Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)

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Und ich fühle, daß ich in Dir lebe und leben werde. Aber behalte das eine: Geh überall mit, wenn die Neuerungsstürme kommen - widersetze Dich nicht - doch bleibe stets in allen Phasen der Entwicklung mit dem momentan Daseienden im Einklange - daß Du immer Dich ganz behalten kannst - in den Bildern, die Du hast.«
Mafikâsu hörte das und zitterte und wurde glühendrot, doch gleich darauf wurde er wieder silbern wie sonst - und dann kam ein grünlicher Ton in seine Hände - und als der Führer der Weltfreunde das bemerkte, erschrak er heftig - denn die grüne Farbe am Leibe der Mondleute bedeutet Ärger und Stimmungen, deren sich jeder Mondmann schämt.
Und Mafikâsu ließ den Kopf sinken und schwebte langsam weiter.
In den großen Todesgrotten wars immer sehr still, und das leise Flüstern auf den Terrassen machte die Stille noch empfindlicher.
Hoch oben in den meilenhohen dunklen Deckengewölben glitzerten Goldmassen, als wärens Sterne am dunklen Himmel.
Und die Wände mit ihren Zacken und Torbögen waren alle dunkelviolett und so wie von Sammet, und auf den glatten Bodenflächen der Terrassen flimmerte es - wie von dunklen Perlen.
Und auf diesen Terrassen mit dem dunklen Perlenglanz lagen die alten Mondleute bequem auf der Seite - den Kopf in der Hand - die runzliche Ballonhaut ihres Leibes war ihnen zum Diwan geworden.
Und vor ihnen wuchs - hellblau geisterhaft leuchtend - der Rumpf ihres neuen Ichs aus ihrem Leibe heraus.
Die Neuen waren immer hellblau - so lange die Alten noch da waren.
Und die Sterbenden konnten, während sie bequem auf der einen Seite ihrer Ballonhaut lagen, auf der anderen Seite ihr neues Leben wachsen sehen- und sprechen hören.
Und das Alte und das Neue war so freundlich zueinander, daß es einfach rührend erschien.
Und die Hellblauen wuchsen langsam und stetig, und die Alten schrumpften im selben Maße zusammen.
»Die Anschauung!« flüsterte ein Hellblauer.
Und ein andrer sagte leise:
»Der Einklang mit dem Daseienden!«
Und ein Dritter sagte:
»Stetes Zusammenklingen mit dem, was wir haben!«
Und ein Vierter sprach ganz weich:
»Stetes Zusammenklingen mit dem Ganzen; alle Mondleute müssen zusammen ein Wesen bilden.«
Und ein Fünfter rief leise lachend:
»Die Welt muß in uns hinein - mit allem!«
Und so sagten alle sehr oft nur das, was sie für schrecklich wichtig hielten.
Die grüne Farbe des Leibes war den neugeborenen Mondleuten noch ganz unbekannt.
Aber das Gedächtnis des neuen Mondmannes ward sehr bald so reich und vollständig - wie das Gedächtnis des alten wenn dieser ganz weg war.
So wurde das Leben erhalten - in den heiligen Hallen der Wiedergeburt - tief unten in der Nähe des Mittelpunktes.
In die dunkelvioletten stillen Todesgrotten zogen die Mondleute müde hinein - und kamen verjüngt und lebensfrisch wieder raus.
Während Mafikâsu neben den Terrassen, die im Zickzack weiterführten, dahinschwebte und sich den Neugeborenen, die schon fortkonnten, zu nähern suchte - währenddem konnte man in den tiefergelegenen Partien der Todesgrotten ein leises Klopfen und Hämmern vernehmen - Mafikâsus Freunde suchten da unten eifrig Zugänge zu neuen Höhlen auf.
Verschiedene neue Höhlen, in die die Mondleute nur auf den Händen gehend hineingelangten - wobei sie irdischen Vögeln ähnelten, wenn die auf der Erdoberfläche gehen - verschiedene neue Höhlen waren schon weiterab in anderen Regionen entdeckt worden. Aber seit fünfzig Jahren hatten die Entdeckungen aufgehört - und wie oft sie auch da unten hämmerten und klopften - es klang an keiner Stelle hohl - es gelang nicht - auch unter den Todesgrotten kam man schlechterdings nicht weiter.
