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Götzl Haben Sie daran gedacht, sich bei der Polizei zu melden?
Temme Mir war bewusst, oder es ist mir eigentlich später bewusst geworden, dass es falsch war, sich nicht zu melden. Aber ich hatte Angst, zum einen aus privaten Gründen, weil ich jung verheiratet war und das mit dem Chatten von mir nicht richtig war. Zum anderen hätte es auch dienstliche Nachteile haben können.
Götzl Inwiefern?
Temme In der Nähe des Cafés gab es ein Beobachtungsobjekt aus dem Bereich Islamismus. Mir war bewusst, dass es sich für einen V-Mann-Führer nicht gehört, sich in der Nähe dieses Objekts aufzuhalten.
Götzl Ich muss noch mal nachfragen: Welche dienstlichen Nachteile fürchteten Sie denn?
Temme (stammelt) Ich dachte, dass es nicht gut angesehen würde … Die Einschätzung war subjektiv von mir. Aus heutiger Sicht habe ich völlig falsch gehandelt. Mich hat erleichtert, dass ich überhaupt keine Wahrnehmung gemacht habe in dem Café, die mir seltsam vorkam. Auch dass ich Halit Yozgat nicht angetroffen habe, war mir schon mal passiert. Ich habe selbst Schwierigkeiten, es mir zu erklären, warum ich so gehandelt habe. Aber es ist leider so gewesen.
Götzl Können Sie nähere Angaben zu den Quellen machen, die Sie geführt haben?
Temme Ich habe fünf Quellen aus dem Bereich Islamismus geführt. Und eine im Bereich Rechtsextremismus.
Götzl Wann hatten Sie im Tatzeitraum Kontakt zu Ihrer Quelle aus dem Bereich Rechtsextremismus?
Temme Ich selbst hatte daran keine Erinnerung mehr. Bei einer Vernehmung durch die Bundesanwaltschaft im März 2012 wurde mir vorgehalten, dass es am Tattag zwei Telefonate mit dieser Quelle gab. Die Quelle hat mich am Mittag angerufen. Ob ich rangegangen bin oder den Anruf weggedrückt habe, weiß ich nicht mehr. Später am Nachmittag habe ich sie vom Büro aus angerufen und mit ihr einen Termin fur Montag ausgemacht. Es ging wohl um Geld. Quellen bekommen Geld und er wollte wohl noch Geld bekommen.
Götzl Welche Informationen haben Sie von der Quelle erhalten?
Temme Es ging um den Bereich der rechtsextremistischen Parteienlandschaft. Das genaue Zielobjekt darf ich nicht nennen. Aber es ging um eine kleine, eher unbedeutende Partei. Die Quelle war nicht sonderlich ergiebig.
Götzl Schildern Sie uns bitte einmal Ihren Werdegang.
Temme Ich war erst bei der Bundespost. 1994 habe ich mich beim Landesamt für Verfassungsschutz beworben. 1998 bin ich in die Außenstelle Kassel gekommen und habe dort als Ermittler gearbeitet. Ab 2003 war ich mit Quellenführung betraut. Im Herbst 2003 hatte ich den ersten Kontakt mit der Quelle. Am 21. April 2006 wurde ich vom Dienst suspendiert.
Götzl Welche Erinnerungen haben Sie an das Gespräch mit der Quelle am Montag nach der Tat?
Temme Im Prinzip keine mehr. Ich war an diesem 10. April sehr aufgewühlt, weil ich am Sonntag von dem Mord erfahren hatte. Was ich definitiv ausschließen kann, ist, dass ich irgendwelche Informationen zur Tat bekommen habe. Das hätte sich mir eingepräagt.
Götzl Haben Sie mit Ihrer Quelle über die Tat gesprochen?
Temme Ich habe an das ganze Gespräch keine Erinnerung mehr. Aber aus einem Vorhalt im Bundestagsuntersuchungsausschuss weiß ich, dass er mich offensichtlich darauf angesprochen hat. Ich habe es wohl relativ schnell beiseitegedrängt und war etwas wortkarg, was ich mir durch das Aufgewühltsein erkläre. Ich habe mich natürlich gefragt, wie nah war ich da dran, wann war ich dort in dem Internetcafé.
