Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)

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Nun - diese beiden Rundschreiben gaben einen sehr großen Gesprächsstoff ab, so daß ein Mondmann, der bloß silbern phosphorescierte und keine Spur Röte am Körper zeigte, bald so seltsam auffiel wie ein pechschwarzer Komet.
Jetzt wurden von den Mondleuten infolge des lebhafteren Verkehrs auch wieder jene Krater aufgesucht, in denen sich beim Luftwechsel zu bestimmten Zeiten herrliche Töne hören ließen - die oft wie große Orchestermassen in klangvoll rauschendem Melodienfluß das Ohr mit Entzücken erfüllten - wie Töne aus fernen Geisterwelten.
In der Nähe dieser Musikkrater wurde von der Kunst der Erdmänner oft in sehr erregten Worten gesprochen. Und mancher Mondmann hielt es gar nicht für einen Vorzug im Mondleben, daß in ihm alles Herrliche auch ohne Zutun der Mondmänner da war - während auf der Erde die verschiedenen Erdmänner sich eigene, nur ihnen selbst gehörende Welten erschaffen konnten.
Der Weltfreund Rasibéff gab sich große Mühe, klarzulegen, daß in den Mondteleskopen eben unzählige Welten da seien und daß die doch besser seien als die zusammengedachten das Zusammendenken sei für die Kreaturen doch mehr Quälerei als Vergnügen - und das große Teleskop von Monddurchmesserlänge werde eben mehr Welten sichtbar machen - als Millionen Erdleute ausdenken könnten.
»Die Kunst der Erdmänner brauchen wir eben nicht mehr.«
Das erklärte Rasibéff immerzu; er behauptete auch, daß die grandiose Kratermusik nie und nimmer von den kleinen Instrumenten der Erdleute nachzumachen sei.
Die Konzerte, die die Krater zum besten gaben, ließen allerdings an Vielseitigkeit nichts zu wünschen übrig, da die natürliche Konstruktion der porosen Kraterwände alle denkbaren Varianten auch zur Ausführung brachte. Es war eben überflüssig, die natürlichen Kompositionen zu überbieten; sie überboten sich ja von selber immerfort.
Die Mondleute konnten eigentlich, wenn sie fein ihre Ohren spitzten, überall auf der Oberfläche die feinste Musik vernehmen, die Goldkäfer trugen ebenfalls, wenn die Sonne nicht schien, das ihre zu der Musik bei; die Goldkäfer warfen sehr oft einen drolligen Glanzkitzel in die Tonwelten hinein - etwas Lächelndes stak in den oft zitternden Stimmen dieser Goldkäfer- als wüßten sie was von den fernsten Sternen.
Es gab Krater, die nur durch gewaltig komplizierte Harmonien immer wieder neue ergreifende Stimmungen im Zubehör auslösten; andere Krater wirkten wieder nur durch Melodien.
Rasibéff wurde gar nicht müde, die unzähligen Vorzüge der Mondmusik an allen Ecken und Kanten auseinanderzusetzen, die irdische Kunst war nach seiner Meinung wirklich nur ein Notbehelf.
Die Agitation der Erdfreunde wurde durch Rasibéffs Eifer bedrängt - gleichzeitig aber auch aufgestachelt - zu noch größerer Energie.
An einem stillen Abend nach langen Reden am Schwammkrater schwebt Rasibéff hoch über den Moosfeldern ins Dunklere, blickt stolz zum großen Himmel auf, in dem die unzähligen Sternwelten funkeln und glühen - auf schwarzem Grunde.
Unten am Horizonte sieht Rasibéff auch die Erde als große karminrote Scheibe - und er wendet sich ab - und wird grün vor Ärger - und schüttelt sich, als er das bemerkt - und blickt scheu um sich - und sieht unter sich die unzähligen Goldkäfer, die die Oberfläche des Mondes ebenso erscheinen lassen, wie ein Himmel mit Sternwelten in Augen ohne Fernrohr aus sieht, so daß Rasibéff plötzlich glaubt, mitten unter unzähligen Sternen zu schweben und ihnen ganz nahe zu sein.
