I. Die Bio-Ökonomie - Die nachhaltige Nischenstrategie des Menschen

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Während sich ethisch und moralisch fundierte Wirtschaftslehren um eine integrierte Sicht von naturprozesslichen Abläufen und gesellschaftlicher Handlungsgestaltung bemühen, ist das ökonomische Denken des industriellen Kapitalismus in seinen Hauptströmungen durch und durch reduktionistisch und auf eine strikte Trennung des Blickfeldes auf Natur und ökonomische Handlungssphäre gegründet. Dieser Reduktionismus führt zur Produktion nischenstrategischer Handlungsmodelle, die ökologisch destabilisierende und destruktive Wirkungen entfalten, weil der Mensch nicht mehr als Naturwesen und in seiner Integration in den ökologischen Mitwelten gesehen wird. Vandana Shiva[67] hat in ihrer feministischen Kritik der westlichen Wissenschaft darauf hingewiesen, dass traditionelle Glaubenssysteme nur äußerst selten zu ökologische Katastrophen auslösenden, nischenstrategischen Transformationen führen, sich also in den meisten Fällen als brauchbar zur Aufrechterhaltung von Natur und Gesellschaft erweisen. Im Gegensatz dazu sieht sie jedoch in der praktischen Umsetzung des modernen, reduktionistischen wissenschaftlichen Denkens eine massive Bedrohung der lebensstützenden Systeme von Mensch und Natur. Diese Bedrohung wird besonders dann manifest, wenn solche Anwendungen in Subsistenzsystemen geschehen, deren Unterhalt sich zuvor auf selbstregulative Kreisläufe von Nahrungsproduktion und Konsumtion stützte.
Hinter der moralischen Leerstelle der herrschenden Wirtschaftlehre verbirgt sich de facto die Einschleusung einer durch den Bezug auf eine scheinbare wissenschaftliche Objektivität vernebelten, ökologisch und sozial destruktiven Handlungsorientierung. Für eine ökologische Erneuerung sind vom herrschenden Wirtschaftsparadigma keine Impulse zu erwarten, diese kommen eher von den ausgegrenzten Rändern des Faches. Neben der feministischen Kritik an der patriarchalen Markt- und Konkurrenzfixierung gibt es noch einen weiteren Strang ökonomiekritischen Denkens, von dem gleichzeitig starke Impulse für eine Neuorientierung des globalen Wirtschaftshandelns ausgehen: Es ist dies die Rückbeziehung aller Wirtschaftsaktivitäten auf ihre natürliche, stoffliche und energetische Basis, wie sie durch die neue Richtung einer ökologischen oder Bioökonomie verkörpert wird. Wir werden uns im Folgenden hauptsächlich mit den konzeptuellen Entwürfen dieser neuen Richtung auseinandersetzen. Die Analysen der ökologischen Ökonomie beziehen sich auf die stofflichen und energetischen Grundlagen allen Wirtschaftens. Entsprechende Alternativmodelle sind heute insbesondere auf die Begriffe der Vorsorge und Nachhaltigkeit gegründet. Im Unterschied zur herkömmlichen Wirtschaftslehre, die stark durch das mechanische Denken des 19. Jahrhunderts geprägt wurde, und sich den Erkenntnissen der Thermodynamik weitgehend verschlossen hat, stützen sich die konzeptuellen Überlegungen einer am bioökonomischen Paradigma orientierten Wirtschaftsweise wesentlich auf Erkenntnisse der Ökosystemforschung und die Gesetze der Thermodynamik, welche den Verlauf der physikalischen Welt bestimmen. Mit der mechanischen Denkweise in Zusammenhang steht die Vernachlässigung der stofflichen Seite des Wirtschaftsprozesses durch das herrschende ökonomische Paradigma. Die herkömmliche Wirtschaftswissenschaft betrachtet alle wirtschaftlichen Phänomene nur unter monetären Gesichtspunkten und schenkt der Abhängigkeit des Menschen von der Natur keine hinreichende Beachtung. Wenn heute auch zunehmend versucht wird, ökologische Parameter in ökonomische Modelle einzubeziehen, so wird diese Entwicklung doch - wie später noch anhand der Umweltökonomie gezeigt wird - von der Tendenz zur Ökonomisierung aller Dinge geprägt, das heißt von einem Zweck-Mittel-Verfügungsdenken, das den Eigenwert aller nicht-menschlichen Lebensformen auflöst und die Natur zum bloßen Rohmaterial und jederzeit verfügbaren Ausbeutungsobjekt reduziert. Im Gegensatz dazu ist das bioökonomische Paradigma ganzheitlich