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Tag 56
14. November 2013
Manfred Götzl, Richter. Thomas J., 49, Kriminaloberkommissar beim LKA Sachsen. Susann E., 26, Hotelfachfrau aus Zwickau. Katrin F., 43, Reinigungskraft aus Zwickau, frühere Nachbarin von Beate Zschäpe. Martin F., 42, Hausmeister, Ehemann von Katrin F. Herbert Diemer, Jochen Weingarten, Vertreter der Bundesanwaltschaft. Sebastian Scharmer, Anwalt der Nebenklage.
Thomas J. Von den zwölf abgeschickten NSU-Bekennervideos wurden sechs im Briefzentrum 04 Leipzig abgestempelt, und zwar am Sonntag, 6.11.2011. Das Briefzentrum befindet sich in Schkeuditz nahe dem Flughafen Leipzig/Halle.
Die Frage war: Kann Frau Zschäpe die sechs Bekennervideos selbst eingeworfen haben? Die Ermittlungen haben ja ergeben, dass Beate Zschäpe am 5.11.2011 in Chemnitz war. Laut einer Zeugenaussage hielt sie sich am Nachmittag in Eisenach auf. Am 6. 11 gegen 3.45 Uhr hat sie dann in Bremen ein Wochenend-Ticket gekauft. Die Zugverbindung hätte durchaus nach Leipzig führen können. Am 7.11.2011 ist sie in Halle gesehen worden von einem Zeugen. Die Ermittlungen ergaben, dass ein Einwurf in Halle am Samstagnachmittag oder am Sonntag zwingend im Briefzentrum 04 am 6.11.2011 abgestempelt worden wäre. Es ist also möglich, dass sie die Umschläge selbst eingeworfen hat.
(Die nächste Zeugin ist Susann E. aus Zwickau.)
Susann E. Vor etwa neun Jahren hat mich in der Innenstadt von Zwickau eine Frau angesprochen, ob ich für sie ein Prepaid-Karten-Handy kaufen und unterschreiben könnte. Sie hat mir dafür 20 Euro geboten, aber ich habe kein Geld angenommen. Wir sind in einen Telekom-Laden gegangen, ich habe unterschrieben und das war’s.
Götzl Können Sie die Frau noch beschreiben?
Susann E. Kann ich kaum, es ist neun Jahre her.
Götzl Was ist Ihnen noch in Erinnerung?
Susann E. Ich würde sagen, dass die Frau etwas kleiner war als ich, dunkle Haare hatte. Keine Brille. Schlank, normal gebaut. Sie ist nett und freundlich aufgetreten.
Götzl War sie allein oder in Begleitung?
Susann E. Sie war allein, und ich war auch allein.
(Es folgt die Zeugin Katrin F.)
Katrin F. Wir haben 2005 oder 2006 in der Polenzstraße 2 in Zwickau gewohnt. Frau Zschäpe wohnte damals im Erdgeschoss, wir in der ersten Etage. Da hab ich sie halt kennengelernt. Sie war eine freundliche Frau, hilfsbereit, auch zu den Kindern war sie sehr lieb. Wenn wer wenig Geld hatte, hat sie für die eingekauft. Ich kann jetzt eigentlich über die Frau nichts Schlechtes sagen.
Sie hat dort mit zwei Männern gewohnt. Mit denen konnte man aber nicht so groß reden. Man hat sie auch kaum gesehen. Der eine war groß und schlank. Der andere war etwas stämmiger.
Frau Zschäpe habe ich beim Wäscheaufhängen gesehen. Die drei waren immer viel mit den Rädern unterwegs. Ein-, zweimal im Jahr sind sie mit dem Wohnmobil weggefahren, an die See, für sechs oder sieben Wochen. Frau Zschäpe war meist zu Hause, sie sagte, ihr Freund würde in der Computerfirma des Vaters gut verdienen, deshalb brauchte sie nicht arbeiten. Es waren zwei Männer bei ihr zu Hause, wer ihr Freund war, wusste ich eigentlich nicht.
Götzl Wie sind die drei miteinander umgegangen?
Katrin F. Normal.
Götzl Was haben die Männer gemacht, wenn sie da waren?
