Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)

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und zu dem Getöse singen viele Stimmen schreiend durcheinander:
Jede tolle Narrenpein
Wird ja wohl notwendig sein.
Diese Verse werden siebenmal wiederholt, und die Stimmen – es sind lauter Knabenstimmen – schreien jedesmal lauter, sodass der Gesang schliesslich zum Gekreisch wird, das schliesslich in Gewimmer umkippt und dann plötzlich weg ist.
Und nun wirds allmählich hell.
Und Mondlicht umfliesst den grossen Kaidôh.
Es wird so still, dass Kaidôh sein Herz klopfen hört.
Mit weit ausgebreiteten Armen dreht sich der Riese langsam um sich selbst.
Und er sieht in der Runde in sieben tiefe Schluchten, in denen Nebelschatten geisterhaft auf und nieder gleiten. Im Mondenschein glänzen die Nebel wie bewegte Schleiergebilde – wie geisterhafte Rauchgewänder.
Hier ist alles so ruhig wie auf einem Friedhof.
Zwischen den Schluchten liegen grosse Bergnasen im hellen Mondenschein – Gletscher, die aus unzähligen Sternen bestehen.
»Ich fürchte vielleicht doch nur das Stille!« flüstert Kaidôh, und seine Augen irren über die Mondscheinpracht, und er geht auf in dieser Glanzwelt, in der die Geheimnisse des ganzen Alls zu schlummern scheinen. Er vergisst sein ganzes Leben.
Und nach einer Weile spricht er fragend:
»Die gewaltigen Stunden des Lebens – sollten sie immer stille Stunden sein?«
Die Bergnasen sind ihm so nahe.
Und nun sieht er die Gletscher in zitterndem Zauberschein – so glanzreich.
»Irrsinnige Schönheit!« flüstert er zaghaft.
Und er wagt nicht zu atmen. Er dreht sich langsam, ohne es zu wollen.
Und seine Augen verlieren sich in den glänzenden Gletschern, die hoch aufragen – und seine Augen verlieren sich in den Schluchten, die tief hineingehen in Nebelreiche.
Und aus den Nebeln der sieben Schluchten kommen nun sieben grosse Walfische – sie schwimmen in den Nebeln, als wären sie im Wasser.
Schwarz und weiss schachbrettartig karriert ist das Fell der Walfische.
Wie sie mit den grossen dicken Köpfen aus den Schluchten heraus sind, heben sie die Schwänze hinten hoch auf, sodass ihre Leiber krummen Schwertern nicht so unähnlich sehen.
Und nun sprechen die Walfische im Chore, während sich Kaidôh noch immer langsam mit ausgebreiteten Armen um sich selber dreht:
Ja, nun wollen wir singen das lange Lied,
Das so still wie ein Schwan durch das Weltmeer zieht,
Unser Lied von der sternraumentrannten Zeit
Mit der weithinflammenden Ewigkeit.
Das klang so dunkel und schwer, als hätten die grossen Tiere grosses Leid zu tragen.
Nach einer längeren Pause, in der sich Kaidôh nicht mehr dreht, flüstern die Tiere – geheimnisvoll wie Mondscheinnebel:
Morgen, Heute, Gestern
Sind drei liebe Schwestern,
Aber nicht die Ewigkeit.
Wir aber wollten zum Herzen des Lichts
Und da die Ewigkeit umfassen.
Urplötzlich aber begriffen wir nichts
Und mussten alles Denken lassen.
Der Riese horcht und schaut die Tiere lange an, deren weisse Hautquadrate heftig leuchten im Mondenlicht, während die schwarzen dunkler sind als alles andere.
Sodann spricht ein Walfisch allein – seine Stimme dröhnt so wie tausend rauhe Bässe:
Als langes wüstes Träumen
Erschien uns alles Leben.
Stumpf wie altes Weltgewürm
Schwammen wir nun ohne Worte
Durch den langen Himmelsraum,
Kamen so an eine Pforte,
Deren weite Schallgewölbe
Auf Säulen ruhten, die aus Glas bestanden
Und blitzten, dass wirs überall empfanden.
