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Götzl Können Sie die Pistole noch beschreiben?
Jana J. Eine Pistole halt. Sie hat sie ihre »Walli« genannt.
Götzl Eine etwas ungewöhnliche Situation.
Jana J. Auf jeden Fall. Aber so sehr habe ich mich auch nicht gewundert. Die ganze Generation war waffenaffin, die hat in der DDR Handgranatenweitwurf üben müssen.
Götzl Laut Ihrer polizeilichen Vernehmung soll André Kapke Ihnen geraten haben, sich von Beate Zschäpe fernzuhalten.
Jana J. Ja, das stimmt. Das hat der André geraten. Ihr eilte der Ruf voraus, sie sei intrigant. Ich konnte das nicht selbst bestätigen.
Götzl Haben Sie weitere Kontakte mit Frau Zschäpe in Erinnerung?
Jana J. Es ist deutlich geworden, dass sie mit Mundlos und Böhnhardt sehr eng befreundet ist. Und dass dieses Verhältnis exklusiv war, sie wurden auch immer als »die drei« bezeichnet.
Götzl Können Sie das näher ausführen?
Jana J. Die Relevanz der drei war erst nach dem Untertauchen richtig deutlich. Es war danach so eine Sensationsstimmung. Die ganze Szene hatte plötzlich eine andere Wichtigkeit.
Götzl Welche Rolle hat Gewalt in der damaligen Szene als Mittel der Auseinandersetzung gespielt?
Jana J. Gewalt war, glaube ich, immer irgendwie streckenweise ein Thema. Es gab viele Skinheads, die sich geschlagen haben. Mit André (sie meint André Kapke) hatte ich einen Streit über eine Situation, wo zwei Mädchen angegriffen worden sind. Ich glaube, wir hatten uns mit denen getroffen, das war auch in der Folge von Auseinandersetzungen, die es zwischen Linken und Nazis gegeben hat in der Zeit. Wir haben mit den Mädchen Tee getrunken, und auf dem Nachhauseweg sind die beiden angegriffen worden. André hat abgestritten, dass es eine Falle war, aber ich denke, es war doch eine.
Götzl Was hatte es mit der Geburtstagszeitung auf sich für André Kapke? (Es geht um eine mit rechtsextremistischen Anspielungen bestückte, selbst gefertigte »Zeitung«, die Jana J. und Ralf Wohlleben in der Zeit nach dem Untertauchen des Trios erstellt haben sollen.)
Jana J. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie die entstanden ist. Ich habe seit gut fünfzehn Jahren nichts mehr mit dieser Szene zu tun. Ich schäme mich auch für die Zeitung, mir ist echt das Herz in die Hose gerutscht, als ich das gesehen habe. Aber ich hatte nie Mordfantasien, ich lese das als Parodie auf die Bild-Zeitung. Das basiert nicht auf Ernst.
Götzl Stichwort Todesliste. Warum spielte das Thema dort in der Zeitung eine Rolle?
Jana J. Ich werte das als ironische Überspitzung dieser ganzen Klischees. Wir haben uns damals ja in einer Opferrolle gesehen. Ich schäme mich für diese Zeitung. Ich war selber nie gewalttätig, aber mit diesem Habitus hat man schon kokettiert. Aus meiner Perspektive heute ist es total pubertärer Schwachsinn. Wenn es ernst gemeint gewesen wäre mit der Todesliste, dann wäre da nicht Mona Lisa und Godzilla gestanden.
(Im Stile einer Boulevardzeitung enthielt die »Geburtstagszeitung« Schlagzeilen. In einem Text mit der Überschrift »Top-Terrorist schwört Rache« geht es um eine angebliche Hausdurchsuchung bei André Kapke. Dabei sei eine Todesliste gefunden worden, auf der Mona Lisa, Godzilla, Ignatz Bubis, Gerhard Schröder, Helmut Kohl gestanden hätten.)
Ich finde es schwierig, wenn man das linear einordnet in die Ereignisse. Dass es mit dem, was heute über die Taten bekannt ist, eine andere Konnotation bekommt, kann ich nachvollziehen. Ich kann nur beteuern, dass das definitiv nicht ernst gemeint gewesen ist.
