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Niemand kann helfen, so Gott euch nicht hilft.
DIE AUFREIZENDE STIMME:
Gott hat uns verlassen!
DIE MENGE:
Ja… Gott hat uns verlassen… wo ist er… wo ist der Bund, den er geschlossen mit uns… Gott hilft nicht…
JEREMIAS (zornig):
Was zischt ihr wider Gott aus eurem Elend, ihr Gewürm der Erde, wollt ihr, daß er euch zertrete mit seiner Ferse? Da er euch gnädig war, brüstetet ihr euch mit seiner Liebe und prangertet mit seiner Güte, und meinet ihn nun wegspeien zu dürfen am Tage des Gerichts! Wehe, welch ein Volk seid ihr. Stein ist eure Stirne und eine eiserne Ader euer Nacken, aber ich sage euch: Nicht stemmet die Stirn wider Gottes Stärke, beuget euch, beuget euch, ehe ihr zertreten werdet!
STIMMEN:
Wehe… wie unbarmherzig… er verläßt uns… nur Worte gibt er… Wir sind verloren… wer hilft uns… Nicht harte Worte gib uns… ein Wunder tu… ein Wunder… ein Wunder… ein Wunder…
JEREMIAS:
Wahrlich, ein Wunder wäre vonnöten, euren Starrsinn zu beugen! Noch aus dem Tod hebt ihr die Stirne, noch aus dem Untergang eure Lästerung! Wehe, welch ein Volk seid ihr! Ich aber sage euch, beuget euch, beuget euch! Nicht auf das Wunder wartet, das euch erlöse – den Gott erlöset in euch! Beuget euch, ihr Starren, demütiget euch, ihr Hochmütigen, ehe ihr zerbrochen werdet!
STIMMEN HERBEISTÜRMENDER:
Sie haben ein Tor gesprengt bei Moria… Abimelech ist gefallen!
DIE MENGE (wild aufschreiend):
Wehe… wehe… (Dann plötzlich mit verdoppelter Wucht gegen Jeremias aufschäumend): Höre… höre… wir sind verloren… jetzt hilf… tue ein Wunder… ein Wunder, Profet… ein Wunder…
JEREMIAS (verzweifelt):
Was wollt ihr, daß ich tue? Soll ich die nackten Arme recken wider den Feind…
DIE MENGE (ekstatisch):
Ja… ja… tue also…
JEREMIAS:
Glaubt ihr denn, daß ich jagen kann, den Gott wider euch sandte?
DIE MENGE:
Ja… ja… Du kannst es… Du kannst es… Du mußt es können… ja… ja… alles kannst du…
JEREMIAS:
Ich kann es nicht, Wahnwitzige! Nichts vermag ich wider Gott!
DIE MENGE:
Du kannst es… rette Jerusalem… Du kannst es!… Das Wunder tu…
JEREMIAS (ausbrechend):
Und wenn ich es könnte wider Gottes Wille, ich täte es nicht. Weichet von mir, die ihr mich verlockt wider ihn. Zu ihm halte ich und nicht zu euch, ich streite nicht wider sein Schwert, ich rede nicht wider seine Rede, ich will nicht wider seinen Willen! Möget ihr euch ihm wehren, ich beuge mich! Was immer er verhänge, ich beuge mich seinem Willen, ich beuge mich.
STIMMEN:
Wehe… nein… nein…
JEREMIAS:
Es geschehe, wie er bestimmt. Es erfülle sich sein Wille: wer durch das Schwert fallen solle, falle durch das Schwert, wen der Hunger schlägt, durch den Hunger, wen Pest würget, würge die Pest – sein Wille geschehe, sein Wille geschehe, ich beuge mich, ich beuge mich! Seine Bitternis will ich trinken und seine Fäuste fühlen, so es sein Wille ist – ich beuge mich.
STIMMEN:
Wehe… er verleugnet uns… er verläßt uns…
JEREMIAS (immer mehr in Ekstase):
Zu ihm halte ich, dem Getreuen, und nicht zu euch, die ihr schwanket. Sein Wille geschehe und nicht der eure! Herr, tue, wie es dein Wille ist – ich beuge mich dir, ich beuge mich. Fallen möge Jerusalem, so es dein Wille ist – ich beuge mich!
