Die Syntax-Pragmatik-Schnittstelle

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1.2 Informationsstruktur
Analysiert man Sätze wie in Abschnitt 1.1 dargestellt, liegt der Fokus der Betrachtung auf rein strukturellen Eigenschaften. Sätze werden von Sprechern im Gespräch aber natürlich auch zu bestimmten Zwecken verwendet. Da wir uns in diesem Buch für die Zusammenhänge zwischen der grammatischen Form von Sätzen und ihrer Verwendung im Diskurs interessieren, ist es ebenfalls nötig, zunächst einige grundlegende Aspekte auf Seiten der Verwendung von Sätzen zu betrachten. Insbesondere wird bei den Phänomenen in Kapitel 2 bis 7 die InformationsstrukturInformationsstruktur im Mittelpunkt stehen. Musan (2002: 200) charakterisiert die Informationsstruktur folgendermaßen:
Die Informationsstruktur versucht […] unter anderem zu erfassen, dass der Satz nicht nur eine bestimmte INFORMATION AUSDRÜCKT, sondern auch im konkreten Informationsfluss zwischen einem ,Sprecher‘ und einem ,Hörer‘ im weiteren Sinne bestimmte INFORMATIONEN ÜBERMITTELT.
Was man sich unter dem übermittelten Anteil einer Äußerung vorstellen und durch welche sprachlichen Mittel diese Information kodiert werden kann, illustrieren wir im Folgenden anhand zweier Dimensionen der Informationsstruktur, der Fokus-Hintergrund-GliederungFokus-Hintergrund-Gliederung (FHG) und der Topik-Kommentar-GliederungTopik-Kommentar-Gliederung (TKG).
1.2.1 Fokus-Hintergrund-Gliederung
Im Prinzip kann in einem Satz jede Konstituente akzentuiert werden (im Folgenden angezeigt durch Großschreibung). Der Satz in (47) kann realisiert werden wie in (48).
(47) Hans wird morgen nach Köln fahren. (48) a. HANS wird morgen nach Köln fahren. b. Hans wird MORgen nach Köln fahren. c. Hans wird morgen nach Köln FAHren. d. Hans WIRD morgen nach Köln fahren. e. Hans wird morgen nach KÖLN fahren.
In Abbildung 1 sieht man, dass die zweite Silbe von Berlin einen TonhöhenakzentTonhöhenakzent erhält. Auf der x-Achse ist die Zeit aufgetragen, auf der y-Achse die Frequenz.

Abbildung 1: Tonakzent (Féry 1993: 66)
Strukturell sind die Sätze in (48) identisch. Es treten jeweils die gleichen Wörter und Konstituenten auf, die zudem dieselbe syntaktische Funktion erfüllen. Die Sätze drücken auch alle dieselbe PropositionProposition aus, nämlich dass Hans am folgenden Tag nach Köln fahren wird. Aus diesem Grund sind alle Sätze aus (48) unter genau denselben Umständen wahr. (48a) ist wahr, wenn Hans morgen nach Köln fahren wird. Gleiches gilt für (48b) bis (48e). Dennoch sind die Sätze aber nicht komplett identisch. Sie sind nicht – was die Voraussetzung für SynonymieSynonymie wäre – in jedem Kontext füreinander austauschbar. Die Sätze haben vielmehr unterschiedliche Verwendungsbedingungen. (48e) kann z.B. eine Antwort auf die Frage in (49) sein.
(49) A: Wohin wird Hans morgen fahren? B: Hans wird morgen nach KÖLN fahren.Man kann auf die Frage in (49) aber mit keinem anderen der Sätze aus (48) antworten, wie (50) zeigt.
(50) A: Wohin wird Hans morgen fahren? B: #HANS wird morgen nach Köln fahren. B': #Hans wird MORgen nach Köln fahren. B'': #Hans wird morgen nach Köln FAHren. B''': #Hans WIRD morgen nach Köln fahren.Die Antworten in (50) sind nicht ungrammatisch, doch man hat das Gefühl, dass sie nicht recht passen.

Ändert man die Frage, ist ein anderer Satz aus (48) passend, die anderen eignen sich aber wiederum nicht als Antwort (vgl. z.B. (51)).
