- -
- 100%
- +
Gamze Kubaşık Mein Vater, meine Mutter und ich haben den Laden zusammen geführt. Meine Mutter hat um sechs Uhr den Laden geöffnet, dann hat mein Vater meine Mutter abgelöst, vorher hat er meinen jüngsten Bruder zum Kindergarten gebracht und Einkäufe erledigt. Ich war an der Fachoberschule. Nach der Schule bin ich direkt zum Kiosk und habe meinen Vater abgelöst.
Götzl Wie war es am 4. April 2006?
Gamze Kubaşık Ich war in der Schule, die Schwester meiner Mutter aus London war zu Besuch. Ich habe meinen jüngsten Bruder in den Kindergarten gebracht.
Götzl Wie war der Laden zugänglich?
Gamze Kubaşık Für einen Kiosk war das ein großer Laden, eher eine Trinkhalle. Kunden konnten reinkommen, rechts war der Tresen, wo unsere Kasse stand. Hinter der Kasse standen die Zigaretten. Links die Getränke. Vor der Kasse waren Chips und Süßigkeiten. Ab 22 Uhr haben wir den Kiosk abgeschlossen, danach haben wir über das Verkaufsfenster verkauft. Da gab es auch eine Klingel.
Götzl Gab es eine Überwachungsmöglichkeit?
Gamze Kubaşık Ja, aber mein Vater hat die ausgemacht.
Götzl Die Person Ihres Vaters würde mich interessieren. Wie lange hat er gearbeitet?
Gamze Kubaşık Mein Vater hatte ein, zwei Jahre vor seiner Ermordung einen Schlaganfall. Davor hat er als Lieferant bei einer Dönerproduktion gearbeitet, das konnte er dann nicht mehr machen. Er war ein Jahr in Behandlung und dann arbeitslos. Dann hat er den Kiosk übernommen.
Götzl Wie setzt sich die Familie zusammen?
Gamze Kubaşık Ich habe zwei jüngere Brüder, die 13 und 18 Jahre alt sind. Der Ältere macht eine Ausbildung, der Kleine ist in der Realschule.
Götzl Wie haben sie die Tat wahrgenommen?
Gamze Kubaşık Mein jüngster Bruder hat nicht viel mitbekommen, weil er damals noch so klein war. Die Erzieherin im Kindergarten sagte ihm, sein Vater sei im Himmel. Weil er so viel gefragt hat. Mein anderer Bruder, mit dem war es etwas schwieriger. Nach dem Mord bekam er Probleme in der Schule. Er hat gesagt, dass ein Mitschüler meinte, er solle ihn nicht anfassen, weil wir keine gute Familie sind. Dein Vater nimmt Drogen, deine ganze Familie nimmt Drogen, sagte der Mitschüler.
Götzl Wie erging es Ihnen?
Gamze Kubaşık (mit belegter Stimme) Für mich war es am schlimmsten. Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Vater, enger als zu meiner Mutter. Es fing an, dass ich Gerüchte hörte. Leute haben getuschelt: Seht mal, die Tochter, ihr Vater wurde erschossen, der hat Drogen an Kinder verkauft. Eine Frau sagte: Seine Kinder sollen genauso enden. Es war wie eine Verfluchung, dass wir auch drogenabhängig werden.
Ich habe meinen Abschluss 2006 im Berufskolleg gemacht und dann eine Lehre bei Douglas begonnen, in Münster. Als ich im Zug nach Münster saß, hat alles an mir gezittert, Hände und Knie. Jeder im Zug war für mich verdächtig. Als wenn das die Mörder meines Vaters gewesen wären. Ich bin dann die ganze Nacht wach im Bett gelegen. (Knetet ihre Hände.) Ich habe die Ausbildung wieder aufgegeben, weil ich den Verlust meines Vaters nicht akzeptieren konnte.
Götzl Wie würden Sie Ihre heutige Situation beschreiben?
Gamze Kubaşık Ich gebe mich nach außen stark, innerlich sieht es ganz anders aus. Ich denke viel über meinen Vater nach. Über die Tat. Ich kann so gut wie gar nicht einschlafen. Ich habe das Haus nicht mehr verlassen, ich bin ein Jahr nicht mehr rausgegangen. Meine Mutter kann es bezeugen.
