I. Die Bio-Ökonomie - Die nachhaltige Nischenstrategie des Menschen

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Der Begriff Ökologie wurde 1866 von Ernst Haeckel geschaffen und bezog sich ursprünglich auf die Umweltbeziehungen von Einzelwesen. In der englischen Sprache erscheint das Wort zum erstenmal 1873.[33] Ausgangspunkt der Ökologie ist die Analyse von Ökosystemen: „Ein Ökosystem ist ein Wirkungsgefüge von Lebewesen und deren anorganischer Umwelt, das zwar offen, aber bis zu einem gewissen Grade zur Selbstregulation befähigt ist.”[34] Ökosysteme sind also Wirkungsgefüge biologischer Organismen in einem gegebenen Gebiet, die vielschichtige Beziehungen zur umgebenden Umwelt unterhalten. Mit ihrer Umgebung tauschen sie Stoffe und Energien aus. Die meiste Zeit befinden sie sich in einem Gleichgewichtszustand, der allerdings nicht als ein statisches Ruhen zu sehen ist, sondern auf einem ständigen Austauschprozess basiert. Neben abgegrenzten Systemen wie einem Wald, einem See oder Gebirge wird auch die gesamte Biosphäre als riesiges, umfassendes Ökosystem betrachtet: „Die Ökosysteme der Welt sind durch energetische, chemische und die Austauschbewegungen der Organismen in einem globalen Ökosystem miteinander verbunden, das oft auch als Bio- oder Ökosphäre bezeichnet wird.”[35] Mittels von außen aufgenommener Energie entwickeln und unterhalten ökologische Systeme vielfältige Stoffkreisläufe mit komplexen Rückkopplungsmechanismen und bieten zahlreichen Arten Existenzmöglichkeiten. Solche Räume, in denen sich das Lebendige in großer Formenvielfalt und in unendlich vielen Konfigurationen immer wieder neu entfaltet, können auch treffend als Nischen bezeichnet werden. Die Entwicklung solcher ökologischer Lebensräume ist jedoch immer von der Verfügbarkeit zumindest einer äußeren Energiequelle abhängig. Anders als der stoffliche Austauschprozess, in dem alles Entstehen und Vergehen der Formen in endlosen Kreislaufbewegungen geschieht, in denen sich Lebensformen, Arten und Gattungen immer wieder neu bilden und zu Gemeinschaften gruppieren, nachdem sie - wie die indische Mythologie lehrt - Shivas kosmischer Tanz am Ende jedes Mal der Vernichtung preisgibt, verläuft die Bewegung der Energie in nach außen geschlossenen Systemen immer in eine Richtung und kann innerhalb desselben Systems von sich aus keinen zweiten Kreislauf von Zerstörung und Schöpfung in Gang setzen. Letztlich wird nämlich alle aufgenommene Energie in Wärme verwandelt, die nicht mehr durch das System genutzt werden kann und sich schließlich im Raum zerstreut.
Vergleichbar der Entwicklung biologischer Organismen, verläuft auch die Entwicklung von Ökosystemen in verschiedenen Phasen, sog. Sukzessionsstadien, mit denen die Abfolge unterschiedlicher Entfaltungsstrategien beschrieben wird. Solche Abfolgen in der Entwicklung von Ökosystemen verlaufen als geordneter Prozess. Sie sind gerichtet und vorhersagbar. Die Ausbildung solcher Stadien ist Resultat von Veränderungen der dort lebenden Arten und Lebensgemeinschaften innerhalb ihrer vorgefundenen Umweltstrukturen. Diese Entwicklung erreicht regelmäßig ihren Höhepunkt in der Schaffung eines stabilen Ökosystems, in dem eine maximale Biomasse und symbiotische Beziehungen zwischen den Organismen auf der Basis eines möglichst geringen Energieumsatzes aufrechterhalten werden.[36] Die Sukzessionsstrategie von Ökosystemen ist im Kern die gleiche, wie die der evolutionären Entwicklung insgesamt: die Etablierung von Mechanismen stabiler Selbststeuerung, die zur Bildung relativer Gleichgewichte führt und dadurch wachsende Kontrolle über die Umwelt und maximalen Schutz vor störenden Umweltwelteinflüssen ermöglicht. So wie in der menschlichen Reifung eines jeden Individuum die archaischen Kräfte der inneren Realität, die Libido, die Instinkte und das ich-brauche, ich-will mit der Welt der äußeren Realität, den Kräften des Über-Ich, des Du sollst der Religion, des Du musst der Eltern und Lehrer und des Du darfst nicht der Nation und Zivilisation im Prozess der Persönlichkeitsbildung in Einklang zu bringen sind[37], so verläuft auch die Entfaltung ökologischer Systeme im komplexen Spannungsfeld widerstrebender innerer und äußerer Energiepolaritäten.
