Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)

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»Nur der Geist,« antwortet Kaidôh, »der alles umschliesst – der alles selber ist – der Allgeist.«
Ein leises Summen wie von Bienen geht an Kaidôhs Ohren vorüber, die gelben Tempelsäulen leuchten, und er fährt leise fort:
»Sind das aber stille Stunden, wenn ich die Nähe des Allgeistes fühle – wenn ich mich in ihm fühle?«
Liwûna sagt nichts, er aber sagt laut:
»Nein! Das sind gewaltige Stunden. Ich glaube auch nicht, dass ich die stillen Stunden suche – ich suche die gewaltigen Stunden – in denen ich mich im Allgeist fühle – und den Allgeist in mir.«
Liwûna sagt wiederum nichts.
Und er fühlt plötzlich heisses Blut in seinen Adern, und ihm ist so, als ginge eine neue Kraft durch seine Sehnen, und er sieht schärfer gradaus, und er glaubt, dass jetzt ein andrer in ihm auflebe – der neue Heiland – der gewaltige Allgeist.
»Eine gewaltige Stunde!«
Also schreit er laut auf.
Und er will die Arme heben und Fäuste aus seinen Händen machen.
Und er kann nicht die Arme heben, und er kann nicht Fäuste aus seinen Händen machen.
»Deine Gliedmassen,« flüstert die Liwûna, »sind ja viel zu gross geworden. Du bemerktest wohl noch nicht, dass du vor der blauen Pforte noch ein gutes Stück gewachsen bist. Du brauchst jetzt sehr, sehr lange Zeit zu jeder Bewegung.«
Er murmelt:
»Das also nennt man Grösse!«
Er sieht scharf gradaus durch zwei gelbe Säulen durch in die Finsternis. Und in der Finsternis bewegt sich was. Und aus dem Bewegten schlagen hellblaue Flammen heraus. Und die Flammen bilden flackernde Buchstaben. Und Kaidôh kann die Flammenschrift lesen, obgleich ihm die Schrift ganz unbekannt ist. Und er liest:
»Bilde dir nicht zu viel ein! Der Geist des Alls, der mehr als alles Grosse ist, flüstert auch in dir. Aber er flüstert nur sehr wenig. Und das Wenige kannst du nicht einmal verstehen. Wer gleich den ganzen Allgeist in sich zu fühlen glaubt, stellt sich das Gewaltige allzu einfach vor; man könnte lächeln und lachen. Du kannst nur langsam fühlen, dass ein Allgeist da ist – mehr kannst du nicht. Sei still!«
Und die Schrift erlischt.
Und die Liwûna schwebt neben Kaidôh vorbei und aufwärts.
Und er sieht gewaltige Goldgebirge, in deren Thälern nur noch wenige Schneesterne schimmern – wie weisse Farbenreste.
Die Goldgebirge sind Liwûnas Gewänder.
Kaidôh steigt auch höher – und sieht in Liwûnas Antlitz – wie in eine grosse, bunte Landschaft – und in der funkeln zwei Augen ihn an – wie lichtbraune Sonnen aus Topasen. Und Liwûnas gewaltiger Mund öffnet sich. Und sie sagt, während es über die weiten Gefilde ihres Gesichtes zuckt:
»Du bist doch gar nicht ein bischen neugierig. Weisst du, wer ich bin? Du hast noch nie danach gefragt. Hast du mich nicht verstanden? Ich bin doch deine Sehnsucht. Ich bin deine Körper gewordene Sehnsucht – so viel wie ihr Spiegelbild.«
»Daher,« giebt Kaidôh zurück, »bist du wohl so fabelhaft gross. Jetzt merke ich erst, wie mächtig mein Verlangen ist – wie rasend gross meine Gier wurde – meine Gier – nach dem Gewaltigsten.«
Und er denkt, dass er über Liwûna lächeln könnte, doch er kanns nicht – die Gesichtsmuskeln gehorchen ihm ebenfalls nicht mehr – er ist ja so masslos gross geworden.
Er sagt sich, dass wahrhaft grosse Riesen das Lachen gar nicht nötig haben.
