VoxZero. Kammerton Erstes Buch

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Sie fragte nicht, wovon er sprach. Sie wusste, dass er nicht geradeheraus antworten würde – und dass eben in diesem Unausgesprochenen die Hälfte seines Vergnügens lag.
»Kronos will, dass du durch den Abend führst«, sagte der Vater und sah sie über die Tasse hinweg an. »Alle Hoffnung liegt auf dir, Tochter. Besser als du macht das niemand.« Er schwieg einen Moment. »Mir wäre lieber, du würdest ablehnen.«
Und beinahe hätte sie es bewundert – so stimmig war die Falle genäht. Dabei hatte sie nicht einmal erfahren, wodurch genau sie führen sollte: Der Vater hatte es nicht genannt, und zu fragen hätte bedeutet zu zeigen, dass es ihr nicht gleichgültig war. Aber sie kannte ihr Handwerk. Wusste, wie man eine solche Sendung vorbereitet, was sie sein würde, wozu man die ganze Stadt auf einen Punkt zusammenzieht, live, lebendig: So kündigt man kein Fest an. So führt man vor. Jemanden – allen, zur Mahnung. Und von dem stillen Entzücken, mit dem der Vater sein »lange nicht vergessen« im Mund hin und her rollte, lief ihr die Kälte einer Ahnung über den Rücken, die zu Ende zu denken sie sich nicht erlaubte.
Und die Falle bestand darin, dass es keinen Zug gab. Stimmst du zu – wirst du zur Hand, führst aus, wovon du selbst noch nichts weißt. Lehnst du ab – dann hast du also einen Grund, dann leistet also etwas in dir Widerstand, dann bist du also die, in der dieser Grund wohnt – und das ist schon ein Indiz. Er ließ keinen Zug übrig, der nicht zu seinem Gewinn ausgegangen wäre. Er ließ überhaupt keinen übrig – nicht einmal beim Damespiel, nicht einmal, als sie acht war und er sie gewinnen ließ, aber so gewinnen ließ, seine Niederlage mit solcher Meisterschaft auf den Zug genau abgemessen, dass sie danach die halbe Nacht nicht schlief vor Stolz auf einen Sieg, den er ihr zugeteilt hatte, wie man eine Ration zuteilt.
Und da tat sie etwas, das – so wollte sie glauben – nicht in ihrer Karte stand, weil es weder Aufstand war noch Gehorsam, nicht einmal eine Wahl zwischen beiden.
Sie stellte die Tasse ab. Ohne getrunken zu haben. Stellte sie genau in die Mitte des Tisches, genau zwischen ihn und sich. Und sagte nichts. Kein »Ja«. Kein »Nein«. Kein »Lass mich bis morgen nachdenken«. Stille. Eine glatte Stille ohne einen einzigen Haken, in die der Vater – sie sah, wie sich seine Augen ein wenig verengten, wie er zum ersten Mal an diesem Abend nach dem Ton in ihrer Stimme griff und keinen Ton fand, weil keine Stimme da war – nichts einzugeben vermochte. Er wartete. Warten konnte er; das Warten war sein zweiter Beruf, vielleicht auch sein erster.
Und – sie bemerkte es, und ihr Herz machte einen Satz – für die Stille fand er kein Sprichwort. Er ging die beiden durch, die es gibt – »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold«, »Wer schweigt, stimmt zu« –, und verwarf beide: Sie trafen es nicht. Der Volksmund geizt mit Sprüchen über das Schweigen; das Schweigen mag er nicht, in ihm kann man sich hinter niemandem verstecken, es ist eines für alle und für jeden das eigene. Sie sah, wie er seinen Chor durchging und im Chor die nötige Stimme nicht fand, und das war an diesem Abend das Erste, was ihm nicht glatt gelang.
»Der Tee wird kalt«, sagte er schließlich. Ohne Sprichwort. Von sich aus. Und weil es von ihm selbst kam, zog sich in ihr mehr zusammen als bei allem, was vorher gesagt worden war.
»Wird er«, gab sie zurück. Und schwieg wieder.