Katrin F. Die waren oft mit ihren PC-Ballerspielen beschäftigt. Frau Zschäpe hat das mal erwähnt, dass sie viel Computer spielen. Einmal im Keller haben die sich auch mal über Waffen unterhalten, da wusste ich nicht, worum es geht. Es ging um eine Schießerei, mehr hab ich da nicht gehört. Den genauen Inhalt weiß ich nicht mehr. Ich wollte was im Keller holen, da haben sie von Waffen geredet. Sie haben ihre Räder geholt, da kam ich gerade die Treppen runter.
Götzl In Ihrer früheren Vernehmung klang es so, als sei es um echte Waffen gegangen bei dieser Unterhaltung.
Katrin F. So war es nicht. Ich habe eher an Computerwaffen gedacht damals. Ich kenne mich ja auch nicht so richtig aus.
Oberstaatsanwalt Weingarten Haben Sie sich die polizeiliche Vernehmung eigentlich noch mal durchgelesen?
Katrin F. Nein.
Oberstaatsanwalt Weingarten Aber Sie haben unterschrieben.
Katrin F. Ich hab nur so schnell gemacht.
Oberstaatsanwalt Weingarten Ich habe Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass die Polizei eineinhalb Seiten etwas aufschreibt, was Sie nicht gesagt haben. Ich darf Sie erinnern, Sie stehen hier unter Wahrheitspflicht.
Katrin F. Ich hab das damals ja nicht so geschnallt.
Oberstaatsanwalt Weingarten Kann es sein, dass Sie nicht gern was Schlechtes über Frau Zschäpe sagen?
Katrin F. Ich kann eigentlich auch nichts Schlechtes über sie sagen. Sie war eigentlich recht freundlich zu uns.
Oberstaatsanwalt Weingarten Das kann gut sein. Aber Sie müssen hier die volle Wahrheit sagen.
Anwalt Scharmer Haben Sie denn damals bei der Polizei die Wahrheit gesagt?
Katrin F. Eigentlich schon.
Anwalt Scharmer Und uneigentlich?
Katrin F. Ich hab schon gesagt, wie es war.
(Die Zeugin verlässt den Gerichtssaal, der nächste Zeuge ist ihr Ehemann.)
Götzl Herr F., kennen Sie Beate Zschäpe?
Martin F. Was soll ich denn groß sagen? Ich hab im gleichen Haus gewohnt, im ersten Stock rechts. Neben uns hat Frau K. gewohnt, darüber noch eine vietnamesische Familie, aber ich weiß nicht, wie sie heißt. Im Erdgeschoss hat die Angeklagte gewohnt, daneben war eine Schuldnerberatung.
Götzl Und wohnten im Erdgeschoss auch zwei Männer?
Martin F. Die habe ich nur einmal gesehen.
Götzl Wann haben Sie da gewohnt?
Martin F. Es könnte 1995/96 gewesen sein. Nein, es muss 2005/06 gewesen sein. Groß Kontakt zu Frau Zschäpe oder den Männern hatte ich aber nicht.
Götzl In Ihrer polizeilichen Vernehmung hat sich das etwas anders angehört. Ich will schon die Wahrheit wissen, Herr F.!
Martin F. Na ja, die Männer sind eben ein und aus gegangen. Der eine soll der Bruder gewesen sein, hat Frau Zschäpe meiner Frau erzählt.
Götzl Wie hat sich denn Frau Zschäpe Ihnen gegenüber verhalten?
Martin F. Normal, ganz normal. Freundlich, zuvorkommend. Ich erinnere mich nicht an viel.
Götzl Das wissen Sie jetzt schon?
Martin F. Sie stellen ja keine richtigen Fragen.
Götzl Doch. Aber Sie geben keine richtigen Antworten.
Martin F. Ich bin halt etwas gereizt.
Götzl Weshalb?
Martin F. Weil es ein so langer Tag ist.
Götzl Ja, das ist für uns alle schon ein langer Tag. Aber bin ich deswegen gereizt?
(Anwalt Heer schwenkt die Hand, Gelächter im Saal.)
In der polizeilichen Vernehmung haben Sie ausgesagt, Frau Zschäpe habe mal von »Ausländerpack« gesprochen. Trifft das zu?
Martin F. So habe ich das auf keinen Fall gesagt.
