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Anwalt Hoffmann Eine kleine Internetrecherche hat ergeben, dass da noch der Schriftzug »Black Metal Kommando« und »Gas Chamber« (Gaskammer) draufsteht. So ist es in einem Internet-Shop zu sehen, der die Dinger verkauft.
Verteidiger Kaiser Um diese Diskussion zu beenden, erklärt sich Herr Eminger bereit, aufzustehen und den Pullover zu zeigen.
(Eminger steht auf und wendet sich dem Richter zu.)
Anwalt Hoffmann Ich denke, dass der Pullover auch beschlagnahmt werden muss, es handelt sich um ein Beweismittel.
Bundesanwalt Diemer Ich sehe keinen Grund, das Kleidungsstück zu beschlagnahmen. Herr Eminger hat sich nicht ungebührlich verhalten – auch wenn der Pullover möglicherweise nicht unserem Geschmack entspricht. Die Sätze, die Herr Rechtsanwalt Hoffmann angeführt hat, stehen ja nicht drunter. (Eminger verlässt den Gerichtssaal, wird fotografiert und kehrt wieder zurück.)
Götzl Das Kleidungsstück ist nun fotografisch gesichert.
(Eminger kann den Pullover anbehalten. Als nächster Zeuge wird der Polizist Frank M. befragt, der am 4. November 2011 gemeinsam mit einem Kollegen als Erster am Wohnmobil war, in dem dann die Leichen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos entdeckt wurden.)
Götzl Wie sind Sie auf das Wohnmobil gekommen?
Frank M. Wir hatten den Auftrag bekommen, nach diesem Wohnmobil zu suchen und haben es dann in der Ortslage Stregda (Stadtteil von Eisenach) gefunden. Ein Rentner hatte sich ein Teil des Kennzeichens gemerkt. Als mein Kollege und ich auf das Fahrzeug zugegangen sind, ist ein Schuss gefallen. Der kam aus dem Inneren des Wohnmobils. Vom LKA wurde uns gesagt, dass der in unsere Richtung ging. Wir haben die Waffen gezogen und sind dann in Deckung gegangen. Dann sind zwei weitere Schüsse gefallen. Die Schüsse kamen kurz hintereinander, ein paar Sekunden. Der letzte Schuss kam etwas später. Nach dem letzten Schuss oder kurz davor, jedenfalls im unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang, hat das Fahrzeug angefangen zu brennen. Wir haben die Feuerwehr verständigt, die ist dann nahezu zeitgleich mit der Kripo eingetroffen. Die Kripo hat dann die weiteren Maßnahmen übernommen.
Götzl Haben Sie irgendwelche Personen gesehen?
Frank M. Nein. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war eine ältere Dame mit Hund.Und der Halter des Fahrzeugs vor dem Wohnmobil kam aus dem Haus gelaufen und wollte sein Auto in Sicherheit bringen. Das haben wir verhindern müssen.
Bundesanwalt Diemer Haben Sie eine Person in das Fahrzeug hinein- oder hinausgehen sehen?
Frank M. Nein, ich habe keinerlei Personenbewegung gesehen.
Bundesanwalt Diemer Können Sie sich da festlegen?
Frank M. Ja.
(Im Anschluss wird der Kollege von Frank M. befragt, der die Angaben im Wesentlichen bestätigt. Danach berichtet ein Sachverständiger des BKA erneut, wie es ihm gelang, die Česká 83 aus dem Brandschutt in der Frühlingsstraße als die Waffe zu identifizieren, die bei neun der zehn Morde zum Einsatz kam.)
Tag 115
26. Mai 2014
Manfred Götzl, Richter. Andreas R., 57, Heizungsmonteur, derzeit in einer Justizvollzugsanstalt in Sachsen-Anhalt inhaftiert.
(Der Zeuge wird mit einer sogenannten Vorführzange, einer Art Handschelle, an seinen Platz geführt. Er sitzt in Haft, weil er als Mitglied der »Schlapphut-Bande« verurteilt wurde. Diese Bande beging in den Jahren 2002 bis 2005 Dutzende Banküberfälle und wird so genannt, weil die Mitglieder bei den Taten teilweise breitkrempige Hüte trugen. Ein ebenfalls in Haft sitzendes Bandenmitglied stellte nach Entdecken des NSU eine angebliche Verbindung her. Er stellte es so dar, dass der Angeklagte Ralf Wohlleben an einem Waffen deal mit der Bande beteiligt gewesen sei. So muss sich nun auch das Gericht mit den Schlapphüten befassen.)
