Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)

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Die spitzen Zungen sind weiss wie weisser Sammet und übersäet von vielkantigen dunkelrot glühenden Granaten; das Weisse herrscht aber wie Schnee leuchtend vor – so viele Granaten sinds nicht.
Neben den Zungen ist tiefschwarze Nacht ohne Stern.
Ein siebenzackiger Tortenstern liegt unter Liwûna und Kaidôh.
Von den Glastürmen sind nur die Kappen der balkenförmigen kleineren Türme zu sehen – die sprühen aber ihr buntes Licht in Scheinwerfern durch das Wolkenreich, sodass das auch zuweilen ganz bunt wird – bunter als alles Andre.
Der Wolkenring wechselt jetzt immerzu die Farbe – öfters ist er schwarz und weiss gestreift.
Auf den Spitzen der sieben weissen Schnabelzacken sitzen wie feine hohe Federsträusse blutrote Kometenschweife.
Durch die hochaufragenden weissen Schnabelzungen mit den weit hinaus ins Weltall steigenden Blutkometen erhält das ganze Tempeldächerreich von oben gesehen die Form einer seltsamen Himmelsblüte.
»Du hast wohl schon,« sagt Liwûna, »ganz und gar vergessen, dass du das Gewaltigste suchtest – nicht so, Kaidôh? Du wolltest dich mal mit dem Unnennbaren, der alles ist, vereinen. Das liegt nun hinter dir, nicht wahr? Du musst nicht so masslos in deiner Gier sein. Verbinde dich doch mit dieser Himmelsblüte!«
Kaidôh sieht die Tempeldächer noch lange an, lässt das Gold und das Silber, das Blau und Grün, die Würfel, Perlen, Pyramiden, Kometen, Granaten und die Wolken mit den bunten Glaslichtern so recht fest in seinen Augen wirken und erwidert dann langsam:
»Diese Himmelsblüte ist ein grosses Glanzwunder – aber sie umschliesst nicht alles. Sie zeigt die Mannigfaltigkeit der Welt in sehr stark vereinfachter Form mit vereinfachtem Farbenspiel; durch Regelmässigkeit ist alles vereinfacht.«
»Die Welt ist,« spricht da hart die grosse Liwûna, »so entsetzlich grossartig, dass sie selbst von Sternriesen nur in einem vereinfachten Sinnbilde zu erfassen ist. Bedenke nur, was schon alles aus der blossen Vermischung von Farben und Formen entsteht.«
»Ich empfinde,« fährt nun Kaidôh fort, »diese Tempeldächer als Bestandteile von Häusern. Und alles Hausartige hat für mich etwas Schneckenartiges. Dass selbst Sternriesen noch des Hauses bedürfen, verkleinert sie in meinen Augen um ein ganz Beträchtliches. Ich liebe es – ganz frei im All zu sein – ohne beengende Kräfte, die uns doch bloss die Aussicht ins All – ins Ganze – versperrt. Ich will nun mal im Ganzen aufgehen – und nicht in neuen Kapseln. Und daher fürchte ich, dass ich selbst dann, wenn ich mich mit dieser Himmelsblüte unlöslich für ewig verbunden hätte, genau dieselbe Sehnsucht haben könnte – wie bisher.« Nach diesen Worten ist es still im weiten All.
Dann aber hört Kaidôh ein donnerndes Lachen neben sich.
Und er fragt verwundert: »Kann Liwûna lachen?«
Doch das Lachen tönt so laut, dass seine Worte von dem Lachen verschluckt werden.
Und während des fortwährenden Lachens neben sich wird die Himmelsblüte kleiner und kleiner – ziemlich rasch.
Kaidôh steigt noch schneller empor.
Ihm ist dabei so, als drückten tausend Bleiwelten auf seinen breiten Rücken.
Und bald ist die Himmelsblüte nur noch ein bunter funkelnder Lichtpunkt, der sich allerdings sehr scharf von den andern weissen Sternen, die schmale ovale Form haben, unterscheidet.
Das Gelächter verhallt nach allen Seiten – geht unter in fernen Echos – die so bellen – wie Hunde bellen.