Götzl Weiter heißt es in dem Protokoll: Weil sie so schlecht auf Ausländer zu sprechen war, habe sich Ihr Bruder nicht getraut, Sie dort zu besuchen, weil er mit einer Vietnamesin verheiratet war. Was sagen Sie denn dazu?
Martin F. Gar nichts.
Götzl Das geht aber nicht. Ist es nun so gewesen, wie Sie es bei der Polizei sagten?
Martin F. (wirft einen flüchtigen Blick auf Zschäpe) Es kam das Gerücht auf, dass die Frau Zschäpe Ausländer nicht leiden kann.
Götzl Also stimmt es, dass Ihr Bruder nicht zu Ihnen kam mit seiner vietnamesischen Frau?
Martin F. Das ist richtig.
Götzl Und es stimmt, dass in dem Haus oben eine vietnamesische Familie wohnte?
Martin F. Es ist mir vollkommen rille, ob das Türken, Griechen oder Vietnamesen sind. Für mich sehen sie alle gleich aus.
(Zschäpe schüttelt den Kopf.)
Götzl Haben Sie gehört, dass Frau Zschäpe mal über Ausländer gesprochen hat?
Martin F. Nein. Ich kann heute nicht mehr sagen, ob Zschäpe »Ausländerpack« gesagt hat.
Bundesanwalt Diemer Sie haben Frau Zschäpe jetzt wiederholt angeschaut. Haben Sie Angst, gegen sie auszusagen?
Martin F. Nein, ich gucke, weil ich sie lange nicht gesehen habe. In meinen Augen hat sie nichts Böses getan.
Bundesanwalt Diemer Sie wissen, dass Sie die Wahrheit sagen müssen?
Martin F. Ja.
Oberstaatsanwalt Weingarten Also gut. Vielleicht erklären Sie mir noch mal genau, warum die vietnamesische Frau Ihres Bruders Sie nicht besucht hat.
Martin F. Ich kann in die Frau nicht reingucken.
Oberstaatsanwalt Weingarten (erhebt die Stimme) Also …
Martin F. … schon gut. Noch mal: Ich habe die Wahrheit gesagt bei der Polizei.
Oberstaatsanwalt Weingarten Dann erklären Sie mir, weshalb Ihr Bruder nur noch ohne seine vietnamesische Frau zu Besuch kam.
Martin F. Weil ich meinem Bruder gesagt habe, was die Leute im Haus mir gesagt haben: dass Frau Zschäpe keine Ausländer mag.
Oberstaatsanwalt Weingarten Wenn wir Ihren Bruder hier befragen …
Martin F. Der wird dasselbe sagen.
Oberstaatsanwalt Weingarten Und? Ist die Frau Ihres Bruders nun Vietnamesin oder Türkin?
Martin F. Vietnamesin.
Oberstaatsanwalt Weingarten Jetzt können Sie es ja doch auseinanderhalten.
(Martin F. verlässt den Saal, Richter Götzl ruft nochmals dessen Frau Katrin F. als Zeugin auf.)
Götzl Frau F., was können Sie uns über den Bruder Ihres Mannes erzählen? Wie ist es mit seiner Familie?
Katrin F. Der war mit einer Vietnamesin verheiratet. Aber die sind jetzt getrennt.
Götzl Haben die beiden Sie damals in Zwickau besucht? Und gab es irgendwelche Schwierigkeiten?
Katrin F. Gar nicht.
Götzl Gab es Gerüchte, dass Frau Zschäpe ausländerfeindlich ist?
Katrin F. Nein, gar nicht.
Götzl War diese vietnamesische Frau bei Ihnen zu Besuch?
Katrin F. Ja, ein, zweimal.
Götzl Warum nicht öfters?
Katrin F. Das lag an den Unstimmigkeiten in der Familie.
(Katrin F. verlässt den Saal, ihr Mann wird erneut als Zeuge aufgerufen.)
Götzl Ich muss Sie noch mal ermahnen, die Wahrheit zu sagen, Herr F. Warum bestand kein Kontakt zu der vietnamesischen Frau Ihres Bruders? Ihre Frau sagt, das habe an Unstimmigkeiten in der Familie gelegen.
Martin F. Meine Frau weiß eigentlich, dass Frau Zschäpe was gegen Ausländer hat.
Götzl Ihre Frau hat gerade das Gegenteil ausgesagt. Wie können Sie sich das erklären?
