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»Du warst spät zu Hause. Bist in den Regen gekommen, oder?«, versuchte Andreas es weiter, schielte jedoch unverkennbar auf sein Handy, wobei er so tat, als zupfte er nur den Saum seines blau-grün gemusterten Fleecepullovers zurecht (wenn er wirklich online datete, hatte er auf seinem Profilbild hoffentlich ein anderes Outfit an).
Ich blinzelte. Neuerdings versuchte er es leider häufiger mit diesem komischen aufgesetzten Smalltalk bei mir. Louisas Theorie dazu war, dass er mich als Übungsobjekt für seine zukünftigen Flirts auserkoren hatte (wobei er noch seeeehr viel Training brauchen würde). Fiona hingegen behauptete, Andreas wäre schlicht nicht in der Lage, sozial zu interagieren, und wegen meiner schweigsamen Art fiele es ihm bei mir von uns dreien noch am leichtesten, Interesse vorzuheucheln. Ich für meinen Teil fand das Ganze einfach nur nervig.
»Schon gut. Anscheinend träumst du mal wieder von fernen Welten, was?« Er lachte gekünstelt und schenkte sich Tee nach.
»Sorry, ich bin echt müde. Hab letzte Nacht total schlecht geschlafen«, log ich und wollte mich wieder meinem Brot zuwenden.
»Mhm.« Andreas bedachte Fiona mit einem weiteren strafenden Blick.
»Also so laut waren Jonas und ich garantiert nicht.«
»Nun …«, murmelte Andreas.
Fiona presste die Lippen aufeinander. »Robin? Wir haben dich nicht geweckt, oder?«
»Nein«, sagte ich. »Es lag an einem Albtraum.« Jetzt schob ich meinen Teller doch von mir.
Das Pochen hinter meinen Augen verstärkte sich, während eine Sturmbö vor dem Fenster heulte, die verdächtig nach dem Ostwind klang. Dazu kamen das Locken der See und die Last all der Erinnerungen an meine Kindheit in einem fernen, grausamen Königreich, die sich bereits wieder emporkämpfen wollten …
Es reichte, ich hatte genug. Nach diesem Nachmittag kostete es schon viel zu viel Kraft, allein hier zu sitzen und einfach nur so zu tun, als wäre ich Robin. Mein Herzschlag beschleunigte sich und ich spürte, wie mir Schweißperlen auf die Stirn traten.
»Du bist aber ganz schön blass, ist alles okay?«, fragte Louisa.
Auch Andreas’ Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Er musterte mich prüfend, als ob er sich fragte, wen ich heute in meinem Zimmer versteckt haben mochte.
Oder war ihm meine Verletzung vorhin etwa doch nicht entgangen?
»Ich glaube, ich muss mich hinlegen. Mein, äh, Kreislauf spielt verrückt. Darf ich bitte aufstehen?«
»Eigentlich –«, begann Andreas, doch Louisa fiel ihm ins Wort.
»Ich übernehme die Spülmaschine«, bot sie an. Louisa, die normalerweise jeder Form von Hausarbeit aus dem Weg zu gehen versuchte. Offenbar wollte sie sich revanchieren.
»Dann ausnahmsweise«, sagte Andreas.
»Danke«, nuschelte ich und stand auf. Mit langen Schritten durchquerte ich den Flur zu meinem Zimmer. Ich musste mich anstrengen, nicht zu rennen.
Aber auch, als ich die Tür hinter mir ins Schloss drückte und daran mit dem Rücken zu Boden sank, hämmerte mein Herz noch in meiner Brust. Als wollte es davongaloppieren und mich dazu überreden, mit ihm zu fliehen. Bloß, wohin hätte ich gehen sollen? Ich konzentrierte mich darauf, so langsam wie möglich ein- und wieder auszuatmen. Ein und wieder aus …
Ich konnte das hier, ich … musste mich nur beruhigen und mich auf meine Wurzeln besinnen. Ja, genau!
