I. Die Bio-Ökonomie - Die nachhaltige Nischenstrategie des Menschen

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Wir wissen um die Gefahren unseres zivilisatorischen Kurses, doch es fehlt an ausreichender Handlungsbereitschaft, um nachhaltige Veränderungsprozesse in Gang zu setzen. Gerade unser ständiges Verweilen in imaginären Scheinwelten und dieLoslösung von den Dimensionen unmittelbarer Erfahrung verleiht den Abstraktionen, denen wir nachjagen, eine solch fesselnde Macht über unser Leben. Betroffenheit kann Handlungsbereitschaft aktivieren, doch damit sie wirksam werden kann, ist Wissen erforderlich. Nun stellt sich jedoch die Frage nach der Qualität eben dieses Wissens. Wie viel Wissen über Umweltgefahren ist notwendig, um Menschen zum Handeln zu veranlassen. So tun Menschen bei gravierenden Umweltschäden, wie der schleichenden Trinkwasservergiftung durch Pestizide und andere Umweltgifte oft relativ wenig, während auf - gesamtökologisch betrachtet - eher kleinere Schäden - wie zum Beispiel die Verunreinigung eines Badesees durch Fäkalien und Überfütterung - vergleichsweise heftig reagiert wird.
Hinzu kommen das Problem der Zuschreibung von Verantwortlichkeit und der Umfang individueller Handlungsmöglichkeiten.[53] Ein besonders heikler Punkt ist die Zeitdimension zwischen einer umweltbezogenen Handlung und der erfahrbaren Rückwirkung der Natursysteme auf die menschliche Sphäre. So liegt die Zeit des hauptsächlichen Einflusses von Flurkohlenwasserstoffen (FCKW) in der Atmosphäre erst im Zeitraum von mehr als zehn Jahren nach ihre Herstellung bzw. Emission. Die Amtszeiten politischer Entscheidungsträger betragen vier Jahre, die Amortisationszeiten für größere Investitionen liegen vielleicht bei 5-7 Jahren.[54] Handlung und Handlungsfolgen, Verursacher und Geschädigter drohen im anonymen Getümmel zwischen Harmlosigkeitsbeteuerungen, vollmundigen Sicherheitsversprechen und einsamer Gefahrenwarnung sich wie Nebel ins Nichts zu zerstreuen.
Die etablierten Regeln der Zuordnung von Kausalität und Schuld versagen, weil sie der Komplexität der Handlungs- und Verantwortungslinien der modernen Industriegesellschaft immer weniger gerecht werden. Die bestehenden Beweislasten sind extrem ungleich verteilt. Großgefahren sind auch kraft technisch-medizinischer Autorität oft nicht eindeutig fassbar und gegen den Normalfall abzugrenzen. Sie werden zur Angelegenheit aller, aber letztlich fühlen sich doch nur wenige persönlich zum Handeln veranlasst. Die Hilflosigkeit auf das Ganze gerichteter Handlungsorientierung manifestiert sich dann in Vertröstungsformel wie jeder einzelne muss ... oder die Gesellschaft muss oder einfach des man sollte ... Die Welt, schreibt Beck (1988, S.19f).,
„... ist zum Experimentierfeld riskanter Technologien geworden, das heißt zu einer potentiellen Widerlegung der Sicherheitsversprechen staatlicher, wirtschaftlicher, technischer Autorität (...) Politik, Recht und Verwaltung haben die Sicherheitskonstruktionen von Industrie und Technikwissenschaft 'verinnerlicht' und verspielen nun mit dem Aufbrechen des Jahrhundertfehlers in der sie leitenden, technikzentrierten 'Sicherheitsphilosophie' ihre Autorität.”
