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Götzl Was meinen Sie damit, er hat versucht, Spielchen mit Ihnen zu spielen?
Bode Wenn wir Informationen von anderen Ämtern hatten, von denen wir meinten, Brandt hätte das auch wissen müssen, haben wir ihn damit konfrontiert. Am Anfang hat er hin und wieder versucht, Infos zurückzuhalten. Es wurde aber besser, weil er erkannt hat, dass es noch andere Quellen gibt. Da hat er sich dann die Peinlichkeiten erspart.
Götzl Sie sprachen von einem Verräterkomplex bei Brandt. Können Sie das näher erläutern?
Bode Ein Verräterkomplex ist bei V-Leuten eine ganz normale Geschichte, im Bereich Linksextremismus noch mehr. Die müssen sich erst daran gewöhnen, mit dem Staat zusammenzuarbeiten, den sie ja eigentlich bekämpfen. Das verursacht eine gewisse Schizophrenie. Lindern tut das nur die finanzielle Zuwendung. Zum Schluss konnte ich den Verräterkomplex bei Brandt nicht mehr wahrnehmen oder nur noch rudimentär. Da hat er völlig unbefangen mit wichtigen Szeneleuten telefoniert und sein Handy laut gestellt, dass ich mithören konnte.
Götzl Wie sah die Bezahlung von Tino Brandt aus?
Bode Brandt war die bestbezahlte Quelle damals. Es gab vielleicht noch eine, die ähnlich gut bezahlt wurde. Brandt war Spitzenverdiener. Die genaue Summe weiß ich nicht mehr. Auslagen wurden separat abgerechnet, 200 bis 400 D-Mark in der Woche. Er bekam auch Sonderprämien, wenn wir zum Beispiel bei Heß-Gedenkmärschen sehr viel von ihm wollten. Als eine Art Motivationsprämie. In welcher Höhe, weiß ich nicht mehr. Geld spielte da nicht die große Rolle. Aber im Vergleich zu anderen Quellen stimmte die Relation.
Götzl Wann haben Sie sich mit Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos befasst?
Bode Die Namen waren uns sehr lange bekannt. Der Thüringer Heimatschutz war unser Beobachtungsobjekt. Und die Protagonisten kannte man natürlich. Die Quelle Brandt war in Saalfeld-Rudolstadt verortet. Es war eigentlich nicht unsere Absicht, die ganze Szene nur mit der Quelle Brandt abzulichten. Nach dem Verschwinden der drei hatten wir keine Zugänge im Bereich Jena, also haben wir uns mit der Quelle Brandt abgemüht, die Spur aufzunehmen. Was natürlich nicht gutgehen konnte, weil Brandt eigentlich nichts mit Jena zu tun hatte.
Götzl Gab es Bemühungen, weitere Quellen anzuwerben?
Bode Ja, es gab immer Bemühungen, Quellen zu werben. Ich habe immer beklagt, dass es keine weiteren Zugänge gab. Eine Quelle ist nur zu kontrollieren, wenn man weitere Quellen hat. Ein Restzweifel blieb immer.
Götzl Wie hat sich Brandt Ihnen gegenüber verhalten?
Bode Er kam mir immer so ein bisschen verschmitzt vor. Er hatte immer so ein Lächeln. Das war eine Mischung aus Unsicherheit und geglaubter Überlegenheit. Das ist ganz schwierig einzuschätzen. Ich glaube, er hat es ein stückweit auch genossen, weil er gewusst hat, wie wichtig er für uns war. Er hatte einen Spieltrieb, wollte immer das neuste Handy haben. Da kam er mir nicht so reif vor, wie er sich politisch immer gegeben hat.
Götzl Was waren die Umstände der Abschaltung?
Bode Der Hauptgrund für die Abschaltung war, dass er wohl in der NPD ein wichtiges Amt übernommen hat. Da ist Dr. Roewer (Helmut Roewer war bis 2000 Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes.) endgültig der Kragen geplatzt. Er wollte, dass Brandt als Quelle abgeschaltet wird. Er wurde zu prominent, um weiter als V-Mann geführt zu werden. Brandt hatte damals noch 6000 D-Mark Schulden bei uns, aus einem Darlehen, das Kollege Wießner ihm vermacht hat. Uns war klar, das Geld sehen wir sowieso nie wieder. Das war dann die Abschaltprämie. (Götzl unterbricht die Befragung. Der nächste Zeuge ist Thomas Rothe.)
