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Götzl Wie lange hat das Treffen gedauert?
Böhnhardt Maximal zwei Stunden. Wir waren sehr ängstlich und hatten uns ein Auto ausgeliehen, weil wir nicht wussten, ob wir verfolgt werden.
Götzl Zwei Stunden ist doch eine lange Zeit.
Böhnhardt Nein, das ist nicht lang, wenn man seinen Sohn fast ein Jahr nicht gesehen hat.
Götzl Also noch mal, man kann viele Informationen in dieser Zeit austauschen. Woran erinnern Sie sich noch?
Böhnhardt Ich habe gefragt, ob sie zusammenleben. Weil ich dachte, dass es zu dritt schwierig ist zu leben, ohne aufzufallen. Ich dachte, dass sie einzeln leben oder Beate mit dem einen der beiden Uwes zusammen. Darauf habe ich keine Antwort bekommen. Ich fragte: Müsst ihr denn nicht zum Arzt? Waren wir, sagten sie. Ohne Karte, fragte ich. Doch, wir werden unterstützt von Freunden, sagten sie. Habt ihr genug zu essen? Und eine ordentliche Wohnung, wollte ich wissen. Ja, da gibt es auch eine Unterstützung. Wir wollten ja nicht, dass er wieder stehlen geht.
Götzl Haben Sie Ihrem Sohn auch selbst Unterstützung angeboten?
Böhnhardt Diese Frage habe ich erwartet. Wenn ich Ja sage, kann gegen mich ermittelt werden.
Götzl Das ist aber eine Frage des Zeitpunktes, das wäre inzwischen verjährt.
Böhnhardt Sie wissen ja, dass wir sie unterstützt haben. Da machen wir uns jetzt mal nichts vor, das haben ja auch die V-Leute berichtet. Wir haben ihm Geld gegeben, damit er was zu essen hat und nicht wieder klaut.
Götzl Welche Größenordnung?
Böhnhardt 500 Mark, und später noch mal 500 Mark.
Götzl Wie lief die Geldübergabe ab?
Böhnhardt Da haben Leute geklingelt, eine Parole gesagt und das Geld mitgenommen.
Götzl Welche Parole?
Böhnhardt Weiß ich jetzt nicht mehr.
Götzl Kannten Sie die Leute?
Böhnhardt Einen kannte ich: André Kapke. Den anderen kannte ich nicht, das war ein junger hübscher Mann, der eigentlich nicht wie ein Rechter aussah.
Götzl Von wem hatten Sie die Parole?
Böhnhardt Von Uwe. Das war etwas Besonderes, was nur Uwe und ich wissen konnten.
Götzl Dann liegt es ja nah, dass Sie sich erinnern können.
Böhnhardt Gut, dann sage ich es: »Rippchen«. Uwe hatte sich als Kind zwei Rippen gebrochen, er war ein sehr lebhaftes Kind.
Götzl Wo fand das nächste Treffen statt, im Jahr 2000?
Böhnhardt Am gleichen Ort. Ich habe mir auch den Uwe Mundlos zur Brust genommen, den Ältesten und Klügsten, dass sie sich endlich stellen sollten. Zu Beate habe ich gesagt: Auch du hast eine Mutter. Egal wie du zu ihr stehst. Wir haben die Emotionen angesprochen, aber sie waren nicht umzustimmen.
Götzl Wie haben sie im Untergrund gelebt?
Böhnhardt Ja, wir haben das auch gefragt. Es hieß nur: Wir sind zusammen, es geht uns gut. Wie kommt ihr zu eurem Lebensunterhalt, fragten wir. Sie meinten: Das sagen wir euch nicht, das würde euch vielleicht auch nicht gefallen. Ich habe an Internetgeschäfte gedacht, das war ja damals groß in Mode.
Götzl Gab es noch ein weiteres Treffen? Bitte berichten Sie.