Götzl Wie viele Waffen hatten Sie?
Andreas R. Sechs Maschinenpistolen, zwei Sturmgewehre und ungefähr zehn bis fünfzehn Pistolen.
(Der Zeuge erzählt dann freimütig Geschichten aus dem Milieu der organisierten Kriminalität und schweift immer wieder vom Thema ab. Richter Götzl versucht, den Zeugen zurück zum Inhalt des Verfahrens zu bringen.)
Götzl Sagt Ihnen der Name Ralf Wohlleben etwas?
Andreas R. Ja, aus den Medien. NSU-Prozess, ansonsten weiß ich nüscht weiter. Aber es interessiert mich auch nicht so. Wissen Sie, Herr Vorsitzender, ich habe genug mit mir zu tun.
Götzl Was sagt Ihnen denn die Person?
Andreas R. Dass Herr Wohlleben da eine Rolle in dem Prozess hier spielt, er angeklagt ist.
Götzl Sind Ihnen Einzelheiten zu den Vorwürfen bekannt?
Andreas R. Nee, nee. Wenn man so neun Jahre knapp in Haft ist, dann kümmert man sich nicht mehr so um alles. (Auch Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kenne er als Namen nur aus den Medien.) Ich glaube, dass der S. (der Bandenkollege, der den angeblichen NSU-Bezug behauptet hatte) sich den ganzen Quatsch ausgedacht hat. Mir kommt es so vor, als wenn er einen Weg sucht, um unbedingt seine Strafverbüßung in Deutschland zu bekommen. (S. sitzt seine Haftstrafe in Polen ab.)
Tag 116
28. Mai 2014
Udo J., 49, Kriminalhauptkommissar aus Erding.
(Der Zeuge berichtet von der Auswertung der Handys des Angeklagten André Eminger und seiner Frau. Dort sind unter anderem auch rechtsradikale Inhalte gefunden worden, zum Beispiel eine fotografierte Brezel in Hakenkreuz-Form, zudem eine SMS, in der von »Gerry« und »Liesl« die Rede ist – so nannten sich Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe mit Tarnnamen.)
Udo J. Es war auffällig, dass der SMS-Verkehr um den 4.11.2011 (dem Tag, als der NSU entdeckt wurde) fast nicht vorhanden war. Es war etwas vom 6.11. vorhanden, privater Natur, dann war eine Pause bis 15.11., später wieder vermehrt.
(Später wird Beate Zschäpe in einer ihrer Erklärungen – am 21. Januar 2016 – bestätigen, dass sie am 4.11.2011 Kontakt zu André Eminger hatte. Sie habe ihn angerufen und darum gebeten, ihr Kleidung seiner Frau zu geben, weil sie nach der Brandstiftung in Zwickau nach Benzin roch. Er habe ihr dann Kleidung ausgehändigt. Ein weiterer Zeuge, ein BKA-Beamter, berichtet, dass es in der Nacht auf den 5.11.2011, um 2.57 Uhr und um 3.45 Uhr, zwei weitere Anrufe auf das Handy von André Eminger gegeben hat, die Verbindungen dauerten wenige Sekunden. Die Anrufe kamen von einem Fernsprecher am Bahnhof in Glauchau, unweit von Zwickau. Die Ermittler gehen davon aus, dass Zschäpe von Glauchau aus versuchte, die Emingers anzurufen. Es ist unklar, warum sie sich in Glauchau aufhielt. Das BKA hat dort ermittelt und ist dem Verdacht nachgegangen, das Trio könnte dort einen weiteren Unterschlupf gehabt haben. Gefunden wurde jedoch nichts.)
Tag 117
3. Juni 2014
Manfred Götzl, Richter. Martin M., 50, Kriminalhauptkommissar aus Köln. Edgar M., 65, Kriminalhauptkommissar aus Köln im Ruhestand. Christina Clemm, Edith Lunnebach, Anwältinnen der Nebenklage.