Und das machte die Mondleute da unten sehr traurig, denn danach ließ sich das große Fernrohr, das die Länge des Monddurchmessers erreichen sollte, nur nach kolossalen Bohrarbeiten durchbringen.
Und zu den Bohrarbeiten mußten alle Mondleute ohne Ausnahme hinzugezogen werden. Und das hielt sehr schwer.
Für die Bohrarbeiten ließen sich die beschaulich lebenden Mondleute nicht so leicht begeistern.
Ein halbes Jahr später saß Mafikâsu im Ratskrater, und die großen Erdfreunde Knéppara und Loso waren ebenfalls da.
Man sprach über die Erde.
Schließlich sagte Mafikâsu nach all den langen Reden kurz und feierlich:
»Ich möchte nicht mehr ein einziges Wort gegen die Erdbetrachtung sagen, wenn wir bemerken würden, daß die Erdmänner ganz ernsthaft darangingen, ihre bunt gefärbten Kriegsheere abzuschaffen, und nicht mehr daran dächten, sich in Masse gegenseitig umzubringen.«
Es wurde sehr still im Ratskrater- die hundert Ratsherren hielten sämtlich den Atem an.
Dann bemerkte nach einer guten Weile Knéppara, der Erdfreund, leise:
»Die Existenz dieser kostümierten Massenmörder ist auch uns ein Dorn im Auge.«
Nach diesen Worten ließ sich wieder ein leises Atmen in der Versammlung vernehmen.
»Ich möchte«, fuhr nun Mafikâsu mit klarer weithin hallender Stimme fort, »den Erdmännern genau fünfzig Jahre Zeit geben - und die Annahme oder Ablehnung der von mir geplanten Bohrarbeiten von der Weiterexistenz dieser irdischen Kriegsheere abhängig machen. Werden diese in fünfzig Jahren mindestens zur Hälfte abgeschafft, so wird von dem großen Fernrohr, das die Länge des Monddurchmessers haben soll, niemals mehr die Rede sein.«
Wieder wird es sehr still im Ratskrater - noch stiller als vor hin.
Und dann sagt der Erdfreund Loso leise:
»Dieser Vorschlag kommt uns doch etwas unerwartet. Ich wäre beinahe nicht abgeneigt, auf diese Sache einzugehen doch möchte ich zunächst Knépparas Meinung hören.«
Es entsteht jetzt eine allgemeine Bewegung.
Die hundert Ratsherren, die alljährlich und zuweilen auch öfter im Ratskrater über die allgemeinen Angelegenheiten der Mondvölker sich beraten und schließlich für alle Beschlüsse fassen, sitzen in drei weiten Kreisen auf Amethystsäulen, die von der Natur gebildet sind und sehr tief hinuntergehen; der mittlere Säulenring ist höher als der innere, und der äußere höher als der mittlere. Hinter dem äußeren Säulenringe, den fernen Wänden zu, liegen hohe kantige Klötze von Bergkrystall wild durcheinander, als wären sie mal runtergefallen; auf diesen Krystallklötzen sitzen Tausende von Zuhörern, die Stimme im Rate der Hundert nicht haben.
Der obere Teil der kuppelförmigen Ratsgrotte besteht wie die Wände ebenfalls aus Bergkrystall, der das Sonnenlicht teilweise durchläßt.
Die Ratsgrotte ist die einzige Grotte, die Sonnenlicht von den Wänden empfängt; sie erhält von diesem aber noch mehr durch das Kraterloch, das sich oben in der Mitte der Kuppel öffnet und die Amethystsäulenringe ganz ausgiebig mit Licht versieht.
Die Ratssitzungen finden immer nur statt, wenn draußen die Sonne scheint.
Da saßen nun die hundert Ratsherren auf ihren Amethystsäulen und sprachen eifrig miteinander, sie erhoben sich auch zuweilen und wechselten die Plätze, und sehr viele Ratsherren wurden glühendrot bei der lebhaften Unterhaltung.
