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Anwältin Lex Ich möchte Ihnen drei kurze Vorhalte machen. In den Aktenvermerken gibt es einen Hinweis auf eine verurteilte »Zigeunerin« in Mannheim. An anderer Stelle findet sich ein Hinweis auf einen »joggenden Neger«. Und dann wird noch ein Lügendetektortest bei einem Zeugen erwähnt, der Angehöriger einer »Roma-Sippe« sein soll. Der hinzugezogene Psychologe wird zitiert, Lügen seien »typisch« für seine Ethnie.
Herbert T. Beim Lügendetektortest war ich dabei. Das war eine Aussage von dem Psychologen.
Anwältin Lex Haben Sie das eins zu eins übernommen?
Herbert T. Ja, das habe ich so übernommen.
Anwältin Lex Mir geht es um die Diktion. Ist es der übliche Sprachgebrauch in Ihrer Dienststelle, dass man von Zigeunern und Negern spricht?
Herbert T. Mit Sicherheit nicht.
Tag 82
3. Februar 2014
Manfred Götzl, Richter. Sindy P., 28, Verkäuferin aus Zwickau. Yavuz Narin, Anwalt der Nebenklage.
Götzl Was gibt es zu der Person Susann zu berichten, die in der Polenzstraße in Zwickau im selben Haus wie Sie wohnte? (Susann war ein Deckname von Beate Zschäpe.)
Sindy P. Ja, man hatte Kontakt, im Sommer im Hof. Man hat sich unterhalten. Man hat mit den anderen Hausbewohnern gegrillt, mit den Kindern gespielt. Wir sind befreundet gewesen. Was soll ich Ihnen noch erzählen? Ich habe sie kennengelernt unter dem Namen Lisa. So war sie mir bekannt. Und so habe ich sie auch angesprochen. Wir haben uns unterhalten, über alltägliche Dinge, meist über die Kinder. Wie es bei uns so läuft, arbeitsmäßig. Sie hat erzählt, dass sie viel reisen, viel Urlaub machen. Die zwei Herren habe ich selten gesehen.
Götzl Wen meinen Sie damit?
Sindy P. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundstuhl, ich kann die nicht auseinanderhalten. (Sie meint offensichtlich Uwe Mundlos.)
Götzl Hat sie da allein gelebt?
Sindy P. Ich hab nur sie gesehen. Sie hat gesagt, dass sie studiert, und ihr Freund sei in Sachen Elektro tätig.
Götzl Hat sie mal erzählt, was sie studiert?
Sindy P. Nein, ich hab nur mitgekriegt, dass sie sehr gern liest.
Götzl Kannten Sie ihren Nachnamen?
Sindy P. Lisa Dienelt, glaub ich. Von der Klingel her.
Götzl Sie hatten das Thema Kinder angesprochen? Wie stand sie dazu?
Sindy P. Zu meiner Tochter hatte sie ein gutes Verhältnis. Sie hat ihr die Haare gekämmt, meine Tochter hat sehr lange Haare. Man hat schon mitbekommen, dass Lisa Kinder sehr gerne mag.
Götzl Wo haben Sie sie sonst getroffen?
Sindy P. Ich habe sie mal in der Stadt gesehen. Sie war sehr sportlich und viel mit dem Fahrrad unterwegs.
Götzl Wie oft haben Sie sich gesehen in der Zeit?
Sindy P. Sie war mehr bei Frau K. als bei uns, wir haben uns oft dort getroffen, mehr oder weniger. Auf eine Woche verteilt haben wir uns vielleicht zwei, drei Mal gesehen, oder auch nur beim Wäscheaufhängen.
Götzl Und über was haben Sie sich unterhalten?
Sindy P. Man hat gar nicht so viel über Lisa gefragt, ich weiß nicht, keine Ahnung. Sie war eine sehr gute Zuhörerin.
Götzl Ging es auch mal um politische Themen?
Sindy P. (Schüttelt den Kopf) Nee. Nur alltägliche Sachen.
Götzl Haben Sie auch Alkohol zusammen getrunken?
Sindy P. Ja, mal ein Glas Wein. Auf den ganzen Abend verteilt, zwei, drei Gläser.
