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Götzl Können Sie uns auch über Herrn Schultz noch mehr berichten? War er ein Freund oder ein Bekannter?
Liebau Wir haben uns nach der Wende kennengelernt, und es ist ’ne Freundschaft draus entstanden. Dann haben wir den Laden zusammen gegründet. Irgendwann hat es sich später zerlaufen.
Götzl Was meinen Sie damit?
Liebau Jeder ist dann seinem eigenen Ding nachgegangen.
Götzl Was war das?
Liebau Er hat dann weiter weg gewohnt. Irgendwann hat er keine Lust mehr gehabt, nach Jena zu fahren. Wir haben uns dann nur noch ganz selten gesehen.
Götzl Was haben Sie dann gemacht?
Liebau Ich habe alleine den Laden weitergemacht.
Götzl Hatten Sie trotzdem weiter Kontakt zu Herrn Schultz?
Liebau Unregelmäßig. Die letzten zwei, drei Jahre habe ich ihn zwei, drei Mal gesehen oder so.
Götzl Wurden von Ihnen oder Herrn Schultz mal irgendwelche Waffen in dem Laden verkauft?
Liebau Keine Ahnung.
Götzl Sind Sie mal angefragt worden?
Liebau Nicht, dass ich wüsste.
Götzl Und bei Ihrem Geschäftspartner Herrn Schultz?
Liebau Von der Polizei habe ich gehört, dass Schultz angeblich mal eine Waffe verkauft hat. Weiß nicht, ob das stimmt.
Götzl Haben Sie mit Herrn Schultz auch darüber gesprochen?
Liebau Das geht mich nichts an.
Götzl Das beantwortet nicht meine Frage. Ob Sie mit ihm darüber gesprochen haben?
Liebau Nein.
Götzl Warum nicht?
Liebau Weil ich es gar nicht wissen wollte.
Götzl Warum nicht?
Liebau Es bringt Probleme mit sich, wenn man zu viel weiß.
Götzl Nun sagen Sie, der Herr Schultz ist Ihr Freund. Und Sie sprechen nicht mit ihm darüber?
Liebau Ja, aber man muss nicht immer alles wissen. Das kann man ja nach dem Prozess dann fragen.
Götzl Kam mal jemand und hat Sie nach einer scharfen Waffe gefragt?
Liebau Es ist zu lange her, ich kann mich nicht daran erinnern. Über Waffen haben wir uns alle unterhalten, wir waren jung, wir quatschten darüber. Was man bei der Bundeswehr so geschossen hat. Wir hatten ja schon als kleine Kinder Umgang mit Waffen gehabt in der DDR.
Götzl Haben Sie, als Sie Herrn Schultz zuletzt getroffen haben, über die Thematik Waffen gesprochen?
Liebau Ich hab ihm gesagt, das soll er allein klären. Ich will es gar nicht wissen.
Götzl Dann muss das ja doch Thema gewesen sein.
Liebau Er hat mir erzählt, dass er nach Karlsruhe musste. Bei der Vernehmung muss er irgendwas zugegeben haben.
Götzl Was hat er zugegeben?
Liebau Dass er angeblich ne Waffe verkauft hat. Er war da auch irgendwie überrumpelt worden. Aber davon weiß ich nichts und will auch gar nichts wissen. (Liebau hat sich breitbeinig in den Stuhl gelegt.)
Götzl (leicht gereizt) Ich würde Sie bitten, sich nicht gar so bequem hinzusetzen. Unverschämt werden müssen Sie hier nicht.
Also, ich will da jetzt Klarheit haben: Was haben Sie über Karlsruhe besprochen? In Karlsruhe kann man viel machen. Weswegen waren Sie in Karlsruhe? Ich muss hier andauernd nachsetzen. Es wäre mir lieber, Sie würden im Zusammenhang erzählen, was Sie von diesem Gespräch in Erinnerung haben. Mir wäre es viel lieber, wenn ich nicht nachfragen müsste. Vielleicht überlegen Sie noch mal kurz!
Liebau Es gibt da nicht viel zu erzählen. Wir haben nie richtig über das Thema intensiv gesprochen. Ich wollte es nicht wissen, was er gemacht hat.
