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DER FÜHRENDE:
Herr, der Tempel ist nicht mehr.
ZEDEKIA:
Ist der Tempel gefallen… dann falle auch ich… wehe, wer tötet mich, den Blinden… geh… sage ihnen, rufe sie, die mich schmähen, daß sie ein Ende machen.
DER ÄLTESTE:
Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Was zerfleischet ihr einander, da der Feind uns würget?
STIMMEN:
Ein Fluchbringer ist er… er hat Gottes Haus stürzen lassen… er brach den Eid… nein, lasset ihn… man hat seine Söhne geschlagen… ein Blinder ist er… aber er soll nicht mehr König sein… nein… nein… was soll uns ein Blinder… eine Last ist er… nein, er soll nicht König sein… nein…
ZEDEKIA (fast weinend in seiner Hilflosigkeit):
Führ mich fort… meine Augen sind mir genommen… die Krone noch reißen sie mir ab… birg mich… verbirg mich vor ihnen.
EINE FRAU: Hier ruhe aus… mein König, bette dich hin.
(ZEDEKIA wird an der Treppe hingebettet, Neugierde drängt um ihn.)
DER ÄLTESTE:
Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Unser Führer ist er von Gott.
STIMMEN:
Nein… ein Blinder ist kein Führer… wie kann er König sein in Jerusalem, da Zion fiel… Knechte sind wir alle, wir brauchen keine Führer… oh, wir bedürfen eines Erretters… oh, daß Mose uns erstünde… ein Tröster wäre vonnöten, kein Bedrückter… ein Erleuchteter und kein Blinder… niemand kann uns helfen… rüstet zur Reise… sehet das Dämmern… wehe der Tag… oh, Auszug ins Fremde… wehe wir Vertriebenen… wehe uns Führerlosen…
(EIN LAUTES KLINGENDES TÖNEN von ferne.)
STIMMEN:
Wehe, die Posaune… die Posaune… hört ihr sie tönen… nein, es ist die Posaune nicht… wie von Zimbeln klingt es und Pauken… Gesang, hört ihr Gesang… es jauchzen unsere Feinde… oh, Schmach… oh, Qual…
(DAS LAUTE KLINGENDE TÖNEN kommt näher.)
STIMMEN:
Pauken und Zimbeln… sie rufen… sie jauchzen… sie kommen, uns fortzutreiben… Gesang schwillt her… wehe, wehe, wenn unsere Feinde jauchzen… ihren Sieg jubeln sie… verschließet die Ohren… weh, ihrer ist das Frohlocken und unser die Trauer… Schmach, es hören zu müssen… wohin flüchten vor ihrem Hohn… sie danken ihrem Gotte… wem sollen wir klagen?
(DAS TÖNEN ist ganz nah, man hört einzelne Rufe und Zimbelschläge. Aus dem Dunkel sieht man eine Gruppe Menschen schreiten, die sich jubelnd um eine hohe Gestalt drängen.)
EINER (aus der Menge):
Sehet… sehet… der Unseren welche sind es, die nahen…
STIMMEN:
Es ist nicht wahr… wie könnten sie jauchzen… Fluch dem Sohn Israels, der frohlockte an diesem Tag… Trunkene müssen es sein… die Unsern sind es… ich erkenne sie… Wer ist es, den sie umschreiten… was geschieht hier… was jauchzen sie… was schlägt die Zimbel das rasende Weib…
(DIE GRUPPE der Nahenden, mit Jeremias in der Mitte, ist aus der Tiefe ins fahle Morgenlicht getreten. Sie schreiten wie die Trunkenen einher im Taumel, einige ekstatisch, andere wieder ernst und feierlich.)
STIMMEN DER NAHENDEN:
Hosianna… Verkündigung… ewig währet Jerusalem… oh, selige Heimkehr, oh, ewige Wiederkehr!… Gesegnet der Tröster, gesegnet die Tröstung… Hosianna… ewig währet Jerusalem…
STIMMEN DER MENGE (in wilder Erregung):
Sie sind rasend… was ist geschehen… höret… höret! Hosianna rufen sie… was bringet er… was ist seine Botschaft… er rede auch zu uns… wer ist es… auch zu uns sprich, Verkünder… Oh, Tröstung, wer gibt uns Tröstung…
EINER:
Sehet, ist dies Jeremia nicht, den sie umschreiten?