Götzl Wie geht es Ihren Brüdern jetzt?
Gamze Kubaşık Mein älterer Bruder ist achtzehn, er kriegt alles mit und ist sehr zurückgezogen, wenn es um die Sache mit unserem Vater geht. Wenn im Fernsehen was kommt darüber, dann geht er in sein Zimmer und sieht sich das allein an. Ich weiß, dass er mit seinen Freunden nie darüber gesprochen hat. Der Ausbildungsbetreuer hat ihn mal darauf angesprochen, aber er wollte nicht, dass die anderen das mitbekommen.
Götzl Und Ihre Mutter?
Gamze Kubaşık Ich weiß, dass meine Mutter viel weint. Seitdem mein Vater tot ist, zieht sie nichts Helles mehr an. Wenn man schwarz gekleidet ist, weiß man bei uns, dass derjenige in Trauer ist. Ich habe mal versucht, ihr in der Stadt eine weiße Bluse zu zeigen. Aber sie hat sie sich noch nicht mal angeguckt.
Anwalt Scharmer Schildern Sie bitte, auf welche Situation Sie trafen am 4.4.2006.
Gamze Kubaşık Ich bin die Mallinckrodtstraße hochgelaufen. Schon von Weitem habe ich eine Menschenmenge und Absperrungen gesehen. Als ich ankam, sagten die Leute, oh nein, da ist die Tochter. Ich wollte an der Absperrung vorbei. Ein Polizist, so Anfang dreißig, guckt mich an und fragt nach meinem Ausweis und sagt dann: Begleiten Sie mich bitte zum Polizeiauto. Dort sagte ich: Ich muss in den Kiosk, mein Vater braucht mich. Wenn er aufgeregt ist, weiß er nicht, was er sagen soll. Ich muss übersetzen. Der ältere Polizist im Polizeiauto sagte: Frau Kubaşık, Ihr Vater ist tot.
Anwalt Scharmer Am 5.4. wurden Sie von der Polizei vernommen. Erinnern Sie sich noch?
Gamze Kubaşık Wir hatten nicht geschlafen, unsere Wohnung war voll mit Bekannten und Verwandten. Mutter hat die ganze Nacht nur geweint. Wir wurden von der Polizei abgeholt, auf der Wache hat man Mutter und mich getrennt. Ich kam in einen kleinen Raum, dann ging es los. Ich wurde nicht gefragt, ob ich in der Lage bin, auszusagen. Es ging einfach los.
Anwalt Scharmer Wenn man Sie gefragt hätte, was hätten Sie gesagt?
Gamze Kubaşık Dass ich nicht kann, dass ich zu Hause sein möchte.
Anwalt Scharmer Hat man Ihnen erklärt, dass Sie eine Vertrauensperson hinzuziehen können?
Gamze Kubaşık Nein.
Anwalt Scharmer Erinnern Sie sich, was Sie gefragt wurden?
Gamze Kubaşık Ob mein Vater Feinde hatte, ob ich weiß, wer das sein könnte.
Anwalt Scharmer Wurden Sie nach Eheproblemen der Eltern gefragt? Nach Geliebten?
Gamze Kubaşık Ja. Ich habe mich geärgert, weil mein Vater so etwas nie getan hätte.
Anwalt Scharmer Wurden Ihnen Fotos von ausländischen Männern gezeigt?
Gamze Kubaşık Ja. Ich habe mir alle echt gut angeguckt, aber erkannte keinen. Ein Polizist sagte: Ihr fällt noch nicht mal auf, dass da einer mehrmals abgebildet war. Er hat sich lustig gemacht über mich.
Anwalt Scharmer War die Polizei bei Ihnen zu Hause?
Gamze Kubaşık Nach meiner Aussage kamen wir nach Hause, die Tür stand offen. Da kam mir ein Mann entgegen, der sagte, ich soll rausgehen. Ich sagte: Ich wohne hier! Im Haus waren noch weitere Männer, Männer in komischen weißen Anzügen mit großen Hunden, die an Sachen meiner Eltern herumschnüffelten. Da bin ich erschrocken.
Anwalt Scharmer Drei Wochen später waren Sie noch mal bei der Polizei vorgeladen? Erinnern Sie sich?