Einst hatten wir Hexen schließlich ganz selbstverständlich unter den Menschen gelebt. Wir waren Menschen, auch wenn wir es uns nur ungern eingestanden. Menschen mit magischer Begabung, die Ernten beschützten und das Wetter lenkten – aber immer noch Menschen. In die Untiefen der Meere waren wir erst viel später gesiedelt, damals, als die Zivilisation sich entwickelte und diejenigen ohne Magie plötzlich danach lechzten, jedes Phänomen genau erklären und die Natur kontrollieren zu können. Als man uns zu jagen und zu foltern begann und auf grauenvollen Scheiterhaufen verbrannte.
Eines Tages hatten die Vorfahren meiner Familie keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als unser Volk ein für alle Mal in Sicherheit zu bringen. Fort, an den unerforschtesten aller unerforschten Orte dieser Erde: hinab in die Städte der Tiefsee. Ein radikaler, aber notwendiger Schritt. Doch wie gesagt, obwohl viele Jahrhunderte vergangen waren, in denen mein Volk sich an das Leben im Verborgenen, an Dunkelheit, Kälte und den Gesang der See gewöhnt hatte, konnten Hexen nach wie vor in der Menschenwelt leben.
Das hier war nun mein Zuhause.
Und dieser Zwischenfall mit dem Donnerdrachen würde daran nicht das Geringste ändern. Falls Marie und Vivien wirklich jemandem davon erzählten, was sie gesehen hatten, konnte ich immer noch das Gerücht in die Welt setzen, sie wären völlig high gewesen. Jeder wusste schließlich, dass sie kifften …
Ich nahm einen weiteren tiefen Atemzug, dann rappelte ich mich auf und entschied, diesen kompletten Nachmittag so rasch wie möglich zu vergessen. Ja, ich würde mich von jetzt an einfach weigern, daran zu denken, und weitermachen wie bisher. Als wäre rein gar nichts geschehen. Ha!
Eine simple Lösung.
Ein klarer Schnitt.
Punkt.
Nur so konnte ich meine Tarnung aufrechterhalten. Nur so würde ich am Leben bleiben.
Entschlossen marschierte ich ins Bad, um mir die Zähne zu putzen. Anschließend kehrte ich in mein Zimmer zurück, zog meinen Schlafanzug an und legte mich ins Bett. Kurz darauf ging ich im Geiste bereits den Stoff für die nächste Mathearbeit durch und obwohl meine Gedanken natürlich doch immer wieder abzuschweifen drohten, war Mathe zumindest so langweilig, dass ich allmählich ruhiger wurde …
Beinahe wäre ich schon weggedöst, da fiel mir allerdings ein, dass ich Bo nicht gefüttert hatte. Ächzend rollte ich mich auf den Bauch und tastete nach seinem Goldfischglas unter dem Bett. (Wir durften in der Wohngruppe offiziell keine Haustiere halten, doch er war das Einzige, das mir von meiner Vergangenheit geblieben war, also scherte ich mich nicht im Geringsten um diese dämliche Regel.)
»Sorry«, murmelte ich, während ich im Halbschlaf die Dose mit dem Fischfutter suchte. »Du musst hungrig sein.«
Bo schwamm ein wenig ärgerlich von innen gegen das Glas. Wasser schwappte über den Rand und bildete einen kleinen dunklen Fleck auf dem Teppich.
»Ich weiß, tut mir leid«, sagte ich, fand endlich, was ich brauchte, und zerbröselte ein paar der bunten Flocken auf der Wasseroberfläche. Dann schob ich das Glas zurück in das Versteck unter dem Bett und glitt fast im gleichen Moment endgültig in ein Meer aus wirbelnden, wirren Träumen.
Träume, die vollkommen frei von Donnerdrachen waren. Immerhin.
Stattdessen befand ich mich darin, wie so oft, im Reich meiner Mutter. Ich war zu Hause im Schloss und lief einen der langen Felsenkorridore entlang, deren Wände mit Muscheln und den versteinerten Resten bizarrer Urzeitwesen verziert waren. Erhellt wurde der Gang von Leuchtquallen, die in den in regelmäßigen Abständen angebrachten Glaskugeln schwammen und das Perlmutt des Fußbodens geheimnisvoll schimmern ließen.
