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Anwalt Daimagüler Haben Sie je erwogen, Deutschland zu verlassen?
M. M. Wenn du mitbekommst, du wirst wegen deiner Herkunft so angegriffen, dann ist der erste Gedanke: Was soll ich denn noch hier? Ich hab mir so viel Mühe gegeben, ich bin ein Muster an Integration. Aber das war ja die Absicht dieser Leute. Im Nachhinein habe ich deshalb gedacht: Nein, jetzt erst recht! Ich lass mich mit Sicherheit nicht aus Deutschland rausjagen. (Klatschen auf der Zuschauertri büne.)
Tag 119
5. Juni 2014
Manfred Götzl, Richter. Djawad M., 62, Vater von M. M., früher Kaufmann, derzeit arbeitslos. Soheila M., 58, Mutter von M. M., Buchhalterin. Mashid M., 27, Schwester von M. M., Ingenieursstudentin. Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl, Verteidiger von Beate Zschäpe. Herbert Hedrich, Verteidiger von André Eminger. Edith Lunnebach, Anwältin der Nebenklage, sie vertritt die Familie M.
Djawad M. Es war ein paar Tage vor Weihnachten, so gegen 17 oder 18 Uhr kam ein Herr in meinen Laden. Weißes Hemd, Jeanshose. Er war schmächtig gebaut, hatte lockige Haare, ziemlich lang. Er hatte einen Korb in der Hand und wollte sich ein paar Sachen holen. Es war kurz vor Feierabend, wir waren gerade dabei zu schließen. Er hat eine Runde gedreht und eine Flasche Jack Daniel’s eingepackt und Chips. Es war ein Wert von rund 55 Mark, was er in den Korb gelegt hat. Er kam zur Kasse und sagte, tut mir leid, ich habe mein Portemonnaie vergessen, aber ich wohne hier um die Ecke. Aber ich hatte den Mann noch nie gesehen, wir waren schon lang in der Gegend. Er hat sich ein bisschen komisch verhalten. Er hat noch eine Runde im Laden gedreht und ist dann weggerannt. Wir haben bis 18.30 Uhr gewartet. Dann habe ich geschlossen und den Korb an der Kasse gelassen. Am nächsten Tag habe ich wieder geöffnet, aber der Mann kam nicht. Da haben wir den Korb in unseren Aufenthaltsraum nach hinten gebracht. Am Morgen der Explosion waren wir gerade dabei, den Laden zu richten. Wir haben in der Regel den Laden um sieben Uhr geöffnet. Ich kann nur von Glück sprechen, dass die Explosion stattgefunden hat, bevor die Schulkinder, die regelmäßig bei uns einkauften, in den Laden kamen und so nicht mehr Personen zu Schaden gekommen sind. Unsere Kunden waren in der Regel Deutsche.
Es war ein Riesenknall, sehr laut, ich konnte erst mal nicht einordnen, woher der Knall kommt, ob bei uns oder in der Nachbarschaft. Auf einmal kam meine Frau, sie sagte, es ist bei uns, da hinten war alles dunkel und Rauch, unsere Tochter ist hinten im Raum. Ich bin ins Zimmer gerannt, meine Frau hinterher. Die Haare meiner Tochter waren fast komplett verbrannt, es war dunkel. Dann habe ich meine Tochter aufgehoben und mithilfe meiner Frau zum Auto gebracht. Nach ein paar Minuten kam Feuerwehr, Polizei. Ich nehme an, Nachbarn haben die Polizei alarmiert. Man hat uns verboten, den Laden zu betreten. Meine Tochter wurde in einen Krankenwagen gelegt, die jüngste Tochter mit einem Streifenwagen abgeholt. Meine Frau und ich standen einfach hilflos da und wussten nicht, was wir tun können. Danach fingen polizeiliche Vernehmungen an, bis 14, 15 Uhr, dann sind wir ins Krankenhaus gefahren.
Götzl Unmittelbar nach der Explosion, konnten Sie da noch mit Ihrer Tochter reden?
Djawad M. Sie hat nur gesagt: Passt auf euch auf.
Götzl War sie bewusstlos?