Wenn die Ballonbäuche anschwellten und sich dadurch die Rümpfe höher aufreckten - so sah das immer- besonders bei roten Leibern - sehr erregt aus - geschah jedoch nur aus Bequemlichkeitsrücksichten, um dem Nachbarn bei der Unterhaltung näher zu sein.
Der Platzwechsel geschah ganz zwanglos - und wirkte sogar sehr elegant, wenn sich der Ballonleib beim Niederlassen so weich zusammenzog und sich so wellig um den unregelmäßigen Krystallkopf der Amethystsäule schmiegte - es lag so was Weichumfassendes in diesem Platznehmen.
Und nun hob Knéppara seine zarte Rechte mit den sieben Fingern empor - und die sieben Finger wurden rot - und flatterten in der Luft herum.
Und der ganze Knéppara wurde rot und blies seinen Ballonleib auf, so daß sich sein Rumpf hoch aufreckte. Da wußten alle, daß Knéppara sprechen wollte.
Und es ward wieder still in der großen Ratsgrotte - und das Tageslicht kam von oben aus dem Krater ganz hell herunter und überstrahlte die Fühlhörner auf den Köpfen der Ratsherren.
Der Phosphorglanz des Körpers verschwand im Tageslicht - die Körper wurden perlgrau - flimmerten auch mal so ein bißchen wie Perlen - doch nur matt und nicht lange.
Die Mondleute, die da rot waren wie glühendes Eisen, bliebens auch im Tageslicht.
Die Zuhörer in den Nischen und auf den Klötzen von Bergkrystall saßen wie Steinfiguren da - unbeweglich und farblos.
Die Ratsherren hatten jetzt alle eine flimmernde bunte Haut - und nur der Knéppara, der reden wollte, hatte eine rote Haut.
Und der weise Knéppara sprach:
»Nach den Worten des großen Mafikâsu hätte man glauben können, wir seien nur Erdfreunde, um die kleinen Erdmänner zu beobachten. So aber ist dem doch nicht. Wir denken doch nicht daran, die Erdmänner mit den Mondmännern zu vergleichen. Wir denken auch nicht daran, die Erdmänner zu den Mondmännern in ein gegensätzliches Verhältnis zu bringen. So viel Ehre tun wir den Erdmännern, diesen simplen Beinkreaturen, gar nicht an. Was uns zur steten Beobachtug der Erde reizt, hat natürlich andre Gründe. Uns interessiert in erster Linie der Stern Erde als Ganzes. Und wenn wir den Erdmännern bei Beobachtung der Erde eine größere Aufmerksamkeit widmen - so geschieht das nur, weil der von uns so genannte Erdmann die größten Arbeiten bei Entwicklung der Erdoberfläche vollbringt. Wir sehen, wie der Erdmann Schienennetze und Drahtnetze um den Erdball spinnt, wir sehen auch den Erdmann große Steinmassen an vielen Punkten der Erde zusammentragen und auftürmen und in diesen Steinmassen eine Überfülle von Licht zur Nachtzeit erzeugen. Aber all diese Tätigkeit des Erdmanns genügt nicht, um ihn mit einer höheren Stufe von Geistern zu vergleichen. Dem nach können wir vorläufig noch nicht verlangen, daß der Erdmann seinen niedrigen Mordinstinkten entsagen soll - er gehört zur Klasse der sogenannten Bestien, und wir haben kein Recht, von diesen mehr zu verlangen, als ihre jämmerliche Gewalts-Natur leisten kann.«
Die Zuhörer an den Krystallwänden ringsum sahen sich nach dieser Rede bedeutungsvoll an und gaben sich viele Zeichen der Zustimmung; nur einzelne schüttelten den Kopf.
Unter den Zuhörern waren alle Rassen der Mondbevölkerung vertreten. Die Rassen unterschieden sich vornehmlich durch die Zahl der Finger und durch die Länge der Arme. Es gab Mondmänner mit drei Fingern und auch solche mit vier oder fünf oder sechs oder sieben Fingern an jeder Hand, und die Länge der Arme brachte noch weitere nationale Unter schiede hervor.
