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Götzl Wie war das Verhältnis der drei Personen untereinander?
Christian M. Sie wirkten wie drei Freunde, die zusammen in den Urlaub gefahren sind. Wir waren auch der Meinung, dass sie unterschiedliche Wohnungen hätten. Das Verhältnis war eher freundschaftlich. Sie hatten erzählt, dass sie sich seit ihrer Jugend kennen.
Götzl War erkennbar, ob ein näheres Verhältnis zwischen zweien bestand?
Christian M. Es war überhaupt nicht erkennbar. Die waren zu dritt so ein Team halt.
Götzl Wie ist Frau Zschäpe mit den Männern umgegangen?
Christian M. Freundlich. Ich hab da keinen Streit erlebt, aber auch keine Berührungen wahrgenommen.
Einen Partner hatten sie unseres Wissens nach nicht. Von Mundlos wussten wir, dass der Vater Professor und sein Bruder behindert war. Frau Zschäpe wurde uns als Liese Eminger vorgestellt. Den Nachnamen von Max weiß ich gar nicht mehr. Und Gerry sollte von seinem Nachnamen kommen, Gerlach oder Gerland, eigentlich soll er Holger geheißen haben. So wurde uns das gesagt. Wir waren wirklich geschockt, wie wenig wir wirklich wussten über die drei. Das war wirklich kaum zu begreifen.
Götzl War das Thema »Ausländer« denn mal ein Thema gewesen?
Christian M. Nein, nie, überhaupt nicht.
Götzl Was haben Sie noch in Erinnerung?
Christian M. Na ja, Frau Zschäpe sah damals ähnlich aus wie heute. Uwe Böhnhardt hatte schon was Gruseliges als Tattoo: einen Stahlhelm und einen Totenkopf. Er sagte, das seien Jugendsünden. Aber der Umgang mit ihnen war freundlich. Wir haben sogar mal zu Hause ein Paket von ihnen bekommen mit Thüringer Würstchen. Weil wir mal gemeinsam gegrillt hatten. Die waren lecker.
Das Paket kam aber ohne Absender; wir hatten die Adresse des Trios auch nicht. Wir haben uns oft mit Liese über die DDR-Zeit unterhalten. Sie sagte, sie sei gemeinsam mit Max in der Schule gewesen.
Götzl Wurde Alkohol getrunken?
Christian M. Max und Gerry haben keinen oder kaum Alkohol getrunken, Liese schon mal einen Wein.
Götzl In der polizeilichen Vernehmung haben Sie gesagt, Liese habe das Geld verwaltet.
Christian M. Das weiß ich jetzt gar nicht mehr so genau. Ich kann mich nur erinnern, dass sie immer bar bezahlt haben. Und ich weiß noch, dass Max mal ein Surfbrett und ein Segel in bar bezahlt hat. 600 und 300 Euro. Das hat mich gewundert. So viel Bargeld hätte ich nie dabei, das hätte ich immer mit Karte bezahlt.
Anwältin Başay Wer von den dreien ist denn das Auto gefahren?
Christian M. Der Gerry, immer.
Anwältin Başay Sind Sie da mal mitgefahren? Und ist Ihnen dabei was aufgefallen?
Christian M. Er ist immer sehr vorsichtig gefahren. Auf gar keinen Fall zu schnell. Er hat gesagt, als Berufskraftfahrer will er nicht, dass sie seinen Führerschein kassieren.
(Nächste Zeugin ist seine Ehefrau, Karin M.)
Karin M. Es war eine lockere Bekanntschaft. Sie haben uns angesprochen. Wir haben mit ihnen gegrillt, Badminton am Strand gespielt oder sind gemeinsam einkaufen im Aldi gegangen. Frau Zschäpe war immer die Hauswirtschaftlerin. Sie hat Salat geschnippelt, Schaschlik gesteckt. Max war der sportliche Typ, Gerry der handwerkliche; er hat auch das Grillen übernommen. Sie hat die Jungs bemuttert. Und das Geld hat sie auch verwaltet, das war ganz klar. Ganz zu Anfang haben sie uns erzählt, dass alle in eine Urlaubskasse einzahlen und Frau Zschäpe das Geld verwaltet. Die Geldbörse war eigentlich immer reichlich gefüllt.