und entfaltet sich gerade in der Kritik an der abendländischen Tradition der Naturaneignung, soweit sie unter der zentralen Idee der menschlichen Herrschaft über die Natur steht. In praktischer Hinsicht wird auf die Ökologie zurückgegriffen, die jedoch eine gewisse Erweiterung erfährt, um mit ökologischen Methoden und Erkenntnisweisen auch die Naturbedingungen menschlichen Handelns analysieren zu können. Allerdings besteht hier die Gefahr, dass nun ein uferloser Ökologiebegriff generiert wird. Die politische Brisanz der Ökologie liegt auch in dem Bezugsrahmen, den sie liefert, um die Beziehung der Gesellschaft zur Natur als Stoffwechselprozess mit den ökologischen Systemen zu analysieren, ohne dabei die Binnenstruktur der Gesellschaft analytisch auszuklammern. Im neuen Konzept der Tiefenökologie wird der Gesichtskreis später noch um die Ökologie des inneren Raumes, das heißt die geistigen und psychosozialen Dimensionen naturbezogenen Fühlens, Denkens und Handelns erweitert. Wobei hier darauf zu achten ist, dass die ökologische Krise nicht zu einer Krise der Wahrnehmung verdünnt, anstatt sie als Krise der menschlichen Herrschaft über die Natur zu analysieren.
Ein neuralgischer Punkt in der Entwicklung nachhaltiger Wirtschaftskonzepte ist die Bestimmung der Schnittstellen zwischen Ökonomie und Gesellschaft sowie zwischen Gesellschaft und Natur. Hier stellt sich das schwierige Problem, geeignete Kategorien und Maßstäbe zu finden, um die Prozesse in Systemen zu analysieren und ggf. vergleichbar zu machen, die auf unterschiedliche Beobachtungsweisen gründen. Von ökologisch orientierten Ökonomen werden heute oft Energie und Entropie als zentrale Parameter verwendet, um natürliche und gesellschaftliche Prozesse auf eine gemeinsame Ebene zu bringen. Daran anknüpfend werden im Folgenden die historische Entwicklung nachhaltiger Ökonomien und die Strukturen der industriellen Wachstumswirtschaft, ausgehend von den jeweils zugrunde liegenden energetischen Transformationen untersucht. Später wird sich jedoch zeigen, dass diese alternativen Parameter zwar über ein hohes Darstellungs- und Erklärungspotential zum sinnhaften Verständnis komplexer Entwicklungsverläufe verfügen, zugleich jedoch im Hinblick auf die Beurteilung konkreter ökologischer Handlungsalternativen nicht bestreitbare Defizite aufweisen. Diese Schwächen liegen vor allem im Bereich der Nicht-Messbarkeit bzw. oft nicht möglichen Vergleichbarkeit der auf diese Weise untersuchten Phänomene. Obwohl es zum Beispiel als sicher gilt, dass allen materiellen Prozessen energetische Phänomene zugrunde liegen, so ist doch umstritten, ob Materie und Energie auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden können. Da allen Phänomenen der manifesten Wirklichkeit energetische Prozesse zugrundeliegen, erscheint es sinnvoll, die jeweiligen Energiebewegungen zum Ausgangspunkt der Betrachtung zu nehmen. Freeman J. Dyson hat festgestellt, dass die Lebensprozesse und das menschliche Handeln in der Biosphäre nicht von den Gesetzen befreit werden können, welche die Energieströme und -transformationen des Kosmos bestimmen. Die Energie selbst, so Dyson, habe eine transzendente Qualität.[68] Auch der Energietheoretiker H.T. Odum sieht alle Phänomene auf der Erde energetisch determiniert. Jeder Prozess könne daher als Energiemanifestation aufgefasst und sogar in Energieeinheiten gemessen werden. Dabei geht er auch noch einen Schritt weiter und erklärt, dass alle kritischen Themen in Politik und Öffentlichkeit letztlich von einer energetischen Basis ausgingen. Deshalb hält er es für irreführend, ökonomische Daten als Substitute für energetische Ströme zu verwenden. Dementsprechend versucht Odum Probleme der Wirtschaft, des Rechts und auch der Religion - durch Analyse der zugrunde liegenden energetischen Ströme - in neuartigen Modellentwürfen auszudrücken. Ein solcher Ansatz sei komplexitätsreduzierend und ermögliche eine leichtere Handhabung durch eine generalisierende Weltsicht. Wir werden später noch einen genaueren Blick auf einige der Odum'schen Modellierungen werfen.