Zu jedem Krater gehörte gewöhnlich eine ganz bestimmte Rasse, was jedoch nicht ausschloß, daß an größeren Kraterteleskopen auch Mondmänner der verschiedensten Rassen tätig waren. Irgendein inneres Widerstreben gegen Vertreter anderer Rassen war seit Jahrtausenden unbekannt, da die Gestalt der Gliedmaßen auf die Ausgestaltung der Geistesstruktur nur einen untergeordneten Einfluß hatte.
Nach einer längeren Pause, in der eine Unterhaltung in den drei Ringen nicht stattfand, nahm wieder Mafikâsu das Wort und sprach - langsam - und still:
»Die Beschäftigung mit den Erdmännern scheint mir doch nicht ohne Selbstzweck zu sein. In den Bibliotheken, die der Erdbeobachtung angehören, befinden sich nun bereits Millionen von Büchern und Mappenwerken, in denen nur Lebensmomente der Erdmänner fixiert wurden. Wir wissen, daß die Erdmänner auf einer sehr niedrigen Entwicklungsstufe stehen; sie bedürfen noch fester Nahrung - sie ernähren sich dadurch, daß sie verwandte Lebewesen als Leichen in ihren Körper stopfen und da vermodern lassen. Wir nennen das den Bestienzustand. Die Erdmänner sind aber viel schlimmer als die gewöhnlichen Bestien - sie richten einzelne ihrer Stammesgenossen dazu ab, andre Stammesgenossen durch Schuß-, Schlag- und Sprengwaffen zu töten, um ihnen das, was sich diese ihre Brüder geschaffen haben, fortzunehmen. Das sind saubere Brüder! Knéppara sprach von kostümierten Massenmördern. Ja - wie soll ich das verstehen? Will uns Knéppara dadurch beweisen, daß er die Erdmänner gründlichst verachtet? Die Bibliotheken mit den Millionen Büchern und Mappenwerken, deren ich vorhin Erwähnung tat, sprechen doch eine andere Sprache. Ich halte es doch für bedenklich, wenn die harmonisch gebildeten Mondmänner solchen gemeinen Kreaturen, die ganze Scharen ihrer Stammesgenossen zu Massenmördern abrichten, noch immer ein so großes Interesse entgegenbringen, daß viele Tausende von neuen Büchern alljährlich nur mit den Taten dieser Bestienvölker erfüllet werden. Ich glaube nicht daran, daß diese Beschäftigung nur ein Mittel zu hciheren astralen Zwecken sein könnte. Ich kann nicht daran glauben. Wir sollten doch den Lebewesen, die höher stehen als wir, das größere Interesse entgegenbringen. «
Mafikâsu schwieg, und ein leises Beifallsmurmeln ging an den Krystallwänden durch die Reihen der Zuhörer.
In den drei Amethystringen bewegte sich niemand; man erwartete, daß Knéppara nochmals sprechen würde.
Und Knéppara sprach - nach einer guten Weile - also:
»Da der Stern Erde nicht durchsichtig ist, wie es vielleicht die Rückseite unseres Mondes sein könnte, so müssen wir uns mit dem Studium der Oberfläche des Erdballs begnügen. Ich wüßte aber nicht, wie man dabei das höchst bewegte Leben der Erdmänner übersehen möchte. Daß die Lebensverhältnisse auf der Erdoberfläche sich nicht im Stadium einer höheren Entwicklung befinden, ist uns doch sehr wohl bekannt. Von der rauhen Schale kann man aber nicht so ohne weiteres auf die Beschaffenheit des Kernes schließen. Wir beschäftigen uns mit der Schale - nur in der Hoffnung, daß sie uns mal einen Einblick ins Innere der Erde gewähren könnte.«
»Dazu also«, rief nun der Mafikâsu laut, »die kolossale Arbeit? Dazu? Bloß um mal ins Innere sehen zu können? Oh! Oh! Ich glaube, es ist nicht richtig, die Sterne mit den Nüssen zu vergleichen, die ja wohl zuweilen auf unsern Moosfeldern wachsen. Wenn unsre Nüsse platzen, verbreiten sie ja wohl einen angenehmen Duft. Aber die Sterne - wenn die platzen! Das ist doch nicht so einfach. Ich bin der Meinung, daß der Stern Erde in einem Zustande sich befindet, der uns nicht interessieren kann, da unser Mond in diesem Zustande vor vielen Millionen Jahren war. Und was so viel jünger ist, kann nicht interessanter als das Ältere sein. Ich halte den Stern Erde auch im Innern für unentwickelt. Der Kern ist noch lange nicht reif, und die Schale platzt noch lange nicht. Und darum sollten wir das Studium dieses Sterns aufgeben und unsern Blick auf jene Sterne richten, die den Mond an Großartigkeit und Vortrefflichkeit überragen.«
Da lief der große Knéppara ganz grün an, ohne es zu bemerken - so sehr ärgerte er sich über Mafi's Worte.
