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„Oh, okay.“ Mikovits nahm diese Position ein und schaute ihre Zellengenossin fragend an, ob sie es richtig mache.
„Okay“, sagte Marie mit einem bestätigenden Nicken. Die weibliche Wache öffnete die Tür, kontrollierte Mikovits oberflächlich, gestikulierte, dass sie vor ihr her gehen sollte, und gab ihr ein Zeichen, sich vorwärts in den Besucherbereich zu begeben. Als Mikovits vor ihr her ging, zeigte die Wache auf den Siegelring am Mittelfinger von Judys rechter Hand und blaffte: „Kein Schmuck, Gefangene!“
„Er ist schon lange dran. Wahrscheinlich länger als Sie am Leben sind“, sagte Judy. Es war ihr Siegelring von der University of Virginia in Charlottesville. Eines Tages im Jahr 1981, nach Stunden in einem kalten Raum, in dem sie natürliche Produkte für Krebstherapien purifizierte, war er wieder einmal heruntergerutscht, und in einem Anfall von Groll hatte Judy ihn über ihren Mittelfinger gestreift, wo er seit diesem Tag genau passend steckte. Die Wache war eine von vielen Leuten, die behaupteten, sie hätten einen „Trick“, um Ringe abzuziehen, in der Regel, indem sie das Metall auf eine bestimmte Weise verdrehen oder eine spezielle Creme oder Lotion verwenden würden. Die Wache verschwand für einen Moment und kehrte mit einer ihrer „magischen“ Cremes zurück. Sie trug sie auf und versuchte, Mikovits’ Finger zu verdrehen und den Ring abzuziehen. Mikovits Knöchel wurde rot und entzündet, als der Ring wie ein Knebel chinesischer Fingerhandschellen enger wurde. „Er muss weg“, sagte die Wache nach einigen Minuten des Versuchs. „Das ist zu Ihrem eigenen Schutz. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was ein Gefangener machen könnte, um ihn zu kriegen.“
Mikovits verstand die Gefahr, die von Gefangenen ausging, wenn man Schmuck trug, aber es gab keine Möglichkeit, den Ring von ihrem Finger he-runterzubekommen. Für Judy war es ein kleiner Triumph; eine Möglichkeit, ihre eigene Identität als ehrliche Wissenschaftlerin zu bewahren, die hart gearbeitet hatte. Schließlich kapitulierte die Wache und führte sie in Eile in den Besucherbereich. Als Mikovits vor der Wache den Zellenblock hi-nunterging, konnte sie sehen, wie sich ein paar andere Gefangene vorbereiteten. Besuchszeiten waren Freitag, Samstag und Sonntag von 7.30 bis 17.00 Uhr. Jedem Zellentrakt war ein zweistündiger Block mit einer halben Stunde zwischen den Blöcken zugewiesen. Die Routine erzwang sowohl die Befolgung der Regeln als auch die Einsicht in diese Schinderei.
Familienmitgliedern, die einen geliebten Menschen besuchen wollten, wurde geraten, anzurufen, bevor sie in der Einrichtung auftauchten, da Gefangene oft verschiedenen Zellblöcken mit unterschiedlichen Besuchszeiten zugewiesen wurden. Den Insassen wurden zwei spärliche halbstündige Besuche pro Woche gestattet, und jeder Besuch war auf zwei Erwachsene oder einen Erwachsenen und ein minderjähriges Kind beschränkt. Jede Person, die die Einrichtung betrat, um einen Gefangenen zu besuchen, wurde durchsucht.2
Die Strenge des Besucherbereichs schockierte Mikovits: Er schien so verhärtet wie einige der Gefangenen. Die Wände waren aus obsidian-schwarzem Edelstahl, und in den Besucherkabinen befand sich ein einziger Stuhl mit einem Telefon an der Wand daneben. Mikovits ging zu der Kabine, in der David wartete. Sie versuchte, ihm ein tapferes Lächeln zuzuwerfen, als sie den Hörer abnahm. „Mir geht es gut“, sagte sie schnell in den Hörer. Sie hörte keine Antwort vom anderen Ende, obwohl sie sah, dass Davids Lippen sich bewegten. Mikovits wandte sich an eine der Wachen. „Das Telefon funktioniert nicht“, klagte sie.
