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Götzl Es kam wohl auch zum Einsatz eines verdeckten Ermittlers.
Karl-Heinz G. Ja, und mehrere Monate wurden die Anschlüsse der Familie überwacht. Das hat nichts erbracht.
Götzl Können Sie uns schildern, welche Folgen der Mordanschlag für die Familie hatte?
Karl-Heinz G. Bei all unseren Gesprächen kam immer wieder zum Ausdruck, dass es die gesamte Familie sehr mitgenommen hat. Der Sohn war Mittelpunkt der Familie und wurde auf so abscheuliche Art herausgerissen.
Anwalt Bliwier Ich möchte die Harmonie etwas trüben. Der Familie Yozgat stellt sich das anders dar. Sagt Ihnen der Kollege T. was?
Karl-Heinz G. Ja, der Herr Yozgat hat sich ihm anvertraut und erhoffte sich Informationen über die Ermittlungen.
Anwalt Bliwier Trifft es nicht eher zu, dass Herr Yozgat sich bei ihm beschwert hat?
Karl-Heinz G. Nein, das glaube ich nicht. Können Sie gerne Herrn Yozgat fragen.
Anwalt Bliwier Ich habe hier den Vermerk des türkischen Kollegen. Er schreibt, Herr Yozgat sagte, die Ermittler hätten einen falschen Ermittlungsweg. Sie sollten aufhören, ihn und seine Familie zu verdächtigen. Er fing an zu weinen. Warum sollte er etwas verheimlichen? Er sei der festen Überzeugung, dass sein Sohn und die anderen von Rechtsextremisten ermordet worden sind. Es müsse ein Spinner sein, der wahllos Ausländer umbringt.
Karl-Heinz G. Uns gegenüber hat sich Herr Yozgat nicht so verhalten.
Anwalt Bliwier Ist Ihnen eine solche Information zugegangen, dass Herr Yozgat Ausländerfeinde für die Täter hält?
Karl-Heinz G. Wir haben der Familie gesagt, dass wir auch wegen Ausländerhass ermitteln, in alle Richtungen.
Anwalt Bliwier Das ehrt sie. Aber haben Sie konkret ermittelt in Richtung Fremdenhass?
Karl-Heinz G. Ich weiß, dass solche Nachfragen und Ermittlungen erfolgt sind. Das Ergebnis kann ich Ihnen aber nicht sagen.
Anwalt Bliwier Wer hat das veranlasst?
Karl-Heinz G. Das weiß ich nicht. Wir sind zum Beispiel in die Abendschule gegangen, um zu sehen, ob es da ausländerfeindliche Motive gab.
Anwalt Bliwier Sie waren also in der Schule. Weitere Beispiele?
Karl-Heinz G. Als ich gesehen habe, dass der Iraker in der Telefonzelle im Internetladen aus Mossul stammt, einem Zentrum der Kurden, da habe ich gedacht: Halt, gab es da vielleicht einen Zusammenhang?
Anwalt Bliwier Kurden aus dem Irak – das sind für Sie ausländerfeindliche Hintergründe?
Karl-Heinz G. Nein, natürlich nicht.
Anwalt Bliwier Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, ich ziehe nur in Zweifel, dass das mit dem harmonischen Miteinander mit der Familie so stimmt.
Anwalt Thiel Halit Yozgat telefonierte kurz vor seinem Tod noch mit einem Freund. Was ist mit dem Handy passiert?
Karl-Heinz G. Ja, das kann ich Ihnen sagen. Während der Obduktion habe ich den Erkennungsdienst gefragt, wo das Handy ist. Es gibt kein Handy, sagten die. Der Verstorbene hatte aber ein Handy. Dieses Handy hatte ein Mitarbeiter der Pathologie gestohlen und mit nach Hause genommen.
