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„Können Sie die Tür nicht öffnen?“, frage ich und versuche, meiner Stimme einen beruhigenden Ton zu geben. Dabei bin ich alles andere als ruhig. Ich hänge mit meiner halben Brust über einer 1,90 Meter hohen Trennwand, habe kaum Halt, kann mich mit den Füßen nicht abstützen und unter mir liegt eine Frau mit einer Platzwunde am Kopf, die offenbar nicht mal in der Lage ist, die Tür zu öffnen. Ganz ehrlich: Dagegen war es ein Kinderspiel, den Wechsel von Haller zu West Ham zu verkünden.
„Können Sie Ihre Hände bewegen?“, will ich wissen, bekomme aber erneut nur einen gurgelnden Laut als Antwort. „Sagen Sie doch etwas! Irgendetwas!“, klinge ich nun alles andere als beruhigend. Dann gebe ich mir einen Ruck und schiebe mich mit letzter Kraft weiter über die Wand auf die andere Seite.
In diesem Moment reißt jemand unter mir die Tür auf. „Was ist denn hier los?“, ruft eine Frau offenkundig verwirrt. „Helfen Sie mir hinüber“, antworte ich und bin froh, dass sie nicht weiter fragt, sondern meinen rechten Fuß so von unten stützt, dass ich mein anderes Bein über diese verfluchte Wand bugsieren kann. Dann geht es schnell. „Vorsicht!“, kann ich noch rufen, bevor ich ziemlich unsanft zwischen der Porzellanschüssel und der Frau lande. „Rufen Sie bitte jemanden vom Ordnungsdienst“, befehle ich und höre an der zufallenden Tür, dass meine Helferin keine Fragen stellen will.
„Danke“, krächze ich ihr hinterher. Danke, dass sie Hilfe holt, und danke, dass sie keine weiteren Fragen stellt.
Die Frau neben mir stöhnt wieder. Ich versuche, nach ihrem Handgelenk zu greifen. Puls fühlen, habe ich mal im Erste-Hilfe-Kurs gelernt. Und natürlich die stabile Seitenlage … Hier auf dem Klo? Wie soll das gehen? Und der Puls ist auch egal. Sie lebt ja ganz offensichtlich. Aber: Sie muss raus hier, da bin ich sicher. Also schiebe ich meinen Körper langsam mit dem Rücken an der Wand nach oben. Versuche sie dabei auf keinen Fall einzuquetschen und über sie hinweg an den Verschlussmechanismus der Tür zu kommen. Ich schiebe den Riegel auf Grün und ziehe sanft am Griff.
Ihre Beine sind im Weg. Wir kommen hier nicht raus. Warum müssen Toilettentüren nach innen aufgehen? Kneipentüren müssen doch auch nach außen aufgehen. Damit man im Notfall rauskommt. Warum gilt das nicht für Toilettentüren? Verdammt! Warum nicht? In diesem Moment stürzt jemand in den Raum.
„Wir sind vom Ordnungsdienst. Brauchen Sie Hilfe?“, höre ich eine aufgeregte Stimme.
„Wäre nicht schlecht“, antworte ich und kann mir eine kleine Portion Ironie nicht verkneifen. „Hier ist eine Frau, die ist ohnmächtig und ich bin über die Trennwand geklettert, um ihr zu helfen.“
„Was ist passiert?“ Die Frau neben mir hat plötzlich ihre Augen geöffnet und ist außer sich. Sie schlägt wild um sich. So, als müsste sie mich abwehren.
„Beruhigen Sie sich, bitte. Mein Name ist Lydia Heller. Ich habe Sie hier auf der Toilette gefunden. Sie sind verletzt und waren ein paar Minuten ohnmächtig“, rede ich auf sie ein.
„Wo ist er? Ist er noch hier?“ Ihre ängstlich aufgerissenen Augen zeigen deutlich: Hier muss etwas Schlimmes passiert sein.