Und der Weltfreund steigt auf wie ein rotglühender Feuerball und möchte aus der Atmosphäre raus - und wird oben grün, wie er fühlt, daß er nicht höher kann.
»Die Vollkommenheit unsres Lebens«, sagt er heftig, »ist nur dann da, wenn wir aus unsrer Luft nicht rauswollen.«
Währenddem wird unten in den Rauchergrotten, wo die kolossalen Fächerblumen nach allen Seiten immerzu wachsen und zerfallen, von der Bedeutung der erdmännischen Individualität gesprochen.
Und Knépparas Rundschreiben wird heftig angegriffen.
Der sonst so ruhige wissenschaftlich denkende Zikáll, der für gewöhnlich nur mit chemischen Kochtöpfen beschäftigt ist, hält eine lange Rede, in der er zum Schlusse sagt:
»Darüber wollen wir uns doch ja nicht täuschen: daß die weisen Erdmänner auch alle Tage ein paar Bestienzüge in ihren Charakter schmieren - das macht diesen nicht reicher. Die Mondleute unterscheiden sich auch voneinander- aber sie können doch nicht interessanter werden dadurch, daß sie in atavistischer Weise Bestienzüge in ihren Charakter schmieren. Knéppara ist so nervös geworden, daß er schon ganz ungereimte Sachen redet. Wenn die Opposition doch bloß nicht immer gleich zu weit gehen möchte!«
Zikáll trifft drei Tage später in den dampfenden Bädergrotten, in denen man auch Wolken studieren kann wie bei den Rauchern, den schwitzenden Rasibéff.
Und dem Rasibéff sagt der Zikáll:
»Mein Freund! Daß wir auf der Mondoberfläche weder Wolken noch Nebel haben - das ist ein Mangel auf dem Monde - daher müssen wir uns immer noch eifrig um die Erde kümmern, weil da Wolken und Nebel in Hülle und Fülle zu haben sind.«
»Oho!« erwidert Rasibéff, »in diesem herrlichen Schwitzbade, in dem ich jetzt rotglühend herumschwebe, sehe ich Nebel und Wolken genug- vollauf genug.«
Der Zikáll lacht und ruft:
»Also in dieser Beziehung bist Du wieder sehr anspruchslos. «
Kopfschüttelnd schwebt der große Mann der Wissenschaft weiter - um seine chemischen Kochtöpfe wiederzusehen.
Rasibéff aber empfindet in seinen Fühlhörnern auf dem Kopfe ein leises Zucken - und das bedeutet, daß Mafikâsu seinen Rasibéff sprechen möchte; mit den Fühlhörnern stellen sich leicht elektrische Verbindungen zwischen den Mondleuten her.
Gleich fliegt der Rasibéff auf und läßt sich von seinen Fühlhörnern leiten und kommt durch den Porphyrkrater an die Oberfläche des Mondes, die im hellen Sonnenscheine daliegt - wie ein Funkenreich; das Glitzern der Moosfelder sieht umherspringenden Funken gleich.
Und Mafikâsu schwebt über den Funken und lacht und trommelt lustig auf seinem Ballonbauch, kommt auf seinen Rasibéff zu und stößt so feste mit seiner großen Luftblase gegen die seines Freundes, daß es knallt.
Rasibéff wundert sich über diesen ungewöhnlichen Empfang, aber der große Mafikâsu ruft immer noch lachend:
»Heute, lieber Rasibéff, mußt Du mir erlauben, daß ich mit Dir spaße. Steige auf mit mir in die Sonnenluft - so hoch wir können. Oben will ich Dir ein paar Scherzfragen vorlegen, die Du mir ganz richtig beantworten sollst.«
Und sie stiegen empor in die sonnige Luft - und sahen hinauf in den moosgrünen Himmel und hinunter auf die dunkelgrünen Moosfelder und auf die kleinen Krater, die zwischen den Moosfeldern lagen.
Sehr hoch stiegen die beiden nicht, denn den Mondleuten ist das nicht vergönnt, da die Luftschicht sich nur an den hohen Bergen höher hebt.