Und wenn man sich so was gesagt sein lässt, so ärgert man sich nicht mehr. Das hätte doch gar keinen Zweck.
Liwûna schwebt wieder an Kaidôhs Seite und macht ihm Enthüllungen; sie bietet ihm ein Spiegelbild von seiner Sehnsucht dar.
Er glaubt, er verstehe das alles, und hat eine Empfindung, als könnte er Liwûna durch und durch durchschauen. Dabei lernt er sich endlich selber kennen – bildet sich das wenigstens ein – glaubt, dass er nur das Gewaltige gesucht habe und klammert sich an dieses Wort, als wärs sein neuer Heiland.
Was doch so'n Wort macht!
»Ich suche die gewaltige Stunde!«
Mit diesen Worten schwebt Kaidôh gradezu weiter und müht sich ab, allmählich die Finger zu krümmen – was schrecklich langsam von statten geht.
Die Säulen sehen jetzt wolkig aus wie undurchsichtiger Bernstein, und blassrote Korallenketten, deren Glieder sehr unregelmässig sind, winden sich schraubenartig um die Bernstein-Säulen.
»Liwûna,« ruft Kaidôh, »du weisst, was ich will. Warum erfüllst du nicht meinen Wunsch?«
Die riesige Liwûna sagt müde:
»Diese Quälerei um des Gewaltigen willen! Als wenns nicht überall genug der Wunder gäbe! Als ob nur die schärfste Paprikatunke geniessbar wäre! Es giebt doch noch sanftere Tunken! O Kaidôh – deine nie gestillte Lustgier hat dich so überreizt, dass jetzt nur noch das Schärfste bei dir zieht.«
Kaidôh wird furchtbar heftig – es hilft ihm aber nichts – alle seine Muskeln gehorchen ihm nicht.
Sie fährt sanft fort:
»Sollten dir vielleicht die stillen Stunden der grenzenlosen Gedankenlosigkeit helfen können? Ja doch! Auf einen Punkt starren und sich durch nichts ablenken lassen – macht auch schon mal selig. Weise die Geschichte nicht so leichthin von der Hand. Die unbeirrte Beschaulichkeit, die alles Denken nur als Stimmungshebel und Stimmungshobel aufkommen lässt, hat schon manchen Masslosen erlöst. Sehr heldenhaft sieht die Sache freilich nicht aus – aber sie erfüllt doch ihren Zweck.«
Kaidôh wird noch wütender.
»So hat mich noch keiner verhöhnt!« brüllt er auf.
Sie aber sagt freundlich:
»Glaube mir nur: Kinder der Einsamkeit sind alle deine Wünsche. O Kaidôh – warum willst du bloss noch das Gewaltige?«
Kaidôhs Zorn verraucht. Der Riese sieht seine Liwûna neben sich schweben und weiss nicht, was er von ihren Worten halten soll.
»Scherze nicht!« spricht er feierlich, »Du weisst, dass ich nicht anders kann. Wenn du meine Sehnsucht bist, musst du mir eine gewaltige Stunde schaffen können. Ich verstehe nicht, warum der Weg zum Gewaltigen so schrecklich weit ist.«
Sie schweben still zusammen weiter – immer zwischen den undurchsichtigen Bernsteinsäulen – die unzählig sind, wie die Tropfen eines Meeres.
Und Liwûna sagt zögernd:
»In den Stunden des Lebens, die wir gewaltig nennen könnten, glauben wir oftmals, nahe daran zu sein, alle Rätsel der Welt mit einem Blick zu durchschauen. Es geht wohl was Grosses mit uns vor. Eine geheimnisvolle Macht scheint uns mit fernen Sternen zu verbinden – und uns auch hinter alle Sterne zu führen – und wir nehmen gern an, dass wir mehr sind, als sonst. Viele fasten und beten und kasteien sich, um zu solchen gewaltigen Stunden zu gelangen. Und die bleiben vielen dennoch fremd. Man muss sich eben führen lassen wie Kaidôh und warten können. Wäre der Weg zum Gewaltigen so bequem, so hätten wir gar kein Recht von einem 'Gewaltigen' zu reden – denn es würde bald was Alltägliches sein – und das Alltägliche ist nicht mehr gewaltig. Man muss sich also ruhig führen lassen von seiner Liwûna – eine Liwûna kann doch jeder haben – nicht wahr, mein lieber Kaidôh?«
Kaidôh empfindet so was wie Eifersucht, ihm kommt aber diese Empfindung gleich sehr lächerlich vor – er würde lachen – wenn er das noch könnte – er bemerkt in seiner Aufregung gar nicht, dass Liwûna nur von ihrer lieben Schwester sprach.