(DIE MENGE bricht in einen Entsetzensschrei aus.)
JEREMIAS:
Fallen möge dein heiliges Haus, so es dein Wille ist – ich beuge mich!
(AUS DER MENGE zucken wilde Wutschreie.)
JEREMIAS:
Fallen mögen die Türme, zerstieben das Volk und sinken sein Name, Schmach möge stürzen auf meinen Leib und Marter auf meine Seele, so es dein Wille ist – ich beuge mich, Herr, ich beuge mich!
DIE MENGE:
Er ist rasend… Nieder mit ihm… Er ist toll… Wehe… Er verflucht uns… Schweige… Verräter… Wehe…
JEREMIAS (ganz in Ekstase):
Was immer du tust, ich beuge mich.
Ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!
Ström nieder auf mich mit all deinen Schauern,
Ich tu mich dir auf, ich sperr mich nicht ab,
Brich ein in mein Herz, brich ein in die Mauern,
Wirf nieder die Tore, die tödlich umstürmten,
Verbrenn deinen Altar, den blutig beschirmten,
Verstoße dein Volk und verstoße auch mich –
Ich bleib dir doch treu in Tiefe und Trauer,
Denn mein Herz beherbergt dich ewiglich!
DIE MENGE (ihn wild umstürmend):
Verräter… Er betet um unsern Tod… Er verflucht uns… Steiniget ihn… steiniget ihn…
JEREMIAS (noch ekstatischer sich aufrichtend, wie eine Flamme über der dunkel schwelenden Masse): Herr, tue an mir, wie dir es gefällt.
Ist Dunkel gesunken, kam Leidenszeit,
Herr, ich bin allem Leiden bereit!
Gieß aus deines Zornes fressende Lauge
In meine Seele – sie wird dich nicht lassen,
Zerbrich meine Hände, verschließ meine Augen –
Ich werde dich schauen, ich werde dich fassen.
Sinn aus das trächtigste Maß deiner Leiden,
Ich will mich nicht wehren, ich bin ihm bereit!
Und je mehr du mir Leiden und Martern gibst,
Um so mehr will ich künden, daß du mich liebst!
Ich will doppeln die Qual, die du auferlegt,
Ich will küssen die Geißel, die mich zerschlägt,
Ich will danken der Hand, die mich knechtet und kränkte,
Ich will rühmen den Brand, der das Herz mir versengte,
Ich will segnen den Tod, den dein Wille entsandte,
Ich will segnen die Not, die die Stadt uns verbrannte,
Ich will segnen Bitternis, Knechtschaft und Schmach,
Ich will segnen den Feind, der die Tore zerbrach,
Denn ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!
Was immer du sendest, ich lobe dich,
Herr, höre mein Wort und erprobe mich!
DIE MENGE (in Wutschreien ihn unterbrechend):
Verräter… steiniget ihn… er segnet unsere Feinde… er betet für unsere Feinde… Steiniget ihn… Fluch wirft er über uns… Lästerer… Steiniget ihn…
DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME (alle überkreischend):
Kreuziget ihn! Kreuziget ihn…
DIE MENGE (die Stufen emporschäumend in wildem Schrei):
Ja… ans Kreuz… kreuziget ihn… Gotteslästerer… Verräter… steiniget ihn… kreuziget ihn…
JEREMIAS (die Arme auftuend zur Kreuzgebärde, in äußerster Ekstase):
Dein Wille geschehe! Kommt her! Kommt her!
Die Lanze rammt mir ein und den Speer,
Oh, geißelt nur, speit und beschmähet mich,
Zum Kreuze schleppt und erhöhet mich,
Zerreißt meine Hände, zerbrecht mein Gebein, –
Ich will ja nur für euch alle und alle
Vor Gott das selige Sühnopfer sein.
Oh, faßt mich! Vielleicht ist mein Opfer genehm,
Vielleicht sieht sein Auge mit Wohlgefallen
Mein brennendes Herz und erbarmet sich
Und rettet und rettet Jerusalem!
(DIE MENGE schäumt empor, ihn umdringend. Einige fassen ihn, andere werfen sich ihnen entgegen und versuchen, ihn zu befreien.)
