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DER ÄLTESTE:
Möge es mich fällen, ich bleibe, ich bleibe! Ich will nicht leben ohne Jerusalem. Im Sarge lieber, denn in fremdem Geviert!
EIN WEIB:
Mein Bruder ist gefallen, meines Bruders Sohn und mein Gemahl. Gräber sind mein Erbe, ich will es behüten.
EIN MANN:
Ich bleibe! Ich bleibe! Hier ist meine Wurzel und meine Kraft. Lahm würde mein Arm, sollte ich den Pflug stoßen in fremde Erde, und blind meine Lider in fremder Welt.
STIMMEN (begeistert):
Wir bleiben… wir wollen sterben… lieber den Tod, als das Diensthaus… nicht in die Verbannung… sterben für Gott… sterben… lieber sterben…
DER KRANKE (von seinem Lager rückwärts sich fiebernd aufrichtend):
Nein… nein… ich will nicht sterben… nicht sterben… leben will ich, leben… ich will fort… fort… nur nicht sterben… wer wird mich tragen… verlaßt mich nicht… nicht… nicht sterben… leben, leben, leben!…
DIE FRAU (zu ihm hinstürzend):
Beruhige dich… ich trage dich.
DER KRANKE (fiebernd):
Ja… fort… fort von den Wahnwitzigen… nur nicht sterben… nur nicht sterben…
DER ÄLTESTE:
Er spricht wirr… sein Leib ist verbrannt, sein Arm zerschmettert… er weiß nicht, was er redet…
DER KRANKE (in fiebriger Wut):
Ich weiß… ich weiß… ich habe den Tod gespürt… nur nicht sterben… Lieber verbrennen, lieber leiden… aber doch Leben noch fühlen, Leben ist Hoffnung, und Totsein ist nichts… nur nicht sterben… leben… leben…
EINE JUNGE FRAU:
Ja, auch ich will leben… ich habe noch nichts geschaut, nichts gefühlt… meine Glieder blühn noch… ich spüre mich… ich will nicht ins Kalte… ich will nicht… ich gehe mit dir… überallhin… überallhin…
EIN ANDERES WEIB:
Metze du… Buhlerin… willst du Kebse werden der Fremden?
DIE JUNGE FRAU:
Alles… alles… nur leben, nur leben…
DER KRANKE:
Leben… alles leiden, alle Qualen… aber leben…
EIN MANN (wild):
Kein Leben ohne Gott… kein Leben ohne Jerusalem…
ANDERE STIMMEN (durcheinander):
Lieber sterben… lieber sterben… nur nicht zurück ins Diensthaus… nicht Sklave sein… nicht sterben, nur nicht sterben…
(DER POSAUNENRUF der Herolde tönt nun von ganz nahe.)
EINER:
Laßt sie rufen, ich höre sie nicht. Die Stimme des Todes tönt in mir stark wie Gotteswort! Sterben wir, sterben wir, lassen wir uns nicht locken! Sterben wir mit Jerusalem!
DER ÄLTESTE:
Ich halte dich, Jerusalem, heilige Stadt, mit meinen welken Händen klammre ich mich dir an, mein Leben warst du, so sei auch mein Tod! Wie könnte ich atmen ohne dich, wie auftun das Auge des Morgens, ohne zu schauen Salomos Haus und Gottes irdische Rast? Lieber in deine Erde versargt sein, als hingehen über andere Scholle, lieber ein Toter mit meinen Vätern, denn ein Knecht unter Fremden. Jerusalem, Jerusalem, Jerusalem, nimm mich in deine Erde, mein Leben warst du, sei auch mein Tod!
ZEFANJA:
Ich scheide mich von dir. Ich will nicht sterben! Zu viel der Toten habe ich gesehn in den Straßen, ihre Augen standen starr in den Himmel der Stadt, ihre Fäuste waren gekrampft in Israels Erde, aber es war kein Friede in ihrem Gesicht. Ich will leiden ohne Maß, aber ich will leben. Mögen sie mich hämmern in die Bergwerke von Tyr, wo das Wasser tropft, daß der Bart fault und die Augen blinden, mögen sie mich schmieden mit krummem Rücken in den Ring ihrer Ruderschiffe, mögen sie mich verschneiden ihren Göttern und verstümmeln, jedes Glied in mir schreit noch um Leben zu Gott. Jeden Tag will ich segnen aus Ketten und Qual, oh, nur nicht tot sein, nicht tot sein!