Die allgemeinen Entwicklungsstrukturen ökologischer Reifungsprozesse lassen sich sowohl in Miniatursystemen unter Laborbedingungen als auch in komplexen Großsystemen, wie Wäldern, Seen oder Gebirgen, in sehr ähnlicher Weise beobachten. Die Grundregel der Sukzession besagt, dass am Beginn der Entwicklung eines Ökosystems immer die Produktion maximaler Biomasse, also quantitatives Wachstum im Vordergrund steht. Auf einen frisch aufgeschütteten Erdhügel siedeln sich zunächst sehr robuste und schnellwüchsige Pflanzen wie Löwenzahn oder Hirtentäschel an, die mit ihren langen Pfahlwurzeln große Nährstoffmengen absorbieren und schnell das ganze Erdreich bedecken. Später gerät diese Entwicklungsstrategie mit dem Ziel der Stabilisierung in Widerspruch. Qualitativ rasch expandierende Systeme tendieren zur Instabilität und zum Zusammenbruch. Um dem Zusammenbruch zu entgehen, bilden sich in der Reifephase nunmehr Mechanismen zur Wachstumskontrolle heraus, die dem System eine höhere Stabilität gegen äußere Einflüsse verschaffen. Qualität rangiert jetzt vor Quantität, geschlossene Stoffkreisläufe vor offenen und die optimale Ausnutzung verfügbarer Energie vor maßloser Energievergeudung. Nun siedeln sich auch andere Pflanzenpopulationen auf dem Erdhügel an und bringen die anfangs dominierenden Starkzehrer bisweilen in die Minderzahl. Schon nach kurzer Zeit bildet sich eine differenzierte Artenflora, die bald auch den verschiedensten Tierpopulationen gute Entwicklungsmöglichkeiten bietet, von denen in der Folge neue Beiträge zur Stabilität des Gesamtsystems ausgehen. Im Verlauf der Sukzession entwickeln sich im Ökosystem zwischen pflanzenfressenden und fleischfressenden Organismen Rückkopplungsmechanismen, die das System befähigen, jene umfassenden und verzweigten organischen Strukturen zu bilden und zu unterhalten, die notwendig sind, um störende Umwelteinflüsse in ihren Folgen abzumildern. Während dieser Entwicklungsprozesse vergrößert sich im Allgemeinen die Vielfalt der Arten bei gleichzeitig zurückgehender Dominanz nur einer einzigen oder kleinen Gruppe von Spezies. Das Zusammenleben der Populationen eines Ökosystems resultiert in den fortgeschrittenen Stadien in symbiotischen Beziehungen, verbesserter Versorgung mit Nährstoffen, geringerer Energienutzung und Zuwächsen an Information. Das umfassende Ziel ist die Erreichung größtmöglicher, ausgedehnter und vielfältiger organischer Strukturen innerhalb der Grenzen, die durch die verfügbaren Energiequellen und die vorhandenen stofflichen Bedingungen (Boden, Wasser, Klima usw.) gesetzt sind. Entsprechend dieser Veränderungen in der strategischen Orientierung kann die Entwicklung von Ökosystemen in zwei typische Stadien aufgeteilt werden: in die frühe Besiedelungs- oder Kolonisierungsphase, auf die später die Reife- oder klimaktische Phase folgt. In der ersten, der Kolonisierungsphase liegt das Schwergewicht auf quantitativem Wachstum und der Produktion maximaler Biomasse. Hierzu werden alle verfügbaren Energiereserven genutzt. In der zweiten, der klimaktischen Phase, dem Stadium eines reifen Ökosystems, schlägt die Quantität in Qualität um: das Ziel schnellen Wachstums wird durch das Verhaltensziel Stabilität ersetzt. Protektion, das heißt der Schutz und die Sicherung des Systemerhalts rangieren jetzt vor dem Ziel maximaler Produktion.[38]