Gamze Kubaşık Ja, sie haben mich gefragt, ob mein Vater Drogen verkauft hat, ob er bei der PKK war, mit der Mafia zu tun hatte, mit einer türkischen Bank, ob er Geld transportiert hat, ob er Beziehungen mit anderen Frauen hatte. Ich habe alles verneint. Meine Mutter sagte später noch zu den Polizisten: Ich weiß, wer meinen Mann umgebracht hat, das waren die Nazis.
Anwalt Scharmer Gab es irgendeine Reaktion?
Gamze Kubaşık Der Polizeichef meinte, das kann man ausschließen, dafür gibt es keine Beweise.
Anwalt Scharmer Was wurde aus dem Kiosk?
Gamze Kubaşık Wir konnten den Kiosk nicht mehr betreten. Weder enge Verwandte noch Bekannte wollten da rein. Mit den Sachen, die sich noch im Kiosk befanden, wurden unsere Schulden bei der Metro beglichen.
Anwalt Scharmer Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hatte der Tod Ihres Vaters?
Gamze Kubaşık Ich hatte zuvor noch nie das Arbeitsamt betreten. Wir waren erstmals auf staatliche Unterstützung angewiesen.
Anwalt Scharmer Wurde Ihnen gesagt, dass Ihre Bank- und Telefondaten überprüft wurden?
Gamze Kubaşık Nein.
Verteidiger Klemke Sie haben doch vorher von Verwünschungen gesprochen. Von wem kamen die?
Götzl Dazu hat die Zeugin doch schon Angaben gemacht.
Verteidiger Klemke Ich meine, welcher Nationalität waren diese Menschen?
Oberstaatsanwalt Weingarten Ich beanstande diese Frage.
Götzl Welche Relevanz hat diese Frage?
Verteidiger Klemke Ich wollte nur die Einzelheiten nachfragen.
Gamze Kubaşık Es waren Deutsche wie Ausländer.
Verteidiger Klemke Waren es Ausländer unterschiedlicher Nationalität?
Oberstaatsanwalt Weingarten (lauter) Ich beanstande diese Frage!
Verteidiger Klemke Warum? Ich frage nur nach.
Götzl Herr Klemke wird uns das jetzt erklären.
Verteidiger Klemke Ich werde mich dazu nicht weiter äußern. Ich beantrage einen Gerichtsbeschluss über die Zulässigkeit der Frage.
Oberstaatsanwalt Weingarten Als Tatfolge sind Tuscheleien relevant. Welche Nationalität diese Tuschler haben, ist irrelevant.
Götzl Dann ergeht jetzt folgender Gerichtsbeschluss: Die Frage ist unzulässig, weil die Nationalität nicht relevant ist. Ein Sachbezug ist nicht erkennbar und wurde auf Nachfrage nicht dargelegt.
Verteidiger Klemke Gut, lassen wir das. Sie wurden gefragt, ob Ihr Vater irgendwas mit Drogen zu tun gehabt haben könnte. Haben Sie mal nachgefragt, wie die Ermittler darauf kommen?
Gamze Kubaşık Ich weiß nicht, ob ich nachgefragt hatte.
Verteidiger Klemke Wie haben Sie reagiert auf die Todesnachricht?
Anwalt Scharmer (genervt) Das hat sie doch schon beantwortet.
Verteidiger Klemke Dann habe ich keine weiteren Fragen mehr.
(Gamze Kubaşık verlässt den Zeugenplatz, die nächste Zeugin ist Elif Kubaşık, ihre Mutter.)
Götzl Können Sie uns Ihren Mann ein wenig beschreiben?
Elif Kubaşık Entschuldigen Sie, wenn ich emotional werde. Er war sehr besorgt um seine Familie, er liebte seine Tochter, war vernarrt in seine Kinder. Er war ein liebevoller Ehemann, wir haben uns geliebt. Mit seiner Ermordung sind alle unsere Träume zerbrochen. Wir hatten wie alle anderen Menschen ein ganz normales, liebevolles Leben.
Götzl Wie war das Leben nach der Tat für Sie?
