- -
- 100%
- +
JEREMIAS (ganz in Glut):
Geh hin zum Könige, geh hin! Hat er doch gesendet um Botschaft und gefordert das Verhüllte, geh hin, geh hin, sage ihm Verkündigung, daß die Ohren ihm gellen, geh hin, du Gesandter, geh hin und sage, wie ich es ihm sage: »Weh dem Verstörer, denn er wird verstöret werden, und weh dem Räuber, denn er wird beraubet werden! Der Blut getrunken in Scheffeln, wird darin ersaufen; und der sich gemästet vom Fleische der Völker, bald wird er Fraß sein der Würmer! Horch! Ein scharfer Wind wacht auf wider Babel und ein Sturmwind gen Ninive! Gezählt sind die Tage Assurs und gezückt das Schwert – Schwert wider Babel, Schwert wider dich, Schwert über deine Männer, Schwert über Volk und Gefild! Gezückt, gezückt ist das Schwert, Blut will es trinken, es ist gezückt, es ist gezückt! Wisse es, du Neugieriger, erfahr es, du Vorwitziger, reif ist dein Assur zur Grube, voll sind die Kelter deiner Missetaten und die Kufen deines Frevels, Nabukadnezar.«
(DIE GESANDTEN haben sich scheu vor dem Ausbruch geflüchtet und halten die Hände abwehrend vor sich.)
DER ÄLTESTE (in Ekstase):
Erhöre ihn, Herr! Erhöre ihn! Mache wahr seine Rede, mache wahr seine Zunge! Sei du, der es sendet, sein Wort!
EINIGE DER FRAUEN UND MÄNNER (haben sich aus dem Dunkel gewagt und um ihn gesammelt. Flehentlich): Erhöre ihn, erhöre ihn, Gott Zebaoth! Erhöre ihn!
JEREMIAS:
Schon ist er wach, der Rächer, er ist wach, denn der Herr des Tempels hat ihn erweckt und mit Stärke geschienet! Und er kommt, er naht, er ist da, gewaltig sind seine Fäuste, sie werden Babel zerdrücken wie ein Vogelnest und sein Volk jagen wie Spreu! Setze nur Wächter auf die Türme, daß sie warnen, rüste geharnischte Männer, daß sie ihm wehren, schärfe die Speere; doch so wenig du die Wolke kannst scheuchen am Himmel mit deinem Hauche, kannst du scheuchen seinen Sturm, denn als ein Rächer kommt er gefahren, und ein Segen ist auf seinem trunkenen Schwert.
DER ÄLTESTE (ekstatisch):
So lasse es geschehen, Gott! Lasse es geschehen!
DIE ANDERN (um ihn haben sich gesammelt, auch sie ergreift die Begeisterung): Stürze nieder auf sie, wie er gesprochen… erfülle, erfülle sein Wort… oh, Verheißung… sende den Rächer… sende den Rächer… fälle Babel, wie er gekündet… erhöre ihn, Gott… erhöre ihn…
(DIE GESANDTEN weichen verstört zum Ausgange.)
JEREMIAS (in einem wilden Gemenge von Jubel und Ekstase):
Oh, du Irrwitziger der Irrwitzigen, hast du wahrhaft gemeint, uns zu knechten, hast du gemeint, Gott vergäße unser, Gott vergäße Jerusalem? Sind wir denn sein Kind nicht und seines Namens Vermächtnis, seine Erstgeburt und Erbe, ist sein Geist nicht auf uns und sein Segen auf Abrahams Scheitel? Er hat uns gezüchtigt in unsern Sünden, doch er wird unser sich erbarmen, er hat zerstört, doch er wird wieder aufbauen, er hat uns zerstreut, doch seine Liebe wird uns wieder sammeln, und wären wir zerstreut bis an die Enden der Erde. Was seine Linke genommen, wird die Rechte uns heimgeben tausendfach, denn, ihr Brüder, ihr Brüder, eher mögen Berge stürzen und aufwärts fließen die Flüsse und verdunkeln des Himmels Gezelt, als daß Gott vergäße seines Bundes, daß er vergäße Israel, daß er versäumte Jerusalem!
(DIE GESANDTEN sind mit ratlosen Gebärden entschwunden.)