Böhnhardt Es gab noch ein letztes Treffen im Jahr 2002. Das könnte schon Mai oder Juni gewesen sein, es war warm, wir hatten nicht mehr so dicke Sachen an. Diesmal war es ein Wochenende. Wir hatten viele Gesprächsthemen. Wir haben wieder gefragt, warum sie nicht zurückkommen: Warum nicht? Warum nicht? Warum nicht? Und sie sagten: Wir wollen nicht, wir wollen nicht, wir wollen nicht. Wir haben unseren Sohn in den Arm genommen und gedrückt. Wir haben auch über banale Dinge geredet, über Kochrezepte. Uns war in keiner Weise bewusst, dass es das letzte Treffen sein könnte. Der Tag verlief harmonisch, wir sind spazieren gegangen. Alle drei waren eigentlich wie immer. Am Schluss haben wir uns alle fünf umarmt. Da war’s dann bei mir aus mit meiner Beherrschung. Die einzige Hoffnung, die mir blieb: Vielleicht gründen sie noch mal eine Familie. Beate habe ich dann noch gefragt, ob sie sich das gut überlegt hat oder nicht doch aussteigen will. Nein, Frau Böhnhardt, sagte sie, ich geh mit den Jungs mit. Zu Uwe Mundlos habe ich gesagt: Pass auf den Uwe auf. Das war unser letztes Treffen, wir haben nie wieder von ihnen gehört. Wir waren überzeugt, ja, sie sind weggegangen. Wir waren todtraurig, dass wir an ihrem Leben nicht teilnehmen können. Manchmal dachten wir, vielleicht haben wir Enkelkinder und wissen gar nichts davon. Wir dachten, sie seien ganz, ganz weit weg.
Götzl Gab es noch Kontaktaufnahmen?
Böhnhardt Sie haben uns nie wieder eine Nachricht hinterlassen. Es wusste niemand etwas.
Götzl Haben sich die drei bei den Treffen in irgendeiner Weise politisch geäußert?
Böhnhardt Nein, sie wussten, dass wir ihre Ideen nicht richtig fanden. Ich hoffte, dass sie dieser rechten Ideologie nicht mehr anhängen, weil sie auch nicht mehr darüber gesprochen haben. Diese sinnfreien Transparente und dussligen Parolen – das durfte er daheim nie machen. Von wegen die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg und diesen Müll. Ist doch schön, jetzt haben wir Italiener, Türken und Griechen und wir können überall essen gehen, habe ich Uwe gesagt. Und ihn gefragt: Möchtest du in der Pizzeria arbeiten oder den ganzen Tag im Dönerstand stehen? Nein? Dann sei doch froh, dass andere dort arbeiten.
Götzl Und wie hat Ihr Sohn reagiert?
Böhnhardt Er meinte, ich soll das mal nicht im Detail sehen, sondern allgemein.
Götzl Ich hab noch nicht verstanden, wie sich das entwickelt hat. Ich möchte Sie bitten, darüber nachzudenken, wann Ihnen das rechte Gedankengut aufgefallen ist.
Böhnhardt Die ersten Anzeichen waren, als er sich vom Lehrlingsgeld die Bomberjacke gekauft hat. Und dann die Springerstiefel. Bei der Bomberjacke haben wir noch nicht gezuckt. Als er dann mit den Schuhen ankam, das war uns zu viel. Die durfte er nicht in der Wohnung tragen. Das nächste Mal war, als wir ihn bei der Polizei abholen mussten, er war noch nicht achtzehn. Es hieß, dass er im Visier der Polizei ist wegen des Umgangs mit rechten Jugendlichen. Da haben wir uns gesagt, da müssen wir gut aufpassen. Ich sagte: Und wage es nicht, hier etwas zu deponieren, was in diese Richtung deutet. Ich zerreiße alles, und er wusste, ich tue es. Er war auch erschrocken, als ich ihn überrascht habe, als er eine rechte CD gehört hat. Übrigens: Auch Linke trugen schwarze Hosen, und selbst bei der Polizei trugen alle schwarze Hosen und Springerstiefel, da wusste man gar nicht, wer zu wem gehört. Er hat es immer vermieden, darüber zu reden. Da hätten wir ein bisschen hellhöriger sein müssen. Und hellsichtiger. Wobei ich nicht weiß, ob es was genützt hätte, wenn wir ihm gesagt hätten, du ziehst jetzt eine Cordhose an und ein Blouson.