„Lesen Sie die Anweisungen“, antwortete die Wache mit mürrischer Stimme.
Mikovits beugte sich dicht davor, aber ohne ihre Lesebrille war es unmöglich, sie zu entziffern. Wie viele Menschen, die allmählich schlechte Augen bekamen, behalf sie sich mit einer Lesebrille aus der Drogerie. Sie benötigte bereits +3,25 Dioptrien und sie wusste, dass sie bald etwas Stärkeres von einem Augenoptiker brauchen würde. All die Jahre, in denen sie durch Mikroskope geschaut hatte, hatten ihren Tribut gefordert. „Ich kann es nicht lesen“, sagte Mikovits. Die Wache atmete frustriert aus, als hörte sie mehrmals am Tag Beschwerden von Analphabeten. „Wenn Sie nicht lesen können, dann sollte Ihre Zellengenossin in der Lage sein, die Anweisungen für Sie zu lesen und Ihnen zu sagen, was zu tun ist.“
„Nein, ich kann lesen, es ist nur so, dass ich meine Brille nicht dabeihabe.“
„Sie nehmen einfach den Hörer ab, wählen die vierstellige Nummer, die man Ihnen gegeben hat, als Sie hierher kamen, und dann Ihre Registrierungsnummer, und der Anruf wird durchgeschaltet.“
„Welche vierstellige Zahl?“, fragte Mikovits.
„Die, die Sie bekommen haben, als Sie hierherkamen.“
Mikovits erinnerte sich an den kleinen Stapel Papiere, der ihr gegeben worden war, als sie am Morgen zuvor um zwei Uhr aufgenommen und registriert wurde. Die Nummer musste dabei gewesen sein. „Ich glaube, ich habe sie in meiner Zelle gelassen.“
„Dann müssen Sie Ihren Besuch wohl erst morgen bekommen.“
Das war der Moment, an dem es für Mikovits zu viel wurde und sie es nicht mehr ertragen konnte. Sie fing an zu weinen. Wie konnte es sein, dass sie David so nahe war, ihn sehen und doch nicht mit ihrem Mann sprechen und ihn trösten konnte? Er sah verstört aus, sein Gesicht aschfahl: Die Situation forderte offensichtlich ihren Tribut. Sie wusste, er war wahrscheinlich krank vor Sorge, dass man sie im Gefängnis schlecht behandelte, aber das war das geringste ihrer Probleme. Sie wollte auch herausfinden, wie er mit dem Schock und dem Stress zurechtkam. Er wusste vielleicht nicht einmal, dass sie in den frühen Morgenstunden nicht nach Reno abtransportiert worden war, sondern dass sie vorerst in Ventura sicher war. Dies war ein ehrenwerter, gesetzestreuer Mann, und jetzt hatte er eine Frau, die im Gefängnis saß.
Was hatte sie falsch gemacht?
Nichts. Sie hatte lediglich versucht, den Patienten zu helfen und das Geld der Regierung zu schützen.
Die Wache gab ihr ein Zeichen aufzustehen und legte ihr die Hände auf den Rücken für den Gang zurück zu ihrer Zelle. David sah verwirrt und hilflos aus, wie er da hinter der Glasscheibe saß.
Sie ging hinaus aus dem Besuchsbereich, den Zellentrakt hinunter in ihre Zelle, und hörte, wie die Stahltür hinter ihr durch die Luft schnitt und dabei so bedrohlich und endgültig klang, wie nur Stahl es kann.
* * *
David war fest entschlossen, das Gefängnis nicht zu verlassen, ohne mit seiner Frau gesprochen zu haben. Nachdem Mikovits aus dem Besucherbereich geholt worden war, ging David zu einer der Wachen. Er erklärte in seiner entwaffnenden Art, dass sie keine Lesebrille hatte und mit den Abläufen im Gefängnis nicht vertraut war. Könnten sie sie nicht noch einmal zurückbringen, damit sie richtig mit ihm sprechen konnte? Währenddessen beobachtete Marie Mikovits, wie sie hereinkam, und sah den verstörten Ausdruck in ihrem Gesicht. Auf die Frage, was geschehen sei, erzählte Mikovits es ihrer Zellengenossin.