Die Erforschung der Sukzession von Ökosystemen lässt noch eine Reihe von Fragen offen. So ist unklar, ob ökologische Systeme auch Alterungsprozessen unterworfen sind, vergleichbar solchen, wie sie in biologischen Organismen ablaufen. Auch die Zusammenhänge von Artenvielfalt und Stabilität sind unter den Fachwissenschaftlern umstritten. So wird zum Beispiel auf die sibirische Taiga als stabiles Ökosystem bei nur geringem Artenreichtum verwiesen. Nur durch genaue Beobachtung und korrekte theoretische Verallgemeinerung lässt sich bestimmen, was als allgemeiner Entwicklungsverlauf und was als überall vorkommende Ausnahme oder extreme Abweichung anzusehen ist. In der amerikanischen ökologischen Literatur, die auf einer längere Tradition zurückblicken kann, findet sich fast durchgehend die Ansicht, dass Stabilität, Artenvielfalt und Komplexität der Lebensbeziehungen einander positiv begünstigen.[39] So zeigt das Beispiel des tropischen Regenwaldes, wie eine ungeheure Vielfalt von Lebewesen sich zu einem System von hoher innerer Stabilität zusammenfindet, der jedoch, einmal abgeholzt oder brandgerodet, nur noch wenigen Arten Lebensraum bietet und sodann rascher Bodenerosion und folgender hoher Instabilität unterworfen ist.
In diesem Buch wird der Versuch unternommen, das Modell der ökologischen Sukzession auch auf die historische Entwicklung von Wirtschaftsweisen und insbesondere die Herausbildung der industriellen Wachstumswirtschaft anzuwenden. Dabei wird das klimaktische Stadium eines entwickelten Ökosystems mit der Perspektive einer nachhaltigen Wirtschaftsgesellschaft in Beziehung gesetzt, in der Stabilität und Qualität Vorrang vor quantitativen Wachstum genießen. Aus der Sicht zunfttreuer Ökologen sind solche Betrachtungsweisen streng verpönt. Man wittert hier den Versuch, mit den Ergebnissen moderner Forschung einen Machtanspruch hinsichtlich der Rechtmäßigkeit entsprechender ethischer Postulate zu begründen.[40] Tatsächlich aber hat das Denken in Analogien und vergleichenden Metaphern bisher überall dazu gedient, komplexe Beziehungsmuster auf überblickbare mentale Modellwelten zu reduzieren. Die Bildung mentaler Modelle auf der Basis von Analogien bildet geradezu ein grundlegendes operatives Schema des menschlichen Geistes. Dabei sollte man allerdings nie vergessen, dass die Landkarte, die wir von der Wirklichkeit zeichnen und die uns Sicherheit und Orientierung verschaffen soll, eben nur eine Karte, ein Bild, aber nicht die Wirklichkeit selbst ist. Dieser generellen Orientierungsstrategie des Geistes ist durch ein fachwissenschaftlich verordnetes Analogiebildungsverbot nicht beizukommen. Faktisch werden heute überall Resultate der ökologischen Forschung und daraus hervorgegangene allgemeine Prinzipien von Wissenschaftlern und Autoren verschiedenster Fachgebiete verwendet, um gesellschaftliche Prozesse und Strukturen der menschlichen Psyche zu analysieren. Manche Autoren scheuen dabei leider nicht davor zurück, einerseits strikt zu verkünden, dass aus dem Vorhandensein ökologischer Grenzen keine positiven Organisationsmaßnahmen abgeleitet werden können, während ihre eigenen Konzepte jedoch ständig auf ökologische Erklärungsmuster zurückgreifen. Oder der Bogen der Interpretationsbreite wird erheblich überdehnt, so dass ökologischen Gesichtspunkten faktisch nur noch die Funktion der naturalistischen Weihe von Ansichten zu kommt, die zu dem originären Gegenstand der Ökologie nur noch eine ganz periphere Beziehung aufweisen. Ein Beispiel hierfür ist H. Bonus[41], der jeden immanenten Zusammenhang zwischen industriell-kapitalistischer Wirtschaft und Umweltkrise leugnet, die kapitalistische Marktwirtschaft zur ökologienahen Wirtschaftsweise par exellance erklärt und den kapitalistischen Gütermarkt und die Natur durch strukturell gleiche Prinzipien gesteuert sieht. Leider ist die Popularität des Ökologiebegriffs heute bisweilen sehr irritierend, zumal er oft ungenau und als Sammelsuriums-Kategorie gebraucht wird.