„Wen meinen Sie? Hier war niemand außer uns beiden. Und jetzt sind ein paar Helfer gekommen. Sie werden versuchen, die Tür zu öffnen.“
„Bitte nicht. Er soll hier nicht reinkommen!“
„Aber wir müssen Sie hier rausholen. Sie bluten und haben einen ordentlichen Schlag abbekommen. Vielleicht haben Sie eine Gehirnerschütterung!“
„Nein. Bitte nicht. Sagen Sie den Männern, sie sollen rausgehen. Sagen Sie es ihnen! Jetzt! Sofort! Raus, raus, raus!“
Ich nehme ihren Kopf in beide Hände und versuche, beruhigend, aber bestimmt, auf sie einzureden. „Frau … wie heißen Sie?“
„Vera. Vera Lichtenthaler.“
„Also gut, Frau Lichtenthaler – Vera. Ich schicke die Männer weg. Ich sage ihnen, sie sollen draußen warten. Okay?“
Die Frau nickt stumm. Ihre Augen schauen mich immer noch voller Panik an und in mir macht sich ein furchtbarer Verdacht breit.
„Vera. War da ein Mann bei Ihnen? Hier auf der Damentoilette?“, frage ich ernst und beobachte ihre Augen ganz genau. Sie sind immer noch angstvoll aufgerissen. So, als wollten sie mir eine schreckliche Geschichte erzählen – können es aber nicht. Weil Augen nur Geschichten erleben. Nicht erzählen.
Sie nickt. Schlägt ihre Hände vors Gesicht und schluchzt laut auf. „Aber ich wollte das doch nicht. Ich habe Nein gesagt! Ich habe klar und eindeutig Nein gesagt.“
„Ist er Ihnen auf die Toilette gefolgt?“ Sie schweigt. Versucht tonlos einen Weinkrampf zu unterdrücken. Ihre Augen sehen mich dabei hilfesuchend an. „Nein?“, frage ich. „Nicht gefolgt? Was dann?“
„Es war doch nur eine Wette. Ein Spaß. Wie hätte ich denn ahnen sollen, dass mich ausgerechnet hier jemand …“ Sie bricht ab und schlägt wütend mit der Faust auf die Wand ein.
„Kennen Sie den Mann?“, will ich wissen und ernte heftiges Kopfschütteln.
„Das war mein erstes Spiel heute. Bin eingesprungen für eine kranke Kollegin. An der Kaffeebar. Wen sollte ich hier schon kennen. Nein. Er war groß. Sehr charmant. Nett. Blaue Augen. Und er hat nach Davidoff gerochen.“
„Davidoff?“ Ich bin überrascht, dass sie sich an dieses Detail erinnert.
„Ja. Davidoff. Das weiß ich genau. Mein Vater hat das auch benutzt: Davidoff Hot Water. Diesen Hauch von Patchouli würde ich immer erkennen.“
Ich höre nur mit einem Ohr zu. Längst ist mein Job in meinem Kopf angekommen. Gedankenfetzen sausen durch mein Hirn. Kann das sein? Ein Übergriff auf eine Frau hier im VIP-Bereich. Von einem unserer Gäste. Während die Eintracht den FC Bayern demütigt. Im Kopf gehe ich die Gesichter durch, die mir auf Anhieb einfallen. Nein. Keinem, den ich kenne, würde ich so etwas Unfassbares zutrauen. Auch, wenn es immer wieder Berichte darüber gibt, dass die Hostessen übelst von den Männern angemacht werden. Ich muss mehr in Erfahrung bringen.
„Was genau ist passiert? Erzählen Sie mir alles. Dann kriegen wir das Arschloch“, flüstere ich Vera ins Ohr, um ihr die Sicherheit zu geben, dass sie nicht allein ist. Ich erschrecke über meinen rüden Ton. Arschloch zählt ganz und gar nicht zu meinem alltäglichen Vokabular. Normalerweise. Jetzt schon.
Für einen Moment scheint sie sich tatsächlich zu beruhigen. Ihre Hände entspannen sich leicht. Sieht ganz so aus, als hätte mir mein kurzzeitiger Ausritt in die Niederungen der deutschen Sprache ihr Vertrauen eingebracht.
Irgendjemand klopft an die Tür.
„Mein Name ist Klaus Hanner. Können Sie ein bisschen von der Tür wegrücken, dann schieben wir sie so weit auf, dass wir Sie rausholen können.“ Die Männerstimme auf der anderen Seite klingt vertrauenerweckend. Trotzdem zuckt Vera erneut zusammen und hebt ihre Hände wieder vors Gesicht. Ich bin überrascht über die heftige Reaktion auf die freundliche Stimme.
