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(Der nächste Zeuge ist der BKA-Beamte Torsten W. Es geht um Enrico Theile und Jürgen Länger und den Weg der Česká zum NSU.)
Torsten W. Grundlage der Ermittlungen gegen Theile und Länger war die Aussage von Andreas Schultz im Februar 2012. Er sagte, die Waffe, die er Carsten Schultze verkauft habe, sei von Länger gekommen. Wir haben dann festgestellt, dass Länger Kontakt zu Theile hat. Und Theile war uns schon im Zusammenhang mit Waffenermittlungen gegen den Schweizer Hans-Ulrich Müller aufgefallen. Theile war Müllers engste Kontaktperson. 2004 wurde in Theiles Fahrzeug ein Schießkugelschreiber gefunden. Das war die Ausgangsbasis, um bei Theile und Länger im April 2012 Durchsuchungen durchzuführen und sie zu vernehmen. Anfang der Neunzigerjahre war Theile mit Uwe Böhnhardt in einer Gruppe, die Fahrzeugdiebstähle gemacht hat. Theile ist mehrfach vorbestraft.
Götzl Was können Sie zu einem Schweizer Rechtshilfeersuchen sagen?
Torsten W. Ich weiß aus den Akten, dass die Česká-Tatwaffe am 11. April 1996 vom Waffengeschäft Schläfli & Zbinden an Peter Anton G. versandt wurde. G. hat gesagt, er habe die Waffe an Müller verkauft. Müller soll gesagt haben, er werde sie in Deutschland verkaufen, da es dort bestimmte Kreise gebe, die Interesse an Waffen hätten. Müller hat das bestritten, aber eingeräumt, allgemein mit Waffen gehandelt zu haben.
Götzl Was haben die Durchsuchungen bei Herrn Theile ergeben?
Torsten W. Es wurden elf Handys und SIM-Karten sichergestellt, auf sieben Karten war die Nummer von Länger abgespeichert, auf acht die von Müller und auf zwei Karten die Nummer von Frank Liebau vom Madley. Dann haben wir noch 4000 Euro in Briefumschlägen sichergestellt. Theile hat gesagt, dass er das Geld abgehoben hat, als, so wörtlich, die Nazisache hochgekommen ist. Er habe befürchtet, dass er wegen der Sache inhaftiert werde. Er will das Geld fürs Gefängnis abgehoben haben. Er sagte, er habe damit gerechnet, dass herauskommt, dass er Böhnhardt und Müller kannte. Müller sei ja mal in Deutschland wegen Waffen festgenommen worden. Und dass er die Waffe auf einem Fahndungsplakat erkannt hat, hat er gesagt. Als er dann im Fernsehen das brennende Wohnmobil sah und hörte, dass Waffen gefunden wurden, habe er gleich an Böhnhardt gedacht. Das war eine relativ bemerkenswerte Aussage.
Götzl Und was können Sie uns über Jürgen Länger berichten?
Torsten W. Länger war von März bis Dezember 1993 inhaftiert. Ab April war er in der JVA Hohenleuben, wo zu dem Zeitpunkt auch Sven Rosemann und Uwe Böhnhardt waren. Laut JVA war auch Theile dort von Anfang November bis Anfang Dezember inhaftiert. Böhnardt und Rosemann haben sich da kennengelernt. Und Theile und Länger sollen in einer Zelle gewesen sein. Es liegt also nahe, dass sich auch Länger und Böhnhardt dort begegnet sind.
Tag 86
19. Februar 2014
Manfred Götzl, Richter. Norbert V., 47, war früher Kriminalbeamter beim LKA Thüringen, jetzt beim BKA. Carsten Schultze, Angeklagter.
(Der Zeuge soll über die Durchsuchung bei Beate Zschäpe am 26. Januar 1998 in Jena berichten. Zschäpe war damals nicht anwesend, sondern bereits auf der Flucht.)