Elif Kubaşık Es gab nichts mehr, was weiß war für mich, alles ist geschwärzt worden. Ich kann nicht vergessen, wie meine Kinder gelitten haben, wie sie sich in sich verkrochen haben. Der Tag ging nicht zu Ende. Ich erkrankte an Neurodermitis. Entschuldigen Sie bitte, dass ich nicht reden kann. Uns wurde sehr großes Unrecht angetan: Frauengeschichten, Mafia, Drogen – solche Dinge wurden in die Welt gesetzt. Sie zeigten mit Fingern auf uns. Ich konnte kaum atmen. Wenn ein kleines Geräusch zu hören war, hatte ich Angst und schrie. Oder wenn ein Fahrradfahrer an mir vorbeifuhr. Wir haben dann ein zweites Schloss eingebaut. 2008 saß ich zu Hause, da wurde ein großer Stein durchs Fenster geworfen. Die Polizei kam und sagte, es könnten ja Kinder gewesen sein, die draußen spielten. Ich hatte Ängste, dass meinen Kindern was zustößt, aber ich habe mich bemüht, stark zu sein.
Götzl Sie sagten, auf Sie wurde mit Fingern gezeigt. Wurden Sie auch angesprochen?
Elif Kubaşık Die Menschen, die uns kannten, glaubten uns natürlich. Aber andere dachten, wenn es nicht stimmen würde, dann würde die Polizei ja wohl nicht das Haus bis in den Keller untersuchen.
Anwalt Ilius Wie erging es der Schwiegermutter?
Elif Kubaşık Meine Schwiegermutter hat einen Herzinfarkt erlitten. Sie hat den Mord an ihrem Sohn nicht verkraften können. Sie hatte ihren Sohn 15 Jahre lang nicht gesehen. Wir wollten im Sommer 2006 zu ihr in die Türkei fahren.
Anwalt Ilius Trifft es zu, dass auch Ihre Nachbarn in Dortmund nach Drogenverbindungen Ihres Mannes gefragt wurden?
Elif Kubaşık Ja, sie wurden gefragt, ob mein Mann mit Drogen zu tun hatte oder Frauengeschichten hatte. Ein Polizist sagte einem Nachbarn sogar, dass mein Mann sehr wohl mit solchen Dingen zu tun hatte.
Anwalt Ilius Haben Sie bei den Vernehmungen einmal geäußert, dass Sie einen Anwalt haben möchten?
Elif Kubaşık Ja, habe ich gesagt. Aber die Polizei antwortete, es gebe noch keine Tatverdächtigen. Wofür willst du dann einen Anwalt? Dabei habe ich schon früh den Verdacht geäußert, dass Rechtsradikale hinter dem Mord stehen könnten.
Klemke winkt ab.)
Götzl Sie schütteln den Kopf, Herr Rechtsanwalt Klemke, was gibt es denn?
Verteidiger Klemke Nichts.
(Als nächste Zeugin wird Janica D. aufgerufen.)
Janica D. Damals habe ich im Hotel gearbeitet, 100 Meter entfernt von dem Kiosk. Ich wollte Zigaretten kaufen dort. Da kamen mir zwei Männer entgegen, einer fuhr mit dem Fahrrad, der andere ging nebenher. Der hat mich ganz böse angeguckt, das war ganz unangenehm. Darauf habe ich meinen Kopf zur Seite gedreht. Etwas später standen die beiden Männer vor dem Kiosk. Das war so um 12.50 Uhr. Abends habe ich von meiner Mutter erfahren, dass der Kioskbesitzer umgebracht wurde. Das Erste, was ich zu ihr gesagt habe, war: Ich weiß, wer das war.
Götzl Haben Sie eine Erinnerung an das Aussehen der Männer?
Janica D. Der eine trug ein Käppi und eine schwarze Jacke. Mehr weiß ich nicht.
Götzl Erinnern Sie sich an die Haarfarbe?
Janica D. Das Käppi war ganz über den Augen, die Stirn konnte ich nicht sehen. Ich kann mich an gar keine Haare erinnern.
Tag 52
6. November 2013
Ansgar Japes, 35, Chemiker beim LKA Sachsen und Sachverständiger zur Brandstiftung am 4.11.2011 in der Frühlingsstraße 26 in Zwickau. Michael M., 53, Leitender Polizeidirektor aus Gotha. Wolfgang Stahl, Anja Sturm, Verteidiger von Beate Zschäpe. Olaf Klemke, Verteidiger von Ralf Wohlleben. Yavuz Narin, Anwalt der Nebenklage.