(Das Gericht beginnt die Beweisaufnahme zu dem Sprengstoffanschlag in der Kölner Probsteigasse im Jahr 2001. Der erste Zeuge hatte damals den Einsatzbericht der Polizei geschrieben.)
Götzl Es geht uns um einen Einsatz vom 19. Januar 2001, Bereich Probsteigasse, Köln.
Martin M. Ich habe, ehrlich gesagt, nicht mehr ganz so viele Erinnerungen. Ich habe mir jetzt noch mal den Einsatzbericht durchgelesen, da ist einiges wiedergekommen. Soweit ich mich erinnern kann, erfolgte der Einsatz unmittelbar zu Dienstbeginn um 7.30 Uhr. Wir wurden informiert, dass es in einem Lebensmittelgeschäft zu einer Explosion gekommen und eine Person verletzt ist. Als wir eingetroffen sind, war es stockdunkel und ziemlich kalt. Die Straße war bereits abgesperrt, die verletzte Person war bereits ins Krankenhaus abtransportiert worden. Angehörige waren noch da und wurden dann aber auch ins Krankenhaus gefahren. Wir haben eine Tatortbegehung gemacht, das war ein Ladenlokal. Es war vorne hin zur Straße, hatte ein großes Schaufenster, da hat man schon Schäden dran erkannt. An das Lokal schloss sich ein weiterer Raum an, es gab auch einen Hinterhof. Im hinteren Aufenthaltsraum waren die schwersten Schäden, da war das Zentrum der Explosion deutlich zu erkennen. In der hinteren Ecke stand ein Schreibtisch oder eine Holzplatte mit Stahlgestell, die Platte ist zerborsten, an der Wand hat man trichterförmige Markierungen gesehen, die auf ein Feuer hingedeutet haben. Aber es war kein klassischer Wohnungsbrand. Wir haben auch eine Metallkiste gesehen. Das stellte sich hinterher raus, das war eine Christstollendose, mit roter Lackierung und weißen Sternen drauf, und ein Teil von einem zerplatzen Druckbehälter.
Götzl Es heißt hier in Ihrem Bericht von damals, im Büroraum sind die massivsten Explosionsschäden zu erkennen. Die Decke sei komplett heruntergefallen.
Martin M. Ja, genau.
Götzl Vom Kühlschrank wurde die Tür herausgeschleudert, heißt es hier.
Martin M. Hm.
Götzl Hatten Sie Kontakt zu der Geschädigten, der Verletzten?
Martin M. Ja, später war ich mal im Krankenhaus und habe eine Anhörung gemacht. Sie war sehr schwer verletzt. Ich kann mich erinnern, dass sie ganz leise und langsam gesprochen hat und offensichtlich noch total geschockt war.
Anwältin Lunnebach War von außen ersichtlich, dass es sich um ein Geschäft von ausländischen Mitbürgern handelte?
Martin M. Nein, es stand sogar ein deutscher Name draußen: Gerd Simon. (Auch der nächste Zeuge hat als Polizist in dem Fall ermittelt.)
Anwältin Clemm Haben Sie für die Polizei den Verfassungsschutz eingebunden?
Edgar M. Ja, wir haben beim Verfassungsschutz nachgefragt, ob die was gehört, gesehen oder etwas mitbekommen haben. Wir haben als Möglichkeit in Betracht gezogen, dass irgendeine iranische Organisation dahinterstand. (Die Besitzer des Ladens, auf den der Anschlag verübt wurde, waren Deutsch-Iraner.)
Anwältin Clemm Haben Sie je in Richtung rechts ermittelt?
Edgar M. Alles, was in Richtung Politik geht, geben wir an den Staatsschutz ab. Weil wir da kein Hintergrundwissen haben. Der Staatsschutz hat uns nichts Wesentliches übermittelt. Wir wären auch froh gewesen, wenn wir die Akte an den Staatsschutz hätten abgeben können. Der Mann war Ausländer. Es hätte von rechts kommen können. Es hätte auch von links kommen können, da sind viele in Köln aktiv.
Anwältin Lunnebach Linke, die gegen Ausländer Anschläge begehen, sind doch eher selten.