Tag 40
30. September 2013
Manfred Götzl, Richter. Veronika A., 63, Zeugin aus Dortmund. Sie gab an, sie habe wenige Tage vor dem Mord an Mehmet Kubaşık auf einem Grundstück neben ihrem Haus in Dortmund-Brackel verdächtige Personen beobachtet. Es habe sich um Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gehandelt. Cihan B., 47, Kriminalhauptkommissar aus Kassel. Er ermittelte im Mordfall Halit Yozgat und vernahm unter anderem den Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme, der sich zur Tatzeit im Internetcafé des Opfers aufgehalten hatte. Wolfgang Stahl, Verteidiger von Beate Zschäpe. Olaf Klemke, Verteidiger von Ralf Wohlleben.
Veronika A. Ich bin wohnhaft in Dortmund-Brackel und habe am 31. März 2006 eine Beobachtung gemacht. Das Datum ist mir noch genau in Erinnerung, weil an diesem Tag ein wichtiges familiäres Ereignis stattgefunden hat. An diesem Tag habe ich dafür Sorge zu tragen gehabt, dass ein Möbelwagen Zugang findet zur Einfahrt. Das war nicht zeitlich fixiert. Ich habe das natürlich schon die Tage vorher beobachtet, ob die Zufahrt frei ist. Dabei habe ich festgestellt, dass ein sehr großes, hohes, langes weißes Wohnmobil auf dem Weg gestanden hat. Ich hatte Flatterband besorgt und habe am Tag davor einen Zettel an dem Wagen angebracht mit der Bitte, ihn zu versetzen. Am 31. morgens war die Einfahrt frei. An einem der folgenden Tage bin ich am späteren Nachmittag ins Dachgeschoss gegangen, wohl um etwas abzulegen. Dabei bin ich ans Fenster getreten und habe hinausgeschaut.
Ich bin nach dem ersten Blick zurückgeprallt, weil ich unten auf dem Nachbargrundstück eine Gruppe wahrgenommen habe, die auf mich gewirkt hat wie eine Theaterszene. Es standen drei schwarz gekleidete Menschen – zwei Männer und eine Frau – in einer Reihe. Auf der linken Seite stand noch ein Mensch, den ich als »Skin« beschreiben würde, und hat wie ein kleiner Feldherr sein Grundstück gezeigt, und einen ganz kurzen Moment hab ich gesehen, dass noch ein weiterer Mann da war, ein sehr viel jüngerer Mann. Der ist kurz da gewesen und dann weggegangen und nicht wiederaufgetaucht. Ich habe die Gruppe durch die Fensterscheibe beobachtet und habe nach dem ersten Schreck gedacht: Oh, wie lustig, ein Skinhead und drei Punker. Dann habe ich ein Fernglas zur Hand genommen, das immer am Fenster steht, habe sie mir genauer angesehen und festgestellt, dass es sich nicht um Punker handelte.
Die Frau, die ich später als Frau Zschäpe erkannt habe, ist in der Reihe ganz außen rechts gestanden. Daneben waren die Männer, die ich später als Mundlos und Böhnhardt erkannt habe.
Ich hatte dann das Gefühl, jetzt will ich nicht mehr mit dem Fernglas schauen, das ist nicht meine Art, so Nachbarn zu beobachten. Ich habe das Fenster geöffnet und wollte mein Gesicht zeigen. In dem Moment hat die Frau hochgeschaut, wir hatten Blickkontakt. Sie hat nicht weggeschaut und etwas zur Seite gesprochen. In dem Moment schauten alle hoch. Dann haben alle kehrtgemacht und sind durch die Hintertreppe schnell verschwunden. Ich dachte, seltsam, wenn es neue Nachbarn sind, warum verschwinden sie so schnell?
