- -
- 100%
- +
Sag, schauen wir wieder Jerusalem?
STIMMEN:
Ja… sage… künde, verkünde… schauen wir wieder Jerusalem?
JEREMIAS:
Ewig wird inwendig es schauen,
Wes Seele nicht Knecht seiner Knechtschaft ist,
Und mit dem Maß seines Gottvertrauens
Die Tiefe allirdischen Leidens durchmißt.
Ihm glänzet urmächtig, am innersten Grunde
Des Herzens Zion zu jeglicher Stunde,
Schöner als wir es vordem gekannt,
Jede Fremde wird ihm das Gottesland!
Oh, wer vertrauet, dem ist es erbauet,
Wer glaubt, schaut immer Jerusalem!
STIMMEN:
Wir glauben… wir glauben… ewig werden wir es schauen… Der Glaube ist unser Jerusalem!
EIN ANDERER (vortretend):
Doch sage, du Führer, wer wird es uns bauen?
JEREMIAS:
Die Inbrunst des Sehnens, die Nacht unsrer Kerker,
Und das Leiden, das euch gelehrigt hat,
Ihr selber werdet die heiligen Werker,
Umschafft ihr die Seelen zur seligen Stadt.
Aus euern Trauern erhebet die Mauern,
Und je tiefer die Völker euch niederbeugen,
Um so höher werden sie gottwärts aufsteigen,
Um so schöner erstehet Jerusalem!
STIMMEN:
Ja, laßt es uns bauen… das Senkblei niederwerfen in unsere Leiden… laßt uns die Steine bebauen unseres Schmerzes… zu Gott die Richtschnur erhoben… bauen wir Jerusalem.
EIN ANDERER:
Doch sage, du Führer, wird es dann dauern?
JEREMIAS:
Steine bröckeln, es stürzen die Mauern
Irdischer Werke, die Reiche veralten,
Städte verschwemmen im Strome der Zeit,
Doch was die Seelen in Leiden gestalten,
Dauert in Gottes Allewigkeit.
Wer kann sie zerstören,
Die unsichtbaren,
Innen geschauten,
Tränenerbauten
Zinnen der heiligen Zuversicht,
Wer kann ihn uns rauben
Den seligen Glauben,
Wer stürzet des Herzens Jerusalem?
STIMMEN:
Ewig währet Jerusalem… wer kann es zerstören… heilig, heilig unsrer Herzen Haus… heilig die Stätte unsrer Not… oh, Tröstung… oh, Zuversicht…
EIN ANDERER:
Doch sage, du Führer, wo sollen wirs finden,
Wo schauet die Seele Jerusalem?
JEREMIAS:
Wo immer ihr euch in euch selber aufrichtet
Und feurig von Furcht und Fremdnis erhebt,
Da ist es aus Wunsch in die Welt gedichtet,
Da ist der Traum unseres Heimwehs erlebt,
An jeglichem Orte,
Wo euch Glaube inwohnet,
Überwölbt euch hell seine mauerne Krone:
Wer glüht, sieht ewig Jerusalem!
STIMMEN:
Oh, Tröstung des Glaubens… Gottes selige Knechtschaft… zerstört hat er die Stadt, daß sie uns ewig in den Herzen erstehe… überall wollen wir sie finden… laßt sie uns aufbauen in den Herzen… ewig ist unser Jerusalem… Oh, ewiger Auszug und Wiederkehr…
(DIE POSAUNE schallt mächtig zum zweiten Male. Es ist ganz hell geworden, offen regt sich der unübersehbare Tumult der wanderbereiten Massen, die mit einem gewaltigen Schrei der Ungeduld und der Erhebung das Zeichen des Auszuges grüßen.)
JEREMIAS (hoch über ihnen):
Wandervolk, Leidvolk – im heiligen Namen
Jakobs, der von Gott einst dir Segen entrang –
Hebe dich auf, in die Welt zu fahren,
Rüste und schreite unendlichen Gang!
Wirf deinen Samen
Willig ins Dunkel der Völker und Jahre,
Wandre dein Wandern und leide dein Leid!
Auf, du Gottvolk! Beginn deine wunderbare
Heimkehr durch Welt in die Ewigkeit!