STIMMEN:
Ja… nein… dunkel war jenes Gesicht… ein Leuchten ist aber um diesen… doch, sehet, er ist es… er ist es… wie ist er gewandelt… wehe der Flucher… wie kann Süßes kommen von dem Bittern… was folget er uns, der uns verfolgte…
BARUCH:
Höret die Tröstung, Brüder, lasset euch speisen mit dem Worte Gottes, mit dem Brote des Lebens!
STIMMEN:
Wie kann Tröstung kommen von dem Verfluchten… wie die Geißel schlägt er zu… er wird uns würgen mit dem Wort… genug der Profeten, sie haben uns verredet mit ihren Worten… nein, dieser hat gewarnet… hart ist sein Mund wie ein Schwert… Salz streut er in unsere Wunden… hebe dich fort, Unbarmherziger!
BARUCH:
Nein, höret ihn! Das Herz hat er uns erhoben, oh, lasset euch trösten, ihr Gottesbrüder!
DER KRANKE:
Ich zeuge für ihn, ich bezeuge ihn! Im Brand meiner Wunde lag ich, ein Siecher, und er hat mich erhoben. Ich zeuge für ihn, ich zeuge…
STIMMEN:
Wer ist dieser… höret ihn an… Wunder verheißet er, und wir bedürfen der Wunder… Tröstung will mein Herz… mich trösten einzig Zions Tale… wie kann er trösten… kann er wecken die Toten, kann er aufbaun die zederne Burg… nein, höret ihn… wehe uns…
DAS WEIB:
Bileam! Bileam! Bileam! Heil dir, der du kamest zu fluchen Israel, und dreimal hast du uns gesegnet.
BARUCH:
Meister, sieh ihren Widerstreit! Mache einig ihr Herz, mache fruchtbar ihre Seelen, hebe auf, hebe auf zu Gott ihre Trauer!
JEREMIAS (aus dem Kreise vortretend an die höchste der Stufen):
Meine Brüder, im Dunkel fühle ich eure Nähe und des Dunkels voll eure Seelen. Aber, meine Brüder, warum verzaget ihr, warum klaget ihr?
STIMMEN:
Hört ihr den Lästerer… ich habe gewarnt vor ihm… er höhnt uns… er fragt, warum wir klagen… Salz streut er in unsere Wunden… sollen wir jauchzen am Tage unseres Ausgangs… sollen wir vergessen der Toten… er spottet unserer Tränen… schweige… nein, höret ihn… lasset ihn reden…
JEREMIAS:
Oh, höret mich, ihr Brüder, höret mich an! Ist denn alles verloren, daß ihr klaget? Sehet und fühlt es mit den Sinnen: das Leben ist euch geschenkt…
EINE STIMME:
Wehe, welch ein Leben!
JEREMIAS:
Und ich sage euch, wes das Leben ist, dessen ist auch Gott. Nur der Toten ist es, zu schweigen und zu klagen derer, die zur Grube fahren, doch der Lebendigen ist es, zu hoffen. Oh, meine Brüder, nicht klaget und verzaget, solange euch Atem vom Munde fließt, nicht tut auf euren Mund der Empörung und nicht schließet euer Ohr der Tröstung!
STIMMEN:
Ach, Trost der Worte, er wärmet nicht… willst du uns aufrichten, so richte auf die Mauern Jerusalems… baue Zions Burg… wehe, er sieht unsere Not nicht… er erkennet unsere Leiden nicht…
JEREMIAS:
Ich schaue, meine Brüder, in euer Leiden wie in ein geöffnet Buch, und eurer Schmerzen Schrift ist mir aufgetan; doch, meine Brüder, auch unseres Leidens Sinn sehe ich: ich sehe den Gott darin. Seine Prüfung nur ist diese Stunde, so lasset sie uns bestehen!