Djawad M. Nein, komplett bewusstlos war sie nicht. Aber sie war in einem sehr schlechten Zustand.
(Neben Djawad M. sitzt seine Anwältin Edith Lunnebach, sie ist dadurch nur wenige Meter von der Anklagebank entfernt.)
Verteidiger Heer Es ist mir nicht möglich, mit meiner Mandantin vertraulich zu kommunizieren. Frau Lunnebach kriegt jedes Wort mit.
Götzl (zu Lunnebach) Setzen Sie sich bitte um.
Anwältin Lunnebach Sie überschätzen meine Lauschfähigkeiten.
(Lunnebach setzt sich auf die andere Seite ihres Mandanten.)
Götzl Damit wir wieder den Faden aufnehmen können. (Götzl richtet sich an Djawad M.) Sind Sie damals aus dem Geschäft hinausgegangen, als der Mann wegging?
Djawad M. Ich bin ihm nicht hinterhergerannt. Aber sein Verhalten war verdächtig, deshalb bin ich ich aus der Ladentür getreten und habe ihm hinterhergesehen. Er ist weggerannt und dann nach rechts abgebogen.
Götzl Was bedeutet verdächtig?
Djawad M. Ich sah den Mann zum ersten Mal, es war nicht normal, wie er sich verhalten hat. Das hat mich nachdenklich gemacht. Kurze Zeit habe ich überlegt, ob ich ihm die Ware gebe und er soll später das Geld bringen. Aber er bestand darauf, dass er gleich wieder kommt, weil er um die Ecke wohnt. Nein, nein, das lass ich hier, das lass ich hier, sagte er. Ich komm gleich wieder.
Götzl Wir kommen zu den Konsequenzen für Ihre Familie und Ihre Tochter. Wie ging es für Sie weiter?
Djawad M. Wir sind als politische Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, um Schutz zu suchen, um in Frieden und Freiheit zu leben. Wir hatten mit niemand Probleme in Deutschland, wir waren sehr beliebt in der Gegend, wir haben sehr viel Anteilnahme von den Anwohnern erfahren. Sie haben uns nahegelegt, dass wir unsere Arbeit fortsetzen nach diesem Ereignis. Aber meine Frau war nicht in der Lage, den Laden oder die Gegend zu betreten. Sie hat das vermieden. Ich bin im Nachhinein sehr froh, dass dieser Schaden nicht andere, unbeteiligte Menschen getroffen hat, sondern nur uns.
Verteidiger Hedrich Sie haben als zeitlichen Bezugspunkt für das Abstellen des Korbes das Wort Weihnachten benutzt. Was meinen Sie genau mit Weihnachten?
Djawad M. Ich habe Ihre Frage nicht verstanden.
Verteidiger Hedrich Ich versuch’s noch mal.
Djawad M. Ich rechne nach unserem Sonnenkalender. Es war auf jeden Fall noch kein Weihnachten.
Verteidiger Hedrich Welches Datum verbinden Sie mit dem Wort Weihnachten?
Djawad M. Also ich arbeite überwiegend mit unserem Sonnenkalender, ich kenne mich nicht so richtig aus. Ich glaube, ein paar Tage vor dem 24.12. muss das gewesen sein.
Götzl Sie müssen nicht lachen, Herr Rechtsanwalt. Sie haben jetzt fünf Mal gefragt, Sie haben gesehen, der Zeuge hat Schwierigkeiten. Wenn Sie nicht nachfragen, dann mache ich das jetzt. Sie könnten ja fragen, ob er die Weihnachtsfeiertage meint.
(Djawad M. verlässt den Gerichtssaal. Soheila M., seine Frau, tritt in den Zeugenstand. Sie ist Buchhalterin, hat im Iran Anglistik studiert, war früher Sportlehrerin, hat später in Deutschland eine Ausbildung als Medizinisch-Physikalische Assistentin gemacht.)
Soheila M. Wir sind zur Polizei gegangen zur Vernehmung. Das hat ein paar Stunden gedauert, dann sind wir zur Uniklinik gefahren. Was ich da gesehen habe, war ein fremdes Gesicht. Ich habe meine Tochter gar nicht mehr erkannt. Sie hatte fast keine Haare mehr, so was habe ich noch nie im Leben gesehen. Ich konnte sie nicht wiedererkennen.