(51) A: Wer wird morgen nach Köln fahren? B: HANS wird morgen nach Köln fahren. B': #Hans wird MORgen nach Köln fahren. B'': #Hans wird morgen nach Köln FAHren. B''': #Hans WIRD morgen nach Köln fahren. B'''': #Hans wird morgen nach KÖLN fahren.Man stellt fest, dass die Sätze völlig akzeptabel sind, wenn man mit der akzentuierten (man sagt auch fokussiertenFokus) Konstituente die Antwort gibt. Nimmt man an, dass das, was durch eine w-Frage erfragt wird, fehlende, unbekannte, unerwartete Information ist, während der Rest des Satzes bekannt, akzeptiert und erwartbar ist, lässt sich über einen Satz wie den zweiten Satz in (52) sagen, dass er in zwei Teile zerfällt.
(52) A: Wer wird morgen nach Köln fahren? B: [Fokus HANS] [Hintergrund wird morgen nach Köln fahren].Dies ist zum einen akzeptierte und erwartbare Information (wird morgen nach Köln fahren) und zum anderen neue und unerwartete Information (Hans). Eine derartige Gliederung fällt unter die InformationsstrukturInformationsstruktur eines Satzes.

In den obigen Beispielen haben wir zur Diagnostik des Fokusbereichs eines Satzes w-Fragenw-Frage verwendet. In der Regel erfragt ein w-Pronomenw-Pronomen eine neue Information, während über den Rest des Satzes Einigkeit besteht. Die Korrelation zwischen neuer Information und Fokus wird gerne angenommen, es gibt aber auch Beispiele, die zeigen, dass auch Bekanntes fokussiert sein kann. In (53) ist Charlotte durch die erste Äußerung vorerwähnt und somit bekannte Information, dennoch ist diese Konstituente im zweiten Satz akzentuiert und bildet den Fokus.
(53) Charlottes Foto ist schön. – Nein, [Fokus CharLOTte] [Hintergrund ist schön]. (Musan 2010: 52)
Über die Natur der Alternativen macht diese Definition keine Aussage und es lassen sich tatsächlich u.a. verschiedene Funktionen von FokusFokusfunktionen unterscheiden (vgl. Krifka 2007: 21ff., Musan 2010: 42f.).
(54) A: Was tut weh? B: [Fokus Mein ZAHN] tut weh. (55) A: Eva hat [Fokus eine RATte]. B: Nein, Eva hat [Fokus eine KATze]. (Musan 2010: 43) (56) A: Eva hat [Fokus eine RATte]. B: Ja, Eva hat [Fokus eine RATte]. (57) Mareike hat [Fokus ein KaNINchen]. Eva hat [Fokus eine KATze]. (Musan 2010: 43)In (54) liefert die fokussierte Einheit als Antwort auf die Frage tatsächlich neue Information, man spricht von einem InformationsfokusInformationsfokus. Die Fokusalternativen werden durch die Frage eröffnet (Zahn, Arm, Bein etc.). In (55) spricht man von einem KorrekturfokusKorrekturfokus. Eine Aussage der Form Eva hat X. muss unmittelbar vorangegangen sein, der korrigierte Ausdruck wird verneint. Ähnlich muss in (56) eine (in diesem Fall genauer die gleiche) Aussage vorangegangen sein. Der fokussierte Ausdruck wird allerdings nicht verneint, sondern bestätigt (BestätigungsfokusBestätigungsfokus). In (57) werden die beiden Fokuseinheiten gegenübergestellt, weshalb man diesen Fall als KontrastfokusKontrastfokus bezeichnet.
Der FokusakzentFokusakzent wird einer Silbe aus dem FokusbereichFokusbereich zugeordnet. Wenn ein einsilbiges Wort vorliegt und nur dieses Wort alleine der Fokus der Äußerung ist, entspricht die akzentuierte Silbe der Fokuseinheit (vgl. (58)).