STIMMEN:
Warum prüfet uns Gott… Warum gerade uns, seine Auserwählten… warum ist so hart diese Prüfung…
JEREMIAS:
Damit wir ihn erkennen, sendet Gott uns die Prüfung. Andern Völkern ist klein Zeichen und gering Erkennen gegeben, in Hölzern und Steinen meinen sie des Ewigen Gesicht zu erschauen. Doch unser Gott, unserer Väter Gott, ein verborgener Gott ist er, und erst in der Tiefe des Leidens werden wir seiner gewahr, nur in der Prüfung tut er sich auf seinen Erwählten. Segen, wem sie begegnet, denn was wäre Israel unter den Völkern, prüfte es nicht ewig sein Gott? Wen er liebet, den stößt er hinab in die Tiefe des Lebens, daß er ihn erprobe, und, ihr Brüder, immer hat Gott sein Volk geliebt, immer hat er es hinabgestoßen.
STIMMEN:
Ja, er redet recht… nein, gütig ist Gott… verstehet ihn recht… ja, es steht geschrieben: »Selig der Mensch, den Gott strafet, darum weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen nicht«… Ja, ja… so steht es geschrieben… nur die Sünder strafet er… was haben wir getan… Vergessen haben wir seiner in Hoffart… nie rief ich ihn an wie jetzt in der Not… wahr redet er… Tröstung ist in seinen Worten…
JEREMIAS:
Nur die Geprüften hat er erwählet, und nur den Leidenden gilt seine Liebe. So lasset uns die Geprüften sein und lieben sein Leid, ihr Brüder! Er hat uns brüchig gemacht, daß er tiefer sich senke in unseres Herzens Scholle und wir fruchtend würden seines Samens, er hat uns geschwächet am Leibe, daß er uns stärkte in der Seele. Oh, willig lasset uns eingehen in die Schmelzfeuer seines Willens um der Läuterung willen. Tut, wie eure Väter taten, und weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen nicht!
STIMMEN:
Geben wir uns hin seinem Willen… gepriesen die Prüfung… ich will die Klage zerschlagen in meinem Munde… ja… auch sie waren in Knechtschaft, und er hat sie erlöset… auch uns wird er hören… ja… ja… oh, daß er unser sich erbarmte… sage, du Verkünder, wird er uns wieder aufnehmen… gibt er uns Erhebung… erlöst er uns von Babel… laß es uns glauben…
JEREMIAS:
Glaubet an die Erstehung, ihr Brüder, und ihr seid schon erstanden. Denn wer sind wir, wenn wir nicht gläubig sind? Nicht ward uns wie andern Völkern Scholle gegeben, daran zu kleben, Heimat, darin zu verharren, nicht die Rast, darin unser Herz fett werde! Nicht zum Frieden sind wir erwählet unter den Völkern: Weltwanderschaft ist unser Zelt, Mühsal unser Acker und Gott unsere Heimat in der Zeit. Aber nicht neidet sie darob, nicht klaget! Lasset den andern ihr Glück und den Stolz, lasset ihnen Haus und die Heimstatt der Erde, du aber lasse dich prüfen, du Leidensvolk, und glaube, du Gottesvolk, denn das Leid ist dein heilig Erbe, und ihm einzig bist du erwählet um deiner Ewigkeit willen.
STIMMEN:
Oh, Wahrheit des Wortes… unser Erbe ist das Leid… ich will es auf mich nehmen… ich glaube an seine Barmherzigkeit… er wird uns ausführen, wie er uns führte aus Mizraim… Segen auf dein Wort… Gott wird uns erlösen, wie er erlöste unsere Väter…
JEREMIAS:
So steh auf, du Volk, aus deiner Klage; wie einen Stab nimm deinen Glauben, und du wirst schreiten aus deinen Nöten, wie du geschritten tausend und tausend Jahre! Selig die Besiegten, die wir sind um seinetwillen, selig unsere Vertriebenheit! Selig, daß wir alles verlieren, um ihn zu finden, selig unser hart Schicksal, selig unsere Plage und Prüfung! Denn zur Dauer sind wir erwählt durch das Leid und zur Ewigkeit durch die Erneuung! Könige, die uns Herren waren, sind vergangen wie Rauch; Völker, die uns geknechtet, zerstreut und zertreten ihr Samen; Städte, darin wir dieneten, geborsten und der Schakale Hausung; doch Israel lebt und veraltet nicht an den Zeiten, ist doch das Leid seine Kraft und der Sturz seine Stufe. Durch Leiden haben wir die Zeit bestanden, immer war Untergang unser Anbeginn, doch aus allen Tiefen hub er uns immer an sein heilig Herz! Gedenket, gedenket der einstigen Mühsal und gedenket, wie wir sie bestanden; gedenket, gedenket Mizraims, des Diensthauses, der ersten Prüfung! Rühmet die Plage, ihr Geplagten, rühmet die Prüfung, ihr Geprüften, rühmet den Gott, der uns ihr erwählte in alle Ewigkeit!