Götzl Was können Sie zu einer Dose und einem Korb sagen?
Soheila M. Der Korb war fast vier Wochen bei uns im Laden. Er war die ganze Zeit auf dem Tisch im Aufenthaltsraum. Dort wurden Schnitzel geklopft. Freunde waren dort, alle im Aufenthaltsraum. Meine kleine Tochter hat mir neulich erzählt, dass sie mal alleine dort im Raum war und den Deckel aufmachen wollte. Ich habe immer wieder diese Vorstellung, diese Bombe hätte jederzeit explodieren können, wenn zwanzig, dreißig Berufsschüler und schwangere Frauen im Laden waren. Wir hatten 99 Prozent Deutsche als Kundschaft, obere und Mittelklasse, Ärzte, Rechtsanwälte. Ich persönlich bin davon ausgegangen, Rechtsradikale kommen als Täter nicht infrage. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass Deutsche Deutsche umbringen. Das war ein Fehler, auch von mir.
Götzl Können Sie uns über die Folgen dieses Anschlags berichten?
Soheila M. Am Tag vorher habe ich drei Mal die 110 gewählt, wegen dem Korb. Es wäre meine Aufgabe gewesen, ihn der Polizei zu übergeben. Er gehörte nicht uns. Ich dachte, dem jungen Mann könnte was passiert sein. Dann habe ich wieder aufgehört, weil Kundschaft kam. Wenn ich der Person nicht vertraut hätte, hätte ich die Polizei früher angerufen. Ich mache mir Vorwürfe. Man hat versucht, uns wirtschaftlich zu zerstören, damit wir alles verlieren. Herzlichen Glückwunsch, sie haben es geschafft. Wir haben unser Einkommen verloren, ich habe bewusst den Laden aufgemacht, damit wir nicht abhängig sind von anderen, damit wir unsere Kinder versorgen können. Damit ist unser Leben zerstört. Man hat jede Lebensfreude von mir weggenommen. So was versteht man, wenn man selber Kinder hat. Das ganze Universum lag in diesem Bett im Krankenhaus. Ich habe nur daran gedacht, dass meine Tochter gesund wird. (Sie atmet schwer.)
Später, als ich erfuhr, dass die Rechtsradikalen dahinterstecken, habe ich überlegt, welche ungewöhnlichen Ereignisse bei uns waren. Mir ist eingefallen, dass da eine Dame war, die darauf bestanden hat, bei uns auf die Toilette zu gehen. Später habe ich die Bilder von Frau Zschäpe gesehen, jetzt sehe ich sie auch, eine gewisse Ähnlichkeit könnte sein. Ich habe versucht, unter Hypnose noch mehr Sicherheit zu bekommen. Aber es hat nicht geklappt.
(Als nächste Zeugin folgt Mashid M., die jüngere Schwester der Verletzten.)
Mashid M. Ich kann mich an die Dose erinnern, weil ich sie selbst mal öffnen wollte. Ich hab sie nur leicht aufziehen wollen. Aber meine Eltern sagten: Nein, das darfst du nicht. Der Mann, der den Korb abstellte, war sehr nett. Aber ich war damals vierzehn. Er musste davon ausgehen, dass ich als Kind neugierig war. Ein Gewissen wird nicht vorhanden gewesen sein, wenn man keine Skrupel hat, ein Kind umzubringen.
Götzl Sie sagten, Sie wurden von der Polizei mitgenommen und wie eine Kriminelle behandelt?
Mashid M. Sie haben mich allein in einen Raum gesetzt, ohne psychologische Betreuung. So als ob nichts gewesen wäre, als ob ich oder meine Familie dran schuld gewesen wäre. Ich wurde von meinen Eltern getrennt. Keiner sagte, deine Schwester ist außer Lebensgefahr. Die Vernehmung war komplett distanziert, das Protokoll voller Rechtschreibfehler. Die hab ich dann noch korrigiert. (Die Zeugin wird entlassen. Zschäpes Verteidiger Stahl gibt eine Erklärung ab.)