DER ÄLTESTE UND DIE ANDERN (umdrängen Jeremias von nah und begleiten seine Rede mit hymnischem Zuruf): Segen auf dein Wort… Segen über dein Haupt… Gott vergißt nicht Jerusalem… Oh, Verkündigung, selige Botschaft… Segen auf dein Wort… Segen über dich!
JEREMIAS (immer jauchzender, ohne ihrer zu achten):
Oh, wie dunkel doch waren die Tage der Erde, da dräuend die Brauen Gottes sich ballten und sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern! In Finsternis waren wir zergangen, schon meinten wir zu ersterben in den Kerkern der Ängste. Aber, meine Brüder, seines Ingrimms Ende war seiner Liebe Anfang schon. Ein Wetter ist er hingefahren über unsern Häupten und hat uns zerschlagen, wie Rohr brach er die Kraft unseres Leibes, aber neu glänzt bald die Sonne seiner Gnade. Er wirft die Blitze aus den Händen, er heißt seine Donner schweigen, und im sanften Säuseln klingt seine Stimme. Oh, sie klingt, sie hebt an, süß zu vernehmen über Länder und Meere, mildiglich hebt sie an, und sie wird sprechen zu ihrer Stunde:
Stehe auf, Jerusalem,
Stehe auf, du Gekränkte,
Und fürchte dich nicht,
Denn ich erbarmte mich dein.
Ich habe dir gezürnet
Und dich einen kleinen Augenblick verlassen,
Aber nicht immerdar will ich mit dir hadern,
Und ich zürne nicht ewiglich.
Und darum, daß du die Verlassene gewesen bist
Und die Verstoßene einen Tag,
Sollst du die Prächtige sein für und für
Und die Erhobene in aller Ewigkeit.
Ich will dich schmücken mit meiner Liebe
Und gürten mit meinem Frieden,
Mein Antlitz hat sich dir zugewendet,
Und mein Segen ist deinem Scheitel gesenkt.
So stehe auf, Jerusalem,
Stehe auf,
Denn ich hab dich erlöset!
DER ÄLTESTE:
Segen über dein Wort und Erfüllung!
DIE ANDERN:
Erhöre ihn, Gott… tue nach seinen Worten… erhöre uns… erlöse Jerusalem… erlöse Jerusalem…
JEREMIAS:
Und siehe, sie ist aufgestanden, die Verstörte, da sie hörte den wonnigen Ruf, und es löset der Herr die Fesseln ihres Halses und das Joch ihrem Nacken. Er hebt auf die Geknickte von den Knien, er wischt ihr die Tränen von den Wangen, die Witwe und Waise erkürt er zur Braut. Und es lächelt die Gekränkte, es blüht die Verdorrte, es wird fruchtbar die Verschlossene und verlangt ihrer Söhne, daß sie möchten sie schauen in ihrem Glücke und frohlocken ihrer Erneuung. Aber schon haben Israels Kinder vernommen den Ruf des Herrn, und so weit sie verstoßen von den Enden der Erde und den Eilanden des Meeres, kommen sie heimgezogen gen Zion. Von Morgen und Mittag, von Abend und Mitternacht, selige Pilger kommen sie gezogen, über Gileads Gebirge eilen ihre Schritte, über Basan und Karmel ihre Ungeduld, daß sie schauen die Stadt unserer Liebe, die Stadt unseres Leidens, Zions heilige Burg. Und es glänzet Jerusalem, es jubelt Zions Tochter, da sie schauet ihre Kinder, zahllos gekommen aus den Kerkern der Verbannung, es blühet die Verdorrte, es glänzt die Verdunkelte, es jauchzt die Verstummte, auferstanden ist die Versargte, sie ist auferstanden! Und die Hügel winken ihr zu wie einst, und es schatten sie die Berge, und wie der Tau auf den Feldern, so glänzet der Friede über ihr, Friede des Herrn, Friede Israels, der Friede, Friede Jerusalems!
DIE ANDERN:
Oh, lasse es geschehen, wie er kündet, Herr… tue also, wie er gesagt… Friede über Israel… lasse auferstehen Jerusalem… laß uns auferstehen… laß uns auferstehen…
JEREMIAS:
Und des Tags, da wir wieder um Zion uns scharen,
Die wir so lange die klagenden Knechte
Im düsteren Zinshaus der Fremde waren,
Da werden wir gläubig zusammentreten,
Da werden wir sprechen, da werden wir beten:
»Gesegnet seist du, Herr Zebaoth,
Der du groß und gnädig an uns hast getan!