(DAS VOLK gerät in mächtige Erregung. Aus den einzelnen Stimmen heben sich rhythmisch die Chöre.)
STIMMEN:
Knechte Mizraims
Waren die Väter,
Eiserne Zäume
Preßten und banden
Israels Stirn.
Knechte und Vögte
Schlugen die Klage
Auf dienendem Rücken
Mit Peitschen entzwei,
Schlugen die Kinder
Mit tödlichem Erz.
HELLERE STIMMEN:
Doch in dem Dunkel, das uns umwölkte,
Fand uns Gottes erbarmender Blick,
Einen Befreier in niederem Schoße
Weckt’ er dem Volke, eh es zerbrach.
In seine Zunge ergoß er die Rede
Und in seine Hände der Zeichen Gewalt.
Aufhub Mose das Volk, das bedrückte,
Aus seiner Rede glänzte uns Heimat,
Und wir ließen das bittere Land.
JUBELNDE STIMMEN:
Und die Siebzig dereinstens gekommen,
Tausend und Tausend kehrten darwider,
Gehäufeter Habe mit Knechten und Tieren,
Ein starkes Geschlechte zogen wir aus.
Säule des Rauchs und Säule des Feuers
Zogen voran den seligen Blicken,
Engel des Herrn flogen hell vor uns her.
Oh, erster Auszug! Oh, Anhub des Glückes!
Oh, erste Einkehr und Wiederkehr!
JEREMIAS:
Doch neue Nöte waren Israel bereitet, Prüfung um Prüfung!
Entsinnet sie, entsinnet die brennenden Tage der Bitternis! Entsinnet sie!
STIMMEN:
Hinter uns jagten,
Schäumender Nüster,
Rosse und Wagen
Pharaos Heer.
Über uns schollen
Schon Schreie der Rache,
Vor uns war Meerflut
Und hinter uns Tod.
HELLERE STIMMEN:
Da aber ging Sturm von Gott aus der Höhe,
Weit voneinander riß er die Fluten,
Wasser ward Mauer, die Tiefe ward Gang,
Hausung der Fische, sie ward uns zum Pfade,
Und wir wandelten trockenen Fußes
Zwischen der Wasser getürmeter Schlucht.
JAUCHZENDE STIMMEN:
Klirrend folgten die gierigen Feinde,
Prasselnd jagten sie hin durch die Gasse
Wartender Wasser, schon fing uns ihr Schrei,
Da aber fiel Sturmwind des Herren hernieder,
Brandend zerschäumten die wassernen Mauern,
Über sie stürmte das blaue Verhängnis,
Rosse und Wagen erwürgte das Meer!
ERNSTE STIMMEN:
So zerbrach der Herr die Gefahren,
Heil entriß er das Volk seiner Haft.
Oh, großer Anhub der wunderbaren,
Selig unseligen Wanderschaft!
JEREMIAS:
Doch nochmals und nochmals goß er des Todes Bitternis über uns und der Prüfung Kelch, damit wir geneseten auf immerdar! Besinnet sie! Besinnet sie, die heißen Tage der Wüste, die vierzig Jahre Mühsal vor dem Gottesland!
STIMMEN:
Brach die Kehle,
Leer die Lippen,
Ausgedürstet
Und verschmachtet
Wankten wir
Im leeren Land.
JAUCHZENDE STIMMEN:
Da reckte Mose, der Gottesgesandte,
Den Stab und schmetterte ihn wider den Stein.
Aufbrachen der Felsen marmorne Flanken,
Wasser netzte die lechzende Lippe,
Kühlung umspülte den staubigen Fuß.