(58) A: Wen hat Irma eingeladen? B: Sie hat [Fokus HANS] eingeladen.Wenn ein Wort, das alleine den Fokus bildet, aus mehr als einer Silbe besteht, erhält diejenige Silbe den Fokusakzent, die den Wortakzent trägt:
(59) A: Wen hat Irma eingeladen? B: Sie hat [Fokus STEfan] eingeladen.Besteht eine NP aus mehr als einem Nomen, ist zwar auch die Silbe des Nomens akzentuiert, die NP steht aber als Ganzes im Fokus (vgl. (60)).
(60) A: Wen hat Irma eingeladen? B: Sie hat [Fokus ihren SCHULfreund] eingeladen.Die akzentuierte Silbe bezeichnet man als FokusexponentenFokusexponent. Die Beispiele in (58) bis (60) zeigen, dass der Fokus genauso groß sein kann wie der Fokusexponent, der Fokusbereich aber auch größer sein kann. Dass eine NP im Fokus steht, kann über den Test durch die Bildung einer w-Frage abgeleitet werden. Man kann dies weiterführen und dadurch zeigen, dass auch größere Bereiche eines Satzes ggf. Fokus sein können. In (61) und (62) zeigen die Fragen an, dass die VP bzw. CP den Fokus bildet.
(61) A: Was hat Irma gemacht? B: Sie hat [Fokus ihren SCHULfreund eingeladen]. (62) A: Was war los? B: [Fokus Irma hat ihren SCHULfreund eingeladen].Wird das Nomen Schulfreund akzentuiert, kann die NP anscheinend alleine den Fokus bilden (enger FokusEnger Fokus), es können aber auch größere Teile des Satzes den Fokus ausmachen (weiter Fokusweiter Fokus). Das Verhältnis zwischen Fokusexponent und Fokusbereich bezeichnet man als FokusprojektionFokusprojektion bzw. FokusvererbungFokusvererbungFokusprojektion. Das heißt, der Fokus wird von dieser Silbe auf größere Teile des Satzes projiziert. Es ist Gegenstand der Forschung, die Bedingungen zu formulieren, unter denen Fokusprojektion möglich ist (vgl. z.B. Selkirk 1995, Büring 2006). Wichtig ist, dass wir sehen, dass Fokus und Akzent nicht stets zusammenfallen.

1.2.2 Topik-Kommentar-Gliederung
Eine weitere Dimension der Informationsstruktur ist die Dichotomie von TopikTopik und KommentarKommentar. (63) beispielsweise interpretiert man ganz natürlich als einen Satz über Brigitte, und was über Brigitte ausgesagt wird, ist, dass sie das Radfahren liebt.
(63) [Topik Brigitte] [Kommentar liebt das Radfahren].
In (63) steht das Topik im VorfeldVorfeld. Dies muss aber nicht so sein. In (64) steht es im MittelfeldMittelfeld.
(64) Was gibt’s Neues über das Stadtschloss? Laut Bürgermeister Jacobs wird man dieses furchtbare Gebäude nächstes Jahr endlich abreißen. (Fanselow 2006: 6)In manchen Fällen kann auch allein der Kontext auflösen, welche Einheit das Topik ist. In (65) können prinzipiell Hans (vgl. (66)) oder Maria (vgl. (67)) das Topik sein.
(65) Hans hat Maria zum Tanz aufgefordert. (66) A: Erzähl mir von Hans. B: [Topik Hans] [Kommentar hat Maria zum Tanz aufgefordert]. (67) A: Erzähl mir von Maria. B: [Kommentar Hans hat] [Topik Maria] [Kommentar zum Tanz aufgefordert]. (nach Erteschik-Shir 2007: 15)Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Kontexte zu konstruieren, die ein Topik als solches auszeichnen. Dazu gehört z.B. der FragetestFragetest, den wir bereits eingesetzt haben, um die Fokus-Hintergrund-GliederungFokus-Hintergrund-Gliederung (FHG) zu bestimmen. In (68) fordert die Frage Informationen zu einer Einheit, die dann entsprechend als Topik interpretiert wird. Das, was in der Frage an Information fehlt, ist der Kommentar.