Wie damals an meinem zwölften Geburtstag trug ich auch im Traum ein funkelndes Diadem auf dem Kopf. Dazu lag das Amulett der Winde, einst aus dem Metall des Urkessels der Götter geschmiedet, zu Ehren meines besonderen Tages um meinen Hals. Und genau wie damals raschelte mein Kleid verdächtig, als ich mich an den Wachen vorbei zur Treppe schlich, die zu den Kellergewölben hinabführte … Doch heute klang dieses Rascheln irgendwie anders, als wäre da nicht bloß Meerseide, die über ausgetretene Stufen strich, sondern noch etwas … Das Wispern, Summen und Heulen des Ostwinds, der mich warnen wollte?
Aber das konnte natürlich nicht sein. Ich erinnerte mich an jede Einzelheit jener schrecklichen Nacht und der Ostwind war nicht –
Ich hastete weiter in die Tiefe. Obwohl ich diesen Traum bereits viele Male geträumt hatte, konnte ich nicht anhalten. Sosehr ich auch versuchte, auf den Absätzen meiner samtenen Pantöffelchen kehrtzumachen, den Kerkern den Rücken zuzuwenden und einfach weiter die Prinzessin zu sein, die mein Volk sich wünschte – es ging nicht. Als würde ein unsichtbares Band mich weiter und weiter voranziehen. Als wäre die Erinnerung an damals unausweichlich.
Vermutlich wollte irgendetwas in meinem Innern mich dazu zwingen, meine dunkelste Stunde wieder und wieder und wieder zu erleben. Und nun hatte sich wohl auch noch die Stimme des Ostwindes vorgenommen, mich zu schikanieren. Na super!
Unaufhaltsam bahnte ich mir also auch heute meinen Weg durch das Labyrinth aus Zellen und Wachstuben, in dem es weder Quallen noch andere Lichtquellen gab. Stattdessen hing der Geruch von Verzweiflung in der stickigen Luft und das Rauschen der See klang hier unten seltsam dumpf und bedrohlich.
Wie grauenhaft musste es sein, sein gesamtes Leben in einer dieser Zellen zu verbringen!
Eine Gänsehaut kroch über meinen Nacken, während ich mich zum gefühlt tausendsten Mal am schlaksigen neuen Lehrling des Kerkermeisters vorbeischlich, der in einer Ecke jenes finsteren Gangs eingenickt war und leise schnarchte. Jenes Gangs, an dessen Ende ein seit Generationen gequälter Gefangener darauf hoffte, von mir befreit zu werden …
Was ich da tat, war natürlich Hochverrat. Sogar viel mehr als das.
Aber ich konnte es nicht länger zulassen.
Eilig raffte ich meine Röcke noch ein bisschen mehr zusammen, um sie am Rascheln zu hindern, und beschleunigte meine Schritte. Das verbotene Verlies lag vor mir und schließlich griff ich nach dem Amulett der Winde und schob es in das erste der zahlreichen Schlösser. Es ließ sich tatsächlich wie ein Schlüssel darin herumdrehen. Schon vibrierte der Boden unter meinen Füßen.
Ich hasste dieses Gefühl, hasste diese Erinnerung. Mein Unterbewusstsein würde mir wieder einmal alles haarklein vor Augen führen: wie ich die Tür öffnete und das Orakel befreite. Wie ich dabei versehentlich die Schutzflüche Ihrer Majestät aktivierte und eine Kettenreaktion auslöste, die den halben Kerker in Schutt und Asche legte. Und natürlich auch, wie das Amulett der Winde bei alledem irgendwie abhandenkam.
Ich umklammerte den Talisman mit beiden Händen, gerade so, als bestünde noch eine Chance, ihn meiner Mutter zurückzugeben.
Da ertönte plötzlich ein weiteres Geräusch, das es zuvor in keinem meiner Träume gegeben hatte: Es war ein Knall, und zwar ein so lauter, dass ich erschrocken aus dem Schlaf fuhr. Fröstelnd blinzelte ich in die Dunkelheit.