(DIE MENGE gerät in mächtige Bewegung. Schweigend ordnet sich ein ungeheurer Zug. Voran tragen sie den König in einer Sänfte, dann schreiten ernst und feierlich, Geschlecht um Geschlecht, die geordneten Gruppen den Weg gegen die Tore. Ihre Blicke sind aufwärts gerichtet, sie singen im Schreiten, und ihr Ausziehen hat die ernste Feierlichkeit einer Opferhandlung. Keiner drängt sich vor, keiner bleibt zurück, ohne Eile und Hast schreiten die Reihen dahin und schwinden im Vorbeigehen. Immer neue kommen ihnen nach, und es ist, als ginge eine Unendlichkeit hier aus dem Dunkel in die Ferne.)
STIMME DER SCHREITENDEN:
In fremden Häusern werden wir wohnen
Und brechen ein tränensalzenes Brot.
Auf Schemeln der Schande werden wir sitzen
Und ängstend schlafen an feindlichem Herd.
Dunkel der Jahre wird über uns fallen,
Der Könige Fron und der Herrschenden Haft,
Doch unsere Seelen entwandern der Fremde
Und ruhen allzeit in Jerusalem.
ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:
Aus weiten Wassern werden wir trinken,
Die bitter brennen dem sehnenden Mund,
Mit Fremdnis werden uns Bäume umschatten
Und Stimmen des Ängstens wehen der Wind,
Doch keine Fremde wird uns zur Ferne,
Denn von den Sternen wehet uns Tröstung;
Träume der Heimat enttauchen den Nächten,
Und unsere Seele erstehet gekräftigt
Von der heiligen Zehrung Jerusalem!
ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:
Auf fremden Straßen werden wir fahren,
Durch Land und Länder stößt uns der Wind,
Heimat um Heimat reißen die Völker
Uns von den brennenden Sohlen fort,
Nirgends ist Wurzel dem stürzenden Stamme,
Wanderschaft stets unsere wandelnde Welt,
Doch selig, selig wir Weltbesiegten,
Denn sind wir auch nur Spreu aller Straßen,
Nirgends verschwistert und keinem genehm,
Ewig doch geht unser Zug durch die Zeiten
Zu unserer Seelen Jerusalem!
(EINIGE CHALDÄER, unter ihnen ein Hauptmann, sind halbtrunken aus dem Palaste herausgekommen. Ihre Stimmen fahren laut und grell über das dunkle Sprechen der Schreitenden hin.)
DER HAUPTMANN DER CHALDÄER:
Hört ihr sie murren? Sie wollen nicht ausziehen! Mit der Peitsche schlag unter sie, wenn sie trotzig sind!
EIN CHALDÄER:
Herr, siehe, sie ziehen schon ohne Geheiß! Und sie murren nicht!
DER HAUPTMANN:
Wenn sie klagen, schlag die Klage entzwei in ihrem Munde.
DER CHALDÄER:
Herr, sie klagen nicht.
EIN ANDERER CHALDÄER:
Siehe… wie sie schreiten… wie die Sieger gehen sie einher… es leuchtet in ihren Blicken.
DIE CHALDÄER:
Was ist mit diesem Volke… sind sie die Besiegten nicht… hat sie einer genarrt mit falscher Botschaft der Befreiung… hört, was sagen sie… was singen sie… seltsam ist dies Volk… unverständlich in seinem Trotz und seiner Ergebung… wer begreifet dies Volk… in dieser Milde ist eine Kraft, die gefährlich ist… ein Einzug ist dies eines Königs und nicht Auszug der Geknechteten… nie sah die Welt ein Volk wie dieses…
STIMMEN (vereint sich ablösend, in immer neuen, weiterschreitenden Zügen, in die auch Jeremias unscheinbar eingegangen ist):
Wir wandern durch Völker, wir wandern durch Zeiten
Unendliche Straßen des Leidens entlang,
Ewig sind wir die ewig Besiegten,
Hörig dem Herde, an dem wir ausrasten,
Niedrige Knechte niedrigen Frons,
Doch die Städte, sie sinken, es gleiten
Völker ins Dunkel wie stürzende Sterne,
Und die hart unsere Rücken zerschlugen,
Werden zuschanden Geschlecht um Geschlecht.