Dem energiereduktionistischen Ansatz soll in dieser Arbeit aber nicht blindlings gefolgt werden. Er ist zwar einerseits von heuristischer Brauchbarkeit, weil er einen hohen Darstellungswert besitzt, wenn auch die Vorteile der Vereinfachung einer hochkomplexen Wirklichkeit die Gefahren des Realitätsverlusts bergen; andererseits aber ist sein Problemlösungswert umstritten, weil, wie bereits angedeutet, der Energiemaßstab zum ersten zahlreiche Vergleichs- und Bewertungsprobleme aufwirft, und zum zweiten, weil in solchen Modellen oft Wertentscheidungen impliziert sind, die in der äußeren Form technischer Lösungen erscheinen und damit einem offenen Diskurs über die impliziten Wertpräferenzen eher blockieren.[69] In ökonomischen Entscheidungsproblemen manifestieren sich Formen gesellschaftlicher Selbstbegegnung sowie die strukturellen Verflechtungen allen menschlichen Lebens mit den ökologischen Lebensräumen. Sie sollten daher letztlich auf den Diskurs und die Authentizität unserer Wahrnehmungen und Lebensgefühle gründen, nicht aber gesellschaftlichen Wertentscheidungen den Nimbus naturwissenschaftlichen Dignitäten gemäßer Rationalität verleihen. Weder die monetäre noch die energetische Ökonomie verfügen als praktische Wissenschaften über solche, den Naturwissenschaften vergleichbare Erkenntnisdaten. Der energetische Ansatz kann in Entscheidungssituationen zwar zusätzliche Bestimmungsmomente von Rationalität liefern, einen neuen generalisierenden Maßstab ökonomischer Rationalität vermag er jedoch nicht bereitzustellen. Energetische Analysen liefern daher für nischenstrategische Entscheidungen wichtige Entscheidungsgesichtspunkte, aber die letztlich moralischen Entscheidungen können auch durch sie den Menschen nicht abgenommen und quasi an die Natur zurückdelegiert werden. Wie Eberhard K. Seifert richtig feststellt, ist die Bedingung für einen naturförmigen Wirtschaftsstil die Unterordnung der ökonomischen Rationalität unter die Kulturfrage, wie wir heute und in Zukunft leben möchten. Entscheidend ist daher die Frage nach den systematischen Bezügen eines naturgemäßen Wirtschaftens und zu welchen kulturellen und ökologischen Imperativen.[70]
Ökonomische Modelle sind nur Konstruktionen über die Wirklichkeit, und alles Konstruierte ist zerbrechlich. Wie wir in Zukunft leben möchten, ist nicht nur eine Frage nüchterner Verstandesabwägung und handlungsleitender Klugheit. Als biologische Wesen sind wir vollständig Teil der natürlichen Mitwelt, über die wir zumeist bloß als Umwelt reden. Der Verstand, die Worte, die Welt der Begriffe und Symbole - sie alle liegen schon außerhalb dessen, was wir im Kontakt mit unserer biologischen Konstitution und der Naturhaftigkeit unserer Mitwelt unmittelbar und direkt erfahren können. Alles rationale Argumentieren ist daher immer schon getrennt vom Ort des ursprünglichen Fühlens. Ein erweiterter Begriff von Rationalität wird daran zu messen sein, inwieweit es uns gelingt, wieder zu unseren ursprünglichsten und innersten Gefühlen und Triebkräften zurückzufinden. Viele Menschen leiden unter den Katastrophenmeldungen über stets neue menschliche Katastrophen und Naturzerstörungen, lassen diesen Schmerz um die Erde jedoch nicht zu und verleugnen ihn. Joanna Macy hat sehr engagiert beschrieben, wie viele Probleme aus der Unterdrückung unserer Reaktionen auf schon eingetretene oder bevorstehende Katastrophen entstehen:
„Durch die Weigerung, diese Reaktionen zu erfahren oder sich auch nur einzugestehen, kommt es zu einer tiefen und gefährlichen Spaltung. Es entsteht eine Kluft zwischen Verstandestätigkeit einerseits und unserer intuitiven, emotionalen und biologischen Einbettung in die Matrix andererseits. Diese Spaltung lässt uns passiv einwilligen in die Vorbereitung für unseren eigenen Untergang.”[71]