Der stürmische Kaidôh will bloss noch mehr wissen – mehr von der gewaltigen Stunde, in der nach seiner Meinung der gewaltige Geist, der alles umschliesst, im Innern des Empfänglichen für ein paar Augenblicke auflebt und das ganze Dasein verändert.
Die Liwûna sagt still:
»Du sollst mehr wissen. Dazu habe ich dich hierher geführt. Es giebt hier im Tempel noch so manche Flammenschrift. Blick nur scharf gradaus – auf einen Punkt – dann wirst du schon was sehen.«
Und Kaidôh thut unwillig, wie ihm geheissen wurde, und er sieht plötzlich eine Wand von rot glühendem Eisen.
Und in dem rot glühenden Eisen entsteht eine Schrift aus flimmernden Opalen. Kaidôh kanns lesen und liest:
»Es umrauscht dich ein wildes Meer, und tausend Stimmen schreien dir die Ohren voll, und du verstehst nicht, was sie sagen. Sie sagen, dass alles, was lebt, nur eines will: es soll nur wieder eine andere Seite des Daseins aufleuchten. Und das Dasein ist ein Brillant mit unzähligen Ecken und Kanten. Und alles, was lebt, steckt in den bunten Strahlen, die hinausleuchten in die tiefe Finsternis, in der alles, was lebt, aufflammen und vergehen soll. Es ist alles nur ein bunter Schein.«
Und Kaidôh sagt scharf:
»Es ist alles nur ein bunter Schein.«
Und die Schrift erlischt, und die glühende Eisenwand fällt in die Tiefe. Und dicht vor Kaidôhs Gesicht entstehen hampelnde Gliederpuppen aus hellgrünem Chrysolith – die bilden auch Buchstaben in der Luft – und bald steht da vor der Finsternis in hellgrüner Schrift:
»Wir möchten auch so gerne das Ganze umfassen, es ist nur so schwer. Wir denken daher in allem Ernste daran, uns mit einzelnen Teilen der Welt zu begnügen. Wir wissen allerdings, dass uns die Teile eines unendlichen Ganzen als solche ebenso unbegreiflich sind – wie dieses selbst. Indessen – du lieber Himmel! Halten wir, was wir gerade haben – obs nun Teile sind oder nicht. Man hat so doch immer noch etwas – wenigstens scheinbar! Es lebe die Kirsche!«
Und mit Geknatter zergeht das grüne Puppenvolk.
Kaidôh bedauert, dass er nicht mehr lachen kann – was doch so lustig war.
Und er blickt seiner Liwûna ins grosse Antlitz, und siehe! – ihr springen plötzlich die Zähne aus dem Munde heraus und bilden auf den roten Lippen eine weisse Glanzschrift – die da sagt:
»Du kannst aber den Grossen, der keinen Namen hat und viel grösser als alle Unendlichkeit ist, dennoch – fühlen. Es zuckt dir noch einmal eine Erkenntnis durch den ganzen Leib. Du wirst dann plötzlich nicht mehr hören und nicht mehr sehen wollen – denn du wirst zufrieden sein, als wenn du alles wüsstest. Und du wirst doch niemals sagen können, was du weisst und was du erkannt hast. Und es wird doch mehr als ein Traum sein. Und du wirst zufrieden bleiben – solange du dein Leben lebst.«
Und Liwûna verschluckt ihre Zähne.