Wir aber schreiten und schreiten und schreiten
Tiefer hinein in die eigene Kraft,
Die sich aus Erden die Ewigkeiten
Und aus ihrem Leiden den Gott entrafft.
DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
Sieh… sieh… wie die Tänzer schreiten sie her… ein Taumel ist über sie gekommen… haben wir sie denn nicht besiegt… sind sie nicht in Schande… warum klagen sie nicht…
EIN CHALDÄER:
Ein Geheimnis muß in ihnen sein, das sie verwandelt, ein Unsichtbares, das sie verzückt…
EIN ANDERER CHALDÄER:
Ja… sie glauben an das Unsichtbare… das ist ihr Geheimnis…
DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
Wie kann man das Unsichtbare schauen, wie glauben, was man nicht sieht… ein Geheimnis muß in ihnen sein wie in unsern Sterndeutern… man müßte es lernen von ihnen…
DER CHALDÄER:
Man kann es nicht lernen. Man kann es nur glauben, und sie sagen, es sei ihr Gott.
DIE STIMMEN DER AUSZIEHENDEN (sich mächtig erhebend, da nun die Letzten unter ihnen auszuschreiten beginnen):
Wir wandern den heiligen Weg unserer Leiden,
Von Prüfung und Prüfung zur Läuterung,
Wir ewig Bekriegte und ewig Besiegte,
Wir ewig Verstrickte und ewig Befreite,
Wir ewig Zerstückte und ewig Erneute,
Wir aller Völker Spielball und Spott,
Wir einzig Heimatlosen der Erde,
Wir wandern in alle Ewigkeiten,
Die Letztgebliebnen
Unendlicher Schar
Heimwärts zu Gott,
Der aller Anfang und Ausgang war,
Bis daß er uns selber die Heimstatt werde,
Der ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren
Die Welt umwandert und leuchtend umkreist,
Und wir ganz aufgehn im Unsichtbaren:
Verlorenes Volk, unsterblicher Geist.
DER CHALDÄER:
Siehe, siehe, wie sie in die Sonne schreiten! Es ist ein Glanz auf diesem Volke, ein Morgenrot auf ihren Häupten. Mächtig muß ihr Gott sein.
DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
Ihr Gott? Haben wir nicht seine Altäre zerbrochen? Haben wir nicht gesiegt über ihn?
DER CHALDÄER:
Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! Man kann Menschen töten, aber nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie seinen Geist.
(DIE POSAUNE schallt zum dritten Male. Die Sonne ist aufgegangen über Jerusalem und strahlt über dem Auszug des Volkes, das aus der Stadt in die Zeiten schreitet.)
Die Liebe der Erika Ewald – Novellen
Inhaltsverzeichnis
Egon Fleischel & Co. Berlin 1904
Inhalt
Die Liebe der Erika Ewald
Der Stern über dem Walde
Die Wanderung
Die Wunder des Lebens
Die Liebe der Erika Ewald
Inhaltsverzeichnis
Camill Hoffmann in inniger Freundschaft … Aber das ist die Geschichte aller jungen Mädchen, dieser sanften Dulderinnen. Sie sagen nie, daß sie leiden. Die Frauen sind zum Dulden geschaffen. Es ist gewiß so ihr Schicksal, sie erfahren es früh und sind darüber so wenig erstaunt, daß sie noch immer sagen, das Übel sei nicht da, wenn es längst gekommen…
Barbey d’Aurévilly.
Erika Ewald trat langsam ein, mit dem vorsichtig-leisen Gang einer Zuspätkommenden. Der Vater und die Schwester saßen schon beim Abendessen; beim Geräusch der Türe blickten sie auf, um der Eintretenden flüchtig zuzunicken, dann klang nur wieder das Klingen der Teller und das Klappern der Messer durch den matterhellten Raum. Gesprochen wurde selten, nur hie und da fiel ein Wort, und das flatterte wie ein aufgeworfenes Blatt haltlos in der Luft, um dann ermattet zu Boden zu sinken. Sie hatten sich alle wenig zu sagen. Die Schwester war unscheinbar und häßlich; eine jahrelange Erfahrung, stets überhört oder bespöttelt zu werden, hatte ihr jene altjüngferliche stumpfe Resignation gegeben, die jeden Tag mit einem Lächeln scheiden sieht. Den Vater hatte eine langjährige gleichfarbige Bureautätigkeit der Welt entfremdet, und insbesondere seit dem Tode seiner Frau umfing ihn jene harte Verstimmung und trotzige Schweigsamkeit, mit der alte Leute gerne ihre physischen Leiden verbergen.