Als wir nun sehr bald bemerkten,
Dass die Schläge sich verstärkten,
Riss uns die Geduld – wir schimpften;
Unsre dicken Walfischfelle brannten.
Nach diesen sehr kräftig gesprochenen Versen räusperten sich die Wale, wackelten bedächtig mit den hinten hoch aufragenden Schwanzflossen hin und her und sprachen – abermals im Chore:
Und mit vielen Donnerworten,
Die wir itzo singen werden,
Brüllten uns die Säulen an.
Dröhnend sprach hiernach der Walfisch mit der rauhen Bassstimme:
Es sangen die Säulen!
Und im mächtigsten Posaunentone sangen die Walfische, was die Säulen gesungen hatten:
Also scheuert Ihr nicht ab
Eure Weltnatur.
Diese Pforte sei für euch
Starres Sinnbild nur
Und ein Jenseitsgruss.
Denn hier geht es zu den Weltgesichtern,
Die auch hinter allen Räumen lachen,
Und auch hinter allen Farbenlichtern
Leben aus den Sehnsuchtsträumen machen.
Zwar zu der Jenseitsherrlichkeit
Kommt ganz allein die Weltenzeit.
Die geht so leicht durch diese Pforte
Und weilt an manchem Wunderorte;
Sie hängt beinah an jeder Weltallsfalte,
Nicht nur an der, die sich mit Sternen schaukelt;
Sie ging nach vielen Seiten,
Ohne zu verschwinden,
Und pflegte fortzuschreiten,
Ohne wegzugehen.
Die in Räumen sich befinden,
Werden niemals das verstehen.
Es schwebt die leichte Unbekannte
Nicht über dem ganzen Allgewande,
Doch hat sie viel davon gesehen.
Wollt ihr das Ganze sehen, seht ihr nichts.
Wollt ihr das Ganze hören, hört ihr nichts.
Ihr schwimmt im räumlichen Faltenschoss
Und wisst von Formen und Farben bloss.
Und die andren Höhen, Weiten und Tiefen,
Die im Allgewande wachten und schliefen
Und weder Höhen, noch Weiten, noch Tiefen sind –
Für euch sind sie nicht da.
Ihr wisst nicht, was geschah.
Was wisst ihr von dem Ganzen?
Mit dem könnt ihr nicht tanzen.
Doch hier vor unsrer Säulenpforte
Entwickelt sich ein Ahnungsspiel
Von andrer Sinne Sehnsuchtsziel.
Atmet doch in jedem Augenblick
Noch manches andre Weltgeschick,
Das weder Lichter noch Schatten kennt
Und nicht vom Einen zum Andern rennt.
Und jede selige Stunde
Wird von dem Ahnungsspiel durchglänzt,
Dass eure Sehnsuchtsallkunde
Sich licht- und schattenlos ergänzt.
Ja, nur Zeit und Ewigkeit
Stehn mit einem Bein in andren Sphären,
Des Gewürmes Wenigkeit
Soll in Sehnsucht sich verzehren
Und ein Ahnungsspiel gebären.
Diese Pforte sei für euch
Starres Sinnbild nur
Und ein Jenseitsgruss
Von der Allnatur
Mit den Faltengebilden
Aus den Rauschglanzgefilden.
Nach diesem langen Gesange rufen die Wale sämtlich, als wär ihnen ein Stein vom Herzen gefallen:
Schluss!
Es steckte viel Trutzigkeit in diesem kleinen Wort.
Und die sieben Wale im karrierten Fell kommen mit ihren dicken Köpfen dem Kaidôh in Brusthöhe ziemlich nahe, sodass die Köpfe einen Kranz um sei nen Oberkörper bilden. Während sich nun Kaidôh mit ausgebreiteten Armen um sich selber dreht, streichen seine Hände, ohne dass ers will, über die Köpfe der Wale.
Und die Wale sinken nach dieser Berührung langsam in die Tiefe, in der ein blutrotes Rubinmeer funkelt. Die blutroten Rubinen sind natürlich lauter grosse Sterne.