Götzl Wie sind Sie zu der falschen Zuordnung der Tage gekommen?
Temme Laut meiner Stempelkarte bin ich am Mittwoch früher gegangen, und an dem Donnerstag erst um 16.45 Uhr. Und was dann in meinem Kopf stattgefunden haben muss, war der Gedanke, dass es dieser Donnerstag nicht gewesen sein kann. Im Grunde ging es mir so wie jedem anderen, dass ich dachte, das kann doch gar nicht sein, dass ich an dem Tag da war. Und dann muss das der Mittwoch gewesen sein. Bis mir dann am 21. April sehr massiv klar gemacht wurde, dass dem nicht so war. (An dem Tag wurde er von der Polizei festgenommen.) Wie ich diesem Irrtum erliegen konnte, dieser Gedanke beschäftigt mich seit sieben Jahren.
Götzl (schaut ihn kritisch an.) Sie konnten sich am Sonntag nicht mehr erinnern, ob Sie am Mittwoch oder Donnerstag in dem Café waren? Ich habe mit diesem Punkt, das gebe ich ganz offen zu, Schwierigkeiten.
Temme Ich war so oft dort, dass ich nicht mehr wusste, an welchem Tag genau. Und dann hat sich der Gedanke festgesetzt: Es kann doch gar nicht sein, es kann doch nur der Mittwoch sein. Es kann doch nicht sein, dass ich nichts mitbekommen habe, außer, dass Herr Yozgat nicht am Schreibtisch sitzt. Ich bin da auch in keiner Weise stolz drauf, ganz im Gegenteil. Dieser Trugschluss ist ein Punkt in meinem Leben, den ich nicht begreife und den ich nicht ungeschehen machen kann.
Götzl Welche dienstlichen und privaten Ängste hatten Sie denn?
Temme Ich war jung verheiratet. Wir erwarteten unser erstes gemeinsames Kind. Ich hatte Angst um meine Beziehung. (Was er nicht sagt: Er chattete im Internetcafé auf einem Flirtportal mit einer fremden Frau.) Einen objektiven Grund, dass mein Dienstherr sagt, diese Gegend ist für dich tabu, gab es nicht. Ich hatte die Befürchtung subjektiv, obwohl es vielleicht objektiv gar keinen Grund gegeben hat. Ich habe mich zu sehr gefürchtet vor Konsequenzen, die vielleicht eintreten können.
Götzl Das sind mir zu viele Vielleichts. Eine Angst wäre möglicherweise nachvollziehbar, wenn Sie sich raushalten wollten.
Temme Nein, die Angst habe ich mir eingeredet, weil ich meine subjektiven Befürchtungen überbewertet habe. Sie hat nichts damit zu tun, dass ich etwas mitbekommen hatte. Ich habe leider nicht so gründlich nachgedacht, wie ich es hätte tun sollen.
(Nach einer Pause hakt Götzl weiter nach. Temme bleibt dabei, er habe am Sonntag nicht mehr gewusst, dass er am Donnerstag zur Tatzeit im Internetcafé war. Er habe weder ein Geräusch gehört noch Blutspuren oder die Leiche von Halit Yozgat gesehen.
Götzl Wir werden Sie erneut vorladen. Ich darf mich für heute bedanken.
Temme (leise) Darf ich vielleicht noch die Gelegenheit nutzen, um den Hinterbliebenen der Opfer mein tiefes Mitgefuhl auszusprechen? (Er bekommt keine Antwort.)
Tag 42
2. Oktober 2013
Manfred Götzl, Richter. Ayse Yozgat, 55, Mutter des Mordopfers Halit Yozgat. Michael S., 39, BKA-Mitarbeiter. Sebastian Scharmer, Anwalt der Nebenklage.
Yozgat (wendet sich an Zschäpe.) Mein Appell richtet sich an Frau Zschäpe: Sie sind auch eine Dame. Ich spreche Sie als Mutter an, als eine Geschädigte. Ich bitte Sie, diese Vorfälle aufzuklären. Seit sieben Jahren schlafe ich nachts nur zwei Stunden. Ich denke immer: Wie konnte das geschehen? Befreien Sie mich bitte von diesen Gefühlen. Sie müssen nicht die Sünden von anderen übernehmen. Denken Sie bitte immer an mich, wenn Sie sich ins Bett legen. Denken Sie daran, dass ich nicht schlafen kann. Ich danke Ihnen allen.