Und oben fragte der große Mafikâsu, während er melodiös trommelte, seinen großen Apostel Rasi: »Sage mal, was sind das da für Krater, die da unter diesem moosgrünen Himmel zwischen den moosgrünen Moosfeldern liegen?«
Rasibéff sah seinen großen Meister lachend an und sagte mit ausgestreckten Armen:
»Das da unten sind die berühmten Messingkrater, in denen die großen Teleskope des großen Loso stecken, der nur die Erde betrachten läßt, weil auf der Erde die interessanten Erdwürmer herumkrabbeln, die ihresgleichen in der ganzen Welt nicht haben.«
»Gut, mein Sohn!« versetzte der Mafi, »nun sage mir auch, was die gleißenden Streifen bedeuten, die wie Radspeichen von den Kratern aus strahlenförmig nach allen Seiten gehen. Na?«
Der Rasi hoh seine Arme zum grünen Himmel empor, drehte sich ein paarmal blitzschnell um sich selbst und sagte:
»Das sind die Glasfenster von Loso's Photographiegrotten. Unter den Glasfenstern sind die drolligen Photographien vom Erdball am Tage so hell, daß man sie mit Bequemlichkeit bearbeiten und betrachten kann.«
Die beiden sahen sich jetzt lange an, und ihre Fühlhörner auf dem Kopfe zitterten und wurden rot.
Die beiden Mondmänner wurden auch im runzlichen Gesichte rot - und dann im Rumpf - und dann auch im Ballonbauch.
Das stach aus dem grünen Himmel fein raus.
Und Mafi sagte:
»Kannst Du Dir bei den Glasfenstern nichts denken, lieber Rasi ?«
»lch denke«, versetzte dieser, »an die andre Seite des Mondes, von der die Erdmänner noch niemals was gesehen haben - und wir auch nicht viel.«
»Nun also«, versetzte der Mafi,« so wisse, daß ichs für richtig halte, unsere Agitation vorläufig nur um die Glassteine der anderen Mondseite zu konzentrieren. Loso braucht noch mehr Glas für seine Photographien, und demnach wird er geneigt sein, für einen abermaligen Versuch, in das Jenseitsland des Mondes zu dringen, seine Stimme abzugeben.«
Da lachte der Rasi, und der Mafi lachte ebenso. Und sie schwebten - eifrig ihren Plan besprechend - in den nächsten Krater hinein und hinunter- im blitzschnellen Fluge - mit schlappem Leibe - durch die Delikatessgrotten durch - in das große Fabrikreich des Mondinnern, allwo die roten grünen und blauen Flammen rauchlos über den Schornsteinen und an den Wänden hin und her flackerten.
Hier unten wurden gleich die Mondleute, die an den eisernen Röhren arbeiteten, mit dem neuen Plane bekanntgemacht.
Und es entstand eine allgemeine Bewegung unter diesen Fabrikarbeitern, denn die gehörten sämtlich zur Weltpartei und wünschten sehnlichst die Zeit herbei, in der das große Fernrohr in Arbeit genommen werden mußte - solche Riesenarbeiten machten ja den Fabrikarbeitern immensen Spaß.
Allen leuchtete es ein, daß eine Expedition zur Erforschung der Glasseite wohl die Zustimmung des hohen Rates erlangen könnte - und daß mit dieser Zustimmung schon viel gewonnen sei - für die Weltpartei.
Kaum jedoch war man darüber einig, so kamen Boten von allen Seiten rotglühend herangeflogen und erzählten, daß an den Randgebieten des Mondes, die zur Jenseitsseite hinüberführen, neue Blumen entstanden seien, die blitzschnell - viel schneller als die Blumen in den Rauchergrotten - aus den Moosfeldern herausstiegen und ebenso blitzschnell wieder zusammenbrächen unter seltsam pfeifenden Tönen.
»Das ist«, rief da donnernd der große Mafikâsu, »die Sprache des Mondes selbst. Der Mond selbst will unsre Expedition. Er ruft uns. Wir müssen ihm folgen! Auf! Weltfreunde! Wir müssen siegen!«
Und eine schwärmerische Stimmung bemächtigte sich in wenigen Stunden der gesamten Mondbevölkerung - an allen Kratern - in allen Parteilagern.