Götzl Die Zeitung ist ja für André Kapke gemacht worden. Was können Sie denn zu den Ansichten Kapkes sagen?
Jana J. Er ist ja auch damals schon als Neonazi bekannt gewesen. Ich hatte mit ihm eine enge Freundschaft, die das Politische zwar tangiert hat, aber vorwiegend das Persönliche betraf. Zu dieser Zeit habe ich ihn als nicht gefährlich gesehen. Er hat mir damals erzählt, dass die Verfolgung aufgrund einer Rasterfahndung passiert, wie bei der RAF. Das bedeutet dann halt Terrorismusfahndung. Ich hab André Kapke nicht als Terroristen wahrgenommen. Das mag daran liegen, dass man die Ereignisse der Zukunft nicht sehen konnte, oder an der Naivität in dem Alter. Aber er war ein Freund, mit dem ich ganz andere Dinge verband, nicht ein gefährlicher Mensch. Ich will diese Zeitung nicht bagatellisieren, trotzdem ist es schwierig zu erklären, dass wir diese Verfolgung damals als Unrecht empfunden haben. Heute sehe ich das alles anders. Es war eine feindselige, recht zynische Sprache, das haben wir alle gut verstanden.
Götzl Aus heutiger Sicht sehen Sie alles anders?
Jana J. Ich habe, als ich Ende 1998 mein Fachabi angefangen habe, mich zunehmend weiterentwickelt, wegentwickelt von der Szene, das war ein Prozess. An dem hatte André auch teil, das war kein Konflikt. Ich sehe es heute ganz anders, auch in Anbetracht der Taten, die offenbar geworden sind. Die einfach grausam sind. Aus heutiger Sicht, kann man sagen, war diese Verfolgung ganz sicher gerechtfertigt. Drei haben Straftaten verübt, sind untergetaucht, und ein ganzes Umfeld wird dafür kriminalisiert – das war die Perspektive damals. Mit dem Wissen heute erscheint das alles in anderem Licht. Ich wusste bis zu Andrés Aussage nicht, dass er Kontakt hatte und Telefonzellen-Netze kannte. Das hab ich damals einfach nicht gewusst.
Götzl Wie war Ihre eigene politische Einstellung damals? Erzählen Sie bitte!
Jana J. Ich hatte einen rasanten Abstieg mit meiner Mutter hingelegt, wir sind aus einer schönen Wohnung weggezogen in eine kleine Wohnung im Jenaer Stadtteil Lobeda, wo die Nazis unterwegs waren. In meinem Milieu ist es so gewesen, dass Fremdenfeindlichkeit eigentlich üblich war. Ich hab das unreflektiert übernommen.
Götzl Wie war damals die politische Einstellung André Kapkes?
Jana J. Ganz klar nationalistisch. Rassistisch, würde ich aus heutiger Sicht auch sagen. Damals habe ich ein anderes Empfinden von angemessen und unangemessen gehabt. Er war jemand, der auch relativ aktiv war. Er war einer der wenigen, der auch ein Mobiltelefon besaß. Ab 1998 haben wir auch zunehmend diskutiert miteinander. Ich weiß, dass wir über die Asylgesetzgebung diskutiert haben. Da hab ich mich auch schon ein bisschen näher befasst mit Legende und Realität. Es war da Konsens: Asylanten gefährden Arbeitsplätze, kriegen alles in den Hintern geschoben. Wir haben da diskutiert, als ich gemerkt habe, die Asylgesetzgebung bedeutet all das eben nicht. André hatte eben die Einstellung, dass nationale Interessen vorgehen müssen. Meine Haltung war zunehmend, dass ich ihm gesagt habe: Ey, André, wir haben alle nur ein Leben. Ich verstehe, dass jemand nicht in schlimmsten Umständen, bedroht von Hunger und Krieg, leben will. Dass jemand versucht, so einem Leben zu entfliehen. Ich erinnere mich, dass André mich dann häufiger »elende Humanistin« genannt hat.