„Du kannst nichts erkennen?“, fragte Marie.
„Vielleicht wenn die Zahlen groß genug geschrieben sind.“
Marie schaute sich Mikovits Papiere an, fand die vierstellige Nummer und ihre Registrierungsnummer auf ihrem Armband und schrieb sie auf ein Blatt Papier, groß genug, damit Mikovits sie lesen konnte. „Kannst du das jetzt lesen?“
„Ja. Ja, das kann ich“, sagte Mikovits. Sie dachte, dass sie es morgen richtig machen würde.
Wenige Minuten später jedoch machte die Wache im Turm über den Lautsprecher eine Ansage: „Mikovits, Sie haben einen Besucher.“
„Okay, versuchen wir es noch einmal“, sagte die Wache, als sie ankam. Mikovits legte ihre Hände auf ihren Rücken, die Wache trat ein, und sie liefen den Gang des Zellentraktes hinunter. Als sie den Raum wieder betrat und David sah, hatte sie ein Gefühl von Triumph. Sie setzte sich, nahm den Hörer ab, hielt sich das Papier vors Gesicht und wählte die Nummern. Das Telefon klingelte auf Davids Seite der Glasscheibe und er hob ab. „Wie geht es dir?“, fragte er sanft.
„Mir geht es gut, mein Liebster. Ich komme zurecht. Ich habe nichts falsch gemacht.“ Sie war sehr entschlossen und mit sich im Reinen. Sie war schockiert von der Verhaftung, hatte aber das Gefühl, dass die wirkliche Gefahr darin bestand, nach Nevada zurückzukehren. Sie befürchtete, dass man nicht wissen konnte, was passieren könnte, wenn sie wieder unter Harveys fast despotischer Kontrolle über seine Lakaien im Silver State wäre. Er hatte seinen weitreichenden Einfluss auf Kalifornien ausgedehnt, um sie festzunehmen, aber die Leute im Golden State waren nicht seine Lakaien. Sie würden die Befehle annehmen, die er mit amtlich klingendem Juristenlatein aufgeplustert hatte, aber sie würden seinem Gebot nicht folgen.
„Gut geht es mir. Weil ich versuche herauszufinden, was hier läuft. Ich habe die Kaution bekommen, aber ich weiß nicht, was los ist. Es ist sehr merkwürdig. Ich verstehe es nicht. Ich rede mit Harvey, und Frank hilft auch. Frank wird mit Harvey sprechen. Es wird alles wieder in Ordnung kommen.“ Sie sprachen eilig noch ein paar Minuten miteinander, und dann war ihre Zeit vorbei. Fünfzehn Minuten vergingen blitzschnell, nachdem man fast einen Tag im Gefängnis eingesperrt war. Als die Wache dieses Mal kam, war Mikovits gelassen. Sie hatte wieder die Kontrolle über eine destabilisierende Situation. David tat alles in ihrem Sinne, und Frank hielt ihr auch den Rücken frei. Sie versuchten, mit Harvey vernünftig zu reden. Sie alle würden eine Lösung finden, um sie aus dem Gefängnis herauszubekommen.
Als Mikovits zurück in die Zelle kam, schlief Marie fest. Alles, was Mikovits tun konnte, war, auf ihre Koje zu kriechen und an die Decke zu starren. Da sie ihre Brille nicht hatte, konnte sie nichts lesen. Sie konnte nur dort liegen, und sie dachte an die ME/CFS-Patienten, die still auf dem Rücken liegen und jeden neurologischen Reiz vermeiden mussten, gefangen in einer kaum wahrnehmbaren Welt der Ruhe. Gegen vier Uhr nachmittags wurden die Gefangenen zu ihrer „Freizeit“, die in der Regel etwa vier Stunden dauerte, aus ihren Zellen geholt. Der kreisförmige Bereich, der den „Aussichtsturm“ enthielt, hatte auch einen Raum mit Betonböden, stählernen, im Boden fest verschraubten Picknicktischen, Wagen mit Büchern und Zeitschriften und einem kleinen Fernseher, der etwa drei Meter hoch an der Wand montiert war, um ihn vor den Insassen zu schützen. Ohne ihre Brille konnte sie das Footballspiel, das im Fernsehen lief, weder lesen noch verfolgen: Es war, als sei sie in einem fremden Land.