Götzl In Ihrer Vernehmung heißt es im Protokoll, wenn sie vorbeigekommen sei, habe sie oft eine Flasche dabeigehabt.
Sindy P. Das ist ja nicht viel, eine Flasche, wenn man zu zweit oder zu dritt ist. Zuletzt ist uns aufgefallen, dass sie mehr getrunken hat. Das habe ich auch nicht schlimm gefunden, muss ja jeder selbst entscheiden.
Götzl Im Brandschutt der Frühlingsstraße wurden Ausweise gefunden, ausgestellt auf die Namen Liese P., Sindy P., Silvia P. Wie können Sie sich das erklären?
Sindy P. Mich friert es gerade. Ja, weil da immer mein Nachname vorkommt.
Anwalt Narin Wie würden Sie die politische Gesinnung Ihres Ehemanns charakterisieren?
Sindy P. Normal.
Anwalt Narin Wie ist denn Ihre politische Gesinnung?
Sindy P. Normal.
Anwalt Narin Was verstehen Sie unter normal?
Sindy P. Ja normal. Wie jeder andere Mensch auch.
Anwalt Narin Wie ist seine Meinung denn?
Sindy P. Mir gegenüber äußert er die Meinung nicht.
Anwalt Narin Auf Ihrem Facebook-Konto ist der Link »Keine weiteren Asylantenheime im Landkreis Meißen!« als Favorit gespeichert. Wählen Sie einen Favoriten selbst aus oder jemand anders?
Sindy P. Ich oder mein Mann können darauf zugreifen.
Anwalt Narin Auf dem Konto ist auch zu lesen: »Der Ali hat Kohle, der Hassan hat Drogen, wir Deutschen zahlen und werden betrogen.« Entspricht dieser Duktus der Gesinnung Ihres Mannes?
Sindy P. Ja.
Tag 83
4. Februar 2014
Konstantin Kuchenbauer, Beisitzender Richter. Herbert B., 55, – Kriminalhauptkommissar aus Heilbronn.
(Es geht erneut um die Erinnerungen des Polizisten Martin A., der den Mordanschlag in Heilbronn überlebt hatte und immer wieder von Ermittlern befragt worden war.)
Herbert B. Ich hab den Herrn Martin A. mehrmals befragt. Die Ärzte sagten, er habe nichts dagegen, dass wir ihn befragen. Er könne sich 20 Minuten konzentrieren. Wir haben mit dem Arzt und der Mutter gesprochen. Er habe Ende Mai 2007 erstmals nachgefragt, warum er hier in der Klinik sei, die Mutter hat dann von einem Unfall gesprochen. Wir hatten allen gesagt, sie dürften ihm keine Detailkenntnisse von der Tat sagen. Er erzählte, dass er an einem Sondereinsatz in Heilbronn teilgenommen habe. Michèle hätte ihm einiges gezeigt, wo die Personen sind, die man kontrollieren sollte. Und wo man Pizza kaufen könnte. In Rücksprache mit dem Arzt habe ich Herrn A. die Wahrheit gesagt. Dass er eine Schussverletzung erlitten hat. Er fragte, ob er quer durch den Kopf oder nur schräg getroffen wurde. Erst dann haben wir ihm erzählt, dass Michèle erschossen wurde. Er war sichtlich geschockt, fing an zu weinen. Wir haben die Vernehmung abgebrochen. Anfang 2008 haben wir ihn nach Heilbronn eingeladen. In den Soko-Raum. Da sagte er plötzlich, der Raum komme ihm bekannt vor. Die Mittagsbesprechung am Tattag hat in dem Soko-Raum stattgefunden. Wir sind mit ihm zum Tatort gefahren. Er hatte einen Strauß Blumen für die Kollegin dabei und wollte in stillem Gedenken stehen. Er kam aufgewühlt zu uns: Er weiß wieder, sie seien gefahren, hätten eingeparkt und gegessen, was sie vorher beim Bäcker gekauft hätten.
Richter Kuchenbauer Waren die Türen zu oder offen?
Herbert B. Er sagte, die Türen des Dienstfahrzeugs seien zu gewesen, aber die Fenster offen. Da konnte er sich klar entsinnen.