»Diese Blitzblumen kamen zur rechten Zeit!«
Also rief der wild herumjagende Rasibéff.
Und jetzt wurde - es war überraschend - die Partei der Weltfreunde - ohne jede weitere Anstrengung- in jeder Stunde größer und stärker.
Die Erdfreunde konnten sich plötzlich gar nicht mehr Gehör verschaffen.
Selbst die Sterbenden in den Todesgrotten hörten von den großen neuen Blitzblumen - und die Ruhe ward dadurch auf den stillen Terrassen - an den dunkelvioletten Wänden - vielfach gestört.
Die Mondleute flogen in hellen roten Scharen zur Jenseitsseite des Mondes - und staunten in den Randgebieten das große Wunder an.
Uberall zuckten in den Randgebieten riesenhafte bunte Blumen wie Blitze aus den Moosfeldern heraus - und sanken blitzschnell wieder in sich zusammen - wie elektrisches Feuerwerk.
Das Pfeifen hörte sich wie ferne hastige Stimmen an - als sprächen wilde Geister von der anderen Seite des großen Mondes.
Rauchen ließen sich diese Blumen nicht.
Und durch die Mondmänner wuchsen sie, ohne eine Empfindung zu erzeugen, blitzschnell durch.
Und die Mondleute schwebten nun in so großen Scharen zu den neuen Blitzblumen, daß es nachts oft so aussah, als ginge ein elektrischer Funkenregen übers kraterreiche Mondgefilde.
Knéppara freute sich über diese elektrische Blütenpracht, die in ihrer ganzen Herrlichkeit nur in dunkler Nacht zu sehen war, keineswegs.
»Mafikâsu«, sagte er, »hat ein unbegreifliches Glück. Bei dieser Aufregung der Mondvölker ist es ganz sicher, daß die Expedition nach der andren Seite des Mondes nicht verschoben werden wird.«
»Das ist auch«, rief der große Loso dazwischen, »nicht beklagenswert. denn wir werden so mehr Glas bekommen, und ich muß gestehen, daß wir noch sehr viel Glas gebrauchen können; unsre Vorräte gehen durch das ewige Photographieren doch allmählich zur Neige - und wir brauchen auch Grotten mit Oberlicht. Bei Leib-, Wand- und Goldkäferlicht kann man nicht viel sehen - wenigstens nicht genug.«
»Du wirst also«, versetzte Knéppara, »für die Expedition Deine Stimme abgeben - nicht wahr?«
»Ohne Zweifel!« rief der große Loso.
Und Knéppara wurde wieder ein bißchen grün und schwebte in schmerzlichster Verfassung mit seinem Ballonbauch in den großen Lesesaal der Erdfreunde hinein.
Der große Lesesaal war jetzt nur so schlecht besucht wie die kleinsten Lesesäle; von den Blitzblumen ließen sich auch die Erdfreunde in großen Scharen hinauslocken.
Die weißwandigen hellen Lesesäle waren sämtlich bodenlos, so daß die Lesenden und Schreibenden an vielen Stellen bequem übereinander sitzen konnten; an den Wänden stiegen steile Terrassen mit Sitzsäulen empor.
Die meisten Grottensäle im Innern des Mondes gestatteten nicht, daß man sich unten auf dem Grunde niederlassen konnte, da sich da zumeist glibbrige Pilze angesiedelt hatten.
In dem großen Lesesaale, in dem sich jetzt der Knéppara niederließ, brachte ein Inspektor zwei neue Folianten herbei, in denen sich der Abdruck einiger Zeitungsseiten befand, die man in der letzten Nacht photographiert hatte; es waren das wieder Zeitungsseiten, die von den Erdmännern herrührten.