»Ist das deine Sehnsucht, die da so bellt?«
Also fragt neben Kaidôh eine spitze Stimme, er sieht aber seine Liwûna nicht neben sich und fragt traurig:
»Ist Liwûna fort?«
Und er hört die spitze Stimme sagen:
»Die Liwûna ist doch deine Sehnsucht«.
Gleichzeitig merkt er einen Druck oben auf dem Kopf – und er fliegt mit dem Kopfe vorn gradaus wie eine Lanze.
So blitzschnell gehts, dass ihm viele Kopfhaare ausgerissen werden.
Die schmalen ovalen Sterne, die so weiss sind wie weisse Greisenhaare, fliegen klingend rechts und links an dem grossen Kaidôh vorbei – wie Schneeflocken im Sturm.
Und er kommt in ein andres Reich, in dem ganz andre Weltgebilde leben.
Die Luft ist da heiss und flimmert – als flatterten überall kleine weisse Flügel.
Die Helligkeit der ganzen Gegend nimmt immerfort ab und zu – ab und zu – als flackerten grosse Lichter kurz vorm Erlöschen noch einmal mit aller Wildheit rauf und runter – rauf und runter.
Es lebten in der heissen Luft lauter geflügelte Drachen mit weiss glühenden Lichtleibern. Die Drachen schwebten nur so schnell dahin – wie weisse Glanzlichter auf Wasserwellen. Die weissen Flügel zitterten und die weissen Lichtleiber ebenfalls – und zwar so heftig, als befänden sich die Lichtdrachen in zuckenden Lichtkrämpfen.
Ohn Unterlass ging ein zitterndes Wetterleuchten durch die heisse Luft. Zuweilen sahs aus, als bestünden die Tiere nur aus weissen Nordlichtern; weissglühende Strahlensplitter flogen wie Pfeile hin und her.
Zuweilen spannten sich zackige Regenbogen aus Gelb und Olivgrün durch die ganze Himmelsgegend; die vergingen immer wieder so schnell – wie sie vorkamen.
Und alle diese fabelhaften Gestalten, deren Formen sich fortwährend veränderten, hatten nichts Körperhaftes, denn sie gingen alle blitzschnell durch einander durch, ohne sich zu schaden – als wären die weissen Lichtgestalten nur Schattengeister.
Und Kaidôh sauste – immer mit dem Kopfe voran – durch diese zuckende Glanzwelt durch und kam in eine Feuerwelt hinein.
Da loderten tausend rote, blaue und grüne Flammen knisternd, knackend und knallend nach rechts und nach links. Und die bunten Funken stoben empor und wirbelten mit rasenden Feuerstürmen in Kaidôhs Gesicht, dass der zusammenschrak.
Ein blauer Funkenpolyp tanzte wie ein Hampelmann dem grossen Kaidôh voran, als wenn er ihm den Weg durch das Flammenreich weisen wollte. Der blaue Funkenpolyp sprach in knirschenden Lauten, während ihm immer mehr blaue, Funken sprühende Glieder aus Brust und Hinterkopf herauswuchsen:
»Fürchte dich nicht, mein tapfrer Kaidôh? Ich bin deine tapfre Liwûna und führe dich! Ich bin ja immer dein Führer gewesen. Gefällt es dir hier? Ist dir diese Feuerwelt masslos genug? Du bist ja immer die verkörperte Masslosigkeit gewesen – demzufolge musst du dich doch hier wie zu Hause fühlen.«
Und der Funkenpolyp platzte knisternd auseinander und ging auf in der Flammenwelt.
Doch die Flammen wurden plötzlich alle blau.
Und Liwûna rief:
»Siehst du nicht, dass ich jetzt grösser geworden bin? Ich bin jetzt eine blaue Feuerwolke.«
Und die Feuerwolke ballte sich zusammen und erhielt die Form eines Igels; die blauen Stachel waren Stichflammen.
Die Flammenstachel leuchteten wie brennender Schwefel.