Über die Angemessenheit einer jeweiligen Analogiebildung kann folglich nur ganz konkret entschieden werden. Im Übrigen sind die strukturellen Analogien zwischen den Entwicklungsmustern von natürlichen und sozialen, gesellschaftlichen Systemen schon sehr früh erkannt worden. So haben die Pioniere der amerikanischen Sozialökologie schon seit den frühen zwanziger Jahren die anhand der Abläufe in ökologischen Systemen erkannten Gesetzmäßigkeiten genutzt, um Fehlentwicklungen in den sozialen Strukturen der Gesellschaft aufzudecken und durch eine Rückbesinnung auf universelle und umgreifende Entwicklungsgesetze zu therapieren. Die Sozialökologie befasst sich mit der Untersuchung von Form und Entwicklung der menschlichen Gemeinde und verwendet dabei auch die Begriffe der Dominanz und Sukzession. Mit letzterer wird dabei, anknüpfend an die biologische Ökologie, der nacheinander erfolgende Austausch von Bevölkerungen in einem gemischten Gebiet beschrieben: „Auch die(se) Entwicklung kulminiert in einer Klimaxphase, in der die Bevölkerung so gut an die Umwelt angepasst ist, dass sie ihre Kontrolle über das Gebiet unbegrenzt aufrechterhalten kann.”[42] Nicht nur Sozialwissenschaftler, auch physische Anthropologen verwenden ökologische Begriffe in ihren Untersuchungen über die menschliche Entwicklung, ohne jedoch eine formale Definition des Gegenstandes zu geben. Wenn es auch scheint, als habe die Ökologie nur eine einzige Herkunftsquelle, so kann sie doch auf unterschiedliche Kontexte zurückblicken. Schon seit ihrer Entstehung machen Soziologen und andere Wissenschaftler bei den unterschiedlichen Begriffsbildungen der Pflanzen- und Tierökologen Anleihen für ihre eigenen Konzeptionen. Die Möglichkeit erweiterter Anwendungen ist im Übrigen in der Ökologie selbst angelegt. Es gibt nämlich bis heute noch keine allgemein verbindliche und anerkannte Typologie und Klassifikation von Ökosystemen.[43] So bestehen auch hinsichtlich der maximalen Größe von Ökosystemen keine Beschränkungen. Wenn schon übereinstimmend das Weltmeer als zusammenhängendes globales Ökosystem betrachtet wird, warum dann nicht den gesamten Erdball als riesiges Ökosystem auffassen, das in die Energieströme des Kosmos eingebettet und auf externe Energiezufuhr durch die Sonne angewiesen ist, im Prinzip jedoch von den gleichen Steuerungsprinzipien reguliert wird, wie jedes kleinere, abgegrenzte Ökosystem auch. Diese Sichtweise dürfte auch bei dem Bild der Erde als riesiges Raumschiff Pate gestanden haben, wie es der amerikanische Ökonom Kenneth E. Boulding schon zu Beginn der siebziger Jahre gezeichnet hat.[44] Boulding beschreibt den Planeten als geschlossenes System mit beschränkten Vorräten an Brennstoffen und Energie. Er fordert eine Wirtschaftspolitik, die diesem Bild entspricht, das heißt der Begrenztheit der Ressourcen Rechnung trägt und die Erde als die Lebensnische des Menschen zu erhalten bestrebt ist. Die herrschende Wachstumswirtschaft nennt er eine Cowboy-Ökonomie, für die allein hohe Produktions- und Konsumraten und eine wachsende Einsatzmenge der Produktionsfaktoren die Kriterien des Erfolgs sind. Der Cowboy-Ökonomie stellt er die Spacemen-Ökonomie gegenüber, in der das Bewahren der Natur wichtiger ist als hohe Raten von Produktion und Verbrauch und die daher auf einem sparsamen Umgang mit natürlichen Ressourcen besonderen Nachdruck legt.