Der Inspektor zeigte dem Knéppara eine recht merkwürdige Stelle in diesem Abdruck - da stand klar und deutlich:
Wir leben auf der Erde in einem aufgeklärten Jahrhundert. Unsre Technik macht täglich die bedeutsamsten Fortschritte. Nur unsre moralischen Anschauungen wollen sich immer noch nicht weiter entwickeln. Die Völker kleben noch an unzähligen Vorurteilen - eines der größten ist aber, daß wir uns scheuen, das Fleisch frisch getöteter gesunder Menschen zu verspeisen. Ein lächerliches Vorurteil! In den vielen blutigen Kriegen, die wir jetzt gegen die wilden Völker und gegeneinander führen, werden so viele Menschen getötet, die, trotz dem sie ganz gesund vor ihrem Tode waren, nach Empfang der Todeswunde ohne weiteres in die bereitgehaltenen Erdgräber geworfen werden und dort verfaulen müssen. Wir sind der Ansicht, daß ein derartiges Wegwerfen gesunder Fleischmassen ein himmelschreiendes Unrecht gegen unsre oft in sozialer Not befindlichen Volksmassen ist. Es wäre doch viel praktischer, das frische Fleisch der gefallenen Feinde sofort auf die Märkte der Sieger zu schicken und dort zweckentsprechend zu verkaufen. Wir sind der Überzeugung, daß dabei ein gutes Stück Geld verdient werden kann, da Menschenfleisch bekanntlich als Nahrungsmittel den allerersten Rang einnimmt; das Fleisch der Auster steht an Nährwert und Wohlgeschmack dem des Menschen in jeder Hinsicht nach. Es ist doch geradezu albern, eine derartige Delikatesse, der wir auf Erden schlechterdings nichts an die Seite setzen können, einfach abzulehnen - aus ›moralischen‹ Rücksichten - weils mal zufälligerweise bei uns nicht usuell ist! Diese Sitte! Na - wir haben durchaus keine Veranlassung, diese Sitte fürderhin zu schonen. Mit Hilfe unsrer vortrefflichen Waffen können wir in einer Sekunde Tausende von gesunden Wilden niederschießen und kurz und klein schlagen. Wenn wir uns nicht genieren, dieses zu tun, so brauchen wir uns auch nicht zu genieren, die Getöteten zu verspeisen. Das bringt doch das ewige Kriegsleben einfach so mit sich. Auch bei den immer häufiger werdenden Revolutionen hätten wirs doch wahrlich nicht nötig, die Erschossenen in die Erde zu verscharren. Wer sich gegen die Obrigkeit auflehnt, darf nach menschlichem Rechtsgefühl wohl auch von den Inhabern der Machtstellen verspeist werden; das kann das Ansehen einer jeden Regierung nur vermehren. Der gebratene oder geräucherte Revolutionär wird zu allen Zeiten einen ganz besonderen Leckerbissen abgeben. Es erscheint daher notwendig, unsre Gesetze entsprechend dem oben Mitgeteilten umzuformen, damit der Vergeudung gesunder Fleischmassen ein für alle Mal ein Ende gemacht werde. Der Mensch gehört dem Menschen und nicht den Würmern. Fort mit der Gefühlsduselei! Die schickt sich nicht für unser aufgeklärtes Jahrhundert. Wer Menschen totmacht, kann sie auch aufessen. Wozu sich genieren? Wenn das eine nicht strafbar unsern Gesetzgebern erscheint - so kanns das andere doch auch nicht sein. Wir verstehen es, trefflich mit unsern durchschlagenden Waffen umzugehen - lernen wirs auch, mit unsern Zähnen so trefflich umzugehen. Wir dürfen annehmen, daß uns unsre Köche das Fleisch unsrer Feinde in sehr appetitlicher Zubereitung vorsetzen werden; unsre moderne Küche ist doch zu allem fähig. Und was für Preise werden gezahlt werden für die ›feindlichen‹ Delikatessen! Da wird mancher Lebemann feste sein Portemonnaie rühren! Das vergesse man nicht! Da lassen sich feine Geschäfte machen! Wir werden uns doch all die fetten Bissen nicht wegschnappen lassen - von den Würmern. Nochmals sagen wir: Fort mit der Gefühlsduselei! Sie führt zu nichts und verweichlicht nur die kriegerische Manneskraft unsrer stets kampfbereiten mut- und glorreichen europäischen Nationen, die allen ihren Glanz der Entwicklung ihrer schneidigen, allzeit schlagfertigen Volksheere verdanken.