Der sogenannte Skin war mir nicht fremd, und auch den anderen Mann hatte ich schon zu einem früheren Zeitpunkt gesehen. Etwa im Jahr 2003/04 wurde der Baumarktzaun rund um das Grundstück angebracht, sodass man es nicht mehr einsehen konnte. Der Zaun hat mich geärgert, weil er wüst ausgesehen hat und hässlich. Aber es war nun einmal so, das ist ja Sache der Nachbarn. Im Frühjahr 2005 wurde mit Grabungen begonnen auf dem Grundstück. Diese Grabungen haben mich beunruhigt, weil sie zu ungewöhnlichen Zeiten stattgefunden haben, abends, auch mal nachts. Es wurden ganz schwere Betonguss-Kübel hochgewuchtet, das war richtig Schwerstarbeit.
Zwischen 2004 und 2006 sind lang anhaltend Wohnmobile geparkt worden. An einem Wohnmobil ist mir ein ungewöhnliches Kennzeichen in Erinnerung, ein Buchstabe war ein Z. Und es gab auch C und A als Buchstabenkombination.
Götzl Haben Sie die Beobachtungen mit anderen besprochen?
Veronika A. Mit meinem Mann, mit dem ich damals noch nicht verheiratet war, habe ich über die Grabungen gesprochen und auch über das Gefühl, dass ich die Gruppe als bedrohlich empfand.
Götzl Wie ging es dann weiter?
Veronika A. Ich habe danach so einschneidende Beobachtungen wie diese Grabungen nicht mehr gemacht, und auch keine weiteren Gruppen oder eine ähnliche Konstellation beobachtet. Ich habe danach auch keine Parkplatznot, erzeugt durch Wohnwagen, mehr wahrgenommen.
Götzl Wie ist es dann dazu gekommen, dass Sie heute hier als Zeugin sitzen?
Veronika A. Im November 2011 sind ja die Fahndungsfotos veröffentlicht worden, und das war eine spontane Reaktion, als ich die Fotos gesehen habe. Ich habe zu meinem Mann gesagt: Das sind die Männer, die ich auf dem Grundstück gesehen habe. In diesem Kontext habe ich auch eine Verbindung zu der Wahrnehmung von Wohnwagen festgestellt. Danach wurde Frau Zschäpe auch in der Öffentlichkeit mit Fahndungsfotos bekannt und der Kontext NSU hat sich erschlossen. Und als ich Frau Zschäpe auf Fotos gesehen habe, habe ich gesagt: Das war die Frau, die ich gesehen habe. Ich war sehr erstaunt, dass bei den direkten Unterstützern niemand aus Dortmund dabei war, wo es doch eine sehr gewaltbereite Szene auch in Dortmund gibt. Und da habe ich gedacht: Ich sollte doch mal eine Spur geben, dass ich etwas gesehen habe. Ich habe sehr mit mir gerungen, wie ich das mache.
Auf dem Internetportal »Der Westen« habe ich einen Artikel über Spuren des NSU nach Dortmund gelesen. Daraufhin habe ich dem Autor eine E-Mail geschickt, um ihm zu sagen, ich habe Beobachtungen mitzuteilen. Das war Mitte Februar 2012. Es gab dann im März eine Kontaktaufnahme mit dem Autor, ich habe ihm aber nicht gesagt, dass ich Frau Zschäpe, Herrn Mundlos und Herrn Böhnhardt identifiziert habe, sondern ich habe nur allgemein von einer Gruppe gesprochen.
Im Juni 2013 habe ich dann einen Bericht über die Verhandlung hier gelesen. Vorher gab es ja bereits Berichte über einen Briefwechsel Zschäpes mit einem Dortmunder Neonazi.
Da habe ich bei mir gedacht: Jetzt muss ich mein Wissen mitteilen. Das ist an dem Punkt, wo meine Verantwortung liegt. Und habe mich an Herrn Rechtsanwalt Bliwier von der Nebenklage gewandt. Im August meldete sich dann Rechtsanwalt Kienzle bei mir. Am 29. August 2013 haben wir dann eine Ortsbesichtigung unternommen.
Götzl Sie haben Frau Zschäpe nun hier im Saal gesehen. Hat sich an Ihrer Erinnerung irgendetwas geändert?