An den Wassern von Babel saßen wir bangend
Und brachen der Knechtschaft bitteres Brot,
Wir mengten mit Tränen den Wein in den Krügen,
Denn unsere Seele war heimverlangend
Und unsere Dienstschaft ein täglicher Tod.
Da riefen wir heiß, wir riefen aus Tiefen
Des brennenden Sehnens dich, Gütigen, an,
Wir riefen dich an, und es war nicht vergebens,
Denn du hast unsere Fesseln, die harten, gesprengt,
Mit dem Tau deiner Güte, mit den Wassern des Lebens
Den Brand unserer dürstigen Seelen getränkt,
Du hast unsere Hoffnung, die schon versiegte,
Mit dem heiligen Stab deines Namens berührt,
Du hast die Verirrten, du hast uns Besiegte
Aus der Tiefe geholt und uns heimgeführt.
Oh, seht
Es, ihr Berge, oh, seht es, ihr Lande,
Wir sind heimgekehrt, wir sind auferstanden!
Oh, beugt euch, ihr Berge, oh, beugt euch, ihr Hügel,
Oh, Ströme, rauscht auf in unser Gebet,
Umgrünt uns, ihr Felder, empfanget, ihr Gärten,
Mit Blütenfackeln die Heimgekehrten!
Bekränzt uns, ihr Wälder, mit jubelndem Ton,
Streu Rosen uns, Saron, zum andern Male,
Umschatte uns, Karmel und Libanon,
Wir sind heimgekehrt, wir sind heimgekehrt!
Und du,
Du selige Stadt, geliebt und verloren,
Im Wachen erträumt, in Träumen beschworen,
Du Braut unsrer Liebe, du Mutter uns allen,
Mit Zimbeln erfüll dich und Flötengetön,
Wach auf und laß deinen Jubel erschallen,
Denn heimgekehrt sind wir, Jerusalem!«
DIE ANDERN (ihn jauchzend umdrängend, zu seinen Füßen hinstürzend, seine Knie umfassend in wilder Hingerissenheit): Heimgekehrt… auferstanden… oh, Verheißung… Jerusalem… Jerusalem…
BARUCH (zu seinen Knien):
Oh, mein Meister, mein Lehrer, wie ist deine Lehre süß meinem Herzen, wie selig deine Erleuchtung!
DER ÄLTESTE:
Gebenedeit sei, wer die Verheißung bringt in den Stunden der Not. Segen über deine Tröstung! Erfüllung, oh, Erfüllung!
EINE FRAU:
Sein Antlitz seht, wie es leuchtet! Wie zwei Sterne glühn die Augen ihm auf und hellen den Raum.
EINE ANDERE:
Gottes Geist hat sich auf ihn gesenkt!
DER KRANKE:
Aufgerichtet hat mich sein Wort… aufrecht bin ich… ich lebe, ich lebe wieder… oh, daß ich heimkehrte mit euch.
ZEFANJA:
Mein Herz ist erstanden und klingt dir zu, Jeremias.
JEREMIAS (ohne sie zu hören, ganz allmählich aus seiner Ekstase erwachend und erschreckt um sich blickend): Wo sind sie hin, zu denen ich sprach? Wo sind sie hin?… Waren nicht Boten da des Königs Nabukadnezar? Habe ich geträumet… mir dünkte, drei Männer kamen und redeten… prächtig waren sie gewandet… wo sind sie hin…
DER ÄLTESTE:
Der Blitz deines Blickes hat sie gescheucht.
ANDERE:
Deine Worte haben sie gejagt… wie ein Schwert fuhr dein Zorn über sie.
JEREMIAS (immer verwirrter):
Was habe ich gesagt? Ein Dunkles liegt um mich, und doch glänzt michs von innen an… Was habe ich gesagt… Oh, und warum, warum blickt ihr mit einmal auf zu mir wie die Durstigen… was seid ihr geschart um mich… es war doch Dunkel auf euren Stirnen, und nun glänzt ihr mich an mit den Blicken… Was ist geschehen mit mir, was ist geschehen mit euch?