Kaidôh kann nicht den Kopf bewegen und sieht so nichts von dem Meere. Er hört nur unten die Wale noch einmal singen.
Der Gesang klingt so lächelnd.
Die Wale singen:
Nun schwimmen wir wieder ohne Begehren,
Wir ahnen der Welten Sehnsuchtsziel –
Und wollen uns gar nichts weiter erklären,
Wir bleiben beim grossen Ahnungsspiel.
Und thun wir auch manchen Skorpionen leid,
Wir sind doch die Weisen – im Narrenkleid.
Es hallt lange in den Schluchten nach.
Die Wale tauchen im Rubinmeere unter, und klatschend schlagen die Rubinwogen über den schwarz und weiss karrierten Leibern zusammen. Ein Brausen steigt empor und weckt in den Schluchten dumpfes Donnergetöse.
Kaidôh reisst weit seine beiden Augen auf, dass sie leuchten wie Phosphorsonnen und aussehen, als sähen sie Unsägliches.
Der Mondschein zergeht. Oben im Himmel erscheinen viele Sterne. Und ganz hinten über den sieben Schluchten erscheinen sieben ungeheure Sternriesen mit Raketenarmen und unzähligen Köpfen, die goldene Hörner haben, und bunte Brillantenaugen. Die Leiber der Riesen sind goldene und silberne Astknorren, um die sich Opalschlangen winden. Und alles funkelt und glitzert. Die blauen und roten und grünen Sternfarben brennen gewaltig in die Nacht hinauf.
Die Bergnasen und die Schluchten sind dunkelbraun und nicht sehr hell. Kaidôh sagt leise: »Nun will ich das Letzte!«
Da spricht der Sternriese, der zuerst erschien:
Ja! Wir Grossen preisen nie das Letzte,
Denn das Letzte giebt es nicht.
Wen das Unbegreifliche verletzte,
War noch nie ein Rauschgedicht.
Kaidôh versucht, seine Arme zu heben, und will damit sagen, dass er auch das Unbegreifliche empfangen wolle mit weit offenen Armen.
»Es muss aber doch einen Abschluss geben!« ruft er heftig beim Armheben aus.
Und der zweite Sternriese erwidert ihm:
Das Unaufhörliche durchlacht auch diesen Raum,
Und nur ein Farbenspiel ist jeder Todestraum.
Kaidôh bemerkt, dass die Sternriesen ganz einfach sprechen – trotz ihrer vielgestaltigen Körper. Und er fühlt, dass ihm die einfache Sprache der Sternriesen so wohl thut – er wollte ja das Einfache.
Nun wird ihm die ganze Welt immer einfacher.
Und er will nur noch das, was doch geschieht.
In seiner Nähe weilt wieder seine Liwûna. Wohl sieht er sie nicht, jedoch er fühlt sie wie einen kühlen Luftzug, und sie spricht feierlich: »Jetzt kann ich dich verlassen.«
Und sie thut, wie sie sagte.
In der Ferne hört er sie noch einmal in schweren Tönen rufen:
»Kaidôh! Kaidôh!«
Er will sie noch einmal sehen und ruft:
»Liwûna!«
Indessen – nur Echos antworten in der Ferne.
Wie die Echos nur noch ganz schwach aus der weiten Ferne über die Berge herübertönen, spricht Kaidôh still zu sich selbst:
»Ist Liwûna ein Echo geworden? Ein Allecho? Ein Sehnsuchtsallecho?«
Und er denkt über die Sehnsucht nach und möchte wissen, ob ihre Macht so weit reicht wie Zeit und Ewigkeit.
Und der dritte Sternriese giebt ihm Antwort – in leichten Worten – diesen:
Nur wo immer viele Dinge
Gründlich sich verändern sollen,
Fühlt die Sehnsucht sich zu Hause.
Ist der Wandel der Erscheinung
Gründlich eingeleitet worden,
Macht die Sehnsucht, dass sie fortkommt.