Verteidiger Stahl Der Zeuge Djawad M. hatte Erinnerung an einen schlanken Mann mit markanten Wangenknochen und längerem gewellten Haar, der den Korb abgestellt hat. Dieser Mann hat keinerlei Ähnlichkeit mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Beide hatten niemals längere Haare. Herr M. hatte Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auf Lichtbildern als Täter ausgeschlossen. Beim Täter handelt es sich um eine andere Person. Die Aussagen der Zeugin M. sind nicht belastbar. Die Anklage ist in diesem Punkt widerlegt. Auch die Ersteller der sogenannten Bekenner-DVD sind nicht zwingend die Täter. Es kann sich auch um Trittbrettfahrer handeln. Auch das Material in der Bekenner-DVD war für alle zugänglich, es kann sich um einen Trittbrettfahrer handeln. (In ihrer Einlassung am Tag 249 wird Beate Zschäpe aussagen, dass es Böhnhardt gewesen sei, der den Korb mit der Bombe im Geschäft von Familie M. abgegeben hat, während Mundlos in Sichtweite vor dem Laden wartete.)
Tag 120
26. Juni 2014
Rüdiger Mölle, 42, Sprengstoffsachverständiger des LKA Bayern, der ein Gutachten zum Anschlag in der Kölner Probsteigasse erstellt hat.
Mölle Ich erhielt im April des vergangenen Jahres den Auftrag. (Er kommt nach vorne, um Bilder zu zeigen. Zu sehen ist zunächst der Grundriss des Hauses in der Probstei gasse, dann Fotos, die Beamte nach der Explosion gemacht haben.) Blicken wir zunächst in den Aufenthaltsraum, hier zeigt sich ein Bild der Verwüstung, Querbalken wurden aus der Wand gerissen, einer wurde sogar geknickt. Betrachten wir näher das Sprengzentrum: Hier sehen wir an dem Schreibtisch eine Ausstanzung, da kann man recht sicher davon ausgehen, dass sich hier der Sprengsatz befand. Auf dem rechten Bild sehen wir eine ähnliche Perspektive, wenngleich das die ist, die Frau M. zum Zeitpunkt der Explosion gehabt haben muss.
Im Verkaufsraum war die größte Beschädigung an der Fensterscheibe, die zersplitterte. Betrachten wir die Splitterverteilung. Ein Messingnippel wurde von dem Aufenthaltsraum bis in den übernächsten Hinterhof katapultiert. Kommen wir zum Aufbau der Sprengvorrichtung: Die Stollendose diente als Umverpackung, als Tarnung. Die Gasflasche war eine für Schweißarbeiten verwendete Stahlflasche, in der sich Sauerstoff befindet. Das Ganze ist massiv, wiegt ein bis zwei Kilogramm in leerem Zustand. Als Füllung haben wir Schwarzpulver, dann eine Zündeinleitung, das war eine elektrische. Sie brauchen zwei Kabel, die ins Innere der Flasche führen, die ins Schwarzpulver eintauchen und dann über eine Brücke umgesetzt werden. Wir kommen auf eine Füllmenge von einem bis 1,3 Kilogramm Schwarzpulver. Es ist wahrscheinlich, dass der Konstrukteur noch einen Sicherheitsschalter außen angebracht hat, denn er musste ja die Dose selbst schließen, und das ist sehr gefährlich. Uns hat sich auch die Frage gestellt, warum ist die Sprengvorrichtung nicht sofort im Moment des Deckelanhebens explodiert? Frau M. konnte noch um den Tisch herumgehen. Uns kam eine plausible Erklärung: Es wurde im Asservatenverzeichnis erwähnt, dass sechs Akkus gefunden wurden, wovon fünf bereits entleert waren und einer noch Restspannung aufwies. Es gab offenbar eine Batteriehalterung, die waren dann in Reihe geschaltet und hatten eine maximale Spannung von neun Volt. Der Korb stand mindestens vier Wochen unangetastet im Raum. Wir haben da meist irgendwelche Kriechströme, und Akkus generell haben nie die maximale Spannung. Das alles legt den Schluss nahe, dass, als der Deckel angehoben wurde, zwar die Zündeinleitung initiiert wurde, aber durch den Stromkreis zu wenig Spannung anlag.