(Der Zeuge Michael S. vom Bundeskriminalamt wird aufgerufen.)
Michael S. Ich hatte den Auftrag, die Akten zu Andreas Temme auszuwerten, darunter die Kontaktdaten seiner Quelle aus dem rechten Bereich, Benjamin G. Wir konnten aber keine Bezüge zum NSU oder dessen Umfeld feststellen. Was die politische Einstellung von Temme angeht: Er hat Abschriften für eine Dokumentation des »Dritten Reichs« angefertigt, aber das war noch zu Jugendzeiten von Herrn Temme. Ein ehemaliger Nachbar hat 2006 gesagt, Temme sei im Dorf als Klein Adolf bekannt gewesen. Aus den Vernehmungen seines Umfelds ergaben sich aber wenige Informationen zu seiner politischen Gesinnung. Ein ehemaliger Kollege von Temme sagte: Mitte links. Temme selbst sagte, er habe keine rechte Gesinnung.
Wir haben seinen dienstlichen Kalender abgeglichen mit den Verbindungsdaten seines Handys. Er hat seine rechte Quelle, die er seit 2003 als V-Mann Benjamin G. alias »Gemüse« geführt hat, demnach etwa einmal im Monat kontaktiert. Im Jahr 2006 hat Temme keine schriftlichen Berichte zu den Treffen mit diesem V-Mann gefertigt. Allerdings gab es am 6.4. und am 10.4.2006 Telefonate beziehungsweise Treffen mit ihm, wie auch schon in den Monaten zuvor. Der V-Mann »Gemüse«. berichtete zur örtlichen Szene in Kassel, das waren drei Gruppierungen: die Kameradschaft Kassel, dann eine nicht näher bezeichnete Gruppe und »Sturm 18«. Die Infos waren so, dass keine Straftaten zu erkennen waren. Herr G. war nicht mehr direkt Teil der Szene, sondern hatte die Informationen aus zufälligen Treffen mit Szene-Angehörigen.
Götzl Am Tag des Mordes soll es laut Akten einen Anrufversuch der V-Person »Gemüse« bei Andreas Temme gegeben haben, und am Nachmittag ein Telefonat, das 688 Sekunden dauerte.
Michael S. Die frühere V-Person G. und Andreas Temme sagten beide, sie könnten sich an die Inhalte dieses Telefonats nicht mehr erinnern.
Anwalt Scharmer Sie erwähnten die Kasseler Neonazi-Gruppe »Sturm 18«. Gab es zu dieser Nachforschungen?
Michael S. Ja, das ist eine Gruppe, die von einem Bernd Tödter geführt wird. Er hat behauptet, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt seien einmal im ICE nach Kassel gekommen und er wisse, in welcher Wohnung sie übernachtet hätten. Das hat sich nicht mit unseren Ermittlungen gedeckt.
Anwalt Scharmer Wissen Sie etwas über Beziehungen von »Sturm 18« nach Dortmund?
Michael S. Darüber weiß ich nichts.
(Die Befragung des Zeugen S. geht weiter. Er gibt Auskunft über Funde im Brandschutt der Zwickauer Frühlingsstraße, die Hinweise auf die Mordserie enthalten, darunter DVDs, Stadtpläne, Mietverträge für Wohnmobile. Es geht auch noch einmal um die Grabungen in Dortmund, die Veronika A. beobachtet hat. Ihr Mann wird befragt. Er sagt, er habe Zschäpe nicht gesehen.)
Tag 43
8. Oktober 2013
Manfred Götzl, Richter. Frank L., 38, Kriminaloberkommissar beim BKA. Er sagte auch an den Tagen 17 und 241 aus. Thomas D., 39, Geschäftsführer einer Gebäudereinigung in Dortmund, Nachbar der Zeugin Veronika A., die am Tag 40 über ihre merkwürdigen Beobachtungen auf dessen Grundstück berichtet hat. Vera D., 36, seine Frau. Ellen H., 28, Polizistin beim BKA. Anja Sturm, Verteidigerin von Beate Zschäpe. Alexander Hoffmann, Detlef Kolloge, Stephan Kuhn und Yavuz Narin, Anwälte der Nebenklage.