Sie versuchte, durch den Raum zu gehen, in der Hoffnung, dass die Bewegung sie ein wenig erschöpfen und ihr einen besseren Schlaf verschaffen würde, aber sie hatte immer noch nicht alle Benimmregeln verstanden und wusste nicht, dass sie die anderen Gefangenen auf Verhaltenshinweise hin beobachten musste. Als sich die Tür öffnete, die zum Turm führte, und eine Wache hereinkam, waren alle Gefangenen angehalten, sich sofort hinzusetzen. Ein paarmal war Mikovits die einzige Person, die noch stand. Sie begriff nicht, warum alle anderen aus unerfindlichen Gründen das Spiel „Die Reise nach Jerusalem“ zu spielen schienen. Die Gefangenen wurden auch zum Mittagessen und zum Abendessen aus ihren Zellen geholt. Obwohl sie nichts von dem Mittagessen zu sich genommen hatte, dachte sie, sie sollte jetzt doch versuchen, etwas von dem Abendessen zu verzehren, vielleicht nur eine Scheibe von dem mysteriösen Eiweiß, damit sie bei Kräften blieb. Das Abendessen bestand aus einem Hamburger, und sie nahm ihn, schob den Bratling vom Brötchen herunter und aß nur das Hackfleisch. Es schmeckte wie das Pappende einer alten Haferflockendose, aber sie musste etwas essen.
Nach dem Abendessen, als ihre Zellengenossin schon wieder schlief, wanderten Mikovits’ Gedanken zurück zu der Kette an Ereignissen, die dieses Desaster verursacht hatten. Sie versuchte positiv über Harvey Whittemore zu denken, aber ihre Entrüstung bekam die Oberhand. Wie konnte er dies tun, wo sie doch vor Kurzem noch im Kampf für die gleiche Sache verbündet gewesen waren? Wie konnte er sie wie ein Familienmitglied behandeln und dann so etwas tun? Hatten sie in den letzten fünf Jahren nicht begriffen, wer sie war? Sie spürte wieder, wie die Wände der Zelle sie umzingelten. Dann betete sie, dass Harvey und Annette zur Vernunft kommen und diesen Wahnsinn stoppen würden.
Mikovits erinnerte sich an ihr letztes Gespräch mit Annette Whittemore einige Monate zuvor auf der Ottawa Conference im September 2011. „Ich werde dabei nicht mitmachen“, hatte Mikovits gesagt, nachdem sie erneut erklärt hatte, dass der diagnostische Test auf XMRV nicht klinisch validiert sei und sie ihn daher nicht vorzeitig verkaufen sollten.3
Mikovits erzählte Annette, dass sie als Projektleiterin des Forschungsprojekts mehr als bereit war, die Verantwortung für die früheren Fehler zu übernehmen. „Aber das betrifft die Vergangenheit. Ich werde keine Verantwortung dafür übernehmen, dass ich hier nicht die Leitung innehatte“, fuhr sie fort. „Wir müssen das Richtige tun, alles stoppen, bis wir das herausbekommen haben!“ Das waren die letzten Worte, die sie Annette persönlich sagte.
Mikovits war klar, dass ihre Worte und ihr Ton gegenüber Annette hart gewesen waren, aber sie wusste, dass sie ehrlich waren. Wenn sie hätte zurückgehen und sie hätte besänftigen können, hätte sie dies wahrscheinlich getan, aber ihre zugrunde liegende Botschaft bliebe unverändert: Sie konnten diesen ineffektiven Test nicht guten Gewissens verkaufen.4 Und die Frage, die unbeantwortet blieb und an deren Erforschung die wissenschaftliche Gemeinde wenig interessiert war, bestand darin, warum all diese Menschen an Krankheiten wie Krebs, ME/CFS und Autismus erkrankten.
Für Mikovits war das Vorgehen ganz klar. Eine Wissenschaftlerin sollte Krankheiten untersuchen, versuchen, ihre Geheimnisse zu lüften, und wenn ihr das gelingt, sollte sie schnellstmöglich Wege finden, um den Betroffenen Linderung zu verschaffen. Alle anderen Probleme waren zweitrangig.