Veronika A. (Zschäpe guckt lächelnd zur Zeugin.) Nein. Natürlich wird sich Frau Zschäpe seit 2006 verändert haben, aber der direkte Blick und der Mundzug – ja. Wenn Sie nicht ein perfektes Double haben, Frau Zschäpe, dann glaube ich schon, dass ich das wiederholen kann. Ich habe Frau Zschäpe gesehen.
Götzl Warum haben Sie sich nicht bei der Bundesanwaltschaft gemeldet?
Veronika A. Das war mir zu hoch angesiedelt. Ich habe etwas beobachtet und nur in meinem Kopf hat das stattge …, ist das verankert. (Heftiges Nicken bei den Verteidigern von Wohlleben.
Es folgen Fragen der Bundesanwaltschaft und der Nebenklagevertreter. Dann ist die Verteidigung an der Reihe.)
Verteidiger Stahl Haben Sie sich nach der Vernehmung Ihres Mannes miteinander nochmal über die Grabungen unterhalten?
Veronika A. Wir haben uns unterhalten, ja.
Verteidiger Stahl Hat er Ihnen etwas Neues erzählt?
Veronika A. Die Beamten haben ihm gesagt, das Grabungsfeld sei für einen Teich gewesen. Da musste ich sehr lachen. Wer unter Platanen einen Teich anlegt, sollte eigentlich wissen, dass dieser Teich spätestens nach dem ersten Blätterfall voller Laub ist.
(Der Mann, den die Zeugin als »Skin« bezeichnet hatte, war sechs Tage zuvor vom BKA vernommen worden. Er sagte, sie hätten im Garten einen Teich angelegt und deshalb gegraben. Er sagte auch, seine Frau hätte selbst festgestellt, dass sie Zschäpe ähnlich sehe. Er und seine Frau werden am 43. Verhandlungstag als Zeugen gehört. Dem BKA sagte der Mann, er kenne Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt nicht. Vor der Befragung der Zeugin von A. hatte Götzl den Prozessbeteiligten kopierte Fotos der Frau des »Skins« gezeigt. Es herrschte Uneinigkeit darüber, inwiefern tatsächlich eine Ähnlichkeit mit Zschäpe besteht.)
Verteidiger Stahl Wenn Sie jetzt diese Informationen haben, glauben Sie immer noch an Neonazis, die da etwas vergraben haben?
Veronika A. Ich denke höchstens, es sind Neonazis, die nicht wissen, wie man einen Teich anlegt. (Tatsächlich wurde der Teich wegen des Laubfalls ein Jahr später wieder zugeschüttet.)
Verteidiger Klemke Ihr Mann sprach laut Vernehmung als Erster von »Neonazis, die etwas vergraben haben«. Ist er denn Spezialist für Neo-Nationalsozialismus?
Veronika A. Mein Mann ist Neuhistoriker, er ist in führender Position im Stadtarchiv Dortmund tätig gewesen. In den Achtziger- und Neunzigerjahren hatte er mal den Auftrag, eine Mahn- und Gedenkstätte aufzubauen. Er hat sich auch regelmäßig zum Neofaschismus weitergebildet, Spezialkenntnisse hat er nicht.
Verteidiger Klemke Wie weit war denn das Fenster entfernt zu der Gruppe?
Veronika A. Das kann ich nicht genau schildern. Da müsste ich jetzt einen Dreisatz ausrechnen.
Verteidiger Klemke Das verlange ich nicht.
Veronika A. In Sichtweite.
Verteidiger Klemke Konnten Sie denn Einzelheiten ohne Fernglas erkennen in den Gesichtern?
Veronika A. Es waren keine verschwommenen Gesichter, aber natürlich war nicht jede Pore zu erkennen.
Verteidiger Klemke Warum haben Sie noch ein Fernglas benutzt? Ich versteh das nicht.