Götzl Vorhin haben Sie gesagt, dass er es zugegeben hat.
Liebau Na, das, was in der Zeitung stand. Dass er eine Waffe verkauft hat. Aber was für eine – da hab ich ihm gleich gesagt, das will ich nicht wissen.
Götzl Die Äußerung, er sei überrumpelt worden – ist die so gefallen von Herrn Schultz?
Liebau Sinngemäß, ja.
Götzl In Bezug worauf?
Liebau Wie ich es gesagt habe: Dass er überrumpelt wurde.
Götzl Von wem?
Liebau Von der Polizei, was weiß ich. Dem ganzen Trubel. Es wurde nicht viel gesprochen, ich wollt’s nicht wissen.
Götzl Kennen Sie Herrn Holger Gerlach?
Liebau Bestimmt, wenn ich ihn sehe. Vom Namen sagt es mir nichts.
Götzl Ist er hier im Saal anwesend?
Liebau Keine Ahnung.
(Holger Gerlach lacht vor sich hin, als Liebau in seine Richtung schaut.)
Götzl Laut Vernehmungsprotokoll haben Sie 2012 ausgesagt, dass Sie Herrn Wohlleben im Jahr 2000 oder später mal gefragt haben, ob es etwas Neues zu den drei Untergetauchten gibt.
Liebau Das kann sein. Das ist schon wieder zwei Jahre her, dass ich da befragt wurde.
Götzl Zwischen 2000 und 2012 sind noch viel mehr Jahre her. Kommt da jetzt ne Erinnerung zurück?
Liebau In dem Laden mag darüber gesprochen worden sein. Aber wer und wann das war, weiß ich nicht mehr. Wobei ich bei der Befragung gar nicht gesagt habe, dass Herr Wohlleben Kontakt zu den dreien hatte. Das wurde von den Ermittlern alles so schön zurechtgelegt und zusammengebastelt. Wie das halt so üblich ist bei den Ermittlern.
Götzl Haben Sie das Vernehmungsprotokoll noch mal angeschaut?
Liebau Ich hab’s überflogen.
Götzl Hat es der Wahrheit entsprochen, was darin stand oder nicht?
Liebau Ich hab’s nicht komplett durchgelesen. Mein Eindruck war: Die haben mich befragt und die Sätze dann zusammengebaut.
Götzl In der Vernehmung haben Sie laut Protokoll auch gesagt, es seien in den Neunzigern öfter Leute gekommen und hätten nach Waffen gefragt. Was sagen Sie dazu?
Liebau Da ging es meistens um Schreckschusswaffen.
Götzl Es würden mich jetzt die andern Fälle interessieren.
Liebau Das waren so Armbrüste und solche Waffen.
Götzl Wie ist das dann abgelaufen?
Liebau Ich habe denen immer gesagt: Das führen wir nicht, das haben wir nicht im Programm.
Götzl Ist es so zutreffend, dass das »Madley« ein Szeneladen für Leute aus der rechten Szene war?
Liebau Kann sein.
Götzl Wie häufig war eigentlich Herr Wohlleben bei Ihnen im Laden?
Liebau Einmal im Jahr vielleicht. Ich weiß es nicht mehr genau, wann und wie.
Götzl Sie haben in der alten Vernehmung angegeben, dass Sie mal zwischen Tür und Angel von Ralf Wohlleben nach einer Waffe gefragt worden sein könnten; und dass Sie ihn dann wahrscheinlich abgewimmelt und an Herrn Schultz verwiesen hätten, das sei Ihr Standardsatz gewesen.
Liebau Ich kann mich nicht erinnern, dass es so ein Gespräch gab. Das haben die Ermittler wohl so vorgelegt.
Götzl Diesen Satz? Haben Sie das nicht gesagt?
Liebau Ich habe gesagt, dass ich mich nicht dran erinnern kann. Was da alles an Worten gefallen ist, weiß ich nicht mehr. Es gab mehrmals solche Situationen, dass ich auf dem Sprung war.
Götzl Das kann ich mir nicht so recht vorstellen, ehrlich gesagt. (Lacht.)