Und die anderen neunundneunzig Ratsherren erschraken über die grüne Haut des ärgerlichen Knéppara und gerieten in die peinlichste Verwirrung.
Aber der große Knéppara nahm das alles nicht wahr, richtete sich hoch auf, daß sein Leib beinahe Kugelform erhielt, und sprach mit flatternden Händen und Armen in heiserem Tone:
»Wenn die Weltfreunde den Stern Erde angreifen - in dieser Weise - dann muß ich den großen Weltfreunden doch auch ein offenes Wort sagen: Dieses Streben nach immer neuen Genüssen und nach immer neuen Welten hat durchaus den Charakter der Unersättlichkeit - und nicht den der Beschaulichkeit. Und so bin ich der Uberzeugung, daß sich die Weltfreunde in einem überreizten Zustande befinden.«
Knéppara hielt inne, denn er bemerkte, daß seine Hände noch grüne Flecken zeigten - zwar fuhr er gleich wieder fort in seiner Rede - doch jetzt klangen seine Worte plötzlich leise - wie aus weiter Ferne.
»Solche unbefriedigten Zustände«, sagte er, »sind den Erdmännern sehr genau bekannt. Die Erdmänner leiden unter einer unersättlichen Gier nach immer neuen Reizen, wenn ihr Sexualsystem überreizt worden ist. In solchen Zuständen will auch der Erdmann in andere Welten hinein -und würde so den Weltfreunden bei uns sehr gut gefallen. Ich tue daher wohl nicht Unrecht, wenn ich unsre Weltfreunde mal mit den überreizten Erdmännern vergleiche. Wohl haben wir Mondleute ein so primitives dualistisches Sexualsystem, wies die Erdmänner kennen, nicht mehr- aber ich weiß nicht, ob ich in dieser Gier nach den neuen Welten und nach dem großen Fernrohr, das die Länge des ganzen Monddurchmessers wirklich erreichen soll - nicht atavistische Empfindungen wittern dürfte. Jedenfalls gebe ich den Weltfreunden in jedem Falle zu bedenken, daß sie durch ihre Agitation fürs große Rohr die Begehrlichkeit der Mondvölker in gefahrdrohender Weise aufreizen und das beglückende Aufgehen in der Anschauungsfreude verletzend bedrängen. Ich bitte um Verzeihung, daß ich vorhin grün wurde. Ich fühle, daß alles, was die Erdfreunde auf dem Monde schufen und sammelten, in leichtsinniger Weise vernichtet werden könnte - und das erregt in mir Furchtgefühle, die mir zeitweise leider unmoglich machen, die Vergrünung meines Korpers zu verhindern.«
Nach diesen Worten legte sich eine bleierne Stille auf die Versammelten - auch an den Wänden bei den Zuhörern schien alles versteinert zu sein - die Mondleute saßen wie Puppen da und bewegten nicht ein Fühlhorn.
Alle dachten über das, was Knéppara gesagt hatte, furchtbar eifrig nach.
Man glaubte allgemein, der große Mafikâsu würde noch einmal das Wort ergreifen.
Aber das geschah nicht so, wie mans dachte.