Die ökonomischen Aktivitäten der Menschen können in ihren verschiedenen Ausprägungen als nischenspezifische Strategien gesehen werden, die im Kern alle auf das Ziel ausgerichtet sind, Lebensmöglichkeiten im globalen ökologischen System zu erhalten und zu erweitern. Im Folgenden wird die Entwicklung der industriellen Wachstumswirtschaft mit der Kolonisierungsphase eines Ökosystems in Beziehung gesetzt und die klimaktische Phase eines reifen und stabilen Ökosystems mit der Perspektive einer nachhaltigen und post-industriellen Wirtschaftsordnung und Lebensweise verknüpft. Während die koloniale Pioniergesellschaft durch hohe Geburtenraten, hohe Wachstumsraten und hohe Profite sowie eine massive Ausbeutung der natürlichen Ressourcen bestimmt ist, herrschen in der klimaktischen Gesellschaft ausgeglichene Geburtenraten, symbiotische Beziehungen zwischen den Lebewesen, weitestgehendes Recycling von Rohstoffen und eine Gleichgewichtsstrategie in allen Beziehungs-Netzwerken. Gleichgewicht in solchen Systemen bedeutet jedoch kein statisches, sondern ein kybernetisches Gleichgewicht, durch das eine einmal entwickelte Systemstruktur beim Durchlauf von Materie und Energie unterhalten wird. Industrielle Wachstumsökonomien bringen solche Gleichgewichtsstrukturen nur sehr zeitweilig zustande. Im Kern handelt es sich um permanent Instabilitäten erzeugende Systeme. Um die Gefahr des Kollabierens zu umgehen, ist es notwendig, ihre Regelungsmechanismen in Übereinstimmung mit allgemeinen ökodynamischen Prinzipien zu bringen. Die vier grundlegenden ökodynamischen Prinzipien liegen - vereinfacht ausgedrückt - darin, dass alle lebenden Systeme in Richtung eines klimaktischen, stabilen Zustandes tendieren und bestrebt sind, ihre Strukturen und ihr Verhalten zu konservieren, weiterhin dass sie selbstgesteuert arbeiten und nachhaltige Gleichgewichtszustände anstreben und auf Störungen ihrer Stabilität schließlich, jedes Mal mit der Suche nach neuen klimaktischen Zuständen reagieren.[45]
Im Konzept einer nachhaltigen Wirtschaftsweise wird die Re-Orientierung an ökologischen Steuerungsprinzipien zunächst um die Begriffe der Stabilität, Diversität (Artenreichtum und Artenvielfalt) und Komplexität gruppiert und später um die Aspekte der Energietransformation, der Stoffkreisläufe und der Entropie (Ausdruck der unumkehrbaren Verlaufsrichtung aller energetisch-physikalischen Prozesse) erweitert. Wie später anhand der Entropiediskussion gezeigt wird, ist das Phänomen der Komplexität von zwei Seiten her zu betrachten: Einerseits ist die Entstehung moderner Industriegesellschaften durch eine gewaltige Zunahme an Komplexität auf allen Stufen der gesellschaftlichen Organisation gekennzeichnet, während andererseits dieser Komplexitätszuwachs in der gesellschaftlichen Sphäre mit einer allgemeinen Komplexitätsreduktion, das heißt der Rückführung auf einfache Strukturen (zum Beispiel durch Raubbau und Monokultur) im Bereich der ökologischen Systeme bezahlt werden muss, auf deren Kosten sich die menschliche Nischenstrategie etabliert.