Martin F. Das kann ich mir nicht erklären.
Götzl Warum glauben Sie, dass Ihre Frau wusste, dass Frau Zschäpe etwas gegen Ausländer hat?
Martin F. Weil es alle im Haus wussten. Und ich weiß, dass ich es meiner Frau erzählt habe, dass Frau Zschäpe keine Ausländer mag.
Tag 57
19. November 2013
Manfred Götzl, Richter. Brigitte Böhnhardt, 65, pensionierte Lehrerin, Mutter von Uwe Böhnhardt. Sie sagte auch an Tag 58 aus.
Götzl Es geht uns um Ihren Sohn Uwe Böhnhardt, das Verhältnis zu den Angeklagten, auch zu Uwe Mundlos. Ihre Kontakte nach dem Januar 1998, Ihre Kontakte zu den Angeklagten. Ich würde Sie bitten, erst mal von sich aus zu berichten.
Böhnhardt Gut. Uwe war unser dritter Sohn, ein Nachzügler, ein Wunschkind. Ein ganz normales, aufgewecktes Kerlchen. Geliebt von allen, von allen ein bisschen verwöhnt. In der Schule gab es von Anfang an leichte Probleme. Lernen fiel ihm nicht so leicht. Sprachen haben ihm nicht gelegen, dazu kamen Disziplinschwierigkeiten. Er hat eine Klasse wiederholt, hatte dann aber in Fleiß und Betragen eine 2, da waren wir richtig glücklich und stolz, dass er das so gepackt hat. Im Schuljahr 1991/92 kam der große Einbruch. Die Schulreform im Osten wurde durchgesetzt. Klassen auseinandergerissen: Die guten Schüler wollten alle ins Gymnasium, die weniger guten mussten in der Hauptschule bleiben. Es gab sehr frustrierte Eltern, sehr frustrierte Kinder und sehr frustrierte Lehrer. Uwe merkte das ganz besonders. Er hatte keine Freunde mehr und befand sich voll in der Pubertät. Er fing an zu bummeln, mal stundenweise, mal tageweise. Wir haben davon erst in den Herbstferien erfahren, sieben Wochen nach Schulbeginn. Es ist eigentlich die verdammte Pflicht der Lehrer, die Eltern zu informieren, wenn ihre Kinder schwänzen. Da muss man ganz doll aufpassen. Er schloss sich älteren Schülern an, weil er sich in seiner Klasse nicht wohlfühlte.
In der Zeit fingen die ersten kleinen Diebstähle an. Die älteren Schüler haben ihn gern als Schuldigen vorgeschoben, weil er noch nicht strafmündig war. Er ging kaum mehr in die Schule. Keiner hat sich darum gekümmert, wie es den Problemfällen ging. Ich war immer wieder beim Schulamt. Aber keine Schule war bereit, Uwe aufzunehmen. Kein Internat, keine geschlossene Schule.
Es hat ihm nicht gefallen, dass er uns so wehtut. Er hat immer Momente gehabt, wo er sich weiterentwickeln wollte. Er war bereit, in ein Kinderheim zu gehen, von wo aus die Kinder zur Schule gebracht werden. Aber er hat weiter gebummelt und kam wieder nach Hause. Keiner wollte ihn.
Dann kamen die Sommerferien, wir haben ihn in der Förderschule angemeldet. Dort trafen sich sehr schwierige Schüler wieder. Es war ein Sammelbecken von Problemfällen. Er bummelte wieder und flog auch von dieser Schule. Viele Möglichkeiten hatten wir damals nicht mehr. Das Schulamt reagierte mit Schulterzucken, das Jugendamt auch.
Im Februar 1993 wollten wir mit ihm in den Urlaub fahren, um zu zeigen: Wir haben dich trotzdem lieb. Doch dazu kam es nicht mehr, er wurde in U-Haft genommen. Wegen Diebstahls, wegen Fahrens ohne Führerschein. Das war die bisher schlimmste Zeit für uns, für ihn, für alle. Wir waren am Ende mit unseren Nerven. Wir wussten nicht mehr weiter. Wir haben ihn jede Woche besucht. Aus unserem großschnäuzigen Kerl wurde wieder der kleine Uwe, der schon vorher heulte, wenn wir kamen, und hinterher heulte, wenn wir uns verabschiedeten. Und wir dachten: Jetzt hat er es gepackt. Er muss was machen aus seinem Leben. Er hat es uns versprochen.