Der Igel sagte:
»Jetzt bin ich aufgegangen in dieser Feuerwelt. Das ist so gut wie ein Tod und eine Auferstehung. Das ist ein Beitrag zur Geschichte vom seligen Ende. Es kommt immer noch was nach. Man vereint sich nicht so ohne weiteres mit dem grossen Ganzen; man vereint sich immer bloss mit dem Grösseren und wird dann was Andres. So bin ich jetzt ein blauer Feuerigel geworden. So kann sich deine Sehnsucht verwandeln, die mal vor langer, langer Zeit einem Weibe nicht ganz unähnlich sah. Und deine Sehnsucht wird sich noch recht oft verwandeln. Und jedes weitere Ende wird auch gleich wieder ein seliger Anfang sein. Es ist eben alles endlos in der endlosen Welt – auch die Anzahl der Verwandlungsgeschichten, in denen sich das ganze Leben offenbart. Wie also sollte es eine endgültige Vereinigung mit dem All geben? Es giebt eben unendlich viele Vereinigungen mit immer grösseren Stücken vom All. Die Stücke werden aber nicht einmal die Unendlichkeit ausfüllen – in der giebts schon kein Ende. Entschuldige, dass ich beim Reden auch kein Ende finden konnte.«
Mit diesen Worten sank der blaue Feuerigel, während seine blauen Flammenstachel glitzerten wie lachende Email-Gesichter, in die Tiefe.
Und Kaidôh flog, als wäre durch den Fall ein luftleeres Weltloch geschaffen, so schnell mit dem Kopfe gradaus und im Bogen hinunter, dass ihm Hören und Sehen verging und er zu sterben vermeinte.
Er aber war bloss in eine märchenhafte Gaswelt geraten und kam gar bald wieder zu sich.
Er hatte jedoch die Empfindung, in der Gaswelt auf dem Kopfe zu stehen oder mit dem Kopfe vorn runterzufallen; begreiflicher Weise fühlte er sich dadurch sehr beunruhigt.
Er versuchte, die Arme, die immer noch steif an seinen beiden Körperseiten hafteten, abzuschieben; seine beiden Fäuste waren noch immer fest zusammengeballt.
Das Abschieben der Arme schien allmählich zu gelingen.
Unzählige bunt schillernde Blasen flogen um Kaidôhs Kopf, und die Form der Blasen veränderte sich unablässig; bald waren sie schlauchartig, bald kantig, bald becherförmig und bald wie Fliederblüten.
Kaidôh konnte den ewigen Verwandlungen nicht mehr folgen.
Die Gasmassen gingen immer durch einander durch, ohne dass ihre Art dabei beeinflusst wurde.
Kaidôh sagte: »Das sind wohl gar keine Gasmassen.«
Oft schossen alle diese Welten in einen helleren Mittelpunkt und bildeten da ein funkelndes Kaleidoskop, das dann plötzlich wieder mit dumpfem Gepuff auseinanderflog.
Und unzählige Kometen, die aus festeren Luftstoffen zu bestehen schienen, schwirrten ausserdem noch überall durch.
Die Kometenschweife waren häufig so lang, dass sie die ganze Gegend als Glanzstriche durchquerten.
Ein paar sehr heftige Kometen drehten sich so rasch um sich selbst, dass sie währenddem grossen Lichtscheiten glichen und für Augenblicke alle Aussicht versperrten.
Und Kaidôh flog kopfüber durch alle diese Welten durch und glaubte, in einen endlosen Abgrund gestürzt zu sein; es gab gar kein Halten.
Da dringt ein Flüstern an sein Ohr, und er hört wieder die Liwûna sagen:
»Jetzt bin ich eine geflügelte Eidechse und durchsichtig wie reines Wasser.«
Und er sieht die Eidechse vor sich – durchsichtig ist sie wie Wasser – ihre Flügel aber sind so fein und zart, dass sie nur so wie Schatten hin- und herpendeln – wie ganz hellgraue Schatten.