Dies war definitiv die Menschenwelt und nicht der düstere Palast von Atlantis. Ich lag in meinem Bett in der WG, kein Zweifel. Bloß, wieso war es so kalt?
»Ist alles in Ordnung?«, rief Louisa von nebenan.
»Mir geht’s gut«, murmelte ich, noch immer verwirrt und frierend und –
»Krasser Sturm, was?«, fuhr Louisa fort. »Ist irgendwas bei dir kaputtgegangen?«
»Äh …« Noch einmal blinzelte ich, dann fiel mein Blick auf das Fenster und ich war endgültig wach.
Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett, im nächsten Moment lehnte ich mich bereits über das Fensterbrett in die Nacht hinaus und angelte nach dem Griff. Die Scheiben klirrten, als ich den Flügel wieder zuzog, während eine weitere Bö daran zerrte.
»Der Wind hat bloß mein Fenster aufschlagen lassen«, erklärte ich Louisa durch die Wand. »Aber ich hab’s wieder geschlossen. Alles okay.«
»Und mein Besuch soll gestern zu laut gewesen sein?«, beschwerte sich derweil Fiona durch die Wand der gegenüberliegenden Zimmerseite, während Andreas plötzlich in meiner Tür stand und mir mit einer Taschenlampe direkt ins Gesicht leuchtete.
»Was ist hier los?«, wollte er wissen. Er trug einen gestreiften Schlafanzug und Badeschlappen und schien wild entschlossen, jedweden männlichen Gast mitten hinaus ins Unwetter zu treiben.
»Sorry«, murmelte ich. »Der Wind.« Ich nickte in Richtung des uralten Fensters, gegen das nun prasselnder Regen peitschte.
»Aha.«
Andreas ließ den Lichtkegel der Taschenlampe zur Sicherheit trotzdem noch einmal durchs Zimmer gleiten, schaute in alle Ecken und kurz sogar unters Bett (zum Glück nicht bis in die hinterste Ecke, wo Bos Goldfischglas stand), dann endlich verzog er sich wieder und ich warf mich erschöpft zurück in die Kissen.
Wenigstens das Wetter da draußen war kein weiterer Grund zur Aufregung. Nur ein kleiner, allenfalls ein mittlerer Sturm, nichts Ungewöhnliches in dieser Region.
Aber der Wind kam in dieser Nacht eindeutig von Osten und in seinem Wispern und Summen und Heulen schien tatsächlich so etwas wie eine Warnung zu liegen.

4
Entwurzelt
Am nächsten Morgen kämpfte ich volle zehn Minuten mit meinem Haar. Die Strähnen hatten sich über Nacht dermaßen ineinander verknotet, dass ich mich wieder einmal fragte, warum ich mich nicht endlich von ihnen trennte. Ich betrachtete mein bleiches, spitzes Gesicht im Badezimmerspiegel, während ich versuchte, einen halbwegs ordentlichen Pferdeschwanz zu binden.
Eigentlich war ich rotblond, doch natürlich wäre diese Farbe viel zu auffällig. Eine derart helle, bis fast zur Hüfte reichende Mähne wäre quasi einem Leuchtfeuer gleichgekommen und hätte meine Verfolger sicher im Handumdrehen auf mich aufmerksam gemacht. Also hatte ich schon kurz nach meiner Ankunft an der Oberfläche zu einem Haarfärbemittel gegriffen und damit nicht nur meinen Schopf, sondern auch meine Brauen in einen kräftigen Ebenholzton getaucht. Doch die Farbe stand mir nicht wirklich, sie ließ mich blass aussehen wie eine wandelnde Leiche, fand ich manchmal. Wenn ich hingegen einen rötlichen Kurzhaarschnitt trüge –
»Brauchst du noch lang?« Louisa klopfte an die Badezimmertür. »Der Bus kommt gleich und ich muss mal.«
Seufzend gab ich es auf und legte die Bürste beiseite. Solange mich niemand erkannte, war es sowieso egal, wie ich aussah, oder? Ich räumte meinen Platz vorm Waschbecken.