Veronika A. Um meinen ersten Schrecken zu bewältigen, sagte ich mir ja: Oh, ein Skinhead und drei Punker. Dann habe ich das Fernglas genommen und festgestellt, nein, es sind keine Punker. Ich habe sie etwa vier bis fünf Minuten beobachtet.
Verteidiger Klemke Da haben Sie ja sehr lange geschaut. Haben Sie jedes Gesicht einzeln studiert?
Veronika A. Ich habe jedes Gesicht angesehen, studieren würde ich nicht sagen.
Verteidiger Klemke Wussten Sie, dass es irgendwann auf eine Identifizierung ankommen würde?
Veronika A. Nein. Die Sache war so: Es war eine Gruppe, die mich frappiert hat. Dann habe ich ein Fernglas genommen, um mir das anzuschauen. Auch um festzustellen, wie sie da stehen und aussehen. Das hab ich aber alles schon erklärt.
Verteidiger Klemke Hatten Sie in der Vergangenheit öfters mit Punks zu tun?
Veronika A. Ja, ich gebe denen manchmal Geld. Man sieht sie in Dortmund, die haben Hunde dabei.
Verteidiger Klemke Wie kamen Sie dann auf Punks?
Veronika A. Ich hab schon gesagt, das war mehr eine Selbstberuhigung.
(Es geht nun wieder um den Mordfall Halit Yozgat. Der nächste Zeuge ist Kriminalhauptkommissar Cihan B. aus Kassel.)
Cihan B. Während der Tat waren insgesamt sechs Zeugen am Tatort, zwei von ihnen surften im Internet, zwei telefonierten. Auch Andreas Temme, der Verfassungsschutz-Beamte, war im Internet. Ein Iraker telefonierte von 16.54 Uhr bis 17.03 Uhr. Er sprach beim Betreten des Ladens mit Halit Yozgat – da war noch alles in Ordnung. Und um 17.03 Uhr war die Tat schon begangen. Das wussten wir. Alles andere sind Spekulationen.
Götzl Wie sah es mit dem Andreas Temme aus?
Cihan B. Der Temme hat von 16.51 Uhr bis 17.01 Uhr gesurft. Ein Zeuge sagte, dass er sah, wie Temme das Internetcafé verließ. Er habe dann ein Plumpsen gehört, dann sei ein weiterer Kunde gekommen und habe gefragt, ob noch jemand da sei. Das würde bedeuten, dass die Tat begangen wurde, nachdem Herr Temme das Café verlassen hatte. Dann wären aber nur wenige Sekunden für den Mord geblieben, weil Herr Temme sagte, er habe Halit Yozgat gesucht, sei dann zum Tresen gegangen und habe 50 Cent hingelegt. Das hätte etwa eine Minute gedauert. Sagen wir mal so: Es wäre sehr knapp gewesen.
Wir haben eine Zeit lang eine Telefonüberwachung bei Herrn Temme gemacht und ihn dann festgenommen. Bis dahin wussten wir gar nicht, was der von Beruf ist. Ich habe ihn dann vernommen. Er sagte, er hat sich nicht gemeldet, weil er sich als Verfassungsschützer dort nicht aufhalten durfte. In der Nähe sei eine Moschee, die der Verfassungsschutz überwacht. Seine Frau sollte auch nicht erfahren, dass er dort auf einem Flirtportal gechattet hat, während sie hochschwanger zu Hause saß. Außerdem sagte er, er habe gemeint, einen Tag vor der Tat im Internetcafé gewesen zu sein. Er habe auch nichts gehört und nichts gesehen, und dabei ist er bei beiden Vernehmungen geblieben. Er sei nach dem Surfen im Internet zuerst in den Telefonraum und dann vor die Tür gegangen, um nachzusehen, ob Halit Yozgat draußen steht. Dann sei er wieder reingegangen in den Telefonraum und habe 50 Cent auf den Tresen gelegt. Er wurde wieder entlassen, weil kein dringender Tatverdacht begründbar war.