In diesem Widerspruch zwischen dem Versagen etablierter Zurechnungsregeln von Kausalität und Schuld einerseits und wachsenden Gefahren und ihrer Anonymisierung andererseits zeigt sich die tiefe Krise menschlichen Herrschaftswissens, bis hin zur Selbstwiderlegung wissenschaftlicher Rationalität. Risikokalküle können in die verschiedensten Richtungen ausgelegt werden. Am Ende steht dann die Logik Kopf: Atomkraftwerke müssen gebaut werden, bevor und damit ihre Sicherheit überprüft und erforscht werden kann. Beck sieht folglich im Fortschritt der Risikowissenschaft den Niedergang wissenschaftlicher Sicherheitsautorität.
Die Krise der Umwelt ist die Krise der Herrschaft des Menschen über die Natur und damit die Krise der vor allem auf Herrschaftswissen gegründeten westlichen Lebensform. Der Westen hat kaum eine Kultur der inneren Erfahrung entwickelt, wie sie die Gestalt der östlichen Lebensform so entscheidend geprägt hat. Im Osten hat Heilswissen immer einen höheren Rang als Herrschaftswissen genossen. Das Verhältnis zur äußeren Natur war hauptsächlich dialogisch-symbolisch, während es sich im Westen im Entwicklungsverlauf der industriellen Nischenstrategie immer mehr zum herrschaftlich-destruktiven hin gewandelt hat. Doch wie sich Odysseus einst von seinen Seeleuten an den Mast seines Bootes fesseln ließ, um den Sirenen lauschen zu können, ohne von ihrem betörendem Gesang an die Felsbrandung gelockt und dort zerschmettert zu werden, so schlug in Europa die archaische Ethik unmittelbarer Sinnlichkeit um, in eine subjektfeindliche und objektfixierte, die Akkumulation und Besitz prämiert. So wendet sich die odysseische List, die ozeanische Hingebung an das Andere der Natur mit der Selbstbewahrung des gefesselten Egos verknüpfen wollte, am Ende doch gegen den Erfinder.
Wir können das Dilemma der ökologischen Zivilisationskrise ohne Bezug auf diese Selbstentfaltungsmomente des Ego nur sehr bruchstückhaft erklären. Was wir nach tiefenökologischer Überzeugung brauchen ist ein neues Konzept eben dieses Selbst. Das ich-brauche, ich-will-Ego des um Autonomie ringenden Kindes muss einem Selbst weichen, das seine umfassenden Verwirklichungsmöglichkeiten vor allem im Zusammenhang und in Verbindung mit den Verwirklichungsmöglichkeiten anderer Menschen und Spezies sucht. Über Wege, Strategien und Ziele ökologischer-ökonomischer Systemsteuerung sprechen, heißt immer, auch das Konzept des die Welt zentrierenden Selbst zu reflektieren. Alle Konzepte, Vorschläge und Modelle des ökologischen Umgangs mit Situationen verweisen immer zugleich auf einen tieferen Bereich, nämlich auf die Ebene unserer existentiellen Grundstruktur und die Frage der rechten Lebensführung.
Im Folgenden werden zunächst einige Überlegungen zum begrifflichen Bezugsrahmen des hier entwickelten ökologischen Wirtschaftskonzepts angestellt und die Grundzüge eines nachhaltigen Wirtschaftsmodells kurz skizziert. Kapital III richtet den Blick dann auf die Geschichte der Wirtschaftsweisen und untersucht die Entstehung und Entfaltung historischer Wirtschaftsformen im Hinblick auf ihren nachhaltigen bzw. stationären Charakter. Dabei wird sich zeigen, dass die Menschheit im überwiegenden Teil ihrer Geschichte nachhaltig gewirtschaftet hat und dass erst der Industrialismus als jüngster Ableger am Zweig der menschlichen Wirtschaftsgeschichte eine Herrschaft des Anorganischen und Synthetischen über das Organische und Naturgeschaffene errichtet hat. Mit der nischenspezifischen Strategie dieses Ablegers wird sich dann in Kapitel IV unter besonderer Berücksichtigung des Phänomens der Entropie auseinandergesetzt. Die Kapitel V, VI und VII thematisieren daran anknüpfend den Zusammenhang von Natur und menschlicher Arbeit mit den Wertbegriffen der Ökonomie. Dabei werden unter anderen die Bedeutung sprachlicher Abstraktionen in Bezug auf die menschliche Naturaneignung diskutiert sowie einige Möglichkeiten skizziert, die sich aus der Verwendung nicht-monetärer Messgrößen zur Erfassung und Regulierung ökonomischer Aktivitäten ergeben. Zum Schluss wird dann das Modell einer zukünftigen, nachhaltigen und vorsorgenden Wirtschaftsweise in Abgrenzung vom idealtypischen Erscheinungsbild der dynamischen Wachstumswirtschaft beschrieben.