Kurz darauf hasteten Fiona, Louisa und ich zur Haltestelle am Ende der Straße. Wir waren alle drei keine Frühaufsteherinnen und um diese Uhrzeit daher meistens etwas miesepetrig drauf. Dass der Bus heute auch noch auf sich warten ließ, machte es leider nicht besser.
»Toll, da hätten wir gar nicht so zu rennen brauchen«, beschwerte sich Louisa.
Wir lehnten mit dem Rücken gegen die Wand des Wartehäuschens. Während Fiona auf ihr Handy starrte und vermutlich mit Jonas (der Liebe ihres Lebens und dem auserwählten Wäscher unserer Schmutzwäsche im nächsten Monat) textete, glitt mein Blick die neblige Straße vor uns entlang. Der Sturm war wohl doch ein bisschen heftiger gewesen, als ich zunächst angenommen hatte. Überall hatten sich Pfützen auf dem Asphalt gebildet und dazwischen lagen abgerissene Äste herum. Ein Stück von uns entfernt versperrte eine umgekippte Mülltonne eine Einfahrt. Ihr Inhalt schien sich gleichmäßig über die Vorgärten der Nachbarschaft verteilt zu haben.
»Vielleicht kommt er schlecht durch«, murmelte ich. »Die Straßen sehen nicht gerade frei aus.«
Tatsächlich schienen sogar die Autos Mühe zu haben, eine freie Spur zu finden, und tuckerten nur langsam an uns vorbei.
»Hmpf«, machte Louisa und zog den Reißverschluss ihrer Jacke weiter nach oben. »Ist das Wetter hier im Herbst eigentlich immer so grauenhaft? Oder liegt das am Klimawandel? Ich dachte, ich ziehe in einen Badeort …«
Ich zuckte mit den Achseln. »Kein Ahnung«, log ich.
Selbstverständlich wusste ich genau, welches Wetter diese Stadt an jedem einzelnen Tag der letzten viereinhalb Jahre gehabt hatte. Ja, die globale Erwärmung bereitete meiner Mutter schon seit geraumer Zeit Probleme, aber die seit einer knappen Woche anhaltenden Stürme und Regengüsse waren dennoch ungewöhnlich. An der See schlug das Wetter normalerweise recht schnell um, so nah an den Kesseln meines Volkes wechselten sich Wolkenbrüche quasi im Minutentakt mit sonnigen Phasen ab und der Wind wehte zwar oft kräftig, aber das hier … So schlimm war es noch nie gewesen. Seit meiner Begegnung mit dem Anderen beschlich mich ohnehin das Gefühl, dass irgendetwas vor sich ging. Etwas Wichtiges, das mit den Hexen zu tun haben musste …
Als der Bus schließlich mit viertelstündiger Verspätung auftauchte und ächzend vor dem Wartehäuschen hielt, schoben wir uns rasch zwischen die anderen Schüler. Unsere Erleichterung über das Auftauchen des Busses hielt sich jedoch in Grenzen, als wir feststellten, dass es im Gedränge des überfüllten Innenraumes kaum noch Sauerstoff gab. Die Scheiben waren bereits komplett beschlagen. Noch dazu stand ich eingequetscht zwischen Fiona und einem Typen aus dem Basketball-Team, sodass ich selbst bei klarer Sicht nicht hätte rausgucken können.
Stattdessen blieb mir nichts anderes übrig, als an der Achsel der Sportskanone vorbei auf den schmalen Gang zwischen den Sitzreihen zu spähen, wo ich schließlich Vivien und Marie entdeckte. Beide waren ziemlich bleich um die Nase und zuckten bei jedem Stoppen und Schlingern des Busses (der Fahrer hatte offenbar Schwierigkeiten, seiner Route zu folgen) alarmiert zusammen. Tatsächlich schienen sie so sehr in ihren Gedanken gefangen zu sein, dass sie nicht einmal den Fünftklässlern um sich herum das Taschengeld abknöpften oder sie wenigstens so lange in die Rippen boxten, bis diese ihnen ihre Sitzplätze überließen.