Ich bin dann im Schulamt gesessen und gebe zu, ich habe gedroht, ich bleibe hier sitzen, bis Sie mir eine Schule geben. Er wurde für die letzten sechs Wochen aufgenommen, in Winzerla, bis zum Ende der Schulpflicht.
Als 16-Jähriger kam er erneut in U-Haft. Wir haben weiterhin zu ihm gehalten. Du bist unser Kind, haben wir gesagt. Die Schule hat einen Platz frei gehalten, für ein berufsvorbereitendes Jahr im Baugewerbe. Er hatte ganz wenig Fehlstunden. Vielleicht hat er es auch uns zuliebe getan. Er hat mit einem guten Ergebnis abgeschlossen und nahm dann eine Lehrstelle in Burgau an, um Hochbaufacharbeiter und Maurer zu werden. Das ist ein anständiger Beruf, dachten wir. Schließlich muss jemand die Häuser der Schönen und Reichen auch bauen. Die Lehre hat er mit »gut« abgeschlossen und dann ein Auto gekauft und seinen Führerschein bezahlt. Er hatte kurz Arbeit, dann war er neun Monate arbeitslos. Fand wieder kurz Arbeit, wurde krank, war wieder arbeitslos.
Wir mochten seine Freunde, wir mochten den Uwe Mundlos, wir mochten den Ralf Wohlleben, wir mochten auch die Beate Zschäpe. Sie waren nette, höfliche junge Menschen, leider alle arbeitslos. Sie hatten also alle viel Zeit.
1997 stand dann die nächste Anklage ins Haus. Wir wussten nicht, an welchen Demonstrationen er da teilgenommen hatte, und ich frage mich immer, wer das bezahlt hat, dass sie da hinkommen. Denn er hatte ja ganz wenig Arbeitslosengeld. Später erfuhr ich, das hat der Tino Brandt bezahlt oder der Verfassungsschutz.
Ja, und dann kam diese unselige Garagendurchsuchung. Möchten Sie das auch hören?
Götzl Ja, bitte.
Böhnhardt Es war gegen sieben Uhr, als die Polizei klingelte und klopfte. Es war nicht die erste Durchsuchung, ich ahnte schon, wer es war. Sie hatten einen Durchsuchungsbefehl für die Wohnung und die Garage.
Sie haben unsere Garage durchsucht, und ich sagte zu Uwe laut: Pass auf, dass sie nichts finden, was vorher nicht drinnen lag. Ich hatte zu den Polizisten kein Vertrauen. Sie haben auch nichts gefunden und haben die Nebengarage öffnen lassen, vom Schlüsseldienst.
Das, was ich jetzt sage, habe ich erst später durch Uwe erfahren. Er habe gewartet und gewartet, nach zwei Stunden waren sie endlich fertig. Uwe hat die Garage zweimal abgeschlossen und ist in unsere Wohnung gegangen. Er hat seinen Autoschlüssel geholt und ist mitgegangen zu der anderen Garage. Auf dem Weg hat ihm ein Polizist dann zugeraunt: Jetzt bist du fällig, der Haftbefehl ist unterwegs. Da hat sich Uwe umgedreht und ist weggefahren.
Götzl Wussten Sie, wo er sich aufhielt, nachdem er untergetaucht war?
Böhnhardt Nein. Ich habe Frau Mundlos angerufen, ich habe Ralf Wohlleben gefragt, keiner wusste was. Dann kam endlich, endlich, endlich die erlösende Nachricht, ein Zettel im Briefkasten. Wir sollten an einer Telefonzelle warten, wo Uwe dann anrief. Anfangs heulten alle nur. Die Polizei hatte gedroht, dass er auf der Flucht erschossen werden könnte. Deshalb war ich froh, dass er lebt. Er sagte, wir sollten uns keine Sorgen machen, sie seien alle drei zusammen. Wir haben vom ersten Anruf an verlangt, dass sie sich stellen. Er sagte: Nein, Mutti, jetzt nicht.