STIMMEN:
Ans Kreuz… steiniget ihn… Er lästert Gott… Kreuziget ihn… Fluch Jeremias… Kreuziget ihn…
ANDERE STIMMEN:
Laßt… Der Geist Gottes ist über ihm… Er rast… laßt ab…
ANDERE STIMMEN:
Ans Kreuz… Ans Kreuz… Er hat uns verflucht.
JEREMIAS (im Tumult, die Hände kreuzgebreitet):
Was zögert ihr noch? Den seligen Preis
Des Martertods, ich will ihn bezahlen!
Oh, wie dürstig bin ich der Martern und Qualen,
Denn ich weiß,
Der am Kreuze hinstirbt in irdischer Pein,
Wird der selige Mittler und Fürbitter sein.
Seine Arme, die brechend am Kreuzholz hangen,
Werden liebend die Seele der Welt einst umfangen,
Seine Lippen, die schmachtend verlöschen und brechen,
Das erlösende Wort des Friedens aussprechen,
Seine Seufzer werden zu Wohllaut werden,
Seine Qual die ewige Liebe auf Erden.
Oh, sein Tod ist Leben, sein Leiden Vergeben,
Nur sein Fleisch kann sinken, sein Leib kann zerfallen,
Doch seine Seele wird flügelnd mit allen
Sünden der Menschen zu Gott aufschweben
Und dort der Bitter und Bote sein!
Oh, daß ich es wäre, oh, daß ich es würde,
Meine Seele verzehrt und verlodert sich!
Auflegt mir das Kreuz! Aufhäuft mir die Bürde!
Kreuziget mich! Oh, kreuziget mich!
(DIE MENGE hat ihn unter wilden Rufen gefaßt und schleift ihn mit sich. Sie schlagen auf ihn ein.)
STIMMEN:
Kreuziget ihn… Ans Kreuz… Er hat sie gerufen… er ist der Feind… Kreuziget ihn!… steiniget ihn…
(Flüchtige kommen in diesem Augenblick von rückwärts gestürmt in wahnsinniger Verwirrung. Sie schleudern die Waffen im Lauf weg und gebärden sich wie Tolle.)
WILDE STIMMEN:
Die Mauer ist gefallen… Die Feinde sind in der Stadt… Die Chaldäer über uns… Verloren… Israel ist verloren…
NEUE FLÜCHTIGE:
Abimelech ist tot… Alles ist verloren… Jerusalem ist gefallen… Rettet euch… Die Chaldäer…
NEUE FLÜCHTIGE (in vollem Lauf):
Sie sind hinter uns… Zum Tempel… Alles ist verloren… Wehe… Israel… Israel… Wehe! Israels Ende… verloren Jerusalem!
(DIE MENGE stiebt in furchtbarem Entsetzensschrei auseinander. Sie lassen Jeremias und stürzen kreischend in alle Richtungen. Die ganze Stadt dröhnt von Geschrei und Getöse wirrer Verzweiflung und Flucht.)
VIII. Die Umkehr
Inhaltsverzeichnis
»Oh, daß Hiob versuchet würde bis ans Ende.«
Hiob XXXIV, 36.
Ein weitläufiges kellerartiges Gewölbe, dessen Läden verschlossen und dessen Türen verrammelt sind. Feuchtes Grau füllt die Tiefe des unterirdischen Raumes. Wie Gewürm, dunkel und verstrickt, kauern und liegen Flüchtlinge auf den Steinen, einige haben sich um einen Greis zusammengetan, der aus der Schrift mit zerbrochener Stimme halblaut liest; rückwärts liegt, von einer Frau behütet, ein Verwundeter.
Abgesondert von ihnen, auf einem Stein und selbst reglos wie er in Fels erstarrt, sitzt gebückt JEREMIAS, das Antlitz in den Händen vergraben. Er ist ganz teilnahmslos. Sein Schweigen liegt wie ein Block in dem wogenden Murmeln und Widerstreiten der andern.
Es ist der Tag nach Jerusalems Fall, die Stunde nach Sonnenuntergang.
DER ÄLTESTE (liest vor aus der Schrift, den Leib rhythmisch wiegend zu den Worten, die er leise und monoton spricht, nur manche Rufe der Verzweiflung und der Begeisterung ruft er vor, und die andern sprechen sie im murmelnden Chore mit):
Höre, oh höre, du Hirte Israels,
Der du Josefs hütest wie der Schafe,
Erscheine, der du sitzest über Cherubim,
Erscheine, erwecke deine Gewalt!