HELLERE STIMMEN:
Wann wir müdeten, wurde uns Tröstung,
Wunder durchrauschten den brennenden Tag,
Bittere Bronnen wurden zu süßen,
Würzige Wachteln herblies der Wind,
Und als Hunger feurigen Eisens
Unsere Eingeweide zerriß,
Brach aus dem Morgen blendende Weiße:
Manna fiel nieder, das himmlische Brot!
JEREMIAS:
Niemalens aber war Sicherheit uns gegeben. Ewig warf er uns nieder mit seiner heiligen Hand! Immer erneute er die Gefahren seinem Volke! Besinnet sie! Besinnet sie!
STIMMEN:
Völker standen
Auf in Waffen,
Neid und Habsucht
Sperrten Wege
Unsrer Fahrt,
Städte schlossen
Turm und Tore,
Speere starrten
Trotz und Tod.
HELLERE STIMMEN:
Da gab uns Gott Gewaffen zu Händen
Und in die Herzen die Schärfe des Schwerts,
Wider Tausend gab er uns Stärke,
Wider Zehntausend gab er uns Sieg.
JAUCHZENDE STIMMEN:
Posaunen bliesen, es stürzten die Mauern,
Moab zerknickte, Amalek verging.
Mit dem Schwerte schlugen wir Wege
Durch den Zorn der Völker und Zeiten,
Bis unser Herz die Prüfung bestand,
Bis wir ihn fanden, den Acker der Ruhe,
Kanaan, unser verheißenes Land.
Heimat durften die Schweifenden haben,
Segnend lösten wir Gürtel und Schuhe,
Rebe entgrünte dem Wanderstabe,
Israel blühte, und Zion erstand.
ALLE STIMMEN:
Immer waren wir Pflüger im Joche,
Immer gebeugt und in Dienstbarkeit,
Doch ewig hat er das Joch uns zerbrochen,
Aus allen Kerkern uns heimbefreit,
Wo immer sie Not und Drängung uns schufen,
Immer hat er uns heimgerufen,
Und unsern Samen zur Blüte erneut!
JEREMIAS:
Und nie wird geschehn, daß er unser vergißt.
Bedenket, bedenket,
Daß, wenn er uns niedrigt, daß, wenn er uns kränket,
Dies Leiden nur Brand seiner Liebe ist.
So beugt euch, ihr Brüder, dem Joch in Ergebung,
Segnet die Schickung, so uns geschah,
Leiden ist Prüfung und Prüfung Erhebung,
Erniedrigung macht uns nur gottesnah,
Jeder Sturz führt höher in seine Reiche,
Denn nur die Besiegten wissen um ihn:
Ihr Brüder, auf denn! Auf, ihn zu erreichen!
Auf, Brüder, lasset uns gotteswärts ziehn!
STIMMEN (ekstatisch):
Ja, auf, zur Wanderschaft… führe uns an… wie die Väter wollen wir leiden… oh, Auszug und ewige Wiederkehr… auf… auf… hebet an… es ist nahe gen Tag… ziehen wir aus… ziehen wir aus in die Knechtschaft… Gott wird uns erlösen, wie er immer uns erlöset… Alle wollen wir gehen… alle… ja, wir alle…
DIE STIMME ZEDEKIAS:
Wehe, wehe! Wer wird mich führen? Nicht lasset mich zurück! Wehe, wehe, wer hebet mich auf?
JEREMIAS:
Wes Ruf ist dies?
STIMMEN:
Laß ihn… er bleibe… Spreu ist er und verworfen… Du führe uns an, du, Gesegneter… Du sei uns Herr… Laß den Verworfenen…
JEREMIAS:
Keiner ist verworfen! Wer rufet, muß erhört werden um unserer aller willen!
STIMMEN:
Nicht er… nicht er… Aussatz ist er unseres Volkes… alles Unheils Quelle… Laß den Verstoßenen Gottes… Laß den Verfluchten!
JEREMIAS:
Auch ich war ein Verstoßener Gottes, und er hat mich erhört; auch ich war ein Verfluchter, und er hat mich gesegnet! Wo ist er, der aufschrie aus seiner Not, daß ich ihn tröste, wie ich selber getröstet ward?