Nun kommen wir zu den Auswirkungen: Eine große Gefahrenquelle ist die direkte Druckwelle, da gibt es Druckwerte, wo der menschliche Körper mit Verletzungen reagiert. Bei 350 Millibar, wenn der auf ein Trommelfell trifft, dann zerbersten in der Regel die Trommelfelle. Eine weitere Grenze ist ein Überdruck von 2,5 bar. Wenn der auf den Körper auftrifft, dann führt das oft zu tödlichen Lungen- oder Herzquetschungen. Bei Schwarzpulver lässt sich die Richtung der Druckwelle nicht vorhersehen, je nachdem, wie der Behälter zerplatzt. Die Stärke der Druckwelle nimmt in der Entfernung stark ab. Bei einer Entfernung von geschätzt einem Meter ist ein Druck von 2,5 bar nicht mehr gegeben. Frau M. hatte sich etwas wegbewegt, ihr Kopf war etwa einen Meter und ihr Körper noch etwas weiter entfernt. Hätte sie jetzt im Moment der Explosion die Dose direkt am Körper gehalten, dann hätte auf jeden Fall allein aufgrund der Druckwelle absolut akute Lebensgefahr bestanden.
Die zweite große Gefahrenquelle ist der Trümmer- und Splitterflug. All diese Splitter werden durch die Explosion extrem beschleunigt. Typische Geschwindigkeiten sind durchaus 300 Meter pro Sekunde oder 1000 Kilometer pro Stunde, da muss man kein Physiker sein, um sich zu vergegenwärtigen, dass die Wirkung fatal ist, wenn einen so ein Splitter trifft. Die Energie des Messingnippels lag über dem einer Pistolenkugel einer 9-mm-Pistole. Wenn der auf einen menschlichen Körper trifft, wird er mit großer Sicherheit dort eindringen und kann schwere bis tödliche Verletzungen hervorrufen. Akute Gefahr gab es auch im Bereich des Verkaufsraums wegen der zerborstenen Scheiben und der scharfen Kanten der durch die Luft geschleuderten Splitter. Es befand sich auch ein großes Käsemesser im Verkaufsbereich, das durch den Raum geschleudert wurde. Zusammenfassend lässt sich feststellen: Durch die vom Konstrukteur sicher nicht gewollte Verzögerung bei der Explosion konnte sich Frau M. vom Schreibtisch wegbewegen und nach unten beugen. Dadurch wurden der Hauptdruck, die Splitter und auch die Hitze lebensrettend von der Tischplatte abgehalten. Hätte sie direkt davor gestanden, hätte es für Frau M. vermutlich kaum eine Überlebenschance gegeben.
Tag 121
1. Juli 2014
Manfred Götzl, Richter. Thomas Gerlach, 35, Monteur, führendes Mitglied der rechten Szene in Thüringen.
(Zu Beginn der Hauptverhandlung wird diese auf Antrag der Verteidigung von Ralf Wohlleben gleich für längere Zeit unterbrochen. Anschließend stellen Wohllebens Anwälte einen Befangenheitsantrag gegen Götzl und seine Richterkollegen. Damit reagieren sie darauf, dass der Senat einen Antrag Wohllebens, ihn aus der Untersuchungshaft zu entlassen, abgelehnt hatte. Wohllebens Verteidiger argumentieren, die Richter würden Aussagen von Zeugen, die zugunsten ihres Mandanten auszulegen seien, unzureichend würdigen und verzerrt wiedergeben. Ein anderer Senat des Oberlandesgerichts weist den Befangenheitsantrag einige Tage später als unbegründet zurück.)
Götzl Uns geht es um Kontakte zu den Angeklagten und zu Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.
Gerlach Ich kenne bewusst nur den Herrn Wohlleben. Die anderen – ist mir nicht bewusst, dass ich die kenne. Herrn Wohlleben habe ich Anfang 2000 in Jena kennengelernt.
Götzl Welche Ziele haben Sie selbst politisch verfolgt?
Gerlach Ich habe einen sozialistischen Staat verfolgt, der aufs Volk begrenzt ist, also einen nationalen Sozialismus, der begrenzt ist auf die Völker. Dass sich das halt innerhalb der Nationalgrenzen organisiert.