DER ÄLTESTE:
Du brennendes Herz der Herzen, in das Gott seine Flamme geworfen, von dir strahlt dieses Licht! Oh, welche Verheißung hast du uns gekündet, welche Verheißung!
EIN MANN:
Aufgetan hast du mir die Seele, du Guter!
EIN WEIB:
Mein Herz mir mit Manna gespeist.
STIMMEN:
Oh, wie süß waren deine Worte, du Lieber… genesen sind wir an deiner Verheißung… nun ist die Fremde nicht mehr Bitternis… heimkehren werden wir, oh, seliges Wort…
JEREMIAS (ergriffen):
Meine Brüder, meine Brüder, was ist mit mir geschehen? War nicht Groll zwischen uns und Fluch auf meinen Lippen, da ich redete zu euch? Ein Sturmwind hat mich gefaßt und getragen, wohin ich nicht weiß, und nun ich stürze, sehen eure Augen mich liebend an, ihr Brüder, eure Hand spüre ich an meinen Knien, und eure Seele zittert wie ein Falter mir zu! Was ist mir geschehen, was ist mir geschehen?
DER ÄLTESTE:
Oh, Jeremias, der du bitter warst unserer Freude, wie süß ist deine Rede nun unserm Leiden! Du hast uns getröstet, du hast uns erlöset wie keiner vordem!
EINER:
Aus der Nacht hast du meine Seele gehoben, beglückt hast du mich, Gebenedeiter!
EIN ANDERER:
Die Zweifel hast du gerodet aus meiner Brust und Gottes ewige Heimstatt bereitet.
EIN ANDERER:
Oh, du Tröster der Tröster! Möge nun Leid auf mich fallen, meine Seele wird ihm nicht mehr erliegen.
EINE FRAU:
Im Tode war mein Herz und ist auferstanden durch dich.
JEREMIAS:
Ihr Lieben, ihr Lieben, was ihr sprechet, ist es wahr? Von meiner Lippe, der fluchverbrannten, ist Tröstung gekommen, aus meiner Seele, der nächtigsten aller, ein liebendes Wort!
EIN WEIB:
Oh, wie es dir sagen? Meine Hände fühl an, die wie Früchte sich heben! Uns alle, uns alle sieh, du Gebenedeiter, Beseligte deines Worts!
DER KRANKE:
Seht her… seht her… ich schreite, ich gehe… ich spüre die Qualen nicht mehr… aus dem Tode hat dein Wort mich erweckt… wie Elia… ein Wunder hast du an mir getan.
DAS WEIB:
Seht ihn an… er lag, vom Fieber zerfressen… ich bezeuge es, ich bezeuge es… ein Wunder hat er an ihm getan…
STIMMEN (ekstatisch):
Ein Wunder… ein Wunder wie Elia… ein Wunder hat er getan… Erweckung… beugt euch dem Gottgesandten… ein Wunder… ein Wunder… beugt euch vor ihm, dem Wundertäter!…
JEREMIAS (hat sich aufgerichtet vor ihnen, ganz leise):
Schweiget, ihr Brüder… nicht rühmet mich… beschämet mich nicht… ich habe nicht Anteil daran. Wohl ist ein Wunder geschehen, doch nicht ich habe es vollbracht – an mir, ihr Brüder, ist es geschehen. Ihr Brüder, ihr Brüder, ich sage euch, ein Großes hat Gott in dieser Stunde an mir getan. Ich habe gefluchet meinem Gotte und ihn getötet in meiner Seele. Doch, meine Brüder, meine Brüder, ehe der Atem noch kalt war in meinem Munde, ist er mir auferstanden. Er riß mir das Herz aus dem Leibe, daß ich meinte zu vergehen vor seinem grimmigen Stoß, aber ein steinernes Herz war es, das er von mir riß, und ein fleischernes hat er mir nun eingetan, daß ich fühle alles Leiden und alles Leidens Sinn. Oh, ihr Brüder, ihr Brüder, schauet das Wunder, das an mir geschehen: ich habe Gott gefluchet, und er hat mich gesegnet, ich habe ihn geflohen, und er hat mich gefunden, ich wollte ihm entweichen, und er hat mich erreichet. Denn es ist kein Entweichen vor seiner Liebe und kein Obsiegen wider seine Kraft. Er hat mich besiegt, meine Brüder, und nichts ist süßer, als von ihm besiegt zu sein.