Edgar M. Die meisten Sprengstoffanschläge in Köln sind von der linken Seite erfolgt.
Anwältin Clemm Die Machart der Bombe, können Sie dazu etwas sagen?
Edgar M. Ja, wir konnten den Körper gut rekonstruieren. Der Behälter war ein Gasdruckbehälter für Schweißtechnik oder so etwas. Woher die Dose kam, haben wir auch rausgefunden. Das war ein Massenartikel, der zur Weihnachtszeit viel verkauft wurde.
(Dann wird ein Sprengstoffermittler befragt, der die Konstruktion der Bombe im Detail erklärt. Es werden auch etliche Fotos gezeigt. Man sieht Blechsplitter, den zerstörten Laden, zerfetzte Teile einer Karamellbonbon-Tüte, Überreste einer Erdnussflips-Tüte. Kleidung der Verletzten wird gezeigt mit Blutspuren, eine zerstörte Jacke mit eingesprengten Holzsplittern.)
Tag 118
4. Juni 2014
Manfred Götzl, Richter. Daniel Q., 51, Polizeibeamter aus Köln. Elke O., 47, Kriminaloberkommissarin aus Köln. M. M., 32, Chirurgin aus Köln. Wolfgang Heer, Verteidiger von Beate Zschäpe. Mehmet Daimagüler, Edith Lunnebach, Anwälte der Nebenklage.
Götzl Es geht uns um Ermittlungen wegen einer Blechdose, die Sie durchgeführt haben.
Daniel Q. Ich kann mich gut erinnern, weil mich das auch persönlich sehr berührt hat. Ich war am Tatort. Ich hab das Bild der Verwüstung gesehen. Ich war auch im Krankenhaus, ich habe das Mädchen da in der Schwerstverbrennungs-Klinik liegen gesehen, das Bild hat sich in meine Seele eingeprägt, das werde ich nie vergessen. Wir haben hoch motiviert ermittelt, sind jeder Spur nachgegangen, haben jeden Grashalm ergriffen, um den Hintergrund der Tat zu beleuchten. Wir haben das Umfeld der Familie untersucht, wir vermuteten ein persönliches Rachemotiv.
Götzl Und Ihre Ermittlungen zu der Dose?
Daniel Q. Das LKA hatte am Tatort Reste einer Dose gefunden. Über den Barcode habe ich den Hersteller in Rheinland-Pfalz ermittelt. Er war so nett, dass er mich an einem Sonntag empfangen hat und mir zwei bis drei Dosen als Vergleichsstücke übergeben hat. Es war eine größere Blechdose. Ich wusste, dass sich darin eine Bombe befand. Ein Mann hatte Tage vor der Explosion den Laden der iranischen Familie besucht und gesagt, er könne nicht bezahlen, weil er sein Portemonnaie vergessen habe. An sich ein sehr glaubwürdiges Vorgehen, dass man etwas hinterlässt.
Verteidiger Heer Der Zeuge soll nur das bekunden, was er selbst gesehen hat. Er soll keine Einschätzungen zur Sache geben.
Götzl (zum Zeugen) Bitte gehen Sie auf meine Fragen ein. Was waren die Ermittlungen zu der Dose?
Anwältin Lunnebach Die Störung des Zeugen durch die Verteidigung finde ich nicht angemessen. Polizeibeamte dürfen selbstverständlich den Zusammenhang mitteilen. Die Verteidigung will offenbar nicht hören, was da geschehen ist.
Götzl Wenn sich die Gemüter so erhitzen, dann mache ich eine Pause. Also weiter jetzt. Können Sie uns die Dosen beschreiben?
Daniel Q. Ja, circa 40 bis 50 Zentimeter breit, 20 bis 25 Zentimeter tief, 15 Zentimeter hoch. Eine rote Stollendose aus Blech mit weißen Sternen drauf.
Götzl Wie hieß die Firma?
Daniel Q. Kann mich nicht mehr erinnern.
Götzl In Ihrem Vermerk vom 20.1.2001 schrieben Sie: Original Kaiser Backform GmbH. Der Geschäftsführer habe angegeben, dass die Dosen aus China stammen, ein Auslaufmodell, das bis Dezember 2001 vertrieben wurde. Insgesamt wurden 13 000 Dosen vertrieben.