Liebau Die ganzen Sätze, die Sie da vorlesen, wurden zusammengebastelt.
Götzl Dann erklären Sie mir bitte, wie das Protokoll der Vernehmung zustande gekommen ist.
Liebau (schweigt länger) Wie das genau alles zusammengekommen ist … Wenn’s so dasteht, wird’s vielleicht so gewesen sein.
Götzl Wurde das hier frei erfunden von den Beamten, die Sie vernommen haben?
Liebau Frei erfunden nicht. Ich hab irgendwas dazu gesagt, dann haben die die Sätze zusammengebaut.
Götzl Wobei sich dann die Frage stellt, warum Sie das alles abzeichnen.
Liebau Ich wollte einfach raus.
Götzl Haben Sie protestiert?
Liebau Protestiert hab ich nicht.
Anwältin Pinar Wer gehörte bei Eröffnung des Ladens zu Ihrem engsten Freundeskreis?
Liebau Schultz sicher. Ansonsten weiß ich nicht.
Anwältin Pinar Das glaube ich Ihnen nicht.
Liebau Wen haben Sie denn vor zwanzig Jahren als Freund gehabt?
Anwältin Pinar Ich stelle hier die Fragen.
Liebau Es ist lange her.
Anwältin Pinar Hatten Sie eine Clique?
Liebau Nein.
Anwältin Pinar Wie? Sie sind immer zu Hause herumgehangen oder was?
Liebau Nein, mal hier, mal dort.
Anwalt Hoffmann Am 26.10.2000 fand bei Ihnen eine Vernehmung durch den Staatsschutz statt. Auch Ihre Wohnung wurde damals durchsucht und es wurden drei Videos sichergestellt, unter anderem mit dem Titel »Kriegsberichter« Volume 2 und 3. Erinnern Sie sich daran?
Liebau Nein.
Verteidiger Klemke Ich beanstande diese Frage.
Götzl Ich lasse sie zu.
Verteidiger Klemke Aber Herr Vorsitzender …
Bundesanwalt Diemer Der Vorsitzende Richter hat die Frage zugelassen, und damit hat sich’s.
Verteidiger Klemke Damit hat sich’s nicht. Herr Diemer, Sie haben eine seltsame Vorstellung der Strafprozessordnung. Ich beantrage einen Gerichtsbeschluss.
(Nach einer kurzen Pause verkündet Götzl den Gerichtsbeschluss: Die Frage wird zugelassen.)
Anwalt Hoffmann Also: Erinnern Sie sich daran, dass im Jahr 2000 in Ihrer Wohnung mehrere Videos sichergestellt wurden?
Liebau Nein.
Anwalt Hoffmann Erinnern Sie sich an die Hausdurchsuchung?
Liebau Nein, dass es eine gab ja, aber nicht wann.
Anwältin Pinar Ich beantrage die wörtliche Protokollierung der Aussagen des Zeugen wegen des möglichen Straftatbestands der Aussageverweigerung.
(Bundesanwalt Diemer und die Anwälte der Nebenklage schließen sich dem Antrag an.)
Götzl (heiter) Schließt sich irgendjemand nicht an?
Verteidiger Klemke Ich rege an, dem Zeugen einen Zeugenbeistand zu bestellen. Er kann offenbar seine Interessen hier nicht alleine wahren.
Götzl Dann beenden wir die Befragung. Ich würde Sie bitten, nächste Woche erneut hier zu erscheinen, Herr Liebau. Sie sind ja Hausmann und haben Zeit.
(Der nächste Zeuge ist Jürgen Länger. Die Ermittler haben den Verdacht, dass er die Česká Liebaus Partner Schultz verkauft habe, der sie dem Angeklagten Carsten Schultze übergab. Carsten Schultze brachte die Waffe schließlich den NSU-Terroristen.)
Länger (zeigt auf Oberstaatsanwalt Weingarten) Mir wurde gesagt von diesem Mann, dass das, worum es hier geht, irgendwie verjährt sei.
Götzl Es geht darum, ob Sie an Personen im Jahr 1998 bis 2000 Waffen übergeben haben.