Götzl Was machen Sie beruflich?
Rothe Nix.
Götzl Haben Sie einen Beruf gelernt?
Rothe Ich bin Ausbaumaurer.
Götzl Herr Rothe, es geht uns um Ihren Kontakt zu Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt.
Rothe Ich hab die halt irgendwann mal kennengelernt, wann, weiß ich nicht mehr. Was soll ich da erzählen?
Götzl Was Sie dazu wissen.
Rothe Die sind eines Tages zu mir gekommen, dann wieder weg, und das war’s dann.
Götzl Wie war das?
Rothe Die haben bei mir geklingelt, ob sie bei mir schlafen können, dann haben sie bei mir geschlafen.
Götzl Wann war das?
Rothe 1998 war das, oder 99.
Götzl Haben Sie die drei schon mal gesehen vorher?
Rothe Sagen wir mal Nein.
Götzl Wieso wir?
Rothe Ich jetzt.
Götzl Wir werden Ihre Angaben überprüfen. Sie sind hier nicht der letzte Zeuge. Erzählen Sie mir, wie die Situation damals war.
Rothe Bei mir hat’s geklingelt, drei Personen standen draußen und wollten bei mir schlafen. Da hab ich sie reingelassen.
Götzl Einfach so?
Rothe Es waren nicht die ersten Personen, die bei mir geschlafen haben. Da kamen Leute aus Italien, England, Ungarn.
Götzl Können Sie die beschreiben?
Rothe Nein, die haben geklingelt und rein.
Götzl Wie oft kam das vor?
Rothe Jedes Wochenende, ein Mal, zwei Mal im Monat. Immer wenn Konzerte waren. Ich muss die doch nicht alle kennen.
Götzl Sie sagten, die drei haben geklingelt – und wie ging es weiter?
Rothe Na, ich hab die Tür aufgemacht, und die haben halt bei mir geschlafen. Was soll ich dazu sagen?
Götzl Da klafft zwischen Türöffnen und Schlafen doch einiges. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie das ausführlicher darstellen könnten.
Rothe Das ist, wie wenn Sie Besuch bekommen.
Götzl Das steht jetzt nicht zur Debatte. Erzählen Sie mal weiter. Wie lang waren die drei bei Ihnen?
Rothe Eine oder zwei Wochen.
Götzl Und dann?
Rothe Waren sie weg.
Götzl Wo sind Sie denn hin?
Rothe Weiß ich nicht.
Götzl Haben Sie mal überlegt, sich an die Polizei zu wenden?
Rothe Nein.
Götzl Können Sie mir das erklären?
Rothe Nö.
Götzl Was sagt Ihnen der Begriff Blood & Honour?
Rothe Das ist eine verbotene Organisation.
Götzl Waren Sie auch bei Blood & Honour?
Rothe Ich habe damals ein bisschen was mitgemacht, ja.
Götzl Und was?
Rothe Konzerte organisiert. Saalschutz. Mal jemanden abgeholt.
Götzl Wer gehörte aus Chemnitz dazu?
Rothe Das will ich nicht sagen.
Götzl Ja, das Gefühl habe ich auch. Wenn Sie sich weigern auszusagen, dann werden wir Ordnungsmittel in Betracht ziehen, Ordnungsgeld und Ordnungshaft.
Rothe Ist mir recht.
Tag 101
2. April 2014
Manfred Götzl, Richter. Thomas Müller, ehemals Starke, 46, Installateur, früher führender Rechtsextremist in Chemnitz und nach eigenen Angaben zeitweise liiert mit Beate Zschäpe. Ralf B., 40, Kriminalhauptkommissar beim BKA. Er trat auch an den Tagen 97 und 109 auf.
Götzl Es läuft ein Ermittlungsverfahren bei der Bundesanwaltschaft gegen Sie. Sie haben ein umfassendes Auskunftsverweigerungsrecht.
Müller Ich nehme von meinen Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. (Zeuge ab.)
(Nun soll der Zeuge Ralf B., der Thomas Starke 2012 beim BKA vernommen hat, Auskunft darüber geben, was Starke damals in der Vernehmung gesagt hat.)