Tag 58
20. November 2013
Manfred Götzl, Richter. Brigitte Böhnhardt, Mutter von Uwe Böhnhardt. Sie sagte auch an Tag 57 aus. Mehmet Daimagüler, Walter Martinek, Eberhard Reinecke, Anwälte der Nebenklage.
Böhnhardt Unsere beiden älteren Söhne wurden 1969 und 1971 geboren. Damit war die Familienplanung erst mal erledigt. Wir waren sparsam und fleißig, wir hatten Freunde, gute Kollegen. 1974 bekamen wir eine neue Wohnung, eine Vierraumwohnung mit Zentralheizung. Das war super. Die beiden Jungs passten gut zusammen, konnten gut miteinander aufwachsen. Dann kam der Wunsch auf, vielleicht noch ein Kind zu haben, ich wünschte mir ein Mädchen. Es wurde wieder ein Junge. Für die Größeren war der kleine Bruder das liebste Spielzeug, was sie hatten. Es war für sie ganz toll. Ich konnte mich hundertprozentig auf die Größeren verlassen, dass sie ihn von der Krippe abholten.
Peter und Uwe hatten ein ganz besonders inniges Verhältnis. Der Größere hatte frühzeitig eine Freundin. Wir waren eine normale Familie. Wir lehnten Gewalt in der Erziehung ab, das hat man uns später vorgeworfen, als es hieß, wir hätten Uwe mal verdreschen sollen. Wir versuchten, alles mit Ruhe zu klären. Es gab nie persönliche Kränkungen. Die Jungs haben Uwe das Lesen beigebracht. Und haben ihn in der Schule geschützt. Uwe kümmerte sich um die Mäuse von Peter, und umgekehrt kümmerte sich Peter um die Zierhasen von Uwe. Wir waren eine ganz normale Familie. Mein Mann war bei der Betriebsfeuerwehr. Es ging uns gut, zweimal pro Jahr fuhren wir in den Urlaub, in den Winterferien und im Sommer. Wir haben zum Beispiel Abenteuerurlaub in der ČSSR gemacht.
Die Großen haben sich vielleicht gedacht, der Kleine wird vorgezogen. Vielleicht haben wir bei Uwe mehr durchgehen lassen als bei den Großen. Und dann kam das für uns alle traumatische Ereignis, dass der Peter verunglückte. Wir haben versucht, Uwe zu schützen. Aber seine Leistungen in der Schule ließen nach. (Der damals 17-jährige Peter Böhnhardt lag an einem Morgen im September 1988 tot vor der Tür seines Elternhauses. Als Todesursache wurde Unterkühlung angegeben. Allerdings gab es auch Hinweise, dass er betrunken mit anderen Jugendlichen eine Ruine bei Jena bestiegen hatte und abgestürzt war. Was genau geschah, konnte nicht geklärt werden.) Er hat seinen Kummer durch Disziplinverstöße zum Ausdruck gebracht. Er durfte ein Bild von Peter aufstellen, er durfte weinen, er durfte trauern. Wir mussten halt immer die Starken sein. Der Verlust hat meinen Mann und mich sehr zusammengebracht. Wir haben gemerkt, dass wir einander brauchen. Uns ging es oft nicht gut. Bei Uwe kamen so viele Dinge zusammen: die politischen Umwälzungen und die Pubertät, das hat ihn aus der Bahn geworfen. Zum Teil standen wir der Situation auch hilflos gegenüber. Er sollte immer einen Rückhalt haben. Wir haben ihn nicht vor die Tür gesetzt. Der Unfall von Peter wurde nie geklärt. Man hatte keine Zeit und keine Lust, das aufzuklären, sagte uns die Polizei. Wir haben noch anderes zu tun, als die Eltern eines toten Jungen zu benachrichtigen. Vielleicht rührt daher mein gestörtes Verhältnis zur Polizei.