Im Herbst 1998 hatten wir mehrere Treffen mit einem Rechtsanwalt, der sagte, der Verfassungsschutz sei an ihn herangetreten: Die drei sollten sich stellen. Wir haben uns mit dem Anwalt mehrmals getroffen, in Gaststätten, weil wir vermuteten, dass wir abgehört werden. Es ging um die Bemessung der Strafe. Der Staatsanwalt hatte die irrwitzige Zahl von zehn Jahren genannt, die Uwe drohen. Das kriegt nicht mal ein Kinderschänder, der schon fünf Kinder getötet hat. Dann war es wie beim Sommerschlussverkauf. Es hieß, er bekommt fünf Jahre, wenn sie sich stellen. Und ist dann nach zweieinhalb Jahren raus. Das zog sich bis zum Frühjahr ’99 hin, dann wurde das Angebot plötzlich wieder zurückgezogen. Aus dem LKA hieß es: Wenn wir die aufspüren und die zucken nur, glauben Sie mir, unsere Leute sind schneller mit der Pistole. Die haben uns richtig bedroht.
Götzl Haben Sie Ihrem Sohn von dem Angebot erzählt?
Böhnhardt Ja. Er hat versprochen, dass er mit den anderen spricht. Bereitschaft war aber nur von Beate da und von meinem Uwe. Uwe Mundlos wollte noch nicht.
Götzl Was haben Sie beim ersten Telefonat mit Ihrem Sohn besprochen? Können Sie mir Details erzählen?
Böhnhardt Er hat gefragt, ob wir bedroht werden durch die Behörden. Ich habe ihm nicht alles erzählt, was vorgefallen war, weil ich nicht wollte, dass er sich Sorgen macht. Es kam Persönliches zur Sprache. Mein Sohn hatte Angst vor dem Gefängnis. Er hatte da wohl schlechte Erfahrungen gemacht. Welche genau, hat er mir nie erzählt. Ich habe mir die schlimmsten Dinge vorgestellt. Er hatte gesagt, das ist nicht so. Aber ich hatte keine Ruhe.
Götzl Und deshalb sind die drei geflohen?
Böhnhardt Ja. Ich sagte dann: Aber den anderen wird doch gar nichts vorgeworfen! Er meinte: Nein, aber wir bleiben zusammen, wir sind Freunde.
Götzl Welche Gefängnisstrafen standen denn im Raum?
Böhnhardt Beim ersten Mal ging es um Einbruch und Fahren ohne Führerschein, beim zweiten Mal auch wieder um Fahren ohne Führerschein, vielleicht auch um die Verbreitung verbotener Symbole, aber das können Sie ja aus den Akten ersehen. Beim dritten Mal hat er CDs gehört mit rechter Musik, ich war wütend: Entweder bringst du die wieder weg oder ich mach sie kaputt! Er hat versucht, die zu verkaufen. Das hat man ihm dann angekreidet. Warum ist es erlaubt, die Bücher und CDs herzustellen, aber nicht weiterzuverbreiten, fragte er. Da gab er mir eine kleine Lektion in Warenkunde.
Bei der Verhandlung hatte ich den Eindruck, dass der Staatsanwalt nicht so glücklich war, dass ich dabei war. Ein Jugendrichter warf mir an den Kopf, warum ich den Kerl nicht endlich rausschmeiße. Ich sagte: Glauben Sie, eine Mutter lebt ruhiger, wenn ihr Sohn unter der Brücke schläft? Ich war so wütend.
Götzl Haben Sie gefragt, was bei der Durchsuchungen gefunden wurde?
Böhnhardt Angeblich eine Armbrust. Ich frage mich, wie soll er das verstecken vor mir, in einem Kinderzimmer von drei mal drei Metern? Dann noch drei Dolche. Ich hatte Angst vor scharfen Messern, das hätte mir mein Junge nicht angetan. Ich glaube das einfach nicht, dass sie das gefunden haben wollen. Ich habe kein Vertrauen mehr.
Götzl Haben Sie auch über die Garage von Frau Zschäpe gesprochen, die durchsucht worden war?
Böhnhardt Ich wusste gar nicht, dass Beate noch eine Garage hatte. Erst später hat die Polizei uns gesagt, was man dort gefunden hätte – Sprengstoff. Natürlich habe ich Uwe darauf angesprochen. Er meinte: Mutti, seid doch nicht so naiv. Du weißt doch, wie das ist: Das haben die erst hingelegt und dann gefunden.