„Ja, machen Sie und wenn ich es sage, verlassen Sie sofort den Raum. Verstanden?“ Ich lasse keinen Zweifel darüber aufkommen, dass es mir bitter ernst ist mit meiner Anweisung.
„Sie gehen raus und informieren Carlos, den Sicherheitschef. Er ist wahrscheinlich noch bei der Pressekonferenz. Suchen Sie ihn, finden Sie ihn und bringen Sie ihn auf schnellstem Weg her. Sagen Sie ihm, Lydia Heller, die stellvertretende Pressesprecherin, braucht ihn. Er kümmert sich dann um alles.“
Ich überrasche mich doch immer wieder selbst. Wie klar meine Gedanken gerade in Ausnahmesituationen sind. Und wie sehr ich mit meinem Job verwachsen bin. Jeder andere hätte die Polizei und einen Notarzt angefordert. Ich aber will den Sicherheitschef. Weil ich weiß, er ist hier im Stadion am nächsten dran und kann ohne Verzögerung alles Erforderliche in die Wege leiten.
Plötzlich ist die Erinnerung an den 19. Oktober vor einem Jahr wieder da. Die Toten in der Tiefgarage. Severin blutüberströmt. Die Bombe, die zum Glück nur eine Attrappe war. Kaschrek! Noch so ein Arschloch …
Von draußen schiebt dieser Hanner mit der Tür unsere beiden Körper zentimeterweise Richtung Kloschüssel. Mit Erfolg. Sekunden später sehe ich für einen Moment in zwei braune Augen unter einem wuscheligen Blondschopf. Der Mann zur Stimme. Ich bitte ihn mit einem dankbaren Nicken in Richtung Tür, unsere Vereinbarung zu erfüllen.
„Ich geh dann mal und suche … wie … Carlos. Okay. Das mache ich“, rappelt er sich hoch und verschwindet.
Vera krabbelt auf allen Vieren aus der Kabine heraus, zieht sich mühsam am Waschbecken hoch und schaut im Spiegel ihre Wunde an der Stirn an. Tupft vorsichtig mit zwei Fingern darauf, aber das Blut ist nicht mehr frisch.
Ich drehe Vera sanft zu mir um. Sie wehrt sich nicht wirklich und nimmt meine Schulter dankbar an. Lautes Schluchzen folgt. Ihr ganzer Körper schüttelt sich, und wir sinken zu Boden. Dabei kann ich sie nur mit Mühe festhalten. Aber es gelingt. Jetzt sitzen wir eng umschlungen mitten im Damenklo. Eine völlig abstruse Situation, passend für eine Komödie oder ein Drama. Ganz egal.
Ein Laut reißt mich zurück in die Gegenwart. Wieder dieses herzzerreißende Schluchzen.
„Warum? Warum hat er das gemacht?“, bricht es aus Vera heraus. Dann folgt eine kleine Ewigkeit nichts.
Ich streichele ihr über die blonden Haare. „Wenn du mir erzählen magst, was passiert ist … ich höre dir zu.“
„Es war doch nur ein Spiel. Eine kindische Wette. Er hat sich einen Kaffee bei mir geholt und wir haben herumgealbert. Er hat gesagt, die Eintracht wird zur Halbzeit 2:1 führen und mit mir um einen Kuss gewettet. So zum Spaß. Einfach nur eine Blödelei. Ich habe gedacht, den siehst du eh nie wieder. Aber er kam und hat sich seinen Kuss abgeholt. Ganz brav auf die Backe. Es war lustig und er war schon irgendwie mein Typ.“
„Und dann?“
„Hat er mir eine zweite Wette angeboten. Wenn die Eintracht das Spiel gewinnt, wollte er einen echten Kuss. Und einen für jedes weitere Tor, das die Mannschaft gegen die Bayern noch schießt. Und für mich 500 Euro für jedes Tor, das die Bayern noch schießen.“
„500 Euro. Nicht schlecht.“
„Ich konnte doch nicht ahnen, dass die wirklich fünf Tore schießen. Habe gedacht, die Bayern machen schon noch eins oder sogar zwei rein. Macht einen Tausender. Für mich. Das, was wir hier bekommen, ist nicht schlecht, aber … Hallo? Ein Tausender!