Götzl Wir kommen zu der DVD, die im Brandschutt in der Frühlingsstraße in Zwickau gefunden wurde. Was können Sie uns erzählen?
Frank L. Ich nahm die Erstbewertung der sogenannten NSU-DVD vor, die am 10.11.2011 im Brandschutt aufgefunden wurde. Am Anfang war eine Art Intro, ein Bildschirm, auf dem wellenartig ein Bild war, eine Landschaft, dazu lief die Pink-Panther-Musik: »Wer hat an der Uhr gedreht?« In der Mitte war zu lesen: Nationalsozialistischer Untergrund, Frühling, DVD 1. Daraus schlossen wir, es müsste auch eine DVD 2 gegeben haben. Bisher haben wir aber keine gefunden. Der Film nutzt verschiedene »Paulchen Panther«-Folgen als Grundlage. Das Intro hatte eine Dauer von 1,14 Minuten. Durch einen Klick gelangte man zum Hauptfilm, der 15 Minuten und zwei Sekunden dauert. Er begann mit einem Statement: »Der Nationalsozialistische Untergrund ist ein Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz ›Taten statt Worte‹. Solange sich keine grundlegenden Änderungen in der Politik, Presse und Meinungsfreiheit vollziehen, werden die Aktivitäten weitergeführt.« In der nächsten Einstellung ist in den vier Ecken des Bildschirms je ein Paulchen-Panther-Kopf platziert. In der Mitte das Logo des NSU.
Dann fing der Film an. Neben Comic-Elementen waren auch TV-Ausschnitte eingestreut: von »Stern-TV«, »Aktenzeichen XY« und einem WDR-Beitrag. Auch schriftliche Botschaften waren in dem Film untergebracht. Der Sprengstoffanschlag in der Kölner Probsteigasse wurde thematisiert, der Anschlag in der Kölner Keupstraße, auch die Česká-Serie mit den neun Morden. Das alles wurde als »Deutschlandtour« bezeichnet, die Tatorte wurden gezeigt auf einer Staffelei, die Opfer wurden gezeigt auf einer Staffelei, so wurde das vom ersten bis zum letzten Mord dargestellt.
Drei Morde wurden etwas detaillierter dargestellt anhand von Gedankenblasen von Paulchen Panther. Wir haben festgestellt, dass bei den drei Straftaten auf Fotos zurückgegriffen wurde, die exklusiv von den Tätern gestammt haben. Sie waren nicht aus den Polizeiakten oder aus Medienberichten.
Beim ersten Fall, dem Mord an Enver Şimşek, wurde Material aus der Sendung »Aktenzeichen XY« herangezogen. Die Ersteller des Videos haben in der Sprechblase ein Foto von Enver Şimşek gezeigt und es als »Original« gekennzeichnet und das aus »Aktenzeichen XY« als »Fälschung«. Auf diesem ersten Foto hat Şimşek noch gelebt. Das Bild muss von Täterseite also unmittelbar nach der Tat angefertigt worden sein.
Auch im Fall Özüdoğru war eine Gedankenblase zu sehen mit einem Foto. Auf diesem Foto waren im Kopfbereich starke Blutungen erkennbar, die Kleidung war noch sehr sauber. Man sieht an der buchstäblich weißen Weste von Özüdoğru auf dem Foto, dass die Tat noch nicht lange her ist. Auf den Polizeibildern ist die weiße Weste durchgehend blutdurchtränkt. Der Arm des Opfers hängt auf den Polizeibildern schlaff am Körper herunter, auf dem Bekennervideo lag er noch auf der Bank. Erst gegen 21.30 Uhr wurde das Opfer gefunden, die Tat wurde auf 16.30 Uhr terminiert. Bis dahin war bei dem Opfer viel Blut ausgetreten.
Von Süleyman Taşköprü gibt es ein Bild, wie er auf der Seite liegt in einer Nische beim Brotregal. Die Rettungssanitäter zogen ihn in die Mitte. Dort setzen erst die Polizeifotos ein. Wir gehen davon aus, dass auch dieses Foto unmittelbar nach der Tat gefertigt worden sein muss.
