Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)

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Aber der fünfte Mondmann, der bislang geschwiegen hatte und Knéppara hieß, sprach nun folgendermaßen:
»Das kommt davon, wenn man über eine Sache mit Leidenschaft redet. Man schweift ab und gibt schließlich nur Gelegenheit zum Lachen. Das Wichtigste wird dabei regelmäßig vergessen. Ihr denkt gar nicht mehr daran, welchen Umfang die Beobachtung der Erde erreicht hat. Das ist doch die Hauptsache! Ich leite die Beobachtung an neunhundert Teleskopen, und der liebe Loso leitet die Beobachtung an vierhundertunddreißig Teleskopen. Und diese dreizehnhundertunddreißig Teleskope sind nur auf die Erde gerichtet - seit Jahrhunderten! Und viele hundert andrer Teleskope sind ebenfalls nur auf die Erde gerichtet, so daß man wohl sagen kann: Die Hälfte der Mondbevölkerung beschäftigt sich ausschließlich nur mit der Erde.«
»Die Rechnung stimmt nicht«, rief da heftig der Rasibéff, »mehr als zwei Drittel der Mondbevölkerung beschäftigt sich mit der Erde.«
»Nun - wenns so ist«, fuhr der mächtige Knéppara fort, »dann spricht ja das noch besser für uns. Dann begreife ich aber nicht, wie Ihr die Erdfreunde dazu bestimmen wollt, ihre Tätigkeit, die ihnen Jahrhunderte lang so viel Freude bereitete, plötzlich an den Nagel zu hängen. Die Mehrzahl ist doch gegen Euch. Es war doch wahrlich keine Kleinigkeit, das Leben der Erdbewohner genauer kennenzulernen. Wir sind doch schon in der Lage, das zu lesen, was sie drucken lassen. Das hat Mühe gekostet - denn wir haben ihre Sprache mit dem Ohre niemals vernommen. Wir sehen, welche Anstrengungen die Erdleute machen, nach allen Seiten weiterzukommen. Wir sehen, wie sie den ganzen Erdball mit eisernen Schienen umspannen und alles außerdem noch mit Drahtnetzen umspinnen. Die Beobachtung dieser energischen Völkerscharen sollen wir plötzlich aufgeben, um nach den entferntesten Sternen zu greifen? Ich muß feierlich erklären, daß ich die himmelstürmenden Ziele für himmelschreienden Leichtsinn halte - und werde, solange ich noch Einfluß besitze, die Weltfreunde bekämpfen und mit allen Mitteln die Arbeiten der Erdfreunde zu schützen wissen.«
Loso hatte während dieser Rede seine rote Farbe verloren, Knéppara verlor sie jetzt auch - und dadurch deuteten die beiden an, daß sie das Gespräch abzubrechen wünschten.
Mafikâsu sagte nur noch ernst, während er noch röter wurde:
»Ich weiß, daß Knéppara und Loso unsre mächtigsten Gegner sind. Und die Weltfreunde wissen, daß sie keinen kleinen Kampf zu kämpfen haben - und daß sie den nicht mehr vermeiden können.«
Zikáll, der Mann der Wissenschaft, hatte nur noch rote Punkte auf seinem Phosphorleibe.
Und als die beiden Erdfreunde, Knéppara und Loso, fragten, ob Zikáll mitkäme - zum Zackenkrater- da zergingen die roten Punkte auf Zikálls Haut.
Und Zikáll begleitete die beiden Erdfreunde.
Die drei Herren wünschten den Zurückbleibenden freundlich: »Guten Abend!«
Und gleich nach der Erwiderung dieses Grußes war der große Mafikâsu mit seinem Apostel Rasibéff allein.
»Glaubst Du«, fragte hastig der Apostel, »daß der Zikáll den Erdfreunden treu bleiben wird?«
»Das glaube ich keineswegs!« versetzte der große Mafikâsu gelassen.
Jetzt schwebten in nächster Nähe viele andere Mondleute vorüber.
Und nach einigen Augenblicken gesellten sich drei von diesen zu den beiden glühenden Weltfreunden.
Diese drei sagten ebenfalls freundlich: »Guten Abend!«
Und dabei setzten sie sich auf die Säulen, auf denen noch vor kurzem die drei anderen saßen.