Tag 94
18. März 2014
Manfred Götzl, Richter. Enrico Theile, 38, Lokführer aus Jena. Er sagte auch an den Tagen 108 und 112 aus. Jochen Weingarten, Vertreter der Bundesanwaltschaft. Wolfgang Stahl, Wolfgang Heer, Verteidiger von Beate Zschäpe. Thomas Bliwier, Anwalt der Nebenklage.
(Es tritt der Zeuge Enrico Theile auf. Die Ermittler haben ihn in Verdacht, Teil der Lieferkette gewesen zu sein, mit der die Česká-Pistole aus der Schweiz zum NSU gelangt ist. Theile streitet das ab.)
Götzl Uns geht es darum, ob Sie über die Lieferung der Česká-Pistole Informationen haben. Sie haben nach Paragraf 55 das Recht, sich nicht selbst zu belasten. (Ein Waffendelikt wäre verjährt, Beihilfe zum Mord nicht.) Was wissen Sie denn zu dieser Thematik?
Theile Ich finde, dass ich ein Aussageverweigerungsrecht habe. Ich fühle mich nicht als Zeuge, sondern als Beschuldigter. Meine Tür ist eingetreten worden, gegen mich wird ermittelt. Wann ich Geld abgehoben habe, meine Navis …
Götzl Nach meinem Kenntnisstand besteht gegen Sie derzeit kein Verfahren.
Theile Das sehe ich schon so, ich fühle mich hier beschuldigt.
Verteidiger Stahl Zu erwägen ist hier, von Amts wegen einen Zeugenbeistand beizuordnen. Ich will das nicht hinterfragen, dass er sich als Beschuldigter fühlt.
Götzl Aber ich will es hinterfragen. Im Moment sind wir nicht bei dem Punkt. (Der Zeuge wird aus dem Saal geschickt.)
Götzl (zu Stahl) Es wäre nicht gut, wenn hier versucht wird, den Zeugen zu verunsichern. Warum glauben Sie, dass Sie sofort zu Wort kommen müssen? Warum unterbrechen Sie mich sofort bei dem Punkt, wo ich noch nicht einmal anfangen kann?
Verteidiger Stahl Da muss man nicht so gereizt darauf reagieren. Mir ist es lieber, der Zeuge ist draußen. Er fühlt sich beschuldigt, und da muss ein Zeugenbeistand erwogen werden. Sonst bekommt die Richtung ja auch ein Geschmäckle.
Oberstaatsanwalt Weingarten Den Eindruck, den die Verteidigung hinterlässt, hat sie sich selbst zuzuschreiben. Nach unserem Dafürhalten besteht kein Auskunftsverweigerungsrecht. Es kommt nicht darauf an, ob sich der Zeuge als Beschuldigter fühlt, sondern ob nach Einschätzung des Richters solche Anhaltspunkte bestehen.
Anwalt Bliwier Ich schließe mich an. (Er wendet sich an Zschäpes Verteidiger.) Hören Sie auf, die Sachleitung des Vorsitzenden zu stören! Hören Sie auf, den Zeugen zu verunsichern!
Götzl Vielleicht sollten wir Herrn Theile fragen, wie er die Sache sieht. Bitte, rufen Sie ihn auf. (Der Zeuge kommt wieder rein.) Wie sehen Sie Ihre Rolle im Verfahren?
Theile Ich sehe meine Rolle als Beschuldigter. In Karlsruhe bin ich vorgeladen und angeschrien worden. Meine Tür wurde eingetreten auf brutalste Weise. Sie haben meine Handys überprüft, meine Navigationsgeräte, wann ich Geld abgehoben habe.
Götzl Wie sehen Sie die Vorschrift des Paragrafen 55 Strafprozessordnung?
Verteidiger Heer Sie können doch dem Zeugen nicht eine Vorschrift an den Kopf knallen, die er nicht kennt!
Theile Ich kenn diesen Paragrafen nicht, kenne das Gesetzbuch nicht und habe auch keinen Anwalt.
Götzl Ich hatte verstanden, dass Sie hier nicht aussagen wollen.
Theile Und das scheint mit diesem Paragrafen 55 zusammenzuhängen. Keine Ahnung.
Götzl Das ist ein bisschen wenig. Das hab ich Ihnen ja erläutert. Keine Ahnung ist mir ein bisschen wenig.