Ob sie frei war – sie wusste es nicht. Und sie begriff in dieser Minute mit einer ruhigen, beinahe erleichternden Klarheit, dass sie es nie mehr erfahren würde: Dieses Wissen war ihr von der Bauart her nicht mitgegeben, so wie die Farbe einem Gerät nicht mitgegeben ist, das Farbe benennen, messen, zerlegen kann – und nicht sehen. Aber eines hatte sie bemerkt und hielt es nun unter den Rippen, wie man unter dem Tisch eine geballte Faust hält. Der Vater hatte sie ihr Leben lang gelesen – sie und durch ihren Mund die ganze Stadt. Die Stille aber hatte er nicht gelesen. Er nicht. Und der Chor hinter ihm auch nicht. Also gab es einen Spalt.
Ob es ihr Spalt war – oder noch einer, mit Absicht hineingeschnitten, damit sie glaubte, sie hätte ihn selbst gefunden –, wusste sie nach wie vor nicht. Aber zum ersten Mal in all den Jahren, an die sie sich überhaupt erinnerte – und sie erinnerte sich an sich selbst erst etwa vom sechsten Jahr an; weiter zurück, in die Tiefe, brach die Erinnerung glatt ab, wie abgeschnitten –, zum ersten Mal genügte es ihr, dass es den Spalt gab. Ohne Bescheinigung, von wessen Hand er geschnitten war.
Unten blinzelte wieder ein Viertel – länger, dunkler, als hielte die Stadt den Atem an. Und der Vater wandte sich, gegen alle seine Gewohnheiten, als Erster zum Fenster. Sah lange hinunter, auf das erlöschende und wieder auflebende Flimmern. Und ließ fallen – leise, nicht zu ihr, sondern zum Glas:
»Wasser findet seinen Weg.«
Ariadna fragte nicht, wovon er sprach. Vom Licht dort unten. Von der Stadt. Von ihr. Von dem, was sich jetzt ganz unten im Turm zusammenbraute, unter allen Stockwerken, in der eisernen Stille der Server, und was er, bei all seinem Gehör, noch nicht laut beim Namen nannte.
Kapitel 4. Eck 62
Und unten, wohin der Vater aus seinem Fenster sah, regnete es. Eben jener Regen – nicht genehmigt, ungerufen, der sich den ganzen Abend zusammengezogen hatte. Endlich ging er nieder, und nicht nach der Uhr, und die Stadt, an Regen nach Plan gewöhnt, wurde ratlos nass: Das Wasser lief über das Glas der Hängebrücken, rann von den Stegen, trommelte auf die Plane über der Rolltreppe, und die wenigen Passanten legten den Kopf in den Nacken – sei es, um nachzusehen, ob es ein Fehler war, sei es einfach, weil noch keine Sendung das nasse Gesicht abgeschafft hatte. Kee ging durch diesen Regen hinunter – von Rang zu Rang, immer tiefer, dorthin, wo die Stadt aufhörte, Schaufenster zu sein, und zur Kehrseite wurde. Oben, in den Wohnstockwerken, glänzte alles und hielt den Ton; doch je tiefer, desto schäbiger, desto lebendiger: Die Schilder »Harmonie-dies« und »Optimum-das« erloschen, das Licht der Kanäle wich trüben Lampen, die Rolltreppen liefen mühsam, rumpelnd, und es roch nicht mehr nach dem Ozon der Klimaanlagen, sondern nach Wasser und Rost. Die, die man hier »die Unteren« nannte, wohnten dicht über der Erde, und oben ließ man dieses Wort mit leichtem Ekel fallen; Kee aber stieg hierher hinab, wie man aus einem stickigen Zimmer ins Kühle taucht: Hier konnte man atmen. Und – es flackerte. Auf einen Schlag, im ganzen Straßennetz: Laternen, Bildschirme, das Licht der Kanäle erloschen für eine halbe Sekunde und gingen wieder an, ein Flimmern, als hätte die Stadt geblinzelt. Ein Aussetzer. In den letzten Wochen häuften sie sich; oben, in den Kabinetten, betrachtete man dasselbe Flimmern jetzt aus den Fenstern und nannte es bald Kalibrierung, bald SADI. Hier unten hob niemand auch nur den Kopf – es hatte eben geflackert, man war es gewohnt. Kee geriet für einen Augenblick aus dem Tritt, wartete die Dunkelheit ab, ging weiter. Bis zum Eck waren es noch zwei Biegungen. Das Eck 62 hatte immer geöffnet. Und es war das Einzige in der Stadt, von dem niemand sagen konnte, »seit wann«.