Ralf B. Wir haben eine Durchsuchung bei Herrn Starke durchgeführt. Zuvor ist er von Observationskräften am S-Bahnhof in Dresden angesprochen worden. Er ist freiwillig mitgekommen. Bei der Durchsuchung wurden Computer sichergestellt, Handys, eine Urkunde der »Weissen Bruderschaft Erzgebirge« zur Teilnahme an einem 30-Kilometer-Marsch, ein Hausverbot für die KZ-Gedenkstätte Buchenwald aus dem Jahr 1996, eine Schreckschusspistole. Er wurde belehrt. Er hat zu allen Fragen Angaben gemacht, aber nicht vollständig. Im Laufe der Vernehmung wurden die Angaben deutlich ergänzt. Es war eine komplexe Vernehmung. Er war Kfz-Schlosser bei der Deutschen Reichsbahn, 1994 wurde er inhaftiert wegen Körperverletzung und Landfriedensbruch, dann war er arbeitslos. Zuletzt war er in der Nähe von Dresden fest angestellt.
Er sollte das Kennenlernen des Trios schildern: 1991 oder 92 habe er sie erstmals auf einem Oithanasie-Konzert (Name einer Neonazi-Band) getroffen. Mit mehreren Wagen sei man von Chemnitz hingefahren. Es habe Kontakt über Stefan Apel, den Cousin von Zschäpe, bestanden. Dann sei ein Kontakt entstanden zu den Jenaern. In seiner Haftzeit sei der Kontakt intensiver geworden. Das Trio hatte ihn auch in der Haft besucht. Frau Zschäpe war auch dabei.
Er sagte, mit Beate Zschäpe habe er ein Techtelmechtel gehabt, Ende 1996 bis April 97 hätten sie ein Verhältnis gehabt. Keine feste Beziehung. Die beiden Uwes seien nicht eifersüchtig gewesen. Uwe Mundlos war mit Zschäpe zusammen, als er das Trio kennengelernt hat. Nach seiner Haftentlassung war sie mit Uwe Böhnhardt zusammen. Starke hätte sich mehr vorstellen können, das sei für Zschäpe nicht infrage gekommen, auch zusammenzuziehen kam für sie nicht infrage. Die hätte nur die Uwes im Kopf gehabt. Es habe ihn genervt, dass die beiden ständig dabei waren. Mundlos habe ihn angesprochen, ob er Sprengstoff beschaffen könne. Starke sagte, er wolle sich umhören. Jörg W. habe mal mit Sprengstoff experimentiert auf einem Truppenübungsplatz. Ein Giso T. brachte es dann vorbei, circa 500 Gramm im Schuhkarton. Mundlos hat es abgeholt. Später habe sich Mundlos gemeldet und gesagt, er wisse nicht, wie man das zünden sollte. Starke sagte in der Vernehmung, er habe ein mulmiges Gefühl gehabt, und als er mehr beschaffen sollte, habe er es nicht getan. Er erinnerte sich, dass Mundlos ihn auch nach einer Waffe gefragt habe. Starke hatte Angst vor seinen ehemaligen Kameraden. Er wollte von uns Vertraulichkeit zugesichert bekommen, die bekam er aber nicht. Er hat trotzdem mit uns gesprochen.
Zum Untertauchen: Das hat er uns erst mal in abgespeckter Version erzählt, sie seien bei ihm zu Hause aufgetaucht. Sie bräuchten einen Pennplatz, weil sie wegmüssten. Sie hätten keinen genauen Grund genannt. Er hätte früh rausgemusst, dann rumtelefoniert. Erfolg hatte er bei Thomas Rothe, der habe zugestimmt, dass die eine Nacht bei ihm schlafen. Starke hat dann ergänzt, er habe das Trio selbst zu Rothe gefahren, dort hätten sie länger gelebt. Nach vier Wochen seien sie raus und bei Max-Florian B. untergekommen. Starke besuchte drei Mal die drei. Mundlos war sauer, dass er ein Handy mitbrachte.
Jan Werner (ein anderer Rechtsextremist aus Chemnitz, der ebenfalls als Zeuge im NSU-Prozess befragt wurde) rief nach der Explosion im November 2011 in der Frühlingsstraße Thomas Starke an, er solle sich die Bild-Zeitung kaufen. Werner und Starke hätten sich in Dresden getroffen. Werner könne nicht glauben, dass sich die beiden Uwes selbst erschossen haben. Werner habe gesagt, die zwei Uwes seien ganz schön krass drauf. Hätten ihm eine Waffe an den Kopf gehalten. Und gesagt, er solle aufpassen, wem er was erzähle. Bei dem Besuch sei von Zschäpe nicht die Rede gewesen.