Daniel Q. Ja, wir haben dann viele Geschäfte in Köln aufgesucht.
Götzl Sie haben geschildert, dass Sie die Geschädigte im Krankenhaus aufgesucht haben. In welcher Verfassung war sie?
Daniel Q. Ich war an der Außenschleuse der Klinik, das Opfer lag auf einem Bett, war fast völlig entkleidet, weil die Haut sich regenerieren musste. Das Opfer war verbrannt, aufgedunsen, hatte blutende Verletzungen im Gesicht, an den Unterarmen.
Götzl War das Opfer ansprechbar?
Daniel Q. Nein. Wir wollten mit dem Opfer sprechen, aber es war definitiv nicht ansprechbar. Es sah aus wie ein Stück Grillfleisch, ein Bild des Grauens, es gibt keine passenden Worte. Ich habe in meiner Laufbahn als Polizist wirklich viel Blut, viele Leichen, viel Elend gesehen, dieses Opfer war für mich an der Spitzenposition.
(Götzl setzt die Vernehmung fort und weist den Zeugen zurecht, als der sich auf eine Frage nicht an ein dreizehn Jahre zurückliegendes Ermittlungsdetail erinnern kann.)
Anwältin Lunnebach Ich habe das Gefühl, dass Sie die Ungeduld der Verteidigung übernommen haben.
Götzl Das ist nicht der Fall, bitte fragen Sie weiter.
Anwältin Lunnebach Haben Sie Anwohner des Lebensmittelgeschäfts befragt?
Daniel Q. Wir sind von Haus zu Haus gegangen. Wir sind ganze Häuser abgegangen. (Als nächste Zeugin tritt Kriminalkommissarin Elke O. auf.)
Götzl Es geht uns um den Zustand der Verletzten.
Elke O. Ich war am 21. Februar im Klinikum. Der Arzt hat uns gesagt, dass sie noch nicht vernehmungsfähig ist, sie steht unter starken Schmerzmitteln, ist psychisch angeschlagen, bekommt Weinkrämpfe, sie wird nicht mehr künstlich beatmet. Im März haben wir sie dann vernommen. Bei ihr zu Hause. Da hatte sie Narben im Gesicht und einen etwas starren Blick und ihre Hände zitterten. Sie fühle sich aber den Umständen entsprechend ganz gut und könne eine Aussage machen, sagte sie. Sie hat klar gesprochen und auch spontan geantwortet. Die Haare waren nachgewachsen, sie trug eine Kurzhaarfrisur. Als wir gefragt haben, wie sie sich die Tat erklären kann, da hat sie angefangen zu weinen.
Anwältin Lunnebach Wie war Ihre Rolle im Verfahren?
Elke O. Ich war mit den Ermittlungen betraut und dann mit der Aktenführung.
Anwältin Lunnebach Sie waren auch für die Spurenakten zuständig?
Verteidiger Heer Es ist keine Frage von Frau Lunnebach zulässig.
Anwältin Lunnebach Das ist doch Quatsch, mir fällt da kein juristischer Begriff dazu ein.
(Heer interveniert erneut.)
Anwältin Lunnebach Wir wollen von der Zeugin was hören und nicht von Ihnen. Ich halte mich aber nicht an albernen Formalitäten auf. Dass die Verteidigung das beanstandet, hat nichts mit der Verteidigung zu tun, sondern ist die Absicht zu stören.
(Wohllebens Verteidiger Klemke meldet sich und will dazwischengehen.)
Götzl Wenn Sie auf den Formalitäten herumreiten, dann müssen Sie sich auch an die Formalitäten halten, Herr Klemke. (Er gibt ihm nicht das Wort.)
Anwältin Lunnebach Haben Sie den Gedanken verfolgt, es könnte sich um einen ausländerfeindlichen Anschlag handeln?
Elke O. Es gab damals keine Hinweise darauf. Ich dachte in erster Linie daran, die Täter zu ermitteln. Das war das höchstrangige Ziel. Aus welcher Richtung der Täter kommt, war für mich zweitrangig.
(Es folgt die Zeugin M. M., 32, Chirurgin aus Köln.)