Götzl Können Sie uns die Persönlichkeit Ihres Sohnes beschreiben?
Böhnhardt Er war aufgeweckt, sportlich, kontaktfreudig. Für Verwandte war er immer der liebe Uwe, ein bisschen wild, wollte immer rumtoben. Er war viel draußen, nur die Schule hat er nicht so sehr geliebt.
Götzl Gab es auch problematische Eigenschaften?
Böhnhardt Außer dass er schulfaul war, fallen mir keine schlechten Eigenschaften ein. Er war nicht gewalttätig, hat sich nicht beschwert. Er hat mal dazwischengeredet im Unterricht, war an kleinen Prügeleien in der Pause beteiligt oder hat Hefte rumgeworfen. Aber er hat sich gehütet, über Lehrer zu schimpfen, weil er wusste: Damit komm ich bei meiner Mutter gar nicht durch.
Götzl Wann sind denn seine neuen Freunde zu Ihnen gekommen?
Böhnhardt Ich weiß es nicht mehr genau einzugrenzen. Ich habe sie jedenfalls immer freundlich empfangen, weil ich fand, es sei wichtig, Freunde zu haben. Ich habe auch versucht, sie auszufragen. Der Holger war ein lieber netter Kerl als Jugendlicher. Später dann gab es andere Freunde, die blieben unten und kamen nicht hoch in die Wohnung. Wir waren mit diesem Freundeskreis nicht einverstanden.
Götzl Ab wann haben Sie Uwe Mundlos wahrgenommen?
Böhnhardt Das weiß ich nicht. Mitte der Neunzigerjahre vielleicht.
Götzl Wie sind die beiden miteinander umgegangen, Uwe Mundlos und Ihr Sohn?
Böhnhardt Wenn er kam, sind sie in Uwes Zimmer verschwunden und ich habe nicht an der Tür gelauscht. Uwe Mundlos hat mir erzählt, dass er sein Abitur nachholen will. Ich habe gehofft, vielleicht gibt das unserem Uwe einen Aufschwung. Dass er sagt: Da mach ich auch noch was aus meinem Leben. Wir hatten immer mal so eine kleine Hoffnung zwischendurch. Freunde machen da ja so viel aus.
Götzl Haben Sie auch mal länger geredet mit Uwe Mundlos?
Böhnhardt Ja, wir haben auch mal über politische Themen diskutiert. Fakt ist, als Uwe Mundlos gemerkt hat, dass wir seine politischen Überzeugungen nicht teilen, hat er es vermieden, in unsere Wohnung zu kommen. Er klingelte unten, unser Sohn zog sich an und verschwand. Mundlos hatte eine eigene Wohnung, es hat ihm nicht so gefallen, dass ich ihn ausgefragt habe.
Götzl Was haben Sie ihn denn so gefragt?
Böhnhardt Über was haben wir gesprochen? Ich habe ihn gefragt, wie er zu diesen Überzeugungen kommt. Er schweifte ab in die Geschichte, er war sehr belesen. Ich kann mich erinnern, dass er gesagt hat, Frau Böhnhardt, ich hör jetzt auf, mit Ihnen zu diskutieren. Er war intelligenter als unser Sohn, der hat zu ihm aufgesehen. Das soll nicht heißen, dass ich Uwe Mundlos die Schuld an der Entwicklung unseres Sohnes gebe. Unser Uwe war da schon ein junger Erwachsener, er hätte jederzeit Nein sagen können.