Wenn wir zwischen stofflichen, energetischen und gesellschaftlichen Betrachtungsebenen unterscheiden, kommen wir nicht umhin, verschiedene Prinzipien zu formulieren, welche die jeweils unterschiedlichen Verlaufsrichtungen der zu untersuchenden Prozesse bestimmen. Materielle Austauschprozesse kennen weder Zu- noch Abnahme. Es sind lediglich die Formen der Stoffe, die sich in unendlichen Kreislaufbewegungen über Zerstörung zu Neubildung, erneuter Zerstörung und folgende Neubildung usw. verändern, aber dabei letztlich weder an Quantität gewinnen noch verlieren. Stoffliche, also unter dem Gesichtspunkt des Materieaustausches auftretende Prozesse sind jedoch vom Standpunkt der energetischen Transformationen aus gesehen Verlustvorgänge, weil durch eine Zunahme von Entropie gekennzeichnet. Was allerdings materiell als Umformung und energetisch als Verlust erscheint, ist von der gesellschaftlichen Ebene der Verwandlung von Naturstoffen zu Gebrauchswerten her betrachtet, die Erwirtschaftung eines Überschusses, der aufgrund seiner Nützlichkeit menschliche Bedürfnisse befriedigt. Bei der Diskussion um Strategien zur Überwindung der Kontraproduktivitäten der industriellen Wachstumswirtschaft und Wegen zur Nachhaltigkeit sollte man diese unterschiedlichen Betrachtungsebenen nicht aus dem Blick verlieren.
Das Konzept einer nachhaltigen Wirtschaftsweise, einer in gewisser Hinsicht stationären Wirtschaft, die eine Harmonie von Mensch und Natur anstrebt, geht auf John Stuart Mill zurück, der schon vor über hundert Jahren vorausgesehen hatte, dass am Ende des progressiven Wachstums der stationäre Zustand als unwiderstehliche Notwendigkeit liegt, und der in ihm einen erstrebenswerten Zustand menschlicher Entwicklung sah.[46] Umfassendere neue Überlegungen einer Steady-State-Wirtschaft wurden von Herman E. Daly[47] in den siebziger Jahren vorgetragen. Weil in einer begrenzten Welt nichts mit unbegrenzter Geschwindigkeit wachsen kann, fordert das Steady-State-Konzept, dass bestimmte physische Größen konstant zu halten sind, um die Nischenstrategie des Menschen mit den Existenzbedingungen seines ökologischen Lebensraums in Einklang zu bringen. Dadurch soll der menschlichen Gattung eine maximale Lebensdauer ermöglicht werden. Dalys Konzept bezieht sich nur auf das Konstanthalten von physischen Größen. Keinesfalls sollen Wissen, Information, kulturelle Entwicklung und andere nicht-physische Größen konstant gehalten werden. Heute wird offensichtlich, dass der herrschende industrielle Wachstumskurs nicht unbeschränkt fortgeführt werden kann. Die Menschheit befindet sich vor einer Transformationsperiode, deren wahrscheinliche Strukturen sich bereits deutlich abzeichnen. Aus dieser Perspektive erscheint die ökologische Krise nicht als bloße Katastrophe, sondern auch als eine Chance zur Umwandlung. Veränderung wird somit zum Leitbild der Zukunftsentwicklung.[48]
Das Konzept einer nachhaltigen, auf Stabilität und Dauer gerichteten Wirtschafts- und Lebensweise gründet auf Erkenntnissen gewonnen aus der Beobachtung natürlicher Ökosysteme und traditioneller Mischkulturen. Anstelle des Kampfes gegen die Natur stehen hier Kooperation und Dialog mit der Lebensumwelt. Orientierungspunkte sind maximales Verstehen und minimale Einmischung. Die gesellschaftliche Perspektive liegt in einem Zusammenschluss sich auf eigene Kräfte stützender kommunaler Einheiten auf der Basis innerer Autonomie und Stärke. Solche konzeptionellen Orientierungen sehen die Wirklichkeit als komplexes Netzwerk vielfach ineinander verwobener Faktoren, die sich alle in wechselseitiger Abhängigkeit voneinander entwickeln. Nicht nur in der modernen Systemtheorie und Arthur Koestlers Idee des Holons als Entität finden sich Muster eines solchen Bildes der Wirklichkeit, sondern bereits im Lehrgebäude des Pali-Buddhismus wird mit der Metapher vom Juwelennetz Indras das Entstehen aller Dinge in Abhängigkeit gelehrt. Das Juwelennetz Indras verkörpert im frühen Buddhismus die Lehre vom Entstehen in Abhängigkeit, die besagt, dass sich alle Phänomene wechselseitig bedingen. An jeder Verzweigung dieses Netzes liegt ein lichtreflektierendes Juwel (das heißt ein Phänomen, Ding etc.) und jedes Juwel enthält ein weiteres Netz ad infinitum. Aber jedes Juwel existiert nur als Reflexion aller anderen und besitzt keine Selbstnatur. Alle Phänomene können daher mit dem Ganzen identifiziert werden. Keines hat eine Eigenexistenz, außer als Manifestation des Ganzen.[49] Unsere Bild von uns selbst und unsere Wahrnehmung der Natur sind keine separaten Entitäten, sondern Teile einer zusammenhängenden komplexen Realität. Der Zustand der Welt hängt maßgeblich vom Zustand unseres Denkens und Fühlens ab. Ökologische Veränderung beginnt daher mit einer veränderten Wahrnehmung unseres Selbst und der Art und Weise unseres Seins in der Welt. Die Umgestaltung des eigenen Selbst ist der erste Schritt einer ökologischen Umgestaltung der Wirklichkeit.