Auch Erika schwieg meistens an diesen eintönigen Abenden. Sie fühlte es, daß sich gegen die graue Stimmung, die sich wie dicke drohende Wetterwolken über diese Stunden legte, nicht ankämpfen lasse. Und dann war sie zu müde dazu. Die quälende Tagesarbeit, die sie von Stunde zu Stunde hetzte und sie zwang, Disharmonieen, tastende Akkorde, unmusikalische Brutalitäten mit rastloser Sanftmut zu ertragen, löste in ihr ein dumpfes Ruhebedürfnis aus, ein wortloses Verströmen aller Empfindungen, die die Gewalt des Tages überwuchert hatte. Sie liebte es, in diesen wachen Träumen sich selbst anzuvertrauen, weil ihr eine fast überreizte Schamhaftigkeit nie gestattete, anderen nur eine Andeutung ihrer seelischen Erlebnisse zu geben, ob auch ihre Seele unter dem Drucke ihrer ungesprochenen Worte bebte, wie ein überreifer Obstbaumzweig unter der Last seiner Früchte schwankt. Und nur ein leichter, ganz unmerklich feiner Zug um die schmalen blassen Lippen verriet, daß Kampf und Ringen in ihr war und eine unbändige Sehnsucht, die sich nicht von Worten tragen lassen wollte und nur manchmal ein wildes Beben um den festgeschlossenen Mund legte wie von jähem Schluchzen.
Das Abendessen war bald zu Ende. Der Vater erhob sich, sagte kurz einen Gutenachtgruß und ging in sein Zimmer, um sich die Pfeife anzuzünden. Das war so jeden Tag in diesem Hause, wo auch die gleichgültigste Tätigkeit zu starrer Gewohnheit versteinerte. Und auch Jeanette, ihre Schwester holte sich wie immer ihr Nähzeug her und begann beim Lampenlicht, stark vorgebeugt wegen ihrer Kurzsichtigkeit, mechanisch zu sticken.
Erika ging in ihr Zimmer und begann sich langsam zu entkleiden. Es war diesmal noch sehr früh. Sonst pflegte sie bis tief in die Nacht hinein zu lesen, oder sie lehnte in einem süßen Gefühle am Fenster und blickte hoch von oben über die hellen mondscheinbeleuchteten Dächer, die sich in lichter Silberflut badeten. Sie hatte da nie klare, zielstrebende Gedanken, nur das unbestimmte Gefühl einer Liebe für das Schimmernde, Blitzende und doch so sanft Verströmende des Mondlichtes, das die Tausende von Scheiben blank spiegelte, hinter denen sich die Geheimnisse des Lebens bargen. Aber heute empfand sie eine sanfte Mattigkeit, eine selige Schwere, die sich sehnt von milden, warm anschmiegenden Decken getragen zu werden. Eine Schläfrigkeit, die nichts anderes ist als Sehnsucht nach süßen, seligen Träumen, rann durch alle Glieder wie ein sacht erkaltendes, betäubendes Gift. Sie raffte sich auf, warf beinahe mit Hast die letzten Kleidungsstücke von sich, verlöschte die Kerze. Einen Augenblick noch – und dann dehnte sie sich im Bette…
Wie ein hurtiges Schattenspiel tanzten noch einmal die seligen Erinnerungen des Tages vorbei. Sie war heute bei ihm gewesen… Gemeinsam hatten sie wieder geprobt zu ihrem Konzert, wo ihr Spiel seine Geige begleiten sollte. Und dann spielte er ihr vor – Chopin, die Ballade ohne Worte. Und dann die sanften lieben Worte, die er ihr sagte, die vielen lieben Worte!