Theile Ich möchte gar nichts dazu sagen, zu dieser Sache. (Erneut kommt es zu Diskussionen, schließlich lenkt Richter Götzl ein.)
Götzl Für heute kommen wir zum Ende. Es ist nötig, dass ein Zeugenbeistand gestellt wird. Ich möchte Sie dann erneut hören.
Theile Ich habe mir heute das vierte Mal freinehmen müssen, das ist gar nicht so einfach.
Götzl Die Vernehmung geht Ihrer Berufstätigkeit vor.
Tag 95
19. März 2014
Manfred Götzl, Richter. Carsten R., 36, Personalsachbearbeiter aus München. Herbert Diemer, Vertreter der Bundesanwaltschaft. Alexander Hoffmann, Gül Pinar, Alexander Kienzle, Anwälte der Nebenklage.
Götzl Was können Sie zu einer Wohnung in der Altchemnitzer Straße 12 in Chemnitz sagen? Es geht um das Jahr 1998.
Carsten R. Dass ich die Wohnung auf meinen Namen angemietet und zur Nutzung überlassen hab. Ich hab damals in Chemnitz gelebt. Und da ist man auf mich zugekommen und hat gefragt, ob die drei Personen dort unterkommen können. Ja, okay, mach ich, habe ich gesagt. Die Wohnung war schon ausgesucht. Ich musste nur noch zur Wohnungsübergabe und den Mietvertrag unterschreiben.
Götzl Sie tun so, als sei das das Selbstverständlichste der Welt.
Carsten R. Man hat mich halt gefragt, dann habe ich’s gemacht.
Götzl (Er lacht.) Praktisch zu wissen, könnte man jetzt sagen.
Carsten R. Man brauchte halt irgendjemanden, der nicht polizeibekannt ist. Da habe ich mich beziehungsweise meinen Namen entsprechend zur Verfügung gestellt.
Götzl Wer brauchte jemanden, der nicht polizeibekannt war?
Carsten R. Das weiß ich eben nicht mehr. Das kann ich nicht mehr sagen.
Götzl War das ein Passant oder sonst jemand? Ich bitte Sie!
Carsten R. Das war jemand aus dem Freundeskreis.
Götzl Ich hab Sie auch belehrt, dass Sie nichts verschweigen dürfen.
Carsten R. Ja.
Götzl Freundeskreis. Können Sie das Stichwort füllen?
Carsten R. (schweigt)
Götzl Können Sie mir erklären, wie es der Freundeskreis gewesen sein kann, wenn Sie gar keine Personen vor Augen haben?
Carsten R. Der Freundeskreis war größer.
Götzl Dann erzählen Sie mir von Ihrem größeren Freundeskreis.
Carsten R. Das kann ich nicht.
Götzl Wie viele Freunde hatten Sie damals?
Carsten R. Viele. Ich will keine Namen nennen, um niemand in Verbindung zu bringen. (Nach längerem Hin und Her, sagt er, dass ein Ralf H. ihn angesprochen habe.)
Götzl Um welche drei Personen ging es denn?
Carsten R. Um die Frau Zschäpe, den Herrn Mundlos und den Herrn Böhnhardt.
Götzl Warum benötigten die drei eine Wohnung?
Carsten R. Ich wusste nur, dass die drei abhauen mussten und Unterschlupf brauchten. Warum, hat man mir nicht gesagt. Ich habe auch nicht nachgefragt.
Götzl Warum nicht?
Carsten R. Es hat mich nicht interessiert. Es war für mich aus Kameradschaft selbstverständlich, die Wohnung anzumieten. Ich hatte auch keine Nachteile dadurch.
Götzl Waren Sie selbst in der Wohnung?
Carsten R. Ja, einmal im Monat bin ich da vorbeigegangen, um zu gucken, ob alles in Ordnung ist, ob sie irgendwas brauchen. Mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hatte ich so gut wie gar nichts zu tun. Den Hauptkontakt hatte ich zu Frau Zschäpe.
Götzl Wie lange haben die drei dort gelebt?
Carsten R. Nicht ganz ein Jahr, glaube ich.
Götzl Waren Sie damals in der rechten Szene?