Alles andere hatte einen Anfang: EINKLANG hatte man dann und dann eingeschaltet, den Äther dann und dann in Betrieb genommen, die Einstimmung habe man zum Wohl aller eingeführt. Das Eck aber war einfach da – ein gedrungener Imbiss an der Ecke, an der zwei verwaiste Prachtstraßen zusammenliefen, mit einem Schild, das so lange nicht gewechselt worden war, dass niemand mehr wusste, ob es je geleuchtet hatte. Und es schloss nicht. Nie – nicht nachts, wenn man die Stadt EINKLANG überließ und alle im Einklang zu schlafen hatten, nicht gegen Morgen, nicht zu den Pflichtsendezeiten. In einer Stadt, in der alles sein Regime hatte, lief das Eck außerhalb des Regimes, rund um die Uhr, wie etwas läuft, das man auszuschalten vergessen hat. Und ein Jugendlicher konnte zu jeder Stunde herkommen und fand denselben Dampf, dasselbe Summen und wie immer irgendwen über einem Kegel. Die Zeit hatte über das Eck so wenig Macht wie über seinen Anfang. Man sagte: ein Lokal aus der Zeit vor der Ära. Der einzige Ort, der nachweislich aus der Zeit vor dem Konflikt stammte und den man nicht verbrannt, nicht optimiert, nicht in »Harmonie-irgendwas« umbenannt hatte, sondern einfach weiterlaufen ließ, als hätte man ihn vergessen. Wer es betrieb, wer es duldete, warum man es in Ruhe ließ – das wusste niemand. Und genau deshalb strömten hier alle zusammen.
Kee stieß die Tür auf, und Wärme schlug ihm ins Gesicht: Dampf, der Geruch von Gewürzen – verschiedenen, unbekannten, wie man sie in der Stadt nirgends roch, und keines davon ließ sich benennen –, das Summen lebendiger Stimmen, von keiner Sendung ausgeglichen. Hier roch es nach Essen, das gekocht wird und nicht aus der Wand ausgegeben.
»Du bist spät dran«, sagte Lok, ohne den Kopf vom Tisch zu heben, der mit Servietten übersät war, vollgeschrieben in seiner kleinen Schrift. »Ich hab ohne dich schon die dritte Theorie beerdigt.«
Lok saß an ihrem Platz, an der hinteren Wand, unter der Installation. Er gehörte zu denen, die Kee »Kopfmenschen« nannte: Sohn eines Funktionärs, aus einem guten Turm, mit sauberer Zustimmung und Zugang zu Orten, an die man Kee nicht ließ. Und trotzdem der Einzige von den »Oberen«, den Kee mochte. Lok begriff, dass die Welt absurd eingerichtet war. Begriff es klug, ausführlich, mit Zahlen. Er begriff es nur eben mit dem Kopf – wie man einen Lehrsatz begreift – und nicht mit der Stelle in der Brust, an der es bei Kee zog und die er nicht erklären konnte.
»Setz dich. Nimm, wird sonst kalt.« Lok schob ihm einen Kegel hin.
Die Kegel waren die Spezialität des Hauses, »Eckkegel«: ein dreieckiger Fladen, genau in jenem Winkel gedreht – zweiundsechzig Grad, Lok hatte es einmal mit dem Winkelmesser nachgemessen und war eine Woche lang glücklich gewesen –, oben offen und gefüllt mit etwas wie Creme oder Paste, dick und warm. Man aß sie ohne Eile, biss von oben ab. Man trank Brühe. Nur Brühe und pürierte Suppen, nichts Festes, an dem man hätte nagen müssen; Kee hatte einmal gedacht, dass sogar das Essen hier »gleichmäßig« war – flüssig, warm, eines, das keine Zähne braucht –, aber im Eck ärgerte ihn das aus irgendeinem Grund nicht, so wie es ihn oben ärgerte. Weil es Geschmack hatte. Verschiedenen, nicht den einen, immer gleichen warmen Beigeschmack nach nichts, der in der Stadt über jedem Essen lag, sooft man es auch wechselte. Hier streute man kein Optimum Plus. Hier schmeckte die Brühe nach Brühe, die grüne Suppe war bitter, und die scharfe brannte wirklich, und jedes Mal anders. Benennen ließen sich diese Gerichte nicht – sie hatten gar keine Namen, auf keiner Karte, nichts, was sich in Worten nacherzählen ließe; man konnte sie nur kosten und mit der Zunge erkennen. In einer Stadt, in der alles ein Etikett trug, stand hier etwas Namenloses und Lebendiges. Kee dachte manchmal, dass schon das allein – dass eine Suppe Geschmack hat – beinahe für ein Verbrechen reichte.