„Und du hast ihm geglaubt?“, frage ich vorsichtig nach und bin mir nicht ganz sicher, ob ich ihr die Geschichte so abnehmen soll. 500 Euro pro Tor … klingt nicht wirklich glaubhaft.
Sie hebt angewidert die Mundwinkel. „Ja klar. Mein Gott. Fußball. VIP-Bereich. Da fliegen die Scheine doch immer tief.“
Innerlich muss ich lachen. Ja, in der Fußball-Bundesliga geht es um eine Menge Geld. Und viele genießen es, ein Teil dieser Welt zu sein. Für 90 Minuten plus Nachspielzeit. Aber Fußball ist eben nicht nur Geld. Drüben in der Kurve, die sparen sich jede Fahrt und jede Eintrittskarte vom Mund ab. Und auch hier im VIP-Bereich gibt es eine Menge Leute, die ihr Geld hart verdienen.
„Aber du siehst nicht so aus, als wäre es am Ende nur um ein paar Küsse für die drei Eintracht-Tore in der zweiten Halbzeit gegangen? Wieso bist du mit ihm aufs Klo?“, bohre ich nach.
„Nein. Schlimmer.“ Sie schluchzt wieder laut auf. „Es war mein Vorschlag.“ Pause. „Es ist mein erster Tag heute. Was glaubst du, was die mit mir gemacht hätten, wenn ich an der Kaffeebar mit einem Wildfremden rumknutsche? Also habe ich vorgeschlagen, wir verziehen uns nach dem Spiel kurz auf die Toilette. Er war einverstanden und ein Freund von ihm hat gesagt, er steht Schmiere. Mein Gott, wie dumm bin ich denn?“
Sie bricht ab und beginnt hemmungslos zu weinen. Über das, was passiert ist, und wahrscheinlich über ihre eigene Unbekümmertheit.
„Er hat noch gesagt: Mäuschen, lass uns aus den vier Küssen doch lieber einen ordentlichen machen … und mir dann seine Zunge in den Hals gesteckt. Widerlich! Aber ich dachte immer noch: Okay, du blöde Gans. Das hast du dir schön selbst zuzuschreiben. Augen zu und durch. Statt der erhofften tausend Euro hast du eben nur einen scheiß Geschmack im Mund.“
Ich starre sie an. Frage mich, ob ich an irgendeinem Punkt in meinem Leben ähnlich gehandelt hätte. Wie alt mag sie sein? Mitte, Ende 20? Ziemlich verkrachte Existenz, wenn du in dem Alter noch für Mindestlohn Kaffee servieren musst.
Sie schaut mich an. Kann sie meinen Gedanken erraten haben? Wie peinlich ist das denn?
„Alles gut, Vera“, plappere ich drauflos.
„Nee, nichts ist gut“, antwortet sie aufgebracht. Als hätte sie tatsächlich meine Gedanken gelesen. „Plötzlich hat er mich herumgerissen und meine Brüste und meinen Hintern begrapscht. Ich habe gesagt, er soll sofort damit aufhören. Da hab ich auch schon seine Hand zwischen meinen Beinen gespürt. Mäuschen. Komm. Tu nicht so, als kämst du aus dem Nonnenkloster. Du willst es doch auch, du kleine Nutte, hat er mir ins Ohr gesabbert und versucht, meinen Rock nach oben zu schieben.“
„Und dann?“ Eine dümmere Frage ist mir wahrscheinlich noch nie im Leben eingefallen.
„Ich habe mich mit letzter Kraft aus seiner Umklammerung herausgewunden und ihm eine geklatscht.“
„Gut so.“
„Eher nicht. Er hat mit voller Wucht zurückgeschlagen“, sie deutet auf die derbe Rötung unterhalb ihres Auges. „Ich habe nur noch Sternchen gesehen, das Gleichgewicht verloren und muss beim Fallen auf die Kloschüssel geknallt sein. Dumme Fotze, hat er geschrien und ist einen Schritt zurückgegangen. Den Moment habe ich genutzt, um die Klotür vor seiner Nase zuzuknallen und abzuriegeln. Dann ist es dunkel um mich herum geworden.“
Einen Moment lang überlege ich, wie ich mit dieser grauenvollen Geschichte umgehen soll. Dann treffe ich eine klare Entscheidung: „Vera, wir müssen die Polizei informieren. Hast du das verstanden? Da hilft uns der Sicherheitsdienst nicht weiter.“
Vera rappelt sich mühevoll hoch. Es fällt ihr sichtlich schwer, aufrecht zu stehen. Sie dreht den Hahn auf und spritzt sich Wasser ins Gesicht. Dann blickt sie sich selbst im Spiegel an. Eine gefühlte Ewigkeit lang.