Norbert V. Um circa 15.30 Uhr konnten wir die Wohnung in der Schomerusstraße 5 betreten. Soweit ich mich erinnere, war sie nicht allzu groß. Wir stellten verschiedene Gegenstände im Wohnzimmer fest: ein Diabolo, einen Revolver, ein Luftdruckgewehr mit Zielfernrohr, beides CO2-betrieben. Weiter einen Wurfstern, eine Art Jagdmesser, ein Buschmesser, und dann war da noch ein Morgenstern. In der Wohnung befand sich auch ein Brettspiel, »Pogromly« stand darauf. Das Spiel befand sich unter einem Dreisitzer im Wohnzimmer.
Götzl Es heißt hier noch, es sei auch eine Zwille gefunden worden.
Norbert V. Ja, das ist richtig. Und an der Wand war auch eine Armbrust. Dort befanden sich nach meiner Erinnerung fünf Pfeile. (Bilder von der Wohnung werden gezeigt.)
Norbert V. Dieses Bild zeigt eine Übersichtsaufnahme, rechts befanden sich die an der Wand festgestellten Waffen. Nach meiner Erinnerung waren auch ein Bild mit einem Hakenkreuz und eine Reichskriegsflagge zu sehen. (Der Zeuge verlässt den Saal. Nun wendet sich der Richter an Carsten Schultze, der angegeben hatte, er sei im Auftrag der Untergetauchten nach deren Flucht in Zschäpes Wohnung eingebrochen, um Unterlagen herauszuholen.)
Götzl Dann kommen wir zu Ihnen, Herr Schultze: Gibt es von Ihnen noch Ergänzendes zu berichten zur Wohnung in der Schomerusstraße?
Schultze Nein.
Götzl Welchen Weg haben Sie damals genommen?
Schultze Das Treppenhaus hoch.
Götzl Und die Tür? Wie sind Sie reingekommen?
Schultze Gegengetreten. Mehrmals. Das ganze Haus hat gescheppert. Ich weiß nur noch, dass ich Aktenordner mitgenommen habe. Mindestens drei würde ich sagen, maximal vier.
Tag 87
20. Februar 2014
Manfred Götzl, Richter. Max-Florian B., 36, Steinmetz-Meister. Er hatte das untergetauchte Trio zeitweise bei sich am damaligen Wohnort in Chemnitz aufgenommen. Jörn P., 44, Kriminalbeamter aus Gotha. Christian V., 34, Kriminalbeamter beim BKA. Wolfgang Stahl, Verteidiger von Beate Zschäpe.
(Der Zeuge Max-Florian B. hat zwar recht umfangreich bei der Polizei ausgesagt, beruft sich nun aber, da noch ein eigenes Ermittlungsverfahren gegen ihn läuft, auf das Auskunftsverweigerungsrecht. Uwe Mundlos hat sich im Untergrund als Max-Florian B. ausgegeben und einen entsprechenden Pass benutzt, wobei das Lichtbild Mundlos zeigte.)
Götzl Sind dann noch Fragen an den Zeugen? (Niemand meldet sich). Auf Wiedersehen.
(Es folgt einer der Beamten, die B. nach Entdecken des NSU am 7.11.2011 vernom men haben. Er wird hilfsweise gehört, um die Erkenntnisse aus der Vernehmung in den Prozess einzuführen.)
Jörn P. Der Herr B. war sehr aufgeregt oder angespannt. Wir haben ihm Bilder vorgelegt. Es ging um eine Kopie eines Passes, die ihm vorgelegt worden ist – wo sein Name drinstand, wo er aber gleich sagte, dass weder Körpergröße noch Augenfarbe übereinstimmen würden. Ansonsten ist noch herausgearbeitet worden, dass er Ende der Neunziger mal vorübergehend eine Frau und einen Mann bei sich aufgenommen habe – wobei er die Frau auch auf einem Foto erkannt hat. Der Mann auf dem Bild in dem Pass sei der Freund der Beate, der damals auch bei ihm übernachtet habe.
Verteidiger Stahl Sie sagten, dass er sehr aufgeregt gewesen sei. Wie hat sich das bemerkbar gemacht?
Jörn P. Die Kollegen haben ihn bei der Arbeitsstelle abgeholt. Da war er sehr aufgeregt, aber das ist für uns eine typische Situation bei Durchsuchungen. Er ist sichtlich in sich zusammengebrochen. Er hat dann in der Küche gesessen. Es ging um die rechte Szene, mit der er seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Mein Gefühl war, dass ihn die Vergangenheit einholte.