Kaidôh hebt seine Arme höher und versucht, die Finger noch immer weiter auszuspreizen – ihm ist, als würden sie immer länger.
Und er fühlt sich so frei.
Er spricht nach ein paar stillen Augenblicken hart und deutlich:
»Der Schatten ist fort. Nun ist alles einfach. Ich bin allein.«
Und der zweite Sternriese flüstert, dass es zischt:
Doch glaube nicht,
Dass dies das Letzte sei.
Dem Letzten folgt
Noch immer mancherlei.
Aus den Schluchten dringen Töne an sein Ohr, die er nicht versteht – sie sprechen von Tod und Einsamkeit – von rasendem Rausch und festlichem Zusammenbruch. Und die Töne stören den grossen Kaidôh; er empfindet, dass er bereits in seiner gewaltigen Stunde lebt – und er empfindet gleichzeitig schmerzlich, dass dem Gewaltigen noch etwas fehlt – dass es noch nicht voll ist – dass ers noch nicht vollendet nennen kann.
Er hebt die Arme höher und höher.
Es wird heller auf den Bergnasen und in den Schluchten, die den grossen Kaidôh wie Radspeichen anmuten.
Und der fünfte Sternriese brüllt heftig:
Es giebt auch keine vollendeten Sachen;
Die Kugeln drehen sich zu viel,
Die Weisen müssen zu viel lachen.
Ein Ahnungsspiel entwickelt sich vor Kaidôhs Augen; er bildet sich ein, Geister zu bemerken und diese Geister mit Sinnen wahrzunehmen, die er bislang nicht gekannt und nicht besessen hat. Und er hat die Ueberzeugung, tiefer ins All blicken zu können, und es durchzuckt ihn: er erkennt in der Tiefe des Alls einen grossen Riesen, der ganz allein da sitzt und sich nicht rührt. Und er hält diesen einsamen Riesen für die grosse Ruhe, die da kommen soll in dem Reich, das weder Licht noch Schatten kennt. Und er bildet sich trotz allem wiederum ein, das Ganze verstanden zu haben.
»Er ist allein und ruhig!« sagt Kaidôh.
Aber der sechste Sternriese brüllt wie ein Donnerwetter:
Auch in jenem Jenseits,
Das wir hinter Licht und Schatten wissen,
Ist die grosse Welt kein Ruhekissen;
Das Unaufhörliche kann nie vollendet sein.
Durch Schlaf und Tod gehts nur zu neuer Lebenspein
– Aber auch zu neuer Lebenslust –
Kaidôh hebt die Arme ganz hoch, dass sich seine Hände hoch überm Kopfe beinahe berühren.
Er wartet auf einen Augenblick, der gewaltiger ist als alle andern.
Die Sternriesen verblassen allmählich.
Die Bergnasen kommen noch näher.
Der siebente Sternriese spricht – mit abgewendeter Stimme:
Wo du auch hinüberfliehst,
Niemals kommst du an das letzte Ziel;
Preise jede Welt und auch die Sterne.
Alles, was du hier so siehst,
Ist ja nur ein feines Lichterspiel,
Eine grosse Wunderweltlaterne.
Und Kaidôh fühlt, während die Bergnasen immer näher und näher kommen – auf seinen Fingerspitzen und auf seiner Kopfhaut einen scharfen Druck.
Und er fühlt Boden unter seinen Füssen.
Rauschende Lichtfülle bricht hernieder und macht die Bergnasen und die Schluchten ganz hell – so hell, wie's tausend Sonnen kaum vermögen. Kaidôh ist nicht geblendet: er sieht seine Welt in einem neuen Licht.
Die Bergnasen sind keine Gletscher mehr, es sind bunte Fliesenterrassen mit bunten Wasserfällen und bunten Springbrunnen, mit Blumenhecken und spiegelnden Teichen, mit Turmkanten, Galerien, Säulenhallen und blanken Treppen.
Ein glänzendes Fliesenreich!