Carsten R. Ja.
Götzl Was verstehen Sie unter rechter Einstellung?
Carsten R. Dass nicht alles schlecht war im Dritten Reich. Dass man gegen die Asylpolitik war.
Anwalt Hoffmann In den Jahren nach dem Untertauchen des Trios gab es Fahndungsaufrufe mit Fotos. Haben Sie so was mal mitgekriegt?
Carsten R. Nein. Das Thema war für mich erledigt nach dem Auszug.
Anwältin Pinar Es ist Ihnen egal gewesen, weswegen die gesucht wurden?
Carsten R. Ja. Ich hab nicht darüber nachgedacht, ob die Schokoriegel geklaut oder jemanden umgebracht haben.
Anwältin Pinar Was waren denn Ihre Gedanken?
Bundesanwalt Diemer Ich beanstande diese Frage.
Anwältin Pinar Es ist so beachtlich, wann sich die Bundesanwaltschaft in diesem Verfahren regt und wann nicht.
Bundesanwalt Diemer Der Zeuge soll Wahrnehmungen bekunden, nicht Einstellungen rechtfertigen. Wir sind hier nicht das Jüngste Gericht. Wir sitzen über Frau Zschäpe und andere zu Gericht.
Götzl Ich lasse die Frage zu.
Anwalt Hoffmann Der Zeuge lügt uns hier die Tasche voll. Der Zeuge meint, dass er wieder lügen kann, und kriegt auch noch Unterstützung von der Bundesanwaltschaft.
Götzl Sie haben sich nicht mehr im Griff, Herr Hoffmann. Ich weiß, Sie sind sehr temperamentvoll, Frau Pinar.
Anwältin Pinar Da nehmen wir uns nichts.
Götzl Sie sind jetzt nicht dran!
(Götzl lässt eine Pause einlegen.)
Anwalt Kienzle Wir würden eine Erklärung zu Herrn Dr. Diemer abgeben. Wir verzichten hier alle auf unser Fragerecht. Es ist sinnlos geworden, nachdem …
Götzl Ich bitte, die Fragen zu stellen! Ich habe die Frage zugelassen.
Anwalt Kienzle Aber die Beanstandung steht doch im Raum. Es steht im Raum, dass wir Fragen stellen, die nur im Jüngsten Gericht zulässig wären.
Götzl Sie können das später machen.
Anwältin Pinar Ausgerechnet in dem Moment, wo der Zeuge sagt, es sei ihm egal gewesen, ob Menschen umgebracht wurden, geht Herr Diemer rein.
Götzl Ich habe Ihre Frage zugelassen, also stellen Sie sie.
(Statt einer weiteren Zeugenbefragung geht der Streit eine Weile weiter, am Ende verliest Anwalt Kienzle eine Erklärung.)
Anwalt Kienzle Herr Dr. Diemer gab zu erkennen, dass Wahrheitsfindung hier keine Rolle spielt. Der Zeuge hat zu erkennen gegeben, dass ihm die Mordserie egal ist. Sein Aussageverhalten bekommt staatliche Rückendeckung.
Bundesanwalt Diemer Inhalt meiner Beanstandung war, dass der Zeuge Wahrnehmungen zu bekunden habe und sich nicht dafür zu rechtfertigen hat, was er früher gedacht hat. Die Unterstellung, dass ich nicht an der Aufklärung der Wahrheit interessiert wäre, ist eine böswillige Unterstellung, die ich auf das Schärfste zurückweise.
Tag 96
20. März 2014
Manfred Götzl, Richter. André Kapke, 38, Selbstständiger im Baugewerbe in Jena. Er wurde auch an den Tagen 59 und 84 befragt. Alexander Hoffmann, Turan Ünlücay, Antonia von der Behrens, Seda Başay, Eberhard Reinecke, Anwälte der Nebenklage.
Götzl Wie war Ihr Kontakt zu Carsten Schultze?
Kapke Man hat sich ab und zu gesehen. Jena ist ja nicht die allergrößte Stadt. Er hat sich positiv entwickelt, Aufgaben bei den Jungen Nationaldemokraten übernommen.
Götzl Positiv entwickelt, was meinen Sie damit?