(Im Anschluss werden zwei Waffenexperten des BKA befragt. Der erste Experte sagt, dass auf die neun Mordopfer türkischer und griechischer Herkunft mit der Česká 83 geschossen wurde, die in der Frühlingsstraße im Brandschutt lag. Das BKA sammle Tatmunition ungelöster Fälle. Und eine Waffe hinterlasse individuelle Spuren an Projektilen und Hülsen. Dies habe zu den neun Treffern geführt. Dem zweiten Experte gelingt es vor Gericht nicht, seine Untersuchungen allgemein verständlich zu erklären. Er sagt, er gehe davon aus, dass bei allen neun Morden ein Schalldämpfer verwendet wurde, objektiv belegen lasse es sich ab dem fünften Mord.)
Tag 84
5. Februar 2014
Manfred Götzl, Richter. André Kapke, 38, Selbstständiger im Baugewerbe aus Jena und früher ein Freund des Trios Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt und einer der wichtigsten Köpfe der rechten Szene in Jena. Er hatte auch nach dem Untertauchen noch Kontakt zu ihnen. Kapke trat auch an den Tagen 59 und 96 als Zeuge auf. Jochen Weingarten, Vertreter der Bundesanwaltschaft. Wolfgang Heer, Verteidiger von Beate Zschäpe.
Götzl Kommen wir zunächst zum 26. Januar 1998, Thema Flucht. Wie haben Sie denn davon erfahren?
Kapke An dem Morgen der Hausdurchsuchung hatte mich der Böhnhardt angerufen. Ich bin hingekommen, da hatte er mir gesagt, dass er, sobald sich die Möglichkeit ergibt, ins Auto steigt und wegfährt. Wie das nun konkret war, dass die sich absetzten, da kann ich gar nichts mehr sagen. Habe ich keine Erinnerung dazu.
Götzl Was hat er denn sinngemäß geäußert?
Kapke Kann ich mich nicht entsinnen.
Götzl Was haben Sie dazu gesagt, dass er mit dem Auto wegfahren wollte?
Kapke (lacht) Keine Ahnung. Ich geh’ mal nicht davon aus, dass ich damit gerechnet habe, dass er sich auf unabsehbare Zeit absetzen will. Ich wusste ja nicht mal genau, worum es geht.
Götzl Sie bekommen einen Anruf, reagieren und gehen zu seiner Wohnung?
Kapke Der hat 150 bis 200 Meter weg gewohnt.
Götzl Hat er gesagt, dass Sie kommen sollen?
Kapke Das weiß ich nicht mehr genau.
Götzl Warum sind Sie dann hin?
Kapke Man ist ja freundschaftlich verbunden. Eine Durchsuchung stellt ja eine gewisse Form der Repression dar, da ist das natürlich ein Interesse, man ist gemeinschaftlich betroffen. Die meisten Durchsuchungen liefen ja auch nicht immer nett ab.
Götzl Inwiefern waren Sie betroffen?
Kapke Es gab sehr oft Hausdurchsuchungen. Da ist man dann auch betroffen. Ich weiß nicht, wie viele ich hatte, es hat da nie eine Verurteilung stattgefunden, es waren einfach Drangsalierungen. Ich wäre auch bei anderen hingegangen, es ist ja auch gut, wenn man da als Zeuge da ist.
Götzl Haben Sie sich damals als Zeuge gemeldet?
Kapke Nein, ich hab von der Durchsuchung nicht mehr viel mitgekriegt. Ich war auch nicht bei ihm oben. Ich hab ihn vor oder hinter dem Haus getroffen. Mehr Erinnerung habe ich nicht. Es war irgendwann am Vormittag.
Götzl Mir geht es um die Umstände und was gesprochen wurde.
Kapke Wir können das jetzt noch zehn Mal machen – ich kann Ihnen nicht mehr sagen. Er hat gesagt, dass er dann wegfährt.
Götzl Das ist aber ein sehr ausgestanzter Satz, den Sie da schildern, das wundert mich schon, dass Sie ansonsten nichts erinnern. Wie war denn die Situation vor Ort? Waren Sie mit ihm alleine?
Kapke In meiner Erinnerung ja.
Götzl Wo waren denn die Beamten?
Kapke Keine Ahnung. Ich glaube, ein paar standen an der Garage.
Götzl Und was ist dann gewesen? Mit der Flucht?