Länger Ich weiß, worum es geht. Deswegen wurde bei mir eine Durchsuchung gemacht. Ein Anwalt hat mir gesagt, hier sei gar nichts verjährt, denn hier gehe es um einen Schalldämpfer. Deswegen möchte ich die Aussage verweigern. Ich will eigentlich gar nichts mehr sagen, mir ist das zu viel, ich würde mich nur belasten.
(Der Zeuge wird rausgeschickt. Die Prozessbeteiligten beraten unter sich. Oberstaatsanwalt Weingarten macht deutlich, der etwaige Verkauf der Waffe sei strafrechtlich verjährt, nicht verjährt wäre jedoch Beihilfe zum Mord. Dafür hätte der Zeuge die Empfänger der Waffe kennen müssen. Sollte er nun vor Gericht, um der Wahrheitspflicht zu genügen, bekunden, dass er wusste, wohin die Česká-Pistole geliefert wurde, stünde ihm ein Aussageverweigerungsrecht zu, da er sich nicht selbst belasten müsse. Die Richter ziehen sich zur Beratung zurück. Anschließend verkündet Götzl, man wolle prüfen, ob dem Zeugen ein Rechtsanwalt als Zeugenbeistand beigeordnet werde. Der Zeuge Länger darf gehen.)
Tag 54
12. November 2013
Manfred Götzl, Richter. Bianca K., 27, Wohnmobilhändlerin aus Sachsen, wo das Wohnmobil angemietet wurde, das Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos bei ihrem letzten Banküberfall am 4. November 2011 benutzten. Alexander H., 35, KFZ-Meister aus Chemnitz. Bei ihm mieteten die Untergetauchten mit den Personalien von Holger Gerlach wiederholt Wohnmobile an. Silvia S., 33, Bekannte von Holger Gerlach. Sie sagte auch an Tag 72 aus. Olaf Klemke, Verteidiger von Ralf Wohlleben. Bernd Behnke, Alexander Hoffmann, Edith Lunnebach, Yavuz Narin, Gül Pinar, Anwälte der Nebenklage.
Bianca K. Als das Fahrzeug abgeholt wurde, habe ich nur flüchtig die Kunden gesehen. Die Frau stand mit dem Rücken zu mir. Es war ein Kind mit. Das Kind war in dem kleinen Wohnwagen im Geschäft zum Spielen. Da war das Kind drin. Ich hab’s gehört.
Götzl Bei der Polizei sollen Sie gesagt haben: ein Mädchen, vielleicht sieben oder acht Jahre, etwa 1,20 Meter groß?
Bianca K. Das weiß ich nicht mehr. Vielleicht hatte mir das die Kollegin gesagt.
Götzl Erinnern Sie sich an die Frau?
Bianca K. Die Frau hatte lange dunkle Haare, schlank, normale Figur. Der Mann hatte einen kurzen Haarschnitt, den haben viele.
Anwalt Behnke Hat sie das Gesicht bewusst abgewandt?
Bianca K. Nein, sie hat Reiseführer angeschaut.
(Der nächste Zeuge ist Alexander H. aus Chemnitz. In den Jahren 2000 bis 2007 hat das Trio insgesamt 14 Wohnmobile bei ihm gemietet.)
Alexander H. Die Anmietung der Wohnmobile erfolgte immer durch einen Mann unter dem Namen Holger Gerlach; der war auch immer allein da. Ich wusste nix über den. Er hatte kurze Haare.
Götzl Was hat er beruflich gemacht?
Alexander H. Das hat mich nicht interessiert.
Götzl Wissen Sie etwas über eine Anmietung durch einen Herrn Eminger im Jahr 2000? (Er zeigt dem Zeugen einen Mietvertrag.)
Alexander H. Den Vertrag hat meine Mutter ausgefüllt.
Anwältin Lunnebach Erkennen Sie unter den Nicht-Robenträgern hier jemanden?
Alexander H. Nein.
Anwältin Lunnebach Schauen Sie sich in der ersten Bank die dritte Person von links an, das ist der Herr Eminger – können Sie sich an den erinnern?
Alexander H. Nein. Ich kenne den Namen nur aus dem Prozess hier.
Anwalt Narin Wie ist Ihre politische Gesinnung, Herr Zeuge?