Das ganze Video ist mit mehr oder weniger offenen und versteckten Botschaften versehen: Hoch lebe Paulchen und der NSU, Bombenstimmung in der Keupstraße, Aktion Dönerspieß, Kamerad bei der Arbeit. Nach circa 14 Minuten geht das Video in einen Abspann über. Dazu läuft das Lied: »Wer hat an der Uhr gedreht?« Am Ende des Films ist eine Ankündigung zu erkennen: Mehrere Sekunden läuft eine Collage als Standbild: Bilder zum Mordfall Kiesewetter, von Trauerfeiern, Stichworte wie »DVD 2«, »Paulchens neue Streiche«. Das hat bei uns die Vermutung genährt, dass es eine zweite CD gibt oder geben sollte und weitere Straftaten geplant waren.
(Polizist L. zeigt am Richtertisch Bilder der Mordopfer Şimşek, Özüdoğru und Taşköprü, die in dem Video verwendet wurden.)
Anwalt Kuhn Kann das Video auch vom engeren Umfeld des NSU erstellt worden sein, das vielleicht nur die Aufgabe hatte, das Video zu erstellen? War in dem Video die Figur des Paulchen Panther mit dem NSU deckungsgleich?
Götzl Vom Zeugen werden da Beweiswürdigungen gefordert, die lieber Sie machen sollten. Und wir auch. Dafür sind Sie doch da.
Anwalt Kuhn Dann frage ich anders: Ergibt sich aus dem Video, ob der NSU und Paulchen Panther deckungsgleich waren?
Frank L. Soll ich jetzt die Frage beantworten?
Götzl Die Frage wird beanstandet. Es ist nicht Ihre Sache, die Beweise zu würdigen. Auch wenn es durchklingt, dass Sie das gerne machen würden.
(Der Zeuge Thomas D. wird aufgerufen. Es ist der frühere Nachbar der Zeugin Veronika A. in Dortmund. Sie hatte Grabungen in seinem Garten beobachtet, die ihr unheimlich vorkamen. Sie will auch Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt in seinem Garten gesehen haben.)
Götzl Kennen Sie Frau Zschäpe, Herrn Böhnhardt oder Herrn Mundlos?
Thomas D. Nee, überhaupt nicht. Ich habe sie mittlerweile gezwungenermaßen auf Bildern gesehen, aber bis sich jetzt das BKA bei mir meldete, hatte das für mich keine Bedeutung.
Götzl Was können Sie zu den Grabungsarbeiten sagen, die Frau A. beobachtet hat?
Thomas D. Ja, ich habe mit einem Kollegen von mir mal einen Gartenteich angelegt.
Götzl Tagsüber oder am Abend?
Thomas D. Kann sein, dass es in der Dämmerung war, nach meinem normalen Dienst. Der endet normalerweise um 17 Uhr.
Götzl Können Sie Ihren Kollegen beschreiben?
Thomas D. 1,70 oder 1,75 Meter groß, muskulös, er macht Bodybuilding. Blondierte, kurze Haare. Tja.
Götzl Haben Sie mal eine Camouflagehose getragen?
Thomas D. Ja, das war eine Zeit lang Mode, da hat die jeder angehabt.
Götzl Was können Sie zu den Fahrzeugen sagen, die vor dem Grundstück standen?
Thomas D. Ich war selbstständig, konnte davon aber nicht leben. Deshalb habe ich als Subunternehmer gearbeitet und hatte immer einen Transporter vor der Tür stehen.
Götzl Hatten Sie auch ein Wohnmobil?
Thomas D. Ja, ich glaub 2011.
Götzl Was können Sie zu den Vornamen Ihrer Söhne sagen?
Thomas D. Odin und Thor, das sind für mich germanische Götter. Da stehe ich heute noch dazu, das ist nichts Verwerfliches.
Götzl Sie haben angegeben, dass Sie nie in einer rechtsradikalen Partei oder Organisation waren. Stimmt das?
Thomas D. Ja.
Götzl Die Zeugin sagte, sie habe Frau Zschäpe, Herrn Mundlos und Herrn Böhnhardt auf Ihrem Grundstück gesehen. Können Sie sich das erklären?
Thomas D. Das wird mein Schwager und mein Neffe gewesen sein. Und meine Schwester, sie hat dunkle, schulterlange Haare. Es kann auch ein Schulfreund dabei gewesen sein. Mein Schwager hat auch sehr kurze Haare und ist sehr dünn.