(68) A: Was hat Albert gemacht? B: [Topik Albert] [Kommentar hat Saxophon gespielt].Das Topik kann auch über EinleitungssequenzenEinleitungssequenz wie in (69) bis (71) nahegelegt werden (vgl. Musan 2010: 28f.).
(69) Ich erzähle dir etwas über Albert. [Topik Albert] [Kommentar lernt jetzt Harfe spielen]. (70) Es gibt etwas Neues über Albert. [Topik Albert] [Kommentar lernt jetzt Harfe spielen]. (71) Hast du das über Albert schon gehört? [Topik Albert] [Kommentar lernt jetzt Harfe spielen].Auch gibt es einige spezielle Konstruktionen, die dazu verwendet werden können, das Topik eines Satzes zu kodieren. Für die Strukturen in (72) bis (74) hat man z.B. angenommen, dass sie die am linken Satzrand stehende Einheit als Topik auszeichnen.
(72) [Topik Meinen Onkel,] [Kommentar den habe ich lange nicht gesehen]. (73) [Topik Mein Onkel,] [Kommentar ich habe ihn lange nicht gesehen.] (74) Was [Topik Miriam] betrifft, [Kommentar so weiß ich nicht, warum sie heute zu spät kommt]. (Musan 2010: 33f.)(72) ist eine sogenannte LinksversetzungLinksversetzung, die sehr ähnliche Struktur in (73) bezeichnet man als Hängendes TopikHängendes Topik und (74) ist ein Beispiel für ein Freies ThemaFreies Thema.
Aus der Möglichkeit von Frage-Antwort-SequenzenFrage-Antwort-Sequenz wie in (68) und (71) darf nicht gefolgert werden, dass Topik und Bekanntes bzw. Kommentar und Unbekanntes immer gleichzusetzen sind. Dies wird suggeriert, da das Topik bereits in der Frage vorkommt und der Kommentar der Teil der Äußerung ist, den die Frage erfragt. Unter der Sicht, dass der Fokus mit neuer Information assoziiert wird, erfolgt die Auszeichnung von Topik und Kommentar hier parallel zur FHG.
(75) A: Was hat Albert gemacht? B: [Topik Albert] [Kommentar hat Saxophon gespielt]. B: [Hintergrund Albert] [Fokus hat Saxophon gespielt].Die Beispiele in (76) und (77) illustrieren, dass die Auszeichnungen nicht parallel verlaufen müssen.
(76) A: Was haben die Kunden gelesen? B: Eine Frau hat eine Computerzeitschrift gelesen. (77) A: Auf dem Tisch liegen so viele Bücher – die Bibel, „Harry Potter und der Halbblutprinz“, „Die Forsyte-Saga“. Was hat Eva gelesen? B: Eva hat „Harry Potter und der Halbblutprinz“ gelesen. (Musan 2010: 29)In (76) wird eine Aussage über die gelesenen Dinge durch Kunden gemacht (vgl. (78a)). Bekannt ist aber nur, dass überhaupt etwas gelesen wurde, d.h. sowohl die Frau als auch die Zeitschrift können als unbekannte Information gelten (vgl. (78b)). Im Topikbereich tritt somit unbekannte Information auf.
(78) a. [Topik Eine Frau] [Kommentar hat eine Computerzeitschrift] [Topik gelesen]. b. [Fokus Eine Frau] [Fokus hat eine Computerzeitschrift] [Hintergrund gelesen]. (Musan 2010: 29)In (77) wird Information über Evas gelesene Bücher verlangt (vgl. (79a)). Sowohl Eva als auch das Buch als auch die Tätigkeit des Lesens sind im Kontext vorerwähnt und in diesem Sinne Teil des Hintergrunds. In diesem Beispiel liegt somit bekannte Information im Kommentar vor.
(79) a. [Topik Eva hat] [Kommentar „Harry Potter und der Halbblutprinz“] [Topik gelesen]. b. [Hintergrund Eva hat] [Hintergrund „Harry Potter und der Halbblutprinz“] [Hintergrund gelesen]. (Musan 2010: 29)Das heißt, Topikstatus kann, muss aber nicht, mit Bekanntheit und Kommentar mit Unbekanntheit korrelieren.