(Auch der nächst Zeuge war bei der Vernehmung B.s dabei.)
Christian V. Er war sehr aufgewühlt, es hat viele Überlegungspausen gegeben, es hat sich lange hingezogen. Zu Beginn sind wir aufs Persönliche eingegangen. Er berichtete von einer Fahrt nach Ungarn, dort ist er mitgefahren. Seine damalige Freundin Mandy Struck habe in der Zeit drei Personen bei ihm übernachten lassen. Er hat diese Personen dann auch kennengelernt, die Frau, so hat er sich erinnert, habe Beate geheißen. Er habe damals bei seiner Freundin gewohnt, und die drei allein in seiner Wohnung. Nach einem Monat hat er sich von Mandy Struck getrennt und ist wieder in seine Wohnung gezogen, wo sie dann für etwa einen Monat zu viert gelebt hätten. Das war die Grundsituation. Dann kamen wir relativ zügig zur Beschaffung des Reisepasses. Der intellektuellere Uwe – es wurde dann klar, dass das Mundlos war – hat an ihn herangetragen die Bitte, dass B. seinen Personalausweis zur Verfügung stellt, damit Mundlos damit einen Reisepass beantragen kann.
Eine Flucht ins Ausland, so B., sei Thema gewesen. Er habe dann seinen Ausweis zur Verfügung gestellt. Er war froh, als es im April zum Auszug kam und die drei seine Wohnung verlassen haben, weil ihm das alles zu viel wurde. Zunächst sagte er uns, dass die drei umgezogen seien in eine Plattenbausiedlung. Er sagte, es wäre schon noch zu regelmäßigem Kontakt gekommen, etwa ein, zwei Mal im Jahr habe ihn Mundlos angerufen und ein allgemeines Gespräch geführt. Er konnte nur relativ genau noch den letzten Anruf benennen, das war wohl Frühjahr/Sommer 2011. Zuerst habe er die drei im Jahr 2003 in Zwickau besucht, er sei auf Einladung von Herrn Mundlos gekommen. Dort habe er einen normalen Besuch abgestattet. Da hätten sie auch über den Pass gesprochen. Mundlos soll wohl gesagt haben, der Pass ist weg, und dass die Taten verjährt wären, man sich in Gesprächen befände mit Anwälten, es den dreien aber zu peinlich sei, wieder zurückzugehen nach allem, was passiert sei. Auffällig war, dass man sich in der Straße getroffen hat und dann hingelaufen ist zur Wohnung. 2004/05 habe es ein weiteres Treffen in Radebeul gegeben, dort sind die beiden Uwes zu Besuch gekommen, man hat Kaffee getrunken, sie seien normal gekleidet gewesen. Auffällig war wohl, dass viele Fragen zu seiner, B.s, Situation gestellt wurden. 2009/10 war der letzte Besuch, in der Wohnung des B. in Dresden. Sie seien wieder normal gekleidet gekommen, ohne Gepäck, ihm war es wichtig, dass seine Lebensgefährtin und die Kinder nicht anwesend sind. Man habe sich in der Küche getroffen und Kaffee getrunken und sich unterhalten. Ich meine, es sollen auch Geschenke für die Kinder mitgebracht worden sein. Nach der Ausweisgeschichte haben wir bei der Vernehmung ein Asservat vorgelegt, seine in der Frühlingsstraße aufgefundene Geburtsurkunde. Dort war ein Kurzlebenslauf notiert, Daten der Kinder, ich meine sogar Führerscheinnummer und Ähnliches. B.s Reaktion war relativ geschockt, er könne das nicht erklären. Aber er meinte dann, dass bei den Gesprächen die Daten abgefragt worden sein könnten.
Götzl Ging es mal um die Thematik Konto?
Christian V. Ja, es ging darum, dass ihm bewusst war, dass es bei der Commerzbank ein Konto auf seinen Namen gab, das nicht von ihm eingerichtet worden war. Darüber sei wohl eine Wohnung angemietet worden. Er habe Mundlos aufgefordert, das Konto zu kündigen.
Götzl Hat auch das Thema Waffen eine Rolle gespielt?