Joanna Macy ruft dazu auf, unseren Schmerz um die natürliche Mitwelt nicht länger zu verleugnen: Nur wenn ihn zulassen, können wir erfahren, was Mit-Fühlen und Mit-Leiden eigentlich bedeutet. Lassen wir uns auf diese Weise auf die Welt ein, finden wir zur Autorität unseres Wissens und Fühlens wirklich zurück. Gelingt dies, so Macy, dann geschieht etwas mit uns, was alle großen Religionen vermitteln wollen - eine Identifikationsverschiebung vom isolierten Selbst zu etwas unendlich viel Größerem, das wir in Wahrheit sind. Was Alan Watts das hautumschlossene Ego nennt wird heute aus den Angeln gehoben und abgeschält. Andere, erweiterte Auffassungen von Identität und Eigeninteresse treten an seine Stelle; man kann hier von einem ökologischen Selbst sprechen und im Bezug auf dieses Selbst kann Rationalität wieder als das definiert werden, was sie im Kern ist: der Bezug auf das Ganze, nicht aber auf konkurrierende Partikularinteressen ökonomischer oder sonstiger Provenienz. Durch den Bezug auf Natur als Ganzheit und Selbst finden wir zum Konzept der Umsicht und Nachhaltigkeit im Wirtschaftshandeln zurück, denn das Bestreben nach Erhalt und die Sorge um das Vorhandene entspringen unserer gegenseitigen Verbundenheit mit allem Leben. Diese Idee drückt sich bei Joanna Macy in ihrer Übung der Konferenz des Lebens aus: Die anderen Wesen, die mit uns im Gewebe des Lebens existieren, bekommen die Auswirkungen unseres Handelns zu spüren, ohne selbst bei unseren Überlegungen und Plänen ein Stimmrecht zu besitzen. Wir sollten uns daher in andere Lebensformen hineindenken. Daran ist nichts Abwegiges. Dichter und Kinder tun es, so Macy, Schamanen und Naturvölker kennen diese Gabe und auch die Vorlebensgeschichten des Buddha, die Jatakas, berichten, wie das vollendete Mitfühlen des geistig Erwachten aus zahlreichen früheren tierischen Inkarnationen erwuchs. Wenn wir die Geschichte der evolvierenden Erde als unsere eigene erkennen, kann sich unser Zeitbewusstsein entscheidend erweitern. Wir können dann eine starke Verbundenheit mit Vergangenheit und Zukunft empfinden. Aus dieser Einstellung entwickelt sich echte Fürsorge um die natürliche Mitwelt.[72]
Von solch einer erweiterten Rationalität sind wir heute leider weit entfernt. In der Wirtschaft herrscht Das große Fressen zukunftsloser und morbider Wachstumskolosse. Wir halten uns offenbar für die letzte Generation. Wenn die Zukunft gestrichen ist, braucht man sich nicht um das Land zu kümmern, auf dem wir leben. Zu einem erheblichen Teil hat uns das ökonomische Zweck-Mittel-Denken in diese katastrophale Situation hineinmanövriert. Die ökonomische Sicht der Welt, die sich auf das nur seinen eigenen Vorteil suchende ego oeconomicus gründet, hat die Welt fein säuberlich in verschiedene Schichten zerteilt. In der Wirtschaftssphäre herrscht das Wolfgesetz der Individualkonkurrenz und der persönlichen Gewinnmaximierung über alle menschlichen Beziehungsmuster. Wenn von Ethik und Moral gesprochen wird, so weist die ökonomische Logik zumeist jede Verantwortung von sich und deutet schlicht auf die Kompetenz außerökonomischer Sphären, in denen über solches zu entscheiden sei. Die Wirtschaft selbst gehorche hingegen keinen anderen Gesetzen als jenen, welche die Rationalität des Marktes selbst hervorgebracht hat. Und wer diesen keinen Tribut zolle, habe folglich in ökonomischen Daseinskampf des survivel of the fittest keine Überlebenschance. Werfen wir im Folgenden einen genaueren Blick auf diese Bestimmung der Sphäre des Ökonomischen, sowie ihre Abgrenzung von anderen Lebensbereichen, dabei wird sichtbar, wie das herkömmliche und das bioökonomische Paradigma wirtschaftliches Handeln jeweils ganz unterschiedlich definieren.