Kapke Ich kann es nicht genau sagen, wie ich das dann weiter erfahren habe. Ich kann Ihnen sagen, dass klar war, dass sie weg sind.
Götzl Kontakt hatten Sie dann ja noch nach der Flucht. Aber das Zwischenstück fehlt mir.
Kapke Nehmen Sie es mir nicht übel, aber mir fehlt einiges.
Götzl Haben Sie denn bei der Polizei gesagt, dass Sie Kontakt hatten?
Kapke Ich habe eigentlich für gewöhnlich bei der Polizei nie Aussagen gemacht, außer jetzt mal beim BKA.
Götzl Dann müssen wir jetzt mal reinschauen in diese Vernehmung. Bei einer Vernehmung im November 2011 sagten Sie laut Protokoll, Sie hätten seit 1998 keinen Kontakt mehr zu den dreien gehabt. Was, wenn ich Ihrer Aussage vor Gericht folge, falsch war.
Kapke (Er bespricht sich mit seinem Anwalt, der neben ihm sitzt.) Dass ich ab 1998 keinen Kontakt mehr hatte, das ist so. Ich hatte ja keinen direkten Kontakt mehr.
Götzl Lassen wir es mal so stehen. Was war der Grund, dass Sie bei der Polizei nichts sagen wollten?
Kapke Das ist ja auch eine rechtliche Frage. Man ist mit Sachen konfrontiert, die für mich unvorstellbar waren. Ich hatte meinen Anwalt konsultiert. Es geisterte ja viel durch die Presse, dass ich da involviert wäre.
Götzl Dann ist jetzt die Frage, wie kam es nach der Durchsuchung zum Kontakt mit Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe?
Kapke Ich kann Ihnen nicht sagen, wie der Ablauf war. Es ist halt so und ich hab dazu keine konkreten Abläufe. Es war halt so und dann gut.
Götzl Es geht um den ersten Kontakt danach.
Kapke Ich kann Ihnen nicht sagen, so drei Tage später hat jemand angerufen. Ich hab da nichts. Ich könnte Ihnen nicht mal sagen, welche Telefonzelle das war. Das waren eben die Informationsketten, dass diese Telefonzellen genutzt worden sind.
Götzl Die Frage bleibt: Woher wussten Sie, dass Sie zu einer bestimmter Zeit an einer bestimmten Telefonzelle sein sollten? Das sollen Sie mir beantworten!
Kapke Ich weiß es nicht. Es kann durchaus sein, dass mir das der Uwe gesagt hat, als er weggefahren ist, aber ich weiß es nicht. Ich hab dazu keine Erinnerung.
Götzl Haben Sie mal Geld überbracht?
Kapke Ich kann’s Ihnen nicht sagen.
Götzl Haben Sie mal Geld bei Frau Böhnhardt abgeholt?
Kapke Da hab ich keine Erinnerung, dass ich das gemacht habe.
Götzl Frau Böhnhardt hat gesagt, dass Sie mindestens bei einer Gelegenheit Geld für die drei entgegengenommen haben.
Kapke In meinen Erinnerungen habe ich sie einmal gesehen in all den Jahren, ansonsten hab ich keine Erinnerung, dass ich da je irgendwas abgeholt habe.
Götzl Ich will jetzt noch mal bei dem System der Telefonzellen bleiben. Wie haben Sie denn gewusst, dass Sie zu bestimmter Zeit da sein sollten?
Kapke Meistens ist das bei einem Gespräch gleich verabredet worden. Wir hatten auch mal eine Dechiffriertabelle, die dann dechriffriert die Zelle und die Uhrzeit ausgegeben hat. Aber, wie gesagt, das ist so lange her.
Götzl Haben Sie nach der Flucht mal mit Frau Zschäpe gesprochen?
Kapke Kann ich nicht sagen. Aber ich nehme es an.
Götzl Ging es mal um das Thema Pässe?
Kapke Ist anzunehmen.
Götzl Wieso?
Kapke Ja, weil das dann ja Thema war. Aber was wir da genau gesprochen haben – das hab ich nicht.
Götzl Für wen sollten Sie Pässe besorgen?
Kapke Für die drei. Drei Pässe.
Götzl Hatten Sie Lichtbilder?