»Willst du Wasser?« Lok nickte zu einer Flasche hin, auf deren verblichenem Etikett »Gleichgewicht« stand. »Nur dass du’s weißt.« Er senkte die Stimme, rückte näher, seine Augen begannen zu glänzen. »Nach der einen Version kippt der Besitzer Gleichmut rein. Eine Mikrodosis. Damit hier alle so schön lieb dasitzen. Nach der anderen kippt er aus Prinzip nichts rein, und das Eck ist deshalb der einzige Ort in der Stadt, an dem du ehrliches Wasser trinkst.« Lok lehnte sich zurück, zufrieden. »Und jetzt kommt das Schöne: Nachprüfen kann man’s nicht. Erfährst du nie. Du trinkst und weißt nicht – wirst du gerade geführt oder endlich mal nicht.«
»Und was denkst du?«, fragte Kee und trank einen Schluck.
»Ich denke gar nicht«, sagte Lok vergnügt. »Ich sammle. Denken heißt ja schon, eine Seite zu wählen, und was einem dafür blüht, weißt du selbst. Ich sammle bloß Theorien. Über das Eck hab ich so an die vierzig. Dass es ein Bunker ist. Dass der Besitzer der letzte lebende Mensch von vor der Ära ist und zweihundert Jahre alt. Dass es von hier einen Gang in die alten Tunnel gibt. Dass EINKLANG selbst nichts von dem Ort weiß, dass er hier einen blinden Fleck hat.« Er klopfte auf die Servietten. »Blödsinn, klar. Alle Theorien sind Blödsinn. Aber ein schöner.«
Er sagte das leicht, mit einem kleinen Lachen, und Kee verstand, warum leicht: Schwer – das wäre schon nicht mehr im Einklang, das wäre ein gelbes Armband, das wären Fragen. Lok hielt das alles wie ein Spiel, wie eine Briefmarkensammlung, genau in der sicheren Tiefe, in der eine Liebhaberei noch nicht zum Widerspruch wird. Verschwörungstheorien, mit einem Lächeln erzählt, sind der stimmigste Aufstand, den es gibt. Ein Aufstand, bei dem nichts zu holen ist.
»Ach, übrigens.« Lok wurde lebhaft und angelte sich eine neue Serviette. »Ganz frisch. Mein Alter ist gestern heimgekommen und hat erzählt. Der geht ja zur Versammlung, den lassen sie rein.« Er sagte es mit dem besonderen halben Atemanhalten, mit dem ein Sohn dicht an der Tür einer fremden Welt Krümel aufschnappt: nicht zugelassen, aber nah dran, am Lauschen. »Mich lassen sie da natürlich nicht mal über die Schwelle, zu klein und ohne Rang. Aber manchmal verplappert sich mein Alter. Das ist da bei denen, bei den Oberen, so ein Treffen. Geschlossen. Alle paar irgendwas. Die verkaufen sich gegenseitig allerlei.«
»Was verkaufen sie?« Kee kaute und hörte mit halbem Ohr zu.
»Das ist ja gerade das Unklare, und das ist das Beste daran.« Lok senkte die Stimme, rückte näher, ganz in seinem Element. »Mein Alter hat’s selbst nicht richtig erklärt, mit Einzelheiten geizt er, da komm ich nicht nach ihm. Aber er sagt, da gibt es nicht nur Sachen. Da gibt es …« – er bewegte suchend die Finger – »… auch Gefühle, oder so. Von irgendwem. Aufgenommen. Stell dir das vor! Da sitzt ein Saal in Gold, und denen dreht man irgendjemandes, was weiß ich, Weinen an. Oder Lachen. Und die schlagen sich darum wie sonst was. Mein Alter sagt, für ein einziges Stück haben sie so viel hingelegt, dass es mir für drei Leben gereicht hätte.« Lok lehnte sich zurück und strahlte über die Wildheit der Geschichte. »Die haben sie doch nicht alle, oder? Denen geht’s zu gut. Die langweilen sich so, dass sie fremdes Innenleben kaufen. Satt sind sie, haben alles, und da …« Er tippte sich mit dem Finger an die Schläfe. »Theorie Nummer vierzig, kannst du mitzählen. Die kränkste: Je höher, desto leerer, und desto teurer ist ihnen das Echte von anderen.« Er lachte kurz auf. »Ist doch Blödsinn. Aber ein schöner.«
Kee zuckte mit den Schultern – die Reichen waren weit weg, er hatte seinen eigenen Schmerz, einen näheren. Aber etwas an Loks wildem Zeug – »fremdes Innenleben kaufen«, »je höher, desto leerer« – streifte für eine Sekunde den leisen Ton in seiner Brust, unverständlich, im Vorübergehen, und war vergessen.