Und die Liwûna sagt leise, während sie mit einem ihrer kühlen Molchfinger Kaidôhs Ohr berührt:
»Sieh da drüben das grosse Heer von himbeerroten Gasbällen – die sind drollig! Die werden dir was erzählen. Höre nur zu. Du wirst sie verstehen!«
Und Kaidôh hört, wie sie ganz deutlich im Chore sagen, während kleinere himbeerrote Bälle aus ihren Vulkanen herausspringen:
»Wir lassen immerfort neue Weltbälle entstehen. Aber untergehen thun die nicht. Sie verwandeln sich wohl – das bringt sie aber nicht um. Der Tod ist uns gänzlich unbekannt. Wir müssen uns sehr wundern, dass die Artveränderung in anderen Weltwinkeln durch das sogenannte Sterben vor sich geht. Wir kennen so was gar nicht. Und daher haben wir auch nicht die geringste Sehnsucht nach einer Auflösung. Die Veränderung unsres Wesens geht ja immerzu vor sich – sogar ohne unser Zuthun. Das Erzeugen neuer Weltgestalten ist uns schrecklich geläufig – aber das Vernichten und Vernichtetwerden wird uns wohl für alle Zukunft ein Rätsel bleiben. Es schadet das nicht. Es giebt ja so viele Rätsel.«
»Da hörst du es!« ruft die Eidechse vor Kaidôhs Augen.
Die himbeerroten Gasbälle, aus denen fortdauernd kleinere Gasbälle vorspringen, rollen puffend und piepsend an Kaidôh vorüber; und eine Kometenjagd schiesst ihnen nach. Die Kometen ähneln schaumartigen Silberkronen und sausen bald so schnell dahin, dass Kaidôh schliesslich den ganzen Himmel nur mit dickeren und dünneren Silberstreifen durchzogen sieht.
Liwûnas Eidechsenleib reckt sich und schrumpft zusammen – ihre Flügel sind bei dem scharfen Silberlicht unsichtbar geworden.
Die Kometen sind jedoch nach kurzer Frist verschwunden, und Kaidôh stürzt weiter kopfüber in einen riesigen Trichter, dessen Wanderungen aus ungezählten krallenartigen Gaspolypen bestehen – das sind unheimliche krötenbunte Sternwelten mit sehr vielen Radaugen, deren Speichen wie Phosphorquellen gleissen.
Kaidôh stürzt immer mit dem Kopfe voran nach unten und sieht, dass lange, zappelnde Polypenarme ihn umhalsen, und fühlt sich um sich selbst gedreht, grässlich rasch, und glaubt wieder, seine Todesstunde sei gekommen.
Und er will noch sehen, und er will noch hören.
Er sieht aber nur, dass alle diese Gaswelten mit den krötenbunten, zappelnden Krallen auf ihn eindringen, dass er glaubt, ersticken zu müssen. Und er hört in seinen Ohren eine fremde Stimme – die tönt wie lauter kleine Silberglocken:
»Leben heisst: vorhersterben. Sterben heisst: vorherleben.«
»Was vorherleben?« fragt Kaidôh.
»Das nächste!« tönt es wider.
Kaidôh denkt, ein Ungeheuer naht.
Er sieht was auf seiner Nase – ein dickes, schwarzes Tier ist es – mit zwei langen durchsichtigen Hörnern.
Das Tier sagt:
»Ich bin Liwûna! Und ich werde dich wieder in die richtige Lage bringen. Ich kann mich auch in kleinere Weltstücke verwandeln. Ich kann alles. Erkennst du nun, wie vielgestaltig deine Sehnsucht ist? Deine Sehnsucht ist wirklich nicht in einem fort sehr gross. Bilde dir das nicht ein. Ich werde nun zur Dampfwolke werden. Pass auf!«
Und Kaidôh sieht und fühlt plötzlich lauter heissen, weissen Dampf um sich. Er bemerkt, dass seine Fäuste schon weitab von seinen Körperseiten sind.
Und er nimmt wahr, dass seine Beine mit grosser Schnelligkeit durch die Welt fliegen, während sein Kopf stille steht.
Und der grosse Kaidôh hat die Empfindung, seinen Kopf wieder oben zu haben.
Und da sieht er ganz vergnügt in die Dampfwolken, die auf und abwirbeln – und Liwûna sind – was ihm unbegreiflich zu sein scheint.