Da sind keine Häuser, die Kaidôh nicht mag, da sie an schwerfällige Schnecken und Schildkröten erinnern.
Und doch bildet das Ganze ein grosses Bauwerk mit sieben Terrassennasen und mit sieben Terrassenschluchten.
Und Kaidôh jauchtzt.
Diese Welt ist einfach.
Mit dieser einfachen, glänzenden Terrassenwelt kann er sich verbinden – mit all den bunten Fliesen, die so einfach sind, kann er Eines werden. Und er wirft den Kopf ins Genick – das geht langsam nur – doch es geht.
Die Sternriesen sind unsichtbar.
Der Himmel ist dunkelblau und so voll leuchtender Strahlenglut – wie ein ewiges Rauschdach.
Und Kaidôh sieht oben aus seinen Fingerspitzen weisse Flammen herausflackern.
Und er fühlt, dass seine Hände brennen.
Und er jauchzt.
Er fühlt seine Hände nicht mehr – er fühlt Fliesenterrassen.
Und seine Arme brennen.
Und es brennt seine Stirn – und er sieht nicht mehr mit seinen alten, grossen Augen.
Unter seinen Füssen fühlt der brennende Kaidôh Eiseskälte – das Rubinmeer ist gefroren.
Weisse Flammen lodern um Kaidôhs ganzen Leib.
Aber nun beginnt ein neues Sehen und ein neues Fühlen für den grossen, lodernden Kaidôh – er sieht mit Fliesenaugen in die hohe Welt – und er fühlt mit den sieben Terrassennasen.
Während sein Riesenleib in hell blitzenden weissen Lichtflammen verbrennt, verbindet er sich mit den sieben Terrassennasen und mit den sieben Terrassenschluchten.
Und er schaut anders in die hohe Welt – als ein buntes, einfaches Fliesenrad.
Und die Eiseskälte unter seinen Füssen zerfliesst – er geht ganz auf in dieser vereinfachten Welt.
Die Bergnasen mit den Schluchten erwachen zu einem neuen Leben – und ihnen ist so, als hätten sie lange geträumt.
Und das ganze Rad dreht sich und funkelt – und schwankt nun mit den sieben Sternriesen zusammen hin und her – hin und her – hin und her.
Das ganze Rad dreht sich und funkelt.
Die Sternriesen drehen sich langsam mit und funkeln auch.
Und das Rad schwankt mit den sieben Sternriesen zusammen hin und her und schwebt dann so weit hinüber in die Nacht hinein, dass die ganze lichtrauschende Weltblüte bald so klein erscheint – –.
- Ende -
Die große Revolution
Inhaltsverzeichnis
Auf dem Monde wars Nacht.
Und die dicke Luft war ganz still.
Und die Goldkäfer saßen auf den dunklen Moosfeldern und leuchteten - so wie die Sterne am schwarzen Himmel leuchteten.
Von der Erde war nur ein Viertel als Halbkreis zu sehen.
Und fünf Mondmänner schwebten über den Moosfeldern und leuchteten auch - aber so wie Kugeln von Phosphor.
Und der Mondmann, der voranflog, wurde plötzlich so rot wie eine feurige Kohle, und da flogen die vier anderen Mondmänner an seine Seite und wurden ganz allmählich ebenfalls so rot.
Durch dieses Rotwerden sagten sich die Mondleute, daß sie bereit wären, miteinander zu sprechen.
Und der Mondmann, der zuerst rot wurde, sprach jetzt langsam und nachdenklich:
»Der Stern, mit dem wir leben, unser guter Mond, will ein großes Auge haben - und wenns möglich wäre - schließlich ein großes Auge sein - bloß noch ein einziges Auge sein - ganz Auge sein.«
Die Mondleute hatten, wenn sie in der Luft schwebten, unten Kugelgestalt, und aus der ragte oben ein kleiner Brustrumpf mit einem Rübenkopf und zwei Armen heraus.
Und mit den siebenfingrigen Händen, die unten an den Armen hingen, klatschte jetzt jeder der fünf Mondmänner auf seinen Ballonbauch, daß es dumpf dröhnte - wie von Pauken.