Götzl Wann gab es die ersten Anzeichen für rechte Tendenzen bei Ihrem Sohn?
Böhnhardt Es könnte in der Zeit von Uwe Mundlos gewesen sein, als er ihn kennengelernt hat. Wir hatten in der Zeit andere Sorgen, als uns mit der Vergangenheit zu beschäftigen.
Götzl Jetzt kommen wir zu Frau Zschäpe. Erzählen Sie mal, wie der Umgang war, was Sie wahrgenommen haben.
Böhnhardt Eines Tages fragte Uwe uns, ob er seine Freundin mitbringen darf. Ich hab mich gefreut und fand Beate auf Anhieb sympathisch. Sie war höflich und nett, wir hatten ein gutes Verhältnis. Uwe ist mit ihr sehr freundlich und nett umgegangen. Er war verliebt, sie auch. Ich hatte das Gefühl, dass sie gern zu uns kam. Sie hat ihm gutgetan. Ihr ganzes Auftreten war genau so, wie man sich eine junge Frau vorstellt. Sie hatte ihre Gärtnerlehre abgeschlossen, aber keine Arbeit gefunden. Ich war froh, dass Uwe eine feste Freundin hatte. Ich hoffte, dass er auf andere Gedanken kommt. Das könnte schön werden, dachte ich, vielleicht gründen die beiden eine Familie. Ich habe gehofft, dass sie ihn auf den rechten Weg bringt. Sie ist nie in Kleidung aufgetreten, die auf rechte Tendenzen hinweisen würde. Sie hat nie über rechte Dinge gesprochen. Für mich bleibt sie dieses Mädchen: Uwes erste feste Freundin. Sie war selbst bei Familienfeiern dabei. Da waren sie so verliebt, ich habe einige Bilder zu Hause. Sie war integriert in die Familie. 1996 hat sie ein paar Weihnachtsfeiertage bei uns verbracht, sie gehörte zur Familie.
Götzl Hat sich Ihr Sohn damals verändert?
Böhnhardt Er wurde ernster, verantwortungsvoller. Er hat Beate auch bei der Renovierung ihrer Wohnung geholfen. Ich hatte das Gefühl, der Junge wird erwachsen. Es fehlte nur noch eins: eine Arbeitsstelle.
Götzl Wie war das Verhältnis von Frau Zschäpe zu Ihrem Sohn?
Böhnhardt Das kann ich mit einem Wort beschreiben: kuschelig. Sie waren so lieb zueinander. Und ich hatte das Gefühl, sie fühlt sich auch wohl bei uns. Eigentlich hab ich gedacht, er ist bei ihr in guten Händen.
Götzl War die Beziehung zwischen Ihrem Sohn und Frau Zschäpe noch dieselbe, als Sie die drei nach ihrer Flucht trafen?
Böhnhardt Ich war eigentlich bis zum Schluss der Meinung, dass die beiden noch ein Paar sind.
Götzl Was können Sie uns über Frau Zschäpes Anruf am Morgen des 5. November 2011 sagen?
Böhnhardt Ich bin ihr immer noch dankbar für diesen furchtbaren Anruf. So waren wir zumindest vorbereitet auf die Nachricht der Polizei.
Götzl Können Sie das genauer schildern?
Böhnhardt Wir lagen noch im Bett, als das Telefon gegen sieben Uhr klingelte. Hier ist Beate. Welche Beate denn? Uwes Beate. Da war erst mal ein Momentchen Ruhe, das musste ich erst mal verarbeiten, nach neun Jahren das erste Mal wieder von Beate zu hören. Kommt ihr zurück? Wollt ihr euch stellen? Das war mein einziger Wunsch. Nein, hat sie gesagt. »Warum nicht?«, habe ich gefragt. Der Uwe kommt nicht mehr. Dann war erst mal eine Weile Pause. Ich habe mich gar nicht getraut, die Frage zu stellen. Ist der Uwe tot? Ja, der Uwe ist tot. Sie sagte: Schauen Sie doch mal die Nachrichten. Gestern in Eisenach ist etwas passiert. Das sind die beiden Jungs. Sie sagte, sie muss auflegen, sie hat noch so ein furchtbares Telefonat vor sich, sie muss auch noch die Eltern von Uwe Mundlos informieren.