DER ÄLTESTE (ekstatisch):
Jeremias… oh, Jeremias… uns allen möge er tuen wie dir!
JEREMIAS:
Oh, daß ich so spät ihn erkannte, so spät euch fand, meine Brüder! Doch ich will nicht klagen mehr. Ich will nur mehr danken, ich will nicht fluchen mehr, ich will nur mehr segnen. Dunkel liegt vor uns die Stadt, dunkel unser Schicksal, aber, meine Brüder, vertrauen wir, denn wunderbar ist das Leben, heilig die irdische Erde. In Liebe will ich umfassen, die ich im Zorne getreten, und die ich bespien mit meinem Fluche, will ich tränken mit meinen Tränen. Nimm, Erde, du geschmähte, gütig meine demütigen Knie; nimm, Gott, du verkannter, gnädig mein gläubiges Wort!
(Er kniet nieder und spricht wie ein Gebet:)
Ich danke dir, Herr, daß du so lind mir begegnet,
Als ich mich wehrte und von dir gekehrt,
Ich hab dir geflucht, und du hast mich gesegnet,
So segn ich, solang mir mein Leben währt.
Ich segne dich, daß du das würzige Brot
Des Wortes in meine Lippen getan,
Damit ich dich preise in Leben und Tod,
Ich segne dich, daß du mir wecktest den Geist,
Der die Welten mit Liebe durchgütet und speist.
Ich segne dich, daß du so hart mich gefaßt
Und im Zorn vor dein Antlitz getrieben hast,
Und ich segne dich, Gottes Gabe, dich Leid,
Daß du läuternd die Seelen der Menschen durchdringst
Und flammend mit deiner Allfältigkeit
Ihre Einsamkeit einst, ihre Fremde bezwingst,
Und ich segne dich, Gott, der es im Sturm uns gesendet,
Der du mit Qualen beginnst und mit Seligkeit endest,
Der die Suchenden führt und die Fliehenden findet,
Dem jeder entweicht und dem sich keiner entwindet,
Der dem Niedersten sich als der Gnädigste gibt
Und den Sündigsten um seiner Sünden liebt,
Selig, der sich an dich verloren,
Selig, den du dir auserkoren,
Selig der Himmel, der dich rauschend umstellt,
Selig dein lauschender Spiegel, die Welt,
Selig die Sterne, die sie strahlend umschweben,
Selig der Tod und selig das Leben!
BARUCH (auf die Knie zu dem Knienden stürzend):
Jeremias, mein Meister, Jeremias! Nicht uns allein lasse leuchten dein Wort. Auf dem Markte harret das Volk, und sie vergehen in Ängsten, ihre Seele lischt in Zagen und Klagen. Sie wollen sterben und vergehen um Jerusalems willen. Meister, mein Meister, gib ihnen Leben, gib ihnen Gott zurück! Richte auf die Verzagten, und die Durstigen tränke mit den Wassern des Lebens!
DER ÄLTESTE:
Ja, richte auf der Wankenden Knie, belebe die zagenden Herzen! Gieß aus dein Wort über die Schmachtenden, gieß es aus!
STIMME:
Auf… zu den Brüdern… zu unsern Brüdern… erwecke sie… gib ihnen Trost, wie du uns gegeben… gib Verkündigung… gib Verheißung…
JEREMIAS (sich aufrichtend):
Wohlan, meine Brüder, führet mich zu ihnen! Der Getröstete Gottes bin ich gewesen, nunab will ich ein Tröster sein! Laßt uns gehen, meine Brüder, vielleicht ist der Verworfene gewählet, laßt uns gehen zu den Brüdern, den verzagten, daß wir den Tempel in ihren Herzen aufrichten, daß wir ihnen bauen das ewige Jerusalem!
(JEREMIAS geht mit starken Schritten gegen den Ausgang.)