(Es folgt Ursula S., die mit ihrer Familie im Urlaub ebenfalls neben Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos kampiert hatte.)
Ursula S. Wir haben die drei 2007 im Urlaub auf Fehmarn kennengelernt. Sie haben gefragt, ob wir mit ihnen Doppelkopf spielen, was wir dann auch gemacht haben. (Bis 2011 hat Familie S. dann jedes Jahr zusammen mit Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt Urlaub gemacht.) Sie haben uns auch drei, vier Mal zu Hause besucht. Im August 2009 waren sie beim 17. Geburtstag unserer älteren Tochter mit dabei. Da haben sie auch bei uns übernachtet. Liese bei unserer jüngeren Tochter im Zimmer, die beiden Männer im Keller. Die drei waren sehr freundlich, sehr sympathisch. Den meisten Kontakt hatte ich zu Liese. Wir haben im Urlaub auch mal was alleine gemacht. Max hat sehr, sehr, sehr viel Sport gemacht und sich mit Computerzeitschriften und seinem Laptop beschäftigt. Gerry war eher ruhig, introvertiert, eher handwerklich aktiv. Er fuhr gerne mit seinem Paddelboot allein aufs Meer raus, teilweise über Stunden. Da war die Sorge von Liese, dass er heil zurückkommt, immer sehr groß. Sie haben viel mit unseren Kindern unternommen. Gerade Liese hat sich sehr viel mit unseren Töchtern unterhalten. Über Schule und übers Erwachsenwerden. Die drei machten untereinander einen sehr harmonischen Eindruck. Ich hatte eher den Eindruck, dass Liese und Gerry ein innigeres Verhältnis hatten. Aufgrund ihres Austauschs von Berührungen. Liese hatte ein Portemonnaie mit vielen Scheinen. Ich habe keinmal gesehen, dass die Männer bezahlt haben. Wenn wir zusammen waren, hat sie immer für die drei bezahlt. Über Politik haben wir fast gar nicht gesprochen. Einmal hat Max erzählt, dass er früher in der DDR viel Blödsinn gemacht hat und deshalb nicht studieren konnte.
(Der nächste Zeuge ist Wolfgang S., ihr Ehemann.)
Wolfgang S. Wir haben ihnen vertraut. Ich konnte das gar nicht fassen, als wir das im November 2011 mitbekommen haben. Ich war wirklich erschüttert. (Er berichtet von den Besuchen der drei bei ihnen in Niedersachsen.) Im Februar 2011 sind sie völlig überraschend vorbeigekommen. Sie sagten, sie würden eher an die Ostsee fahren und noch einen Freund in Hannover abholen. Wir haben ihnen so sehr vertraut, dass wir die Kinder mit Gerry im Motorboot fahren ließen. Die drei hatten einen sehr engen Kontakt zu unseren Töchtern. Sie haben immer »Siedler von Catan« gespielt. Unsere ältere Tochter war wegen der ganzen Sache einige Male zur psychologischen Beratung. Sie macht sich Vorwürfe, ob man irgendwas hätte merken können. Unsere jüngere Tochter mag da gar nicht drüber reden. Wir wurden da schwer enttäuscht und getäuscht auch. Rückblickend muss man sagen, das war ein tolles Schauspiel. Die drei haben das gut inszeniert.
(Wolfgang S. verlässt den Saal. Zschäpes Verteidiger Stahl gibt eine Erklärung ab.)
Verteidiger Stahl Der Generalbundesanwalt gründet den Vorwurf, dass Frau Zschäpe die Aufgabe zugekommen sein soll, die Tatbeute zu verwalten und die finanziellen Verpflichtungen nach außen zu regeln, im erheblichen Maße auf die Angaben der Urlaubsbekanntschaften. Die Befragungen heute haben ergeben, dass es um den Einkauf von Lebensmitteln und um das Bezahlen gemeinsamer Essen aus der Urlaubskasse ging. Zschäpe hat also wohl die Urlaubskasse verwaltet. Aber tragfähige Schlüsse auf eine Verwaltung der Tatbeute lassen sich daraus nicht ziehen. Nach Aussagen der Zeugen trugen auch die anderen beiden große Mengen Bargeld bei sich, das zeigt das Einzahlen in die gemeinsame Kasse und der Kauf eines Surfbretts, eines Segels und eines Schlauchbootes.