(Thomas D. verlässt den Gerichtssaal, seine Frau Vera ist die nächste Zeugin.)
Götzl Können Sie zu Ihrer eigenen politischen Einstellung und zu der Ihres Mannes etwas sagen?
Vera D. Nein, ich glaub nicht.
Anwalt Narin Wissen Sie, ob Ihr Mann mal Skinhead war?
Vera D. Nein.
Anwalt Narin Können Sie es ausschließen?
Vera D. Ich kann es doch nicht ausschließen, wenn ich es nicht weiß.
(Bevor Vera D. den Saal verlässt, bittet ein Nebenklagevertreter sie, sich in Richtung Opferanwälte umzudrehen. Ihr Mann hatte dem BKA erzählt, die Zeugin hätte von sich selbst gesagt, sie sehe Zschäpe ähnlich. Nebenklagevertreterin Doris Dierbach wird nach dem Auftritt von Vera D. außerhalb des Saals sagen: »Die Zeugin sieht Frau Zschäpe ungefähr so ähnlich wie ich ihr.« Dierbach ist – im Gegensatz zu Zschäpe – groß und blond.)
Verteidigerin Sturm Nach den Aussagen dürfte jedem im Saal klar geworden sein, dass die Aussagen der Zeugin A. nicht den Tatsachen entsprachen. Deswegen haben sich insgesamt auch weitere Erklärungen zur Zeugin erübrigt.
(Nach einer weiteren Zeugin folgt die Zeugin Ellen H. vom Bundeskriminalamt.)
Götzl Sie waren im Bundeskriminalamt mit der Auswertung der sichergestellten Videodateien auf einer Festplatte aus dem Brandschutt Frühlingsstraße befasst. Was können Sie uns berichten?
Ellen H. Wir haben originale Szenen aus der Paulchen-Panther-Serie gefunden, aber auch Dateien, die nicht verwendet wurden. Das komplette Bekennervideo und zwei alte Versionen. Zwei Tatortaufnahmen des zweiten und dritten Mordes, die im NSU-Film verwendet wurden. TV-Aufzeichnungen zum Mord an der Polizistin Kiesewetter und zum Anschlag in der Keupstraße. Und einen Ordner mit verschiedenen Bildern. Diese Bilder weisen starke Bezüge zu Herrn Eminger auf. Es handelt sich um Bilder von Frau Eminger, schwanger und mit Baby. Weihnachtsgrußkarten der Familie Eminger für Verwandte. Einladungsschreiben für eine Burgführung in Sachsen im Jahr 2003, mit anschließender nationalsozialistischer Veranstaltung. Umrandet von Runenschriftzeichen, die wir als »Sieg Heil« entziffern konnten. Des Weiteren haben wir amateurhafte Aufnahmen von Rudolf-Heß-Gedenkmärschen in Dänemark gefunden und eine Collage mit einer Aufnahme von Gerhard Schröder hinter Gittern, mit inem Judenstern auf der Brust und dem Schriftzug »You’re the next«. Sie stammt aus dem Jahr 2002 und war vermutlich für Poster oder T-Shirt-Aufdrucke gedacht.
Götzl Was können Sie uns über die alten Fassungen des Bekennervideos sagen?
Ellen H. Dort tauchen die Namen der Opfer auf, zum Beispiel Taşköprü. Außerdem taucht der rosarote Panther mit einer Gedankenblase auf: »Der Ali muss weg.« Es ist von Ali 1 bis 9 die Rede, Ali steht makabererweise für die Mordopfer. Die alten Fassungen sind noch wesentlich aggressiver als das bekannte Video. Beim Sprengstoffanschlag in der Kölner Probsteigasse im Januar 2001 zum Beispiel wird das Opfer direkt angesprochen: »M. weiß jetzt, wie ernst uns der Erhalt der deutschen Nation ist«, heißt es da.
Anwalt Kolloge Wann wurde die Festplatte eingerichtet?
Ellen H. So generell lässt sich das nicht sagen. Die Dateien im bereits erwähnten Ordner mit Bildern namens »Bildermix« wurden alle im Februar 2007 erstellt. Ich kann vielleicht noch ergänzen, dass wir bei André Eminger zwei externe Festplatten gefunden haben, auf denen auch die Inhalte des Ordners »Bildermix« waren. Das belegt, dass es da eine Verbindung geben muss.