Götzl Wie sahen Ralf Wohllebens Ziele aus?
Gerlach Wir wollten den Kapitalismus als solches demaskieren und Alternativen aufzeigen. Ich gehe mal davon aus, dass er sich auch sozialistisch positioniert hat, das war meine Ansicht von ihm.
Götzl Was meinen Sie mit sozialistisch?
Gerlach Ich gehe mal davon aus, dass er auf meiner Wellenlänge mitgeschwommen ist. Dass Betriebe ab einer bestimmten Größe unter unter staatliche Kontrolle gestellt werden müssen, dass nicht so Riesenkonzerne entstehen.
Götzl Wann haben Sie denn zusammengearbeitet?
Gerlach So von 2004 bis 2010, da habe ich aufgehört, politisch aktiv zu sein.
Götzl Was bedeutet das?
Gerlach Ich sehe halt aktuell in der politischen Arbeit keinen Sinn, ich kümmere mich um meine Familie.
Götzl Hat sich Ihre politische Einstellung geändert?
Gerlach Nee.
Götzl Unterstützen Sie die Familie Wohlleben?
Gerlach Wir schreiben halt Briefe, und ich bin mit meiner Frau mal bei seiner Frau gewesen.
Götzl Sie sagten, dass Sie die anderen Angeklagten bewusst nicht kennen würden. Was können Sie zu Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sagen?
Gerlach Och nix. Mir ist nicht erinnerlich, dass ich engeren Kontakt mit denen hatte.
Götzl Haben Sie denn was über diese Personen erfahren, über sie gehört?
Gerlach Ich wusste, dass Personen weg waren. Aber mir ist nicht bekannt, dass das mal groß Thema war. Und die Sache mit dem Koffer und der komischen Puppe hat man schon mitbekommen,.
Götzl Haben Sie sich mit Herrn Wohlleben darüber unterhalten?
Gerlach Nein.
Götzl Sind Sie sich da sicher?
Gerlach Ja.
Götzl Kennen Sie André Kapke?
Gerlach Ja, das war bis vor Kurzem mein Arbeitgeber. Und ich bin mit ihm auch befreundet.
Götzl Was können Sie über Mandy Struck berichten?
Gerlach Kennengelernt habe ich sie während der Haft, sie hat mir Briefe geschrieben, es hat sich auch ein persönlicher Kontakt ergeben. Ich war nach der Haft kurzzeitig mit ihr liiert, das hat dann aber nicht gepasst, ja, dann hat man sich wieder getrennt.
Götzl Gab es Diskussionen um die Anwendung von Gewalt im politischen Zusammenhang?
Gerlach Das war Konsens, dass das so nicht funktioniert. Das war Konsens, da brauchte man nicht groß drüber zu reden.
Götzl Haben Sie mit Herrn Wohlleben mal über Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung gesprochen?
Gerlach An Diskussionen kann ich mich nicht erinnern. Aber er war immer der Erste, der dazwischen gegangen ist, wenn jemand gewalttätig wurde.
Götzl Weswegen waren Sie in Haft?
Gerlach Ich war wegen Körperverletzung in Haft. Ich habe aus eigener Erfahrung gemerkt, dass es nichts bringt. In Haft habe ich reflektiert, dass es allgemein nichts bringt. Ich war im angetrunkenen Zustand, ich war jung und habe die Situation falsch eingeschätzt und zugeschlagen.
Götzl Waren oder sind Sie Mitglied bei den Hammerskins?
Gerlach Dazu möchte ich nichts sagen.
Götzl Und aus welchem Grund?
Gerlach Es verbietet mir mein an mich selbst gestelltes Wertegefühl, hier darüber zu reden.
Götzl Wir werden noch über die Hammerskins und Ihre Mitgliedschaft sprechen müssen. Es gibt keine Gründe, dass Sie hier die Aussage dazu verweigern können. Ich mache jetzt zehn Minuten Pause.
Gerlach Da wird sich in zehn Minuten aber auch nichts ändern.
(Nach der Pause setzt Götzl die Befragung fort.)
Götzl Gibt es jetzt von Ihrer Seite etwas zu ergänzen?