Nachdem Knéppara diesen Zeitungserguß gelesen, sah er lange den Inspektor an - und der Inspektor sah den Knéppara an -- dann sagte dieser: »Ist das tatsächlich photographiert worden? Ist das tatsächlich...?«
Er konnte nicht weiter - er wurde einfach smaragdgrün - und leuchtete, wie ein Glühwurm auf der Erde leuchtet - in stillen Sommernächten.
Und die Lesenden und Schreibenden im Lesesaal blickten sehr erstaunt auf und schnttelten mißbilligend den Kopf, als sie ihren großen Knéppara wieder mal so grün sahen.
Der Inspektor reichte den Folianten mit den Zeitungsabdrücken herum.
Und die Mondleute, die sämtlich Erdfreunde waren, erschraken über diese die Erdmänner so kompromittierende Stelle. Inzwischen wurde langsam Knéppara wieder so silbern phosphorescierend wie sonst.
Als ers aber ganz war, rief er alle Mondleute, die sich im Lesesaale befanden, zusammen und ließ die kompromittierende Stelle in den Zeitungsabdrücken von dem Inspektor laut und deutlich vorlesen.
Nach der Vorlesung ergriff der weise Knéppara feierlich das Wort und sagte kurz das Folgende:
»Meine Herren! Für die Erdmänner spricht diese Stelle - nicht gegen die Erdmänner. Ohne weiteres werden Sie erken nen, daß dieser Artikel eine Satire auf das allgemeine Kriegs wesen ist. Man hat es auf der Erde dick bekommen, Millio nen von kostümierten Massenmördern dick zu füttern - und Herr Mafikâsu täte nicht klug daran, wenn er nochmals sei nen neulich vorgebrachten Antrag wiederholen möchte; der liebe Mafi könnte eklig reinfallen dabei - in fünfzig Jahren werden auf der Erde sogenannte ›stehende‹ Kriegsheere überhaupt nicht mehr existieren - das sagt Knéppara.«
Sagt es und schwebt lächelnd nach oben - durchs Eingangsloch durch - in den hellen Sonnenschein hinauf.
Der Himmel ist dunkelgrün und wie von Sammet.
Und Knéppara glänzt wie gleißendes Silber, während die Sonne wie gleißendes Gold glänzt.
Lächelnd schwebt der Führer der Erdfreunde weiter - über die kleineren Krater weg, die sich in der Nähe des großen Lesesaals befinden.
Und so kommt der unverzagte Führer zum hohen Sichelkrater, in dem das längste Teleskop der Erdfreunde verborgen ist.
Und oben am Kraterrande, der sichelförmig nur die eine Seite des Kraters abschließt, sitzt Zikáll, der Mann der Wissenschaft.
Und Knéppara setzt sich neben Zikáll. Beide schauen lange Zeit schweigend in den Kraterschlund, in dessen Mitte die große Linse des Teleskops wie ein Riesenauge glänzt.
Dann sagt Knéppara, ohne zu erröten:
»Wie denkst Du über die Blitzblumen?«
Zikáll verzieht sein hohes Rübengesicht in viele Falten, daß der Phosphor nur so glitzert, läßt die Fühlhörner seines ziemlich spitzen Schädels in der Luft herumschwirren - und sagt langsam:
»Mafi hat Glück. Er will in der nächsten Woche eine außerordentliche Sitzung der Ratsherren zusammenberufen und dann beantragen, sofort eine Expedition nach der anderen Seite auszurüsten. Und diese Expediton wird den Stein ins Rollen bringen.«
»Wir müssen«, erwidert ruhig der Knéppara, »die Ausrüstung der Expedition verhindern.«
»Das wird«, sagt Zikáll, »sehr schwer halten, denn Loso ist mit allen seinen Freunden auf Mafis Seite - und ich bins auch.«
»Warum Du?« fragt Knéppara.
»Weil ich«, erwidert der Zikáll, »sehr gerne wissen möchte, ob sich auf der Jenseitsseite das Glas in größerer Linsenform zeigt.«
»Und wenn das wäre?« fragte Knéppara wieder.