(Der Zeuge berichtet nun von einer weiteren Vernehmung Starkes im Februar 2012 und über die Angaben, die er zu Beate Zschäpes politischer Einstellung gemacht habe.)
Zschäpe wollte, dass er mehr Einfluss auf die Chemnitzer nimmt, damit die mehr Aktivitäten machen. Ruhig und verschlossen sei sie gewesen, Alkohol und Drogen waren ein rotes Tuch für sie, ihr Lebensinhalt war die Gruppe, die Kameradschaft, der Thüringer Heimatschutz. Ohne die Uwes war mit ihr nichts los, sagte er. Bei rechten Themen sei sie munter geworden.
(Die Verteidigung von Beate Zschäpe verlangt eine Unterbrechung der Verhandlung. Die Mandantin sei nicht verhandlungsfähig. Ein Arzt wird gerufen, um Zschäpe zu untersuchen. Dieser gibt an, Zschäpe habe ihm berichtet, dass sie unter Kopfschmerzen leide, dass sie müde und unkonzentriert sei. Sie sehe sich nicht in der Lage, dem Gang der Verhandlung zu folgen. Ihr Puls sei normal, sie habe eine ausgeprägte Blässe. Die Verhandlung wird an diesem Tag nicht fortgesetzt.)
Tag 102
3. April 2014
Manfred Götzl, Richter. Ilona Mundlos, 63, Rentnerin, Mutter von Uwe Mundlos.
Götzl Erzählen Sie doch bitte ein wenig von der Entwicklung Ihres Sohnes Uwe.
Mundlos Der Uwe war im Kindergarten, dann in der Schule bis zur 10. Klasse, danach hat er EDV-Kaufmann gelernt und war in der Armee. Da hatte er auch seine eigene Wohnung.
Götzl Wie war denn das Verhältnis zu Ihnen und Ihrem Mann?
Mundlos Ich bin verheiratet seit 44 Jahren. Wir sind eigentlich … oder: Wir waren eine glückliche Familie. Uwe war hilfsbereit und offen. Ich müsste schwindeln, um zu sagen, er war ein böses Kind. Er hat bis 1997 in Jena-Winzerla gewohnt, zusammen mit seinem Bruder im Zimmer. Unser zweiter Sohn, Robert, ist schwerstbehindert, Rollstuhlfahrer.
Götzl Wie war das Verhältnis der Brüder?
Mundlos Sehr liebevoll, sie haben die Hände gehalten beim Einschlafen.
Götzl Wie war das Verhältnis Ihres Mannes zu seinem Sohn Uwe?
Mundlos Mein Mann hat sich mehr um den Uwe gekümmert, ich mehr um unseren zweiten Sohn. Und ich habe dreißig Jahre in der Kaufhalle gearbeitet, immer Spätschicht von 14 bis 22 Uhr. Zwischendurch hab ich Essen gekocht, den Robert abgeholt und bin dann zur Arbeit.
Götzl Wie war das Verhältnis zu Beate Zschäpe?
Mundlos Sie war ein liebes, nettes Mädchen. Ich hatte nichts gegen sie. Sie war freundlich zu mir, sie hat zugehört. Und mit Uwe hat sie sich auch gut verstanden. Nie gestritten, außer bei den Springerstiefeln – das hat der Beate nicht gefallen. Sie sagte: Uwe, zieh dich um, so können wir nicht gehen. Sie wollte in die Disco. Auf sie hat er gehört. Uwe hat sie vergöttert, es war seine erste Freundin.
Götzl Wie lang hat die Beziehung gedauert?
Mundlos 1992/93 ging es los und so 1995 war Schluss. Da hat Beate mit ihm Schluss gemacht. Uwe hat gesagt, sie hat einen anderen. Den Uwe Böhnhardt.
Götzl Kannten Sie Uwe Böhnhardt?
Mundlos Ich glaube, vom Sehen. Aber ich habe mich nicht mit ihm unterhalten. Höchstens Hallo gesagt.