Kapke Irgendwann kamen Lichtbilder. Aber ich habe keine Ahnung (lacht). Ich hab da extrem viele große Lücken. Die groben Abläufe kann ich noch sagen, aber Detailfragen …
Götzl Wie gedrängt hat das denn mit den Pässen?
Kapke Es wird schon so gewesen sein: Ewig soll’s nicht dauern. Ich hab da keinen zeitlichen Ablauf.
(Kapke sagt, er habe schließlich leere Ausweispapiere erhalten, für die er 1000 oder 1500 D-Mark bezahlt haben will. Wer sie ihm gab, sagt er nicht.)
Götzl: Was will man mit leeren Pässen?
Kapke Ich dachte, wie sagt man so schön: Lieber einen Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach.
Götzl Schauen Sie, Herr Kapke, die Situation ist die: Die drei sind untergetaucht, wie soll es weitergehen? Sie sind einer der Handelnden. Wer war denn noch mit dieser Situation beschäftigt, mit wem haben Sie sich ausgetauscht?
Kapke Ich meine, dass ich mit Ralf drüber geredet habe, und weiß genau, dass ich mit Brandt drüber geredet habe. (Er meint Ralf Wohlleben und Tino Brandt.) Definitiv hab ich mit Brandt drüber geredet. Ich weiß nicht, ob da jemand mit war.
Götzl Haben Sie denn den Stand den dreien mitgeteilt?
Kapke Wäre logisch, ja. Nehmen Sie’s mir nicht übel, ich weiß es nicht mehr. Aber für mich erscheint das logisch. Na klar, das betrifft sie ja.
(Bevor die Befragung Kapkes weitergeht, stellen Zschäpes Verteidiger einen Befangenheitsantrag gegen einen der Richter.)
Verteidiger Heer Unsere Mandantin lehnt Herrn Richter Dr. Peter Lang wegen Besorgnis der Befangenheit ab. Unmittelbar vor Beginn der Verhandlung um 9.47 Uhr betrat der abgelehnte Beisitzende Richter den Sitzungssaal und trug einen Aktenordner, beschriftet mit »HV NSU«. Indem der abgelehnte Richter entweder selbst diese Beschriftung gemacht hat oder sichtbar werden ließ, verdeutlicht er, dass er unserer Mandantin gegenüber nicht unvoreingenommen ist. Ein Mitglied des Senats darf angesichts des Gebots der Unparteilichkeit das Bestehen einer terroristischen Vereinigung namens NSU nicht als erwiesen erachten. Sonst macht er sich die massive Vorverurteilung unserer Mandantin in der Öffentlichkeit und durch staatliche Stellen zu eigen.
(Der Antrag wird an einem der folgenden Tage zurückgewiesen, da mit der Aufschrift »HV NSU« – gemeint ist »Hauptverhandlung NSU« – keine Vorverurteilung verbunden sei. Vielmehr handle es sich um eine stichwortartige Angabe des Prozessgegenstands. Die Befragung des Zeugen Kapke wird fortgesetzt.)
Götzl Gab es beim »Thüringer Heimatschutz« eine Diskussion über Gewaltanwendung?
Kapke Ja, das gab es ständig, was ja legitim ist. Man musste ständig damit rechnen, dass man angegriffen wurde von linker Seite. Aber zumindest ich persönlich kann mich an keine Diskussion in Richtung bewaffneter Kampf erinnern. Mag sein, dass da was gestreift wurde, aber das kam für mich sowieso nicht infrage.
Götzl Wer hat denn welche Position vertreten?
Kapke Sicherlich gab es Leute, die offensiver vorgehen wollten. Eine direkte Diskussion oder Planung, also nee, daran kann ich mich nicht erinnern. Es gab natürlich immer mal Leute, die sagten, man müsste Zellen bilden und blabla.
Oberstaatsanwalt Weingarten Das »Pogromly«-Spiel ist Ihnen ja bekannt. Haben Sie das mal gespielt?
Kapke Ja, aber das ist schon ewig her.
Oberstaatsanwalt Weingarten Geht es in dem Spiel um die paraindustrielle Vernichtung von Juden?
Kapke Was mir noch in Erinnerung ist: Die Bahnhöfe wurden durch KZs ersetzt.
Oberstaatsanwalt Weingarten Wer hat das Spiel produziert?