Kapke Viele machen Remmidemmi, trinken und sorgen dafür, dass das politische Bild nicht gerade das beste ist. Bei Carsten Schultze war es anders, der war sehr vernünftig und nicht auf Krawall gebürstet.
Götzl Welche Rolle hat er gespielt in der rechten Szene?
Kapke Er hat sich um den Nachwuchs gekümmert.
Götzl Blieb er in der Szene?
Kapke Es wurde gemunkelt, dass er sexuell anders orientiert ist. Durch die Blume wurde ihm deshalb gesagt, er soll sich anders orientieren. Ist nun mal so, dass in der Subkultur Homosexualität nicht so angesehen ist. Rein menschlich war er nicht so gut aufgehoben bei uns, er musste sich ja permanent verleugnen.
Götzl Wie ging es weiter?
Kapke Nichts ging weiter. Er ist umgezogen. Und Punkt.
Anwalt Hoffmann Herr Kapke, mit Blick auf das »Pogromly«-Spiel oder Ihre Geburtstagszeitung, waren Sie und Ihr Umfeld Ende der 90er-Jahre Nationalsozialisten?
Kapke Das ist eine Definitionsfrage. Naturlich spielt man mit dem historischen Kontext. Das mache Leute in Ihrem Kontext ja auch mit Stalinismus. Das wird übersteigert in Form des Protests. Heute mit meinen Lebenserfahrungen würde ich das nicht mehr machen, weil das Schwachsinn ist. In der Sturm-und-Drang-Phase ist man aber der Provokation nicht abgeneigt.
Anwalt Hoffmann Wie war Ihre Einstellung zur Ermordung der Juden?
(Pogromly ist das Spiel nach dem Muster des Spiels Monopoly, das Bohnhardt, Mundlos und Zschape entworfen und gebastelt haben. In dem Spiel ersetzten sie die Bahnhöfe durch Konzentrationslager, das Ziel war es, eine »judenfreie Stadt« zu schaffen.)
Kapke Da muss man erheblich differenzieren. Wenn Jugendliche heute Ballerspiele spielen, unterstellt man denen ja auch nicht, dass sie Leute umlegen. Das ist ja Quatsch. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass einer losgeht und Juden und Ausländer erschießt.
Anwalt Hoffmann Es sind auch Leute mit Braunhemd und Uniform herumgelaufen. Was hat das bedeutet?
Kapke Ähnlich, wie wenn sich Punker nicht gesellschaftskonform kleiden: Es war ein Zeichen, um sich gegen das System aufzulehnen. Ich hatte kein großes Problem damit. Ich hielt das für Provokation, um ins Gespräch zu kommen.
Anwalt Reinecke Der Thüringer Heimatschutz trug bei Demos ein Transparent auf dem stand: Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte. Was wollten Sie denn damit sagen?
Kapke Nehmen Sie’s mir nicht übel, aber auf so einen Quatsch habe ich jetzt keine Lust. Es ging um germanische Freiheitskämpfe.
Anwalt Reinecke Hatten Sie das Gefühl, dass Sie einen Freiheitskampf führen müssten?
Kapke Es gibt so viele Meinungsparagrafen in diesem Land. Und wo ein freies Wort nicht möglich ist, gibt es keine Freiheit.
Anwältin von der Behrens Auf der Internetseite des Thüringer Heimatschutzes heißt es, man sei systemkritisch und -feindlich. Es gehe um nationalen Sozialismus. Multikulti sei das größte Verbrechen an der Menschheit und führe zur Vernichtung der Völker. Ist das so zutreffend?
Kapke Was ist daran falsch?
Anwältin Başay Sie sagten in einem Interview mit der Zeitung »Junge Freiheit«: »Wenn die etwas verändern wollten, dann erschieße ich doch keine unschuldigen Gemüsehandler. Dann hätten sie sich eher Presseleute, Staatsanwalte, Richter und Politiker vornehmen müssen.«
Kapke Es wäre doch sinnvoller, nach der Logik der RAF, dem Übel an die Wurzel zu gehen.
Anwalt Ünlücay Herr Kapke, sind für Sie Niederländer und Türken gleich viel wert?