II. Rückbindung an die Lebensprozesse: Das neue Paradigma der Bioökonomie
Veränderung beginnt im Denken und Fühlen. Scheinbar Bekanntes wird neu wahrgenommen und in neue Begriffe gefasst. Im gesellschaftlichen Zusammenleben, in gemeinsamer Arbeit, in Kommunikation und Interaktion formiert sich schließlich aus den Ideen in den Köpfen die gesellschaftliche Realität als sozial konstruierte Wirklichkeit.[55] Im Prozess der Konstruktion sozialer Wirklichkeit kommt den wissenschaftlichen Erklärungsmodellen von Natur und Gesellschaft ein besonderer Stellenwert zu. Wissenschaftliche Theorien und Aussagensysteme steuern maßgeblich den Modus des nischenstrategischen Handelns und genießen dabei zumeist den Status wertfreier Objektivität. Leider wird oft vergessen, dass auch wissenschaftliche Erkenntnisinteressen von subjektiven Nutzenabwägungen ausgehen und in ihren Begriffsschöpfungen – zumindest in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften – zu großen Teilen auf phänomenale Wahrnehmungen der Alltagswirklichkeit zurückgehen. In Phänomene wissenschaftlicher Wahrnehmung gehen daher Elemente subjektiver Erfahrung und sozialer Wertung mit ein. Viele Vertreter der reinen Wissenschaft lassen aber diese Tatsache gern unter den Tisch fallen und gebrauchen ihre vermeintlich wertfreien Theorien oft in krypto-normativer Absicht, wobei die Begleitumstände des Erkenntnisprozesses dann mit dem Dunsthauch der Objektivität vernebelt werden. Wissenschaftliche Erkenntnisprogramme, die den Anspruch auf Übereinstimmung mit den Tatsachen formulieren, sollten eigentlich nicht umhinkommen, diese Begleitumstände wissenschaftlicher Wahrnehmung hinsichtlich der Gültigkeit und der Verallgemeinerbarkeit ihrer Aussagensysteme zu reflektieren. Herman E. Daly[56] spricht von der voranalytischen Vision, die jeder wissenschaftlichen Analyse zugrunde liegt und die bereits wesentliche Elemente der Problemlösung in sich birgt.
Sogar J.M. Keynes glaubte, dass die Analogiebildung als ein wichtiges Steuerungsinstrument in wissenschaftlichen Erkenntnisprozessen fungiert und hielt sie für ein legitimes Verfahren in wissenschaftlicher und alltagsweltlicher Theoriebildung, wobei er die Stärke der auf diese Weise gewonnenen induktiven Schlussfolgerungen in Beziehung zum jeweils zugrundeliegenden Generalisierungsbereich setzte. In seinem frühen Werk A Treatise on Probability behauptet Keynes sogar, dass jede induktive Beweisführung ohne vorherige Analogiebildung vollkommen nutzlos sei.[57]
Wir wollen daher auch hier die voranalytische Vision transparent machen, die dem nachhaltigen und vorsorgenden Wirtschaftskonzept zugrunde liegt, und von der entsprechende Abstraktionen ihren Ausgangspunkt nehmen. Die Grundfesten eines solches Vorstellungsgebilde können wir auch als Paradigma bezeichnen, das als Muster und Problemlösungsmodell kategorienbildend und handlungsstrukturierend wirkt. Thomas Kuhn[58] hat den Begriff des Paradigma in dieser Form eingeführt, um das Gebäude metaphysischer Annahmen und Überzeugungen zu beschreiben, die von den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Gemeinschaft geteilt werden und den jeweiligen Problemlösungsstrategien durchgängig zugrunde liegen. Anfangs hat Kuhn den Begriff des Paradigma in metaphysischer Breite gebraucht, ihn jedoch später auf die Elemente disziplinäres System und Musterbeispiele hin präziser definiert.[59] Wissenschaftlicher Fortschritt, so Kuhn, verläuft nicht - wie fälschlicherweise oft angenommen - über eine beständige und kumulative Vermehrung empirischen Wissens, sondern muss vielmehr als Prozess verstanden werden, in dem vorher geltende Erklärungsmuster verworfen und durch andere ersetzt werden. Die Tätigkeit der normalen Wissenschaft besteht darin, Rätsel im Rahmen des herrschenden Paradigma zu lösen. Im Zuge der Forschungsprozesse stößt dieses Rätsellösen jedoch auf Anomalien. Häufen sich diese Anomalien und können sie im Rahmen des herrschenden Paradigma nicht gelöst werden, so bleibt das entsprechende Problem entweder ungelöst oder es kommt zur Entwicklung eines neues Paradigma und zum Streit um seine Anerkennung: „Wenn der Übergang abgeschlossen ist, hat die Fachwissenschaft ihre Anschauungen über das Gebiet, ihre Methoden und ihre Ziele geändert.”[60]