Kapke Vom kreativen Faktor nehme ich an, der Mundlos.
Oberstaatsanwalt Weingarten Sagt Ihnen der Name Schultze etwas?
Kapke Schultze gibt’s ja nun wie Sand am Meer.
Oberstaatsanwalt Weingarten Carsten Schultze.
Kapke Ja. Den hab ich öfters mal gesehen. Er hat damals angefangen, ich will’s mal so nennen, sich politisch zu engagieren.
Oberstaatsanwalt Weingarten Und konkret: Unterstützung der Untergetauchten?
Kapke Da kann ich nichts zu sagen.
Oberstaatsanwalt Weingarten Wissen Sie, ob er Aktivitäten entfaltet hat, den Untergetauchten zu dienen?
Kapke Es hat mir der Tino Brandt mal mitgeteilt, dass der Schultze mal auf ihn zugegangen sei. Und ich glaube, dass ich gesagt habe, dass mir das zu viele Leute sind, die involviert sind.
Oberstaatsanwalt Weingarten Der Angeklagte Carsten Schultze sagt, er sei von Wohlleben und Kapke angesprochen worden, den drei Untergetauchten zu helfen. Da fällt jetzt Ihr Name, Herr Kapke!
Kapke Ich kann mich nicht daran erinnern.
Oberstaatsanwalt Weingarten Ich würde Ihnen mal den Rat geben, sich einen Ruck zu geben.
Kapke Noch mal: Ich kann mich an dieses Gespräch nicht erinnern. Punkt. Aber es wird schon so sein, dass ich mit dem Ralf über verschiedene Dinge gesprochen habe. Ich will es nicht ausschließen.
Oberstaatsanwalt Weingarten Da haben wir doch schon was. Ich bitte jetzt, Ihre Erinnerung zu schärfen: Haben Sie mit Wohlleben über die Einbindung Dritter gesprochen?
Kapke Wir drehen uns im Kreis. Ich habe daran keine Erinnerung mehr. Gut möglich.
Oberstaatsanwalt Weingarten Weil die Hilfe für Untergetauchte so etwas ist wie jeden Morgen frühstücken? Ich glaub Ihnen das nicht! (Atmet tief durch.) Hat eigentlich Herr Wohlleben schlecht über Sie gesprochen in Verbindung mit der Veruntreuung von Geldern?
Kapke Nein, das war nicht so. Es gab Höhen und Tiefen wie in jeder Freundschaft.
Oberstaatsanwalt Weingarten Ist ein Tief gewesen der Vorwurf, dass Sie Geld, das für die Untergetauchten bestimmt war, 1998 in die eigene Tasche gewirtschaftet haben?
Kapke Da kann ich mich nicht erinnern.
Oberstaatsanwalt Weingarten Das hätte mich auch gewundert.
Tag 85
18. Februar 2014
Manfred Götzl, Richter. Winfried T., 44, Helmut S., 46, Kriminalbeamter aus Saarbrücken, BKA-Mitarbeiter. Torsten W., 39, Kriminalbeamte des BKA in Meckenheim. Wolfgang Stahl, Verteidiger von Beate Zschäpe.
Winfried T. Mein Themenbereich war, den Aufenthalt der drei Personen, die untergetaucht waren, zu erhellen. Insgesamt sieben Wohnungen konnten dem Trio zugeschrieben werden. Vier Wohnungen im Bereich Chemnitz, drei weitere in Zwickau. Wir haben keine Lücken zwischen den Wohnungsnahmen festgestellt, alle Wohnungen wurden überlappend angemietet. Es wurde immer ein bisschen größer. Erst haben sie mit anderen zusammengewohnt, später hatten sie eigene Wohnungen.
(Der Zeuge geht nun ausführlich auf die verschiedenen Wohnungen ein.)
Am 1. März 2008 wurde der letzte Wechsel vollzogen. Herr Dienelt hat die Wohnung in der Frühlingsstraße in Zwickau angemietet und sofort einen Untermietvertrag geschlossen mit Max-Florian B. Zwei Einzelwohnungen, die zusammengelegt wurden. Die das erste Obergeschoss der Frühlingsstraße 26 komplett umfassten. Die Personen baten um entsprechende Veränderungen der Wohnung. Durchbruch, Abhängen der Decken. Dem wurde zugestimmt.