DER KRANKE (sich aufrichtend):
Ja, nur leben, nur ein Sandkorn Zeit noch zwischen den Fingern fühlen! Nur noch sehn die kleinen Blüten der Mandeln, die sich weiß auftun über Nacht, und den Mond, wie er schmilzt und sich rundet unter den Sternen. Oh, nichts genießen mehr, verkrümmt sein und vertaubt, aber noch schauen die seligen Dinge der Welt und die Luft einziehen im Munde. Nur sein eigen Herz spüren, wie es schlägt und die Ader warm läuft an den Händen! Leben, oh, leben, nur leben!
DER ÄLTESTE:
Schmach über euch, Weichlinge! Wollt ihr leben ohne Gott? Wollt ihr ihn rücklings lassen in Schutt und Schande?
EIN MANN:
Er geht mit uns, wie er ging durch die Wüste.
EINE FRAU:
Wir wollen seiner gedenken im Gebet.
DER ÄLTESTE:
Wo wollt ihr beten, wenn nicht an seinem Altar? Abtrünnige seid ihr und Verräter. Wollt ihr knien vor Bel und opfern vor Astaroth? Lebe, wer leben will ohne ihn. Ich bleibe ihm getreu.
EIN MANN:
Ein neues Haus wollen wir ihm bauen.
DER ÄLTESTE:
Dieses hat er gewählt. Hier ist er allein.
STIMMEN:
Er wandert mit uns… überall spricht er zu uns… auch aus dem Golus wird er uns hören… auch dort werden wir gläubig sein… unter allen Himmeln ist sein Wort, sein Antlitz überschattet alle Wege…
DER ÄLTESTE:
Nein, wer Jerusalem lässet, verläßt auch Gott. Hier ist Jahwes Haus, hier ist er allein. Götzendienst ist jedes Opfer als an seinem Altar.
STIMMEN (widerstreitend):
Nein… überall ist er… hier ist er allein… überall… allerorts ist er… er wird sich uns weisen an jeder Stätte… nur im Tempel ist sein Haus… überall ist er… überall… nur hier ist sein Antlitz…
JEREMIAS (plötzlich sich aufraffend, mit furchtbarem Ausbruch):
Nirgends ist er! Nirgends! Wer hat ihn gesehn von den Lebendigen, wer gehört seine Stimme? Nirgends ist er! Nirgends! Ins Leere starren, die ihn suchen, und die ihn bezeugten, sind Lügner geworden vor der Menschheit Gesicht. Nirgends ist Gott, in den Himmeln nicht und auf der Erde und in den Seelen der Menschen nicht! Nirgends, nirgends ist er!
DER ÄLTESTE (ganz erstarrt mit offenem Munde. Endlich mit den Händen aufzuckend zum Himmel fahrend): Lästerung! Lästerung! Fahre nieder auf ihn mit deinen Blitzen!
JEREMIAS (immer heißer):
Wer hat ihn gelästert, wenn nicht er selbst? Zerbrochen hat er seinen Bund, verleugnet seine Schwüre, zerschmissen seine Mauern und verbrannt sein eigen Haus. Er selbst verneinet sich, er selbst ist Gottes Lästerer, er, nur er!
DER ÄLTESTE:
Hört nicht auf ihn! Hört nicht auf ihn! Ein Abgefallener ist er, ein Ausgestoßener, hört nicht auf ihn, ihr Diener des Allmächtigen!