(Es geht um den Brand in der Frühlingsstraße in Zwickau. Der Sachverständige hat Gegenstände aus der Wohnung und die Kleidung von Beate Zschäpe, die sie bei ihrer Festnahme trug, auf Rückstände brennbarer Flüssigkeiten untersucht. Darunter auch Zschäpes Socken.)
Japes An etlichen Objekten waren Kohlenwasserstoffgemische deutlich nachweisbar. Es handelte sich um Einzelkomponenten von Ottokraftstoff. Dieser bildet in der Luft explosionsfähige Gemische. Auch die Rückstände an den schwarzen Socken stammten höchstwahrscheinlich von Benzin. An den Lederschuhen wurde kein Ottokraftstoff gefunden.
Verteidiger Stahl Wie lange halten sich denn Spuren von Ottokraftstoff an einem Material wie dem der Socken?
Japes Das hängt von der Umgebungstemperatur ab und davon, ob die Socken zum Beispiel durch Schuhe so abgekapselt sind, dass wenig entweichen kann. Es sind aber auch noch leichtflüchtige Komponenten gefunden worden, sodass von keiner langen Verweildauer auszugehen ist. Wären die Socken beispielsweise gewaschen worden, hätte man diese Komponenten nicht mehr gefunden.
Verteidiger Stahl Wie lange dauert es, bis nur noch minimale Rückstände zu finden wären?
Japes Schwerflüchtige Verbindungen sind noch nach einer Woche nachweisbar. Die leichtflüssigen Verbindungen wie Feuerzeugbenzin sind schon nach kurzer Zeit weg.
Verteidigerin Sturm Wie waren die Asservate denn verpackt, als Sie sie bekommen haben, und wann haben Sie mit Ihrer Untersuchung begonnen?
Japes Begonnen haben wir direkt nach Eingang des Materials am 9. November 2011. Das Material war in gasdichter Folie oder Einmachgläsern verpackt, die Socken in gasdichtem Beutel.
(Der Zeuge Michael M. wird aufgerufen. Er hatte als Leiter einer Sonderkommission zu einer Serie von Banküberfällen ermittelt und am 4. November 2011 die Arbeit der Polizei in Eisenach koordiniert, als dort Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt eine Filiale der Sparkasse überfallen hatten und später tot in ihrem Wohnmobil gefunden wurden.)
Michael M. Wir haben eine Meldung über den Überfall in Eisenach erhalten. Es waren genügend Einsatzkräfte vorrätig, die nach Eisenach gefahren sind. Von einem anderen Fall war bekannt, dass die Täter vielleicht mit einem Transporter oder einem ähnlichen Fahrzeug vom Tatort flüchten würden, deshalb wurden Transporter in die Fahndung genommen. Ein Zeuge in Eisenach hat dann berichtet, er habe zwei Männer gesehen, die Fahrräder in ein weißes Wohnmobil mit dem Kennzeichen »V« für Vogtland geladen hätten. Diese Information ist sofort weitergeleitet worden. Die Stadt wurde fast abgeriegelt, und wir haben systematisch Eisenach durchkämmt. Um die Mittagszeit hat eine Streife ein Wohnmobil mit diesem Kennzeichen »V« gesehen. Bei der Annäherung der Beamten sind Schüsse gefallen, die Kollegen sind in Deckung gegangen, blieben aber in Sichtkontakt. Die Beamten haben Verstärkung gerufen, das Wohnmobil brannte, auch die Feuerwehr wurde verständigt. Als ich eintraf, war der Brand schon weitgehend gelöscht. Im linken Bereich des Wohnmobils, vom Eingang aus gesehen, lagen zwei tote männliche Personen. In dem Wohnmobil wurden mehrere Waffen gefunden. An einer Pistole war der Magazinboden geschmolzen und eine Patrone ausgetreten. Ich konnte diese Patrone als Polizeimunition identifizieren. Wir haben dann die Ermittlungen zu den Personen und zu den Waffen vorangetrieben, und am Nachmittag konnte die Pistole anhand der Waffennummer als diejenige identifiziert werden, die die Kollegin Kiesewetter in Heilbronn getragen hat. Bei