Der Wechsel von Paradigmen bildet also das Wesen wissenschaftlicher Revolutionen. Kuhn hat die Übertragbarkeit des Paradigma-Modells auf die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften offengelassen. Faktisch sind aber die zentralen Begriffe des Paradigma längst zu Kernkonzepten nicht nur in den Geisteswissenschaften, sondern ebenso im alltagsweltlichen Denken geworden. Ein zentraler Unterschied liegt jedoch darin, dass Paradigmenwechsel in den Naturwissenschaften stattfinden, ohne dass sich die zugrundeliegenden Erkenntnisobjekte selbst ändern, während Paradigmenwechsel in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften weniger auf Anomalien zurückzuführen sind, die im Zuge des Rätsellösens auftreten, sondern vielmehr durch politische und soziale Bewegungen ausgelöst werden, die vorherrschende wissenschaftliche Erklärungsmuster in Frage stellen.[61] So führen heute die kontraproduktiven Folgen industriellen Wirtschaftens, wie beispielsweise die bedrohliche Zerstörung unserer Mitwelt, die Erschöpfung der Naturgrundlagen unseres Lebens und die steigende gesellschaftliche Unzufriedenheit mit diesen Entwicklungen dazu, dass die herrschenden ökonomischen Paradigmen ins Wanken geraten.
Die Ökonomie als von allen gesellschaftlichen Normen losgelöste monetäre Handlungswissenschaft wird immer öfter als bloße Profitlehre gesehen, die dem Interesse am Erhalt unserer Mitwelt aggressiv entgegensteht. In der Regel fragt die traditionelle Ökonomie weder nach den physikalischen Merkmalen der Dinge, mit denen sie sich befasst, noch zeigt sie größeres Interesse an den sozialen und psychischen Prozessen bei den beteiligten Subjekten. Zutiefst ahistorisch, reduziert sie alle menschlichen Interaktionen auf am Markt erscheinende Preis- und Mengenbewegungen. Soziale Phänomene werden dabei oft durch eine naturwissenschaftlich verbrämte Metaphorik ersetzt. Konsequenz der Orientierung am naturwissenschaftlichen Exaktheitsideal, die hier eine sehr enge Porträtierung des Handlungsrahmens der am Wirtschaftsprozess beteiligten Menschen zur Konsequenz hat. Indem alle diesbezüglichen Beschränkungen an sozialwissenschaftliche Nachbardisziplinen delegiert werden, etabliert sich eine reine Ökonomie jenseits des alltäglichen Erfahrungswissens. Anstelle der damit anvisierten strikten Trennung von beschreibenden und normativen Aussagen, kommt es dabei faktisch zur Bildung einer Grauzone, in der Aussagen beide Eigenschaften zugleich aufweisen.[62] Die zahlreichen Wachstumsmodelle im Rahmen des traditionellen Paradigma zeigen diese Defizite sehr ausgeprägt. Sie fußen auf Voraussetzungen und Annahmen, die in einer zunehmenden Zahl von Fällen einer empirischen Überprüfung nicht standhalten. Der tiefen Kluft zwischen Modell und Realität versuchen moderne Wachstumstheorien schon dadurch Rechnung zu tragen, dass sie im Unterschied zu klassischen Analysen gar nicht mehr den wirklichen Wachstumsprozess analysieren, sondern sich darauf beschränken nach den Voraussetzungen zu fragen, die gegeben sein müssen, damit wirtschaftliches Wachstum ungestört fortschreiten kann. Faktisch konzedieren sie damit jedoch, dass die tatsächliche Entwicklung ganz anders verläuft.