Gerlach Nein. (Der Zeuge soll noch einmal wiederkommen.)
Tag 122
2. Juli 2014
Manfred Götzl, Richter. Enrico Theile, 39, mit einem Anwalt als Rechtsbeistand. Jochen Weingarten, Vertreter der Bundesanwaltschaft. Stephan Kuhn, Edith Lunnebach, Angela Wierig, Anwälte der Nebenklage.
(Der Zeuge Enrico Theile war bereits an den Tagen 94 und 108 vorgeladen. Nun wird seine Befragung durch die Anwälte der Nebenkläger fortgesetzt.
Die Tatwaffe Česká 83 für neun der zehn NSU-Morde soll über mehrere Mittelsmänner aus der Schweiz nach Jena gekommen sein. Theile hat einen Bekannten namens Hans-Ulrich Müller in der Schweiz, bei dem er häufig war. Dieser Mann soll mit Waffen gehandelt haben.)
Anwalt Kuhn Wann haben Sie das erste Mal erfahren, dass der Herr Müller möglicherweise in die Beschaffung der Tatwaffe involviert war?
Theile Keine Ahnung, kann ich mich nicht erinnern.
Anwalt Kuhn Wann haben Sie das erste Mal erfahren, dass Herrn Länger das vorgeworfen wird?
Theile Weiß ich nicht, kann ich mich nicht erinnern.
Anwältin Lunnebach Wann haben Sie Herrn Müller zuletzt gesehen?
Theile Vielleicht vor zwei oder drei Monaten.
Anwältin Lunnebach Vor oder nach Ihrer letzten Vernehmung hier am 28.4.2014?
Theile Es kann sein, dass ich ihn danach gesehen habe. Das weiß ich jetzt nicht mehr.
Anwältin Lunnebach Schildern Sie das doch mal!
Theile Ich habe ihn besucht, bei ihm zu Hause, in der Schweiz. Ich glaube, ich war da mehrere Tage in der Schweiz.
Anwältin Lunnebach Haben Sie sich mit Herrn Müller über Ihre Vernehmung hier unterhalten?
Theile Kann mich nicht erinnern.
Anwältin Lunnebach Das ist eine Falschaussage! Wollen Sie mir jetzt weismachen, Sie erinnern sich nicht daran, ob Sie mit ihm über Ihre Vernehmung gesprochen haben?
Theile Ich kann mich nicht erinnern, über was wir gesprochen haben.
Anwältin Lunnebach Das ist eine Lüge! Das ist Aussageverweigerung! An was erinnern Sie sich von den Tagen, an denen Sie mit Herrn Müller zusammen waren?
Theile Ich kann mich erinnern, dass ich nachts mit meiner Freundin angekommen bin. Mit dem Auto. Wir haben uns ins Auto gelegt und geschlafen. Dann sind wir Fahrrad gefahren am See. Wir waren bei ihm zu Hause. Er war nicht da. Später haben wir uns auf seiner Hütte in den Bergen getroffen.
Anwältin Lunnebach Haben Sie sich mit Herrn Müller über Ihre Vernehmung hier unterhalten?
Theile Daran habe ich keine Erinnerung.
Anwältin Wierig Kann es sein, dass Sie sich doch erinnern, aber nicht einschätzen können, ob Sie es erzählen können oder nicht? Wenn Sie keine Erkrankung haben, dann ist es nicht möglich, dass Sie sich nicht erinnern. Wollen Sie sich vielleicht noch mal mit Ihrem Anwalt besprechen?
Götzl Man kann auch einfach noch mal an die Wahrheitspflicht erinnern. Das sage ich Ihnen jetzt noch mal klipp und klar! Sie sind zur wahrheitsgemäßen Auskunft verpflichtet, Herr Theile! Möchten Sie sich mit Ihrem Anwalt besprechen?
Theile Möchte ich nicht.
Oberstaatsanwalt Weingarten Ich freue mich über jede Ihrer Erinnerungslücken, denn das wird Folgen haben, das kann ich Ihnen versprechen! Haben Sie seit Ihrer letzten Vernehmung Medikamente oder Drogen genommen?