Götzl Hat Frau Zschäpe gesagt, wie Ihr Sohn zu Tode gekommen ist?
Böhnhardt Sicher bin ich mir nicht.
Götzl Hat sie gesagt, sie haben sich erschossen?
Böhnhardt Das wäre möglich. Wir standen sehr unter Stress.
Anwalt Daimagüler Empfinden Sie auch Mitgefühl für die Opfer?
Böhnhardt Ich habe tiefes Mitgefühl. Weil ich sie mit am besten verstehen kann. Es tut mir wirklich sehr leid. Und ich bin ihnen dankbar, dass sie sich nicht gerächt haben an uns. Ich rechne ihnen das hoch an, wir haben nie einen Brief mit Drohungen bekommen. (Kurze Pause.) Eines kann ich Ihnen versichern: Ich wüsste auch gern, was geschehen ist. Ich wüsste zu gerne, was sie verleitet hat, diese Taten zu begehen. Als Mutter suche ich nach jedem Strohhalm, dass es doch anders war. Ich kann mir meinen Sohn nicht als eiskalten Mörder vorstellen. Keiner hat das Recht zu töten. Und ausgerechnet mein Sohn soll das getan haben. Die Opferfamilien sind zumindest in der Lage, trauern zu können, auch öffentlich. Jedes Mal wenn ich das will, dann steigt in mir das Entsetzen darüber hoch, was er getan haben soll.
Anwalt Martinek Welche Einstellung hatte Ihr Sohn zum Staat und den Behörden?
Böhnhardt Wir haben ja nun einige schlechte Erfahrungen gemacht. Auch ich habe zu manchen Behörden kein Vertrauen, vielleicht hat sich das auf Uwe abgefärbt.
Anwalt Martinek Und die Einschätzung von Polizeibeamten, der Polizeimacht an sich – wie war die?
Böhnhardt Die Polizei in Jena hat sich tatsächlich öfter als Macht präsentiert. Ich empfand es teilweise als unwürdiges Spiel. Mal jagten sie die Linken, mal die Rechten. Dazu muss ich Ihnen sagen, wenn mir jemand mit dem Knie zwischen die Beine tritt, dann trete ich zurück. Ich weiß, dass Uwe keine Mimose war. Aber ich weiß auch, dass diese Gruppe selbst provoziert wurde. Und weil die Polizei in der Mehrzahl war, hat sie immer gewonnen. Uwe hat mir erzählt: Normalerweise schlagen sie in den Körper, nicht ins Gesicht. Mein Vertrauen in die Polizeikräfte hielt sich also sehr in Grenzen. Ich wusste von diesen Zusammenstößen.
Anwalt Martinek Ihr Sohn wurde einmal wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt verurteilt. Wie war seine Einstellung der Polizei gegenüber?
Böhnhardt Seine Einstellung war sicherlich kritisch. Und ich kenne mehrere Vorfälle, wo ich sagen muss: So geht das auch nicht. Die Polizei hat nicht das Recht, Jugendliche zusammenzuschlagen. Da hat auch die Mutter in mir gelitten, wenn ich ihn verbeult wieder abholen musste.
Anwalt Reinecke Haben Sie mal versucht, Beate Zschäpe zu fragen, was genau Ihr Sohn getan hat?