Das Café ringsum lebte. Am Nachbartisch spielten drei Mädchen »Grenze«: Sie stichelten, stritten, lachten laut. Und schielten auf die Armbänder, bei wem die Zustimmung dem Gelb am nächsten kam. Wer es bis an die äußerste Kante trieb und nicht ins Gelbe kippte, hatte gewonnen, war die Mutige, die »fast verstimmt, aber gehalten«. Ein Spiel mit dem Feuer, eine Streichholzlänge lang. Eine, die Verwegenste, öffnete unter dem Kreischen der Freundinnen den Verschluss und nahm das Armband ganz ab – für zehn Sekunden, für fünfzehn, solange der Mut reichte –, das nackte Handgelenk, kein Ton, keine Aufsicht, verbotene Nacktheit; dann ließ sie es hastig wieder zuschnappen, denn ein abgelegtes Armband ist kein Spiel mehr, es ist ein Verstoß, wegen eines nackten Handgelenks kommen sie. Die Mädchen kreischten vor Entsetzen und Entzücken. An einem Tisch weiter hinten machten zwei Jungen unbeholfen Bekanntschaft mit zwei anderen, und ihr ganzer Flirt lief über die Armbänder: Sie stießen die Handgelenke aneinander, schoben Kontakte hinüber, Musik, eine kleine Zahlung für einen Kegel, »Ich lad dich ein«; das Armband war Geldbeutel, Verbindung und Leine, alles in einem, und sie flirteten über die Leine, ohne die Leine zu bemerken. Kee sah das alles an und liebte es – mit der wehmütigen Liebe, mit der man liebt, was einem, das spürt man, gleich genommen wird. Gewöhnliche. Lebendige. Sie spielen mit dem Rand und wissen nicht, dass der Rand echt ist.
Das Volk im Eck war gemischt, und auch darin lag seine Seltsamkeit. Am meisten Jugendliche – hier gaben sie sich ein wenig freier als sonst irgendwo, die Stimmen lauter, das Lachen böser, die Armbänder gelber, und niemand wies sie zurecht. Aber nicht nur. An der Theke hockte krumm ein alter Mann, wie es sie in der optimierten Stadt eigentlich gar nicht mehr gab – trank schweigend seine Brühe, eine Stunde, zwei. Hin und wieder verirrte sich ein Arbeiter von den unteren Ebenen herein und wärmte sich die Hände am Glas. Und manchmal – das war Kee längst aufgefallen – kamen auch welche von oben. Solche, denen man es ansieht: teurer Anzug, blitzsauberes Armband, die gerade Haltung eines Menschen aus den hohen Stockwerken. Sie kamen wie zufällig herein, seitwärts, das Gesicht verborgen, als wären sie aus Versehen abgebogen. Nahmen einen Kegel, tranken hastig ihre Brühe, in der Ecke, und verschwanden ebenso leise, und es war etwas Diebisches an ihnen, etwas Gieriges: Nicht zum Essen kamen sie her, sondern um einen Schluck von etwas zu ergattern, das oben, in ihrer gläsernen Sauberkeit, nirgends zu haben war. Kee wusste nicht, wovon. Er merkte sich nur: Es zieht sie hierher, nach unten, wie ihn. Und warum, hätten weder sie noch er sagen können.
Hinter der Theke kam ein Einziger mit allem zurecht – nicht mehr jung, unauffällig, eines jener Gesichter, die man nicht behält: Er wischte Gläser, schenkte Brühe aus, strich die dicke Creme auf die Fladen, drehte sie in ihrem Winkel zu Kegeln und schob sie über die Theke. Und alles schweigend, ohne die Freundlichkeit des Äthers, ohne »Schönen Tag im Einklang«. Niemand kannte seinen Namen, niemand wusste, woher er kam, ob er hier der Wirt war oder selbst nur ein Zugelaufener. Er gehörte einfach zum Eck, wie der Dampf und das Summen zum Eck gehörten – und war, so schien es, ebenso immer da gewesen. Kee nickte ihm zu, er nickte zurück. Darauf beruhte die ganze Bekanntschaft, seit Jahren.