Wir können die historische Wirtschaftsentwicklung als Prozess interpretieren, in dessen Verlauf mehr oder weniger stationäre Zustände durch Wachstumsdynamiken aufgebrochen werden, die nach langen Entfaltungsperioden schließlich wieder erschlaffen und dann in qualitativ neuartige Gleichgewichtszustände übergehen. Um solche extrem langen Entwicklungsverläufe zu analysieren, hat die herrschende ökonomische Theorie kaum brauchbare Instrumente entwickelt. Diese Theorie selbst ist ja erst im Rahmengefüge industrieller Marktwirtschaften entstanden, in denen die Ökonomie als Sphäre mit eigener Gesetzlichkeit erscheint. So haben der Industrialismus und die Marktorganisation ganz zwangsläufig den Inhalt und die Methoden der ökonomischen Theorie geprägt. Mit der ökologischen Krise tritt der defizitäre Charakter dieser Form ökonomischer Theoriebildung heute recht offen zu Tage. Die Krise der menschlichen Herrschaft über die Natur manifestiert sich somit auch als Krise tradierter ökonomischer Lehrmeinungen, deren Erklärungskraft dahinschwindend gleich einem Ballon, dem eben der letzte Rest an Luft entzischt. Schon seit einigen Jahren haben die einst so heiß diskutierten ökonomischen Modelle und Handlungskonzepte der beiden konträren Schulen von Neoklassik und Keynesianismus außerhalb universitärer Dispute merklich an Attraktivität und Interesse eingebüßt. Die öffentliche Diskussion um die ökonomische Entwicklungsrichtung der Gesellschaft greift heute immer seltener auf diese Modellierungen zurück, da die tatsächliche Entwicklung durch ganz andere Faktoren bestimmt wird. Dies gilt insbesondere für die Richtung der Neoklassik. Viele Grundelemente der neoklassischen Schule der Wirtschaftswissenschaft, wie invariable Konsumgewohnheiten und unveränderliche Technologie, stehen im offensichtlichen Widerspruch zur Wirklichkeit. Aber auch das konkurrierende Paradigma des englischen Ökonomen J.M. Keynes, das mehr an der Realität als an der Konstruktion lupenreiner Modelle orientiert ist und stärker die Rolle von Veränderungen, Geschmack und Technologie betont, ist in eine tiefe Krise geraten, ganz einfach weil seine Grundvoraussetzung - die Möglichkeit unbegrenzten wirtschaftlichen Wachstums - heute auf unleugbare Grenzen stößt.[63]
Die herrschende Wirtschaftslehre ist ganz in der Erbfolge des dualistischen Denkens von Descartes, dessen Weltbild durch zwei Pole definiert ist: Auf der einen Seite das omnipotente und einsam denkende Selbst, ausgerüstet mit der Macht der Vernunft und der wissenschaftlichen Methode und auf der anderen Seite eine mechanisch gestaltbare Wirklichkeit: die Welt der Natur und der menscherzeugten Objekte, die sich vollständig der Herrschaft des denkenden Selbst zu unterwerfen hat. Dieses Selbst ist im Kern zutiefst patriarchalisch. Sein Leitbild ist der Mann als Jäger und Eroberer, der die Welt verfügbarer Objekte seinem Willen dienstbar macht. In der Ökonomie wird das autonome Selbst schließlich zum Motor des gesellschaftlichen Fortschritts. Die Selbstbehauptung im Konkurrenzkampf, die Eroberung neuer Märkte und das strategische Modell des immer-besser-immer-weiter-immer-mehr ist das Paradigma einer reduktionistischen Ökonomie, in der die Abhängigkeit des Menschen von der natürlichen Welt ausgeblendet wird und wo nur die bezahlte Arbeit als