„Vera?“, frage ich.
Sie überlegt einen Moment. Dann antwortet sie mit klarer Stimme: „Okay. Dann eben die Polizei. Aber glaub mir, die kriegen das nicht gebacken. Du musst mir helfen. Ihr habt doch überall Kameras. Kommst du an die Aufzeichnungen ran? Dann können wir den Mann identifizieren. So wie sie es letztes Jahr in einem Fanzug von München nach Gladbach gemacht haben. Nach der Vergewaltigung einer 19-Jährigen haben sie in Flörsheim den Zug gestoppt, das Opfer rausgeholt und von allen mitfahrenden Männern zwischen 18 und 50 bei den weiteren Haltepunkten Fotos gemacht. So haben sie das Schwein gekriegt.“
Wow. Damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Die letzten Sätze kamen wie aus der Pistole geschossen, wie auswendig gelernt. Ich muss einen Moment nachdenken. Mir Klarheit verschaffen. „Vera. Beruhige dich. Wir tun alles. Natürlich. Aber ohne Polizei geht gar nichts. Die müssen alles veranlassen. Verstehst du? Ich kann da gar nichts machen.“
In diesem Moment reißt Carlos die Tür auf. Er schaut erst mich, dann Vera an. „Was um Himmels willen ist hier passiert?“, will er mit bohrendem Blick wissen.
„Das lässt sich nicht in zwei Sätzen erklären“, antworte ich zögernd, doch davon scheint er wenig zu halten.
„Draußen stehen sich die Damen schon die Füße platt“, deutet er grinsend auf die Tür. „Also, wenn nichts beschädigt ist, sollten wir vielleicht in die Geschäftsstelle gehen und dort reden.“
Mit diesen Worten schiebt uns der große Kerl mit einer ausladenden Handbewegung zur Tür hinaus. Vera zuckt nicht einmal, als er sie sanft anschiebt. Ihre Panik scheint verflogen.
In meinem Büro angekommen, drücke ich ihr einen Kaffee in die Hand. „Schnaps?“, frage ich. Sie schüttelt den Kopf. „Wenn ich noch zur Polizei soll – besser nicht.“
Sie schaut erwartungsvoll zu Carlos, aber der scheint ausgerechnet jetzt unschlüssig. „Ihr müsst mir gar nichts erzählen. Sie müssen nur entscheiden, ob ich die Polizei einschalten soll. Dauert keine fünf Minuten, dann sind die Beamten hier“, erklärt er Vera. Sie nickt und schweigt.
Für Carlos das Zeichen, dass er zunächst nicht aktiv werden muss. Er dreht sich Richtung Tür. „Ruf mich an, wenn sie sich anders entscheidet“, murmelt er. „Ich werde sie auf jeden Fall schon mal bei der Security als abwesend melden. Sonst sucht noch das halbe Stadion nach ihr.“
Als die Tür ins Schloss fällt, setzt sich Vera auf. „Und nun?“, will sie wissen.
„Nun rufe ich Severin an. Severin Klemm. Ein Freund von mir. Er ist Journalist und hatte es zuletzt mit einer Art Wett-App zu tun. Da geht es wohl um solche Sachen, wie du sie mit dem Typ im Stadion erlebt hast. Seltsame Wetten eben. Vielleicht kann er helfen. Ist das okay für dich?“
Sie nickt.
KAPITEL 2
SAMSTAG, 2. NOVEMBER 2019, 17.40 UHR
SEVERIN
Severin?“
Blinzelnd sehe ich über meinen Monitor hinüber zu Achim, der vor seinem Gesicht herumschnipst, als würde er sich selbst aufwecken wollen. Ich hebe meine Brauen und fahre mir durch die Haare.
„Was, Achim?“
„Hast du das gelesen?“
Ich verziehe den Mund und atme tief durch.
„Was, Achim?“, wiederhole ich meine Frage und werfe einen Blick aus dem Fenster.