1. Ökonomie als Teil eines Ganzen
Die ursprüngliche Wirklichkeit ist eins und ungeteilt. Wird von der ursprünglich ungeteilten Wirklichkeit ein Raum abgetrennt oder eine Sphäre abgesondert, so entsteht jeweils ein Kosmos mit einer nur ihm eigenen Logik und Struktur.[73] Wenn wir den Weg dieses Separierungsvorgangs verfolgen, können wir mit großer Genauigkeit die Grundformen rekonstruieren, die in unserem Falle der ökonomischen Wissenschaft zugrunde liegen. Wir können auf diese Weise erkennen, wie die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten unserer eigenen Erfahrungswirklichkeit sich mit unerbittlicher Notwendigkeit aus dem ursprünglichen Akt der Trennung und Loslösung ergeben. Die Absonderung der Sphäre des Ökonomischen stellt einen Versuch dar, Verschiedenheiten in einer Welt zu unterscheiden, in der Grenzen auch ganz anders gezogen werden können. Am Anfang der ökonomischen Unterscheidungen steht unser Begehren, das auf ein Selbst zentrierte Verlangen nach Stabilität, Dauer, Ausbreitung und Wachstum. Ohne dieses Motiv könnte es keinen ökonomischen Kosmos geben, so wie es ohne unterschiedliche subjektive Wertschätzung kein Unterscheidungsmotiv geben könnte. Was wir letztlich als ökonomische Wirklichkeit auffassen, besteht in seiner äußersten Präsenz nur aus Zeichen und Ausdrücken. Da jedoch Zeichen und Ausdrücke immer nur als Repräsentationen von etwas anderem aufgefasst werden, können wir die ökonomische Wirklichkeit nur als konstruierte Wirklichkeit auffassen. Im Prozess der ökonomischen Kategorienbildung schaffen wir folglich selbst neue Strukturen der Wirklichkeit und expandieren auf diese Weise die Ordnung der realen Welt. Ökonomische Kategorien spiegeln also keine vorhandene, objektive Wirklichkeit wider, sondern gliedern die Wirklichkeit in eine Ordnung und pyramidale Struktur, gesteuert durch die Triebkräfte menschlichen Begehrungsvermögens. Wir, die wir die Welt in ökonomischen Begriffen beschreiben und entsprechend dieser Begriffe handeln, bestehen letztlich aus dem, was wir beschreiben. Erst durch unser Denken und Handeln erschaffen wir die Realität der wirtschaftlichen Welt. Aber im ökonomischen Erkenntnisblick unterstellen wir die Welt als getrennt von uns, als menschlichen Zwecken dienstbarer Gegenstand und Objekt menschlicher Begierde.[74] Wollen wir die Trennung überwinden, müssen wir zurück zum ursprünglichen Gefühl des Einen und Ungeteilten finden, das jenseits aller sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten liegt. Mit den vielen anderen Separierungsleistungen menschlicher Weltbeherrschung hat uns auch die Schaffung der ökonomischen Partialrealität von der Einen und ungeteilten Wirklichkeit in jenes Leid des Dualismus geführt, wo das Andere des Ich nur noch als jederzeit verfügbares und ewig nutzbares Objekt erscheint.