Über dem Tisch, an dem er und Lok saßen, zog sich die Installation hin – staubige Glasplatten, Draht, noch etwas, niemand sah genauer hin. Aber wenn das Licht draußen schräg einfiel, in einem bestimmten Winkel – vielleicht in genau dem des Ecks –, begannen plötzlich Schatten über die Wand zu wandern. Silhouetten. Sie bewegten sich, flossen ineinander, als lebte dort, im staubigen Glas, jemand und ginge umher. Die Jugendlichen hatten sich längst daran gewöhnt und hoben nicht mehr den Blick. Kee aber hob ihn – und der leise Ton in seiner Brust, der links, antwortete, kurz, unverständlich, wie er auf Wahrheit antwortete. Er wusste nicht, was das war und wozu. Niemand wusste es. Die Schatten wanderten über die Wand und erloschen, wenn die Sonne weiterrückte, und dann war es wieder bloß ein staubiges Stück Metall.
Und nicht weit von ihrem Tisch, unter einer gläsernen Kuppel, stand er – der Gegenstand, den Kee immer länger ansah, als gut war. Die Jugendlichen nannten ihn »den Antiken« – weil er für sie eben antik war, uralt, unverständlich: eine schwarze Scheibe auf einem schwarzen Kasten, ein dünner, gebogener Arm mit einer Nadel am Ende, alles unter staubigem Glas, wie eine Reliquie, wie ein Knochen im Museum. Niemand wusste, was das war. Das heißt, das Wort kannte man – »Plattenspieler« –, aber nicht das Wozu: dass die Scheibe sich drehen muss, dass die Nadel sie berühren muss, dass daraus ein Klang entstand, lebendig, warm, knisternd, von nichts ausgeglichen. Er stand unter der Kuppel und schwieg. Schwieg vielleicht seit hundert Jahren. Eine Maschine, geschaffen, um zu klingen, die das Klingen verlernt hatte, vergessen unter Glas in der Ecke, und ein ganzer Saal von Jugendlichen aß seine Kegel an ihr vorbei, ohne zu wissen, dass dieses tote Ding einmal genau das getan hatte, was ihnen allen fehlte und was sie nicht zu benennen wussten.
Er und Lok aßen – mal schweigend, mal mit ein paar hingeworfenen Sätzen über dies und das, über nichts; der Abend floss, das Summen ringsum floss, die Brühe wärmte die Hände. Und dann, in einer Pause, stand Kee auf – ohne zu wissen, warum, so wie er immer aufstand –, ging zu der gläsernen Kuppel und blieb reglos davor stehen.
Kee sah den schweigenden Plattenspieler an, und der Kammerton in ihm zog. Leise. Bei diesem ganzen Imbiss, in dem das Lebendige sich als gewöhnlich ausgab, in dem das Echte unter Glas stand, vergessen, in dem Kinder mit dem Rand spielten, ohne den Rand zu kennen.
An der Seite des Kastens, unter dem staubigen Glas, hatte einmal ein Name gestanden – der Name dessen, der das gemacht hatte. Jetzt waren davon Kratzer geblieben: Jemand hatte die Buchstaben abgeschabt, vor langer Zeit, gründlich, und nur den Schatten der Prägung gelassen, das Gespenst eines Wortes. Kee kniff die Augen zusammen. Ein Teil der Buchstaben ließ sich noch erraten, wenn man den Blick im richtigen Winkel führte – ein Bruchstück, der Anfang, es fing mit V an, irgendetwas mit Stimme; das Weitere war auf null gelöscht. Als hätte man den Namen mit Absicht gelöscht – nicht die Zeit, sondern eine Hand, so wie man löscht, was nicht bleiben soll. Kee wusste selbst nicht, warum ihn das tiefer kratzte als der schweigende Plattenspieler selbst. Es zog nur ein wenig lauter, wenn er auf die gelöschte Stelle sah. Als verberge sich dort, unter den Kratzern, etwas.