STIMMEN:
Im Dunkel ist er… auf den Stufen… dort, sieh den Gebückten… Gottes Zorn ist auf seinen Hochmut gefallen.
JEREMIAS:
Warum naht er nicht? Warum weilet er abseits?
STIMMEN:
Sieh doch… seine Sterne sind erloschen… seine Schritte sind irr… er weiß nicht seinen Weg mehr, blind ist er, der Verblendete…
JEREMIAS (näher tretend, in heißem Erschrecken):
Zedekia! Mein König!
ZEDEKIA:
Bist du es, Jeremias, der mir nahet?
JEREMIAS:
Ich bin es, mein König, dein Knecht und Diener Jeremias! (Er beugt sich in die Knie vor dem Könige.)
ZEDEKIA:
Wehe, nicht höhne mich, nicht stoße mich fort, wie ich dich von mir stieß! Zu Asche hat dein Wort mich gebrannt, du Gewaltiger, nun schone mein; nicht wirf mich fort, nicht laß mich allein in der Stunde des Schreckens! Sei bei mir, wie du geschworen vor Gottes Antlitz in der Stunde, der letzten, die ich schaute auf Erden.
JEREMIAS (zu seinen Füßen):
Ich bin bei dir… mein König Zedekia.
ZEDEKIA (nach ihm ins Leere tastend):
Wo bist du? Ich fühle dich nicht!
JEREMIAS:
Zu deinen Füßen bin ich, dein Diener und dein Knecht.
ZEDEKIA (zitternd):
Nicht höhne mich vor dem Volke, nicht beuge dich dem Gebeugten! Das Salböl ward zu Blut auf meiner Stirne und meine Krone zum Staube.
JEREMIAS:
Doch des Leidens König bist du geworden, und nie warst du mehr königlich! Zedekia, mein Herr und König, starr stand ich vor dir, da die Macht in dir war und die Stärke, doch dem Gebeugten Gottes beuge ich mich, des Leidens niederster Knecht. Der Erste hast du getrunken den Kelch unserer Bitternis, der Erste wärest du des Duldens, so mögest du der Erste sein unseres Volkes in alle Ewigkeit und seiner Erlösung Anbeginn. Oh, du König der Leiden, Gesalbter der Prüfung, Israels Herr, erheb deine Stirne, daß sie uns glänze, führe, der du Gott nur schauest und nicht mehr die Erde, führe, führe dein Volk!
JEREMIAS (aufstehend, zum Volke):
Sehet, sehet,
Leidensvolk, Gottesvolk,
Gott erhörte euer Begehr,
Er hat euch einen Führer gesandt!
Der Schmerzengekrönte,
Der Menschenverhöhnte,
Wer mag wie er,
König der selig Besiegten sein?
Gott hat ihm den irdischen Blick verschlossen,
Daß er besser schaue sein ewiges Reich,
Oh, Brüder, wer war je von Davids Sprossen
Diesem als König der Duldenden gleich?
ZEDEKIA:
Wohin führest du mich? Was geschieht mir?
JEREMIAS:
Hebet ihn auf,
Den Hingesenkten,
Ehrt den Gekränkten
Mit sorgender Liebe!
Hüllet um ihn
Königsgewande
Und erneuet
Der Zeichen Gewalt,
Ehret, oh ehret
In ihm euer Leiden,
Als der Erste schreite er aus.
Zäumet die Rosse,
Rüstet die Sänfte,
Fürchtigen Armes
Hebet ihn hoch,
Denn er ist
Heiligste Bürde,
Israels Hort und königlich Haus.
(EINIGE führen mit allen Zeichen der Ehrfurcht den König hinab und betten den Blinden in eine Sänfte.) (EINE POSAUNE schallt mächtig aus der Ferne her als ungeheurer Ruf, der gleichsam von der Stadt selbst auszutönen scheint. Der Tag ist inzwischen angebrochen und überleuchtet mit rötlicher Glut die geschwärzten Mauern. Eine große Helle geht, immer sich steigernd, vom morgendlichen Himmel aus.) (DIE MENGE in mächtigem Aufschwall beim Ruf der Posaune, die Hände gen Osten gereckt, flutet ekstatisch durcheinander.)