JEREMIAS (immer mehr sich entzündend):
Wer hat ihm gedient wie ich in Israel, wer war sein Knecht so treuselig wie ich in Jerusalems Mauern? Ich habe mein Haus gelassen um seinetwillen im Hasse und meine Mutter im Tode, Freunde habe ich geopfert seiner Liebe und der Frauen Süße seiner Eifersucht! Seinem Willen habe ich mich aufgetan wie ein Weib dem Manne. Das Wort zwischen meinen Zähnen war sein, und das Blut in meinem Leibe, jeder Gedanke war seines Willens Kind und die Träume hinter meinem Schlaf. Ich habe meinen Rücken geboten, die mich schlugen, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Hohn und Speichel. Und ich habe gedient, ich habe gedient, weil ich meinte, daß er wenden werde das Unheil durch mich; ich habe geflucht, weil ich meinte, er werde es zum Segen kehren; ich habe gekündet, weil ich meinte, er werde mich zum Lügner machen und werde retten Jerusalem! Aber Wahrheit habe ich gekündet, und nur er ward Lügner an seinem Wort. Wehe, wehe, daß ich so treu gedient dem Treulosen! Da meine Brüder lachten, hat er mich entsendet, daß ich speie auf ihre Freude, und nun, da sie sich ängstigen und sich winden im Krampf ihres Elends, will er, daß ich ihrer lache! Aber ich lache nicht, Gott! Ich lache nicht an meiner Brüder Qual, ich lache nicht! Nicht vermag ich mich zu freuen wie du an dem Jammer der Verschreckten, und der Erschlagenen Geruch duftet mir nicht! Deine Härte ist mir zu hart und zu schwer deine Hand! Ich diene nicht mehr deiner rasenden Rache, ich dien dir nicht mehr. Ich zerreiße den Bund zwischen dir und mir. Ich zerreiße ihn! Ich zerreiße ihn!
STIMMEN (durcheinander):
Er ist rasend… er lästert Gott… fort von ihm… Gott wütet in ihm… Irrwitz hat ihn befallen.
JEREMIAS (über sie hinweg, in wilder Ekstase ins Leere sprechend):
So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich!
Wie ich wider dich zeuge, zeug du wider mich!
Sag an,
Ob je ich meinem Gelöbnis mich wehrte,
Ob je ich gemüdet und aufbegehrte?
So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich,
Raff dich auf vor diesen und sprich wider mich!
Du hast mich gesucht und hast mich gefunden,
Mit Ahnung verschreckt und mit Träumen entzunden,
Und da meine Seele in Flammen stand,
Als Feuerbrand wider mein Volk entsandt;
Was wars, als dein rasender Wille nur,
Daß wie ein Feind ich wider sie fuhr?
Ich war die Drossel, die sie umkrampfte,
Der Huf, der ihren Frieden zerstampfte,
Ich war die Säge, die sie zerkreischte,
Der Stachel, der sie lebendig entfleischte,
Ich war die Schrecknis, die sie erschreckte,
Der Angsttraum, der sie allnächtens erweckte,
Der Brand, der an ihren Knochen fraß,
Der Dorn, der in ihrem Fleische saß,
Ich war der Zänker, der sie schmähte und schmälte,
Der Henker, der sie zerpfählte und quälte,
Und war noch der Hohn, der dann sie verlachte verlachte –
Oh, alles war ich, was dein Irrwitz mich machte,
Denn fühllos wie Feuer und dumpf wie ein Tier,
So diente ich dir! So diente ich dir!
Ich fühlte die Brüder, deren Seele mich suchte,
Und doch! Ich verschloß mich und fluchte und fluchte,
Und ob auch mein Herz sich bäumte und schrie,
Ich zäumte es nieder und züchtigte sie.
STIMMEN:
Im Fieber redet er… zu wem spricht er… er ist rasend… sein Hirn verbrennt… Irrwitz redet er…
JEREMIAS:
Aber ich sage mich los!
Ich tu nicht länger nach deinem Begehr,
Ich rechte nicht mehr und knechte nicht mehr!
Mein Herz ist nicht länger dir Heimstatt und Haus,
Ich stürz dich aus deinen Himmeln hinaus!
Wie du dein Volk, so hab ich dich verstoßen,
Den harten Hasser, den Mitleidslosen,
Denn ein Gott, der Hohn anstatt Hilfe gibt,
Ist nicht wert mehr, daß man ihn kündet und liebt!
Nur wer das Leiden wendet, ist Gott allein,
Nur wer Trost ausspendet, darf Allmacht sein!
Oh, ich weiß es, ich weiß es, nur der ist Profet,
Dessen Hand die ewige Liebe aussäet,
Dessen Seele Flut ist von großem Erbarmen,
Dessen Seele Glut ist von allem warmen
Strömenden Blut, das unschuldig versprengt ist,
Und dessen Herz von unendlicher Liebe versengt ist!