Fragen der Wirtschaftsweise sind immer Fragen der menschlichen Naturbegegnung, weil ohne Natur weder Produktion noch Verbrauch möglich sind. Die Art und Weise, wie wir mit Natur umgehen, wird durch kulturelle und religiöse Faktoren nachhaltig gesteuert. Die Gewalt, die der Mensch gegenüber der Natur ausübt steht im engen Zusammenhang mit entfremdeten Lebensstrukturen und Herrschaftsverhältnissen innerhalb der menschlichen Gesellschaft selbst. Vielfach ist vermutet worden, dass die naturzerstörerische Wachstumsdynamik auch eine Auslagerung und Abwälzung sozialer Konflikte auf dem Rücken der Natur ist.[50] So wie die Vorstellung, dass der Mensch die Natur beherrschen müsse direkt aus der Beherrschung des Menschen entstanden ist[51], so schließt die Forderung nach einer ökologienahen Wirtschaftsweise auch die Perspektive einer humanen und von Ausbeutung freien gesellschaftlichen Ordnung ein. Es gibt gute Gründe zu hoffen, dass ein neues Verhältnis des Menschen zur Natur auch zum Vehikel eines neuen Verhältnisses der Menschen zueinander werden kann. Wenn es keine Schlachthöfe und industrielle Massentierhaltung mehr gibt und einmal ein erweitertes Selbst an die Stelle selbstsüchtiger Ich-Ziele tritt, könnte es dann noch Kriege geben? Wie sehr die Unterwerfung der Natur und die Unterdrückung des Menschen miteinander verzahnt sind, zeigt auch die Deformation des menschlichen Körpers in der Industriegesellschaft. Es sind nicht allein in der Bundesrepublik die Millionen behandlungsbedürftiger Neurotiker, Alkoholkranker und Drogenabhängiger, die trauriges Zeugnis über die Zerstörung der Leiblichkeit durch eine auf abstrakte Zielgrößen wie Geld, Macht und Prestige gerichtete Lebensform ablegen, sondern bereits das Ineinanderwirken zwischen seit früher Kindheit erzwungener Erregungsbeherrschung einerseits und dem Dauererregungszustand des Einzelnen durch Hektik, Lärm und Stress der industriellen Lebensumwelt andererseits, die den verspannten und schmerzenden Körper zum verzerrten Spiegelbild gesellschaftlicher Spannungen macht. Die industriell-kapitalistische Wachstumsdynamik hat die Gier des Menschen bis aufs Äußerste angestachelt und damit den Menschen aus der Selbstgenügsamkeit und Ganzheit, dem In-sich-Ruhen früherer Wirtschaftsweisen herausgeschleudert.[52] Doch die Gier nach grenzenlosem Sinnengenuss kann ihr selbst gegebenes Versprechen nicht einlösen. Statt neue und dauerhaft befriedigende Erfahrungsqualitäten zu verschaffen, hat die kapitalistische Lebensform mit ihrer auf den Protestantismus zurückgehenden Ethik den Menschen der ursprünglichen Sinnlichkeit seines Körpers enthoben, während sie ihn gleichzeitig in gigantische virtuelle Scheinwelten katapultiert. Immer mehr lösen sich die Menschen so von den sinnlichen Qualitäten unmittelbarer Naturbegegnung und echter menschlicher Kommunikation, um uneinlösbaren Glücksversprechen in phantasmagorischen Scheinwelten nachzujagen.