Als Vivien dann, kurz bevor wir endlich die Schule erreichten, zufällig in meine Richtung schaute, wurde sie noch eine Spur blasser und hakte sich schutzsuchend bei Marie unter. Mit gesenkten Köpfen hasteten die beiden schließlich an mir vorbei ins Freie und ich wollte schon die Verfolgung aufnehmen, um ihnen irgendeine fadenscheinige Geschichte aufzutischen. Zum Beispiel von halluzinogenhaltigen Zigaretten, die ich ihnen gestern bei unserer Auseinandersetzung angeblich untergejubelt hätte oder so.
Doch dann bog ich um die Ecke und verschwendete plötzlich keinen einzigen Gedanken mehr an Marie oder Vivien, sondern blieb vor lauter Überraschung einfach stehen. Genau wie meine Mitschüler, die sich schockiert vor dem Schultor versammelt hatten.
Denn uns bot sich ein Bild der totalen Verwüstung.
Offenbar musste der Schulhof das Zentrum des Sturms gewesen sein. Überall lagen die zerbrochenen Schindeln des zur Hälfte abgedeckten Schuldachs herum, unzählige Bäume waren entwurzelt worden und wie Mikadostäbchen übereinandergepurzelt. Dazwischen ragten Teile der Fensterrahmen und eine aus den Angeln gerissene Tür hervor. Jemand, vermutlich der Hausmeister, hatte das gesamte Gelände notdürftig mit rot-weiß gestreiftem Flatterband abgesperrt. Daran hing ein Schild, auf dem stand, dass der Unterricht bis auf Weiteres leider entfallen müsse und die Sekretärin noch dabei sei, alle Eltern zu benachrichtigen.
In der Ferne war eine Sirene zu hören, die langsam lauter wurde.
»Vielleicht ist irgendwas explodiert«, vermutete ein Junge mit Kopfhörern in den Ohren und Kaugummi im Mund inmitten einer Gruppe Sechstklässler, die sich in einer Traube um das Flatterband gedrängt hatten. »Megacool, es dauert bestimmt Wochen, das alles zu reparieren.«
»Ob Schwimmen im Südbad dann auch nicht stattfindet?«, wollte ein Mädchen zu seiner Linken wissen und schlenkerte einen Sportbeutel.
»Eine defekte Gasleitung?«, überlegte derweil ein anderer Junge. »Oder kann das der Sturm gewesen sein?«
Ich nickte. »Sollte man nicht meinen, oder?«, murmelte ich mehr zu mir selbst als zu den rätselnden Unterstufenschülern. Noch immer starrte ich fassungslos auf das Chaos vor uns. Das konnte doch nicht wirklich passiert sein! Stand denn seit gestern die ganze Welt kopf? Diese Bäume waren jedenfalls nicht einfach nur von einer kräftigen Bö aus dem Erdreich gerissen worden. Ihre Rinden trugen Einkerbungen, wo etwas sie gepackt haben musste. Tiefe Striemen waren das, Spuren von … Klauen!
»Okay«, sagte Louisa zu mir und seufzte. »Wenn wir uns beeilen, erwischen wir den Bus zurück in zwei Minuten.« Fiona hatte sich natürlich längst zusammen mit Jonas aus dem Staub gemacht und auch Louisa hielt nichts an diesem Ort der Zerstörung. »Wie wäre es mit einem zweiten Frühstück und dann legen wir uns noch ein wenig hin?« Sie gähnte und versuchte, mich hinter sich herzuziehen.
Doch ich rührte mich nicht vom Fleck.
Auch nicht, als in diesem Moment unmittelbar hinter uns ein Löschzug der Feuerwehr hielt und die mit Motorsägen bewaffnete Mannschaft kurz darauf begann, alle versammelten Schüler fortzuscheuchen.