DIE ANDERN UM IHN (mitmurmelnd):
Erscheine, erscheine, Erwecke deine Gewalt!
DER ÄLTESTE:
Erscheine, du Hirte! Gott, tröste uns,
Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
Wie lang willst du zürnen dem betenden Volke,
Mit Tränen sie speisen, mit Tränen sie tränken?
Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,
Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
DIE ANDERN:
Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
DER ÄLTESTE:
Du hast aus Mizraim den Weinstock geholet
Und eingepflanzt in der Heiden Land,
Du ließest die Wurzeln ihn mächtig ausgreifen,
Gehügel und Berge deckte sein Schatten
Und sprossende Reben die Zedern des Tals,
Doch wehe,
Die Fremden haben die Reben zerrissen,
Die wilden Tiere sein Wachsen verderbet,
Festiglich war er, und wüst ist er nun!
DIE ANDERN:
Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,
Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
DER ÄLTESTE:
Nicht denke der Sünden, so wir begingen,
Erbarme dich unser, eh wir vergehn,
Denn dünn und schwank schon sind wir geworden,
Und der Sturm deines Ingrimms wirft uns zu Tod,
Nicht denke der Sünden, so wir begingen,
Gedenke des Bundes, gedenk deines Namens,
Erscheine, du Hirte! Führ heim deine Herde!
Erscheine! Erwecke deine Gewalt!
DIE ANDERN:
Erscheine! Erwecke deine Gewalt!
ANDERE (flehentlich):
Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
DER VERWUNDETE (von rückwärts, der leise gestöhnt hat, jetzt laut aufschreiend): Ah! Ah! Ah!… Ich verbrenne… Legt mir Wasser auf… ich verbrenne… ah… ah… ah… Wasser!
DIE FRAU (neben ihm):
Schweige, Guter, schweige um Gottes Gnade willen! Sie hören uns sonst.
DER ÄLTESTE:
Schweige! Sei stille! Verschließ dich! Du stürzt uns alle ins Verderben.
EIN ANDERER:
Sie töten uns, wenn sie uns entdecken!
DER VERWUNDETE:
Sie sollen mich töten… ah… ah… ich ertrage es nicht… es frißt mich das Feuer… ah… ah… Wasser… Wasser… gebt mir Wasser… ich verbrenne… Hilfe… Hilfe!…
EIN MANN:
Wir müssen ihn schweigen machen, er verrät uns.
DIE FRAU:
Nein… fort von ihm… mein Bruder ist er… von der Mauer habe ich ihn auf meinen Schultern getragen. (Sie kniet bei ihm nieder.) Lieber… Lieber… ich flehe dich an… versuche zu schweigen… ich hole dir Wasser… da, mein Tuch nimm und klemm es in die Zähne… so… so…
(DER VERWUNDETE hat das Tuch sich in den Mund geknebelt. Sein Schreien geht in ein dumpfes Wimmern über.) (DIE ANDERN, die erregt aufgestanden waren, haben sich wieder niedergelassen.)
EINER:
Lies weiter, Pinehas! Es ist viel Tröstung im Wort.
EIN ANDERER:
Lies weiter! Von der Verheißung lies, von der Verheißung!
ANDERE:
Ja… vom Gottesknecht… vom Reis aus Isais Stamm… die Verkündigung… Oh, lies… sänftige mein Herz… vom Erlöser lies… unsere Herzen dürsten nach dem Tau des Worts…
(DER ÄLTESTE hat die Schrift wieder aufgenommen und will zu lesen beginnen. Es pocht von außen an eine Türe. Alle fahren zusammen.)
EINE FRAU (ängstlich):
Es hat gepocht!
EINE ANDERE (erregt):
Sie sind da! Sie haben uns ausgespürt!
EIN MANN:
Es ist nicht vom Tore her! Einer der unsern muß es sein. Nur sie kennen den Gang. Tut ihm auf!
DIE FRAU:
Nein! Nein! Es kann Verrat sein. Schächer sind unter dem Volke. Laßt zu!