Christian V. Ja, er hat das, meine ich, eigeninitiativ erzählt, dass er mal in den ersten beiden Monaten eine Waffe in der Tasche der beiden gesehen hat. Er beschrieb einen kleinen, halb gebogenen Griff, er habe aber aus Angst nicht weiter nachgefragt.
Ich weiß noch, dass er deutlich aufgeräumter wirkte am zweiten Tag der Vernehmung. Er hat ohne Nachfrage angegeben, dass ihm klar wurde, dass er eine Art Doppelleben geführt habe, dass er sich ein Konstrukt aufgebaut habe. Er sei bestürzt, was in seinem Namen für Taten begangen worden seien. Im weiteren Verlauf sind wir auf seine damalige Freundin Mandy Struck eingegangen. Sie sei in der rechten Szene gewesen. Eine Unterbringung der drei bei anderen, vermutete er, hätte zu auffällig sein können. Und dass er als Neuling deshalb ausgewählt worden sein könnte. Wir haben über André Eminger gesprochen, und er meinte, er habe ihn auf einem Konzert kennengelernt – und dass Herr Eminger auch wusste, dass die drei bei ihm in der Wohnung lebten. Er sagte, zu Herrn Eminger habe er früher freundschaftlichen Kontakt gehabt, das sei 2000/2001 eingeschlafen. Er konnte dann noch eine SMS hervorholen, das war, glaube ich, eine Weihnachts-SMS 2010. Die hat ihm von der Wortwahl her nicht gefallen, dass er gar nicht drauf geantwortet hat. Im Frühjahr/Sommer 2011 habe Eminger ihn angerufen und um ein Treffen gebeten. Das hat B. seinen Angaben zufolge abgeblockt, weil er das nicht wollte. Eminger habe wohl gefragt, ob er noch Kontakt habe zu Leuten von früher, das habe B. verneint. B. hat noch erklärt, dass er beschämt sei über das, was passiert sei, und alles erzählen wolle, was er wisse. Er hatte bei seinen Vernehmungen auch nie einen Anwalt dabei.
Tag 88
25. Februar 2014
Manfred Götzl, Richter. Ingeborg H., 60, betreibt in Chemnitz eine Wohnmobilvermietung. Karsten R., 45, Kriminalbeamter in Kassel. Steffen B., 49, Kriminalbeamter beim LKA Thüringen.
Götzl Es geht uns um Wohnmobilvermietungen an eine Person namens Gerlach. Was können Sie berichten?
Ingeborg H. Wir haben durch die Polizei erfahren, dass dieser Holger Gerlach bei uns jahrelang Reisemobile gemietet hat.
(Laut den Ermittlungen wurden die Wohnmobile von Uwe Böhnhardt unter Gerlachs Namen angemietet.)
Götzl Erzählen Sie einfach mal weiter.
Ingeborg H. Es war für uns ein völlig unauffälliger schüchterner Mann. Wir hätten nie vermutet, dass dieser Mann so einen Hintergrund hat. Die Fahrzeuge kamen immer ordentlich zurück. Nur einmal ist ein Wohnmobil unsauber und schmutzig zurückgekommen. (Es war am 27. April 2007, zwei Tage nach dem Mord an Michèle Kiesewetter. Das Wohnmobil ist am Tattag 20 Kilometer vom Tatort in Heilbronn entfernt bei einer Ringfahndung registriert worden, was aber erst viel später auffiel.) Wir hatten keinen Anlass, Misstrauen zu haben.
(Der nächste Zeuge ist ein Beamter, der über die Vernehmungen des Irakers Hamadi S. aussagen soll, der am 6.4.2006 während des Mordes an Halit Yozgat in dessen Internetcafé in Kassel telefonierte und von dem Mord nichts mitbekommen haben will. Das Gericht hat vergeblich versucht, S. selbst vorzuladen. Er soll wieder im Irak leben, die Adresse war nicht zu ermitteln. Der Beamte hatte S. im Jahr 2006 befragt.)