Anwalt Hoffmann Haben Sie auch etwas gefunden zu Tätowierungen von Herrn Eminger?
Ellen H. Gut, dass Sie mich erinnern: Es fand sich die Tattoovorlage der Clownsfigur auf dem Unterschenkel von Herrn Eminger – ein Clown mit Krallen statt Fingern, angelehnt an die Figur aus Stephen Kings Buch »Es«.
Tag 44
9. Oktober 2013
Manfred Götzl, Richter. M.Z., 57, Radio- und Fernsehmechaniker aus Nürnberg. Er ist als Zeuge zu dem Mord an İsmail Yaşar in der Nürnberger Scharrerstraße geladen. Christina L., 29, Polizistin in Merseburg. Udo V., 50, Kriminalhauptkommissar aus Borken/NRW. Wolfgang Stahl, Anja Sturm, Verteidiger von Beate Zschäpe.
M.Z. Ich war am 9. Juni 2005 im Obi in der Regensburger Straße und habe eine Arbeitsplatte gekauft. Auf der Rückfahrt bin ich in die Scharrerstraße gefahren und musste an einem Fußgängerüberweg halten. Den haben auch zwei Radfahrer überquert, einer war lang und dünn, der andere kurz und kräftig. Kurz darauf habe ich Schüsse gehört. Erst ein paar, dann wieder. Es hat mich aber nicht interessiert, ich bin zu meinem Laden weitergefahren, ich repariere Radios und Fernseher.
Götzl Woher kamen die Radfahrer?
M.Z. Von links nach rechts. Die waren sehr ruhig und langsam auf dem Fußgängerweg, das hat mich genervt, weil ich schnell zu meinem Laden wollte.
Götzl Was hatten sie an?
M.Z. Nicht eine Jeans, sondern so Trainingshosen.
Götzl Können Sie die Geräusche noch mal beschreiben?
M.Z. Erst einen und dann ein paar Stück nacheinander. Ich hab sie aber nicht gezählt. Jeden Tag hört man was, es fällt was runter, Unfälle, Schüsse.
Götzl War das Geräusch so eindeutig für Sie?
M.Z. Das waren Schüsse, eindeutig. Tsch, tsch, tsch, tsch.
Götzl Kennen Sie das Geräusch von Schüssen?
M.Z. Ja, im Irak gab es das und in Nürnberg auch. Richtung Tiergarten ist ein Trainingszentrum der Polizei, da hört man solche Geräusche oft. Ich dachte zuerst, der Klang kommt von meinem Kassettendeck im Auto. Also hab ich zurückgespult, aber die Kassette war in Ordnung. Als ich dann in meinem Laden war, kam auf einmal ein Hubschrauber über meinen Laden. Wie bei Star Trek. Meine Nachbarin hat später gesagt, der Imbissbesitzer ist ermordet worden.
Götzl Warum haben Sie keine Veranlassung gesehen, sich gleich bei der Polizei zu melden?
M.Z. Ich dachte, das ist nicht mein Problem. Ich mache meine Arbeit.
Götzl An dem Fußgängerüberweg – hatten Sie da Blickkontakt mit den Radfahrern?
M.Z. Der zweite Radfahrer war sehr langsam. Ich hab ihn nervös angeschaut und ihm angedeutet: weiter, weiter! Er hat schlimme Finger gemacht. Er war ruhig wie im Urlaub.
Götzl Sie haben bei der Polizei ausgesagt, Sie hätten die erste Person auf den Lichtbildern erkannt.
M.Z. Den Großen habe ich hundertprozentig erkannt. Mit den abstehenden Ohren. Den Zweiten nicht.
Götzl Sagen Ihnen die Namen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt etwas?
M.Z. Nee.
Götzl Sie kennen sie auch nicht aus der Presse oder aus dem Fernsehen?
M.Z. Ich schau kein Fernsehen. Und höre kein Radio. Ich spiele nur Keyboard und Gitarre. Hin und wieder läuft bei meiner Tochter N24. Aber ich hasse Nachrichten, das ist doch alles Lüge.