Die traditionelle Wirtschaftstheorie begreift die Ökonomie als Sphäre mit eigener Gesetzmäßigkeit und definiert dementsprechend die Wirtschaftswissenschaft als eine Disziplin, die sich mit den Problemen der Herstellung und Verteilung von Wohlstand befasst. Wenn der ökonomische Handlungskosmos auf diese Weise abgegrenzt wird, dann entsteht eine Wirklichkeit, in der alle Dinge nur insoweit zählen und Wert besitzen, als sie ökonomischen Verwertungsinteressen zugänglich sind oder zugänglich gemacht werden können. Dieser ökonomische Reduktionismus unterwirft die ganze Welt der Herrschaft seines Kategorienapparates, bis am Ende nur noch das zählt, was in Geld ausdrückbar ist und Profit abwirft. Solche Abtrennung der ökonomischen Sphäre mündet folglich in die Schaffung einer Welt, in der nur Geld, Gewinn, ökonomische Interessen und Verfügungsmacht eine wirklich entscheidende Rolle spielen, während alles weitere in den Bereich des Sekundären bis Nicht-Existenten fällt. In Opposition dazu hat sich das bioökonomische Paradigma in der Kritik an der Eigengesetzlichkeit und der Loslösung wirtschaftlichen Handelns von den Naturbedingungen menschlicher Existenz entwickelt. Die Abgrenzung dessen, was unter Ökonomie zu subsumieren ist und was nicht, ist daher ein entscheidender Konfliktpunkt zwischen dem herrschenden und dem alternativen Paradigma. Dieser Konflikt bezieht sich sowohl auf die äußere Wirklichkeit als auch auf die Methoden, mit der die ökonomische Theorie diese Wirklichkeit begrifflich bearbeitet. Das neue Paradigma markiert in gewisser Hinsicht die kopernikanische Wende in der Ökonomie: Während die (neo)klassische Sicht die Ökonomie ins Zentrum stellt und dabei die Ökosysteme allenfalls als eine Teilmenge des ökonomischen Kosmos zulässt, steht für das nachhaltige Paradigma der ökologische Handlungsraum im Mittelpunkt, an deren Rändern sich erst die ökonomischen Systeme als periphere Zonen ansiedeln.[75] Solche naturbezogenen Ansätze können auf eine zum Teil schon längere Tradition zurückblicken. Neben der physiokratischen Lehre von der Natur als Quelle allen Werts aus dem 18. Jahrhundert finden sich Bausteine des bioökonomischen Paradigmas auch bei den Energieökonomen des 19. Jahrhunderts sowie im nationalökonomischen Denken von Rudolf Steiner. Auch Steiner vertrat die Ansicht, dass der volkswirtschaftliche Wert - von einer Seite gesehen - die Naturproduktivität umgewandelt durch menschliche Arbeit ist. Er insistiert dabei jedoch auf dem Geist, als der Kraft, welche die Naturpotentiale in gesellschaftliche Werte transformiert. Der volkswirtschaftliche Prozess, so Steiner in seinem ganzheitlichen, weil Geist und Natur umgreifenden Ansatz, zieht aus der Natur seine Nahrung und wird auf der anderen Seite durch den Geist reguliert.[76] Eine frühe Kritik am ökonomischen Reduktionismus mit ganzheitlicher Perspektive hat auch George Bataille geübt: Die Wirtschaftswissenschaft verfolge bloß partikulare Interessen und ziehe niemals die Energietransformationen auf dem Erdball, das Spiel der lebenden Materie in Betracht.[77] Auch Fritjof Capra entwickelt eine ganzheitliche Sicht der Wirtschaft, in der diese nur ein Aspekt eines umfassenden ökologischen und gesellschaftlichen Gewebes ist; ein lebendiges System aus Menschen in Interaktionen mit ihrer natürlichen Umgebung, die zumeist auch aus lebenden Organismen besteht.[78] Etwas näher am traditionellen Paradigma ist die Definition von Kenneth E. Boulding, der die Wirtschaft als Teilmenge der gesamten Welt auffasst. Die ökonomische Sphäre bilde einen Teil der gesamten Biosphäre: „Wir können uns die ökonomische Sphäre in jedem Augenblick als den gesamten Kapitalstock vorstellen, das heißt die Menge aller Objekte, Menschen, Organisationen usw., die vom Standpunkt des Austauschsystems her von Interesse sind.”[79]