Götzl Es geht um den 19. Januar 2001. Was können Sie uns berichten? Machen Sie ganz in Ruhe, nehmen Sie sich Zeit.
M.M. Der Weihnachtskorb mit der Geschenkdose war in der Weihnachtszeit bei uns abgegeben worden. Am 19.1.2001 war ich zufällig in unserem Laden, die Geschenkdose lag hinten im Büroraum, ich war neugierig, was drin ist. Ich habe die Dose leicht aufgemacht und eine blaue Campinggasflasche gesehen. Ich habe den Deckel wieder zugemacht und mein erster Gedanke war: Was für ein komisches Weihnachtsgeschenk. Dann bin ich um den Schreibtisch herumgelaufen und habe mich gebückt, um etwas zu suchen. In dem Moment ist die Bombe explodiert. Es war ein lauter Knall, ein helles Licht, dann war alles dunkel. Ich hatte Schmerzen und konnte nichts mehr sehen. Ich konnte auch erst mal nicht atmen, nicht schreien, nicht reden. Meine Eltern haben mich nach draußen getragen. Dann wurde ein Rettungswagen alarmiert.
Götzl Ab wann glauben Sie, dass die Dose in dem Laden des Vaters gelegen ist?
M. M. Als der Geschenkkorb abgegeben worden ist. Das muss Mitte Dezember gewesen sein. Man kann sagen, dass diese Bombe einen Monat in diesem Raum stand.
Götzl Wie viel Zeit ist vergangen zwischen Öffnen und Explosion?
M.M. Nur ein paar Sekunden.
Götzl Wer war zugegen?
M.M. An dem Morgen meine Eltern und mein Zwillingsbruder und die jüngere Schwester. Mein älterer Bruder war schon gegangen, Vater stand im Außenbereich bei den Obstkisten. Um sieben Uhr haben wir noch schnell mitgeholfen, später wären da sonst zehn, fünfzehn Schüler im Laden gewesen.
Götzl Sie sind im Krankenhaus ins Koma versetzt worden. Wie war es danach? Wir müssen auch auf Ihre Verletzungen eingehen. Sie sind ja selbst Ärztin und können uns das beschreiben.
M. M. Schon nach der Explosion hatte ich wahrgenommen, dass meine Augen sozusagen zugeschmolzen waren. Ich habe sie einfach nicht mehr aufgekriegt. Ich habe mitbekommen, dass Haare und Gesicht verbrannt waren. Ich wurde, glaube ich, eineinhalb Monate im Koma gehalten, auch wegen einer Lungenentzündung. Dann wurde ich schrittweise aufgeweckt. Einen Spiegel habe ich erst mal nicht bekommen. Ein paar Wochen später habe ich mein Gesicht zum ersten Mal gesehen, als ich allein auf die Toilette gegangen bin. Da bin ich einfach nur erschrocken: Ich hatte keine Haare mehr und Schnittwunden im ganzen Gesicht. Das war das Schlimmste. Außerdem waren beide Trommelfelle zerfetzt, sodass insgesamt vier Operationen nötig wurden. Dann hatte ich noch Narbenkorrekturen, das Schwarzpulver war im ganzen Gesicht verteilt. Man nennt das Schmutztätowierungen, ich hatte deswegen zwanzig, dreißig sehr schmerzhafte Lasersitzungen. Die Schmutztätowierungen sind noch sichtbar, wenn ich abgeschminkt bin. Die Narben konnten nie ganz entfernt werden, womit ich leben muss und kann.
Götzl Sie sagten, Sie standen kurz vor dem Abitur. Wie ging es nach Ihrem Krankenhausaufenthalt weiter?
M.M. Entlassen wurde ich Mitte März, entgegen ärztlichem Rat, auf eigene Verantwortung. Durch den Entzug der Schmerzmittel kam es zu Entzugserscheinungen. Die Anfangszeit war schwierig, ich konnte nicht allein essen, mich nicht allein waschen, nicht länger als 150 Meter laufen. Ich hab das Haus nicht verlassen, Freunde kamen zu mir, ich brauchte Monate, bis ich mich in der Öffentlichkeit zeigen konnte. Ich hatte sehr, sehr nette Lehrer, die mir angeboten haben, mein Abitur noch in dem Jahr im November nachzuholen. So fing direkt die Vorbereitung für das Abitur an, worüber ich auch froh war. Irgendwann musste es für mich weitergehen: Ich habe Chemie und Physik studiert. Ich hab mich dann noch entschlossen, zusätzlich Medizin zu studieren, und habe Köln ein paar Jahre verlassen, um Abstand zu gewinnen zu allem.