Oh, und ich fühl es, ich fühl es, ich kann einer sein,
Denn die Stimmen, die ungehört auf zu dir schrein,
Sie schlagen wie Flammen in mich hinein!
Mich ruft die Stadt, die du zürnend verbrannt hast,
Mich ruft dein Volk, das du hassend verbannt hast,
Mich rufen die Witwen, die du gezeugt hast,
Mich rufen die Mütter, die du gebeugt hast,
Mich ruft der König, den du geblendet,
Dein Altar, den du dir selber geschändet:
Aus Grüften und Lüften sind klingende Boten
Urmächtigen Leidens mir zugesendet,
Die Lebenden rufen, mich rufen die Toten,
Und mein Herz erhört sie – es hat sich gewendet:
Gewendet von dir, der du hassend und hart bist
Und zum Götzenstein deines Stolzes erstarrt bist,
Zu ihnen, den Schwestern, zu ihnen, den Brüdern,
Die Leiden umkleiden, die Qualen erniedern!
Nur ihnen, nur ihnen
Tut auf sich mein Herz, blühn auf meine Arme,
Und ich beug ihrem Leid mich, ihm beug ich die Knie –
Denn ich hasse dich, Gott, und ich liebe nur sie!
DER ÄLTESTE:
Er hat Gott verflucht… Schlagt ihn nieder…
STIMMEN:
Er rast… er ist toll… Irrwitz ist seine Rede… Wachen Auges träumt er… es ist Gefahr, ihn zu hören… bringt ihn zum Schweigen…
JEREMIAS (plötzlich in die Knie brechend, gegen die andern gewandt):
Oh, meine Brüder, verzeiht mir, verzeiht,
Verzeiht meiner ruchlosen Eitelkeit!
Er, er nur hat mich mit Träumen verblendet,
Mit Worten gelockt und mit Zeichen versucht,
Daß ich meinte im Trotz meiner Eigensucht,
Ich sei als ein Mahner gen euch gesendet.
Ich meinte, daß ich der Große bin,
Wenn seinen Namen ich wider euch reckte
Und die Zähne mit seinen Flüchen ausbleckte, –
Doch ich reiße mich los und verstoße ihn!
Und ob ich hoffärtig an euch getan,
Ihr Brüder, hört mich erbarmungsvoll an!
Weil ich euch fluchte, erbost euch nicht,
Weil er mich versuchte, verstoßt mich nicht,
Zu euren Füßen werf ich mich hin,
Fühlt, fühlt es, daß ich voll Buße bin!
(DIE MÄNNER UND FRAUEN weichen entsetzt zurück.)
JEREMIAS (ihnen nachkriechend auf den Knien):
Ihr Brüder, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht,
Oh, wie fühl ichs jetzt, daß ihr mir Brüder seid
Und ich der jüngste, geringste von allen!
Oh, laßt mich, ihr Lieben, nun Liebe nur sprechen
Und selig das Brot eures Leidens mitbrechen,
Oh, laßt es, ihr Brüder, euch gütig gefallen,
Daß ich euch liebe, daß ich euch gehöre,
Nie soll mein Wort mehr, ich schwöre, ich schwöre,
Sich frech und mahnend wider euch kehren.
Das Letzte, das Niederste will ich euch tun,
Das ihr mir auflegt als Buße und Pein,
Den Staub will ich küssen von euren Schuhn
Und der klägliche Knecht eurer Knechte sein.
Oh, ihr Brüder im Dunkel, ihr Brüder im Leid,
Meine Reue fühlt, meine Demütigkeit,
Und vergebt mir, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht!
DER ÄLTESTE:
Tod über den, der ihn berührt! Gott hat ihn gerichtet.
STIMMEN:
Gottverfluchter… fort mit dir… fort… weg von uns… weg aus unserer Mitte… verpeste uns nicht… Gottesleugner… fort… fort…
JEREMIAS (zurückgestoßen, mit einem dumpfen Aufschrei):
Aussatz über mich! Aussatz über mich und Tod! (Er bricht in sich zusammen.)