DER ÄLTESTE:
Stille! (Er nähert sich vorsichtig der hinter Steinen verborgenen Türe). Wer ist es?
(EINE STIMME von außen antwortet.)
DER ÄLTESTE:
Zefanja ist es, der Sohn meines Schwähers, den wir auf Kundschaft gesandt. (Er schiebt den Riegel auf, ein Mann tritt ein, behelmt und wie ein Chaldäer gekleidet. Alle stürzen sich um ihn. Nur Jeremias bleibt, wie der Stein, auf dem er mit gestütztem Arm starrt, reglos und unbeteiligt.)
ALLE (wild durcheinander):
Was ist geschehen… Hast du Neter gesehen, meinen Sohn… Tebia, mein Weib… mein Haus, haben sie es verbrannt… Erzähle… sprich… Wo ist der König… Der Tempel… Erzähle, Zefanja… Mein Gatte, Ismael… wo ist er… Sprich… Wo ist der Priester… was geschieht mit uns… Erzähle…
DER ÄLTESTE:
Stille! Ihm lasset die Rede, denn seine Augen haben den Tag gesehen und die Stadt!
ZEFANJA:
Besser im Dunkel zu sitzen, anstatt solches zu schauen, besser als dieses noch, blind sich zu weinen, und am besten tief unten im Schwarzen zu schlafen zwischen den Wurzeln der Bäume und den Eingeweiden der Erde. Ein Acker der Toten ist Davids Stadt geworden, Schutt und Kehricht Salomos Burg.
ALLE:
Wehe… Jerusalem… wehe… wehe…
ZEFANJA:
Wie Kot liegen unserer Brüder Leichen auf den Gassen, und selbst den Toten noch rauben sie das Kleid. Aus den Gräbern haben sie das Gebein des Königs Judas gerissen und geworfelt um den Purpur Salomos aus seinem Sarge. Sie haben die Brote gegriffen vom heiligen Tisch und die Leuchter geraubt von den Wänden.
DER ÄLTESTE (sein Kleid zerreißend):
Ich will nicht mehr leben! Oh, könnt ich mein Innres zerreißen wie dies mein Gewand!
STIMMEN:
Wehe… wo ist Gottes Kraft… der Bund… die Verheißung… wo sind unsere Führer… Nachum… wo ist Jochan… verloren, verloren… Jerusalem… mein Gatte… wen sahest du…
ZEFANJA:
Um viele fraget ihr, und eine Antwort habe ich für alle. Es sieht keiner Gottes Morgen mehr von den Edlen der Stadt.
ALLE:
Wehe… Sie alle… es ist nicht möglich… Was ist mit Abodassar… Jojakim, auch er… Hedassar… Imre… mir sage, mir… Nachum…
ZEFANJA:
Nicht fraget mich… ihr Leiden ist gewesen und ihre Seelen bei Gott.
ALLE (durcheinander):
Und sage, auch Nachum… antworte… die Kinder des Königs… Absalon, mein Schwäher…
ZEFANJA:
Es ist keiner am Leben. Wer nicht fiel an der Mauer, den erwürgten Nabukadnezars Schlächter. Keiner lebet mehr, denn Zedekia.
STIMMEN:
Zedekia lebet… Warum ihn geschont… warum gerade ihn… Ein Verräter ist er… Warum Gnade ihm, wenn den andern Tod… warum ihm Schonung?
ZEFANJA:
Ehrfurcht vor dem Könige! Ehrfurcht vor seinem Leide.
STIMMEN:
Was ist mit ihm… ist er gefangen?…
ZEFANJA:
Zedekia brach durch mit sechzig der Tapfersten, daß sie sich sammelten im Gebirge und den Kampf erneuerten wider Assur. Aber jene jagten ihnen mit Wagen nach und faßten ihn und schleppten ihn vor Nabukadnezar.
STIMMEN:
Und er… was tat er?
ZEFANJA:
Ich kreuzte den Weg seines Leidens und stand auf dem Platze, da sie ihn in Ketten hielten. Und sie schlugen vor seinen Augen seine Kinder eines nach dem andern mit dem Schwert. Dann aber… als seine Augen voll waren mit Grauen und Tränen… dann ward der Gesalbte des Herrn, dann ward Zedekia geblendet…
JEREMIAS (plötzlich aus seiner ehernen Reglosigkeit auffahrend, in furchtbarstem Entsetzen): Geblendet, sagst du… geblendet…
ZEFANJA:
Wer ist dieser?