Kaidôh sagt hastig: »So sollte es möglich sein? Unser Leben könnte schliesslich nur aus gewaltigen Stunden bestehen? Wenn das möglich ist, so soll es wirklich sein – ich wills!«
»Was schreist du so!« bemerkt kalt die Liwûna, deren Zähne wieder an der richtigen Stelle sind, »glaubst du vielleicht, dass es sehr geistreich wäre, wenn in unserem Leben eine Stunde der andern ähneln würde – wie ein Ei dem andern? Immer wieder neu und anders müssen alle Stunden sein – auch die gewaltigen Stunden.«
»Dann,» versetzt Kaidôh barsch, »muss auch eine Stunde gewaltiger als die andere sein, und es muss eine gewaltigste geben. Und welche Stunde könnte nun die gewaltigste sein? Doch nur die, in der das Einzelwesen mit dem Allwesen ganz und gar verbunden wird. Und die Stunde nennt man die Todesstund.«
Liwûna fragt sanft: »Suchtest du den Tod?«
Kaidôh hört nicht mehr – sein ganzes Wesen leuchtet auf in einem Gedanken – er denkt sich mit dem Geiste, der Alles ist und keinen Namen braucht, für ewig vereint.
Und alles, was den Kaidôh umgiebt, verliert jede Bedeutung für ihn – auch Liwûna verliert ihre Bedeutung für ihn.
Und sie fliegen in einen grossen Saal, in dem so viele duftende Rauchwolken sanft emporwirbeln, dass die Beiden von den Wänden nichts gewahr werden.
Sie sind in dem kleinen Saal des Schweigens, in dem jeder durch die duftenden Rauchwolken am Sprechen verhindert wird.
Sie fliegen lange Zeit, und Kaidôh versucht wiederum eine Faust zu machen.
Und nach langer Mühe gelingt es ihm, eine Faust zu machen – mit der rechten Hand – mit der linken gehts noch nicht.
Kaidôh freut sich und fühlt sich dem Herzen des Alls ganz nahe und möchte sprechen.
Er kann aber nicht sprechen – und fährt schweigend durch die Rauchwolken dahin wie ein Gewaltiger.
Und Liwûna findet einen Ausweg aus dem Saale des Schweigens. Und sie schweben bald in freier Luft unter einer weiten Kuppel, die ganz aus Glas besteht.
Kaidôh schreit:
»Führe mich in den Tod. Ich will das Gewaltigste. Ich will die Vereinigung mit dem Geiste, der alles ist.«
»Was weisst du;« versetzt die Liwûna, »von den gewaltigen Stunden des Lebens und des Sterbens!«
Und Kaidôh sieht seitwärts im dunkelvioletten Kuppelglase eine zitternde Schneeschrift – diese Worte:
»Wir wissen über Geburt und Tod so viel wie gar nichts und reden doch davon. Das ist die Macht des Unbekannten, die uns zum Reden reizt. Wer aber über Dinge redet, die er nicht kennt, wird leicht zum Schwätzer. O, hütet euch vor dem salbadrigen Geschwätz – wenns auch manchmal stürmisch klingt! Ihr könnt so leicht da drinnen kleben bleiben – wie die Fliege im Fliegenleim.«
Kaidôh will die Augenbrauen zusammenziehen und ein böses Gesicht machen; er hat ja noch nicht geschwatzt.
Während er ärgerlich sich abwendet und weiter möchte, schweben schaukelnde, bunte Laternen aus der Kuppelhöhe hernieder und bilden ein paar Beruhigungssätze.
Kaidôh buchstabiert und liest:
»Du brauchst keine Furcht vor dem Tode zu haben. Wer sich eins weiss mit dem Geiste des Alls, kann die Todesstunde nicht mehr fürchten, denn was sie auch bringen mag – sie bringt immer nur das, was der Geist, der alles ist, will. Das, was der Namenlose will, kann nicht unsre Sache sein. Wer sich, obschon er gar nichts weiss, mit dem Allgeist eins weiss, wird allzeit ganz ruhig sein – einverstanden mit allem, was geschieht. Todesfurcht kann nur der haben, der zu viel Freude an seiner Selbstherrlichkeit hatte.«
Kaidôh schreit wütend:
»Ich habe doch keine Furcht vor dem Tode! Ich habe doch Sehnsucht nach dem Tode!«
Schauerlich hallen diese Wutworte durch die grossen bunten Glasgewölbe. Die bunten Laternen brechen klirrend entzwei und sinken in die Tiefe, die grau ist wie ein Wolkenbett.