DIE ANDERN (umringen ihn jauchzend, einige eilen voraus, ihre Stimmen klingen ekstatisch durcheinander): Jerusalem… oh, das ewige Jerusalem… Verkündigung… Auf, Bauherr Gottes… Ewig währet Jerusalem…
IX. Der ewige Weg
Inhaltsverzeichnis
»Denn ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch gebe das Ende, dessen ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen, und ich werde euch erhören. Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und will euer Gefängnis wenden.«
Jer. XIX, 11–14.
Der gleiche große Platz vor dem Tempel wie im ersten Bilde, doch nun mit allen Zeichen der Vernichtung und Zerstörung.
Auf dem Platze stauen sich in wirrem Geschiebe Karren mit Hausrat beladen, aufgezäumte Tragtiere, Wagen und Gefährte, dazwischen der strömende Schwarm der flüchtigen Menschen, die zum großen Aufbruch rüsten. Immer neue Gruppen drängen aus den Gassen her, immer lauter wird das Geschwirre der Stimmen. Auf den Stufen hocken teilnahmlos Greise und Frauen, indes die Männer die Maulesel zäumen; chaldäische Krieger in voller Rüstung schreiten stolz und herrisch durch das Getümmel, sich Platz mit den Speeren stoßend, und wachen über die Vertriebenen.
Über dem wirr geschäftigen tragischen Treiben hängt das Dunkel einer mondverwölkten Nacht, die allmählich in das Ungewiß der nahenden Dämmerung übergeht. Manchmal löst sich ein Glanz von Licht weißlich aus den Wolken los und erhellt das Bild der Verwirrung, indes von Osten schon als rötlicher Rauch der Frühschein des Morgens sich kündet.
STIMMEN:
Hier ist der Platz… wie viele ihrer schon sind… haltet euch zusammen, Söhne Rubens… wie es doch dunkel ist… hier voran, daß ihr die ersten seid…
ANDERE STIMMEN:
Was drängt ihr… unser ist die Stelle… seit Abend stehen unsere Mäuler hier gegürtet… Unser ist die Stelle… immer will Ruben voran sein…
EIN ALTER:
Nicht streitet… lasset Ruben voran, so will es das Gesetz…
DIE ANDERN STIMMEN:
Es gibt kein Gesetz mehr… verbrannt ist die Schrift… wer bist du, daß du uns gebieten willst… die Priester ruft, die Priester… Es gibt keine Priester mehr… alle raffte sie das Schwert… Hananja ist entkommen… nein, am Pfahle verdarb er… führerlos sind wir… verlassen von allen… wer wird uns gebieten… oh, Qual der Knechtschaft… wer wird die Opfer empfangen zu Babel… wer uns deuten das Wort… ausgerottet ist Aarons Geschlecht… weh uns Verwaisten… daß wir die Lade doch hätten und die Rolle des Gesetzes… sie ist verbrannt… nein, Gottes Wort verbrennt nicht… selbst sah ich sie kohlen im Feuer, wie eine Schlange sprang sie hoch… wehe, sie ist verbrannt… verbrannt das Gesetz… nein, es kann nicht wahr sein, Gottes Wort verbrennet nicht… ist sein Haus nicht verbrannt, sein Altar nicht gestürzt… ließ er nicht sinken seine heilige Stadt… Ja… ja… hat er nicht uns in Knechtschaft gegeben… ja… ja… gebrochen hat er den Bund, vernichtet die Verheißung… lästert nicht… lästert nicht… ich fürchte ihn nicht mehr… lästert nicht… wer gebietet mir… führerlos sind wir… daß doch Mose uns erstünde… daß ein Richter unter uns wäre… der König, wo ist er… der Geblendete… blind ist er immer gewesen… er hat uns hinabgestoßen… oh, Ende Israels, Ende Jerusalems… was ziehen wir aus ohne Gott und Gesetz, ohne Führer, der uns weise… oh, Simson, Simson… warum kommt er nicht, der uns ausführet mit starker Hand… nie war größer die Not… ach, er kommt nicht, verloren sind wir… Gott ist gesunken mit seinem Tempel… lästere nicht… lästere nicht… daß er doch käme, der Verkünder, der Befreier…