Wir haben auch zwei Wohnungen durchsucht, eine bei seinen Eltern und eine andere. Es fanden sich mehrere Schusswaffen und ein Haufen Munition. Herr Temme hatte eine Waffenbesitzkarte. Außerdem fanden wir Schriftstücke: Er hatte in seiner Jugend Bücher aus dem »Dritten Reich« abgeschrieben und die Unterschrift von Hitler nachgeahmt. Wir haben überprüft, ob er Alibis für die anderen Morde hatte, und fanden unter anderem heraus, dass er zur Tatzeit des ersten Mordes Geld in einer Kasseler Bankfiliale abgeholt hatte und während des sechsten Mordes auf Fortbildung war. Wir waren mit ihm auch am Tatort. Da sollte er sein Verhalten am Tattag rekonstruieren.
Götzl Von der Beendigung des Surfens bis zum Einsteigen in den Pkw – wie lange hat das etwa gedauert?
Cihan B. Wir haben da 1,05 Minuten geschätzt. Um 17.01 Uhr hat er das Internet-Surfen beendet. Das heißt, es wären noch 40 Sekunden geblieben, um aus dem Laden rauszugehen, ohne was zu sehen.
Verteidiger Klemke Wie viele Zeugen haben denn Geräusche gehört, die man als Schussgeräusche werten könnte?
Cihan B. Ein Zeuge hat platzende Ballons wahrgenommen; eine Frau sagte, es habe tak tak tak gemacht. Die beiden Zeugen im Internet-Bereich meinten, sie hätten ein dumpfes Geräusch gehört, so als sei etwas zu Boden gefallen.
Verteidiger Klemke Wenn Halit Yozgat bereits tot gewesen wäre, als Temme zum Tresen ging, hätte er ihn da nicht sehen müssen?
Cihan B. Wenn man sich direkt an den Tresen stellt, ist die Wahrscheinlichkeit schon da, aber wenn man nur einen Meter rangeht, kann man auch nicht ausschließen, dass er ihn nicht sieht. Nach meiner Meinung hätte er ihn sehen müssen. Aber man kann es nicht zu 100 Prozent ausschließen, dass er ihn nicht gesehen hat. Der Zeuge Hamadi S. sagte ja auch aus, er habe den Toten nicht gesehen, obwohl er vorbeiging am Tresen.
Tag 41
1. Oktober 2013
Manfred Götzl, Richter. İsmail Yozgat, 58, aus Kassel, Frührentner, Vater des Mordopfers Halit Yozgat. Emre E., 22, Auszubildender. Andreas Temme, 46, Ex-Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes. Temme sagte auch an den Tagen 63, 80, 106 und 214 aus.
(Der Zeuge İsmail Yozgat betritt den Gerichtssaal, begleitet von einem Dolmetscher, der seine Aussage übersetzt. Erstmals sitzt Verteidiger Wolfram Nahrath bei den Angeklagten. Er vertritt Ralf Wohllebens Anwältin Nicole Schneiders. Später im Prozess wird er Wohllebens dritter Pflichtverteidiger.)
Yozgat Ich begrüße Sie alle respektvoll. Ich bin İsmail Yozgat, der Vater des Märtyrers, der am 6. April 2006 durch zwei Schüsse in den Kopf erschossen wurde und in meinen Armen gestorben ist. Zunächst möchte ich mein herzliches Beileid den Angehörigen der zehn Märtyrer ausdrücken und ihnen Geduld wünschen. Ich bedanke mich bei Ihnen, Herr Vorsitzender, für das Interesse, das Sie uns gezeigt haben …
Götzl … jetzt muss ich Sie trotzdem unterbrechen. Sie sind Nebenkläger, aber auch Zeuge. Ich würde Sie bitten, mir den Tagesablauf am 6. April 2006 zu schildern und die Auffindesituation.