Tag 61
27. November 2013
Manfred Götzl, Richter. Stefan Apel, 39, Beate Zschäpes Cousin. Er sagte auch an Tag 62 aus. Annerose Zschäpe, 61, Mutter von Beate Zschäpe. Edith Lunnebach, Mustafa Kaplan, Anwälte der Nebenklage.
Götzl Herr Apel, sind Sie verwandt oder verschwägert mit den Angeklagten?
Apel Ja, mit einer. Mit meiner Cousine.
Götzl Berichten Sie uns, wie Sie aufgewachsen sind. Wie waren die familiären Verhältnisse? Wie war das Verhältnis zu Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos?
Apel Wir sind zusammen aufgewachsen, Beate und ich, wie in normalen Familien auch. Beate war dann mehr bei unseren Großeltern gewesen, als sie mit Uwe Mundlos zusammen war. Mit meiner Tante hatte sie sich ein bisschen zerstritten. Was direkt da los war, weiß ich nicht.
Götzl Wo sind Sie aufgewachsen? Wo ist Frau Zschäpe aufgewachsen?
Apel Ich bin bei meinen Eltern aufgewachsen und sie bei ihrer Mutter. Wir haben in Jena-Nord gewohnt, und sie hat in Jena-Winzerla gewohnt.
Götzl Erläutern Sie uns die familiären Verhältnisse.
Apel Frau Zschäpes Mutter ist die Schwester meines Vaters.
Götzl Wie war das Verhältnis von Beate Zschäpe zu ihrer Mutter in der Kindheit?
Apel Weiß ich nicht, die Großmutter hat sie immer vom Kindergarten abgeholt. Ich war selber Kind, wie soll ich das beurteilen?
Götzl Wie hat denn der Kontakt zu Beate Zschäpe ausgesehen über die Zeit?
Apel In der Kindheit haben wir viel Zeit miteinander verbracht, später habe ich sie nur noch ab und zu getroffen, bei den Großeltern oder mal im Jugendklub.
Götzl Beschreiben Sie uns Ihre Cousine doch mal von ihrer Art her.
Apel Sie war ein lustiger Mensch, eigentlich immer. Zur Familie war sie immer lieb, nett, sympathisch. Also zu uns, meine ich. Mit ihrer Mutter hatte sie sich ja dann irgendwann zerstritten. Wieso, weshalb, warum, weiß ich nicht. Hat mich eigentlich auch nicht interessiert.
Götzl Wann haben Sie Herrn Mundlos und Herrn Böhnhardt kennengelernt?
Apel Mundlos habe ich nach der Wendezeit kennengelernt. Und Böhnhardt im Berufsvorbereitungsjahr. Er war noch relativ jung. Ich selbst war da so 22. In der Pause haben wir uns an der Kaufhalle getroffen, da war auch Mundlos. So haben die sich damals kennengelernt.
Götzl Welches Leben haben Sie geführt?
Apel Ich hab ein Lotterleben geführt, ich hab gesoffen.
Götzl Habe ich Sie richtig verstanden, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos haben sich über Sie kennengelernt?
Apel Ja, ich kannte Böhnhardt aus der Schule, und Mundlos wohnte um die Ecke. Wir haben uns im Jugendklub oder bei irgendeiner Party im Wald kennengelernt. Wir waren halt ’ne große Gruppe. Beate war mit Mundlos und Böhnhardt jeweils mal liiert. Später hatte ich kaum noch Kontakt zu denen, weil Mundlos mit meiner Lebenseinstellung nicht einverstanden war. Er hat mich als Assi betitelt.
Götzl Wie lief ihr Leben …
Apel Wir waren halt ’ne große Gruppe. Sie war mit Mundlos und Böhnhardt liiert.
Götzl Wie lief Ihr Leben damals ab?
Apel Unkontrolliert. Mit Saufen, Party, Spaß. Gearbeitet habe ich kaum.
Götzl Hatten Sie auch Kontakt zur rechten Szene?