Die Bilder eilten immer rascher vorbei, sie führten sie wieder nach Hause zu sich selbst, um rasch wieder hinwegzuirren in die Vergangenheit, zu dem Tag, da sie ihn zuerst kennen gelernt hatte. Und bald stürmten sie heraus über die Enge der Zeit und des Erlebens und wurden immer wilder und bunter. Noch hörte Erika, wie ihre Schwester nebenan zu Bette ging. Und ein toller merkwürdiger Gedanke kam ihr, ob er sie wohl auch zu sich gebeten hätte. Ein frohes übermütiges Lächeln wollte sich noch matt auf ihre Lippen schleichen, aber sie war schon zu schlaftrunken. Und einige Minuten später trug sie ein sicherer Schlaf zu seligen Träumen.
Beim Erwachen fand sie eine Ansichtskarte auf dem Bette. Nur ein paar Worte waren darauf, mit fester energischer Schrift hingeworfen, Worte, wie man sie auch an Fremde verschenkt. Aber Erika empfand sie als Gabe und Glück, weil er sie geschrieben hatte; ihr war es gegeben, aus dem Geringfügigen und Unscheinbaren die Ahnungen der wirklichen Fülle sich zu erschließen. Und so sollte ihr diese Liebe nicht nur wie ein milder Glanz werden, der jedes Wesen umleuchtet und erhellt, sondern so tief sollte dieses verklärende Gefühl sich verlieren, daß es wie ein Schimmer wurde, der in innigem Durchglühen von innen emporzuwachsen schien aus allem Leblosen und Unbeseelten. Schon von früher Jugend auf hatte das dunkle Gefühl ihres Ängstlichseins und ihrer zurückhaltenden Einsamkeit sie gelehrt, die Dinge nicht als kalt und leblos zu betrachten, sondern als verschwiegene Freunde, die Geheimnisse und Zärtlichkeiten dem anvertrauen, der auf sie hört. Bücher und Bilder, Landschaften und Musikstücke sprachen zu ihr, der das dichterhafte Vermögen des Kindes geblieben war, in bemalten Körpern, unbeseelten Dingen frohbewegte bunte Wirklichkeit zu sehen. Und das waren ihre einsamen Feste und Seligkeiten, ehe die Liebe zu ihr gekommen war.
So wurden ihr auch die wenigen schwarzen Schriftzüge auf dem Blatte Ereignis. Sie las die Worte so wie er sie zu sprechen pflegte, mit der weichen und musikalischen Betonung seiner Stimme, sie suchte in ihren Namen den heimlich-süßen Reiz zu legen, den nur die Sprache der Zärtlichkeit geben kann. Und sie horchte in den wenigen Sätzen, die ihrer Angehörigen wegen in kühler, fast respektvoller Form gehalten waren, den verborgen klingenden Unterton der Liebe und buchstabierte sich so langsam und traumverloren durch die Zeilen, daß sie beinahe ihren Inhalt wieder vergessen hätte. Und der war nicht so unwichtig. Sie möchte ihm doch mitteilen, ob ihr geplanter Sonntagsausflug zustande käme. Und noch ein paar unwichtige Worte wegen ihres gemeinsamen Auftretens in einem längst besprochenen Konzert. Dann ein freundlicher Gruß und eine hastige Unterschrift. Aber sie las die Zeilen immer wieder und wieder, weil sie in ihnen die starke und drängende Empfindung zu hören glaubte, die doch nur der Widerklang ihrer eigenen war.
Es war noch nicht lange her, daß diese Liebe zu Erika Ewald gekommen war und den ersten Glanz in ihr blasses gleichgültiges Mädchenleben getragen hatte. Und ihre Geschichte war still und alltäglich.
In einer Gesellschaft hatten sie sich kennen gelernt. Sie gab dort Klavierstunden, aber ihre diskrete und feine Art gewann ihr so sehr die Liebe des ganzen Hauses, daß sie nur mehr als Freundin betrachtet wurde. Und er war dort zu einer Veranstaltung geladen, sozusagen als pièce de résistance, denn sein Ruf als Geigenvirtuose war trotz seiner Jugend ein ganz ungewöhnlicher.