STIMMEN:
Man muß ihn hinausschaffen wie ein Aas… er verpestet mit seiner Nähe den Atem… Wahnsinn ist über ihm… hinaus mit ihm… tötet ihn… schlagt ihn nieder…
DER ÄLTESTE:
Rührt ihn nicht an! Gottes Hand ist über ihm, und sie ist stärker, denn die unsere.
(EIN POCHEN, heftig und herrisch, an der Türe.)
ALLE (durcheinander):
Die Herolde… die Chaldäer… es pocht wie die Hand eines Gebieters… es ist keiner der unsern…
(DAS POCHEN, heftiger und eiliger.)
ALLE (durcheinander):
Wie er drängt… er ist ungeduldig… man darf ihn nicht erzürnen… laßt verschlossen, Räuber sind es, Chaldäer… man muß auftun… er erzürnt sonst.
DER ÄLTESTE:
Ich tue ihm auf. Sind wir denn des Todes nicht zu jeder Stunde?
(DER ÄLTESTE öffnet zaghaft einen Spalt der großen Türe. Sie wird hastig aufgestoßen und herein stürzt)
BARUCH (verstörten Gesichts):
Brüder, ist Jeremias hier?
DER ÄLTESTE:
Nenn seinen Namen nicht, sprich ihn nicht aus!
BARUCH:
Ist er hier? Man hat mirs gesagt.
DER ÄLTESTE:
Daß er doch anderwärts wäre, im Schlund der Gehenna und zerrissenen Gebeins im Schlachthaus der Feinde! Hier liegt er, getroffen von Gottes Hand.
BARUCH (hinstürzend):
Jeremias! Jeremias!
JEREMIAS (sich aus seiner Hingesunkenheit langsam erhebend, ganz fremd ihn anstarrend): Wer sucht mich noch, wer versucht mich noch?
BARUCH:
Meister, mein Meister, kennst du mein Antlitz nicht mehr, ward dir fremd meine Stimme?
JEREMIAS:
Ich will nichts schauen mehr und nichts hören. Weg du, der du noch Atem im Maule hast! Laß mich liegen und faulen!
BARUCH:
Jeremias, gütigster Meister du! Ich beschwöre dich, raffe dich auf, sie fahnden nach dir, sie sind nah, sie kommen!
JEREMIAS:
Wer sucht mich noch auf dieser Welt?
BARUCH:
Du bist verraten, man weiß deine Hausung. Nabukadnezar sandte Schergen nach dir, sie suchen dich, und rasch nur flog ich voraus.
JEREMIAS:
Mögen sie kommen. Selig die Schlächter, selig der Tod!
BARUCH:
Jeremias, fasse deine Sinne. Der Letzte bist du von den Edlen der Stadt; alle sind sie gefallen und geschlachtet, nur um dich fahnden sie noch, daß alles ausgerottet sei, was edel war in Israel.
JEREMIAS:
Mögen sie kommen! Selig die Schlächter, selig der Tod!
BARUCH (in Verzweiflung ihn aufrüttelnd):
Jeremias! Jeremias! Wach auf aus deinem Traum! Furchtbar ist Nabukadnezars Zorn und entsetzlich seine grausame Lust. Noch den Tod schärft er durch Qualen, und seine Knechte wissen zu martern wie keiner.
JEREMIAS:
Meinst du das, Knabe? Oh, du kennst Ihn nicht, den Fürchterlichen, der Qualen hat und Martern, die kein Irdischer weiß. Wes lebendige Seele in Gottes Marter gefallen, der fürchtet nicht mehr des Leibes Pein und die Schrecknis der Knechte. Mögen sie kommen, mögen sie kommen und sich versuchen an mir, dem Gott in die Eingeweide griff, und ich spotte ihrer. Denn ich habe die Gottesqual gekannt, und Seligkeit ist die Marter des Tods gegen die Marter des Lebens, eine Wollust der Menschen Qual wider die Gottesqual.
BARUCH:
Jeremias, Jeremias! Wenn du mich liebst, so entfliehe, ich lasse dein Leben nicht, ich lasse es nicht!
JEREMIAS:
Ich liebe nicht mehr! Keinen mehr liebe ich, keinen!
BARUCH (ihn umschlingend):
Nein, Meister, mein Blut eher, denn deines. Ich sterbe mit dir.
(HEFTIGE SCHLÄGE von ehernen Lanzen an der Tür.)