Apel Wir waren nicht direkt integriert, aber rechtsgerichtet auf jeden Fall: gegen den Staat, gegen Ausländer, gegen Linke, gegen alles.
Götzl Wie hat Uwe Mundlos gelebt?
Apel Am Anfang hat er Party gemacht, dann hat er sich nach oben gesteigert.
Götzl Was meinen Sie damit?
Apel Er ist zu Demos gefahren, Parteiveranstaltungen oder Kameradschaftstreffen.
Götzl Wie war die Lebenseinstellung bei Ihrer Cousine, bei Uwe Böhnhardt?
Apel Wir haben uns nie über Politik unterhalten. Die anderen zwei – hat jeder gewusst – konnten sich ganz schön reinsteigern in solche Sachen.
Götzl Was meinen Sie damit?
Apel Sie haben zum Beispiel keinen Alkohol mehr getrunken. Die waren halt rechts. Mundlos hat einer Zigeunerin einmal ein Stück Kuchen an den Kopf geworfen.
Götzl Gab es weitere Vorfälle?
Apel Böhnhardt war ein Waffennarr, er hat immer Schreckschusspistolen getragen. Das war halt sein Spleen. Auch die Armbrust, die bei Beate gefunden wurde, war seine. Das hat sie mir gesagt.
Götzl Versuchen Sie, Ihre Cousine ein wenig zu beschreiben.
Apel Sie hat sich von niemandem etwas aufzwingen lassen. Wenn jemand zu ihr frech geworden ist, dann hat sie zu ihm schon gesagt: Jetzt sei mal ruhig. Sie war kein Mädchen, das sich das gefallen lassen hat. Sie war gesellig, hat viel gelacht und ist auch auf Leute zugegangen. Sie ist gerne auf Partys gegangen. Da hat Beate nur Frauengetränke getrunken – Wein und Sekt. Beate hatte immer mehr Männerfreundschaften. Sie war robuster im Umgang als normale Frauen.
Götzl Was meinen Sie damit?
Apel Sie war ein offener und selbstbewusster Mensch. Sie hat auch mal gesagt, wo es langgeht und kein Blatt vor den Mund genommen.
Götzl Laut Vernehmungsprotokoll haben Sie auf die Frage, was für ein Verhältnis die drei untereinander hatten, gesagt: Sie hatte die Jungs im Griff.
Apel Ja, sie hat sich nichts gefallen lassen. Sie war kein kleines Mauerblümchen.
Götzl Was machen Sie heute?
Apel Ich lebe seit acht Jahren auf Mallorca. Und davor war ich auch schon völlig raus aus der Skinheadszene.
Götzl Hatten Sie früher auch Kontakt zu dem Laden Madley in Jena?
Apel Ja, da haben wir früher immer unsere Sachen gekauft. CDs, Schuhe, Stiefel.
Götzl CDs mit welchem Inhalt?
Apel Mit rechtem Inhalt.
Götzl Konnte man da auch Waffen kaufen?
Apel Nicht, dass ich wüsste.
(Die Befragung von Stefan Apel wird unterbrochen. Nach der Mittagspause nimmt Zschäpes Mutter, Annerose Zschäpe, am Zeugentisch Platz, eine große, schlanke Frau. Sie setzt sich ihre Brille auf und sagt, dass sie 61 Jahre alt ist und zurzeit zu Hause ihre Mutter pflegt. Viel mehr sagt sie nicht.)
Götzl Als Mutter der Angeklagten haben Sie ein Zeugnisverweigerungsrecht. Wollen Sie Angaben machen?
Annerose Zschäpe Nein.
Götzl Sind Sie damit einverstanden, dass Ihre polizeiliche Vernehmung eingeführt wird?
Annerose Zschäpe Nein. (Sie schaut ihre Tochter an. Beate Zschäpe weicht ihrem Blick aus. Annerose Zschäpe verlässt den Gerichtssaal. Die Befragung von Stefan Apel wird fortgesetzt.)
Götzl Kannte Ihre Großmutter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt?
Apel Ja, die haben ihr auch hin und wieder geholfen, Einkaufen und solche Dinge.
Götzl Wusste die Großmutter über die politische Einstellung von Beate Zschäpe Bescheid?
Apel Nein, gar nicht.