»Pflastermann!« rief Mafikâsu lächelnd, »wo willst Du hin?«
Der Pflastermann erwiderte ebenfalls lächelnd:
»Die Herren Nadûke und Klámbatsch, die hier neben mir sitzen, wollen ihrem Leben ein Ende machen, da sie müde geworden sind. Wir wollen morgen in den Todesgrotten sein.«
Ich spreche«, sagte Mafikâsu rasch, »den beiden Herren meinen herzlichsten Glückwunsch aus. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich die Herren begleiten dürfte.«
»Bist Du«, fragte der Pflastermann, »auch schon müde geworden?«
»Das nicht«, versetzte Mafikâsu, »aber ich hoffe, in den Todesgrotten neue Freunde zu finden.«
»Aha!« rief Nadûke, »er hat seine Idee vom großen Fernrohr noch nicht aufgegeben.«
»Ich gab niemals«, erwiderteMafi, »das, was ich anfing, auf. Wir haben übrigens ein neues Agitationsmittel gefunden.«
»Laß hören!« sagte Klámbatsch darauf.
Die Müden wurden aber nicht rot - auch der Pflastermann wurde nicht rot.
Aber das wirkte nach dem Gesagten nicht abstoßend.
Mafikâsu glühte jetzt noch heftiger als bisher- so wie glühendes Eisen.
Und er sprach leise und eindringlich:
»Ihr wißt, es gibt drüben auf der anderen Seite des Mondes, die von der Erde und von uns niemals gesehen wurde, keine Luft. Wir können da nicht fliegen. Wir können schon hier nicht sehr hoch steigen - dort aber könnten wir nicht einmal auf den Händen kriechen. Nun ist es aber ein par Freunden der Weltsache gelungen, am Rande ein paar kurze Strecken mit Luftschläuchen auf Schienen in dem unbekannten Lande vorzudringen. Und da haben die Mutigen gefunden, daß dort der Boden überall aus durchsichtigen Glassteinen besteht. Und von diesen Glassteinen haben sie etliche mitgebracht. Und Rasibéff trägt nun immer welche bei sich. Daß die ganze andre Mondseite sich nur aus solchen durchsichtigen Glassteinen zusammensetzt - daran glaube ich. Nun besteht unsre Mondhälte fast nur aus großen und kleinen Grotten - darum dürften in der anderen Mondhälfte auch Grotten sein. Die müssen aber infolge der durchsichtigen Glasoberfläche Licht von außen bekommen. Da müssen eben wundervolle bunte Lichtgrotten sein - mit vollem Sonnenlicht. Ist das nicht großartig? Schon allein dieser Lichtgrotten wegen müssen wir den alten Mond im Mittelpunkte durchbohren. Vom Mittelpunkte aus müssen wir ja ganz bequem in die sonnigen Lichtgrotten hineinkommen; diese könnten auch in der Nacht sehr seltsam wirken. Wenn das große Teleskop nicht mehr ziehen will, so ziehen vielleicht die Glassteine.«
»Und hier sind die Glassteine!« rief der ebenfalls glühende Rasibéff.
Während dieser aus seinem Rucksacke kleine bunte leuchtende und funkelnde und glitzernde Steine hervorholte, liefen die beiden Müden und der Pflastermann rosarot an.
Die Steine gingen von Hand zu Hand, und verschiedene funkelten im Sternenlicht- wie Brillanten.
Und Rasibéff sagte erklärend:
»Es sind auch wirkliche Brillanten unter den Steinen - daher das Funkeln - das bleibt auch im Dunkeln.«
Nachdem die drei die Steine vielfach untersucht und bewundert hatten, verabschiedete sich der Rasibéff und flog rasch davon; er hatte noch viel vor.
Indessen stiegen die vier andern, während sie lebhaft über die Existenz und über die Bewohnbarkeit der Lichtgrotten ihre Meinungen äußerten, langsam mit ihrem Ballonleibe, der sich durch einen Atemzug wieder füllte, empor - und schwebten über den Kraterrand.
Im Krater wars dunkel.
Und oben zogen die vier ihren Ballonleib wieder zusammen - und stürzten sich kopfüber in die Tiefe.