„Bei deinem scheiß Zockerspiel ist einer draufgegangen. Ist gerade als Agenturmeldung reingekommen.“
Wie elektrisiert erhebe ich mich und gehe um den Tisch zu ihm hinüber. Mein Blick fixiert den Bildschirm und die Worte, die da groß und fett stehen. Mir mit jedem einzelnen Buchstaben Panik und Schuld in die Glieder rammen.
War es nur eine dumme Wette? 19-Jähriger stirbt nach Fenstersturz.
„Ich muss da hin“, murmle ich völlig in Gedanken, greife mir meine Jacke und gehe, ohne auf Achims Rufe zu hören.
Dieses verdammte Spiel. Diese verdammte App. Ich verdammter Idiot. Warum habe ich es nicht geschafft, sie abstellen zu lassen?
Kurz bevor ich am Aufzug bin, fingere ich mein Handy aus der Tasche und wähle Tims Nummer.
„Bist du schon raus aus dem Stadion? Du musst mich abholen.“
„Hast du ’nen Knall?“
„Tim!“, knurre ich zurück, nehme das Handy kurz von meinem Ohr, um mich zu beruhigen, und rede dann weiter. „Ein Spieler ist gestorben.“
Mit einem „Bin unterwegs“ beendet Tim das Telefonat. Ich starre verwirrt auf mein Handy, rufe den wenigen Kollegen am Newsdesk „Außentermin!“ zu und trete in den Aufzug. Die Erinnerungen überrennen mich. Lassen mich taumeln, bis ich mich schwer atmend gegen die kühle Fahrstuhlwand lehne.
Der Tote könnte ich sein. Ich, weil ich über diese blöde App recherchieren wollte, aber immer weiter in den Sumpf hineingeraten bin.
Unten angekommen, muss ich nicht lange warten, bis Tim in seinem schwarzen BMW vorfährt. Von Sachsenhausen ist es nur ein Katzensprung hierher. Jedenfalls an einem Samstagnachmittag. Selbst dann, wenn die Eintracht gespielt hat.
„Wo müssen wir hin?“, fragt er, als ich einsteige, und mustert mich. Mustert mich mit diesem bestimmten Blick, den auch Lydia nach meiner Verhaftung draufhatte. Als wollten sie nachsehen, ob etwas in mir zerbrochen ist. Dabei vergessen sie, dass man es nicht sehen kann. Keiner kann das, außer mir.
„Uni“, zische ich. „Westend.“
Die Stille im Auto erdrückt mich und bringt alles zurück. Die Blicke. Die Stille. Die Enttäuschung in Lydias Augen, als sie begriff, dass ich nie in einem Kriegsgebiet gewesen war. Dass ich nie zu dem Journalisten geworden bin, den sie in mir gesehen hat. Stattdessen bin ich einer abstrusen Wettgesellschaft hinterhergejagt und habe mich selbst zum Spieler gemacht.
Nach einer halben Ewigkeit kommen wir endlich an. Ich springe aus dem Auto und während Tim einen Parkplatz sucht, stürme ich auf den abgesperrten Bereich vor dem Brunnen.
Die Leiche wird abgeschirmt und einige Polizisten halten weinende Studenten zurück. Wieder prasseln Bilder auf mich ein. Diesmal von Lydia, Tim und mir. Von einer unbeschwerten Zeit hier am Campus. Ich sehe kurz hinter mich zum Casino, in dem wir so oft gegessen haben.
„Was ist passiert?“, frage ich einen der Polizisten. Er versucht auf dem Presseausweis, den ich ihm vor die Nase halte, etwas zu erkennen, und sofort wird sein Blick abschätzig.
„Die Presse ist also auch schon da.“
„Was ist passiert?“, wiederhole ich und balle meine Hände zu Fäusten. Seit ich in der Türkei nach den Betreibern der Wett-App gesucht habe, ist da wieder diese Wut in mir. Eine, die ich kaum imstande bin zu bändigen.
„Ein Student ist aus dem zweiten Stock gestürzt“, übernimmt eine junge Frau neben mir das Wort. Ihre Stimme klingt fassungslos und gebrochen. So, wie sich meine Stimme wahrscheinlich auch einmal angehört hat. Damals, vor den Toten in der Tiefgarage. Vor Kats Tod, bevor Lydia entführt wurde und bevor Mic entlassen wurde, nur um sich dann das Leben zu nehmen.