Götzl Als die drei verschwunden waren, hat die Großmutter da nachgefragt?
Apel Sie hat sich Sorgen um ihre Enkeltochter gemacht und gefragt, ob sie noch lebt.
Götzl Wer waren die engsten Freunde?
Apel Ralf Wohlleben, André Kapke.
Götzl Gab es Versuche von seiten der Großmutter oder von Ihnen, Kontakt mit den dreien aufzunehmen?
Apel Nein.
Götzl Warum nicht?
Apel Wenn die untertauchen, wäre das doch unlogisch, wenn sie mir das verraten, wo sie sind.
Götzl Wie hat die Großmutter auf das Verschwinden ihrer Enkelin reagiert?
Apel Sie hat jeden Tag gehofft, dass ein Lebenszeichen kommt. Sie hat die ganzen Jahre gehofft.
Götzl Wie alt ist Ihre Oma eigentlich inzwischen?
Apel Sie wird am 5. Dezember 90 Jahre alt. Sie kann nicht laufen und hat eine Herz-OP gehabt. Und ihr Gedächtnis lässt nach.
Anwalt Kaplan Was hatten Sie eigentlich gegen den Staat?
Apel Wir waren frustriert und haben uns gegen alles gewandt. Dass der Staat alles zulässt, die Ausländer und so. Und wir hängen auf der Straße herum.
Anwalt Kaplan Wie viele Ausländer kannten Sie damals?
Apel Keine.
Anwalt Kaplan Welche Vorteile haben die Ausländer genossen vom Staat?
Apel Wir waren der Meinung, dass sie Geld und Wohnungen vom Staat bekommen und nichts dafür tun müssen.
Anwalt Kaplan Wie kamen Sie zu der Meinung?
Apel Das haben wir uns so gedacht.
Anwalt Kaplan Wie war das, als Uwe Mundlos eine Roma angegriffen hat?
Apel Die Frau saß auf dem Boden vor einer Bäckerei. Da ist er reingegangen, hat ein Stück Kuchen geholt und hat den Kuchen auf sie draufgeworfen.
Anwalt Kaplan Haben Sie gefragt, warum?
Apel Nee, wir haben gelacht. Warum sollte ich da noch fragen?
Anwältin Lunnebach Können Sie heute davon leben, von der Arbeit in Spanien?
Apel Mal mehr, mal weniger.
Anwältin Lunnebach Sie sind Ausländer in Spanien. Haben Sie das Gefühl, dass Sie den Spaniern Arbeitsplätze wegnehmen?
(Oberstaatsanwalt Weingarten beanstandet die Frage. Richter Götzl hält sie aber für zulässig.)
Anwältin Lunnebach Herr Zeuge, nehmen Sie Spaniern Arbeitsplätze weg?
Apel Ich glaube nicht, für mich arbeiten manchmal auch Spanier.
Tag 62
28. November 2013
Stefan Apel, Zschäpes Cousin. Er sagte bereits an Tag 61 aus. Nicole Schneiders, Verteidigerin von Ralf Wohlleben. Alexander Hoffmann, Yavuz Narin, Sebastian Scharmer, Anwälte der Nebenklage.
(Anwalt Hoffmann lässt Farbfotos zeigen von einer Kreuzverbrennung, die Mitte der 1990er-Jahre in der Nähe von Jena stattgefunden haben soll. Er fragt den Zeugen, ob er jemanden auf den Fotos erkenne.)
Apel Ich sehe Ralf Wohlleben, André Kapke, Uwe Böhnhardt, Holger Gerlach …
(Er nennt noch weitere Namen.)
Anwalt Hoffmann Einige Personen zeigen den Hitlergruß beziehungsweise den Kühnengruß.
Apel Ja, das war halt so.
Anwalt Scharmer Hatten Sie, Herr Kapke oder Herr Wohlleben eigentlich privat Kontakt zu Polizeibeamten?
Apel Ich war mal im Angelverein des Polizeisportvereins gewesen. Da war ich aber nicht mehr in der rechten Szene. Ganz früher war die Polizei aber durchaus mein Feindbild. Alle waren damals gegen die Polizei.
Anwalt Narin Wie ist eigentlich Ihre politische Einstellung heute?
Apel Normal.