ALLE (stürzen in die Winkel):
Wehe… wehe… die Chaldäer… unsere Stunde ist gekommen… er hat das Unheil über uns gebracht… Wehe… er… er… liefern wir ihn aus…
BARUCH (entsetzt):
Es ist zu spät… sie sind da…
JEREMIAS:
Tu ihnen auf, Baruch!
(BARUCH zögert.)
JEREMIAS (aufstehend, stark, mit großer, klingender, fast jauchzender Stimme): Tu ihnen auf, daß ich aufrecht sie empfange, denn dürstig ward meine Seele des Todes. Oh, erster Erfüller meines Wortes, sei gegrüßet, gegrüßet das Ende! Tu auf, Baruch! Tu ihm auf, dem Erlöser!
(BARUCH schreitet gegen die Tür, zögert wieder.)
(NEUE HEFTIGE SCHLÄGE von außen.)
JEREMIAS (mächtig):
Tu auf, Baruch, wenn du mich liebst. Ich befehle es dir. Tu ihm auf!
(BARUCH verhüllt sein Gesicht und schiebt den Riegel zur Seite.)
(DIE TÜRE wird mächtig mit ihren beiden Flügeln aufgestoßen, ein Schimmer vom letzten abendlichen Licht glüht in das verdunkelte Gemach herein. Die drei Abgesandten des Königs treten reich geschmückt herein, hinter ihnen steht feurige Helle des sinkenden Tages. Die Flüchtigen scheuen vor ihnen in die dämmerigen Winkel zurück, nur Jeremias bleibt aufrecht ihnen gegenüber.)
DER GESANDTE (den beiden andern voraustretend):
Ist unter euch der, den sie Jeremias nennen, den Sohn Hilkias von Anathoth?
JEREMIAS:
Ich bin, den du suchst. Tu an mir nach deinem Geheiß.
(DER GESANDTE wirft sich seiner ganzen Länge nach vor Jeremias nieder und berührt dreimal mit seinem Haupte die Erde. Die beiden anderen tun desgleichen.) (JEREMIAS tritt erschreckt einen Schritt zurück.)
DER GESANDTE (sich aufrichtend):
Gruß und Ehrfurcht dem Deuter der Zeichen! Ehre und Ruhm dem Verkünder des Geschehens, dem Erschauer des Verhüllten! (Er neigt sich wieder dreimal zur Erde, dann steht er auf, die beiden andern folgen seinem Gehaben.) (JEREMIAS hat sich wieder gefaßt und sieht ihn finster an.)
DER GESANDTE:
Auftrag ist dir und Botschaft gesandt durch meinen knechtischen Mund von Nabukadnezar, meinem Herrn, dem König der Könige, dem Umpflüger des Lands. Also ergeht an dich das Wort des Gewaltigen. Gekündet ward Nabukadnezarn, daß du der einzige warst deines Volkes, der Untergang kündete den Empörern und Schande den Schwätzern. Wie Blei sind geschmolzen die Worte der Priester, die wider seine Stärke sprachen, aber das deine der Warnung ward bewähret wie Gold. Nabukadnezar hat deinen Ruhm vernommen, sein Ohr hat deinen Namen getrunken, und nun dürstet sein Auge, dich zu schauen.
JEREMIAS:
Mögen die Feinde meine Weisheit rühmen, ich fluche meinem Wort!
DER GESANDTE:
Also aber ergehet des Allkönigs Ruf an dich: »Ich habe geblendet, die verblendet waren. Ich habe die Kinnbacken gebrochen den Empörern und die Zunge ausgerissen denen, die sprachen wider mich. Aber die meine Macht ehrten, die will ich ehren, und Macht geben, die meine zu fürchten gewußt.« Ein Gewand sendet er dir, wie es die Fürsten Chaldäas tragen, und du sollst der Oberste seiner Diener sein an seinem Tisch.
JEREMIAS:
Ich diene keinem mehr im Himmel und auf Erden, seit ich Gott gedient und müde ward an ihm. Ich weigere mich dem Dienst.
DER GESANDTE:
Falsch deutest du das Wort. Nicht zu geringem Dienste bist du begehrt, sondern über alle gestellt, die dem Könige dienen. Der Oberste sollst du seiner Magier werden, Schicksal sollst du ihm deuten und die Sterne zählen, die seine Jahre sind. Es soll keiner sein über dir, frei dein Ausgang und Eingang in seinem Palast.