STIMMEN:
Sprich nicht mit ihm… sieh ihn nicht an… Schweiget… nicht nennet den Namen des Verruchten… Fluch ist auf ihm… fort… Sprich nicht zu ihm…
ZEFANJA:
Wer ist, der da fragte? Ich kenne diese Stimme.
STIMMEN:
Nicht frage… Fluch über ihn… er gehört nicht zu uns… ein Ausgestoßener ist es des Herrn…
EINE FRAU:
Gottes Fluch ist er, über uns gesandt zu brennender Qual, Gottes Geißel und Galle – Jeremias, Jeremias!
ZEFANJA (mit einem gellen Aufschrei, beide Hände vor sich hinhaltend):
Jeremias!
JEREMIAS:
Was schrickst du so vor mir? Was fürchtest du dich? Ich bin nicht zu fürchten mehr. Wind ward mein Wort, und Kot ist meine Kraft. Spei mich an und geh deines Wegs!
ZEFANJA (schauernd):
Nicht fluche mir, du Furchtbarer, nicht fluche mir! Nein, nein, nein, ich tat dir nichts! Nicht fluche mir!
JEREMIAS:
Und wenn ich dir fluchte, was schädigte es dich, und wenn ich dich segnete, was förderte es dich? Was bin ich denn? Ein Hauch ohne Wort, ein Fluch ohne Kraft, ein Verkünder ohne Gott. Spei mich an, denn Aussatz war mein Wort und Lahmheit mein Wandel.
ZEFANJA (noch mehr schauernd):
Nicht fluche mir! Nicht fluche mir! Nie war ich dir feind! Oh, schützet mich! Verbergt mich vor ihm! Flehet ihn an, daß er mir nicht fluche! Ich kann sein Auge nicht schauen, ohne zu zittern, ich kann seinen Namen nicht hören, ohne zu schauern.
DER ÄLTESTE:
Ermanne dich! Was schauerst du vor ihm? Wind sind seine Worte und die Schmach seine Heimstatt.
ZEFANJA:
Nein… nein… furchtbar ist er… furchtbar… er hat es gewußt… er hat es gewußt voraus… er… er allein… und er hat ihn gerufen… der König… er… er…
DER ÄLTESTE:
Wer hat ihn gerufen?
ZEFANJA (ganz entgeistert):
Er… er hat ihn gerufen… der König. Gefaßt hatten sie ihn in seinen Ketten und wandten sein Antlitz, daß er schaue, wie man seine Kinder schlüge… er wehrte sich… aber sie zwangen ihn… Seine Lippen waren zwischen den Zähnen, er wollte schweigen… und er schwieg, wie sie den ersten faßten seiner Söhne… aber wie sie den zweiten griffen, da bebten sie… und da sie den dritten durchstießen, da sprangen sie auf, die Lippen, die verzerrten… aber nicht um Gnade schrie er… er schrie: »Jeremias! Jeremias!«
(ALLE schauern zurück.)
ZEFANJA:
Seinen Namen schrie er in der Qual. Und da der Brandstahl seine Augen zerstieß, da schrie er nochmals… Jeremias… Jeremias… Wo bist du, Verkünder… wo bist du… mein Bruder Jeremias… ihn… ihn hat er gerufen… Er hat es gewußt…
(ALLE weichen vor Jeremias, wie vor einem gefährlichen Tier.)
JEREMIAS (in wirrer Qual mit sich ringend):
Es ist nicht wahr… Ich habe es nicht gewollt… nichts, habe ich gewollt von dem allen… er darf mich nicht anklagen… er darf nicht… Das Wort ist in mich gefahren, wie das Feuer vom Steine fährt… er darf mich nicht anklagen… ich… ich wollte zu ihm… nicht ich… Gott hat mich zum Lügner gemacht… ich habe mich seiner erwehret… es ist nicht wahr… nicht ich habe es getan…
ZEFANJA:
Was redet er?
EIN WEIB:
Wahnsinn hat ihn befallen.
EIN ANDERER:
Ein Rasender ist er.