Mit diesen Tönen tat die Mondbevölkerung ihr Wohlbehagen und ihre Heiterkeit kund.
Rasibéff, der Mondmann, der seiner feurigen Gesinnung wegen seit Jahrhunderten bekannt war, rief nun hell in die Nachtluft:
»Was der große Mafikâsu soeben gesagt hat- das gibt unserm Streben das Rückgrat. Wir wollen, was unser Stern will. Und wenn unser Wille der Wille unsres Sterns ist, so muß dieser Wille alle Mondvölker mitreißen - und wir müssen in unserm Monde ein Fernrohr bauen, wies der Mond nicht größer haben kann - ein Fernrohr von der Größe des Monddurchmessers.«
Wenn die Mondleute ihren Rumpf vorbeugten und über ihren Ballonbauch rüber nach unten blickten, so kam ihnen das Bild der dunklen Mondoberfläche fast ebenso wie das Bild des Himmels mit den Sternen vor, da die Goldkäfer unten auch so still leuchteten wie oben die großen Weltgestalten im unendlichen Raum.
Die fünf Mondmänner beugten sich jetzt sämtlich vorne über und flogen danach viel schneller als bisher mit dem Rübenkopfe voran dem nächsten Krater zu.
Die Rübenköpfe hatten oben einen Kranz von Fühlhörnern, die sich beim Fliegen nach allen Richtungen vorreckten und dadurch kronenartig wirkten; die Fühlhörner witterten wie feine Geruchsorgane alle Dinge, an denen man sich stoßen kann.
Da sprach Zikáll, der Mann der Wissenschaft:
»Jedenfalls bezweifle ich, daß der Mond seinen Willen mit unsrer Beihilfe durchsetzen möchte. Wenn der Mond wirklich auf der anderen Seite ein Organ haben will, das unsrem Auge entspricht, so braucht er dazu nicht die Beihilfe der kleinen Mondleute. Wissenschaftlich nicht zu begründende Aussprüche wie die vom Mondauge sollten bei der Agitation nicht gebraucht werden. Wenn wir sagen, daß wir ein großes Fernrohr haben wollen, dessen Länge die des Monddurchmessers erreichen soll, so haben wir damit nach meiner Meinung genug gesagt. Die großen Worte haben immer einen kleinen Spaßgehalt in sich. Die großen Worte sind der Tatenlust zuwider.«
Die Sterne des Himmels funkelten jetzt, und die beiden hellblauen Augen des großen Mafikâsu, der zuerst gesprochen hatte, funkelten ebenfalls, und er sagte nun, während er langsamer flog:
»Jedenfalls freue ich mich, daß der große Zikáll die Herstellung des großen Fernrohrs, das so lang wie der Monddurchmesser werden soll, nicht für eine Unmöglichkeit erklärt. Und da Zikáll nicht will, daß ich das Wort Mondauge gebrauche, so will ich das Wort vermeiden, obschon ich doch bemerken muß, daß die Sterne öfters grade die kleinsten Lebewesen zur Durchführung ihrer großen astralen Absichten benutzen.« Hierauf sagte der Zikáll sehr rasch:
»Es fragt sich übrigens, ob unser Stern, der Mond selber, durch das große Fernrohr sieht - wenn wir, die Mondmänner, da durchsehen.«
»Das«, versetzte Mafikâsu, »fragt sich wohl. Aber wir wollen nicht vergessen, daß wir das große Fernrohr nur dann durchdringen werden, wenns unserm Monde nicht unbequem ist. Wir wollen nicht den Respekt vor dem Ganzen vergessen.«
Nach diesen Worten hatten die fünf den Krater, dem sie zuflogen, erreicht und ließen sich nun oben am Rande des Kraters auf fünf freien Natursäulen nieder; die Mondmänner setzten sich auf die Säulen, indem sie ihren Ballonbauch zusammenzogen und daraus eine Art Raupenfuß machten; die dicke gummiartige Hautmasse des Bauches umschloß muskulös den ganzen Kopf der Säule, so daß das Sitzen recht bequem war und auch so aussah.