Götzl Welche Kleidung trug Ihr Sohn?
Mundlos Er hatte Fliegerjacken, die hab ich ihm 1989 gekauft, später eine schwarze Jacke. Ich fand das schick. Die gab es nicht in der DDR, ich kannte die Bedeutung nicht, fand sie praktisch, man konnte die waschen und musste nicht bügeln. Heute weiß ich, was es ist.
Götzl Haben Sie Ihren Sohn noch mal gesehen, bevor er untergetaucht ist?
Mundlos Uwe kam am Montag in die Kaufhalle: »Mutti, es ist was Schlimmes passiert, ich muss fort.« Er brauche Geld. Ich gab ihm meine EC-Karte und sagte: Bring sie mir aber wieder. Am Dienstag kam eine Juliane und fragte, ob sie die behalten kann. Am Mittwoch kam er wieder in die Kaufhalle. Er sagte, er will sich verabschieden, er verschwinde jetzt. Er war sehr, sehr aufgeregt. Die haben eine Garage entdeckt, und darauf würden sieben Jahre Gefängnis stehen. Mit den Waffen hab ich nichts zu tun, sagte er. Er habe mehr Schreibzeug drin gehabt. Das dauere zehn Jahre, dann sei das verjährt, dann könne er wiederkommen. Das waren seine letzten Worte. Ich habe jeden gefragt: Wisst ihr, wo Uwe ist? Wisst ihr, wo Uwe ist? Habt ihr was gehört? Habt ihr was gehört. Ich habe auch Frau Zschäpe (Zschäpes Mutter) gefragt: Hast du was gehört? Nein. Wenn jemand von uns was weiß, sagen wir uns Bescheid, das haben wir ausgemacht. Ich habe auch die Böhnhardts gefragt, ich hatte das Gefühl, die haben Kontakt zu ihnen. Irgendwann hat die Mutter gesagt, dass sie telefonisch Kontakt haben, dass ihr Uwe in einer Telefonzelle angerufen hat. Das habe ich mir gemerkt, weil ich das so außergewöhnlich fand. Ich wusste gar nicht, dass man eine Telefonzelle anrufen kann. Aber die Böhnhardts haben auch sehr, sehr wenig erzählt.
Götzl Konnten Sie einordnen, was er mit der Garage meinte?
Mundlos Ich dachte, es ist Unsinn, dass er geht. Ich dachte, das kann man klären. Ich hatte meine Arbeit in der Kaufhalle, war im Kittel. Ich hab nicht geglaubt, dass es das allerletzte Mal sein sollte, dass wir uns sehen. Ich war allein, ich hatte Kunden an der Theke.
Götzl Mit wem ist er geflüchtet?
Mundlos Ich glaube, er hat mir gesagt, dass Beate und Uwe Böhnhardt mitgehen. Ich musste das Fleisch abdecken, hatte noch zu tun. Ich wollte kein Gespräch von zwei, drei Stunden führen.
Götzl Wussten Sie denn, dass die Polizei gegen Ihren Sohn ermittelt?
Mundlos Erst durch die Zeitung. Uwe sagte mir, dass der Uwe Böhnhardt nie wieder ins Gefängnis will. Er sei dort misshandelt worden, mit einem Besenstiel im Po.
Götzl Welche Erinnerung haben Sie an den 5. November 2011?
Mundlos Gegen acht Uhr morgens klingelte das Telefon: Hier ist die Beate. Welche Beate? Na, die Beate vom Uwe. Ich habe ihre Stimme nicht erkannt. Es ist was Schlimmes passiert, sagte sie. Uwe ist tot. Der Uwe ist nicht mehr, der Uwe lebt nicht mehr. Was ist denn passiert, fragte ich. Das mit Eisenach. Machen Sie mal den Fernseher an und gucken die Nachrichten. Wir sind sofort zur Polizei gegangen.
Götzl Was hat sie gesagt, wie Ihr Sohn und Uwe Böhnhardt zu Tode gekommen sein sollen?
Mundlos Sie sagte: Die haben sich in die Luft gesprengt.
Götzl Was hat sie noch gesagt?
Mundlos Dass Uwe uns lieb hat und blabla. Ich. Ich fragte noch, Beate, rufst du uns noch mal an? Nein sagte sie. Nein, ich rufe nie wieder an und komme auch nie wieder zurück.