Yozgat Gut. Ich arbeitete im Internetcafé, mein Sohn kam gegen 15 Uhr rein, um mich abzulösen. Er sagte mir, dass seine Mutter draußen im Wagen auf mich wartet. Am nächsten Tag, am 7. April, hatte ich Geburtstag. Mein Sohn hatte meiner Frau Geld gegeben, damit sie für mich ein Geschenk kauft. Ich fuhr mit meiner Frau in die Stadt, sie hat für mich für 23 Euro eine Werkzeugkiste gekauft. Ich ließ meine Frau in der Stadt zurück. Als ich zurückkehrte, sah ich meinen Sohn in vollem Blut liegen. Am nächsten Tag habe ich mir meinen Geburtstag verboten – bis zu meinem Tode wird mein Geburtstag nicht mehr gefeiert. (Er holt tief Luft.) Am 8. April, ein Samstag, brachten wir den Leichnam meines Sohnes zur Beerdigung in die Türkei. Um 13 Uhr am Samstag habe ich mit meinen Händen meinen 21-jährigen Sohn ins Grab gelegt. (Er wird immer lauter.) Warum haben sie meinen Sohn getötet? Was hat er getan? Zehn Tage später kamen wir nach Kassel zurück. Ich hatte früher fünf Kinder, nun waren nur noch vier zurückgeblieben. (Seine Frau legt ihm von hinten beruhigend die Hand auf die Schulter.) Ich habe dann gesehen, dass das Zimmer meines Sohns versiegelt war. Ich konnte nicht einmal zum Andenken in sein Zimmer gehen. Als ob das noch nicht gereicht hat, wurden auch noch viele Gerüchte in die Welt gesetzt. Eines der Gerüchte war, dass im Zimmer meines Sohnes 40000 Euro gefunden worden sein sollen. (Wieder lauter.) Wir sind eine aufrichtige Familie. Von 2006 bis 2011 haben wir uns nicht vor das Haus getraut. Alle haben uns schief angeschaut. Immer wenn wir in die Stadt gingen, haben sie mich gefragt: Warum haben sie deinen Sohn getötet? Warum? Wegen Haschisch etwa oder wegen Heroin? Ist es die Mafia? (Pause.) Warum haben sie mein Lämmchen getötet? Nicht einmal in der Türkei haben meine Verwandten mit uns gesprochen. Ich konnte das alles nicht ertragen, deshalb erlitt ich einen Herzinfarkt. (Er unterbricht, trinkt aus einem Glas Wasser.)
Götzl Vielleicht, Herr Yozgat, kommen Sie noch mal zurück zu der Situation, als Sie Ihren Sohn aufgefunden haben. Was Sie da gesehen haben?
Yozgat Darf ich noch zwei Worte sagen?
Götzl Ja.
Yozgat Die Polizei hat Herrn Temme vernommen und eingesperrt, der während des Mordes im Internetcafé war. Dann kommt der Befehl von oben, und die Polizei hat Temme freigelassen. Ich habe vollen Respekt vor Herrn Götzl, aber mein Vertrauen in die Justiz ist gesunken. Jetzt komme ich zur Sache. Ich kam zur Ampel am Internetcafé, circa 200 Meter entfernt. Ich hatte mich verspätet. Um 17 Uhr sollte Halit zur Abendschule gehen, und ich wollte ihn ablösen. Immer wenn ich mich verspätete, wartete er normalerweise vor dem Laden. Es war aber niemand vor der Tür. Es gibt weiter vorne ein Teehaus. Dort saß ein Freund, aber mein Sohn war nicht am Tisch. Als ich ihn nicht dort sah, habe ich mir gedacht, vielleicht repariert er die Computer drinnen. Als ich hineinging, habe ich auf dem Tisch zwei rote Tropfen gesehen. Ich habe mir gedacht, vielleicht hat Halit Farbe verschüttet. Dann habe ich meinen Sohn dort liegen gesehen. Er lag auf dem Rücken. Ich habe ihn auf meinen Arm gelegt. (Steht auf. Schreit.) Er gab keine Antwort!