Böhnhardt Ich habe oft daran gedacht, ihr zu schreiben. Ich möchte aber nicht, dass ganz persönliche Worte an sie öffentlich werden. Vielleicht habe ich später mal die Möglichkeit, sie in einer JVA zu besuchen.
Götzl Dann machen wir Schluss mit der Befragung, Frau Böhnhardt. Auf Wiedersehen.
Böhnhardt Lieber nicht.
Tag 59
21. November 2013
Manfred Götzl, Richter. André Kapke, 38, selbstständig im Baugewerbe, gehörte in Jena zu den Anführern der Neonazi-Kameradschaft »Thüringer Heimatschutz« (THS) und zum Freundeskreis des Trios. Er ist zum Zeitpunkt seines Zeugenauftritts Beschuldigter, aber nicht Angeklagter im NSU-Verfahren, das heißt: Es wird gegen ihn ermittelt, und er hat das Recht, die Aussage zu verweigern, um sich nicht selbst zu belasten. Er sagte auch an den Tagen 84 und 96 aus.
Götzl Wie würden Sie Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos beschreiben?
Kapke Uwe Böhnhardt war ein Waffennarr. Er war nicht dumm, aber der Intelligentere war eindeutig Mundlos. Ich habe ihn als charakterstark erlebt. Beate Zschäpe habe ich menschlich sehr geschätzt.
Götzl Hatten Sie nach dem Untertauchen im Jahr 1998 Kontakt zu den dreien?
Kapke Wir haben telefoniert.
Götzl Wie oft?
Kapke Weiß ich nicht mehr genau, so zwei bis fünf Mal.
Götzl Mit wem haben Sie gesprochen, Mundlos oder Böhnhardt?
Kapke Weiß ich nicht mehr.
Götzl Und worum ging’s in den Telefonaten?
Kapke Weiß ich auch nicht genau. Wahrscheinlich um eine Flucht ins Ausland.
Götzl Wie kam der Kontakt zustande?
Kapke Wir hatten mehrere Telefonzellen, wo man angerufen werden konnte. Sie haben mich zu einer festgelegten Zeit an einer bestimmten Telefonzelle angerufen. Wir wollten verhindern, dass wir abgehört werden. Am Ende des Gesprächs haben wir ausgemacht, wann wir das nächste Mal telefonieren und wo sie mich anrufen.
Götzl Sie haben für die drei auch Pässe besorgt. Wie kam das?
Kapke Das war ein Auftrag von Tino Brandt. Er hat mir dafür 1000 Mark gegeben und sein Auto geliehen. Ich solle die Pässe bei einem Bekannten holen. Er hatte ja seine Kontakte. Ich habe die Pässe bekommen, aber sie waren leer. Ich wollte sie daher zusammen mit Kameraden aus der Szene bebildern und ausfüllen. Doch bevor es dazu kam, wurden die Pässe aus Brandts Auto gestohlen. Das Seltsame war, dass nicht mal die Scheiben eingeschlagen wurden, die Pässe waren einfach weg.
Götzl Hatten Sie danach noch Kontakt zu Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos?
Kapke Nein, ich wollte nichts mehr damit zu tun haben, aus Selbstschutz. Außerdem habe ich damit gerechnet, dass die sowieso relativ schnell auffliegen.
(In der weiteren Befragung berichtet der Zeuge, die rechte Szene sei ständig der Repression durch die Sicherheitsbehörden ausgesetzt gewesen. Auf eine Frage zu den politischen Positionen der Kameradschaft Jena sagt er, es sei damals das Thema »Atompolitik« aufgekommen, man sei gegen das Atommüll-Lager in Gorleben gewesen. Erst auf massives Drängen des Richters sagt Kapke, der sich zuvor auf Erinnerungslücken berief, es habe eine allgemeine Stimmung in »Mitteldeutschland« gegen Ausländer gegeben. Feindbild sei aber nicht der »einzelne Ausländer« gewesen, sondern die Politik, die den Zuzug ermögliche.)