Die Umstände erwiesen sich selbst als bereitwillig, um ihre Verständigung zu unterstützen. Er wurde gebeten zu spielen, und es ergab sich als fast selbstverständlich, daß sie die Begleitung übernehmen sollte. Und da wurde er zuerst auf sie aufmerksam, denn sie ging mit soviel Verständnis auf seine Intentionen ein, daß er sogleich die Feinheit und Innigkeit ihres Wesens ahnte. Und noch mitten im stürmischen Applaus, der ihrem Vortrag folgte, machte er ihr den Vorschlag, ein bißchen zusammen zu plaudern. Sie nickte leise, ganz unmerklich leise.
Aber es kam nicht dazu. Man gab sie beide nicht so rasch frei, er konnte nur ab und zu mit einem verstohlenen Blicke ihre überschlanke biegsame Gestalt messen und einen schüchtern-staunenden Gruß ihrer dunklen Augen auffangen. Ihre Worte gingen unter in Gewöhnlichkeiten und Höflichkeiten, mit denen man sie überhäufte. Dann kamen wieder neue Menschen und hunderterlei Ablenkungen anderer Art, daß sie beinahe die Verabredung vergaß. Aber als alles vorüber war und sie sich empfahl, stand er plötzlich neben ihr und fragte sie mit seiner sanften zurückhaltenden Stimme, ob er sie nach Hause geleiten dürfe. Einen Augenblick war sie hilflos; dann lehnte sie mit so ungeschickten Worten seine Mühe ab, daß er seinen Willen schließlich leicht durchsetzen konnte.
Sie wohnte ziemlich weit draußen in der Vorstadt, und es war ein langer Weg in der mondhellen kalten Winternacht. Eine Zeitlang blieb ein Stillschweigen zwischen ihnen; es war dies keine Unbehilflichkeit, sondern nur die unbestimmte Furcht, die feiner durchbildete Leute haben, eine Unterhaltung mit Banalitäten zu beginnen. Dann begann er zu sprechen. Von dem Musikstück, das sie gemeinsam gespielt hatten, und von der Kunst überhaupt. Aber das war nur ein Anfang. Nur ein Weg zu ihrer Seele. Denn er wußte, daß alle, die in der Kunst ihre letzten Schätze so königlich verschwendeten, die ihr volles Gefühl in die musikalische Schönheit legten, im Leben ernst und verschlossen waren und sich nur dem Verstehenden offenbarten. Und sie gab ihm auch wirklich in ihren Ansichten über Schaffen und Reproduzieren viel von ihren geheimen psychischen Erlebnissen, vieles, das sie noch keinem anvertraute und manches, das ihr selbst bisher noch nicht zum Bewußtsein gekommen war. Später konnte sie es selbst nicht begreifen, wieso sie ihre stete, fast ängstliche Zurückhaltung damals überwunden hatte, später, als er ihr näher getreten war, ihr Freund und Vertrauter wurde. Denn an jenem Abend erschien ihr ein Künstler, ein Schaffender noch wie ein Gewaltiger, der nie in das Leben tritt, sondern in Fernen lebt, unnahbar und überragend, ein Verstehender und Gütiger, dem man nichts verschweigen darf. Bisher waren nur schlichte Leute in ihren Kreis getreten, Menschen, die sich zerlegen und berechnen ließen, wie eine Schulaufgabe, vorurteilsvolle und konservative Ketzerrichter, denen sie sich fremd fühlte, und die sie beinahe fürchtete. Und dann: es war eine stille und helle Nacht gewesen. Und wenn man in solchen schweigenden Nächten zu zweit geht, von niemandem gehört und gestört, und sich die dunklen Schatten der Häuser über die Worte senken und die Stimmen ohne Nachhall in der Stille verwehen, da ist man so vertrauensvoll, als ob man zu sich selbst spräche. Da wachen Gedanken aus den Tiefen auf, die in der bunten Unrast des Tages ungehört untergehen und denen erst die Stille des Abends sanfte Schwingen gibt; und die Gedanken werden zu Worten fast ohne daß man es will.
Der lange Gang in der einsamen Winternacht hatte sie einander nahe gebracht. Als sie sich zum Abschied die Hände reichten, blieben ihre blassen kühlen Finger lange hilflos in seiner starken Hand liegen wie vergessen. Und sie gingen wie alte Freunde voneinander.