Ich schlucke schwer und räuspere mich, um meine Fassung wieder zu erlangen.
„Und er hat diese App gespielt?“, frage ich sie und zeige auf meinem Handy das rot-schwarze Symbol des Icons.
Sie zuckt mit den Schultern und deutet dann auf einen Kerl, der oben an der Treppe steht und starr hinabsieht. „Frag ihn.“
Der Polizist seufzt, doch ich ignoriere ihn und gehe auf den paralysierten jungen Mann zu.
„Hey“, versuche ich einen Anfang und lege den Kopf ein wenig schief. „Bist du ein Freund des Toten?“
Bei diesem Wort treffen mich seine vernebelten Augen. Dann nickt er matt und resigniert.
„Wir wollten doch nur …“ Seine Stimme bricht.
„Severin!“, höre ich plötzlich Tims Stimme, ignoriere sie aber. Im Augenwinkel erkenne ich den Polizisten. Er wird auch begriffen haben, dass dieser Junge hier dabei war.
„Was ist passiert?“, fordere ich eindringlich und berühre seine Schulter.
„Wir wollten nur ein bisschen Geld verdienen. Und Marvin wusste alles über die Eintracht und …“
„Und?“
„Er sollte die nächste Antwort vom Fenstersims aus hinausschreien. Aber wir haben vorher getrunken und …“
„Kommen Sie bitte mit mir“, unterbricht uns der Polizist und stellt sich zwischen uns. Hier werde ich also keine Informationen mehr bekommen. Verdammt. Diese beschissene App.
„Severin!“, höre ich Tim wieder schreien. Jetzt deutlich näher und völlig außer Atem.
„Was ist los, Mobby Dick? Bist du schon wieder gerannt?“, frage ich mit zusammengezogenen Brauen, als er vor mir ankommt und sich schweratmend auf seinen Beinen abstützt.
Tim brummt irgendetwas, das ich nicht verstehe, sich aber verdächtig nach „Arschloch“ anhört. Ich drehe mich um und suche nach einem bekannten Gesicht und dann erkenne ich sie.
„Jules!“, rufe ich über den Campus. Ein paar der Polizisten drehen sich um und dann trifft mich ihr Blick. Sie sieht so verdammt zornig aus, dass ich belustigt einen Mundwinkel hebe, während sie auf mich zu stapft.
„Du sollst mich ordentlich ansprechen, wenn ich im Dienst bin, Severin!“, knurrt sie kaum hörbar und funkelt mich böse an. Ich hebe beschwichtigend meine Hände und deute dann auf den jungen Kerl, den ich gerade noch befragt habe.
„Sie sind Spieler?“, frage ich, obwohl es viel eher eine Feststellung ist. Aber Jules mag es, wenn ich ihr das Gefühl gebe, sie hätte alles in der Hand, während ich sie um kleine Happen an Informationen anbetteln muss. „Oberkommissarin Monika Julia Lacker“, füge ich noch schnell und grinsend hinzu.
„Ja, Herr Klemm. Sie sind Spieler. Einer von ihnen war ein Spieler. Denn jetzt ist er tot. Verstehst du? Es gibt eine Leiche. Also hast du hier nichts zu suchen. Ich bin die Polizei.“
„Und ich Journalist“, sage ich mit geschwollener Brust und schnipse Tim zu, der mich nur verdutzt ansieht, statt mir einen Zettel zu reichen. Anfänger.
„Das ist kein Spiel, Sev“, flüstert Jules und tritt ein wenig näher. „Du wärst ebenfalls fast gestorben und …“
„Genau genommen ist es sehr wohl ein Spiel.“
Sie seufzt genervt, fährt sich durch ihr Haar und dann nehmen ihre Augen einen flehenden Ausdruck an.
„Bitte, Severin. Halt dich da raus!“
Ich will ihr gerade sagen, dass ich es nicht kann. Nein, ich will es ihr ins Gesicht brüllen, weil ich wieder einmal von dieser kaum zu bändigenden Wut überrannt werde, als mein Handy klingelt. Ich stöhne genervt, nehme es aus meiner Tasche und starre auf den Namen, der dort grell blinkt. Lydia. Was? Irritiert nehme ich das Gespräch an. Jules verfolgt jeden meiner Schritte von ihr weg.