wertschaffend gilt. Über die Kosten der individualistischen Konkurrenzökonomie wird zumeist geschwiegen. Sie müssen von denen getragen werden, die nichts anzubieten haben, was in Geld bezahlt werden könnte, und die dennoch äußerst produktiv sind: die in häuslicher Reproduktion tätigen Frauen, die Menschen in den armen Ländern des Südens und die natürliche Mitwelt. Das traditionelle wirtschaftswissenschaftliche Paradigma geht von einem patriarchischen und kolonialen Verständnis von Werterzeugung und Produktivität aus: nur das geldvermittelte strategische Modell des Marktes gilt als Quelle der Wohlstandserzeugung und -mehrung, während die Reproduktionsarbeit in der Familie als sekundär bewertet wird.
Die Diskussion um eine paradigmatische Neuorientierung ökonomischen Denkens und Handelns speist sich heute aus verschiedenen Quellen. Neben der Debatte der siebziger Jahren um die Grenzen des Wachstums und den Versuchen einer Neu-Orientierung wirtschaftlichen Handelns an den Naturbedingungen aller ökonomischen Aktivitäten, ist es insbesondere die feministische Kritik, die gegen männliche Destruktivität, Beherrschung der Natur und Konkurrenz die Orientierung an immateriellen Werten und die Forderung nach einer weiblichen Ökonomie geltend macht. Kooperation, Beständigkeit, Dauer und Vorsorge für die Mit- und Nachwelt werden dabei als Leitwerte einer Feminisierung der Wirtschaft beschrieben. Die Kritik der männlichen Ökonomie richtet sich vor allem gegen die Ausbeutung der weiblichen produktiven Potentiale in der Hauswirtschaft, insbesondere in den Ländern der Dritten Welt. Mit der Entwicklung der industriell-kapitalistischen Nischenstrategie bildet sich die marktvermittelte Ökonomie als von männlichen Prinzipien dominierte Sphäre des Wirtschaftshandelns heraus, während die häusliche Reproduktion als Nicht-Wirtschaft definiert wird und als Privatsphäre gilt. Aber gerade in diesem Bereich der Reproduktion des Lebens haben sich jene weiblichen Merkmale ökonomischen Handelns herausgebildet, wie Vorsorge und verantwortliche Kooperation, die im schroffen Gegensatz zum Konkurrenzgebaren und zur Destruktivität des männlichen Wirtschaftshandelns stehen.[64]
Neben der aktuellen feministischen Ökonomiekritik hat es in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften seit jeher den Strang einer auf Ethik und Moral rückbezogenen Denkrichtung gegeben, die jedoch minoritär geblieben ist. So hat die historische Schule der Nationalökonomie die Veränderungen der Werthaltungen untersucht, die das wirtschaftliche Verhalten von der Frühzeit über die Antike bis heute bestimmt haben, ohne sich jedoch gegenüber der abstrakten und monetär orientierten Ökonomie durchsetzen zu können. Die herrschende Ökonomie ist einseitig auf marktorientierte und geldvermittelte Handlungsmuster hin ausgerichtet. Mit ihr können daher sogenannte primitive, nicht-marktförmig organisierte Gesellschaften oder die Ökonomie der häuslichen Reproduktion überhaupt nicht sinnvoll analysiert werden, da in diesen Bereichen nicht-marktförmige Erzeugungsstrukturen und Verteilungsprinzipien vorherrschen, die durch das Wertesystem der jeweiligen Gemeinschaften geprägt sind. Die westliche Traditionsökonomie spiegelt daher nicht das Spektrum der gesamten Formenvielfalt ökonomischen Handelns (wie ihre