»Sollte meine Sehnsucht ebenfalls unbegreiflich sein?«
Also fragt er sich selbst.
Und er hört aus den Wolken ein tausendstimmiges 'Ja!' erschallen.
»Das klingt ja so,« ruft er nun erstaunt, »als wenn Liwûna aus unzähligen Wesen bestände. Ist meine Liwûna in der Mehrzahl da?«
Und wiederum tönt ihm das tausendstimmige 'Ja!' um die Ohren.
»Was ist verständlich in dieser Welt?«
Also fragte flüsternd Kaidôh – der Riese. Und es wurde so kalt in dem weissen, heissen Dampf, und er sagte zusammenschauernd:
»Nur Narren denken über alles nach.«
Er wollte nicht mehr nachdenken.
Die Dampfwolken verzogen sich langsam, und ein gelbes, grelles Licht drang körperhaft wie Wasser von allen Seiten rieselnd auf ihn ein.
Und er fühlte wieder wohlthuende Wärme. Weiche Tropfen betupften seine Haut, sodass er wieder staunte – denn er hatte lange nicht so deutlich seine Haut empfunden.
»Du bist mitten in einer grossen Gassonne.«
So rief ihm zischend wieder mal eine Stimme zu, die er einmal gehört hatte.
Und er sah einen Schlangenkopf vor sich – der sprach kalt und lachend:
»Liwûna ist zur Knotenschlange geworden.«
Und er fühlte, wie ihr hellgrüner, ungeheurer Schlangenleib mit den vielen Knoten sich um alle seine Glieder wand und nur die Arme und den Kopf freiliess.
In Liwûnas hellgrünem Schlangengesicht war die Schlangenhaut so fein, dass Kaidôh die schwarzen Adern deutlich unter der Haut sehen konnte; er sah in den Adern das schwarze Blut dahinströmen wie wilde Wasserfälle; er unterschied sogar weisse Schaummassen in den schwarzen Fluten. Die Schlange sagte ruhig:
»Du hast gehört und hast gesehen, dass ich in sehr vielen Gestalten dir erscheinen kann. Ich kann dir in unendlich vielen Gestalten erscheinen. Wenn deine Liwûna das schon kann, denkst du da, dass grosse Sterne das nicht auch können? O ja – sie können das. Jedes Stück Welt erscheint anderen Sinnen anders. Da das Erscheinen aber ein Sein ist, so ist jedes Stück Welt auch immer wieder etwas andres, in jedem Augenblick – zu gleicher Zeit das Eine und auch alles Andre – alles, was es scheinen oder sein kann – ist es auch immer. Und was vom Stück gilt, wird wohl vom Ganzen erst recht gelten. Auch der Allgeist ist nur in unendlich grosser Mehrzahl zu denken. Und mit einem so unbegreiflich grossen Geiste willst du dich vereinen? Weisst du, wie dein massloser Wunsch zu behandeln ist? Ich dächte, Du könntest dir die Frage selber beantworten.«
Kaidôh sah, dass Liwûnas Schlangengesicht immer wilder blickte, ihre zwei grossen Augen wurden ganz weiss und traten weit vor. Die schwarzen Adern schwollen heftig an. Und der Riese Kaidôh hatte ein Gefühl, als würde ihm der ganze Rumpf durch den Schlangenleib vom Kopf getrennt – er fühlte seinen Rumpf nicht mehr – und glaubte, nur noch Kopf zu sein und weiter nichts.
Und ihm gingen die Gedanken ganz und gar durcheinander, und es befiel ihn plötzlich eine zuckende Angst – Angst vor dem Wahnsinn.
Und er rief laut:
»Liwûna! Liwûna! Ich will nicht mehr das Ganze. Es ist zu gross. Es ist zu viel. Ich will nur einen Teil – nur ein Stück von der Welt. Ich will nicht mehr das Gewaltigste.«
»Was willst du also?« fragte die Liwûna rauh.