JEREMIAS:
Ich höre dein Wort, ich höre des Königs Wort aus deinen Worten und wäge es flach in den Händen. Groß ist der Ruf, den Nabukadnezar mir sendet, doch größer des Volkes Not, dem ich zu eigen bin. Darum höre! Ich mag nicht eingehen in den Palast, des Stufen die Töchter meines Herren scheuern als Mägde. Ich mag nicht das Brot brechen bei Tische als jener Gesell, deren Hände den Vorhang von Gottes Verborgenheit rissen zu Zion. Ich mag Gunst nicht von dem Grausamen und die Gnade nicht von dem Gnadelosen, ich mag sie nicht.
DER GESANDTE:
Botschaft habe ich dir gebracht, du hast sie vernommen, und eines Königs Botschaft will Gehorsam.
JEREMIAS:
Klar ist deine Rede, klar sei auch die meine. Geh hin zu dem, von dem du gekommen, und sage ihm, wie ich dir sage: »Also spricht Jeremias zu Nabukadnezar. Meine Bitternis hat keine Süße für dich und meine Lippen keine Verheißung für deinen Stolz. Und wenn du riefest mit aller Engel Stimme, mein Herz wird dich nicht hören, und wägtest du alle Steine Jerusalems mir mit Gold, so spricht dir nicht zur Süße mein Mund. Ob du mich gleich ehrest, ich ehre dich nicht, und ob du mich suchest, ich will dich nicht finden.«
DER GESANDTE:
Besinne dich, der Könige König ist es, der dich vor sein Antlitz fordert!
JEREMIAS:
Ich weigere mich ihm! Ich weigere mich!
DER GESANDTE:
Noch nie ward Weigerung ihm geboten.
JEREMIAS:
Ich biete sie ihm, ich, der Letzte Israels. Wer ist er, daß ich ihn fürchten soll? Ein Strohhalm ist seine Macht und ein Windhauch sein Zorn.
DER GESANDTE:
Verwegener, wen lästerst du? Des Herren geheiligten Namen sprichst du liederlich aus. Hüte deine Zunge, hüte dein Leben!
JEREMIAS (entbrennend):
Wer ist er, daß ich ihn fürchten soll? Viele waren, die einst solch Stirnband trugen von Gold und sich Pharao nannten, und ist doch keiner mehr, der ihnen nachfragte und einen Stift faßt, ihr Gedächtnis zu schreiben in die Bücher der Zeit. Mächtigere waren denn er, und die Geschlechter der Erde vergaßen ihrer, ehe die Bäume morschten, die sie gepflanzt. Wer ist Nabukadnezar unter den Sternen, daß ich ihn fürchten soll? Ist er ein Menschwurm nicht und wartet nicht Tod hinter seinem Schlaf und Fäulnis in seinem Leibe? Ist er dem Wandel enteilt schon und dem Umschwung der Stunde? Meinst du, er halte schon, was er habe, und mag sich des Ausgangs berühmen inmitten des Wegs?
DER GESANDTE:
Ewig währet Nabukadnezars Macht, ewig hält er den Sieg.
JEREMIAS:
Hast du es gelesen im Buche des Schicksals, haben die Magier ihm die Siegel gelöst vom Zukünftigen und die Sterngucker es bedeutet? Weiß er seinen Ausgang schon, daß ihr ein Prahlen um ihn anhebt, und kennet er sein Los, daß er sich erfrechet? Ich aber, Jeremias, sage dir: gebrochen ist der Stab über Nabukadnezar und zerrissen das Kleid seiner Macht. Tief hat er Israel geknechtet, aber siebenmal tiefer wird er geknechtet werden. Schon keimet sein Sturz, und seine Stunde, sie ist nah, sie ist da, schon erstanden ist der Rächer für Israel, erstanden der Rächer für Jerusalem!
(DER GESANDTE schrickt zurück.)
DER ÄLTESTE (aus dem Dunkel ist plötzlich aufgestanden und schreit begeistert): Erfülle, erfülle sein Wort! Erhöre es, Gott, erhöre es!