Sie begegneten sich noch oft in diesem Winter. Zuerst war es ein günstiger Zufall, der aber bald Verabredung wurde. Ihn reizte dieses interessante Mädchen mit allen ihren Eigenarten und Seltsamkeiten, er bewunderte die vornehme Zurückhaltung ihrer Seele, die sich nur ihm offenbarte und sich zagend zu seinen Füßen warf wie ein erschrecktes Kind. Er liebte ihre tausendfachen Feinheiten, die schlichte Gewalt des Empfindens, die jeder Schönheit willenlos entgegenpulste und doch vor fremden Augen sich bergen wollte, um sich die reine Innigkeit des Genusses nicht zu stören. Aber diese zarten und innigen Empfindungen, die er so voll und hinreißend bei jemandem mitempfinden konnte, waren ihm selbst fremd. Schon von Jugend auf, noch ein halbes Kind, war er zu sehr von Frauen als Künstler verhätschelt und verführt worden, um in einer vergeistigten Liebe Befriedigung zu finden; er empfand zu wenig feminin, zu wenig jünglinghaft, weil die ganze unverständige wunschlose Süße der Gymnasiastenliebe sich nie in sein frühreifes Leben eingeschlichen hatte. Temperamentvoll und blasiert zugleich liebte er mit jenem schroffen Begehren, das der letzten sinnlichen Erfüllung zustrebt, um dort zu verbluten. Und er kannte sich selbst und verachtete sich wegen jeder Schwäche, die ihn überwältigte, er empfand jede dieser raschen Befriedigungen mit Ekel, ohne sich wehren zu können, denn Leidenschaftlichkeit und Sinnlichkeit durchbebten sein Leben wie seine Kunst. Auch die Meisterschaft seines Spieles wurzelte in dieser festen, temperamentvollen Männlichkeit; die letzten verhauchenden Nuancen, die wie leise Atemzüge einer schlummernden Melancholie sind, mußten seiner energischen und doch zigeunerhaft-süßen Bogenführung entgehen. Eine leise Furcht stand immer versteckt hinter der packenden Gewalt, mit der er zu überwältigen wußte.
Und so furchtsam und ergeben war auch ihre Liebe zu ihm. Sie liebte in seiner Person alle ihre Traumgestalten, die in den langen Jahren des Alleinseins eine gewisse Wirklichkeit gewonnen hatten, sie verehrte den Künstler, der sich in seinem Wesen verkörperte, weil sie den mädchenhaften Glauben hatte, daß ein Künstler auch in seiner Lebensführung die priesterliche Würde verwirklichen müsse. Manchmal sah sie ihn mit einem fremden und unsinnlichen Blick an wie ein seltsames Bild, in dem man vertraute Züge empfinden will, und ihr Anvertrauen war wie zu einem Beichtiger. Sie dachte nicht an das Leben, weil sie es nie gekannt hatte, sondern es erlebt hatte wie einen haltlosen Traum. Darum fehlte ihr auch jede Angst und jedes Bangen vor der Zukunft, sie glaubte an ein sanftes und seliges Weiterklingen dieser unsinnlichen verehrenden Liebe, die sie zuversichtlich machte mit ihrer künstlerischen Schönheit und innigen Reinheit.
Manchmal überraschte sie sich dabei, daß sie gar nicht das Bedürfnis hatte zu sprechen, wenn sie bei ihm war. Er spielte oder schwieg, und sie saß und träumte und fühlte nur, wie ihre Träume immer heller und lichter wurden, wenn er sprach oder sie anblickte. Das war alles verklungen, kein irrer Lärm drang mehr vom Tage herüber, nur Stille, Schweigen und silberne Feiertagsglocken tief im Herzen. Und ein sehnsüchtiges Zärtlichkeitsbedürfnis, ein Erwarten von lieben und leisen Worten, die sie doch eigentlich fürchtete, bebte dann in ihr. Sie ahnte, wie sie ganz in seinem Banne stand, wie er sie mit seiner Kunst beherrschen konnte, Schmerzen und Jubel geben mit seinen lockenden Tönen; sie fühlte sich wehrlos seinem Spiel gegenüber, und so unsäglich arm, weil sie nichts geben konnte und nur empfing, mit offenen zitternden Händen bei ihm bettelte.