STIMMEN:
Die Posaune… die Posaune… Gott ruft uns… der Tag ist angebrochen… der Tag unserer Prüfung… die Sonne nahet Jerusalem… rüstet die Tiere… rüstet die Herzen… Gott ruft uns… wir kommen, wir kommen… Auszug… Auszug… oh Einkehr und Wiederkehr… Jerusalem… Jerusalem!
JEREMIAS (gewaltig auf der Höhe der Stufen aufgerichtet. Alle um ihn sind zurückgetreten, so daß er, einsam auf der Höhe, noch gewaltiger scheint. Seine Arme sind erhoben, seine Stimme bebend in Überraschung):
Auf, ihr Verstoßenen,
Auf, ihr Besiegten,
Rüstet zur Reise!
Wandervolk, Gottesvolk, welterwähltes,
Hebe dein Herz!
(DIE MENGE gerät in gewaltige Bewegung.)
JEREMIAS (zur Stadt hingewandt):
Zum letztenmal glänzen
Jerusalems Zinnen
In eure Tränen,
Leuchtet euch Höhe
Des heiligen Bergs!
Einmal noch hebet
Brennende Blicke,
Trinket der Heimat
Verlorenes Bild!
Trinket die Zinnen,
Trinket die Mauern,
Trinket die Türme
Der ewigen Stadt,
Trinket das Dürsten,
Sie wieder zu schauen,
Trinket, oh trinket Jerusalem!
STIMMEN:
Glüh ein in uns, daß wir entbrennen… wie könnt ich dich vergessen, Bild der Bilder… möge darren meine Rechte, wenn ich dein vergäße, Jerusalem… oh, Heimat unserer Herzen… Zion, Zion, du heilige Stadt!
JEREMIAS:
Einmal noch beuget
Fromm euch der Erde,
Einmal noch rühret
Die Grube der Väter
Fürchtiger Hand!
Erde, oh Erde, die ich verlasse,
Du blutgetränkte,
Du tränenversengte,
Sehet, ich fasse
Sie fromm mit liebenden Händen an.
Erde, Erde, ich schlinge dich,
Erde, Erde, durchdringe mich!
Bitteren Kloß
Würg ich die schluchzende Kehle hinab,
Doch deine Bitternis innen im Leibe
Entbrenne mir Seele und Eingeweide,
Daß ich ewig deiner gedenke,
Ewig deiner teilhaftig werde!
Erde, du heilige Vätererde,
Schenke
Mir ewig Begehren und ewigen Brand,
Ewigen Hunger und Heimverlangen
Nach Zion, unserm verlorenen Land!
DIE MENGE (sich niederwerfend und wie Jeremias von der Erde einen Kloß schlingend):
Oh, teure Erde, Scholle der Väter… dring ein in mich… würg meine Seele, wie ich dich würge… oh, verloren Land… Sarg meiner Väter… oh, dich lassen… Erde, Erde, du heilige Erde…
JEREMIAS (sich erhebend):
Doch nun du gespeiset
Bittere Sehnsucht,
Doch nun du getrunken
Brennendes Bild,
Wandervolk, Gottesvolk, hebe dich auf!
Lasset die Toten,
Sie haben den Frieden,
Lasset die Mauern,
Sie stehen nicht auf,
Du doch erstehest
Ewig und ewig
Aus deinen Tiefen
In deinem Gott.
Auf,
Wandervolk, Gottesvolk, rüste zur Reise,
Blick in die Ferne,
Blick nicht zurück!
Die verweilen,
Haben die Heimat,
Doch die wandern,
Haben die Welt!
Auf, ihr Gebeugten,
Auf, ihr Besiegten,
Hebet die Stirnen
Über die Nöte
Wider die ewigen Morgenröten
Und der Gestirne
Wanderndes Zelt.
Gott hat die Straßen,
Die ihr beschreitet,
Wissend bereitet,
Wandervolk, Gottesvolk, auf in die Welt!
(DIE MENGE rüstet ringsum zur Wanderung, Getümmel der Menschen und Tragtiere, erregte, eifernde Bewegung.) EINER (vortretend):
Doch sage, du Führer, dulde die zage Klagende Frage,
Werden die Tale uns wieder gehören,
Wird einstens Israel wiederkehren,