Götzl Gehen wir zurück zu den Telefonaten, die Sie mit Ihrem Sohn geführt haben. Was hat er denn gesagt auf Ihre Frage: Was habt ihr vor?
Böhnhardt Er sagte: Wir sind nicht in Deutschland, wir sind im Ausland. Erst wenn es sicher ist, kommen wir zurück. Im Nachhinein ist das für mich natürlich der Super-GAU, dass die nur eineinhalb Autostunden von uns entfernt gewohnt haben.
Götzl Was hat er zu seiner Situation berichtet?
Böhnhardt Ich habe immer gefragt: Junge, von was lebt ihr denn? Wir haben Freunde, die uns unterstützen, sagte er. In der Zeitung habe ich gelesen, dass Sammlungen stattfinden. Ich habe auch gefragt, wie können wir euch denn helfen? Was können wir denn noch machen? Er sagte, ihr könnt nichts machen.
Götzl Dann gab es ja ein zweites Telefonat mit Ihrem Sohn. Worum ging es da?
Böhnhardt Ich habe ihn gefragt, ob Uwe und Beate bereit wären, sich zu stellen. Er sagte mir nur, ich sollte in dieser Angelegenheit auf keinen Fall Kontakt herstellen zu den anderen Eltern. Ich sagte: Aber die leiden doch genauso wie wir. Aber er blieb dabei. Ich habe die Familie Mundlos später mal an einer Tankstelle getroffen. Herr Mundlos war der Meinung, an allem ist unser Sohn schuld. Er habe seinen Sohn reingezogen. Jeder leidet anders, er ist auch ein Vater, der leidet. Aber auch Beate und Uwe Mundlos hätten Nein sagen können. Sie waren alle drei erwachsen. Wenn sie gemeinsam in den Untergrund gegangen sind, dann sind sie auch alle drei verantwortlich.
Götzl Woran hat Herr Mundlos das festgemacht, dass Ihr Sohn schuld war?
Böhnhardt Sein Sohn hatte keinen Grund abzutauchen, aber unser Sohn war vorbestraft. Ich war immer der Meinung: Es sind drei Erwachsene gewesen. Und jeder hatte etwas zu sagen. Wissen Sie, habe ich zu Herrn Mundlos gesagt, unter diesen Bedingungen rede ich nicht mehr mit Ihnen. Dann habe ich mich umgedreht und bin gegangen.
Götzl Erzählen Sie uns von dem ersten Treffen mit Ihrem Sohn im Frühjahr 1999.
Böhnhardt Es war in einem kleinen Park, an der ersten Autobahnabfahrt nach Chemnitz. Die drei waren schon da. Ich war da gerade stinksauer und wütend, dass die Staatsanwaltschaft ihr Angebot zurückgezogen hatte. Uwe sagte, das Angebot sei eh nicht ehrlich gemeint gewesen. Heute sage ich: Wenn der Verfassungsschutz und die Staatsanwaltschaft zu ihrem Wort gestanden hätten, was hätte man da verhindern können!
Götzl Wie haben Sie sich das denn vorgestellt? Dass die Strafen einfach erlassen werden?
Böhnhardt Nein, wir wollten nur, dass die Fahndung ausgesetzt wird. Ich hatte immer die Drohung der Polizei im Kopf: Wenn wir sie finden, dann schießen wir.
Götzl Was haben Sie bei dem Treffen noch gesprochen?
Böhnhardt Das waren private Gespräche.
Götzl Auch die interessieren uns natürlich. Haben sie erzählt, wie sie leben?
Böhnhardt Das hätte uns schon interessiert, aber sie wollten uns keine Einzelheiten mitteilen. Dann kommt ihr nicht in Schwierigkeiten, sagten sie. Sie haben sich erkundigt, was in Jena gebaut wurde, und ob wir noch Arbeit haben. Mein Gott, er hängt immer noch an der Familie, dachte ich. Das hat mich gefreut. Wir haben Bilder von daheim mitgebracht. Sie waren erstaunt, wie sich die Straßenzüge verändert hatten.
Götzl Wie sahen die drei aus?
Böhnhardt Sie hatten sich überhaupt nicht verändert, waren nur etwas älter geworden. Beate war weiterhin eine hübsche junge Frau.