Hastig spricht Kaidôh zur Liwûna, deren Gesicht sehr rot wurde:
»Warum höre ich kein klares Wort über die Todesstunde? Warum nicht?«
»Gelieber,« entgegnet die Rote schnippisch, »was du bloss zu verlangen beliebst! Man hätte viel zu thun, wenn man alle denkbaren Möglichkeiten, die beim Tode und nach dem Tode eintreten könnten, erörtern wollte. Und man würde doch nie zum Stande kommen. Eine Formel, mit der man alles lösen kann, findet man nicht – in der gewaltigen Welt.«
Dem Kaidôh wird so traurig zu Mute. Er glaubt, dass man ihn absichtlich missversteht. Er möchte vor lauter Unruhe beinahe weinen – kanns aber nicht. Er ist ja viel zu gross zum Weinen. So schnell sind seine Thränendrüsen nicht in Bewegung zu versetzen. Es ist nur ein Wunder, dass er immer noch sprechen kann.
»Du hörst nicht mehr auf mich!« sagt er bitter.
»Du hörst auch nicht mehr auf mich!« sagt auch sie bitter.
Und während sie weiterziehen, sehen sie sich die mächtigen Bogen der reichgegliederten Glaskuppel an von der sie natürlich nur ein kleines Stück sehen können, das keinen Begriff vom Ganzen erzeugt.
Und schillernde Paradiesvögel setzen sich auf eine hohe türkisblaue Scheibe, und auch diese bunten kleinen Vögel, von denen Tausende da sind, bilden eine Schrift – in verschiedenen Absätzen.
Der oberste Absatz lautet:
»Mit dem Prophetentum ist die Sache immer man mau. Jeder Prophete wird so leicht zum Hallunken. Weil aber auch diese von den gewaltigsten Dingen sprechen, so soll man ja nicht glauben, dass alles Gewaltige bloss qualmender Mumpitz ist. Alles Ernste will auch sein Widerspiel in seinem Gegensatze haben. Und die Hallunken sind doch so – spassig.«
Die Paradiesvögel zwitschern mächtig.
Der unterste Absatz lautet:
»Da das, was in der einen Gegend lebt, gleichzeitig immer noch wo anders lebt, müssen wir annehmen, dass alles Leben niemals im Einzelnen erstickt werden kann – es wird immer noch wo anders sein.«
Kaidôh wendet sich wieder ärgerlich ab, da er nichts davon versteht doch die Liwûna spricht schnell:
»Kaidôh, in der Mitte steht doch noch ein sehr wichtiger Absatz.«
Da steht nämlich:
»Die Sternriesen haben noch keinen ihrer Brüder sterben sehen und glauben nicht mehr, dass sie sterben könnten. Sie halten daher den Tod nur für eine Wesensverwandlung, die bei sehr unentwickelten Lebewesen eine Berechtigung hat.«
Kaidôh staunt darüber und wird verwirrt.
»Sagtest du nicht,« fragt er, »dass wir im Todestempel der Sternriesen seien?«
»Das kann ich,« erwidert sie, »nicht gesagt haben, denn bei den Sternriesen spielt der Tod gar keine Rolle. Die grossen Sternriesen verändern sich, ohne dabei gleich zu sterben. Die Inschriften, die du kennen gelernt hast, sind nicht für die Sternriesen. Wir befinden uns hier immer noch in den äussersten Vorhallen. Du würdest viele Sternjahre brauchen, wenn du dir von der Tempeleinrichtung, die sich in ungeheuren Tiefen befindet, ein ungefähres Bild machen wolltest. Das Sinnbildliche würde dir zudem ganz unfassbar bleiben.
»Dann komm raus!« sagt Kaidôh.
Das geht aber nicht so geschwinde.
Die Liwûna fliegt mit ihrem Kaidôh durch ein Perlkettenfenster in einen andern Saal. Und in dem ist die Kuppel so himmelhoch, dass Kaidôh müde wird bei dem Gedanken, da oben durch zu müssen.