den Ermittlungen zur Anmietung des Wohnmobils hat sich ergeben, dass die Anmietung auf die Personalien von Holger Gerlach erfolgte. Die Leichen aus dem Wohnmobil wurden zur Gerichtsmedizin nach Jena verbracht. Herr Gerlach wurde in der Nacht auf Samstag, um 1.30 Uhr, an seiner Arbeitsstelle in Lauenau von den Kollegen aus Niedersachsen festgenommen. Wir hatten zu dem Zeitpunkt bereits die Information, dass Gerlach als rechtsmotiviert einzuschätzen ist. Und wir wussten, dass sein Geburtsort Jena ist. Das war der entscheidende Punkt. Am Samstag gegen 8 Uhr oder 8.30 Uhr habe ich dann das vorläufige Sektionsergebnis aus Jena erhalten. Eine Person wurde als Uwe Mundlos identifiziert, anhand von Unterlagen zu einer Vermisstenanzeige des Vaters von 2005. Es waren Fingerabdrücke vorhanden. Die Identifizierung war in der Nacht erfolgt. Das Ergebnis stand um 3.15 Uhr fest, da hat man mich aber nicht noch einmal anrufen wollen. Damit hat sich natürlich ein ganz neues Bild ergeben im Zusammenhang mit den Ereignissen 1998 in Jena. Unsere These war: Vielleicht war Mundlos weiterhin in Begleitung von Herrn Böhnhardt und Frau Zschäpe. Wir wollten also wissen: Ist die zweite Person Böhnhardt? Und wo ist Frau Zschäpe? Von den Zielfahndern des LKA erhielten wir Bildmaterial einer Tätowierung auf der linken Wade von Böhnhardt. Dadurch war klar, dass es sich bei der zweiten Person mit hoher Wahrscheinlichkeit um Böhnhardt handelt. Gegen 12.30 Uhr rief ein Kollege aus Sachsen an und teilte mit, dass es am Freitagnachmittag in Zwickau in der Frühlingsstraße 26 zu einer Explosion gekommen ist. Und es gab eine Zeugenaussage, dass dort in der Vergangenheit ein weißes Wohnmobil gesehen wurde. Das führte zu der Frage, ob die Frühlingsstraße 26 ein Wohnunterschlupf von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe war. Am Nachmittag erfuhren wir aus Sachsen, dass die Wohnung auf den Namen Dienelt angemietet war und zwei männliche Personen und eine weibliche Person dort gewohnt haben sollen. Das hat das Bild eigentlich nur noch abgerundet.
Anwalt Narin Warum wurde das Wohnmobil am Nachmittag in eine Lagerhalle geschleppt? Bestand dabei nicht die Gefahr, Spuren zu vernichten oder zu verändern?
Michael M. Der Transport erfolgte so spurenschonend wie möglich. Es ging darum, das Fahrzeug an einen Ort zu bringen, wo es vernünftig weiter untersucht werden konnte.
Verteidiger Klemke Was können Sie zu Aussagen zu einer dritten Person im Umfeld des Wohnmobils sagen?
Michael M. Es gibt immer wieder Hinweise, die sich zum Schluss in Luft auflösen und nicht weiterführen. Eine Zeugin hat gesagt, sie habe vor der Tatzeit zwei Männer und eine Frau gesehen. Wir haben die Streifenpolizisten gefragt, die hätten es ja sehen müssen, wenn da jemand weggelaufen ist. Die Polizisten vor Ort konnten das Wohnmobil einwandfrei sehen, sie konnten auch unter das Fahrzeug gucken. Sie haben sich eindeutig festgelegt: Da war niemand. Daher ist das aus meiner Sicht sehr unwahrscheinlich, dass es so gewesen ist. Auch die Auffindesituation lässt nicht den Schluss zu, dass da ein Dritter weggelaufen sein könnte. Schon der erste Eindruck beim Betreten des Wohnmobils war, dass die sich selbst erschossen haben.
Verteidiger Klemke Gab es weitere Hinweise auf eine dritte Person?
Michael M. Es gab einen weiteren Hinweis. Ein Zeuge sagte, an der Autobahnanschlussstelle Eisenach-Ost wollte eine Person als Anhalter mitgenommen werden. Wir haben das überprüft, auch durch Einsatz eines Hubschraubers. Es hat sich nicht bestätigt.