Karsten R. Ich habe Hamadi S. am Tattag gegen 21 Uhr vernommen. Er hat angegeben, dass er 2001 wegen eines Asylantrags nach Deutschland gekommen sei, im Irak hätte er Ökonomie und Verwaltung studiert und in einem Supermarkt gearbeitet. Er hat recht gut Deutsch gesprochen, nicht fließend, aber recht gut. Zu dem Sachverhalt hat er angegeben, dass er die Nacht bei seiner Cousine verbrachte, er hatte ein Probearbeitsverhältnis unweit des Tatorts in Aussicht. Mittags wollte er telefonieren, er hat den Arbeitgeber gefragt, ob er von dort telefonieren könnte. Der gab den Hinweis auf den Telefonladen. Dort sei er mittags hingegangen und hat die Cousine angerufen. Da war der Vater Yozgat im Geschäft, dann ging der Zeuge wieder zu der Arbeit. Nachmittags ging es mit einem Bekannten aus den Niederlanden um ein Fahrzeuggeschäft. Deshalb ging er noch mal in das Internetcafé. (Der Beamte zeigt an einer Skizze, wo sich S. in dem kleinen Internetcafé aufgehalten haben soll.) Er ist zunächst zu dem Tresen gegangen, das muss kurz vor 17 Uhr gewesen sein, Kabine 3 wurde freigeschaltet. Ein großformatiges Poster nahm ihm die Sicht nach draußen, er hat telefoniert und stand mit dem Rücken zu dem späteren Tatgeschehen. Er hat insgesamt vier Mal telefoniert. Er hat geschildert, dass er unheimlich beschäftigt war mit dem Code der Telefonkarte. Er hat dann von Knallgeräuschen, wie vom Platzen eines Luftballons, gesprochen. Ein dumpfes Geräusch auch. Er war darauf aufmerksam geworden, hat aus den Augenwinkeln eine Person gesehen und gemeint – sicher war er nicht –, dass diese aus dem Internetcafé rausging. Diese Person beschrieb er als circa 1,80 Meter groß, kräftig und mit heller Kleidung, eventuell langhaarig. Als er mit den Telefonaten fertig war, konnte er keine Person mehr feststellen. Er hat angegeben, circa einen bis 1,50 Meter vom Tresen weg gewesen zu sein, auf dem Tresen sei ihm auch nichts aufgefallen. Er sei dann in den hinteren Bereich des Ladens gegangen. Er hatte Stimmen dort vernommen. Er hat nach dem Inhaber gefragt, die andern Kunden wussten es nicht. Er sei dann nach vorne gegangen, dann sei Yozgat senior gekommen, den hat er gefragt, der sagte, der Sohn müsste da sein – und erst Yozgat senior hat den Sohn dann aufgefunden. Ob er denn da gar nichts gesehen hätte, fragten wir. Er sagte, er habe gar nichts gesehen. Den Verstorbenen habe er nicht gesehen.
Götzl Haben Sie gefragt, ob er Blut gesehen hat?
Karsten R. Er sagte, er hätte das nicht gesehen. Herr S. ist nicht sehr groß, Augenhöhe 162 cm. Von daher halte ich es nicht für unwahrscheinlich, dass er tatsächlich nichts gesehen hat hinter dem Tresen. Es kann tatsächlich so gewesen sein.
(Auch der nächste Zeuge ist ein Beamter, der eine Vernehmung bei der Polizei schildern soll; in diesem Fall die Vernehmung von Andreas Schultz, der als Kompagnon von Frank Liebau einen rechten Szeneladen in Jena betrieb und bei der Polizei gestanden hat, eine Waffe verkauft zu haben, mutmaßlich die Česká-Pistole. Schultz hatte an Tag 79 vor Gericht von seinem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch gemacht.)
Steffen B. Herr Schultz schilderte kurz seine Vita. Ihm wurde vorgehalten, dass er Ralf Wohlleben eine Waffe besorgt habe. Er äußerte sich, dass das nicht stimme. Allerdings habe Wohlleben ihn zusammen mit einem Begleiter nach einer scharfen Waffe gefragt, er habe sie an die Jugoslawen in der Spielothek verwiesen. Die könnten ihnen eine Waffe besorgen. Während der Vernehmung ist er ermahnt worden, bei der Wahrheit zu bleiben. Daraufhin sagte er nach Bedenkzeit: Ich hab dem die Scheißknarre besorgt. Ja, es sei richtig, Wohlleben sei im Laden gewesen. Als die Waffe dann da war, habe er sie dem Begleiter von Wohlleben für 2000 Mark übergeben, es sei eine Waffe osteuropäischer Herkunft gewesen, und eine Schachtel mit circa 50 Patronen sei dabei gewesen. Er habe sie dem Carsten Schultze, in ein Tuch eingewickelt, im Pkw übergeben, damit war das Geschäft für ihn erledigt. Dies sei 1999 oder 2000 gewesen.