Alexander H. Da gibt’s nichts. Wie darf ich das verstehen?
Anwalt Narin Würden Sie sich als rechts gesinnt bezeichnen?
Alexander H. Nein.
Anwalt Narin National gesinnt?
Alexander H. Nein.
Anwalt Narin Könnten Sie mir die Kennzeichen Ihres Autos und Ihres Motorrads nennen?
Alexander H. AH – 28 – und AH 144. AH, das sind meine Initialen. Ich habe mir damals keine Gedanken gemacht und weiß nicht, ob jeder verdächtig ist, der AH im Kennzeichen hat.
Anwalt Narin Und die Zahl 28 bringen Sie mit nichts in Verbindung?
(Anwalt Narin spielt darauf an, dass in der rechten Szene 28 für Blood and Honour steht.)
Alexander H. Nein.
Anwalt Narin Wo waren Sie am 25. April 2007, als in Heilbronn der Mordanschlag auf die Polizistin Michèle Kiesewetter und ihren Kollegen Martin A. verübt wurde?
Alexander H. Weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich in dieser Zeit in der Nähe von Heilbronn ein gebrauchtes Wohnmobil angeschaut habe. Ich war wohl mit meinem VW-Transporter unterwegs. Mein Vater war damals mit dabei.
Anwalt Behnke Wo haben Sie das Fahrzeug angesehen?
Alexander H. In einem abgelegenen Gewerbegebiet muss das gewesen sein. Mein Vater war damals mit dabei bei der Fahrt nach Heilbronn.
Anwalt Behnke Gibt es das Fahrzeug noch?
Alexander H. Es ist verunfallt.
Anwalt Behnke Wann haben Sie von dem Mord an Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter das erste Mal erfahren?
Alexander H. Vielleicht im Radio, ich weiß es nicht mehr. Es ist zu lange her.
Anwalt Behnke Wie können Sie an einem solchen Tag vergessen, wo Sie waren? Ich glaube Ihnen das nicht.
Verteidiger Klemke Ich beanstande die Frage, sie ist ungeeignet.
Götzl Das ist ja keine Frage, sondern eine Feststellung.
Anwalt Behnke Erinnern Sie sich an Ihre eigenen anwaltschaftlichen Pflichten, Herr Klemke. Sie haben schon des Öfteren dagegen verstoßen.
Verteidiger Klemke Ich möchte mich dagegen verwahren, dass mir jemand einen Verstoß gegen meine anwaltschaftlichen Pflichten vorwirft. Wo gibt’s denn so was?
Anwalt Behnke Hier.
(Die nächste Zeugin ist Silvia S. Es geht um eine AOK-Karte, die sie an Holger Gerlach verkauft hat. Der hat sie an Beate Zschäpe weitergegeben.)
Silvia S. Ich und mein Mann waren bei Holger zu Besuch. Wir haben etwas getrunken und irgendwann fragte er nach meiner AOK-Karte. Er hat mir 300 Euro angeboten. Ich hab das nicht hinterfragt, für was er die Karte braucht. Ich habe die Karte dann als verloren gemeldet, daraufhin habe ich eine neue bekommen.
Götzl Wann war das ungefähr?
Silvia S. Weiß ich nicht.
Götzl Sie werden sich doch noch erinnern können.
Silvia S. Das liegt schon eine Weile zurück, 2006 oder 2007.
Götzl Wie kamen Sie denn im Gespräch auf die Karte?
Silvia S. Es war einfach nur so ein Gerede. Wer irgendeine Karte hat. Ich habe nur das Geld gesehen. Ich bin eine arme Friseurin und Punkt.
Götzl Warum haben Sie es nicht hinterfragt?
Silvia S. Weil es mich nicht interessiert hat in dem Moment.
Götzl Was haben Sie sich denn vorgestellt?
Silvia S. Gar nichts.
Götzl Klingt nicht plausibel.
Silvia S. Ich sage die Wahrheit. Ich habe mir wirklich keine Gedanken in dem Moment gemacht. Die Karte wäre ohnehin irgendwann ausgelaufen. Ich hätte das nie gedacht, was dann damit passiert ist.