Anwalt Narin Sie haben auf Facebook ein Bild gepostet mit dem Spruch »Geld für die Oma statt für Sinti und Roma« und außerdem: »Deutsch sein ist kein Verbrechen«.
Apel Das kann sein. Da ist ja nichts Schlimmes dabei. Das ist nur symbolisch.
Anwalt Narin Was verbinden Sie denn mit solchen Sprüchen?
Apel Weiß ich nicht, das hat mir einer weitergeleitet.
Verteidigerin Schneiders Gab es Erlebnisse mit der Polizei, mit den Linken, die Sie in Ihrer Haltung bestärkt haben, gegen den Staat zu sein?
Apel Mit den Linken gab es immer Probleme. Entweder bekamen die was auf den Kopf oder wir.
Verteidigerin Schneiders Und wie war es mit der Polizei?
Apel Die haben uns immer nur verhaftet.
Verteidigerin Schneiders Was war der Grund dafür?
Apel Hätte ich das gewusst, dass Sie das wissen wollen, hätte ich meinen Lebenslauf mitgebracht. Da war Körperverletzung dabei, da war alles Mögliche dabei.
Verteidigerin Schneiders Wie ist man mit Ihnen umgegangen?
Apel Einmal wurde ich bei einer Hausdurchsuchung die Treppen runtergeprügelt.
Verteidigerin Schneiders Wann war das ungefähr?
Apel In den Neunzigerjahren.
Verteidigerin Schneiders War das ungewöhnlich?
Apel Nö.
Verteidigerin Schneiders Gibt es weitere Erlebnisse mit der Polizei?
Apel Ja, in Chemnitz. Da wurden wir auch verhaftet. Ich musste meinen Hund im Hof anbinden, dann ging es rein. Als mein Freund eingeschlafen war, sind drei Mann auf mich drauf und haben mich zusammengeprügelt.
Tag 63
3. Dezember 2013
Manfred Götzl, Richter. Andreas Temme, Ex-Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes, der sich mutmaßlich während des Mordes an Halit Yozgat in dessen Internetcafé in Kassel aufhielt. Er sagte auch an den Tagen 41, 80, 106 und 214 aus.
(Am 41. Verhandlungstag hatte Andreas Temme berichtet, wie er vom Mord an Halit Yozgat erfahren haben will. Der Mord geschah am 6. April 2006, einem Donnerstag – und Temme war an diesem Tag in Yozgats Internetcafé gewesen. Temme beteuerte, er habe nichts mitbekommen und erst am Sonntag nach der Tat etwas darüber in einer Zeitung gelesen. Außerdem gab er an, er habe zunächst gedacht, bereits am Mittwoch vor dem Mord in dem Internetcafé gewesen zu sein.)
Götzl Ich möchte noch mal nachfragen, was Sie an dem besagten Sonntag wussten – was haben Sie da aus der örtlichen Zeitung entnommen?
Temme Es war wohl der »Extra Tip«, ein Anzeigenblatt. Einzelheiten weiß ich nicht mehr. Soweit ich mich erinnere, ging es um das Verbrechen und um das Internetcafé. Am Montagmorgen habe ich im Büro die »Hessische Niedersächsische Allgemeine« gelesen. Aber was ich zu welchem Zeitpunkt erfahren habe, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen.
Götzl Welche Informationen haben Sie denn nun am Sonntag gehabt?
Temme Dass offensichtlich dort etwas geschehen ist. Ich bin mir sicher, dass es um das Internetcafé ging. Wie gesagt, im Einzelnen kann ich heute nicht mehr genau sagen, welche Informationen ich da hatte.
Götzl Haben Sie denn am Sonntag erfahren, dass Herr Yozgat getötet wurde?
Temme Dass dort ein Mord geschehen ist, da bin ich mir ziemlich sicher, dass das in dem »Extra Tip« stand.
Götzl Ein Mord an wem?
Temme Wie gesagt, ich kann mit Sicherheit nicht mehr sagen, was ich aus welchen Presseveröffentlichungen entnommen habe. Ich denke schon, dass es um den jungen Herrn Yozgat ging, bin mir aber nicht hundertprozentig sicher.