Götzl Wie verhielt sich Andreas Schultz während der Vernehmung?
Steffen B. Ihm war die Sache sichtlich unangenehm, er verhielt sich kooperativ, das hat ihn aber nicht davon abgehalten, uns zunächst zu belügen.
Götzl Fiel der Name Frank Liebau?
Steffen B. Auf Nachfrage sagte er, Wohlleben sei erst bei Liebau gewesen, und der habe Wohlleben an ihn verwiesen.
Götzl Hat er den Carsten Schultze bei der Lichtbildvorlage erkannt?
Steffen B. Er hat ihn, ohne dass er den Namen wusste, erkannt. Damals wäre er rumgelaufen wie ein Hitlerjunge, mit Scheitel und kurzen Haaren und braunem Hemd.
Götzl Hat er die Waffe beschrieben?
Steffen B. Er konnte sich erinnern, dass da entweder ein tschechischer Aufdruck war oder etwas in kyrillischen Buchstaben.
Götzl Welchen Betrag haben Sie in Erinnerung? Sie sagten vorhin 2000 Mark.
Steffen B. 2500 D-Mark vom Abholer.
Götzl Was hat er jetzt an der Waffe verdient?
Steffen B. Ich denke, 500 Mark. 2000 D-Mark hat er bezahlt und für 2500 D-Mark hat er sie weitergegeben.
Götzl Ist denn nach den Angaben von Herrn Schultz über den Verwendungszweck der Waffe gesprochen worden?
Steffen B. Nach seinen Angaben nicht. Er habe auch nicht danach gefragt. Aber er hat deutlich zum Ausdruck gebracht, dass eine scharfe Waffe besorgt werden sollte und keine Spielzeugwaffe. Die Frage, ob Frank Liebau Wohlleben an ihn vermittelt habe, hat er bejaht. Er sagte auch, dass Liebau nichts von dem Geschäft wusste und von ihm auch nichts über die Waffenbeschaffung erfahren habe. Und Schultz sagte, das es die einzige Waffe gewesen sei, die er jemals verkauft oder besorgt hat.
Tag 89
26. Februar 2014
Manfred Götzl, Richter. Mandy Struck, 38, Friseurin aus Schwarzenberg.
(Auf der Zuschauertribüne hat Karl-Heinz Statzberger Platz genommen, ein verurteilter Münchner Rechtsterrorist, der zu einer Neonazi-Gruppe gehörte, die 2003 einen Anschlag auf die Grundsteinlegung für das Jüdische Gemeindezentrum in München plante. Als Zeugin tritt Mandy Struck auf. Richter Götzl belehrt sie, dass sie ein Auskunftsverweigerungsrecht habe, weil gegen sie ermittelt werde.)
Struck Ich möchte gerne aussagen.
Götzl Es geht uns um Kontakte, die Sie zu Frau Zschäpe, Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos in Chemnitz hatten.
Struck Es ist schon sehr lange her. Im Frühjahr 1998 hat jemand bei mir an der Tür geklingelt und gefragt, ob drei Leute bei mir schlafen können, die hätten Scheiße gebaut. Ich wollte die nicht bei mir haben. Da ist mir der Einfall gekommen, dass Max`Wohnung ja frei ist, weil er eh bei mir schläft. (Sie meint Max-Florian B., ihren damaligen Freund.) Ich habe Max gefragt, ob das in Ordnung ist. Ich bin der Meinung, dass er bei mir war. Aber er hat ausgesagt, er sei auf einem Konzert gewesen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich fremde Leute bei ihm einquartiere, ohne ihn zu fragen. Ich kannte die drei nicht. Ich habe sie erst in Max’ Wohnung kennengelernt, ein, zwei Tage später. Das war komisch. Ich wusste nicht: Wer steht da jetzt vor mir. Die haben einen sehr friedlichen, netten Eindruck gemacht. Einer sah nett aus, einer sah böse aus. Der hat nie geredet, nicht gelächelt, nur beobachtet und mich mit Blicken durchlöchert. Ich hatte sehr wenig Kontakt zu den dreien.