EINE NEUE GRUPPE (aus dem Dunkel):
Hier ist des Marktes Mitte… wer seid ihr… Benjamin sind wir… die Letzten, reihet euch an… nein… nein… wir wollen nicht fressen von eurem Staube… und wir nicht den euren… fort mit den Tieren, führt sie am Zaume… ihr tretet die Frauen… weichet aus… wehe, was stoßet ihr… es ist so dunkel… ach, daß es schon Morgen würde, daß ausginge diese Nacht… wehe, wie Arges wünschest du, bete, daß ewig sie währte, denn die letzte ist sie auf Zions Berge… ja… ja… segne die Nacht, sie birgt unsere Tränen, sie hüllt unsere Schmach… die Sonne von morgen wird uns entblößen und unsere Scham den Heiden zeigen… wehe… betet, daß der Morgen nie komme über unser beladen Haupt… ich kann nicht beten mehr… meine Seele ist starr geworden in Schrecken und mein Herz steinern vor Grauen… selig die unten liegen im Dunkel für ewig und Ruhe haben, selig die Toten Israels, sie dürfen weilen im Schatten der Heimat… ins Diensthaus müssen wir ziehen… ach, bräche doch nie dieser Tag über uns… wehe uns, weh unsern Kindern, den Knechten der Fremde…
(GELÄCHTER UND TUMULT aus dem Palast. Heraus treten, beleuchtet von Fackeln, die trunkenen chaldäischen Fürsten, grölend und lachend. In ihrer Mitte haben sie einen, den sie fortstoßen, einer zum andern, daß er zwischen ihnen schwankt und immer zu fallen droht.)
DIE CHALDÄISCHEN KRIEGER (durcheinander):
So geh doch wider Nabukadnezar… Auf, Erstürmer Babels… nicht falle, du Säule Israels… geh… stoßt ihn weg… er ödet uns… nicht kann er tanzen, wie David, der König… nicht schlägt er die Psalter… lasset ihn… kommt zurück zum Weine… an seinen Weibern erletz ich mich lieber… lasset ihn Dunkel trinken, und trinken wir Wein… kommt… kehret… laßt ihn…
(DIE KRIEGER kehren lachend und lärmend in den Palast zurück. Der Verlassene bleibt unsicher im Dunkel über der Treppe stehen. Ein matter Strich verwölkten Mondlichtes läßt seinen Schatten schwarz hinter ihm aufstehen, daß er groß und gespenstig scheint.) (DIE MENGE, unten in Schrecken und Staunen wogend, leise flüsternd.)
STIMMEN:
Wer ist es… warum haben sie ihn fortgestoßen vom Mahle… wer ist er… wie ein Felsen steht er schwarz… warum spricht er nicht… seine Blicke sind verschnürt… wie er die Hände hebt… wer ist er… nicht nahet ihm… wer mag es sein… ich will sehen…
(EINIGE der Beherzten sind die Stufen emporgeklommen.)
EINER (plötzlich aufschreiend):
Zedekia!
DIE MENGE (durcheinander):
Der König… der Geblendete… Gottes Gericht… Zedekia…
ZEDEKIA (unsicher):
Wer ruft mich?…
STIMMEN:
Keiner ruft dich… Fluch ruft dich und Gottes Gericht… Wo sind die Ägypter… wo ist Zion…
ANDERE STIMMEN:
Schweiget!… Der Gesalbte ist er des Herrn… geblendet haben ihn unsere Feinde… Ehrfurcht dem Könige… ehret den Dulder…
ANDERE STIMMEN:
Nein, er soll nicht sitzen unter uns… wo sind meine Kinder… gib sie mir wieder… Fluch über den Mörder Israels… sein ist die Schuld… fort mit ihm… warum lebt er, da Bessere starben?
ZEDEKIA (zu einem, der emporgestiegen ist und ihn leitet):
Wer sind jene, die wider mich rufen? Ist es Israel, das mir feind ist?
DER FÜHRENDE:
Herr, Unglückliche sind es!
STIMMEN:
Nicht führe ihn her, gesondert sei unser Los von dem seinen!… abseits möge er sitzen… Gott hat ihn gestraft… Fluch liegt auf ihm…
ZEDEKIA:
Fort… führe mich fort… in den Tempel, daß er mich berge vor ihrem Hasse… ich will ihre Stimmen nicht hören… ihr Haß brennt auf meine Wunden… in den Tempel.