»Du hängst schon wieder fest«, sagte Lok. »An deinem Leierkasten. Pass auf, es gibt eine Theorie, dass er nachts spielt, wenn keiner da ist. Von selbst.« Er prustete. »Blödsinn, logisch. Aber doch ein schöner, oder? Übrigens weiß keiner, wer ihn gebaut hat. Den Namen hat irgendwer gelöscht. Noch eine Theorie: gelöscht, damit keiner rauskriegt, wer so einen Klang machen konnte.« Lok tippte sich an die Schläfe. »Ich hab vierzig davon, hab ich ja gesagt.«
»Ein schöner«, sagte Kee, ohne den Blick von der gelöschten Stelle zu nehmen. Er trank das Gleichgewicht aus, ohne erfahren zu haben, ob er gerade geführt worden war oder nicht. Stand auf.
»Ich geh zu Lila«, sagte er.
Lok verzog das Gesicht – ohne Bosheit, aus Gewohnheit:
»Zu deiner verstimmten Malerin. Mit der spielst du dich noch um Kopf und Kragen, Kee.« Er sagte es leicht, wie alles, aber in seinen Augen blitzte eine echte Sorge auf, eine aus dem Kopf – die, mit der er begriff, ohne zu fühlen. »Die läuft doch richtig am Rand entlang. Nicht an unserem, dem zum Spielen. Am echten.«
»Ich weiß«, sagte Kee.
»Na, dann geh.« Lok faltete schon eine neue Serviette auseinander. »Wenn was ist – ich bin hier. Ich bin immer hier.« Und ohne den Kopf zu heben, leiser, fast ernst, das eine Mal an diesem Abend nicht im Spiel: »Gib acht auf sie. Solche werden nicht mehr gemacht. Wie mein Leierkasten.«
Kee nickte und ging zur Tür. An der Schwelle drehte er sich um: Lok war über seinen Servietten sitzen geblieben, allein, unter dem schweigenden Leierkasten, und hatte es nicht eilig – er wollte es auch gar nicht eilig haben. Kee wusste, warum. Lok hatte es nach Hause weiter und schwerer als sonst jemand hier: nicht nach unten wie die anderen, sondern nach oben – in den einundachtzigsten, in einen guten, hohen Turm mit sauberem Armband und sauberen Fluren. Und je höher man steigt, desto länger zieht sich der Weg und desto weniger möchte man ihn antreten. Die Unteren würden in einer halben Stunde alle auf ihren Stockwerken sein. Lok aber würde lange nach oben fahren, Aufzug um Aufzug, immer höher, in sein korrektes Leben, und manchmal schien es Kee, dass Lok deshalb bis zuletzt im Eck saß, bis zum Morgen, weil es ihm unten leichter war als zu Hause – nur hätte er das, anders als die diebischen Leute aus der Elite, um nichts in der Welt zugegeben, sondern einen Witz daraus gemacht und Theorie Nummer einundvierzig.
Kee stieß die Tür auf, und der Regen nahm ihn wieder auf.
Er ging zu Lila durch die nasse, flackernde, zur Nacht hin ausgedünnte Stadt, und je näher er kam, desto lauter klang es in seiner Brust. Denn dorthin, zu ihr, ging er auf dem einzigen Weg des ganzen Tages, auf dem er sich nicht verbergen musste. Der Regen ließ nach. Vorn, unter der Hochstraße, glomm schon ein Licht.
Lila zeichnete an einer Wand, an der man durfte – und das war das Erste, was Kee an ihr geliebt und was er zu spät begriffen hatte: Sie ging immer ganz dicht an das Erlaubte heran, um das Verbotene zu zeichnen.
Die Wand war genehmigt, unter der Hochstraße, eine von denen, die man dem »freien Ausdruck in Zustimmung« zugewiesen hatte; auf ihr hatte man Gebilligtes zu zeichnen – weiche Muster, grüne Spiralen. Lila führte die Kohle über das Gebilligte, und unter den Spiralen trat ein Zeichen hervor – ein Häkchen über dem Ring der Zustimmung, das ihn mit spitzem Stachel durchstößt. Sie zeichnete, ohne sich zu verstecken, im Licht der einzigen Laterne, die noch lebte, und ihre Finger waren schwarz bis zum zweiten Gelenk. Die roten Locken hatte sie hastig zusammengenommen, irgendwie, ein paar Strähnen hatten sich gelöst; im blassen Gesicht ein Gesprenkel von Sommersprossen, und die Augen grün, schnell, Augen, in denen immerzu etwas lebte und stritt. Kee trat aus dem Dunkel, sah zuerst diese schwarzen Finger, dann sie ganz, und der Kammerton in ihm – der den ganzen Abend im Eck bei dem schweigenden Leierkasten gezogen hatte – hörte auf zu ziehen und begann zu klingen.