exponierten Vertreter nicht müde werden zu verkünden), sondern repräsentiert - bisweilen überdeutlich, mitunter verzerrt - die gesellschaftlichen Planziele ihrer historisch und aktuell identifizierbaren Urheber. Indem die Hauptrichtung der herrschenden Ökonomie das strategische Markthandeln und das Prinzip individualistischer Konkurrenz zur wirtschaftlichen Handlungskonfiguration par excellence erklärt, bildet sie selbst ein zentrales Verursachungsmoment der menschlichen Naturzerstörung und der Verschärfung sozialer Konflikte in der Gesellschaft. Indem sie die Subjektivität des Menschen durch Präferenzen ersetzt und mit dem Axiom des homo oeconomicus egoistisches Verhaltens zum rationalen Verhaltensmodell an sich erklärt, schafft sie selbst eine Welt, in der die Wirklichkeit zu einem Automaten wird, der allein nach ihrem Regelwerk zu funktionieren hat:
„Dass jeder Mensch in Märkten gewinnen und nicht verlieren will, ist eine Banalität. Das Neue aber war, dass jetzt ausschließlich die egoistische Motivation zählte und dass in ihrem Bilde eine ganze Gesellschaft modelliert werden sollte (...) Was aber, wenn die Wirklichkeit zu genau diesem Automaten wird? Was, wenn aus der Welt zunehmend eine große Maschine wird, die genauso operiert? Das Problem sind nicht die simplifizierten Modelle. Das Problem ist, dass wir Zeugen eines Umbruchs werden, in dem diese Modelle die Wirklichkeit codieren und dadurch selbst wirklich werden.“[65]
Die herrschende Ökonomie forciert die ökologische Krise! Im Unterschied dazu haben die moralökonomischen Lehren der Vergangenheit krisenpräventiv gewirkt. Maria Mies hat beispielsweise sehr anschaulich beschrieben, wie eine alte Form der Ökonomie, die Moral Economy des 18. und frühen 19. Jahrhunderts auf der Grundlage einer Subsistenzethik und basierend auf den Prinzipien gegenseitiger Hilfe, Reziprozität, Großzügigkeit und Gastfreundschaft, sowie sogenannter Patron-Klienten Beziehungen, eine gänzlich andersartige ökonomische Handlungsgestaltung ermöglicht hat. Nach der Ethik der alten Moral Economy musste das Produkt eines Landes so verteilt sein, dass Subsistenzsicherheit für alle garantiert war. In einer solchen Wirtschaft zielte Arbeit nicht auf Gewinnmaximierung, sondern auf Subsistenzsicherung und Selbstversorgung. Die Beziehung zwischen Mensch und Erde/Natur musste in einer solchen Wirtschaft folglich eine pflegliche und ökologische, aber auch eine sozialer Ausgewogenheit sein. So zogen auch die Korn- und Brotaufstände, die bis 1840 in fast jeder Stadt und Grafschaft in England stattfanden - wie auch die Jakobinischen Revolten - ihre Legitimität aus den Werten der Moralischen Ökonomie. Ökonomische Grundlage dieser Ökonomie war vor allem die Dorf-Allmende, auf deren Nutzung die Armen ein ausdrückliches Recht hatten. Die Fundierung dieses ökonomisches Denkens war dabei gar nicht primär außermenschlich und offenbarungstheologisch, sondern gründete sich auf genaue Beobachtung und intime Kenntnis der Selbststeuerungskräfte der Natur: „Die 'Moral' der Moral Economy basierte nicht auf irgendwelchen Geboten oder Verboten einer irdischen oder außerirdischen Autorität, sondern auf der Kenntnis der ökologischen, sozialen und ökonomischen Grenzen einer bestimmten Region, eines Territoriums und der Gemeinden, die dort lebten.”[66]