Die wichtige Frage war, was man mit den Kranken machte, die jetzt litten. Alles, was Patienten mit ME/CFS einen Tag länger in ihren abgedunkelten Räumen hielt, was Kinder mit Autismus davon abhielt, die Gedanken auszusprechen, die durch ihre überreizten Gehirne blitzten, oder ehrliche Wissenschaftler ins Gefängnis brachte, konnte nur mit einem einfachen Begriff bezeichnet werden: das Böse.
KAPITEL 4
Ein Retrovirus beim Chronischen Erschöpfungssyndrom?
Es ist ein klassisches Gamma-Retrovirus, aber es ist völlig neu. Niemand hat es jemals zuvor beobachtet. Sein nächster Verwandter kommt in der Tat von Mäusen, und deshalb bezeichnen wir es als ein xentotropes Retrovirus, weil es eine andere Spezies als Mäuse infiziert … Wir haben es jetzt bei vielen Patienten getestet, und wir können sagen, dass es sich alles um unabhängige Infektionen handelt.
— Dr. Joseph DeRisi: „Hunting the Next Killer Virus“, Februar 2006, Monterey, CA, TED Talks1
Incline Village, Nevada – Sommer und Herbst 2006
Die Tage in Nevada bekamen eine produktive Routine. Mikovits sah durchschnittlich fünf bis sechs von Petersons Patienten pro Tag in der Sierra Internal Medicine.2 Sie und ihr Team nummerierten jeden Patienten nach dem Zufallsprinzip und nahmen ihn in die Datenbank auf. Die Randomisierung diente dazu, die klinischen Informationen zu blinden, die sie als Nächstes erhoben. Dann nahmen sie etwa 30 bis 40 Milliliter Blut ab. Für die DNA-Analyse trennten und aliquotierten (portionierten) sie das Blut in Plasma, Seren und Blutplättchen. Danach vermischten sie die Proben mit Trizol, einer chemischen Lösung, die die Nukleinsäuren und Proteine beim Einfrieren konservierte.
Trizol war seit 1987 im Einsatz und wurde für viele Forscher zur bevorzugten Methode für die RNA/DNA/Protein-Extraktion. Obwohl Trizol einen extrem starken und üblen Geruch hatte, bevorzugte Mikovits es, weil damit die RNA und die Proteine intakt blieben und es gleichzeitig Zellen und Zellkomponenten auseinanderriss. Wenn man eine Probe untersuchte, die vor Jahren oder gar Jahrzehnten mit Trizol konserviert worden und nicht tiefgefroren war, dann konnte man relativ sicher sein, dass es kaum oder gar keinen Abbau der Nukleinsäuren oder Proteine gegeben hatte. Um Längsschnittforschung bei einer Epidemie wie ME/CFS zu betreiben, bedeutete dies, dass das Blut des Patienten wie eine Momentaufnahme in der Zeit der Pathogenität erfasst werden konnte.
Zusätzlich zur Konservierung der Proben mit Trizol nahm Mikovits’ Team einige Zellen, konservierte sie in DMSO (Dimethylsulfoxid), das als Kälteschutzmittel benutzt wurde, um Eisbildung zu verhindern, die den Zelltod verursacht. Dann lagerten sie die Zellen in flüssigem Stickstoff, sodass sie zu einem späteren Zeitpunkt aufgetaut werden konnten, um sie in Kulturen zu züchten. Petersons Patienten sollten regelmäßig alle drei Monate in die Praxis kommen, um mit ihm zu sprechen, und dies gab Mikovits die Möglichkeit, weitere klinische Daten über jeden Patienten zu erheben und zusätzliche Blutproben zu entnehmen. Sie hoffte, am Ende fünf oder sechs Proben von jeder Person zu haben, da ihre Symptome je nach Jahreszeit, Stress und weiteren Faktoren schwankten. Dies war wichtig für die Jagd nach dem Erreger, denn es trug dazu bei, die natürliche Neigung von Krankheitserregern, sich dem Nachweis zu entziehen, zu umgehen, sowie Proben zur Reproduktion jeglicher Ergebnisse zur Verfügung zu stellen.
