich auch die Tugend mitumfaßt, insofern sie aus derselben entspringt und ohne dieselbe nicht bestehen kann. Aufzählung der Vortheile der auf Tugend beruhenden Freundschaft: a) Sie läßt einerseits unser Glück in schönem Lichte erscheinen; andererseits erleichtert sie Unglück und Mißgeschick durch Theilnahme und Mitgefühl; b) während alle anderen äußeren Güter nur einzelnen Zwecken dienen, verbreitet sich die Freundschaft über die meisten Lebensverhältnisse und ist immer angenehm und nothwendig (Kap. VI.); c) die Freundschaft erfüllt uns auch für die Zukunft mit freudiger Hoffnung und läßt den Muth nicht sinken (VII, 23); indem Lälius von dem engeren Begriffe der Freundschaft zu dem allgemeineren des Wohlwollens (zu der politischen Freundschaft) übergeht, führt er als Vortheil derselben die Eintracht der Staaten an (Kap. VII, 24.).