Götzl Was ist für Sie an Folgen zum heutigen Zeitpunkt geblieben?
M. M. Ich habe noch immer Narben im Gesicht, Holzsplitter sind in den Kiefer eingedrungen, sie konnten nicht vollständig rausoperiert werden. Mein Hörvermögen ist reduziert. Ich habe Tinnitus, ein leichtes Rauschen im Ohr. Damit muss ich leben, damit kann ich leben, das habe ich integriert in mein Leben. Die Verletzungen im Gesicht sind sichtbar, dann wird man gefragt: Was ist mit dir passiert? Und dann steht man da und weiß nicht, was man darauf antworten soll.
Götzl Waren Sie in psychologischer Behandlung?
M. M. Ich hatte das Glück, einen starken Familienrückhalt zu haben und Freunde, die hinter mir stehen. Auch die Lehrer haben mir geholfen, mein Leben fortzuführen.
Götzl Haben Sie Überlegungen damals angestellt, wer verantwortlich sein könnte?
M. M. Was ich dann mitbekommen habe, war, dass die Polizei einen rechtsradikalen Hintergrund ausgeschlossen hat. Ein Anschlag von der iranischen Seite, dem Geheimdienst – das konnte auch nicht sein. Es hieß, wir haben keine Hinweise mehr und gehen davon aus, dass es keinen persönlichen Bezug gibt und irgendein Einzeltäter verantwortlich war. Ich muss sagen, wir konnten das damals ganz gut abschließen. Bis dann das Bekennervideo erschienen ist, das die Angeklagte verschickt hat. Da stand ich unter Schock. Die Kripobeamten warnten uns nach dem Video nur vor der Presse. Sie sagten uns nichts zu den laufenden Ermittlungen. Ich habe gefragt, ob es Gefahr für lebende Zeugen gibt. Da haben sie gesagt, es gebe keine Hinweise dazu. Das heißt aber nicht, dass es keine Gefahr gibt. Dann haben wir eine Anwältin eingeschaltet, die meisten Informationen haben wir uns über die Medien zusammengesucht. Es ist ja immer noch nicht klar: Gibt es zusätzliche Helfer, die vielleicht noch frei herumlaufen? Und morgen bei uns vor der Tür stehen? Keiner wird uns das garantieren können. Mit diesem Gedanken zu leben, ist für mich und meine Eltern nicht einfach. (Denkt kurz nach.) Gestern war bei mir die Garagentür offen. Ich hab mich sofort gefragt: Wer war das? Ich hab das Auto abgesucht, mich gebückt, ob da irgendwo eine Bombe platziert ist. Ganz abgeschlossen ist es nicht.
Götzl Können Sie etwas über die Folgen für die Eltern sagen?
M. M. Die schlimmste Zeit für meine Eltern war natürlich die Zeit, als ich im Krankenhaus lag. Der Laden war zerstört. Mein Vater hat versucht, ihn wieder aufzubauen. Aber für meine Mutter war es nicht mehr möglich, den Laden zu betreten. Wir mussten dann verkaufen. Ich glaub, den akuten Schaden hätte man noch kompensieren können. Aber wenn die Einnahmen wegfallen, steht man vor dem Nichts.
Götzl Wie waren die Konsequenzen für Ihre Geschwister?
M. M. Es war schwer für sie, ihre Schwester so verletzt zu sehen. Auch dieses Wissen jetzt: Es gibt Menschen, die dich wegen deiner Herkunft umbringen wollen. Wir sind hier aufgewachsen und haben deutsche Freunde, akademische Abschlüsse – und am Ende sieht man im Video nur: »Jetzt wisst ihr, wie wichtig uns der Erhalt der deutschen Nation ist.« Das ist traurig für mich, traurig für meine Familie. Schade.