Die Mondmänner glühten immer noch wie rote Kohlen, nur die Rübenköpfe und die Hände phosphorescierten silberartig, und die zehn Augen flimmerten in hellblauen Farbtönen.
Nun ergriff der weitsichtige Loso das Wort:
»Ja!« rief er, »wir verstehen den großen Mafikâsu vollkommen. Alles geht gegen die Erdbeobachtung. Die Mondleute, die das große Fernrohr haben wollen, haben eine große Abneigung gegen den Stern, der uns am nächsten steht - gegen die große Erde. Wir sollen gezwungen werden, die Erdbeobachtung aufzugeben. Wir sollen uns fürderhin nur noch mit den weiterab befindlichen Sternen - mit dem entfernteren Weltenraume - beschäftigen. Das ist es, worauf alles hinausläuft.«
In der Ebene, die sich unten vor dem Krater weit ausdehnte - da glitzerten jetzt die Goldkäfer - und oben am Himmel glitzerten die goldenen Sterne; die Luft machte die Lichteffekte oft anders.
Der heftige Rasibéff, der immer röter wurde als alle anderen, sagte leise:
»Loso dürfte nicht so ganz unrecht haben.«
Der weitsichtige Loso sprach noch einmal - sehr eindringlich - also:
»Auf der Mondseite, die stets der Erde zugekehrt ist, haben wir heute im ganzen ungefähr zehntausend Fernrohre. Unsre Krater haben sich doch recht brauchbar gezeigt; wenn auch die Beweglichkeit des einzelnen Rohres nicht allzu groß ist, so ergänzen sich doch die verschiedenen Krater untereinander so gut, daß wir zufrieden sein können. Jedes Fernrohr sitzt in seinem Krater so naturgemäß drinnen, daß es uns beinahe schon unnatürlich erscheint, wenn wir einen Krater erblicken, in dem sich kein Fernrohr befindet - obschon wir wissen, daß auf zehn Krater nur einer mit Fernrohr kommt, während neun noch ohne Fernrohr sind. Wenn wir nun die Absicht hätten, unsre sämtlichen Krater mit Fernrohren zu versehen, so würde ich diese Absicht nur loben, denn die Arbeit, die uns dadurch aufgebürdet wäre, müßten wir für klein ansehen gegen die Arbeit, die uns das große Fernrohr, das Monddurchmesserlänge haben soll, verursacht. Unsre Fabrikleiter sprechen da doch von einer Arbeit, die Jahrhunderte in Anspruch nehmen könnte. Demnach sage ich klar und deutlich: Lieber neunzigtausend großartige Kraterfernrohre als das eine einzige Riesenteleskop mit einer Monddurchmesserlänge! Das ist meine Meinung! Und von der werde ich vorläufig nicht abgehen!«
Uber die Ebene schwebten jetzt große Scharen silbern phosphorescierender Mondleute vorüber, die verglichen mit den Goldkäfern in der Tiefe Silberkäfern nicht unähnlich sahen. Wie silberne Sterne zogen die Mondleute in der Ferne vorüber; runde Ballonbäuche hatten alle Mondleute ohne Ausnahme - und auch alle Mondkäfer.
Zikáll, der Mann der Wissenschaft, sagte leise:
»Was mehr Arbeit machen würde - das eine große oder neunzigtausend kleine Teleskope - das dürfte wohl schwer zu entscheiden sein. Es käme doch nebenbei noch darauf an, welche Größe die kleinen Teleskope erreichen sollen. Wir haben in den letzten Jahrhunderten jedes neue Fernrohr immer ein wenig größer gebaut als das vordem fertiggestellte; wenn wir also die Größe bei den neuen neunzigtausend so weiter steigern, so könnte das letzte vielleicht viel größer werden als das eine große, das die Länge des Monddurchmessers doch nicht überragen darf.« Jetzt lachte Rasibéff.
Und die anderen lachten ebenfalls.