Es ist still und geheimnisvoll ringsum.
In dem Saale sind nur ein paar Lichter sichtbar – das sind grosse Sterne, die an fernen Säulen leuchten. Die Säulen sind als solche gar nicht wahrzunehmen, da ihr Umfang viel zu gross ist.
»Wir müssen immerzu emporsteigen!« sagt leise die Liwûna.
Und sie steigen immerzu empor.
Ihnen ist so, als schwebten sie zwischen grossen dunklen Blasen in die Höhe. Die Blasen haben weichgebogene Lappenform; goldbraune und dunkelviolette Wellen schwimmen auf der Blasenhaut hin und her – wie auf Seifenblasenhaut.
Es ist ziemlich dunkel ringsum.
An der einen Seite wirds aber immer heller, die Blasen verschwinden, und ein kirschrotes Licht leuchtet den Beiden ins Auge. Vor dem kirschroten Lichte, das in einem Nebensaale zu leuchten scheint, sehen sie eine lange Reihe von schwarzen Säulen, die wie Knochengerippe wirken und doch wieder Buchstaben sind.
Da steht geschrieben in schwarzer Riesenschrift auf kirschrotem Lichtgrunde:
»Glaube nicht, dass es immer gut ist, wenn du oft zur Besinnung kommst. Viele verlieren dadurch ihre ganze Kraft und ihr ganzes Lebensglück, selbst das Todesglück kann dabei in die Brüche gehen.«
Kaidôh sagt kalt:
»Diese Worte gehen mich gar nichts an.«
Das Licht verschwindet, und die Schrift ist nicht mehr zu sehen.
Die Beiden steigen höher, und abermals wird ein Nebensaal hell – der strahlt in citronengelbem Licht. Und schwarze Säulenlettern sagen davor:
»Unsres Lebens Anfang und Ende ist uns verschleiert, dass wir glauben können, es gäbe Beides nicht. Unser Leben soll wohl ein Sinnbild der Unendlichkeit und Ewigkeit sein. Wir können unser Leben auch ein unaufhörliches Sterben nennen – wir werden immerzu was anderes. Wir sollen uns eben immer inniger ins Ganze einschmiegen. Und wenn wir das thun, wird unser Leben aus lauter gewaltigen Stunden bestehen.«
Da geht ein Zittern durch Kaidôhs ganzen Körper, und er spricht leise wie zu sich selbst:
»Ich aber will den Abschluss – ganz eins will ich sein mit dem Geiste, der alles ist. Und so muss ich den Tod wollen – den Tod, der keine weitere Veränderung hinter sich zulässt.«
Mit einem krachenden Donnerschlag spritzt das citronengelbe Licht nach allen Seiten und verfliegt.
Es wird ganz finster, und dabei geht ein wimmernder Luftzug durch die Gewölbe. Der Luftzug dreht den Kaidôh um sich selbst und reisst ihn rasend rasch empor – immer höher – immer höher – dass ihm der Atem stockt – dass er denkt, die letzte Stunde seines Lebens sei gekommen – dass er aufjauchzt – und nun des grossen Augenblicks harrt – und die Augen weit aufreisst – um sehen zu können – mit einem Blick – das ganze All.
Und ein lilienweisses Licht springt auf und leuchtet auf allen Seiten. Und vor dem lilienweissen Licht steht in schwarzer Säulenschrift viele Male auf allen Seiten die grosse Frage:
»Was ist die Unendlichkeit?«
Und darunter steht:
»Kaum ein Finger des Unnennbaren.«
Und Liwûna schwebt mit ihrem Kaidôh durch einen goldenen Sternzackenkranz, der eine runde Oeffnung der grossen Tempelkuppel umsäumt, ins Freie hinaus – in einen braunen Nachthimmel, der mit weissen, schmalen, ovalen Sternen übersäet ist.
Draussen ist es kühl.
Und Kaidôh fühlt, dass ein starker Arm seinen ganzen Körper wagerecht legt, sodass er nicht mehr die weissen Sterne sieht – sondern nur noch die Kuppeln.