Mafikâsu sagte nur leise, nachdem es fast eine Stunde ganz still gewesen war:
»Ich bitte, über meinen Antrag abzustimmen. Wir wollen die Entscheidung über die Bohrarbeiten und über das große Fernrohr von der Weiterentwicklung des erdmännischen Kriegswesens abhängig machen. Werden die großen Heereskörper, die in dieser Größe noch keine hundert Jahre alt sind, in den nächsten fünfzig Jahren sichtbarlich verringert, so daß nach fünfzig Jahren nur noch die Hälfte der momentan vorhandenen Soldaten da ist- so verzichten die Weltfreunde auf das große Fernrohr und auf sämtliche Bohrarbeiten für alle Zeiten endgültig.«
»Ist es«, fragte da ein Erdfreund, »auch sicher, daß wir die Zahl derer, die zu Heereszwecken auf Erden kostümiert sind, jeder Zeit genau zählen können?«
»Das läßt sich machen! « erklärte der weitsichtige Loso, »die Erdmänner im Kriegskostüm heben sich täglich so lebhaft von der Landschaft ab, daß wir höchstens die Kranken übersehen könnten. Wir haben aber überall die Zähllisten und viele kriegswissenschaftliche Werke seitenweise photographiert, so daß uns nicht einmal die kranken Kriegsmänner entwischen dürften.«
Hierauf gaben sich die Ratsherren gegenseitig durch Handbewegungen zu verstehen, daß sie geneigt seien, die Abstimmung vorzunehmen.
Und wies nun wieder ganz still wurde, fingen einzelne Mondmänner an, allmählich glühendrot zu werden, während andere allmählich dunkelgrau wurden und jeden Farbenton verloren.
Die Roten sagten durch ihr Rot, daß sie den Antrag annehmen möchten, die Grauen sagten durch ihr Grau ein entschiedenes Nein.
Und als nun die Roten gezählt wurden, warens nur dreiundzwanzig Rote - und es hätten fünfundsiebzig Rote gewesen sein müssen, wenn Mafikâsus Antrag angenommen sein sollte.
Mafikâsu lächelte.
Und die hundert Ratsherren bliesen ihren Ballonbauch auf und stiegen langsam höher - schwebten durchs Kraterloch empor - in den hellen Sonnenschein.
Rasibéff, der unter den Zuhörern war, schoß eilig auf Mafikâsu zu und lächelte ebenfalls.
Die Weltfreunde waren mit der Abstimmung gar nicht unzufrieden.
Während nun die Weltfreunde gar nicht unzufrieden waren und dem Gange der Ereignisse mit ruhiger Zuversicht entgegenblickten, bemächtigte sich der Erdfreunde eine ganz außergewöhnliche Erregung.
Und nach Verlauf einiger Mondtage waren Tausende von Erdfreunden von ihrer ›Sache‹ dermaßen begeistert, daß man bei ihnen von ruhiger Anschauungsfreude kaum noch Spuren wahrnahm.
Die Weltfreunde sahen sich plötzlich einer gradezu schwungvollen Gegenagitation gegenüber.
Zunächst versuchten die an den Zinnkratern tätigen Mondleute bessere Photographien von den Gesichtern der Erdmänner zu verbreiten; es wurde sehr eifrig überall erklärt, daß die bislang bekannt gewordenen Gesichter der Erdmänner keinen Schluß auf die Allgemeinheit der erdmännischen Gesichtsbildung zulassen.
Der in allen photographischen Fragen maßgebende Ratsherr Loso äußerte sich zu dieser Angelegenheit in einem Rundschreiben folgendermaßen:
Wir können vom Monde aus naturgemäß nur selten das freie Gesicht des Erdmannes sehen - hauptsächlich nur dann, wenn dieser auf dem Rücken auf freiem Felde daliegt und schläft. Wir wissen nun aber, daß diese Schlafenden zumeist ›obdachlos‹ sind, welches Wort auf Erden soviel wie ›gemeingefährlich‹ bedeutet. Diese Obdachlosen, die von den Erdmannern auch ›Stromer‹ genannt werden, haben Gesichter, die uns ein ganz falsches Bild von der Beschaffenheit der erdmännischen Gesichtsbildung geben. Wir veröffentlichen daher zunächst zweitausend Erdmannsgesichter, deren Bildung nicht als eine einfach-bestialische bezeichnet werden kann. Es zeigt sich in diesen neu herausgegebenen Photographien eine immerhin so ansprechende Gemütsart, daß wir das Stromerantlitz schlechterdings als Ausnahme behandeln müssen. Vorstehendes bitten wir gütigst zu berücksichtigen und danach die Vorstellungen vom Wesen des Erdmannes zu modifizieren.