Es kommt bei dieser Betrachtung sehr auf die Wahl der Beobachtungsparameter an. Die herkömmliche Wirtschaftslehre untersucht in erster Linie preisgesteuerte Allokationen, wie sie über Geld und Märkte vermittelt werden. Bioökonomische Wahrnehmungsraster rekurrieren dagegen vor allem auf die real ablaufenden Austauschprozesse: Vom stofflichen Gesichtspunkt aus gesehen, wandern ständig Objekte von der nichtökonomischen in die ökonomische Sphäre, wo sie in vielfältiger Weise konsumiert werden, um schließlich als Abfall in der einen oder anderen Form wieder in den nichtökonomischen Bereich zurückzukehren. Von der Ebene der Energietransformationen betrachtet, fließt verfügbare Energie in Form von fossilen Brennstoffen, Solarenergie, Wasser-, Windkraft usw. in die ökonomische Sphäre und ermöglicht so die Umwandlung von Naturstoffen in Dinge, die menschliche Bedürfnisse befriedigen, um am Ende dann als entropisch degradierte Energie, zumeist in Form von Wärme, wieder abgegeben zu werden. Boulding betrachtet innerhalb der ökonomischen Sphäre jedes Individuum und jede ökonomische Organisation als Knoten in einem Netzwerk von Inputs und Outputs von Gütern und behauptet, dass die Ökonomie als Wissenschaft in erster Linie zeige, wie die Gesellschaft durch Tausch und anderen Transfer von Austauschbaren (wie Zuwendungen) organisiert ist.[80]
Die Ansicht, dass die Ökonomie die Geld- und Gütersphäre umfasst und wirtschaftliches Handeln ein Handeln bezeichnet, das einen Erfolg mit äußeren, materiellen Mitteln erreichen will, ist auch heute noch weithin akzeptiert.[81] Eine solche Sichtweise macht die monetär definierte Wirklichkeit zur zentralen Grundlage all unserer Handlung und greift auch tiefgehend in die Sphäre der intimsten menschlichen Beziehungen ein. Die Verwendung des Wirtschaftsbegriffs im Bezug auf Produktion, Handel und Erwerb ist jedoch - historisch gesehen - neueren Datums. Unabhängig vom griechischen oikos, welches das haushälterische Umgehen mit den Dingen bezeichnet, und die Wurzel des Wortes Ökonomie bildet, geht das deutsche Wort Wirtschaft etymologisch auf das althochdeutsche wirton zurück, das ursprünglich im Sinne von Schmausen gebraucht wurde. Wie Bernhard Laum[82] ermittelt hat, wurde mit Wirtschaft ursprünglich ein gemeinsames, festliches Mahl bezeichnet. Wirtschaft wurde also eher mit Ausgeben und Verschwenden als mit Produktion und Erwerb in Verbindung gebracht.
Karl Polanyi[83] hat gezeigt, worauf später noch eingegangen wird, dass die Abtrennung der ökonomischen Sphäre vom Rest der Gesellschaft an die Herausbildung eines selbstregulierenden Systems von Märkten geknüpft ist, welches die Verteilungsmechanismen früherer Gesellschaften, die auf Verwandtschaftsbeziehungen und spezifischen, nichtökonomischen Distributionsregeln beruhten, durch radikal neue ersetzt. Während in früheren Gesellschaften wesentliche Elemente der Wirtschaft in nichtökonomische Institutionen eingebunden waren, etabliert sich mit der Herausbildung umfassender Marktordnungen die ökonomische Sphäre immer umfassender als eigenständiger Bereich mit spezifischen Gesetzmäßigkeiten. Diese Eigengesetzlichkeit der ökonomischen Sphäre hat ihren korrespondierenden Ausdruck in der wirtschaftswissenschaftlichen Theoriebildung gefunden. Ralph Borsodi[84] hatte schon in den dreißiger Jahren richtig erkannt, dass die meisten ökonomischen Analysen viel zu sehr auf die Erwirtschaftung und Produktion von Reichtum konzentriert sind und dadurch der eigentliche Zweck der Produktion, nämlich menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, oft aus dem Blickfeld gerät. Weil ökonomische Analysen menschliche Aktivitäten in der Regel auf solche beschränken, die mit dem Austausch von Gütern zu tun haben, werden viele wirtschaftliche Transaktionen außer Acht gelassen, die Handel und Austausch nicht involvieren. Borsodi nennt u.a. die familiäre und häusliche Kleinproduktion oder Raub und parasitäre Aneignung. In der feministischen Analyse der reduktionistischen Ökonomie ist die Ausblendung der häuslichen Reproduktion aus der ökonomischen Wertlehre ebenfalls ein zentraler Kritikpunkt. Die herrschende Ideologie von der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, so die feministische Kritik, behandelt die Arbeit der Frauen für die Herstellung lebensnotwendiger Güter so, als käme ihr keinerlei ökonomischer Wert zu, wenngleich gerade diese Arbeit das Überleben und das Wohlergehen der Menschen gewährleistet.[85]