(Der Zeuge wird entlassen, Zschäpes Anwalt Wolfgang Stahl gibt eine Erklärung ab.)
Verteidiger Stahl Die Bundesanwaltschaft behauptet, dass die drei gemeinsam in verschiedenen Wohnungen zu dritt gelebt haben. Daran knüpft sie auch einige rechtliche Schlussfolgerungen. Auf die heutige Beweisaufnahme wird man die Behauptung kaum stützen können. Es wurden keine Tatsachen präsentiert, die darauf schließen lassen, dass Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt durchgängig gemeinsam gewohnt haben.
(Der nächste Zeuge ist der Beamte Helmut S.)
Götzl Sie haben für das Bundeskriminalamt das Spiel »Pogromly« ausgewertet. Was können Sie dazu sagen?
Helmut S. Es handelt sich um eine abgewandelte Version des bekannten Monopoly-Spiels. Dort, wo im Monopoly-Spiel Häuser gekauft werden können, müssen in »Pogromly« Judensterne abgedeckt werden. Das Ziel des Spiels lautet: eine schöne judenfreie Stadt zu erhalten. So steht es in der Spielanleitung. Die Spielsteine, also die Häuser und Hotels im Monopoly-Spiel, waren selbst gemachte kleine Holzklötzchen. Bahnhöfe wurden in KZs abgewandelt, das Feld »Frei parken« in »Besuch beim Führer«, Wasser- und Elektrizitätswerk in Gaswerk und Arbeitsdienst. Es gab zum Teil menschenverachtende Spielanweisungen. Zum Beispiel: Du hast auf ein Judengrab gekackt. Leider hast du dir hierbei eine Infektion zugezogen. Arztkosten: 1000 Reichsmark.
Götzl Wir sehen uns die Abbildungen jetzt an. Kommen Sie bitte nach vorne. (Auf zwei Wänden des Gerichtssaals erscheinen Bilder von dem Spiel.)
Helmut S. Hier sehen Sie die SS-Zeichen gleich auf dem zweiten Feld. Es folgt das erste KZ-Feld, dann die Städtefelder. Dann das Gemeinschaftsfeld SA. Kleine Klötzchen, mit denen man den Davidstern abdecken konnte. Ich lese nun einzelne Spielkarten vor: Errichte in jeder deiner Städte ein Denkmal für gefallene Soldaten. – Du hast dich unkameradschaftlich verhalten. Zahle eine Strafe von 200 Reichsmark. – Dein Gauleiter gibt dir eine kleine Anerkennung für Treue und Mut: 1000 Reichsmark. – Strafe für zu mildes Handeln gegen roten Terror: 3000 Reichsmark. – Mache eine Inspektion im KZ Buchenwald. Wenn du über Start kommst, ziehe 4000 Reichsmark ein. Daneben gab es noch SS-Karten, das entspricht im Monopoly-Spiel den Ereigniskarten. Ich lese einige Karten vor: Du hast deinen Kameraden geholfen. Zum Dank zahlt dir jeder 1000 Reichsmark. – Wiedergutmachungszahlung. Juden müssen für Verbrechen am deutschen Volk zahlen. Du erhältst 400 Reichsmark. – Dir ist es gelungen, eine Horde roter Zecken mithilfe eines Maschinengewehrs abzuwehren. Du erhältst eine Prämie von 2000 Reichsmark.
Götzl Wie viele Spiele wurden sichergestellt?
Helmut S. Eines wurde im Januar 1998 in der Garage von Frau Zschäpe gefunden, ein weiteres bei einer am gleichen Tag durchgeführten Durchsuchung in Frau Zschäpes Wohnung, unter der Couch. Jürgen Helbig (Er sagte am Tag 112 aus.) sagte, ihm seien 20 Spiele übergeben worden. Er habe die Spiele verkauft und das Geld Wohlleben, Kapke oder Carsten Schultze gegeben. Tino Brandt sagte, er habe von dem Trio fünf Spiele erhalten. Mit den beiden Spielen, die bei den Durchsuchungen sichergestellt wurden, kommt man so schon auf 27 Spiele. Ihr Verbleib ist größtenteils unbekannt.