Götzl Sie fragen nichts. Sie denken nichts dazu. Ich habe Schwierigkeiten damit.
Silvia S. Ich hätte doch niemals meine Karte gegeben, wenn ich das gewusst hätte. Ich hatte wirklich keine Vorstellung an diesem Abend.
Götzl Und dann?
Silvia S. Wie und dann?
Götzl Wie ging’s dann weiter?
Silvia S. Eine Woche später habe ich die Karte als verloren gemeldet.
Götzl Wie ging’s dann weiter?
Silvia S. Ganz normal. Wie gesagt, ich habe mir nicht groß Gedanken gemacht. Ich habe mein Leben weiter gelebt. Ich habe die 300 Euro bekommen, Holger hatte das Geld an diesem Abend ja bei sich.
Götzl Irgendwelche Vorstellungen werden Sie sich doch gemacht haben. Ist doch eine Frage, die man sich stellt, warum Holger Gerlach 300 Euro für eine AOK-Karte bezahlt.
Silvia S. Ich habe mir aber keine Vorstellungen gemacht. Was kann ich tun, dass Sie mir glauben? Ich habe in dem Moment wirklich nur das Geld gesehen.
Götzl Dann taucht doch erst recht die Frage auf: Warum ist das Herrn Gerlach so viel Geld wert?
Silvia S. Wie gesagt, ich habe mir dummerweise keinen Kopf gemacht, was mit dieser Karte passieren könnte.
Götzl Was hat Ihr Mann denn gesagt in dieser Situation?
Silvia S. Er hat nichts gesagt.
Götzl Stellen Sie sich mal die Situation vor, wie Sie mir diese darstellen. Da wurde nichts gesprochen, 300 Euro wurden überreicht …
Silvia S. Ich hab die 300 Euro gesehen, und fertig ist die Kiste für mich gewesen.
Götzl Ich habe das Gefühl, dass Sie meine Fragen nicht beantworten wollen.
Silvia S. Sie müssen entschuldigen, dass ich mich nicht richtig ausdrücken kann. Ich bin ein wenig durch den Wind. Mein Kopf ist wie leer.
Götzl Den Eindruck habe ich nicht, Sie sprechen ja und stellen Gegenfragen. Sie können sicher sein, dass ich Sie nicht entlasse, bis ich auch Ihren Mann gefragt habe. Da will ich erfahren, was da los ist.
Silvia S. Da ist nichts los, ich verberge auch nichts.
Götzl Wir werden Sie wohl erneut laden müssen, Frau S. Der Termin wird Ihnen dann noch mitgeteilt.
Anwalt Hoffmann Ich bin dagegen, dass man die Zeugin jetzt schon wieder gehen lässt.
Anwältin Pinar Aus meiner Sicht grenzt das Verhalten der Zeugin an Aussageverweigerung. Es gibt Räumlichkeiten, die die Zeugen in die Lage versetzen, sich zu erinnern. (Anwältin Pinar spielt auf die Arrestzellen im Untergeschoss des Gerichts an.) Ich meine, dass sich die Beteiligten des Verfahrens das hier nicht gefallen lassen können.
Götzl Dann machen wir erst mal fünf Minuten Pause.
(Von der Zuschauertribüne ruft jemand laut: »Nein!« Götzl schaut verdutzt nach oben.)
Anwalt Behnke Ich würde anregen, dass der Herr Vorsitzende mit solchen Zeugen nicht nachsichtiger sein möge als zum Beispiel mit den Vertretern der Nebenklage.
Götzl Ihren Vorwurf kann ich jetzt nicht ganz nachvollziehen.
Anwalt Behnke Sie dürften ruhig etwas strenger sein, Herr Vorsitzender.
Götzl Mit wem?
Anwalt Behnke Mit mir nicht, mit den Zeugen.
Götzl Ich bitte um klare Worte. Dass Sie das nicht einfach in den Raum stellen. Ich verhandle nach der Strafprozessordnung, sehr sachlich. Ich kann Ihren Vorwurf nicht ganz nachvollziehen.