Götzl Sie hatten mir geschildert, dass Sie aufgewühlt gewesen wären. Habe ich das richtig verstanden?
Temme Ja.
Götzl Können Sie mir erklären, warum?
Temme Soweit ich das entnehmen konnte, ging es ja um einen Ort, an dem ich mich häufiger aufgehalten hatte, und um einen Menschen, den ich kannte. Mord ist ein schreckliches Verbrechen. Das reicht aus, um aufgewühlt zu sein. Zumal ich den Ermordeten, Herrn Yozgat, als sehr netten Menschen empfunden habe. Es hatte ja auch seinen Grund, warum ich weiter dort hinging. Es war immer sehr nett dort, ich hatte keinen Grund, woanders hinzugehen. Natürlich hat mich das dann auch aufgewühlt.
Götzl Was waren denn Ihre Überlegungen am Sonntag?
Temme Ich war aufgewühlt. Ich wollte natürlich schon wissen, wann ist das gewesen? Heute die Gefühle zu beschreiben, die ich an dem Sonntag hatte, ist natürlich auch schwierig.
Götzl Was waren denn die Fakten, die Sie hatten?
Temme An dem Sonntag konnte ich nicht definitiv sagen, war ich am Mittwoch im Internetcafé oder am Donnerstag?
Götzl Es tut mir leid, Herr Temme, das kann ich nicht nachvollziehen. Ich möchte jetzt schon wissen, wie es zu der von Ihnen erwähnten Heranziehung dieser Stempelkarte kommen konnte.
Temme Ich denke, dass ich an dem Sonntag natürlich die Überlegung hatte: Du warst dort und ich muss mehr darüber herausfinden und am Montag sehen, was ich noch mehr dazu herausfinde. Natürlich war ich neugierig, wann hast du an welchem Tag Schluss gemacht.
Götzl Inwiefern war denn die frühere oder spätere Ausstempel-Zeit überhaupt relevant für Sie?
Temme Wenn ich früher Schluss gemacht hätte, hätte ich eher noch Zeit gehabt, ins Internetcafé zu fahren. Dann hätte ich eher gewusst, an welchem Tag ich dort war.
Götzl Ich kann’s bisher nicht nachvollziehen. Wenn es anders gewesen sein sollte, als Sie bisher geschildert haben, sollte es Sie nicht hindern, das jetzt in der Hauptverhandlung zu äußern. Es gab doch in den Medien auch einen Zeugenaufruf zu dem Mord im Internetcafé. Gab es die Überlegung, dass Sie es sind, der da gesucht wird?
Temme Ich denke nicht.
Götzl Das ist eine sehr weiche Formulierung. Gab es jemals Überlegungen, da hinzugehen, also zur Polizei.
Temme Ich weiß noch, dass es das gab, als die Rede war von den PCs. In der HNA (Abkürzung für die Zeitung Hessische Niedersächsische Allgemeine) stand etwas über Mord, und es war auch zu lesen, dass die Polizei die Daten der einzelnen PCs auswerten wolle.
Götzl Warum haben Sie nicht mit Ihrer Ehefrau oder Kollegen darüber gesprochen?
Temme Wie ich schon gesagt habe, wollte ich nicht, dass meine Frau erfährt, dass ich dort in einem Internet-Chat war. Und auch mit den Kollegen zu reden war schwierig, weil ich zu dieser Zeit nicht in dem Internetcafé hätte sein sollen.
Götzl Ihre Kollegin E. hat ausgesagt, Sie hätten ihr gegenüber geäußert, dass Sie das Opfer nicht kennen und das Internetcafé nicht aufsuchen würden.
Temme Kann sein, dass ich das so gesagt habe. Ich hab ja schon gesagt, an meiner Arbeit habe ich mit keinem darüber gesprochen.
Götzl Die Kollegin E. soll sogar gesagt haben, Sie sollten den Namen des Opfers beim Staatsschutz abklären. Und Sie sollen zu Frau E. gesagt haben, dass die Tatwaffe ja schon bei früheren Morden eingesetzt wurde. Vielleicht sollten Sie sich überlegen, ob das, was Sie sagen, der Wahrheit entspricht. Ich hatte Sie belehrt, dass Sie hier die Wahrheit sagen müssen.