Kapke Sie fangen ja nicht an, wenn Sie was gegen Unkraut machen, und zupfen da oben ein, zwei Blätter. Sie müssen schon an der Wurzel anfangen.
Tag 60
26. November 2013
Manfred Götzl, Richter. Christian M., 54, Bauingenieur aus Niedersachsen. Karin M., 54, seine Frau, Drogistin. Ursula S., 52, Informatikerin aus Niedersachsen. Wolfgang S., 56, ihr Ehemann, ebenfalls Informatiker. Wolfgang Stahl, Verteidiger von Beate Zschäpe. Seda Başay, Anwältin der Nebenklage. Henning Saß, psychiatrischer Gutachter.
(Zu Beginn der Verhandlung beantragen Zschäpes Verteidiger, Richter Götzl möge den psychiatrischen Gutachter Henning Saß, der Beate Zschäpe begutachten soll, so im Saal platzieren, dass dieser keine Gespräche der Verteidiger mit ihrer Mandantin mithören könne.)
Götzl Ich habe auch noch nie was mitgehört, um es mal deutlich zu sagen. Und ich sitze auch nicht weiter weg als Herr Professor Saß.
Saß Ich höre keine Inhalte von den Gesprächen. Ansonsten bin ich flexibel, was den Sitz angeht. (Er rutscht einen Platz nach rechts und damit ein Stück weiter weg von Zschäpe und ihren Anwälten. Götzl beginnt mit der Zeugenbefragung. Als zweiter Zeuge betritt Christian M. den Saal.)
Götzl Es geht uns um Urlaubsbekanntschaften von Ihnen und Ihrer Frau. Erzählen Sie bitte, was Sie noch in Erinnerung haben.
Christian M. Ich mache mit meiner Familie schon seit Jahrzehnten auf Fehmarn Urlaub auf dem Campingplatz Wulfener Hals. Im Jahr 2007 haben wir Max, Liese und Gerry kennengelernt, sie waren in dem Mietwohnwagen neben uns. Wir kamen bald ins Gespräch, das geht auf dem Campingplatz recht schnell, in dieser ungezwungenen Atmosphäre. Wir waren gemeinsam beim Surfen, haben gemeinsam gegrillt.
Im Jahr drauf war es wieder so, dass wir uns da getroffen haben. Der Kontakt ergab sich immer nur in den Sommerferien, von 2007 bis 2011. Die drei waren sehr nett, freundlich und hilfsbereit. Der Max, also der Herr Mundlos, und Frau Zschäpe, also die Liese, waren sehr redselig. Herr Böhnhardt, Gerry, war etwas stiller. Über persönliche Sachen haben sie eher selten gesprochen. Interessant war immer, wenn sie von ihrem Leben in der DDR erzählt haben. Auch von Katzen war mal die Rede. Und dass Herr Mundlos ein Computerfreak war, gerne Mountainbike fuhr und Computerspiele spielte. Wir hatten jeden Tag Kontakt. Eigentlich waren wir hinterher sehr überrascht, wie wenig wir tatsächlich wussten. Über Persönliches und Berufliches haben wir eigentlich gar nicht gesprochen, über Politik auch nicht. Wir haben vermutet, dass Herr Mundlos in einem EDV-Laden arbeitet und Herr Böhnhardt irgendwas mit Autoüberführung macht. Bei Frau Zschäpe wusste ich es eigentlich gar nicht. Wir haben uns mal gewundert, wie man so lange Urlaub machen kann. Aber es war eine Urlaubsbekanntschaft, da hat es mich dann auch nicht so interessiert. Herr Böhnhardt hatte ein kleines Schlauchboot mit Motor, da haben wir auch mal zusammen dran rumgebastelt. Den meisten Kontakt hatte ich mit Herrn Mundlos. Er hat damals surfen gelernt, und da ich schon lange surfe, habe ich ihm einiges beigebracht.