»Wenn das wäre«, antwortet leise der Mann der Wissenschaft, »so könnte ich daran glauben, daß die Mitte der Jenseitsseite eine kolossale Linse besitzt mit einem Durchmesser von vielen Meilen.«
»Und wenn«, fragt abermals der Knéppara, »auch dieses wäre?«
»Dann«, ruft Zikáll, »hat Mafikâsu mich zum besten Freunde gewonnen, denn dann ist die Hauptschwierigkeit bei dem großen Fernrohre, das die Länge des Monddurchmessers erreichen soll, behoben - denn dann brauchten wir die Hauptlinse für das große Rohr nicht mehr zu schleifen.«
Abermals wird Knéppara smaragdgrün - bemerkt es, bläht seinen Leib auf und steigt rasch empor in den grünen Himmel, in dem der grüne Mondmann nach ein paar Augenblikken unsichtbar ist.
Zikáll schüttelt den Kopf. Währenddem schwebte Mafi mit seinem Freunde Rasi in den Randgebieten herum, hinter denen das Jenseitsland der anderen Mondseite anfängt.
Und überall sprachen die beiden Weltfreunde mit Begeisterung von den herrlichen Glasgefilden des Jenseits.
Und bald hatten alle Mondleute eine große Sehnsucht nach jenen Glasgefilden, und die Expedition schien durchaus gesichert zu sein.
Die Blitzblumen nahmen unterdessen immer größere Formen an und wuchsen jetzt auch am hellen Tage in den sammetgrünen Himmel hinein.
Und die Mondleute glaubten, daß diese Blumen eine große Blumensprache sprächen.
Und die Weltfreunde deuteten diese Sprache natürlich zu ihren Gunsten.
»Der Mond selber«, sagten sie, »will, daß wir seine Glasgefilde näher kennenlernen, denn sonst würden die Blumen nicht so glasartig wirken.«
Das Glasartige und Durchsichtige, das jetzt den Blumen vielfach eigen war, schien nun allerdings die Meinung der Weltfreunde nur zu bestätigen.
Oft flatterten die riesigen steifen Blätter der Blitzblumen wie kolossale irdische Libellenflügel in der Luft herum.
Nur ein paar Sekunden lebten die geisterhaften Blumen aber sie ließen sich doch photographieren.
In den Photographien konnte man erst die ganze Farbenpracht und die entzückende Aderzeichnung der Blattwandungen erkennen und genießen.
Vor dem grünen Tageshimmel zeigten sich oft schneeweiße undurchsichtige Blüten, die immer meilenhoch sich entfalteten, und zuweilen oben noch die prächtigsten gelben und blauen Bandmuster zeigten, während die unteren Teile der Blüten gar nicht mehr da waren.
Nur selten wirkten diese Lichtgeburten wolkenartig; dazu hatte die Blattbildung zu viele Teile, die sich wie Scheiben aus dünnstem Glase ankrystallisierten.
Wären die Mondleute nicht durch die Blumen in den Rauchergrotten an derartige Erscheinungen gewöhnt gewesen, sie hätten sich gar nicht beruhigen können.
Verblüffend kams den Mondleuten nur vor, wenn die Blumen zuweilen durch ihren Körper gingen, ohne daß sie eine Gefühlsempfindung in ihren Leibern bemerkten.
Zikáll erklärte, daß mans hier mit Erscheinungen zu tun hätte, die denen der Elektrizität verwandt seien, aber mit diesen nicht identificiert werden dürften.
Die Männer der Wissenschaft erklärten die Blitzblumen für die reinen Problemblumen.
Ganz famos wirkte das Pfeifen, wenn die Blumen in der Luft zergingen.
In einer Nacht, in der die Erde unsichtbar blieb, erreichte die Lichtstärke der Erscheinungen ihren Hohepunkt; ein ganz kunterbuntes Mustergewirre, das wohl nur durch farbige Gläser, die in der Luft durcheinander schweben, vorstellbar zu machen wäre, bedeckte plötzlich den Himmel - und dann schossen gelbe Strahlen durch - und dann bildeten sich oben schillernde Seifenblasen, die ineinander übergingen, wobei sich grüne Wolkenblitze durchschlängelten, nach denen sich ein leises Knirschen vernehmbar machte - wie von nagenden Zähnen.