Götzl Und die dritte Person?
Struck Es war noch ein Mädchen dabei. Die war mir sehr sympathisch – sehr freundlich und aufgeschlossen.
Götzl Wie sah das Mädchen aus?
Struck Klein, Lockenkopf, schulterlanges Haar, piepsige Stimme. Niedlich.
Götzl Jetzt müssen Sie natürlich schon ein bisschen ausholen. Die Identität wird Ihnen nicht genannt. Und dass die Scheiße gebaut haben. Jetzt ist die Frage, weshalb Sie ohne Weiteres die Wohnung von Ihrem Freund Max zur Verfügung stellten. Woher kannten Sie den Nachfrager?
Struck Da ich selber in der rechten Szene war, war das halt ein Kamerad von mir. Ich stand auch schon mal auf der Straße, da wurde mir auch ein Platz gegeben, ohne dass man fragt, warum, weshalb, wieso.
Götzl Hat der Kamerad denn gesagt, dass die drei aus der rechten Szene waren?
Struck Er hat gesagt: Kameraden.
Götzl Wie lange waren Sie in der rechten Szene?
Struck Na, es war ja eine reine Skinhead-Szene damals. Geschorene Köpfe, Bomberjacke, Konzerte, bis sich das halt mal später mehr auf Politik kristallisiert hat, dass man auch auf Demos gegangen ist. Einfach Partyspaß erst mal. Mit Politik hatte das am Anfang nichts zu tun.
Götzl Von welcher Zeit sprechen Sie?
Struck 1994, x’95, wo ich halt meine Lehre gemacht hab. Ich habe mich angepasst, den Kopf rasiert, bin dann genauso rumgelaufen wie die andern auch.
Götzl Wer waren jetzt Ihre hauptsächlichen Bekannten?
Struck Skinheads.
Götzl Wer?
Struck Ja, mein Freund. Mir fallen jetzt gar keine Namen ein, so spontan.
Götzl Vielleicht einer oder zwei?
Struck Einer hieß mit Spitznamen Manu, und der Eminger hat bei mir geschlafen.
Götzl Wie lange waren die drei denn in der Wohnung?
Struck Ich gehe mal aus von sechs bis acht Wochen. Ich schätze, ich war etwa fünf Mal da. Einmal, ziemlich am Anfang, ging es Frau Zschäpe sehr schlecht. Sie hatte übelste Bauchkrämpfe. Also habe ich ihr meine AOK-Karte gegeben. Später dann sollte ich auch noch einen Ausweis für sie abholen.
Götzl Haben Sie sonst noch etwas in Erinnerung?
Struck Dass sie irgendwelche komischen Würfel gebastelt haben für so ein Spiel. Die waren am Feilen und Sägen.
Tag 90
27. Februar 2014
Manfred Götzl, Richter. Mandy Struck, 38, Friseurin aus Schwarzenberg.
(Die Befragung vom Vortag wird fortgesetzt.)
Götzl Jetzt geht es um einen Passantrag. Haben Sie einen Pass abgeholt oder einen Ausweis?
Struck Von den Erinnerungen bin ich mir sicher, dass ich einen Personalausweis abgeholt habe.
Götzl Und wie ordnen Sie das jetzt hier ein? (Zeigt einen Antrag.)
Struck Das ist ein Antrag für einen Reisepass oder wie?
Götzl Ja.
Struck Ich habe aber nur einmal etwas abgeholt.
(Götzl fragt nach ihren Kontakten in die rechte Szene. Struck zählt eine Menge Namen auf. Sie kannte nicht nur Neonazis in Sachsen, sondern auch in Nürnberg.)
Götzl Noch mal zum Aufenthalt der drei in der Wohnung von Max B.. Ist das mal zur Sprache gekommen mit jemandem?