Kapke Ich habe keine Problem mit Türken. Ich habe in der Türkei auch schon Urlaub gemacht. Ich will in der Türkei dann nur auch Türken treffen.
Anwalt Ünlücay Haben Sie gegen Niederländer dieselbe Abneigung wie gegen Türken?
Kapke Rein geografisch ist mir der Niederländer näher, auch kulturhistorisch.
Anwalt Ünlücay Wollen Sie, dass die türkische Bevölkerung das Land verlässt?
Kapke Ich halte den Bevölkerungsanteil der Türken in Deutschland für eindeutig zu hoch, ja.
Tag 97
25. März 2014
Manfred Götzl, Richter. Ralf B., 40, Kriminalhauptkommissar beim BKA. Er sagte auch an den Tagen 101 und 109 aus. Christian V., Kriminaloberkommissar beim BKA. Er trat auch am Tag 87 auf. Anja Sturm, Verteidigerin von Beate Zschäpe.
(Der BKA-Ermittler Ralf B. gibt die Inhalte dreier Vernehmungen von Max-Florian B. wieder, der den drei Untergetauchten seine Wohnung zur Verfügung gestellt hat.)
Ralf B. Bei der ersten Vernehmung ging es zunächst um Mandy Struck, die Exfreundin von Herrn B.. Er ging davon aus, dass sie ihre Krankenkassenkarte Frau Zschäpe nur einmalig zur Verfügung gestellt hat, für einen Arztbesuch. Dann haben wir nach André Eminger gefragt. Herr B. hat gesagt, dass er ihn Ende 1997, Anfang 1998 über Frau Struck kennengelernt hat. Sie hätten gemeinsam Konzerte besucht. Den letzten Kontakt zu Herrn Eminger hatte er nach seinen Angaben 1999. Herr Eminger soll das Trio auch etwa dreimal in der Wohnung von Herrn B. besucht haben. Nach 1999 habe er nur noch telefonischen Kontakt mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gehabt. Dabei sei auch Herr Eminger Thema gewesen. Dass er Kinder hat und sich ein Tattoo hat stechen lassen: »Die Jew die« (Übersetzt bedeutet das: »Stirb, Jude, stirb«.) Herr B. habe dreimal nachfragen müssen, bis er es verstanden hat. Herr Böhnhardt habe ihm davon erzählt. Herr Eminger hat das Trio öfter besucht, meinte Herr B. 2011 habe er einen Anruf von Herrn Eminger bekommen. Er wunderte sich darüber, dass er Informationen über ihn besaß, die er nur vom Trio haben konnte. Wir fragten Herrn B., ob innerhalb des Trios jemand das Sagen hatte. Der Eindruck von Herrn B. war, dass Uwe Böhnhardt der Autoritärere der drei gewesen sei, weil er Uwe Mundlos immer mal gebremst habe. Bei Frau Zschäpe sei das nicht der Fall gewesen. Er meinte, dass Herr Böhnhardt und Frau Zschäpe ein Paar gewesen seien, er sei sich aber nicht sicher. (Götzl geht die Vernehmungsprotokolle im Detail durch und liest die protokollierten Fragen und Antworten Wort für Wort vor. Der Zeuge bestätigt alles.) Herr B. berichtete auch, dass er einmal ein »Skinsons-T-Shirt« von Mundlos bekommen hat. Es zeigte die Figur Bart Simpson mit Springerstiefeln und Baseballschläger. Dazu machte B. die Angabe, dass er das T-Shirt von Mundlos geschenkt bekommen habe und dass der dieses Shirt entworfen habe für einen gewissen »Dackel«. Vertrieben wurden die Shirts von Hendrik L. Und ein Teil des Erlöses sei für das Trio gewesen.
Götzl Wie war das Verhalten von Herrn B. während der Vernehmungen?
Ralf B. Absolut kooperativ. Er hat sich sehr bemüht, sich zu erinnern, das gelang nicht immer. Er hat auch zu Hause Unterlagen rausgesucht, um Erinnerungen aufzufrischen und um Belege und Fakten zu finden, die für die Ermittlungen dienlich sein könnten, was auch der Fall war.