Gleichzeitig veröffentlichte Knéppara, der sich immer noch sehr aufgeregt benahm, ein anderes Rundschreiben, das diesen Wortlaut hatte:
Die Kraterteleskope der Erdfreunde haben infolge ihrer beispiellosen Vergrößerungskraft in der letzten Zeit eine so kolossale Fülle von Beobachtungsmaterial geliefert, daß es momentan bereits schwer ist, das Wichtige vom Nebensächlichen zu trennen. Wohl gehören die Erdmänner im allgemeinen zu den niedrigen Lebewesen, die nur durch Abtöten und Runterschlucken andrer noch niedriger stehender Lebewesen ihre Existenz verlängern können - andrerseits muß es aber nach den photographischen Buchseiten, die für uns jetzt endlich lesbar geworden sind, auch Erdmänner geben, die von der Welt mehr als das Eß- und Trinkbare wahrnehmen. Diese Erdmänner, die bedeutender sind, heben sich deutlich aus den abstoßenden Volksmassen heraus; die Galerie dieser alleinstehenden Erdmänner verspricht, eine sehr interessante zu werden. Während die Mondmänner infolge ihrer vollendeten Natur, die sich ohne weiteres durch bloße Luftzufuhr am Leben erhält, in den Hauptzügen ziemlich gleichartig sind, ist die so heftig nach Erhaltung ringende Lebensart auf der Erde imstande, einen viel größeren Reichtum an Entwicklungsformen zu äußern. Die allgemeine Verachtung, die wir bislang dem Erdmann entgegenbrachten, scheint denn doch in mancher Hinsicht eine durchaus gerechtfertigte nicht zu sein. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Erdleute infolge der mangelhaften Beschaffenheit ihrer Natur sehr oft darüber nachdenken, wie sie wohl ihr klägliches Leben verbessern könnten. Und bei diesem Nachdenken kommen Dinge zum Vorschein, die die Erdleute mit dem Namen ›Kunst‹ belegen. Wir haben dieses Wort ›Kunst‹ bereits seit Jahrtausenden vergessen, da unsre mangellose Lebensweise uns nicht nahelegt, ein besseres Leben, das wir nicht zu einem wirklich für uns daseienden machen können, auszudenken und auszumalen. Jedoch die Erdleute erregen immer wieder ihre Phantasie und schaffen sich eine andere bessere Welt in dieser. Wohl tun das nur die feineren Erdleute - aber diese müssen doch da sein - sonst könnten wir auf der Erde nicht Malereien, Steinbauten, Standbilder, Dichtungen und Musikwerke in so großer Zahl entdecken und photographieren. Vielleicht können wir später mal aus dem Zusammenwirken der verschiedenen irdischen Künstlerindividualitaten, zu denen wir auch gar nicht unkluge Denker, die nur über die Welt nachdenken, ohne was wie wir von ihr zu sehen, zu rechnen haben, einen vernünftigen Schluß ziehen - auf die Gesamtnatur des Sterns, der fur uns Erde heißt und doch auch als Stern sehr interessant sein muß. Zu diesem Behuf erscheint uns eine Weiterarbeit an dem uns vorliegenden riesenhaften photo graphischen Material, das uns von allen Erdteilen Millionen von Bildern liefert, durchaus erforderlich. Durch Jahrtausende beobachten wir bereits die Erde, und unsre Apparate sind mit der Zeit vollkommen geworden. Die Einschränkung der Arbeiten an den Teleskopen, die ständig auf die Erde gerichtet werden, erscheint uns grade jetzt in absehbarer Frist nicht für angänglich. Wir bitten die Mondvölker alle ohne Ausnahme, das hiermit Gesagte gütigst in Erwägung zu ziehen und danach die Tagesfragen sachgemäß zu beurteilen.