Tag 53
7. November 2013
Manfred Götzl, Richter. Frank Liebau, 40, Ex-Besitzer des Szene-Geschäfts Madley in Jena. Sein Mitarbeiter Andreas Schultz soll die Waffe für das Trio besorgt haben. Jürgen Länger, 41, Tauchlehrer aus Jena. Er sagte auch an Tag 134 aus. Herbert Diemer, Vertreter der Bundesanwaltschaft. Olaf Klemke, Verteidiger von Ralf Wohlleben. Alexander Hoffmann, Gül Pinar, Anwälte der Nebenklage.
Götzl Mir geht es um die Zeit, als Sie den Laden Madley in Jena betrieben haben …
Liebau Den Laden hatte ich von 1995 bis 2009, wir haben ganz normale Textilien und Schuhe vertrieben, später ging es mehr in die modischen Richtungen, mit Thor Steinar und so was. Anfangs habe ich das mit Herrn Schultz zusammen gemacht, später war er nur noch als freier Mitarbeiter im Laden, weil er nebenbei noch seine Minigolf-Anlage im Freibad betrieben hat. Ansonsten gibt es dazu nichts weiter zu sagen.
Götzl Hat Ihr Geschäft auf eine bestimmte Kundschaft abgezielt?
Liebau Die bestimmte Kundschaft ist gekommen, aber abgezielt haben wir auf alle.
Götzl Und wer kam?
Liebau Die Jugend. Aus dem rechten Spektrum waren Leute dabei, aber auch ganz normale Leute.
Götzl Welche Aufgaben hatten Sie, welche Herr Schultz?
Liebau Es ging nur um den Verkauf. Wenn ich nicht da war, hat er den Verkauf gemacht. Ich hab die Waren organisiert.
Götzl War Herr Schultz ausschließlich für den Verkauf zuständig?
Liebau Ja.
Götzl Wie häufig waren Sie zugegen?
Liebau Täglich eigentlich.
Götzl Und Herr Schultz?
Liebau Vier oder fünf Mal die Woche.
Götzl Warum haben Sie den Laden wieder aufgegeben?
Liebau Wir hatten mehrere Anschläge gehabt von linken, autonomen Gruppen. Der Vermieter hat uns daraufhin gekündigt.
Götzl Kannten Sie Herrn Böhnhardt?
Liebau Ja, vom Sehen her.
Götzl Bei welcher Gelegenheit?
Liebau Vom Laden her. Jena ist halt nicht sehr groß.
Götzl Wie häufig hatten Sie Kontakt zu ihm?
Liebau Nur wenn man sich mal zufällig getroffen hat.
Götzl War er Kunde bei Ihnen?
Liebau Ja, der war ein paar Mal da.
Götzl Was hat er gekauft?
Liebau Klamotten oder Schuhe. Vielleicht mal ’ne CD. Ich weiß es nicht.
Götzl Kannten Sie Herrn Mundlos?
Liebau Im gleichen Verhältnis.
Götzl Seit wann kannten Sie ihn?
Liebau Das weiß ich nicht.
Götzl In etwa?
Liebau Irgendwann in den Neunzigerjahren.
Götzl Kannten Sie Frau Zschäpe?
Liebau Ja, auch über den Laden.
Götzl War Sie Kundin bei Ihnen?
Liebau Das ist alles ganz schön lange her. Ich weiß nicht, ob sie was gekauft hat. Für Frauen gab es damals nicht so viel bei uns.
Götzl Kennen Sie Herrn Wohlleben?
Liebau (nickt) Hm.
Götzl Wie lange schon?
Liebau Auch seit den Neunzigern.
Götzl Wie häufig haben Sie ihn getroffen und bei welchen Gelegenheiten?
Liebau Wenn er im Laden was gekauft hat oder wenn man sich in der Stadt über den Weg lief.
Götzl Wie waren dann die Situationen?
Liebau Man hat mal kurz gequatscht, vielleicht eine geraucht und ist dann weitergegangen.
Götzl Worüber haben Sie sich unterhalten?
Liebau Das weiß ich doch nicht mehr. Es waren allgemeine Themen, was es alles so gibt.