Tag 103
8. April 2014
Manfred Götzl, Richter. Anja S., 32, Studentin, lebt in England
Götzl Es geht uns um Ihre frühere Beziehung zu André Eminger. Erzählen Sie bitte von sich aus.
Anja S. Ich war fünfzehn, ich hab den André in Breitenbrunn kennengelernt, 1997, ich denke, es war im Spätsommer, da war Kirmes, Hexenfeuer. Wir saßen alle ums Feuer, dann hat man angefangen, sich zu unterhalten. Ein paar meiner Freundinnen kannten ihn. Und dann waren wir zusammen, als Paar oder wie man das so bezeichnet. Mein Vater hat das mitbekommen, fand es nicht so toll und hat mir das verboten, dass ich den André sehe. Mit fünfzehn dachte ich mir: Jetzt erst recht.
Götzl Vielleicht versuchen Sie, uns André Eminger zu beschreiben.
Anja S. Unheimlich lieb und nett. Es gab nichts, was der André nicht gemacht hätte für mich. Sehr loyal. (Eminger grinst.) Wir haben uns fast nie gestritten. Allerdings: Wie er sein Leben geführt hat … also, eine Familie hätte ich mit dem André nicht gründen können.
Götzl Vielleicht versuchen Sie, es zu beschreiben.
Anja S. Er war extrem in den Ansichten, was okay war und nicht okay war. Da kann man sein Leben nicht leben, wenn das alles so beschränkt ist. Da hatte ich keine Lust mehr.
Götzl Wie waren denn die Ansichten?
Anja S. Es ist so schwer, das in Worte zu fassen. Er war natürlich schon im rechten Spektrum – um ehrlich zu sein, oben im Erzgebirge finden Sie mal jemanden, der das nicht ist! Es wurde immer viel geschimpft, viel Ausländerfeindlichkeit, viel Politik, es wurde in der Vergangenheit rumgegraben. Ja, ich hab das nie für voll genommen, ich habe gedacht, dass das viel Gerede ist und die da rauswachsen. Aber als ich mich von ihm trennte, habe ich gedacht: Wenn ich in die Disco gehen will und tanzen will, mach ich das. Ich muss mir nicht die Freunde danach aussuchen, dass sie die richtige Hautfarbe haben. Mit André: Viele tolle Sachen haben wir nicht unternommen. Er hatte im Prinzip zu allem eine Meinung, es war halt alles relativ festgefahren.
Götzl War relativ festgefahren – vielleicht, dass wir daran anknüpfen: welche Themen, welches Verhalten Sie damit beschreiben?
Anja S. (kratzt sich am Kopf) Hm. Also, im Prinzip, es war ja alles schlecht, was nicht total deutsch war. Er hatte dann ja mehr und mehr Kontakt mit Leuten in Chemnitz. Dann sind wir auch zusammen zur Mandy (Gemeint ist Mandy Struck. Sie sagte an den Tagen 89, 90 und 105 aus.) nach Hause gefahren, haben Filme geguckt. Ich kann mich nicht entsinnen, dass wir viele politische Unterhaltungen geführt haben. Ich habe die drei ja auch kennengelernt, die Frau Zschäpe, den Herrn Böhnhardt und den … fällt mir jetzt nicht ein. Ich weiß nur, dass wir in die Wohnung gefahren sind, André war dabei. Wie wir uns vorgestellt wurden, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ob mir die Frau Zschäpe als Beate vorgestellt wurde, weiß ich nicht mehr. Aber auf der BKA-Webseite habe ich sie dann wiedererkannt. Was mir wohl klar war, dass sie sich verstecken und den Ball flachhalten mussten für eine Weile.
Götzl Wie oft waren Sie in der Wohnung, wo die drei waren?
Anja S. Ein paar Mal war ich da, es kann drei Mal gewesen sein oder fünf bis sechs Mal.
Götzl Und zu welchem Zweck?
Anja S. Besuchen, wirklich besuchen. Hinfahren und mit denen ein bisschen Zeit verbringen. Ich glaube, manchmal hat er auch den Einkauf mit vorbeigebracht. So praktische Sachen. Das muss passiert sein Mitte 1998, vielleicht sogar ein bisschen später schon, ich weiß, dass ich schon gearbeitet habe, und ich habe im September 98 meine Lehre angefangen. Ich war sechzehn, ich war fast noch ein Kind, da frage ich die auch nicht: He, was habt denn ihr verzapft?