»Ich will,« erwiderte der Kaidôh scheu, »eine vereinfachte Welt. Und mit der will ich zusammen eins werden.«
Und Kaidôh fühlte wieder seinen Rumpf unter sich – aber seine Fäuste schienen ihm noch weiter entfernt zu sein – seine Arme standen steif im rechten Winkel zum Körper.
»Eine einfache, gewaltige Stunde!«
Also schrie Kaidôh in grässlicher Angst.
Und die Kartenschlange verschwand.
Alles wurde dunkel.
»Ich will sterben,« flüsterte der grosse Riese, »denn das Leben ist zu schwer zu ertragen. Der rasende Wirrwarr ist zu gross. Man verliert zu oft den Kopf, und alles wird sinnlos. Und ich sehne mich doch nur nach der gewaltigen Stunde – und die finde ich doch nur – wenn ich sterbe.«
Seine letzten beiden Worte klangen dumpf hallend durch die Finsternis, und ferne Echos riefen höhnisch zurück:
»Ich sterbe! Ich sterbe!«
Und er fliegt lange dahin, ohne jeden Gedanken – in der Finsternis.
Dann aber fühlt er, dass er nur mit Mühe weiter kann. Er muss stehen bleiben.
Er versucht, die Fäuste aufzumachen und die Finger auszuspreizen, als wenn er Halt suchen möchte – da er ja keinen Boden unter den Füssen fühlt.
Und er kann die Fäuste aufmachen; es geht so ganz allmählich.
Und ihm ist so, als hänge er in der Finsternis.
Und er weiss nicht, wo er ist.
»Ich wusste,« sagt er, »allerdings niemals, wo ich war. Das weiss ja keiner. Daran muss man sich gewöhnen.«
Winde pfeifen um seine Ohren.
Und bald braust ein Sturm heulend durch die finstre Welt.
Es dröhnt in der Ferne, als würden gewaltige Schlachten geschlagen, und es knattert, als platzten grosse Granitsterne entzwei. Und dazu pfeift es gellend in keifenden, hohen Tönen. Und es knallt und faucht und stöhnt und rasselt. Und es knistert, als flögen brennende Funken durchs All. Und dann bricht was Grosses zusammen, dass Milliarden Scheiben durcheinander splittern.
Und bei alledem ist es stockfinster.
Und dem Kaidôh wird das Sturmgetöse unerträglich, er ruft weich:
»Liwûna! Das ist zu viel. Mach den Sturm einfacher! Mach ihn zur Musik mit Melodien, denen ich folgen kann.«
Und der Sturm wird zur Musik mit langen, weichen Tönen.
Unzählige Geigen erklingen und wiegen sich und schaukeln sich und schwirren, und die Töne dehnen sich aus und schwellen an und jubeln auf und klagen und summen und ziehen wieder hinaus in die Ferne in langen Zügen – in die Unendlichkeit hinein.
Und Kaidôh wird von so vielen Empfindungen bestürmt, dass er sie nicht auseinanderhalten kann, und unter dem Wirrwarr der Empfindungen ebenso leidet wie unter dem rasenden Sturmgepolter.
Der grosse Riese glaubt, die Musik wolle die Unendlichkeit auflösen, er aber kann alles Unendliche nicht mehr ertragen. Er flüstert wieder wie zu sich selbst: »Auch das ist zu schwer für mich!«
Und dann sagt er, wie die Geigenwinde immer weiter anschwellen und ihn immer weiter fortzuziehen suchen: »Liwûna, gieb Worte dazu!«
In der dunklen Ferne sieht er einen langen, dünnen Stab – gebildet aus lauter blutroten Rubinen – auf-und niedersteigen – auf- und niedersteigen – wie ein Taktstock.
»Das ist ein Scepter!« hört er die Liwûna neben sich sagen.
Er wundert sich nicht, dass sie das neben ihm sagt, während doch das Scepter so weit weg ist. Er will nur noch Worte hören.
Und er hört Worte.
Viele Männerstimmen singen.
Das Erste versteht er nicht – es ist ein vielstimmiger Gesang – und sehr gedämpft ist er.