Die Liwûna neben ihm liegt auch wagerecht in der Luft mit dem Gesicht nach unten wie er.
Und so schweben sie empor rückwärts – also dass sie immer mehr von den Kuppeln und Dächern der Sternriesentempel sehen.
Die Beiden schwebten, während ihre Gewänder rauschten und knatterten, neben Türmen und Säulenhallen immer höher so schnell, als wenn die Beiden von Riesenmäulern, die oben Luft einsogen, hinaufgezogen würden.
Und dann liegt das ganze Tempelreich in aller seiner Herrlichkeit unter ihnen.
Kaidôh ist ganz berauscht von diesem gewaltigen Anblick.
In der Mitte thront ein Kuppeldach, das einer goldenen Riesenperle gleicht; das Gold windet sich in Schlangenlinien hin und her – gekörntes Gold, blankes Gold und getriebenes Gold.
»Das sind natürlich lauter bewegliche Sternriesen!« erklärt die Liwûna. Die Goldkuppel ist von hellblauen und dunkelblauen Zackenringen umrändert. Die Ränder sind aber breit.
Ein Kranz von kleineren spitzen Silbertürmen umzäunt die Zackenringe. Um diesen Mittelpunkt sind nun hellgrüne und dunkelgrüne Riesenwürfel herumgestreut – die liegen wie Steinfelder da – bilden aber gleichfalls einen regelrechten Ring – einen so breiten allerdings, dass es schwer fällt, ihn als solchen zu überschauen.
Und um die grünen spitzen- und kantengrossen Würfel hat sich ein breiter grüner Wolkenring gelagert. Der Wolkenring ist im Innern sehr unregelmässig und zeigt viele tiefe Thäler, in denen das Wolkengrün beinahe schwarz erscheint.
Und ganz breite funkelnde Glastürme ragen auf allen Seiten hinter den grauen Wolken in den Nachthimmel hinauf.
Und die Glastürme sind ganz hell, als wären sie sämtlich innerlich erleuchtet; an den vielen rechteckigen Kanten der Türme funkeln die Regenbogenfarben wie an Brillanten. Kaidôh kann nicht über die Türme hinüberschauen; sie steigen alle rechteckig als breite Massen auf, die sich oben nicht verjüngen; sie tragen auf ihrer ganz stumpfen Spitze auf ganz flachem Dach unzählige kleinere Türme, die wie Schornsteine aussehen und noch stärker funkeln, als die breiten rechteckigen Türme, die das Grundgemäuer bilden.
Kaidôh schwebt noch schneller aufwärts – immer höher und höher. Der Mittelpunkt – das sieht er nun ganz deutlich – leuchtet in seinem eigenen Licht. Die goldene Mittelkuppel leuchtet wie heftige Sonnen. Milder leuchten die blauen Zackenringe und ganz milde die grünen Würfel; die silbernen Türme zwischen beiden glimmen nur so wie Phosphor im Dunkeln. Die grauen Wolken erhalten ihre Helligkeit von den grünen Würfeln und den Glastürmen.
Die ungeheuren Lichtmassen erscheinen in ihrer Wirkung so klein, da die Entfernungen so furchtbar gross sind.
Und Kaidôh gelangt allmählich in so ferne Höhen, dass er auch über die Glastürme hinwegsehen kann.
Und hinter den Glastürmen sieht er nun einen runden Reifen von gewaltigen Pyramiden – ein Diadem von gelben Topasen und lilafarbigen Amethysten, die sich abwechselnd folgen. Das Pyramidendiadem liegt weit hinter den Glastürmen.
Und der Pyramidenring wird wieder von Perlenfeldern umrahmt. Es sind aber schwarze sehr höckrige Perlen, zwischen denen vereinzelt wie Thränentropfen kugelrunde rosafarbige Perlen schimmern.
Und Kaidôh schwebt noch höher und empfindet das Ganze als grossen Tortenstern.
Hinter den schwarzen und roten Perlen recken sich aber noch in der Runde in regelmässigen Abständen sieben weisse Zungen vor, deren lange lange Spitzen hoch aufragen – wie die Spitzen der Schnabelschuhe.