»Ich brauche noch ein bisschen frische Luft«, erklärte ich Louisa. »Fahr du ruhig schon, ich komme dann zu Fuß hinterher, ja?«
Louisa hob eine Augenbraue, als wollte sie etwas fragen. Mir war klar, dass ich noch ungesünder als sonst aussehen musste. Doch dann nickte sie und ließ mich los. »Sicher, bis später«, sagte sie. »Aber ruf mich an, falls dir wieder schwindelig wird oder so.«
Einen Herzschlag später verschwand sie in der Menge meiner menschlichen Mitschülerinnen und Mitschüler, die sich nun geballt auf die beiden ramponierten Bushaltestellen um die Ecke zuschoben.
Ich wandte mich erneut dem Unfassbaren zu.
Auch der Asphalt des Schulhofs trug tiefe Kratzspuren und sogar die Fassade war links neben dem Haupteingang zum Teil aufgerissen worden. Dabei schienen sich Tiefe und Breite der Kerben ein wenig voneinander zu unterscheiden, als wären mehrere Donnerdrachen am Werk gewesen. Zwei oder drei, vielleicht sogar vier, überlegte ich, während ich mich über das Flatterband beugte und die Augen zusammenkniff, um die Furchen besser begutachten zu können.
»Junge Dame, das gilt auch für dich«, riss mich einer der Feuerwehrmänner aus meinen Ermittlungen. Ich fuhr herum und sah mich einem imposanten Kerl mittleren Alters gegenüber. »Hier ist es nicht sicher. Der Rest des Dachs könnte jeden Moment einstürzen. Also ab mit dir«, erklärte er. »Außerdem brauchen wir Platz zum Arbeiten.«
»Ach so«, entgegnete ich. »Natürlich, äh, Entschuldigung. Dann werde ich mal …«
Mein Gestammel ging im Aufheulen seiner Motorsäge unter und ich brachte ein paar Schritte Abstand zwischen mich und die Absperrung. Für einen Moment tat ich sogar so, als wollte ich ebenfalls zum Bus gehen … Ich versicherte mich mit einem raschen Blick über die Schulter, dass der Typ mir nicht nachsah. Im nächsten Augenblick hechtete ich bereits zwischen zwei einsame (und seit heute Nacht noch dazu schrottreife) Autos auf dem Lehrerparkplatz. Durch eine zerbrochene Windschutzscheibe beobachtete ich, wie ein paar der Feuerwehrmänner weiteres Equipment abluden und Warnschilder aufstellten, während andere sich bereits mithilfe ihrer Motorsägen einen Weg auf das Gelände zu bahnen versuchten.
Schon bald würden die Spuren der Nacht unkenntlich sein, ich würde mich also ranhalten müssen. Mit der einen Hand zog ich das Haargummi um meinen hoffnungslos zotteligen Zopf fester, mit der anderen fuhr ich mir über die Augen, so als könnte ich dieses ganze Durcheinander einfach fortwischen. Als wäre das alles bloß ein weiterer wirrer Albtraum. Aber das war es nicht. Ich blinzelte und die Lage veränderte sich kein bisschen. Noch immer entdeckte ich überall um mich herum Hinweise auf Donnerdrachen. Wütende Donnerdrachen, um genau zu sein.
Was immer im Reich der Hexen vor sich ging, wenn die Biester sich tatsächlich bis hierher wagten, ohne dass sie jemand daran hinderte, musste es übel sein. Übel und gefährlich. Vielleicht war auch mein Versteckspiel an der Oberfläche in Gefahr?
Ich atmete aus. Sobald Donnerdrachen in den Gebieten der Menschen auftauchten, war jedenfalls nichts und niemand mehr sicher. Erst recht nicht jemand wie ich. Falls ich weiter unentdeckt bleiben wollte, musste ich also dringend herausfinden, was los war. Um meine Tarnung anzupassen und mich notfalls wenigstens verteidigen zu können …
In geduckter Haltung schlich ich hinter dem Auto entlang und sprintete kurz darauf in den schmalen Durchgang zwischen dem Schulgebäude und der Sporthalle. Hier gab es einen weiteren Eingang, der zum Sekretariat und zum Lehrerzimmer führte. Doch wenn man weiterging, gelangte man auf den Schulhof, und zwar aus genau entgegengesetzter Richtung zu den sich vorarbeitenden Feuerwehrmännern.