EIN MANN:
Nein… er hat es gesagt… er hat alles gewußt… ein Weiser ist er… ein Profet…
JEREMIAS:
Er darf nicht… er darf nicht… er darf mich nicht anklagen… mein Wort ist mein Wille nicht… Macht ist über mir… Er… Er… Der Furchtbare… Der Mitleidslose… Sein Werkzeug bin ich nur… sein Hauch… seiner Bosheit Knecht… Er hat mich beredet, und ich ließ mich bereden… denn übermächtig war er, und sein Knecht bin ich geworden… Fluch hat er in meinen Atem getan… Er… Er… der Furchtbare… die Galle in meine Rede… und das Bittere in meinen Speichel… Oh, wehe über die Gottesfaust… wen er faßt, der Furchtbare, den läßt er nicht wieder… oh, daß er mich freigäbe, den Verfluchten seines Worts… ich… ich… ich will nicht mehr reden seine Rede… schweigen will ich… schweigen… ich… ich… ich will nicht mehr, Gott… ich will nicht mehr… ich fluch deinem Fluche… laß deine Hand von mir, tu das Feuer von meinem Mund… ich… ich… ich kann nicht mehr… ich will nicht mehr…
DIE STIMMEN:
Tobsucht hat ihn überkommen… die Krämpfe… die Krämpfe… wie eine Gebärerin windet er sich… weichet von ihm… hört ihn nicht an… Gott hat ihn gestraft…
(JEREMIAS bricht wie zerschmettert in sich zusammen.)
DIE STIMMEN:
Sehet… seht… Die Hand des Herrn hat ihn getroffen… Wahnsinn hat ihn geschlagen… weichet von ihm… weichet von ihm…
(ALLE haben sich zusammengeschart und drängen sich von Jeremias fort, der auf der Erde liegt, wie ein gefällter Baum. Einige Augenblicke herrscht bestürztes, ratloses Schweigen. Dann plötzlich von außen ein Hörnerschall aus großer Ferne.)
ZEFANJA:
Wehe, sie nahen schon, die Verkünder, die Herolde des Unheils!
ALLE (um ihn):
Was ist… was ist geschehen… was bedeutet der Ruf… Lasset den Narren… Sprich, Zefanja… welche Botschaft…
ZEFANJA:
Botschaft Nabukadnezars an die Restlinge des Volkes.
STIMMEN:
Wehe… was haben sie vor… sollen wir gehen, sie zu hören… dürfen wirs wagen… sprich, Zefanja…
ZEFANJA:
Nicht eilet euch, böse Botschaft ist immer zu früh noch vernommen.
STIMMEN:
Nein… sprich… erzähle… sprich… was ist uns verhängt…
ZEFANJA:
Es ist Nabukadnezars Wille, daß die Stadt nicht mehr lebe auf Erden.
(STIMMEN in Schreckensschreien.)
ZEFANJA:
Zum Denkmal der Schrecknis hat der Verruchte Gottes Stadt bestimmt! Von der Erde reißt er uns weg, wandern müssen wir, Brüder, wie einst in die Knechtschaft. Eine Nacht nur wird uns Restlingen gegeben zur Rast, daß wir die Toten begraben, dann muß ein jeder, Greis und Kind, fort von hier in der Chaldäer Land. Fremden Acker sollen wir bauen, fremde Reben aufpflanzen und fremd uns selber werden und unserm Gott. Zum letzten Male halten wir Jerusalems Erde an unserm Fuß, zum letzten glänzt heimatlich Gestirn ob unsern Häupten. Das ist jener Botschaft. Weh, wen es lüstet, sie zu vernehmen!
(DER POSAUNENSCHALL tönt wieder von näher.)
STIMMEN:
Wir sollen hinaus… fort von Zion… fort von Jerusalem…
DER ÄLTESTE:
Ich gehe nicht… ich bleibe… ich bleibe…
ZEFANJA:
Wer sich weigert der Wandrung, den fällt das Schwert. Jeder soll sich rüsten zur Reise und sich sammeln auf dem Markte. Dreimal wird die Posaune tönen vor dem Morgenrot. Wer dann noch betroffen wird in der Mauern Geviert, der verfällt ihrem Schwert.