Tag 104
9. April 2014
Manfred Götzl, Richter. Karl-Heinz G., 64, Kriminalkommissar aus Kassel. Thomas Bliwier, Anwalt der Nebenklage. Frank-Ulrich F., 70, Pensionär, ehemals Mitarbeiter des Landesamts für Verfassungsschutz in Hessen.
(Es geht zunächst um den Zeugen Hamadi S., der offenbar im Irak lebt und nicht als Zeuge ins Gericht geladen werden konnte. Er war an dem Tag im April 2006 Kunde in dem Internetcafé in Kassel, an dem dort Halit Yozgat ermordet wurde. Er telefonierte in einer der Telefonkabinen, als der Mord geschehen sein muss. Der Zeuge Karl-Heinz G. hatte den Iraker, der damals in Deutschland Asylbewerber war, vernommen.)
Karl-Heinz G. Der Zeuge Hamadi S. sagte mir, er habe aus den Augenwinkeln heraus eine schattenhafte Wahrnehmung gemacht. Mehr habe er aus dieser Stellung heraus nicht sehen können. Er habe sich nicht umgedreht. Er sagte, er habe auch eine leichte Fußbodenvibration bemerkt, aber auch das habe ihn nicht veranlasst, sich umzudrehen und zur Tür der Telefonkabine zu schauen. Die Tür war auch durch ein großflächiges Plakat beklebt. Er wollte damit sagen, dass er keinen Blickkontakt zur Tür hatte. Ich hab ihn zwei Mal vernommen. Er hat ein Augenmaß in der Höhe von 1,62 Meter. Bei dieser Größe hätte er nicht sehen können, dass jemand hinter diesem Tresen gelegen hat. Er ist so groß wie ich, 1,74 Meter. Und ich konnte das nachvollziehen. Wenn der Abstand zum Tresen so war, wie er sagte, dann konnte er nicht hinter den Tresen sehen. (Dort lag die Leiche von Halit Yozgat.) Wir haben ihm auch gesagt, dass eine hohe Belohnung ausgesetzt worden ist. Er hat gesagt, er habe nicht mehr gesehen. Er hat auch mal gesagt, dass er Gott dankt, dass er noch am Leben ist. Wenn die Täter ihn gesehen hätten, dann wäre er sicher nicht mehr am Leben gewesen. Er ist nach meiner Einschätzung ein sehr zurückhaltender, gläubiger Mensch. Obwohl ich am Tattag dachte, er muss doch mehr gesehen haben, war dann für mich nachvollziehbar, dass er nicht mehr wahrgenommen hat.
Anwalt Bliwier Haben Sie eigentlich mal dem Zeugen Hamadi S. ein Lichtbild von Herrn Temme vorgelegt?
Karl-Heinz G. Nein, da hab ich auch keinen Sinn drin gesehen. Denn der Zeuge hat ja nur eine schattenhafte Person gesehen.
(Der Zeuge verlässt den Gerichtssaal.)
Anwalt Bliwier Ich möchte erklären, dass mir für die Borniertheit der Ermittlungen an dieser Stelle die Worte fehlen. Dass man nicht mal den Versuch unternommen hat zu sehen, ob er Herrn Temme auf einem Foto erkennt, dass man diesen Ansatz nicht wenigstens versucht hat, dafür fehlen mir wirklich die Worte.
(Der nächste Zeuge ist der pensionierte hessische Verfassungsschutzbeamte Frank-Ulrich F., ein ehemaliger Kollege Temmes.)
Frank-Ulrich F. Als ich den Vorgang in der Zeitung gelesen habe, habe ich den Herrn T. (er spricht von Herrn T., wenn er Temme meint) gefragt: Kennst du das Café? Da hat er gesagt: Nein, kenne ich nicht. Damit war der Vorgang für mich abgeschlossen. Wenige Tage später wurde ich vom Polizeipräsidenten angerufen, dass gegen T. ermittelt wird wegen Mordes. Daraufhin habe ich Herrn Irrgang (den damaligen Direktor des Landesamts für Verfassungsschutz) angerufen. Er gab mir die Weisung, alles offenzulegen bis auf die geheimen Unterlagen.