(Zschäpe starrt in ihren Laptop.)
Ich habe ihn langsam wieder auf den Boden gelegt und bin ins türkische Teehaus nebenan gelaufen und habe meinen Freunden dort gesagt: Meinem Sohn ist etwas zugestoßen. Danach brachte man mich aufs Polizeirevier. Das ist alles.
(Er tritt nach vorne an das Richterpult. Mit zitternder Hand malt er Positionen auf eine Skizze des Cafés.)
Götzl In der Akte heißt es, Ihr Sohn habe auf dem Bauch gelegen. Bitte überlegen Sie noch mal.
Yozgat Es kann ein Missverständnis sein. So lag er.
(Yozgat legt sich auf den Bauch, um zu zeigen, wie sein Sohn lag. Er liegt direkt vor dem Tisch, an dem Zschäpe sitzt. Pause. Der nächste Zeuge, Emre E., ein 22 Jahre alter Auszubildender, betritt den Gerichtssaal.)
Emre E. Gegen 17 oder 18 Uhr habe ich im Café Ego-Shooter gespielt und auf diversen Seiten gesurft. Auf einmal kam dieses dumpfe Geräusch. Das habe ich in Verbindung gebracht mit einem herabfallenden PC und mir nix dabei gedacht. Ein paar Minuten später habe ich das Brüllen gehört von Halits Vater: »Halit, mein Sohn!« Dann bin ich nach vorne gegangen und hab den Halit auf dem Boden liegen gesehen. Ich war ziemlich aufgeregt, bin mehrmals hin und her, hab versucht, Hilfe zu holen. Halit war wie ein großer Bruder für mich, ich habe mich gut mit ihm verstanden.
(Nach weiteren Zeugenbefragungen und der Mittagspause betritt Andreas Temme, ehemaliger Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes, den Saal. Götzl belehrt ihn nach Paragraf 55 Strafprozessordnung, wonach ein Zeuge die Antwort auf Fragen verweigern darf, deren Beantwortung ihn der Gefahr einer Strafverfolgung aussetzen.)
Götzl Herr Temme, es geht uns um den Tod Halit Yozgats in einem Internetcafé in Kassel. Bitte berichten Sie, was Sie damals beobachtet haben.
Temme Ich bin an diesem Donnerstag nach Dienstschluss im Internetcafé angekommen und wollte in einem Chatportal nachsehen, ob Nachrichten für mich eingegangen waren. Ich kannte das Café schon länger. Herr Yozgat hat mir einen Platz zugewiesen. Ich hab mich an den PC gesetzt, mich eingeloggt und blieb etwa zehn Minuten im Chatportal. Dann hab ich mich wieder ausgeloggt und wollte vorne am Tresen zahlen. Weil ich Herrn Yozgat nicht gesehen habe, bin ich zur Tür raus, um nach ihm zu gucken. Da habe ich ihn auch nicht gesehen. Soweit ich mich erinnern kann, bin ich auch noch mal in den rückwartigen Raum. Da war er auch nicht. Und weil ich nach Hause wollte, habe ich dann den üblichen Preis, 50 Cent, auf den Tresen gelegt. Dann bin ich nach Hause gefahren. Am nächsten Tag, Freitag, hatte ich Urlaub. Von der Tat erfahren habe ich erst am Sonntag, aus einer örtlichen Zeitung. Ich war natürlich aufgewühlt und habe am Montagmorgen auf meine Stempelkarte geschaut, ob das an dem Tag war, als ich im Café war. Ich habe gesehen, dass ich am Mittwoch den Dienst früher beendet hatte. Ich bin daher dem Trugschluss erlegen, zu denken, dass ich 24 Stunden vor der Tat dort gewesen wäre.