Wie sie aber lauter singen, versteht er – diese Verse:
Wir mussten neulich so furchtbar lachen:
Ein Alter sprach so voll Herzeleid;
Er wollte die herrlichsten Verse machen
Zum Lobe der tiefen Unendlichkeit.
Ihm aber gelang nicht das kleinste Gedicht,
Und dazu schnitt er noch ein Gesicht,
Als wenn die Unendlichkeit böse wär.
Ach Alter, wo kamst du eigentlich her?
Mach dir doch nicht das Leben so schwer.
Was machst du bloss für Sachen?
Man muss ja so furchtbar lachen.
Die Geigen summen weiter, doch die Töne schliessen sich nicht mehr zu Melodien zusammen.
Liwûna sagt:
»Du hörst nur Kopfnaturen in der Finsternis.«
Kaidôh denkt an die schlafenden Sternriesen und findet es seltsam, dass er selbst so lange ohne Schlaf durch die Welt schwebte. Er vergleicht das Sterben mit dem Einschlafen, wird aber durch ein Trompetengeschmetter aufgestört. Helle Hörnerklänge jubeln dazwischen. Die Geigen sind nicht mehr zu hören.
Mit einem Male wirds still, und tiefe Männerstimmen sprechen im Chor:
Diese ganze Welt ist nur sein Alltagsmantel,
Und wir alle sind nur schlechter Zwirn.
Tausend Echos hallen die Worte auf allen Seiten wider. Und es erklingen helle Glocken in einer lustigen Klimpermelodie. Dem Kaidôh kommt das Geklinge so bekannt vor. Tiefe Frauenstimmen singen dazu:
Du kannst die ganze Welt verstehen,
Wenn du vermagst, sie schweigend anzusehen.
Doch rufst du dabei mal: Ich habs!
So kriegst du einen derben Weltenklaps.
Kaidôh will lächeln, denn er sieht ja nichts.
Er bleibt finster.
Die Glocken verstummen.
Eine tiefe Bassstimme, die so knarrt, spricht vertraulich in Kaidôhs nächster Nähe:
Umfangreich sind die Weltengräber,
Aber wen verblüfft das noch?
Jeder schneidige Alldurchstreber
Findet unten doch ein Loch
In dem grossen Grabestrichter.
Es bleibt nach diesen Worten ein fernes Brummen, wie von Bienenschwärmen in der Finsternis, und Kaidôh denkt wieder an den Schlaf und möchte träumen. Und er träumt von weiten Wunderländern, die er noch nie gesehen hat, und ihm ist plötzlich so, als offenbare sich ihm plötzlich das ganze Allwesen, und es durchrauscht ihn; es wird ihm alles so klar – traumklar.
Da weckt den Träumer ein zwitscherndes Flötengedudel, und lachende Kinderstimmen singen zu den Flötentönen:
Gross ist das Weltensein!
Alles gehört hinein.
Gestern noch kam ein Kind,
Schrie wie ein wilder Wind,
Pries den ganzen Weltenlauf,
Blies sich dabei drollig auf,
That, als läge jede Note
Fein seciert auf seiner Pfote,
Und sprach von einem Wunderland,
Das allen Wesen unbekannt,
Als wärs fürwahr sein Vaterland.
Wir sagten: So – so – so!
Du bist recht zauberfroh!
Und das Jenseits war seine Mütze,
Das Bekannte nannte er Pfütze.
Kindchen, lass das Schreien bleiben,
Sonst wird dich ein Floh vertreiben.
Und die Flöten dudeln – und entfernen sich nach allen Richtungen. Es steckte eine Marschmelodie in den Versen.
»Köpfe können doch nicht marschieren!« sagt Kaidôh.
Er wagt es nicht, noch einmal zu träumen.
Tiefe Frauenstimmen sprechen im Chore:
Dunkel bleibt uns immer was.
Doch es giebt ein Träumen
Ueber allen Räumen.
Nachdem die Echos auch diese Worte lange nachgehallt haben, ist das Bienengebrumm abermals zu hören.
Es wird etwas heller.
Dumpfe Pauken dröhnen in der Ferne, und Trommeln rasseln wie Ketten,