Anwältin Lunnebach Wenn man zu ungeduldig ist, öffnet sich die Zeugin gar nicht. Ich halte es nicht für sinnvoll, den Richter an diesem Punkt zu kritisieren. Er hat da eine Geduld aufgebracht, die ich nicht gehabt hätte.
Götzl Jetzt machen wir aber fünf Minuten Pause.
(Nach der Pause wird die Befragung der Zeugin fortgesetzt.)
Götzl Wissen Sie, was die Vorwürfe gegen Herrn Gerlach sind?
Silvia S. Dass er Mittäter ist.
Götzl Wobei?
Silvia S. Mit dem Wohnmobil, das er den dreien wohl besorgt hat.
Götzl Was hat er dazu gesagt?
Silvia S. Dass er sich das nicht hätte vorstellen können, dass die zu so was überhaupt fähig sind.
Götzl Haben Sie denn früher mal, 2011 oder früher, über Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe und Uwe Mundlos gesprochen mit Herrn Gerlach?
Silvia S. Ja, über das, was in den Medien stand halt. Ich kenne die ja gar nicht.
Götzl Was ist denn gesprochen worden?
Silvia S. Er hat sich tausendmal dafür entschuldigt, dass er mich in so ne Situation gebracht hat.
Götzl Trifft es zu, dass sich Ihr Mann mal in der Skinheadszene bewegt hat?
Silvia S. Das muss vor meiner Zeit gewesen sein.
Anwalt Hoffmann Wie sah Ihr Mann aus, als Sie ihn kennenlernten?
Silvia S. Wie soll er ausgesehen haben? Er hatte ganz normale Klamotten an, war tätowiert und hatte drei Millimeter kurz rasierte Haare.
Anwalt Hoffmann Was für Tattoos hat er denn?
Silvia S. Auf seinem Bauch steht »Skinhead« drauf. Soll ich das da rausschneiden jetzt? Ich akzeptiere meinen Mann, wie er ist.
Götzl Haben Sie sich eigentlich nie gefragt, wie Ihr Name und Ihre Adresse auf die Ausweise und den Brillenpass von Frau Zschäpe kamen?
Silvia S. Doch. Natürlich find ich’s komisch.
Götzl Haben Sie mit Ihrem Mann in letzter Zeit noch mal über die AOK-Karte diskutiert?
Silvia S. Nein.
Götzl Haben Sie nicht doch irgendwann mit ihm darüber geredet?
Silvia S. Ja, kann sein.
Götzl Ja, was jetzt?
Silvia S. Ich weiß es nicht. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, wir hatten eine lange Fahrt hierher.
Götzl Hier haben viele eine lange Fahrt. (Richtet sich an Holger Gerlach und seine Anwälte.) Vielleicht wäre es auch an Ihrem Mandanten, da mal was zu sagen. Sie haben sich zurückgelehnt und waren ganz entspannt während dieser Aussage, Herr Gerlach. Vielleicht reden Sie noch mal was.
Tag 55
13. November 2013
Manfred Götzl, Richter. Andreas Schultz, 40, ehemaliger Mitarbeiter des rechten Szene-Geschäfts Madley in Jena. Er hat bei der Polizei gestanden, die Pistole des Typs Česká verkauft zu haben, die spätere Mordwaffe des NSU. Er trat auch an Tag 79 auf.
Götzl Ich weise Sie darauf hin, dass bei einer Aussage für Sie Verfolgungsgefahr besteht. Zu denken wäre an Beihilfe zum Mord. Deshalb steht Ihnen ein umfassendes Auskunftsverweigerungsrecht zu. Es wurde bisher kein Verfahren gegen Sie eingeleitet, aber die Möglichkeit besteht.
Schultz Da würde ich mich doch erst mal mit meinem Anwalt unterhalten wollen, bevor ich mich selber reinreite.
Götzl Wer ist Ihr Anwalt?
Schultz Ich hab noch keinen.
Götzl Kennen Sie denn einen Rechtsanwalt oder wollen Sie irgendjemand nennen?
Schultz Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich würde mich direkt kümmern.
Götzl Dann unterbrechen wir jetzt die Einvernahme, und Sie, Herr Schultz, sind aufgefordert, uns bis Montag einen Rechtsanwalt zu nennen, der sie vertritt.