Neben der Erhebung der klinischen Informationen und der Aufbewahrung von Proben in das neue und verbesserte Archiv ließ Mikovits die Proben auf Zytokine testen (Zytokine sind Signalmoleküle für die Kommunikation unter den Zellen, die eine Art Krankheits- „Fingerabdruck“ erzeugen können), untersuchte sie mit einem Durchflusszytometer, um die jeweiligen Arten von Immunzellen zu bestimmen, und betrachtete weiße Blutkörperchen unter dem Mikroskop. Mit Hilfe von Spenden erwarb Mikovits eine teure Datenbank, die auch in großen Krankenhäusern wie dem Sloan-Kettering Cancer Center in New York City (dem ältesten und größten privaten Krebszentrum der Welt) verwendet wurde. Die Datenbank konnte die Ausgangsprobe und dann die Aliquots (ein Teil der ursprünglichen Probe), die bei jeder Untersuchung verwendet wurden, nachverfolgen. Dadurch konnten Proben bis zum exakten Aliquot aus der Ausgangsprobe zurückverfolgt werden. Weil Konservierung alles war, blieb die ursprüngliche Probe von allem unberührt, was sie hätte kontaminieren können.
Mikovits war entschlossen, dass niemand jemals ihr Archiv so betrachten und seine Organisation infrage stellen würde, wie sie es getan hatte, als Byron Hsu sie zu Petersons ursprünglichem Archiv geführt hatte.
* * *
„Es war, als ob die große Pest von Stadt zu Stadt zog und alle sechs Monate zuschlug“, erinnerte sich Paul Cheney später. „Zuerst gab es den Ausbruch am Lake Tahoe in den Jahren 1984 bis 1985, dann den in der kleinen Stadt Yerington, Nevada, vierzig Meilen südöstlich, dann sechs Monate später einen in Placerville, Kalifornien, vierzig Meilen südwestlich.“3
Diese neue Krankheit war eine Freak-Show von körperlichen Anomalien, die ihre seltsamen, ausgesprochen merkwürdigen Symptome in einem langsamen Marsch durch ruhige Städte rund um Lake Tahoe und in der Sierra Nevada vorführte. Es war der Ort, an dem die berühmte Donner Party [eine Gruppe von Siedlern, die auf dem Weg in den Westen der USA waren] im Jahr 1846 auf schreckliche Katastrophen einschließlich Hunger, Winterkälte, Krankheit, Unterkühlung und Kannibalismus traf, als die Siedler sowohl vom Osten wie vom Westen abgeschnitten waren.
Elf Jahre nach diesem Ausbruch veröffentlichte die Journalistin Hillary Johnson eine genaue Erzählung dieser modernen Katastrophe in einem mehr als 700 Seiten starken Buch namens Osler’s Web: Inside the Labyrinth of the Chronic Fatigue Epidemic. Johnson berichtete über die lustlose, oft verächtliche Reaktion der Regierung auf die damals aufkommende Krankheit, beginnend mit einer genauen Schilderung der Tage des Ausbruchs in Incline Village, Nevada. Johnsons Beschreibung der außergewöhnlichen Anstrengungen, die Cheney und Peterson unternahmen, um die Geheimnisse der Krankheit zu entschlüsseln, ist es wert, wieder aufgegriffen zu werden, weil die Ärzte schließlich – ganz wie Mikovits zwei Jahrzehnte später – bei einer retroviralen Hypothese landeten.
Wie Johnson berichtet, war Peterson ein gut ausgebildeter Spezialist für Innere Medizin, der eine Privatpraxis in Incline Village gründete, nachdem er seine medizinische Ausbildung abbezahlt hatte, indem er als Klinikarzt für eine verarmte Bevölkerung von Migranten und Landarbeitern in Idaho diente.4 Cheney näherte sich zu dieser Zeit dem Ende seiner Einberufung zur Air Force und diente als Chefarzt am Mountain Home Air Force Base Hospital.5
Nachdem er erfahren hatte, dass Peterson einen Partner suchte, beschloss Cheney, sich die Peterson-Klinik eine Woche lang anzusehen. Ihm gefielen die malerische Landschaft und die überraschend gut ausgestattete Praxis, und so schloss er sich Peterson im Oktober 1983 an.