Die Mondleute brauchten keine leuchtenden Wegweiser, denn sie waren ja selber fliegende Lampions, die alles hell machten.
Und mit ihren Fühlhörnern, die jetzt steif wie ein Hörnerschmuck aus ihrem Rübenkopfe herausragten, konnten sie noch besser als mit den Augen alles Hindernde von ferne bemerken.
Und sie sausten - hinab.
Und unten im Krater gings durch und dann rechts und dann links.
Und ein großes Grottenreich tat sich vor den vieren auf. Und da flogen sie hinein.
Den Felsenwänden entströmte ein veilchenblaues Licht, das auch die Mondleute veilchenblau machte.
Die Ballonbäuche wurden hier, wenn die Mondleute langsamer schweben wollten, lange nicht so weit aufgeblasen als auf der Oberfläche des Mondes, da die Luft in den Grotten dicker und schwerer ist.
In stillen blauen Nischen saßen andre Mondmänner auf seltsam geformten Alabastersäulen - und ruhten sich aus und dachten an die Erde und an die große unendliche Welt.
Und alles war sehr ruhig und - veilchenblau.
Und die vier schwebten hinaus und weiter durch eine langgestreckte schwarze Grotte, deren Wände stellenweise als ganz glatte Flächen spiegelten. Die vier konnten sich in den schwarzen Spiegeln deutlich sehen, da die Körper der Mondleute in dunkleren Räumen noch heftiger leuchten; wie ferne Gespenster zogen die Spiegelbilder rechts und links dahin.
Und aus den schwarzen Grotten gings in die hellen Bernsteingrotten, die mit dem Nebelkrater in Verbindung stehen.
Hier gings lebhafter zu.
Viele Mondleute sausten scharenweise aus dem großen Nebelkrater heraus - in die sehr tief gelegenen Bernsteingrotten hinunter - mit Glasplatten und Messinginstrumenten, Papierrollen und Beleuchtungsgeräten, mit Röhren und Schrauben, mit Chemikalien in flüssigem und festem Zustande, mit Kapseln und Schläuchen, Büchern und Handwerkszeug; verschiedene von diesen Sachen wurden immer zusammen von mehreren Leuten auf flachen Schalen aus Gummihäuten getragen.
Andre Mondleute schwebten wieder scharenweise mit Aluminium-Fässern, Eisendrähten und Kupferstangen nach oben dem breiten Kraterloche zu, in das die Schlußapparate des kolossalen Fernrohrs wie mit langen Fühlhörnern sich hinunterreckten.
»Mafikâsu! Mafikâsu!« ertönte es da von allen Seiten. Und der so Begrüßte wurde nun von vielen angesprochen, so daß er und seine drei Begleiter langsamer schweben mußten.
Und im Fluge hörte der Führer der Weltfreunde ein paar Dutzend Neuigkeiten.
»Du hast recht«, rief ein sehr korpulenter Mondmann dem Mafikâsu zu, »Deine Gedanken sind stets ganz außerordentlich praktisch. Wir sind Deinem Rate gefolgt und haben die Aufnahmebedingungen an unserm Rohr erleichtert und infolgedessen zweihundert Mann auf unsre Seite gezogen. Zweihundert Weltfreunde gibts jetzt wieder mehr.«
Der Korpulente sauste so schnell wie ein Stück Gold mit schlappem Bauch in die Tiefe.
»Wird hier«, fragte Nadûke, »die Erde gar nicht mehr beobachtet?«
»Längst nicht mehr!« erwiderte der Pflastermann, »man merkt, daß Nadûke müde geworden ist; den Nebelkrater hätte so leicht keiner vergessen.«
Und Klambatsch sagte lächelnd:
»So hat mein Gedächtnis noch nicht gelitten. Und ich sehne mich doch auch nach dem Tode. Nadûke weiß nicht mehr, daß im Nebelkrater nur noch Nebelflecke beobachtet werden. So was!«
Wie in einem Bienenkorbe wogte es in der Tiefe des Kraters auf und ab - und die Stimmen der geschäftigen Mondleute summten und brummten durcheinander; jeder hatte da seine bestimmten Obliegenheiten am Rohre - wie in den Salpeterkörben die blauen Käfer, die auf dem Monde Bienen heißen und den Moossamen zerreißen.
Ein Teil der Mondleute war an den photographischen Apparaten tätig- ein andrer sorgte dafür, daß sich die Bewegung des Rohres stets in der gewünschten Weise vollzogeinzelne saßen abseits und rechneten - sehr viele hatten nur die verschiedenen Putzapparate zu beobachten und zu regulieren - und die komplizierte Beleuchtung nahm ebenfalls viele Hände und Köpfe in Anspruch.
»Jetzt«, sagte Nadûke, der sich aufmerksam das ganze Treiben am Rohre angesehen hatte, »erinnere ich mich, und ich möchte nur wissen, ob hier auch noch das Farben- und Wärme-Spektrum untersucht wird.«
»Das ist aufgegeben!« erwiderte der Pflastermann.
Und die vier flogen schneller.
Der Pflastermann fuhr leise fort:
»Der Nadûke darf nicht vergessen, daß er sterben will. Die lebhafte Beteiligung an den Ereignissen unsrer Zeit ist den Müden nicht mehr erlaubt. Wer dem angenehmen Tode ins Auge blickt, soll nicht mehr so lebhaft sein.«
»Na«, versetzte der Mafi, »so lebhaft ist der Nadûke doch nicht.«
Schweigend schwebten die vier in die große Lesegrotte der Bibliothek. Da waren alle Wände weiß wie Schnee und leuchteten wie sonnenheller Tag. Hundert Ecken hatte die Grotte. Und die Mondleute saßen auf weißen Säulen, die überall in ziemlich gleicher Höhe vor den Wänden aus der Tiefe emporragten. In Nischen, die sich dicht hinter den Säulen in die Wände hineinwölbten, lagen dicke Bücher und Mappenwerke, vor denen die Mondleute - blätternd, lesend und schreibend - sich eifrig beschäftigten mit dem, was auf fernen Nebelflecken sich ereignete.
Aufgestapelt waren die gesammelten Bücher und Mappenwerke in langen schmalen Seitengrotten, zu denen die Eingänge tiefer lagen; wie Radspeichen den Mittelpunkt des Rades umgeben, so reihten sich die Seitengrotten um die große Lesegrotte.
Sehr still wars in dieser großen weißen Lesegrotte; die vier wurden kaum bemerkt, da hier die meisten Mondleute weitab saßen und ihr Gesicht den Wandnischen zugekehrt hatten.
Wer die Beobachtungen am Nebelkrater regelmäßig verfolgen wollte, hatte mehr zu tun als an den anderen Kratern dafür gehörten aber auch die Entdeckungen, die in den ferner gelegenen Nebelflecken gemacht wurden, zu den interessantesten der ganzen Welt- es wurden nicht bloß Tausende von Momentbildern vervielfältigt - es drehte sich auch um geistreiche Auslegung, Klarlegung und Kombination der gevvonnenen Bilder- so daß in diesen Bibliotheksräumen immerzu neue Bücher entstanden.
Während die Erdbeobachtung ganz deutliche Bilder vom Kleinsten lieferte - selbst solche von Schriftzügen und Druckwerken - hatte die Nebelbeobachtung natürlich nur mit beträchtlichen Größenverhältnissen zu rechnen.
Die Bibliothek des Nebelkraters wurde von den Erdfreunden, die zum Teil viel größere Bibliotheksräume besaßen, die ›Hypothesen-Bibliothek‹ genannt.
Der Pflastermann sagte hier zum Mafikâsu:
»Es ist doch nicht richtig, daß über diese Bibliothek gespottet wird. Die Erdfreunde lernen nur Wesen kennen, die so groß wie wir selber sind. Aber die Weltfreunde lernen doch Wesen kennen, die millionenmal größer - die billionen- und trillionenmal größer sind als wir! Daß das Kennenlernen derartiger Wesen viel wichtiger ist als die Beschäftigung mit kleinen Erdmännern, die uns in so mancher Beziehung ähnlich sind - das muß doch jedem sonnenklar sein.«
»Natürlich«, versetzte Mafikâsu, »wir werden daher ganz bestimmt als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen. Jetzt heißt es aber: mit allen Mitteln und allen Kräften die große Revolution vorbereiten! Unsre Gegner werden nicht untätig sein sie werden den Mondleuten die große Arbeit wie ein Gespenst aufputzen. Wir aber werden mit dem, was nach der Arbeit kommt - hinreißen. Mit besonnener Ruhe müssen wir vorgehen. Ubrigens - daß uns die Erdmänner in der Rumpf-, Arm- und Kopfbildung äußerlich ähnlich sind, sollte man nicht für so wichtig halten.«
Die vier hatten währenddem längst die weiße Lesegrotte des Nebelkraters verlassen - sie schwebten jetzt durch die langen Smaragdgalerien, die in einer Schraubenlinie immer tiefer ins Innere des Mondes führten. Wundervoll wirkte hier der kugelrunde rote Leib des Mafikâsu - zwischen den grünen Smaragdwänden - wie ein schwebender großer roter GummiLall.
Und unten in den tiefen grauen Bleigrotten, in denen nur riesige Tag- und Stundenverkünder ein weißes Licht ausstrahl ten, da zogen die vier ihre kugelrunden Leiber ganz zusammen, daß sie wie leere Beutel aussahen.
Und so stürzten sie sich wieder kopfüber in die Tiefe - und kamen so in immer tiefere Grotten, in denen violette, braune und orangefarbige Felsenwände nur ein schwaches Dämmerungslicht verbreiteten; scharfe Kanten sah man hier selten im Gestein.
So gings tiefer und tiefer - hinab - zum Mittelpunkte des Mondes - zu den stillen Todesgrotten.
Aber der Weg war weit, und die Stundenverkünder ließen sich oft hören.
Durch die zinnoberroten Badegrotten, in denen die runzliche Haut der Mondleute durch eine Art Schwitzkur renoviert wird, gelangten die vier in die herrlichen Rauchergrotten wo die Raucher so langsam und ruhig umherschwebten, als ginge wirklich gar nichts vor in den großen weiten Sternallwelten; die wurden hier oftmals ganz und gar vergessen.
Diese Rauchergrotten waren allen Mondleuten sehr wohl bekannt- und wurden immer Beruhigungstempel genannt und gehörten zum Herrlichsten, was es im Innern des Mondes gab; hier wuchsen jene köstlichen Blumen, die in ein paar Sekunden eine halbe Meile groß werden konnten.
Diese Blumen, die in allen Farben irisieren und opalisieren, sind hauchartig dünne Fächergebilde und kolossalen bunten Eisblumen ähnlich; aber die Blumen in den Rauchergrotten sind nicht einseitig- sie können sich nach allen Seiten entfalten - werden weite Spitzenblüten und Strahlendüten mit Schaumranken und haarfeinen Adern, die sich kräuseln - zitternd und glühend.
Jeder Mondmann hatte in seinem Rucksack, der am Rumpfgurte hing und gewöhnlich hinten auf dem Ballonleibe lag, seine kleine dicke Stein-Pfeife, in deren Kopf ein seltsamer Schwamm stak - dieser Schwamm wurde sofort glühend, so bald er mit einer Schaumranke der großen Duftblumen in Berührung kam - und dann ließ sich der Schwamm rauchen.
In den glühenden Schwamm zog die ganze Biume hinein, so daß diese verging wie eine Vision.
Und so rauchte der Mondmann meilenhohe Blumen, die so fein sind, daß sie von den zartesten Händen nicht zu bemerken wären.
Duftende irisierende Rauchwolken wirbeln aus der dicken Stein-Pfeife des rauchenden Mondmannes heraus. Und der Rauch ist so bunt - wie Regenbogen, die sich schlängeln und sich umschlingen, und wie Opalgeflimmer, das wie Schnee herumrieselt - so daß man im Rauche noch die Blumen er kennt.
Mafikâsu steckte sich jetzt auch seine Pfeife an, und seine drei Begleiter folgten seinem Beispiel.
Und ein langes Lächeln floß über das Gesicht des müden Nadûke,und er sagte zum Klambatsch:
»Ein langes Leben zieht an mir vorbei - steigt so schnell auf - wie da drüben die knisternden Blumen.«
Und drüben wuchsen wieder neue Blumenwälder aus der Tiefe empor.
Die Zapfengrotten, in denen die Raucher dahinschwebten, waren sämtlich dunkelbraun und spendeten kein Licht; die Blumen leuchteten hier viel feiner als alle Wände - und auch viel feiner als die Mondmänner selher - da das Blumenlicht immer wieder wie Opalgeflitter aufflatterte und dann irisierend in Schlangenlinien dahinzog und zitterte.
Es war so - denn nicht alle Teile der Blumen spendeten Licht-, als wenn die Raucher eigentlich nur dieses Licht in den Blumen rauchten, da der Rauch beinahe ganz so aussah wie dieses Blumenlicht; die Farbenspiele des Rauches waren nur gedämpfter und zuweilen etwas trübe.
Große Scharen von Mondleuten zogen an den vieren rauchend vorüber, und die großen Blumen, die in ein paar Sekunden eine halbe Meile groß werden können, wuchsen immer wieder von neuem - knisternd.
Und die vier schwebten durch eine Nischenpforte und schossen wieder kopfüber in schier unüberschaubare meilentiefe Grotten hinein, die teilweise ihr Licht nur von herumschwirrenden Käfern empfingen; nicht alle Felsenwände im Mondinnern haben Leuchtkraft; doch die dunkeln Felsen wirken fast immer wie Sammet.
Und nun flogen die vier in das Reich der großen Fabrikgrotten, allwo blaue und grüne und rote Flammen, ohne Rauch zu erzeugen, um die glatten spiegelnden Felsenwände flackerten. Hier hörte man fortwährend ein großes Hammern, Klirren, Klappern, Rollen und Stampfen; an neuen Teleskopen und an neuen Utensilien und Apparaten ward ohn Unterlaß in den Fabrikgrotten gearbeitet.
»Es geht doch«, sagte der Pflastermann, »niemals so schnell, als man denkt.«
Die Stundenverkünder zeigten den Herren an, daß sie schon länger als hundert Stunden unterwegs waren.
Bald war ein halber Mondtag dahin.
So schnell konnte man die Todesgrotten nicht erreichen, wenn man auch noch so fix hinunterstürzte.
In den Delikatessgrotten machten die vier noch einmal Rast. Dort leuchteten die dicken Lüfte selber in den verschiedensten Farben und in verschiedener Lichtstärke.
Diese Luft einzuatmen, war den Mondleuten ein ganz besonderes Vergnügen; diese dicken leuchtenden bunten Lüfte bildeten lauter Luftdelikatessen.
Brummkäfer waren immer in Menge da.
Aber lange hält es der Mondmann in dieser prickelnden Atmosphäre nicht aus; wohl lebt der Mann mit dem Luftleibe nur von der Luft- aber ihm ist die leuchtende Luft nicht unentbehrlich - die ist nur sone Art Sonntagsscherz.
Nachdem Mafi und seine drei Begleiter sich genügend in der Lichtluft erquickt hatten, sausten sie weiter hinab - ihrem Ziele zu.
Und zweihundert Stunden später waren sie endlich unten nicht weitab vom Mittelpunkte des Mondes - in den Todesgrotten.
Da sitzen die Mondleute nicht auf Säulen, denn da sind keine Säulen.
Die Wände steigen in Terrassen empor.
Und auf den Terrassen liegen die Mondleute; sie haben ihren Kopf in eine Hand gestützt, der Ballonleib liegt glatt wie ein dickes Fell auf dem Stein - und auch unter dem Arm, dessen Hand den Kopf stützt.
Ein leises Flüstern läßt sich auf den Terrassen vernehmen.
Und von allen Seiten fliegen eilig die Gehilfen des Pflastermannes herbei und wollen die drei Herren zur Ruhe bringen.
Mafikâsu schüttelt lächelnd mit dem Kopfe, und der Pflastermann sagt leise:
»Nur diese beiden, die Herren Nadûke und Klambatsch, wollen ihrem Leben ein Ende machen. Gebt den Herren einen Platz mit interessanter Perspektive; sie haben in den Zinnkratern große Arbeiten vollbracht - von vielen Mondleuten sind sie als Führer anerkannt worden.« Und die Gehilfen, lauter gute sehr freundliche Mondleute, die ihr Amt sich selber wählten, bringen Nadûke und Klambatsch in eine entfernte Terrassenecke, die sich unter einer weiten Kuppelöffnung hinzieht, durch die man hoch hinaufblicken kann - durch kanten- und seitenreiche Lichtgrotten durch; fast sieben Meilen lang ist die Perspektive von einzelnen Punkten aus.
Mafikâsu schwebt mit dem Pflastermann neben der reich gegliederten Horn-Terrasse dahin, und beide überschauen die langen Reihen der Sterbenden, die leise flüstern.
Die Sterbenden sprechen aber nicht zueinander - sie sprechen zu sich selber.
Und dennoch sinds nicht Monologe, die flüsternd über ihre Lippen kommen.
Das Sterben auf dem Monde ist nicht so wie das Sterben auf der Erde.
Wer auf dem Monde müde wird, fühlt bald in der dem Rumpfe naheliegenden Ballonhaut einen Schmerz. Und wer diesen Schmerz fühlt, schwebt hinab zu den Todesgrotten und läßt sich dort ein Pflaster auf den oberen Teil der Ballonhaut legen. Und das Pflaster lindert den Schmerz. Und aus der vordem schmerzenden Stelle wächst ein andrer Rumpf heraus, der anfänglich ganz klein wie ein Pilz ist - aber in Bälde Kopf und Armbildung zeigt.
Und während der alte Rumpf immer mehr zusammenschrumpft, entwickelt sich der neue Rumpf - genau in den Formen des alten; der neue hat nur anfänglich eine nicht so runzelreiche Haut.
Und der alte Kopf spricht zu seinem neuen Kopf - wie ein Vater zu seinem Kinde.
Und so geht der Geist des Vaters langsam in den des Sohnes über.
Und es ist eigentlich kein Tod - es ist nur eine Wiedergeburt.
Und es ist wundersam, zu sehen, wie das Alte in das Neue übergeht.
Und es ist wundersam, zu hören, wie das alte Ich zu seinem neuen Ich spricht und ihm alles erklärt, was es auf dem Monde wissen muß.
Und so lange spricht der alte Kopf - bis der neue genauso klug und ebenso weit ist wie der alte.
Und es ist so, als wenn sich Doppelgänger miteinander unterhalten.
Und es ist ein vollkommenes Aufgehen des Alten - im Neuen.
Und es stirbt eigentlich nur die Haut des Alten - die schließlich vergeht - wie eine Blume vergeht - in den Rauchergrotten.
Mafikâsu hält an in der Luft und horcht und hört, was ein Sterbender zu seinem neuen Leben sagt.
Der Pflastermann schwebt weiter durch eine Bogenpforte durch.
»Es wird sich«, sagt der alte Kopf zu seinem neuen, »vieles ereignen, was Unruhe auf dem Mond erzeugen muß. Vielen Mondleuten genügt das Leben nicht mehr, das sie führen; sie wollen die Fülle ihrer Weltbilder noch vergrößern; sie wollen noch mehr anschauen können als bisher. Die große Revolution, die uns eine Abkehr von der Betrachtung der Erde bringen wird, kommt. Aber bei allen revolutionären Bewegungen dürfen wir nie vergessen, daß uns nur die reine absichtslose Anschauung das Glück schaffen kann. Wir müssen immer ganz ruhig auch die unruhigen Bilder nur als Bilder auf uns wirken lassen - wie ein großes Bilderspiel, dem wir ohne Absicht als ferne Zuschauer zuschauen dürfen. Wenn uns das, was für uns in und auf den Sternen sichtbar wird, nicht mehr unterhaltend genug erscheint, so dürfen wir ja vvohl danach streben, durch bessere Vergrößerungsgläser tiefer in diese Lebensspiele der Sterne zu dringen. Aber vergessen dürfen wir dabei nie, daß dieses Mehrhabenwollen eine Gefahr in sich birgt. Wir könnten so leicht von der sich selber genug gebenden, alle Absicht verschmähenden Betrachtung der Welt abgelenkt werden und in der zerstreuenden Tätigkeit mehr erblicken als in der sammelnden Anschauung. Ich fühle, daß Du mich verstehst; Du wirst so leben, wie ich gelebt habe.