Die außergewöhnliche natürliche Schönheit der Region war eine gegebene Tatsache, und die wirtschaftlichen Chancen waren sehr gut, zumal Cheney und Peterson die einzigen beiden zertifizierten Ärzte am Lake Tahoe waren.6 Die Ärzte betrieben das, was viele Einheimische als die „führende Praxis“ in der Stadt betrachteten, so Johnson. Schnell wurden sie die Ärzte der Wahl in der exklusiven Gemeinde, in der die meisten Menschen die Möglichkeit hatten, jeden Arzt in der Welt zu konsultieren.
Im Oktober 1984 begannen Cheney und Peterson jedoch eine ungewöhnliche Gruppe von Patienten zu sehen. Es fing an mit dem Basketballteam einer örtlichen Highschool. Einige der Mädchen klagten über etwas, das zunächst wie ein schwerer Fall eines Pfeifferschen Drüsenfiebers aussah.7 Im März 1985, schreibt Johnson, wurden die Ärzte Zeuge davon, wie eine große Anzahl von Erwachsenen an ähnlichen Beschwerden erkrankte, darunter auch Lehrer, die ein Lehrerzimmer teilten.8 Die meisten dieser Patienten waren in ihren Dreißigerjahren, was atypisch war, weil das Pfeiffersche Drüsenfieber in der Regel Jugendliche und junge Erwachsene trifft (daher wurde es aufgrund der Speichelübertragung auch als „Kusskrankheit“ bezeichnet, da jeder Kontakt mit infiziertem Speichel die Krankheit verursachen kann).9
Die Zahlen begannen von Mai bis Juni 1985 exponentiell anzusteigen, und die beiden jungen Ärzte waren erstaunt über das, was sie sahen. Bei einer Reihe von spätabendlichen Gesprächen, wie sie in Osler‘s Web beschrieben wurden, waren die beiden gezwungen, sich dem Offensichtlichen zu stellen: Sie wurden Zeugen einer ausgedehnten Epidemie unter ehemals gesunden Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von etwa achtunddreißig Jahren, die in einem kleinen geografischen Gebiet auftrat.10 Anfangs ähnelte die Krankheit dem Pfeifferschen Drüsenfieber. Die Patienten hatten Halsschmerzen, geschwollene Drüsen, Fieber, eine vergrößerte Milz, die tastbar war, und atypische Lymphozyten im Rachenabstrich (Lymphozyten sind Immunzellen, die fremde Eindringlinge bekämpfen).11
2013 erinnerte sich Cheney: „Einige Fälle sahen aus wie klassisches Drüsenfieber und andere Fälle sahen etwas anders aus. Man sah so etwas wie einen enzephalitischen Beginn mit starken Druckkopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit, Desorientierung und Gleichgewichtsstörungen.“12
Während Cheney beobachtete, dass die Fälle zunächst der Grippe oder dem Pfeifferschen Drüsenfieber ähnelten, entstand nach der akuten Phase „diese außergewöhnliche Erschöpfung, die dazu führte, dass sie nicht mehr arbeiten konnten. Sie hatten darüber hinaus viele kognitive Probleme wie Wortfindungsschwierigkeiten, sie konnten den Weg durch den kleinen Ort nicht mehr finden, waren vergesslich, mussten sich alles aufschreiben, konnten keine Fernsehsendungen mehr anschauen oder Bücher lesen, weil sie der Handlung nicht folgen konnten.“13
Schließlich, so Johnson weiter, seien die Ärzte zu dem Schluss gekommen, dass, was auch immer sich in der Blutbahn ihrer Patienten befand, „jetzt in ihr Gehirn eingedrungen“ sei. Aber was war das? Nichts in ihrer medizinischen Ausbildung oder klinischen Erfahrung, bemerkte Johnson, hatte die Ärzte auf so etwas wie diese verheerende Krankheit vorbereitet.
* * *
Johnson beschreibt den entscheidenden Wendepunkt, der kam, als Cheney und Peterson ihre Blutproben an Susan Wormsley schickten, eine Biochemikerin und Expertin für Durchflusszytometrie am Cytometrics Laboratory in San Diego. Durchflusszytometrie quantifiziert und qualifiziert den Zustand der Zellen des Immunsystems.14 Wormsley sagte Johnson:




